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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Siebenzehntes Kapitel.

Brief Trevylyans an —.

Koblenz.

»Ich danke Dir, theurer Freund, für Deinen Brief, zu dessen Beantwortung mir im Lauf unserer raschen Reise bisher wirklich die Zeit, vielleicht der Muth gefehlt. Hier jedoch werden wir uns einige Tage verweilen, und so schreibe ich Dir jetzt am frühen Morgen, ehe noch irgend Jemand sonst in unserm Gasthof wach ist. Sprich mir nicht von Wagnissen, von Politik, von Intriken; meine Natur hat sich umgeändert. So lebevoll und glänzend Dein Schreiben war, legte ich es doch mit krankem, abstrebenden Herzen weg. Jetzt aber bin ich 156 etwas minder niedergeschlagen. Gertrud befindet sich besser – wirklich besser; ein hiesiger Arzt gibt mir Hoffnung; ich laß es meine Sorge seyn, daß sie beständig unterhalten und nie ermüdet wird; daß ihre Gedanken nie auf ihr selbst verweilen. Denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, Krankheit könne sich, wenigstens in der unerschöpften Kraft unserer Jahre, nicht unheilbar bei uns einnisten, wenn wir sie nicht durch unsern eigenen Glauben an ihr Daseyn nähren. Menschen vom zartesten Körperbau sieht man in der regsten Berufsthätigkeit; sie haben im wörtlichen Sinn nicht Zeit zum Krankseyn. Nimm ihnen ihre Beschäftigung, – laß sie um sich selbst besorgt werden – an ihre Gesundheit denken – und sie sterben! Der Rost frißt den Stahl, welchen der Gebrauch frisch erhält. Und, dank Gott, obwohl Gertrud einmal während unserer Reise durch eine einfältige, unentschuldbare Gemüthsbewegung von meiner Seite einigen Verdacht über ihren Zustand zu schöpfen schien, so ging das doch bald vorüber; denn selten denkt sie an sich selbst; – ich bin beständig in ihren Gedanken und fehle selten an ihrer Seite; zudem weißt Du, wie Kranke ihrer Art überhaupt immer voll guter Hoffnung sind! – Wirklich jedoch hoffe ich jetzt selbst stärker, als seit unserer ganzen bisherigen Bekanntschaft.

»Als ich nach einem aufgeregten, ereignißvollen Leben, das innerhalb weniger Jahre durch so viele Wechsel gegangen, im Schoos eines abgelegenen, einsamen Theils des Landes zu Ruhe kam und Gertrud nebst ihrem Vater meine einzigen Nachbarn waren, befand ich mich in jenem Gemüthszustand, worin das Herz, durch die Einsamkeit verjüngt, für die reinern, göttlichern Regungen empfänglich ist. Ich wurde von Gertruds Schönheit betroffen; die Einfachheit ihres Wesens entzückte mich. Mich von Brauch und Sitte der Welt Abgeriebenen bezauberte, rührte die Unerfahrenheit, die gläubige Hingabe, die Kindlichkeit ihrer Seele. Als ich jedoch das Gepräge unserer Nationalkrankheit in ihrem strahlenden Auge auf ihrer durchsichtigen Wange bemerkte, erkältete sich meine Liebe, während meine Theilnahme sich vergrößerte. Ich hielt 157 mich für sicher und begab mich täglich in die Gefahr; ich bildete mir ein, ein so reines Licht könne nicht brennen, und ich ward verzehrt. Erst als meine Sorge um sie in Schmerz, meine Theilnahme in Schrecken überging, wurde mir das Geheimniß des eigenen Herzens bewußt, und im Augenblick, wo ich dieses Geheimniß entdeckte, machte ich auch die Entdeckung, daß Gertrud mich liebe! Welches Schicksal stand vor mir! welche Seligkeit, aber auch welches Elend! Gertrud gehörte mir – aber wie lang? Ich durfte diese weiche Hand berühren, – durfte das zarteste Geständniß dieser Silberstimme hören, – durfte meine Küsse auf ihre würdigen Lippen drücken; – während jedoch mein Herz von Leidenschaft sprach, flüsterte meine Vernunft mir von Tod. Du weißt, daß ich für eine kalte, beinah' verhärtete Natur gelte, daß ich nicht leicht zum Affekt aufzuregen bin, aber gerade mein Stolz beugte mich hier zur Schwäche hinab. Mein Schutz ward so sanft erfleht, meine Angst so unabläßig in Anspruch genommen! Du weißt, meines Vaters jaches Temperament brennt in mir, ich bin heiß, streng und eigenwillig; aber ein einziges, rasches Wort, ein einziger Gedanke an mein Selbst wären hier unverzeihlich gewesen. Eine so kurze Zeit mochte ihrer Glückseligkeit auf Erden noch eingeräumt seyn: – konnte ich einen einzigen Augenblick davon verbittern? Eben jenes Gefühl der Unsicherheit, das, hätte mich blos Klugheit geleitet, meine Liebe gehemmt haben müßte, steigerte sie zu einer fast unnatürlichen Uebermacht. Was Mütter, wie man sagt, für ihr einziges Kind fühlen, wenn es krank ist, fühl' ich für Gertrud. Ein Daseyn für mich selbst hab' ich nicht; nur in ihr bin ich vorhanden!

»Zu Haus nahm ihr Uebelfinden zu; man empfahl ihr zu reisen. Sie wählte die Gegend aus, und glücklicherweis war mir dieselbe so bekannt, daß ich ihr den Weg vielfach zu erheitern vermochte. Stets bin ich auf der Lauer, daß sie keine trübe Stunde beschleiche; fast würdest Du lächeln, wenn Du sähest, wie ich mich von meiner gewöhnlichen Schweigsamkeit aufgeweckt habe; wenn Du zuschautest, wie der 158 entwürfevolle Mann des praktischen Lebens in die Mährchenwelt seiner Knabenjahre zurückgesunken ist, und Gertrudens kindliche Freude mit erfundenen Sagen und Geschichtchen vom Rhein nährt.

»Indessen glaub' ich damit meinen Zweck erreicht zu haben; wenn aber nicht, was liegt mir dann noch am übrigen Leben? Gertrud befindet sich besser! Welche Gesichte der Hoffnung dämmern in diesem Wort auf mich herab! Ich wollte, Du hättest sie vor unserer Abreise aus England gesehen; Du würdest dann meine Liebe zu ihr begreifen. Nicht als hätten wir in den schimmernden Großstädten Europas unsere kurzen Huldigungen niemals Gestalten von noch reicherer Schönheitsfülle dargebracht; – nicht als wären wir nie von einem noch glänzendern Geist, einer noch taktvollern Grazie entzückt worden. Aber in Gertrud liegt etwas, das ich früher niemals sah: ein Verein von Kindlichkeit und Geisteskraft, eine ätherische Einfachheit, ein Gemüth, das sich nie verdüstert, eine Zärtlichkeit . . . . . o Gott! laß mich nicht von ihren Eigenschaften sprechen, denn diese sagen mir nur, wie wenig sie der Erde angehört!

»Du wirst mir nach Mainz schreiben, wohin uns unser Weg jetzt führt, und Deine Freundschaft wird es mir nachsehen, daß mein Brief nur in so geringem Grad eine Antwort auf den Deinigen ist.

Dein aufrichtiger Freund

A. G. Trevylyan.«

 

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