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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Zehntes Kapitel.

Die Rolandsage. – Abenteuer Silpelits auf der Insel Nonnenwert. – Ihr Lied. – Verfall des Elfenglaubens in England.

Dem Drachenfels gegenüber liegen die Trümmer von Rolandseck. Sie sind die gebrochene Krone eines hohen, senkrechten Bergs, dem Andenken des tapfern Roland geweiht. Unten steigen die Bäume einer Insel, auf welche Rolands Dame sich zurückgezogen hatte, dicht und grün vom glatten Wasserspiegel empor.

Nichts geht über die wilde, ausdrucksvolle Größe des ganzen Schauplatzes. Dieser Punkt ist der Stolz und Schmuck des Rheins.

Die Sage von der Burg und der Insel ist mit wenigen Worten erzählt; sie gehört in jene, unter den deutschen Romanzen so gewöhnliche Klasse. Roland geht in den Krieg. Eine falsche Nachricht, als sey er gestorben, gelangt zu seiner Braut. Sie zieht sich auf die Insel Nonnenwert zurück, und nimmt den unwiderruflichen Schleier. Roland kehrt, von Ruhm und Hoffnung glühend, zurück, um zu finden, daß die Verlobte durch ihre treue Liebe selbst eine ewige Schranke zwischen sich und ihn gesetzt habe. Er baut das Schloß, das seinen Namen trägt und die Ansicht auf das Kloster beherrscht. Dort wohnt er bis zu seinem Tod, glücklich, bis zu seinem letzten Odemzug auf die Mauern schauen zu können, die sein verlornes Kleinod umfassen.

In trauriger Fülle beugen sich die Weiden auf der Insel, wie 106 im Einklang mit einer Erinnerung, welche durch eine Oede von tausend Jahren hindurch die Liebe noch immer frisch und grünend erhält. Keinen von jenen dichterischen Zusätzen, die sich im Verlauf der Zeit wie Moos schmückend über die Wahrheit herziehen, dieselbe aber durch den Schmuck verstecken, – hat diese Erinnerung zugelassen, sondern die einfache Zartheit der Sage in ihrer ganzen ursprünglichen Reinheit erhalten. Schillers Ritter Toggenburg. Dem Verfasser entweder nicht bekannt, oder ward von ihm, als nicht in den Mund des Volks übergegangen, nicht hieher gerechnet. — Der Uebersetzer.

Alles war still auf dem Nonnenwert. Durch die Bäume schimmerten Lichter von dem Haus her, das unsere Reisenden bewohnten. Auf einem weichen Plätzchen, wo sich der Werder in den Rhein abdacht, trafen die wandernden Elfen ein.

»Ach Pipali, wie schön!« rief Silpelit entzückt am Ufer aus. Ein Sternenstrahl schien auf sie, und die Locken ihres goldenen Haars tanzten im seufzenden Wind. »Zum erstenmal seit unserer Abreise vermiss' ich die grünen Gestade Englands nicht.«

»Bst!« flüsterte Pipali mit angehaltenem Athem: »ich höre Elfentritte, es müssen die Tritte von Fremden seyn!«

»Laß uns in dieses Binsendickicht zurückweichen,« entgegnete Silpelit etwas erschreckt; »der gute Großschatzmeister schläft dort bereits.« Sie huschten in das Gras, das für sie ein Wald war, denn das Röhricht stand zwei Fuß hoch. Allerdings fanden sie hier den Großschatzmeister unter einer Binse ausgestreckt und seine Pfeife neben ihm, denn seit seiner Ankunft in Deutschland hatte er sich aufs Rauchen geworfen, und wirklich gibt wilder Thymian, gehörig getrocknet, einen sehr guten Tabak für Elfen. Auch fanden sie Schnipp und Tripp hart neben einander sitzen. Schnipp spielte mit Tripps Haar, das ausnehmend schön war.

»Was macht Ihr hier?« fragte Pipali kurz. Denn sie hatte 107 etwas an sich fast wie eine alte Jungfer und konnte es nicht leiden, wenn Elfen nah beisammen saßen.

»Den Schlaf Seiner Herrlichkeit bewachen,« erwiederte Schnipp.

»Hui!« rief Pipali.

»Nun!« sagte Tripp, erröthend wie eine Seemuschel; »darin liegt doch wahrhaftig nichts Unrechtes!«

»Still!« rief die Königin, durch das Dickicht schauend.

Und aus dem grünen Schoos der Erde kam ein winziger Zug; Zwei und Zwei, Hand in Hand stolzirte er aus einer kleinen, mit duftenden Kräutern beschatteten Oeffnung hervor und stellte sich in einen Kreis. Dann folgten andere Elfen, mit Näschereien beladen, und augenblicklich schossen zwei schöne weiße Schwämme auf, über welchen man die Speisen ausbreitete, und siehe, man hielt ein Banket! Und ach, wie lustig es herging; welch schallendes Gelächter, so laut wie der Seufzer einer Jungfrau; welche Spässe, welche Lieder! Glückliches Geschlecht! könnten dich die Sterblichen so oft wie ich in den milden Sommernächten sehen, sie würden nie um Unterhaltung verlegen seyn. Unsere zuschauenden englischen Elfen bemerkten jedoch, daß diese fremden Elfen andern Schlags als sie selbst schienen; sie waren größer und minder hübsch; ihr Haar dunkler; sie trugen Schnurrbärte und hatten etwas Wilderes in der Miene. Der armen Silpelit wollte ein wenig bangen, aber alsbald ließ sich fernher eine sanfte Musik vernehmen, fast wie der Ton, den man oft plötzlich bei stillen Nächten hört, wenn ein leichtes Lüftchen sich durch Schilf schleicht, oder in einem über Kiesel hintanzenden Bächlein plätschert. Und siehe, aus der Oeffnung des Bodens kam ein prächtig gekleideter Elfe von edelm Aussehen. Die Königin fuhr zurück, Pipali rieb sich die Augen, Tripp sah hinter Pipali's Schulter hervor und Schnipp rief, indem er sie in den Arm kneipte, verwundert aus: »beim neusten Stern, das ist Prinz von Faisenheim!«

Die arme Silpelit schaute wieder hin, und ihr kleines Herz schlug unter der Bienenflügelschnürbrust, als ob es zerspringen wollte. Der 108 Prinz hatte einen wehmüthigen Ausdruck und setzte sich abseits von dem Gelag, indem er in tiefen Gedanken auf den Rhein niedersah.

»Ah!« flüsterte Silpelit sich zu: »denkt er an mich?«

In diesem Augenblick zog der Prinz eine kleine, aus einer dünnen Binse gehöhlte Flöte hervor und fing an eine klagende Weise zu spielen. Silpelit hörte mit Entzücken zu: in ihren Landen hatte er diese Melodie gelernt.

Als das Musikstück zu Ende, erhob sich der Prinz, trat auf die Schmausenden zu und entsandte sie mit verschiedenen Aufträgen: Einen, um dem Zwerg des Drachenfelses einen Besuch zu machen, einen Andern, um nach dem Grab des Musäus zu sehen, und ein ganzes Detachement, um die Heidelberger Studenten zu necken. Einige Wenige stießen auf Weidenblättern in den Rhein ab, um im Sternenlicht zu kreuzen, und eine andere Abtheilung ging auf die Jagd nach der graubeinigen Motte. Der Prinz blieb allein. Silpelit konnte jetzt etwas wagen; sie hüllte sich in einen aus einem welken Blatt gefertigten Mantel, so daß nur die Augen aus der Kappe hervorstrahlten, und schlich sich aus dem Röhricht. Der Prinz wandte den Kopf und erblickte eine dunkle Elfengestalt neben sich. Er fuhr etwas erschrocken zurück und legte die Hand ans Schwert; Silpelit aber sang, ihn umkreisend, folgende Worte:

Bei des Glühwurms Leuchte, vom Abend umthaut,
Bei der Spinnweb' lust'gen Gefässen,
Bei der treulosen Schlange entwundener Haut,
O lehre mich, lehr mich vergessen.
Die Kunst dieser Gabe
Der Menschenbrust
Ist Keinem bewußt,
Wie dir, du treuloser Knabe.

Bei der Elfen lustigem Reigentanz,
Beim Hauch, der von Westen her fächelt,
Beim Sternenschein, der mit liebendem Glanz
Die Wogen zur Abendruh lächelt – 109
O nenn mir das Wort,
Durch das, wie die Halmen im Grunde,
Das Laub der verklungenen Stunde
Auf ewig verdorrt.

Beim Mai, der auf duftenden Zweigen thront,
Bei des Veilchenzelts lieblicher Bläue,
Beim Eiland, wo meine Schwesterschaar wohnt
Und deine vergessene Treue –
O lehre mich leben
Ohne Reue und Schmerz
Um dein meineidig Herz;
O lehr mich die Kunst, die es übt,
Und Eine, die du einst geliebt,
Will dich segnen und will dir vergeben.

»So wahr ich lebe,« rief Faisenheim mit schwankendem Ton: »so wahr ich lebe, ich kenne diese Stimme.«

Da sank Silpelit der Mantel von den Schultern. »Meine Elfin ans England!« und Faisenheim kniete neben ihr.

Ihr hättet den Elfen knien sehen sollen, denn ihr hättet geschworen, er mache es so ganz wie ein menschlicher Liebhaber, daß ihr fortan nie mehr auf die Liebe gespottet haben würdet. Die Liebe ist etwas so Elfenmäßiges in uns, daß selbst ein Elfe sich nicht anders bei derselben geberden kann als wir, gesetzt unsere Liebe sey treu.

Große Freude war diese Nacht unter den Elfen auf dem Werder. Sie führten Silpelit in ihren unterirdischen Palast, wo sie ihr ein prachtvolles Fest gaben, und Schnipp erzählte die bisher bestandene Abenteuer mit so guter Laune, daß er die lustigen Fremdlinge entzückte. Faisenheim aber sprach beiseits mit Silpelit und sagte ihr, er sey Herr dieser Insel und infolge der Hausgesetze, die ihm jährlich nur eine gewisse Zeit die Abwesenheit gestatteten, habe er sich genöthigt gesehen, in seine Lande zurückzukehren: »Aber, Königin, stets war es meine Absicht, Dich nächsten Frühling wieder zu besuchen.«

»Gleichwohl lag Dir nicht ob, uns so jählings zu verlassen!« entgegnete Silpelit erröthend.

110 »Verlasse Du mich nicht wieder!« rief der feurige Elfe. »Sey die Meine, und laß uns unsere Vermählung an diesen Ufern feiern. Sehnst Du Dich nach Deiner grünen Insel? Nicht doch! dort sind Deine Altäre verödet, der Glaube ist aus dem Land gewichen, Du stehst unter den Letzten eines ungeehrten, sterbenden Geschlechts. Deine sterblichen Dichter sind verdumpft, und Phantasie, die Deine Priesterin war, schläft den tiefen letzten Schlaf. Neue unzarte Götter sind auf die Elfenwelt gefolgt. Wer schleicht noch in den Nächten des Brachmonats durch die sternbeglänzten Büsche, den Reigentanz Deines Volks zu belauschen? Maschinenräder, Handelsgetös übertäuben für das sterbliche Ohr die Harfentöne Deiner Unterthanen. Und die Menschen, barscher und roher als ihre träumerischen Vorfahren, rücken ihre lärmenden Wohnsitze näher und näher um die Thäler und Klüfte, wo Deine Genossen weilen. – Noch einige Jahre, und wo werden Englands grüne Auen seyn?«

Die Königin seufzte und der Prinz, bemerkend, daß man ihm Ohr leihe, fuhr also fort:

»Wer unter den Menschenkindern bedarf jetzt in Deinem Geburtsland der Elfenfürsorge? Welche Wiegen willst Du bedienen? Auf welches Mädchen willst Du Deine rosigen Gaben ausstreuen? Welchem Dichter willst Du in seinen Träumen zur Seite stehen? Die Poesie ist aus der Insel geflohen: warum willst Du noch zurückbleiben? Die Zeit hat dumpfe Sitten mitgebracht, die Dein zartes Wesen verhöhnen. Puk ist in der Hyacinthe begraben; er hat keine Nachkommen und keine Trauer um seinen Hingang hinterlassen, denn die Nacht, die Elfenzeit, ist so geschäftig und hell wie der Tag geworden. Welcher Herd ist jetzt noch nach der Abendglocke verlassen? Welches Haus badet sich in Schweigen zur Stunde, wo Deine Tänze beginnen? Die Herrschaft über die Menschen ist von Dir gewichen, und Dein Geschlecht verschwindet von der überfüllten Erde. Denn trotz unserer göttlichen Natur ist unser Daseyn mit demjenigen der Menschen verflochten. Vernachläßigung von ihrer Seite ist unsere 111 Krankheit, ihr Vergessen unser Tod. So scheide denn von dem philisterhaften und doch so unruhigen Schauplatz, der die Elfenringe Deiner Geburtsinsel einschließt. Dieses Gebirge, dieses Gras, diese gleitenden Wellen, diese verwitternden Ruinen, diese sternbestrahlten Bächlein – seyen sie, o schöne Königin, Dein neu Gebiet. Noch dauert unser Dienst in diesen Landen; noch immer können wir das Gemüth des jungen Barden anfüllen, uns seiner Sehnsucht nach dem Schönen, dem Unsichtbaren beigesellen. Hierher kommen die Pilger der Welt, um hier mindestens noch die Sagen von uns aufzusammeln. Jahrhunderte werden vergehen, ehe unser Verschwinden den Rhein entheiligen wird. Komm denn, meine Königin, dieser Palast sey Dein, und der Mond, der über den zerfallenen Mauern des Drachenfelses hereinblickt, sey unserer Vermählung, unseres Gelübdes Zeuge.«

In solchen Worten koste der Elfenprinz der jungen Königin vor, und während sie deren Wahrheit beseufzte, gab sie sich dem Zauber derselben willig hin. – Ach, stets möge noch ein Fleck auf Erden seyn, wo der Elfenfuß den dichterkräftigen Boden tritt; – stets noch möge ein Land seyn, wo eine Verehrung des Unsichtbaren die Menschen heiligt und begeistert! Immerfort gleite du, majestätischer, herrlicher Rhein, durch Schatten und Thäler, aus welchen ein weiser Glaube die Schöpfungen einer erneuten Welt hervorrufen kann!

 

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