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Die Pilger des Rheins

Edward Bulwer-Lytton: Die Pilger des Rheins - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pilger des Rheins
authorEduard Bulwer Lytton
year1861
firstpub1834
publisherJ. B. Metzler'sche Verlagshandlung
addressStuttgart
titleDie Pilger des Rheins
pages302
created20100717
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20110418
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Achtes Kapitel.

Die Seele im Fegfeuer, oder die Liebe ist stärker als der Tod.

Die Engel rührten ihre Harfen im Himmel, und ihre Töne stiegen wie ein Strom von Wohlgerüchen zum Thron des Höchsten. Aber die Harfe Seralims war süßer, als die seiner Genossen, und also wurde die Stimme des Unsichtbaren vernommen (denn die Engel selbst schauen die Herrlichkeit Gottes nicht; – nur fern in der Tiefe des Himmels sehen sie ein nie schlummerndes Aug ewig über der Schöpfung wachen).

»Fordere einen Lohn für die Liebe, die in Deinem Gesang flammt, und er soll Dir gewährt werden.«

Seralim antwortete:

»An dem Ort, den die Menschen Fegefeuer nennen, und welcher die Flucht aus der Hölle, aber der Schmerzenseingang zum Himmel ist, sind viele Seelen, die Dich anbeten, und doch gerechter Weise für ihre Sünden bestraft werden. Erlaube mir, sie zuweilen zu besuchen und ihre Leiden durch die Hymnen der Harfe zu trösten, die Dir geweiht ist.«

Und die Stimme erwiederte:

»Dein Gebet ist erhört, Mildester unter den Engeln; es ward gut erfunden vor Dem, welcher nur aus Liebe züchtiget. Geh, Dein Wille geschehe!«

Da sang der Engel das Lob Gottes, und als sein Sang vorüber, erhob er sich von seinem azurnen Stuhl zur Rechten Gabriels, entfaltete seine Regenbogenschwingen, und flog nach jenem düstern Stern, welcher, der Erde am nächsten, vom Schrei der Seelen wiedertönt, die durch Qualen gereinigt werden. Die Unglücklichen sehen dort von fern die strahlenden Gefilde, die sie später einnehmen werden, und die glorreichen Gestalten, die, frisch gebadet in den Brunnen der Unsterblichkeit, in den Gärten des Paradieses wandeln. Sie fühlen, daß 99 auf das selige Heut derselben kein trübes Morgen folgt. Dieser Gedanke tröstet sie in ihren Qualen und bildet den wahren Unterschied zwischen Hölle und Fegfeuer.

Sofort senkte der Engel seine Schwingen, und nachdem er durch die krystallenen Pforten getreten, setzte er sich auf einen verwitterten Felsen und rührte die göttliche Leier. Und ein Frieden kam über die Leidenden; der Dämon hörte mit seinen Martern, das Opfer in seinem Jammer auf. Was der Schlaf den Trauernden auf Erden, das war der Gesang des Engels den Seelen des läuternden Sterns. Nur eine einzige Stimme schien nicht in die allgemeine Stille eingelullt zu seyn; es war die Stimme eines Mädchens, die fortfuhr, mit durchdringendem Ton zu rufen:

»O Adenheim, Adenheim, traure nicht um die Verlorene.«

Der Engel schlug Saite um Saite an, bis die Kunst seiner Melodien erschöpft war, aber immer noch rief jene einzige Stimme achtlos, ja unbewußt der süßesten Harfe im Chor der Engel:

»O Adenheim, Adenheim, traure nicht um die Verlorene.«

Seralims Theilnahme ward erregt. Er näherte sich dem Ort, von welchem die Stimme kam, und sah die Seele eines schönen, jungen Mädchens an einen Felsen gekettet, während die Dämonen müßig daneben lagen. Seralim fragte die Dämonen: »Hat der Gesang Euch auch zur Ruhe gewiegt?«

Sie erwiederten: »Ihr Schmerz um einen Andern ist bitterer, denn all unsere Martern; darum feiern wir.«

Da trat der Engel zu der Seele, und fragte mit einer Stimme, die ihr Angstgeschrei zum Schweigen brachte, – denn in welchem Zustand würden wir unempfänglich für das Mitgefühl eines Andern? – »Warum, o Tochter der Erde, erhebst Du fort und fort den gleichen Jammerruf? weßhalb hat die Harfe, welche die Sündigsten unter Deinen Gefährten zur Ruhe bringt, keine Melodie für Dich?«

»Ach, strahlender Fremdling,« erwiederte die arme Seele, »Du 100 sprichst zu Einer, die auf Erden Gottes Geschöpf mehr geliebt hat, als Gott! deßhalb ist sie mit Recht verurtheilt. Aber ich weiß, daß mein armer Adenheim unaufhörlich um mich trauert, und der Gedanke an seinen Schmerz ist mir unerträglicher, als Alles, was mir die Dämonen zufügen können.«

»Und woher weißt Du, daß er um Dich klagt?« fragte der Engel.

»Weil ich weiß, mit welcher Todesqual ich um ihn getrauert haben würde,« erwiederte einfach die Seele.

Die göttliche Natur des Engels ward gerührt, denn Liebe ist ja das Wesen der Söhne des Himmels. »Und wie,« fragte er, »kann ich Deinem Gram abhelfen?«

Entzücken schien die Seele zu durchbeben. Sie hob die nebelhaften, unfaßbaren Arme empor und rief:

»Laß mich – o laß mich nur auf eine kleine Stunde zur Erde zurückkehren, daß ich meinen Adenheim sehe, und ihn, mein eigenes Leiden vor ihm verbergend, in dem seinigen tröste!«

»Ach!« erwiederte der Engel mit abgewandtem Gesicht – denn Engel weinen vor den Augen Anderer nicht: – »wohl könnt' ich Dir diese Bitte gewähren, aber Du weißt nicht, was Du damit verwirkst. Die Seelen im Fegfeuer können zur Erde zurückkehren, aber streng ist der Richterspruch, der auf solcher Rückkehr steht. Mit Einem Wort, für Eine Stunde auf Erde verfällst Du auf tausend Jahre länger in die Peinigungen Deines jetzigen Kerkers!«

»Ist das Alles?« rief die Seele. »Solchem Schicksal unterwerf' ich mich willig. Gewiß liebt Ihr im Himmel nicht, oder Du würdest wissen, Bote von Oben, daß eine Stunde der Tröstung für den Geliebten mit tausend, tausend Jahren der Qual für uns nicht zu theuer erkauft ist. Laß mich meinen Adenheim trösten und beschwichtigen; gleichviel, was aus mir wird.«

Da blickte der Engel empor, und sah in fernen Regionen, die auf jenem Stern kein Anderer wahrzunehmen vermochte, die Strahlen, 101 welche von dem allschauenden Aug ausgingen; und er vernahm die Stimme des Ewigen, die ihn thun hieß, wie ihm sein Mitleid einflüstere. Er wandte sich nach der Seele, und ihre Schattenarme waren liebend nach ihm ausgestreckt. Er sprach das Wort, das die Pforten des Fegefeuers löst, und siehe, die Seele stand wieder in der Menschenwelt.

Es war Nacht im Schloß des Herrn von Adenheim, und er saß zu oberst an seiner funkelnden Tafel. Laut und lang war das Lachen, und fröhlich der Scherz, der von den Wänden wiederhallte; und das Lachen und Spassen des Herrn von Adenheim war lauter und fröhlicher, als dasjenige aller Andern.

Und zu seiner Rechten saß eine schöne Dame, und jeden Augenblick wandte er sich von den Andern, ihr süße Liebesschwüre ins Ohr zu lispeln.

»Hui!« erwiederte das glänzende Fräulein von Falkenberg: »welch Weib darf Deinen Worten glauben? Schwurst Du nicht dieselben Schwüre, gelobtest Du nicht dieselbe Liebe an Ida, Lodens schöne Tochter – und erst drei kurze Monden sind über ihr Grab hingezogen.«

»Bei meiner Seligkeit!« rief der Herr von Adenheim, »Du thust Deiner Schönheit entsetzliches Unrecht. Ida? wahrlich Du spottest meiner; ich die Tochter Lodens lieben! wie wär' ich da Deiner noch würdig? Ein paar freundliche Worte, hie und da ein flüchtiges Zulächeln – das ist die ganze Liebe, die Adenheim für Ida empfand. War's mein Fehler, wenn das arme Närrchen solche Alltagshöflichkeiten falsch auslegte? Nein, Theuerste, Liebe hat dies Herz nur für Dich empfunden.«

»Und wie?« fragte das Fräulein von Falkenberg, indem sie ihren zarten Leib von Adenheims Arm umschlingen ließ: »trauertest Du nicht um ihren Verlust?«

»Nun ja, in der ersten Woche; aber in Deinen hellen Augen fand ich bald Trost.«

102 In diesem Augenblick war es Adenheim, als hör' er hinter sich einen tiefen Seufzer. Er wandte sich um, erblickte aber nichts als einen leichten Nebel, der allmälig zerfloß und in der Entfernung verschwand. Denn hatte Ida Ursache, sich zu erkennen zu geben?

*                 *                 *                 *

*                 *                 *                 *

»Und Du hast also Deine Absicht gegen den Geliebten nicht erfüllt?« fragte Seralim, als die Seele der zermalmten Ida nach dem Fegfeuer zurückkehrte.

»Heiß die Dämonen ihre Martern wieder beginnen!« lautete die Antwort der armen Ida.

»Hast Du darum tausend Jahre Deinem Schicksal zugefügt?«

»Ach,« erwiederte Ida, »nach der einzigen Stunde, die ich auf Erden zugebracht, scheinen mir tausend neue Jahre im Fegfeuer nur wenig Schreckliches zu haben!« Diese Geschichte ist der Hauptsache nach einem fremden Boden entlehnt. Dem Verfasser schien sie würdig auf den englischen verpflanzt zu werden, obwohl er fürchtet, sie dürfte auf diesem Weg einen großen Theil ihrer ursprünglichen Schönheit verloren haben.

»Wie, ist die Geschichte zu Ende?« fragte Gertrud.

»Ja.«

»Nein; gewiß wurden die tausend Jahre dem Schicksal der armen Ida nicht zugefügt, und Seralim nahm sie mit sich in den Himmel?«

»Die Geschichte geht nicht weiter. Der Erzähler war zufrieden, die Ewigkeit der weiblichen Liebe zu zeigen –«

»Und ihren Lohn,« fügte Vane hinzu.

»Letztern Schluß habe ich nicht aus dem Mährchen gezogen, Albert,« lispelte Gertrud. 103

 

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