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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Rheinufer von Drachenfels nach Brohl. Ein Vorfall, der in dieser Geschichte ist, was in einer andern eine Epoche sein würde.

Beim Drachenfels beginnt die eigentliche Herrlichkeit des Rheins, und noch einmal besiegten Gertrudens Augen beim Hinblick auf die umliegenden Ufer die Müdigkeit, welche sie allmälig zu beschleichen anfing.

Sanft hauchte die Luft, schön kräuselten sich die Wasser und Gertrud fühlte den Geier nicht, der seine Klauen in ihre Brust gesetzt hatte. Wie ein großer See weitet sich der Rhein zwischen Drachenfels und Unkel aus; Dörfer sind über die gedehnten Ebenen zur Linken hingeschüttet, rechts die Insel Rolandswert (Nonnenwert) und die Häuser von Oberwinter. Reben decken die Hügel, und Gertrudens nachweilender Blick hing noch oft an dem hohen Kamm der sieben Berge.

Weiter und weiter; – und hinter einer Uferkrümmung stiegen die Thurmspitzen von Unkel auf, und am jenseitigen Gestad zogen sich jene wunderbaren Basaltsäulen hin, die bis in die Mitte des Stroms vorspringen, daß man sie bei niederem Wasserstand wie eine versunkene Stadt aus den Wellen heraufschauen sieht. Sofort erblickt man die Trümmer von Okenfels, und hört die Stimme des idyllischen Gasbachs (Kasbach) seine Wogen in den Rhein senden. Mitten aus den Felsenspalten dringt die Rebe wuchernd hervor und gibt Dem, was die Natur, sich selbst überlassen, zur Oede bestimmte, Fülle und Färbung. Der Weinstock wird nämlich hier in einen mit Erde und Rasen angefüllten Korb gesetzt und so in die Felsenspaltung eingelegt. — Der Uebersetzer.

»Aber wende Dein Auge zurück nach der Rechten,« bemerkte Trevylyan. »Jene Ufer waren früher Hauptaufenthalt der verwegenen Räuber des Rheins, und aus dem verwachsenen Gestrüpp, das damals die zerrissenen Felsen deckte, stürzten sie auf ihre Beute hervor. Diese 149 Tage des Ritterthums waren wohl werth, daß man drin lebte, und ein Räuberleben unter diesen Bergen, an diesem Gebirgsstrom hin, muß wahrhaftig ganz die zur That gebrachte Poesie des Ortes gewesen seyn.«

Sie hielten in Brohl, einem Dorf zwischen zwei Bergen an. Auf dem Gipfel des einen sieht man die Ruinen von Rheineck. Im Anblick dieses Ortes liegt etwas Unheimliches, Außernatürliches; sein Boden verräth deutliche Spuren, daß in früheren Zeiten, von welchen selbst die Sage verloren ging, hier ein Feuerberg seine Flammen erschöpft hat. Die Erde ist schwarz und pechig, und die Quellen haben ein dunkles, schwer riechendes Wasser. Hier fällt der Brohlbach in den Rhein, und in einem reich mit Eichen und Tannen durchwachsenen Thälchen voller Höhlen, denen es nicht an sagenhaften Bewohnern fehlt, steht das Schloß Schweppenburg, das zu besuchen unsere Gesellschaft nicht versäumte.

Gertrud fühlte sich bei der Rückkunft ermüdet; sie und Trevylyan blieben in dem kleinen Wirthshaus, während Vane sich mit wissenschaftlicher Forschbegierde zu einer Untersuchung der verschiedenen Erdschichten wegbegab.

Mit der Vertraulichkeit ihres engverbundenen Verhältnisses sprachen Jene von Gegenständen, die sich blos für Liebende eignen: von dem hellen Abschnitt in der Geschichte ihrer Liebe; von ihrem ersten Zusammentreffen; ihren ersten Eindrücken; den kleinen Vorfällen während ihrer heutigen Reise – Vorfälle, die blos von ihnen selbst bemerkt worden waren; von jenem Leben in dem Leben, wovon zwei Menschen zusammen wissen – Einer ohne den Andern aber nichts weiß, und welches für Beide im Augenblick aufhört, wo sie sich von einander trennen.

»Ich weiß nicht, wie die Liebe Anderer seyn mag;« sprach Gertrud, »die unsrige aber erscheint verschieden von jeder, von welcher ich gelesen. Die Bücher erzählen uns von Eifersucht und Mißdeutung, 150 von der Nothwendigkeit gelegentlicher Entfernung, der Süßigkeit eines Streits; wir aber, theurer Albert, haben von solchen Abschnitten in der Liebe keine Erfahrung. Wir haben einander nie mißverstanden; wir können auf keine Wiederaussöhnung zurückblicken. Wann hatte ich je Gelegenheit, Dich um Vergebung zu bitten? Unsere Liebe besteht blos aus einer einzigen Erinnerung– unnachlassender Freundlichkeit! – kein harter, kein verletzender Gedanke brach je über die Seligkeit herein, die wir empfunden haben und empfinden.«

»Theure Gertrud,« entgegnete Trevylyan, »von Dir erhält diese Beschaffenheit unserer Liebe ihre Färbung. Du, die Zarte, Milde, bist fort und fort ihr Schutzgeist gewesen, und die Quelle war sanft und lauter, denn Du warst die Nymphe, die in ihren Tiefen wohnte.«

Und auf solches Gespräch folgte noch süßeres Schweigen – das Schweigen des eingefriedigten, überwallenden Herzens. Die letzten Stimmen der Vögel;– die im Westen langsam hinabsinkende Sonne; – der Duft des fallenden Thaus erfüllten sie mit jener tiefen, geheimnißvollen Sympathie zwischen der Liebe und der Natur.

Nach einem solchen Schweigen – einem langen Schweigen, das blos einen Moment gedauert zu haben schien – war es, daß Trevylyan sprach und Gertrud keine Antwort gab. Sehnsüchtig nach ihrer süßen Stimme wandte er sich um und sah, daß sie in Ohnmacht gesunken.

Dies war das erste Anzeichen, zu welchem Grad ihre zunehmende Schwäche gestiegen. Trevylyans Herz stand still und fing hierauf stürmisch zu schlagen an. Tausend Aengste warfen sich auf ihn; er schloß die Geliebte in die Arme und trug sie ans offene Fenster. Die untergehende Sonne fiel auf ihr Gesicht; das Spiel einer jungen Lebensflamme, einer warmen Phantasie war von demselben entflohen und sichtbar traten aus der tiefen, stillen Ruhe die Zerstörungen der Krankheit Trevylyans durchbohrter Brust entgegen. O Gott! welche Empfindungen! Sein Herz war wie ein Stein, aber er fühlte ein Brausen wie von einem Strom an den Schläfen; seine Augen dämmerten – er stand stumm unter der Wucht seiner Verzweiflung.

151 In der letzten Woche hatte er Hoffnung für die Gefährtin geschöpft: Gertrud hatte um Vieles kräftiger geschienen, weil die Freude ihr eine falsche Kräftigung geliehen; und waren auch Augenblicke gewesen, wo ihm beim Gewahrwerden des hektischen Farbenwechsels auf ihrer Wange, und des erschlafftern Schrittes und kurzen Odems die Hoffnung plötzlich sank, so hatte er doch bis zu dem jetzigen Moment die Rettungslosigkeit der Angst, die gräßliche Gewißheit des Aergsten nicht empfunden, welche nunmehr das stille schöne Antlitz vor ihm in seine Seele warf. Dieser Todesqual des Hinstarrenden gesellte sich die ganze Leidenschaft der glühendsten Liebe bei. Denn hier lag sie in seinen Armen, den sanften Odem von Lippen aushauchend, auf welchen die Rose noch weilte, während das lange, üppige Haar weich und seiden wie dasjenige eines Kinds, sich aus seinem Verschluß hervorstahl. Alles in Gertruds Schönheit war unaussprechlich zart, rein und jugendlich. Kaum siebzehn, erschien sie noch unter ihrem wirklichen Alter; ihre Gestalt hatte zwar an Fülle verloren, aber wie leicht, wie lieblich waren noch stets ihre Trümmer! – der schneeweiße Nacken – die schöne kleine Hand! Kaum fühlte der Liebende, daß er ein Gewicht in den Armen halte; und er – welch ein Gegensatz!– stand in der stolzesten Blüthe voller Männlichkeit! Seine Stirn war hoch, sein Haar kraus, sein Aug majestätisch, seine Formen nervig, und auf dieses schwache, hinfällige Wesen hatte er sein ganzes Herz, alle Hoffnungen seiner Jugend, den Stolz seiner Mannheit, seiner Plane, seiner Thatkraft, seiner Ehrliebe gesetzt!

»O Gertrud!« rief er, »ist es – ist es so weit – gibt es wirklich keine Hoffnung mehr?«

Und als Gertrud jetzt langsam wieder zu sich selbst kam, und die Augen gegen Trevylyans Gesicht aufschlug, war die Entlastung so gewaltsam, seine Empfindungen so übermächtig, daß er, die Geliebte fest an die Brust drückend, als sollte sie auch der Tod nicht von ihm reißen, in zuckende Thränen über sie ausbrach; nicht in Thränen, welche das 152 Herz erleichtern, sondern in jenen Feuerregen des innern Sturmes; ein Zeichen des wilden Aufruhrs, der am Nerv seines Daseyns rüttelte, keine Linderung.

Zum Bewußtseyn zurückgekehrt, schlang Gertrud erstaunt und erschrocken die Arme um seinen Nacken, schaute ihm schmerzlich in die Augen und bat ihn, zu ihr zu sprechen.

»War es meine Krankheit, Du Lieber?« fragte sie, – und die Musik ihrer Stimme erregte in ihm blos den Gedanken, wie bald dieselbe ewig für ihn verstummen werde! – »nein!« fuhr sie schmeichelnd fort, »es war blos die Hitze des Tags! es ist mir jetzt besser, ist mir wohl. Du darfst wegen meiner keine Sorge haben.« Und mit der Unschuld und Zärtlichkeit der kaum zur Jungfrau gereiften Jugend küßte sie ihm die brennenden Thränen von den Augen.

Es war eine Kindlichkeit in dem armen, ihres Verhängnisses noch so unbewußten Mädchen, welche ihr Loos doppelt rührend machte, und worin eben für das strenge, an der Welt abgeriebene Herz Trevylyans der unwiderstehlichste Zauber lag. Und als sie jetzt das Haar wieder auf die Seiten streifte und dankbar, aber bittend in sein Gesicht schaute, konnte er sich kaum enthalten, das Geständniß seiner Angst und Verzweiflung vor ihr auszuströmen. Aber die Nothwendigkeit sich zu beherrschen, die Nothwendigkeit ihr eine Kunde vorzuenthalten, die durch den Eindruck auf ihre Phantasie ihr Schicksal befördern konnte, während sie ihrem Gemüth den arglosen Genuß der Gegenwart verbittern mußte, stählte und ermannte ihn. Mit jener gewaltsamen Anstrengung, deren nur Männer fähig sind, drängte er die äußerlichen Zeugnisse seiner Bewegung zurück, und suchte durch einen hastigen Strom von Worten wenigstens ihre Aufmerksamkeit von einer Schwäche abzuwenden, deren Ursache er ihr nicht erklären durfte. Glücklicherweise kam Vane bald zurück; Trevylyan übergab Gertrud seiner Fürsorge und verließ schnell das Zimmer.

Gertrud versank in ein Nachdenken.

153 »Ach lieber Vater,« hob sie nach einer Pause plötzlich an, »wenn es wirklich übler mit mir stände, als ich in letzter Zeit geglaubt, – wenn ich jetzt sterben sollte, was würde Trevylyan empfinden? Bitten Sie Gott, daß ich am Leben bleibe um seinetwillen!«

»Mein Kind, sprich nicht so; Du befindest Dich besser, weit besser als früher. Noch vor Ende des Herbstes wird Trevylyans Glück Deine Gattinsorge seyn. Mache Dir keine so trostlose Gedanken über Dich.«

»Nicht an mich dachte ich,« seufzte Gertrud, »sondern an ihn.«

 

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