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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Zweiter Theil.

Achtzehntes Kapitel.

Koblenz – Ausflug nach dem Taunusgebirg. – Römerthurm im Thal von Ehrenbreitstein. – Für die Lust beim Reisen gilt jungen Menschen etwas Anderes, als Alten. – Der Heidelberger Student. – Seine Kritik der deutschen Literatur.

Wirklich hatte sich Gertrud während ihres Aufenthalts in Koblenz scheinbar erholt, und ein in der Stadt ansäßiger, französischer Arzt, der eine besondere, bereits mit nicht gewöhnlichem Glück in Anwendung gebrachte Heilart der Schwindsucht befolgte, sprach die Versicherung der endlichen Wiedergenesung gegen den Vater und Trevylyan mit sehr zuversichtlichem Ton aus. Die Zeit, die sie innerhalb der weißen Mauern von Koblenz zubrachten, war daher der glücklichste und heiterste Abschnitt ihrer Pilgerfahrt. Sie besuchten die verschiedenen Punkte der Umgegend; der Ausflug, welcher Gertrud die meiste Freude machte, ging nach den Bergen des Taunus.

Einen schönen Septembertag benützend, begaben sie sich auf das jenseitige Ufer und begannen ihre Tour von Thal Ehrenbreitstein aus. Einen Augenblick hielten sie noch in der Niederung an, um die Ueberbleibsel eines Römerthurms zu besichtigen; denn jene ganze Gegend trägt häufige Spuren von den alten Besiegern der Welt. Noch jetzt durchkreuzen das Taunusgebirg Straßen, welche von den Römern nach den Silberminen desselben geführt wurden. Häufig findet man an diesen Orten römische Urnen und Steine mit 6 Inschriften. Steine, mit gänzlich unbekannten Namen beschrieben: – ein Bild der Unsicherheit des Ruhms! – Urnen, aus welchen der Staub verschwunden ist: – ein Hohn auf das Leben!

Einsam, grau, verwittert ragt jener Thurm aus dem Thal empor, und der stille Vane lächelte, als er an der Stätte, die einst den Klang der Römerwaffen zurückgeworfen, die blaue Uniform eines modernen Preußen mit weißem Bandelier und erhobenem Bajonet bemerkte. Der Soldat machte für einige Minuten einem Landmädchen den Hof, deren Strohhut und Bauerkleid die Eitelkeit ihres Geschlechts keineswegs unterdrückt hatten. Diese ungeschlachten Elemente der Galanterie an einem solchen Ort gaben ihrerseits eine Moral weiter in der Geschichte der menschlichen Leidenschaften ab. Oben schauten die Mauern einer neuen Befestigung düster auf den öden Thurm herunter, wie in dem eiteln Uebermuth, womit gegenwärtige Macht auf vergangene Herrlichkeit, der Lebende auf die Größe der Vorfahren blickt. Und hier wirklich mit Recht! denn die neuere Zeit hat kein Gegenbild zu jener Entadelung der Menschenwürde, wie sie auf der alten Welt während der langen Herrschaft des »Weibes auf den sieben Hügeln« lastete, das in sich nichts als Sklaverei, für die Erde die höchste Tyrannei war und, wie jene Messalina, als Buhlerin und Herrscherin zugleich auftrat.

Sie zogen an den alten Bädern von Ems vorüber, und gelangten, die Ufer der romantischen Lahn verfolgend, nach Holzapfel.

»Ach,« rief eines Tages Gertrud, auf einen Abstecher zu den Quellen des karolingischen Wiesbadens, »Die Karolinger hatten hier eine Pfalz, worin schon Karl der Große sich manchmal aufgehalten,« bemerkt Schreiber, dessen ins Englische übersetztes Handbuch für Reisende am Rhein unser Verfasser bei seinen Bemerkungen über die Rheingegenden allenthalben zu Grund gelegt zu haben scheint. — Der Uebersetzer. »fortwährendes Reisen mit denen, welche wir lieben, müßte der seligste Zustand seyn! Hat die Heimath ihre Annehmlichkeit, so hat sie auch ihre Sorgen; hier 7 aber ist die Natur unser Haus, und die unbedeutenden Uebel verschwinden wieder, fast eh' sie uns recht zum Gefühl kommen.«

»Gewiß,« entgegnete Trevylyan, »wir entgehen jener Kleinlichkeit, die der Fluch unseres Lebens ist, den winzigen Sorgen, die uns aufzehren, den Plackereien des Tags. Wir nähren den göttlichsten Theil unserer Natur, den Trieb zur Bewunderung.«

»Von allem Ermüdendem« bemerkte Vane, »ist jedoch eine Folge von Abwechselungen das Ermüdendste. In der Mannigfaltigkeit selbst liegt eine Einförmigkeit. Wie das Aug' Schmerz empfindet, wenn es lang auf die neuen Gestalten eines Kaleidoskops blickt, leidet das Gemüth unter der Spannung eines fortwährenden Wechsels von Gegenständen, und mit Freude kehren wir zur Ruhe zurück, die für das Leben ist, was das Grün für den Boden.«

Während ihres Aufenthalts in den verschiedenen Taunusbädern kamen sie zufällig mit einem Studenten aus Heidelberg zusammen, der eine jener, bei seinem Stand so beliebten, Fußreisen machte. Geschlachter und sanfter als die große Herde dieser jungen Wanderer, zog er unsere Gesellschaft durch sein begeistertes Wesen sehr an, weil nichts Erkünsteltes darin lag. Er war in England gewesen und drückte sich in dessen Sprache fast mit der Geläufigkeit eines Eingebornen aus.

»Unsere Literatur,« bemerkte er eines Tags in einer Unterhaltung mit Vane, »hat zwei Fehler: sie ist zugleich zu verstiegen und zu sehr im gewöhnlichen Leben sich bewegend. Einerseits wenden wir uns nicht genug an den gemeinen Menschenverstand, und machen aus Fleisch und Blut abstrakte Begriffe. Unsere Kritiker haben Ihren Hamlet zu einer Idee umgewandelt; selbst Shakespearen wollen sie es nicht gestatten, Menschen zu schildern, sondern bestehen darauf, er verkörpere nur gewisse Vorstellungen. Sie machen die Poesie zu einer Metaphysik und die Wahrheit dünkt ihnen schal, wenn aus der Tiefe nicht irgend eine hineingelegte Symbolisation herausschimmert. Andrerseits verbinden wir mit unsern phantasiereichsten Werken eine 8 Hervorhebung des gemeinen Lebens, die uns rührend scheint, die aber in Wahrheit nur komisch ist. Wir fallen ewig vom Erhabenen ins Lächerliche; – es fehlt uns Geschmack.«

»Doch wohl nicht der französische Geschmack!« antwortete Trevylyan. »Nimmer dürfen Sie einen Göthe, ja nur einen Jean Paul, nach dem Maßstab eines Boileau beurtheilen.«

»Nein; Boileau's Geschmack war falsch. Menschen, die im Ruf eines guten Geschmacks stehen, erlangen denselben oft blos durch den Mangel an Genie. Unter Geschmack versteh' jedoch ich das schnelle Gefühl für den Zusammenklang eines poetischen Werkes, die Kunst, das Ganze in Einstimmung mit seinen Theilen zu bringen, die Rundung. – Schiller ist der Einzige unter unsern Dichtern, der diese Eigenschaft besitzt. Doch stehen wir der Besserung nah; aus unserer langen Jagd nach Schatten sind wir endlich der Wirklichkeit zugeführt worden. Unsere bisherige Literatur ist für uns, was die Astrologie für die Wissenschaft war: falsch aber erhebend und zu der wirklichen Sprache des Geisterhimmels leitend.«

Ein anderes Mal, als die mit zahlreichen Klöstern durchstreute Gegend auf ein Gespräch über das Mönchsleben und die verschiedenen Zusätze, welche die Zeit an die Religion anhängt, gebracht hatte, sagte der Deutsche: »Eine Religionsgeschichte ist vielleicht eines derjenigen Werke, die der Welt noch am meisten abgehen. Zwar haben wir mehrere Bücher über diese Materie, aber noch keines, das dem Mangel, von dem ich hier spreche, abhülfe. Ein Deutscher sollte es schreiben, denn nur ein Deutscher besäße wahrscheinlich die dazu erforderliche Gelehrsamkeit. Zudem dürfte wohl nur ein Deutscher den gewaltigen Gegenstand mit Geistesfreiheit und doch mit Ehrfurcht behandeln, ohne die schale Geschwätzigkeit des Franzosen und die furchtsame Sektendienerei des Engländers. Es würde eine edle Aufgabe seyn, die Labyrinthe alter Irrthümer zu verfolgen; den ersten Flimmerblick der göttlichen Wahrheit zu enthüllen; Jehovahs Wort von Menschensatzung zu trennen; uns den Allbarmherzigen aus dem 9 dunkeln Glauben voll Mord und Angst zu retten, auf den Aufgang des wahren Sterns am großen Himmel der Vernunft zu harren und ihm, wie die Weisen aus Morgenland, nachzuziehen, bis er vor dem wirklichen Gott stehen bleibt. – Ohne Ansprüche auf eine solche Arbeit zu machen,« fuhr der Deutsche mit leichtem Erröthen fort, »trage ich einen schwachen Versuch bei mir, der nur einen Theil dieses erhabenen Gegenstandes behandelt, und, einem fähigern Geist die Geschichte der wahren Religion überlassend, als diejenige einer falschen Religion, als die Geschichte eines Glaubens, wie ihn das Christenthum im Norden vorfand, oder wie er vielleicht bei noch ganz ungebildeten Wilden vorkommt, betrachtet werden mag. Das Ganze ist, wie leicht zu erachten, erdichtet; indessen hab' ich es durch fortwährende Beziehung auf die ältesten Urkunden des menschlichen Wissens aus wirklich Geschehenem zusammen zu setzen gesucht. Wenn Sie es anhören mögen – es ist sehr kurz.«

»Nichts könnte uns angenehmer seyn!« entgegnete Vane; und der Deutsche zog ein sauber geheftetes Manuscript aus der Tasche.

»Nachdem ich mit eigenem Mund die Gebrechen unserer Schriftsteller so schonungslos gerügt,« sprach er lächelnd, »haben Sie ein doppeltes Recht, die Fehler eines so tief stehenden Schülers derselben zu rügen. Jedoch werden Sie wenigstens finden, daß ich, obwohl ebenfalls mit Allegorischem oder Uebernatürlichem beginnend, wenigstens das Ueberstiegene in der Idee und das Unzusammenhängende im Plan vermieden habe, das ich bei den Regelloseren unter unsern Autoren tadle. Was den Styl betrifft, so wünschte ich denselben dem Gegenstand anzupassen; irr' ich mich nicht, so mußte er rauhkantig und massiv seyn, wie aus dem Fels der Ursprache gehauen. Aber Sie, mein Fräulein: ohne Zweifel ist Ihnen die deutsche Sprache nicht bekannt?«

»Ihre Mutter war eine Oestreicherin,« antwortete Vane. »Sie kennt die Sprache immerhin genug, um Sie zu verstehen. Wollen Sie nur anfangen.«

10 Ohne weitere Einleitung begann sofort der Deutsche die Geschichte, welche der Leser im folgenden Kapitel übersetzt finden wird. Nichtsdestoweniger bitte ich als ausgemacht anzunehmen, daß der Student ein Betrüger ist. Hätt' er mir irgend eine andere Geschichte entwendet, so wollt' ich mirs haben gefallen lassen; aber eine von meinen besten – Ah sclérat!

 

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