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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Eilftes Kapitel.

Worin der Leser in Gesellschaft der englischen Elfen Orte und Wesen unter der Erde zu sehen bekommt.

Während der Hitze des folgenden Tags führte Faisenheim seine englischen Besucher durch die kühlen Höhlen, die sich unter den Rheingebirgen hinziehen. Tausend Wunder warteten hier auf die Augen der Elfenkönigin. Nichts zu sagen von den gothischen Bögen und Gewölben, zu welchen sich die gehöhlte Erde von selbst bildet, oder dem Bach, der mit mächtiger Stimme durch die dunkle Kluft rauscht, oder 112 den emporstarrenden Silbersäulen, von Gnomen in den Minen des Taunus gefertigt, sprech ich blos von den seltsamen Bewohnern, auf welche man von Zeit zu Zeit stieß. In einer einsamen, mit getrocknetem Moos gefütterten Zelle trafen sie zwei mißgeschaffene Elfen von ungewöhnlicher Größe, mit gemeinen Werktagsgesichtern, die sehr geräuschvoll mit einander schwatzten und ein paar Stiefeln machten. Das waren Erdmännchen und Hauselfen, die Nachts in den Häusern der Handwerksleute tanzten und alle Arten unwürdiger Possen treiben – Puke, ohne die Anmuth ihres englischen Verwandten. Sie betrugen sich sehr höflich gegen die Königin, denn sie sind im Ganzen gutmüthige Geschöpfe und hatten ehedem viele Vettern in Schottland. – Dem Lauf eines plätschernden Bachs folgend, gelangte man sofort zu einer Höhlung, aus welcher der listige Kopf eines Fuchses hervorguckte. Die Königin erschrack. »O tretet näher,« sprach der Fuchs ermuthigend: »ich gehöre zum Elfengeschlecht; wir Thierelfen spielen in der deutschen Sagenwelt gar manchen Streich.«

»Wirklich, Meister Fuchs,« entgegnete der Prinz. »Er spricht nichts als die Wahrheit. Wie befindet sich Meister Braun?«

»Sehr wohl, mein Prinz: nur macht ihm seine Abgeschiedenheit manches Herzeleid, denn wirklich kann unser Volk gegenwärtig wenig oder nichts in der Welt thun, und so müssen wir in unsern alten Tagen hier liegen, Geschichten aus der Vergangenheit erzählen und die Thaten, die wir in der Jugend verrichtet, wiederholen, wie Sie, Madame, in allen Elfenhistorien in der Bibliothek des Prinzen nachlesen können.«

»Zum Beispiel seine eigene Liebesabenteuer, Meister Fuchs,« sagte der Prinz.

Der Fuchs knurrte ärgerlich und zog den Kopf in sein Loch.

»Sie haben das Mißfallen Ihres Freundes erregt,« bemerkte Silpelit.

»Ja – er mag keine Anspielungen auf die Thorheiten seiner 113 Jugendliebe. Haben Sie je von seiner Nebenbuhlerschaft mit dem Hund um die Gunst der Katze gehört?«

»Nein – das muß sehr amüsant seyn.«

»Wohl, meine Königin; wenn wir nachher ausruhen, will ich Ihnen die Geschichte von der Freierei des Fuchses erzählen.«

Der nächste Ort, zu dem sie kamen, war eine große Runenhöhle, mit dunkeln Inschriften einer vergessenen Sprache überdeckt. Auf einem groben Stein saß ein Zwerg mit langen gelben Haaren, den Kopf auf die Brust gelehnt und in Gedanken vertieft.

»Der gehört einem verständigen, mächtigen Geschlecht an,« flüsterte Faisenheim, »das oft mit den Elfen gestritten hat. Er ist aber von der guten Art.«

Hier erhob der Zwerg mit schwermüthiger Miene den Kopf, und blickte auf die glänzenden Gestalten vor ihm, auf welche die Kienfackeln in den Händen des prinzlichen Gefolges ein helles Licht warfen.

»Ueber was sinnst Du, o Sohn von Laurins Stamm?« fragte der Prinz.

»Ueber die Zeit,« antwortete der Zwerg düster. »Ich seh einen Strom; seine aus den Wolken herabfließenden Wasser sind schwarz und seine Quelle kennt Niemand. Tief rollt er fort und fort durch ein grünes Thal, das er langsam einschluckt, Thurm und Stadt wegspülend und Alles überwältigend, und der Name des Stromes ist Zeit

Damit sank der Kopf des Zwerges wieder auf seine Brust und er sprach nichts mehr.

Die Elfen gingen weiter. »Ueber uns,« sprach der Prinz, »hebt sich einer der höchsten Berge am Rhein, denn Gebirge sind die Heimath der Zwerge. Als der große Allgeist die Erde schuf, sah er, daß das Innere der Felsen und Hügel bewohnerlos war, und gleichwohl ein mächtiges Reich und große Paläste darin verborgen lagen: – 114 eine schauerliche dunkle Oede, die aber mitunter von den funkelnden Augen herrlicher Juwelen erleuchtet wurde; die Schatzkammer der Menschenwelt, – Gold und Silber und große Haufen edler Gesteine und ein Boden voll Metalle. So schuf denn Gott ein Geschlecht für diese weit gedehnten Lande, und begabte es mit dem Vermögen zu denken und mit ausnehmender Weisheit, also, daß es der Belustigungen und des Thatendrangs der Oberwelt nicht bedarf, sondern stilles Sinnen in den dunkeln Grotten seine Freude ist. In der Schwelgerei des Denkens fließt das Daseyn dieser Wesen dahin; nur von Zeit zu Zeit erscheinen sie über der Erde und theilen den Menschen Wohl oder Wehe zu, je nach ihrer Natur, denn sie zerfallen in zwei Klassen, in eine gute und eine böse.«

Während der Prinz noch sprach, sahen sie von einem Riß in dem obern Felsen ein scheusliches Gesicht mit einem langen, wirren Bart herblicken. Jener nahm sich zusammen, und schaute den bösen Zwerg – denn ein solcher war es – stirnrunzelnd an; aber die Fratze verschwand jählings mit einer wilden Lache, deren Wiederhall geisterhaft durch die langen Hohlgänge fortlief.

Die Königin klammerte sich an Faisenheims Arm. »Fürchte Dich nicht, meine Königin,« sprach er; »das böse Geschlecht hat keine Macht über unsere lichte, ätherische Natur. Nur mit Sterblichen kämpft es; Der, welchen wir eben gesehen, war in alten Zeiten einer der tödtlichsten Feinde der Menschheit.«

Durch einen gewundenen Gang gelangten sie jetzt in eine schöne Nebenhalle in dem Berg. Sie war von kreisförmiger Gestalt und von erstaunlicher Höhe; in der Mitte warf ein natürlicher Springbrunnen sein perlendes Wasser empor, und rings umher standen Säulen von massivem Granit, die zahllose Perspektiven bildeten, bis sie sich in das Dunkel der Ferne verloren. Juwelen waren umher gestreut und hell spielten die Elfenfackeln gegen die Edelsteine, den Springbrunnen und das bleiche Silber, das in häufigen Zwischenräumen aus dem Felsen flimmerte.

115 »Hier laßt uns ruhen,« sprach der galante Elfe und schlug die Hände zusammen: »He da! Musik und Tische.«

So wurde die Tafel neben dem Brunnen gedeckt. Für den Prinzen und seinen Besuch streuten die Hofleute mitgebrachte Rosenblätter, und mitten durchs dunkle Reich der Zwerge brach der süße Ton der Elfensaiten.

»Wir haben diese bösen Wesen in England nicht,« sagte die Königin, so leis sie sprechen konnte. »Sage mir, welcher Art war der Verkehr der bösen Zwerge mit den Menschen?«

»Du weißt,« erwiederte der Prinz, »daß alle Gattungen der lebenden Wesen etwas Gemeinschaftliches haben; die mächtige Kette der Sympathie läuft durch die ganze Schöpfung. Durch Das, was der Mensch mit den Thieren des Feldes oder den Vögeln des Himmels gemeinsam hat, herrscht er über die ihm untergeordneten Geschlechter. Er nimmt den allgemeinen Affekt der Furcht oder des Wetteifers in Anspruch, wenn er den wilden Hengst zähmt; das allgemeine Streben nach Besitz und Gewinn, wenn er die Fische des Flusses bethört, oder die Wölfe durch das Blöcken des Lammes in die Grube lockt. Ihrerseits beherrschten oder verlockten in alten Zeiten die Dämonen das Menschengeschlecht durch die Leidenschaften, welche sie mit demselben gemein haben. Der Zwerg, den Du gesehen, gehört zu der Art, die sich durch Streben nach Macht und Schätzen auszeichnet, und zu eben diesen Begierden in der eigenen Brust nahm er den Menschen gegenüber seine Zuflucht. So bereitete er sich seine Opfer! Doch nicht jetzt, theuerste Silpelit,« fuhr der Prinz mit lebhafterem Ausdruck fort: »nicht jetzt wollen wir von diesen düstern Wesen sprechen. He da, laßt die Musik schweigen und kommt Alle hieher, eine wahre und ungeschmückte Geschichte von dem Hund, der Katze, dem Greif und dem Fuchs zu hören.« 116

 

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