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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherMax Hesses Verlag
seriesJohannes Scherr Novellenbuch
volumeSiebenter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectid21f97a81
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Erster Band

Erstes Buch.

1.

He, hussah, ho! Die Jagd ist los,
Die Jagd zur See, und pfeilschnell schoß
Wie durch die Luft durchs Meer der Kahn –
Bluträcher folgten seiner Bahn.
Dana.

Die schneidend kalten Nordostwinde, welche in den nördlich gelegenen Küstenstaaten der Union von Nordamerika den Anbruch des Frühlings zu verzögern pflegen, hatten im Jahre 1675 länger als gewöhnlich geweht. Die dichten Forste, welche damals den Boden der Kolonien von Neu-England noch überreichlich bedeckten, waren bis in den Monat Mai hinein mit Schnee und Eis angefüllt gewesen. Erst die zweite Hälfte dieses Monats hatte mildere Lüfte gebracht, und unter der Einwirkung einer wolkenlosen Sonne war dem rasch weichenden Winter die Jahreszeit der Blüten auf dem Fuße gefolgt. Die zahllosen Flüsse und Bäche sandten wieder fessellos ihre rauschenden Wasser aus dem Dunkel der Wälder hervor und dem Meere zu; die Vegetation erwachte mit der diesem Lande eigentümlichen Raschheit, das junge Grün schlang sein fröhliches Netz binnen weniger Tage über unermeßliche Länderstrecken hin, Busch und Kraut schlugen unterm Sonnenkusse die Blütenaugen auf, und in den lauwarmen Nächten sang der Whippoor-Will, die Nachtigall der transatlantischen Hemisphäre.

Die Morgensonne des ersten Junisonntags leuchtete voll und klar ob dem Long-Island-Sund und übersäte die von einer sanften Brise gekräuselte Wasserfläche von Block-Island an bis hinab zur Mündung des Hudson, wo jetzt eine der größten Städte der Welt ihre menschenwimmelnden Straßen hinstreckt, mit purpurnen und goldenen Lichtern. Wem es vergönnt gewesen wäre, die ganze Länge und Breite dieser prächtigen Wasserstraße aus der Vogelperspektive zu überblicken, würde sie in so feierlicher Einsamkeit und Ruhe geschaut haben, als ob noch nie ein Kiel diese Fluten durchschnitten hätte. Auch das langhingestreckte, von zahlreichen Buchten und Flußmündungen durchschnittene Gestade von Konnektikut zeigte allwärts die erhabene Stille der Wildnis. Auf den Wäldern, deren Saum so weit ans Ufer vortrat, daß die Wipfel der Bäume sich in den purpurnen Wassern spiegelten, lag ein heiliges Schweigen, gleichsam eine Sabbatruhe, als hätte sich die Ehrfurcht vor den Satzungen einer Religion, welche erst vor einer kurzen Reihe von Jahren in diese früher nur von dem flüchtigen Fuße des schweifenden Indianers betretenen Einöden verpflanzt worden, auch der Natur mitgeteilt. Man gewahrte von der See aus längs der ganzen Küste kein Zeichen menschlicher Tätigkeit. Man hätte sogar das Vorhandensein von Menschen auf diesen Gestaden verneinen können, denn wenn auch die genannte Kolonie damals schon eine namhafte Anzahl von größeren und kleineren Ansiedlungen in sich faßte, so lagen dieselben doch insgesamt zu versteckt in tief einschneidenden Buchten oder zu tief in den Wäldern oder zu weit hinauf am Konnektikut und an den ihm zinsbaren oder parallel strömenden Flüssen, als daß sie einem zwischen dem Festland und Long-Island hinsegelnden hätten leicht ins Auge fallen können, namentlich zu einer Stunde, wo, wie mit Bestimmtheit behauptet werden kann, sämtliche Bewohner der Ansiedlungen aller Verrichtungen des gewöhnlichen Lebens strengstens sich enthielten, um in ihren schmucklosen Versammlungshäusern, für welche das stolze Wort Tempel in mehr als einer Beziehung nicht paßte, einem religiösen Bedürfnisse zu genügen, dessen Befriedigung sie so weit von den Sitzen ihrer Väter hinweg, über das Weltmeer und in die Schatten der Urwälder getrieben hatte.

Da aber das Drama, dessen Szenen wir den Augen des Lesers zu entrollen im Begriffe sind, der handelnden Personen bedarf, so versetzen wir ihn von der Meerenge, auf welche wir zuerst seine Aufmerksamkeit richteten, auf eine schmale Landzunge, welche ostwärts von der breiten Mündung des Flusses Pawkatuck ziemlich weit in die See vorspringt.

Dieser Ort hat ganz das Ansehen jungfräulichen Bodens. Die unbedeutende Brandung brach sich mit kaum hörbarem Geräusch an den Kieseln des flachen Ufers, welches sie mit einem Streifen weißen Schaumes säumte. Frischbelaubtes Gestrüppe netzte seine üppigen Ranken im Wasser und zog in seinen tausendfachen Verschlingungen eine, wie es schien, undurchdringliche Mauer um die Wurzeln der gewaltigen Stämme, die weiter landeinwärts sich erhoben und deren ineinander greifende Kronen eine düstere Wölbung bildeten, welche kaum da und dort einem Sonnenstrahle den Zugang gestattete.

Auch hier herrschte die Stille, welche allum auf Land und Meer lag; allein sie sollte bald unterbrochen werden, wenn auch nur leise, leise. Ein kleiner Vogel, der pickend und schnabelwetzend auf einem Zweige des Strandgebüsches saß, flog plötzlich erschreckt empor und davon. Zu seinen Füßen war ein leichtes Geräusch hörbar geworden, welches man etwa auf Rechnung eines kleinen Wildes schreiben konnte, das sich durch Strauch und Dorn vorsichtig dem Ufer zudrängte. Indessen erschien es nicht an demselben, und das leichte Geräusch verstummte wieder. Doch schon in der nächsten Sekunde wurden die Zweige eines Sumachbusches, dessen Wurzeln die See bespülte, von unsichtbaren Händen auseinandergebogen, und in der Öffnung erschien der glattgeschorene, braune Kopf eines Indianers, dessen funkelnde schwarze Augen die Wasserfläche vor ihm zur Rechten, zur Linken und geradeaus blitzschnell überblickten und ausspähten. Nachdem er sich von der Einsamkeit der See überzeugt hatte, erweiterte er die Öffnung im Gestrüppe so weit, daß er die nackten Schultern dem Kopfe folgen lassen konnte, und verharrte dann, auf dem Bauche liegend und das Gesicht nur wenige Zoll über das Wasser erhoben, mit der Geduld eines indianischen Spähers wohl eine Stunde lang in einer Stellung, welche der einer auf Beute lauernden Schlange nicht unähnlich war.

Endlich schien er in der Tat das Nahen einer Beute oder einer Gefahr zu hören oder zu wittern, denn er dehnte seinen Hals vorwärts, seine Nasenflügel erweiterten sich, seine Ohren spitzten sich lauschend, und seine Augen bohrten brennend rechtshin am Ufersaum hinab.

Seine scharfen Sinne hatten den roten Mann nicht getäuscht. Eine kleine Barke kam mit geschwelltem Segel hinter einem Vorsprunge der zackigen Küste hervor, und fuhr, wenige Klafter vom Ufer entfernt das Wasser durchstreichend, ziemlich rasch gegen die Landzunge herauf, an deren äußerstem Ende der Indianer im Verstecke lag.

Der Wilde schien keine Feindseligkeit gegen die Bemannung des Kahnes im Schilde zu führen. Er zog Schultern und Kopf in den Busch zurück und begnügte sich, hinter dem Laubwerk hervor die Leute in dem Fahrzeuge zu mustern. Er vergewisserte sich, daß es drei Personen waren: ein Greis, ein Mann in reiferen Jahren, welcher das Steuer des Schiffleins lenkte, und ein junges Mädchen, alle drei der weißen Rasse angehörend. Etwas wie Freude flammte in den Augen des roten Spähers auf; aber er verriet seine Empfindung durch keinen Laut und bewegte nicht einmal die Lippen. Mit einer Vorsicht, die keinen Zweig unter ihm knacken ließ, kroch er rückwärts durch das Gesträuche, dann richtete er sich im Schutze desselben behutsam auf und eilte hierauf mit der Schnelligkeit des gejagten Hirsches forsteinwärts.

Die drei im Kahne hatten von der Anwesenheit der Rothaut auf dem Ufer und von ihrem Verschwinden nicht das geringste bemerkt und fuhren arglos an der Landzunge vorüber. Sie waren jedoch noch nicht viel über eine Seemeile weiter gen Osten zu gesegelt, als sie erfahren sollten, daß ihre Küstenfahrt in der Morgenstille des Sabbats keineswegs so unbeachtet geblieben, wie sie vielleicht gewähnt und jedenfalls gewünscht hatten. Denn sie waren Flüchtlinge, ja, und zwar Flüchtlinge, die schon manchen Tag lang vor unerbittlichen Verfolgern her geflohen waren, geflohen über Meeresbuchten und Ströme, durch Sümpfe, pfadlose Wälder und das Gestrüppe der Prärien, unablässig gehetzt von der weit unten am Long-Island-Sund liegenden Kolonie Newhaven bis nach Branford, von da nach Haddam am Konnektikut, von da nach Norvich am Shetucket und jetzt von Southorton an der Mündung des Pawkatuck die Südküste des Naragansetterlandes entlang. Gestern abend hatten die Verfolger die Spur der Flüchtlinge verloren, und sie würde ihnen verloren geblieben sein, wenn nicht die Spürkraft eines Eingeborenen – eben des Spähers auf der Landzunge – ihnen zu Hilfe gekommen wäre. Die Jäger hatten das Wild überjagt, das heißt, sie hatten in ihrer Ungewißheit und ihrem Eifer die Flüchtlinge überholt, welche die Nacht in einer verborgenen Bucht der linken Seite der Pawkatuckmündung zugebracht. Beim ersten Tagesgrauen hatten sie ihre Barke aus dem schilfbewachsenen Verstecke hervor in See gebracht und fuhren nun mit günstigem Winde und mit einem verhältnismäßigen Gefühle von Sicherheit an der Küste hin.

Indessen sollten sie, wie schon angedeutet worden, nur zu bald erfahren, daß die Jagd auf sie keineswegs aufgegeben war.

Das kleine Fahrzeug hatte wieder die Spitze eines der zahlreichen Landausläufer dieser Gestade umfahren und verfolgte dann aufs neue seinen nordöstlichen Kurs, als in seinem Rücken ein Boot aus der Mündung eines Küstenflusses hervorschoß und, kaum in der offenen See angelangt, seinen Bug dem Stern des voransegelnden Fahrzeugs zukehrte.

Dieses Boot ward von vier matrosenmäßig aussehenden Männern gerudert. Ein fünfter, noch jung an Jahren, hielt das Steuer, ein sechster, dessen grauer Bart sein Alter bezeugte, stand im Vorderteil der Barke, neben dem Indianer, welchen wir vorhin auf der Landzunge belauschten. Der Anzug des Graubartes und des Steuermannes war der wohlhabender Bürgersleute jener Zeit. Sie waren in feines Brabantertuch gekleidet und trugen über dem langschößigen Wams einen kurzen Mantel. Wer da weiß, wie die Mitglieder der damaligen religiösen und politischen Parteien in Schnitt und Farbe der Kleidung sich zu unterscheiden liebten, wird leicht den Wink verstehen, daß die beiden Männer in beiderlei Beziehung der düstern, strengen Tracht der puritanischen Kolonisten von Neuengland nicht huldigten. Sie schienen auf einem nicht gefahrlosen Unternehmen begriffen zu sein, wenigstens deuteten die Waffen, womit sie sich versehen, darauf hin, daß sie auf alle Fälle gefaßt waren. Jeder der beiden trug ein paar der ungeschlacht langen Pistolen im Gürtel, welche die Reiter Cromwells und die Kavaliere Karls I. in so vielen Treffen aufeinander losgebrannt hatten; jeder hatte seinen Stoßdegen an der Seite und am Fuße der Maststange lagen zu augenblicklichem Gebrauche bereit vier oder fünf der schwerfälligen Feuergewehre, deren Handhabung einem jeden Soldaten unserer Zeit einige Schwierigkeit verursachen dürfte. Die Matrosen hatten das kurze, breite Entermesser ihres Gewerbes im Gürtel stecken und sahen ganz danach aus, als wüßten sie bei Gelegenheit den geeigneten Gebrauch von dieser im Handgemenge schrecklichen Waffe zu machen.

Als das Fahrzeug, von kräftigen Ruderschlägen getrieben, zuerst hinter den Weiden und Binsen der Flußmündung hervorgeglitten, streckte der Indianer den Arm aus und deutete mit einem lakonischen, aber ausdrucksvollen Hugh! auf den Nachen der Flüchtlinge, welcher in der Entfernung einer halben Seemeile dahinsegelte.

»Ja, hughe nur, Rothaut,« versetzte der neben dem Sohn der Wildnis stehende Weiße. »Hughe nur, hast ein Recht dazu, Gott verdamm' mich! Hatten die Fährte der blutigen Schurken total verloren, als du sie wieder aufschnüffeltest. Siehst du, Tom Kirk,« fuhr er fort, indem er sich rückwärts zu dem jungen Manne am Steuerruder wandte, »siehst du nun, daß das rothäutige Ungeziefer manchmal auch zu etwas taugt?«

»Ah bah, Master Kellond,« entgegnete der Angeredete, »ich denke, 's war eben keine Hexerei nötig. – Sagte Euch ja gestern abend schon, wir brauchten nur die See zu halten, um unsere Leute wieder zu Gesicht zu bekommen. Und da haben wir sie jetzt und zwar auf 'ner offenen Straße, die ich mir nicht genug loben kann nach dem tagelangen Herumkriechen in Wald und Sumpf und all der kotigen Teufelei. Sag' Euch, Master, hatt' es schier überdick, dies verdammte Herumkriechen. – Seht nur mal meine oder Eure eigenen Kleider an – ist ein rarer Anblick! Gerade herausgesagt, wie's einem ehemaligen Lehrbursch von Altlondon zukommt, ich will mich hängen lassen, wenn ich mich um König Karls willen zu dieser wilden Gänsejagd hergegeben. Es geschah bloß um Euretwillen –«

»Und mehr noch um Effies willen, Tom.«

»Nun ja, ich will's nicht leugnen. Effie ist ein schönes Mädchen und hat mir's angetan, die kleine Hexe. Wäre sie nur ein bißchen weniger hochmütig, Master Kellond; denn ich sag' Euch, Euer Töchterlein weiß sich zu spreizen wie 'ne Herzogin im lustigen Altengland.«

»Das wird sich geben, Tom. Das hochmütigste Jüngferchen tanzt nach der Pfeife des Mannes, wenn's ein rechter Mann ist. Und dann darf Effie wohl was auf sich halten, sollt' ich meinen; denn gelingt unser Fang, so kehren wir alle nach England zurück, ich erhalte, was mir versprochen ist, und das reicht hin, Effie in den Stand zu setzen, daß sie mit jeder Aldermannsfrau wetteifern kann. Ich erleb's noch, Tom, daß du dich selber mächtig freust, wenn du dein Weibchen Effie in Samt und Seide durch die City stolzieren siehst.«

»Hm, Master,« erwiderte Tom Kirk und ließ für einen Augenblick das Steuerruder fahren, um sich bedenklich hinter dem Ohre zu kratzen, »was Ihr von der Heimkehr nach Altengland sagt, ist mir ganz aus der Seele gesprochen, denn ich bin dieses Landes hier, des Landes der Heiligen, wo man vor Langeweile stirbt, von Herzen überdrüssig. Was aber Effie betrifft, so fürcht' ich, das vertrackt launische Geschöpf wird sich, wenn Ihr erst wieder im Besitz Eures Hauses in der City seid, nach einem andern Freier umsehen, etwa nach so 'nem luftigen, lumpigen Kavalier, der Schmachtlocken trägt, auf der Laute klimpert und –«

»Und dessen verpfändete, halb in Trümmern liegende Burg ich mit meinem sauer erworbenen Geld einlösen müßte, nicht wahr? Mach dir doch kein solch dummes Zeug vor, mein Junge. Du hast mein Wort, Effie wird dein Weib, sobald wir dieses Unternehmen glücklich zu Ende geführt; dann verlassen wir dieses Land voll roten Ungeziefers und näselnder Puritaner und machen uns daheim gute Tage.«

»Wohl, und der Teufel hole die stutzohrigen Schufte, die uns verhinderten, unser Geschäft schon vor acht Tagen abzutun. Hattet Ihr nicht des Königs Befehl und Siegel in der Tasche, Master, und konnten wir nicht schon drunten in Newhaven die Hand auf den Fang decken, wenn uns die verdammten Psalmenorgler nur einigermaßen behilflich gewesen wären?«

»Allerdings, und ich bin sogar überzeugt, daß diese eingefleischten Rundköpfe ihren sauberen Gesinnungsgenossen zur Flucht verholfen haben, während sie uns mit nichtigen Einwänden hinhielten. Sagte mir doch der Governor Leete, als ich ihn endlich geradezu fragte, ob die Kolonie den Befehl des Königs respektieren wolle, sie ehrten freilich Se. Majestät, aber sie hätten zarte Gewissen, was soviel heißen wollte als: sie würden tun, was ihnen beliebte. Und als ich weiter fragte, ob sie Se. Majestät den König anerkennen, erwiderte der unverschämte stutzohrige Hund, sie möchten vor allen Dingen wissen, ob Se. Majestät sie anerkenne.«

»Ich will mich in eine Feldschlange laden lassen, wenn das nicht entschieden nach dem alten Noll schmeckt.«

»Freilich, freilich! Die Leute in diesem Lande reden und tun, als wäre der alte Noll, der jetzt, Gott sei Dank, schon lange in der Hölle bratet, noch immer Lordprotektor von England. Ich sag' dir, Tom, es muß ein tüchtiger Besen über Neuengland gehen, um all den puritanisch-republikanischen Unrat wegzukehren. Aber laß mich nur erst wieder drüben sein, und ich will mich selber einen Rundkopf schelten lassen, wenn ich nicht aus dem, was ich in diesem Lande der Heiligen, unter diesen Pilgern der Wildnis, wie die Schufte sich nennen, gesehen und gehört habe, einen Strick zu drehen weiß, stark genug, um allen Sektierern und Hochverrätern den Hals zuzuschnüren. – Doch was ist das?« unterbrach sich Mr. Kellond. »Wir schwatzen hier wie zwei alte Weiber, und inzwischen vergrößert sich der Zwischenraum zwischen uns und den Flüchtigen eher, als er sich vermindert. Hollah, Bursche,« fügte er zu den Matrosen gewandt hinzu, »greift aus mit den Rudern und vergeßt nicht, daß ich versprochen, eure Hände mit Silber zu füllen, sobald wir das Boot dort eingeholt haben werden.«

Indem er so sprach, ging er aus dem Stern des Bootes, wo er während des vorhergehenden Gespräches neben dem Freier der »vertrackt launischen« Effie gestanden, wieder nach vorn und schaute eifrigst nach dem Fahrzeuge der Flüchtlinge aus, welches mit Windeseile über die Wogen hinflog.

»Bei der schwärzlichen Gesichtsfarbe Seiner geheiligten Majestät,« rief der ungeduldige Verfolger aus, »sie gewinnen immer mehr Vorsprung. Was meinst du, Rothaut?«

Der Indianer, welcher mit der seiner Rasse in Augenblicken der Ruhe eigentümlichen Apathie auf dem Boden der Barke saß, begnügte sich, ohne den Kopf zu wenden, in seinem gebrochenen Englisch zu erwidern:

»Wamatut nichts verstehen von weißen Mannes Kanoe.«

»Aber, zum Henker, sie waren uns doch nur wenige Klafter voraus, als wir aus dem Flusse hervorkamen, und jetzt wird die Entfernung zwischen uns immer größer, obgleich der nämliche Wind unser Segel füllt, welcher das ihrige bläht, und wir vier Ruder haben, während sie im besten Fall nur zwei in Bewegung setzen können.«

»Mit Eurer Erlaubnis, Master,« nahm einer der Matrosen das Wort, »das Ding kommt mir schon lange nicht recht geheuer vor. Ich hab' mir von dem Bootsmann auf der guten alten Brigg Königin Mary mal sagen lassen, daß alle Anhänger des alten Noll von ihrem Herrn und Meister das Geheimnis ererbt hätten, den Bösen sich dienstbar zu machen, und –«

»Ah bah, papistischer Unsinn!« unterbrach Kellond den Sprecher und bewies durch diesen Ausruf, daß er von den freigeisterischen Ansichten, welche am Hofe Karls II. gang und gäbe waren, nicht unberührt geblieben war.

»Na, na,« sagte ein zweiter Matrose. »Allan steckt freilich von Altschottland her in seinem Papismus, das muß wahr sein. Jedennoch, Master, muß jeder ehrliche Seemann wissen und glauben, daß der Teufel zur See noch ärger wütet als auf dem festen Lande.«

»Auch du, Bill?« versetzte Kellond ärgerlich. »Nun, glaube, was dir Spaß macht, aber sorge dafür, daß diese verdammte alte Schachtel von Boot schneller vorwärts kommt.«

Bill ließ sein Ruder fahren, stand auf und prüfte mit der Miene eines erfahrenen Schiffers Wind und Wetter.

In diesem Augenblicke schlug das Segel träge und flappig an den Mast.

»Verdammt!« schrie Kellond. »Auch das noch? Der Wind hört auf zu blasen.«

»Ei, Master,« sagte Bill, wieder zum Ruder greifend, »das ist's gerade, was wir brauchen. Rechne, wenn uns der Wind ausgeht, geht er auch denen dort vorn aus. Wir aber sind die Stärkeren, und wenn die faule Rothaut und, nehmt's nicht krumm, auch Ihr, Master, ein Ruder nehmen wolltet, so müßt' es doch mit allen Satanassen der siebzehn Höllen zugehen, wenn wir nicht bald ein Wort mit den Herren sprechen sollten, auf deren nähere Bekanntschaft Ihr so erpicht seid.«

In der nächsten Sekunde war das nutzlose Segel niedergelassen, und von sechs Rudern vorwärts gestoßen, folgte die Barke eiligst dem Fahrwasser der Flüchtlinge.

Von Westen nach Osten streichend schwellte die Brise in ihrem Verhauchen das Segel des voranschiffenden Bootes noch einige Minuten, nachdem die Verfolger das ihrige schon hatten einziehen müssen. Dieser Umstand ließ den Zwischenraum zwischen den beiden Booten noch eine Weile unvermindert erscheinen, allein bald zeigte es sich, daß Bill richtig geraten, als er die Windstille einen glücklichen Zufall nannte. Die verfolgende Barke rückte der verfolgten allmählich näher.

»Drauf, Bursche!« rief Kellond mit wildem Frohlocken; »sie können uns nicht mehr entgehen. Legt euch auf die Ruder, es gilt den Dienst Sr. Majestät und eine Handvoll Piaster.«

Tom Kirk stand auf, ohne das Steuer aus der Hand zu geben, und lugte scharf nach der gejagten Barke aus.

»Sie haben uns bemerkt,« sagte er, »und, beim Himmel, sie halten auf das Land zu, wahrscheinlich um wieder in den verfluchten Wäldern Zuflucht zu suchen. Mag ich selber erschossen werden, wenn ich nicht meine Büchse mit ihnen sprechen lasse, bevor sie uns wieder in das höllische Baumlabyrinth entschlüpfen.«

»Das wirst du bleibenlassen, Tom,« versetzte Kellond. »Lebendig müssen wir sie haben, weißt du. Das wird das Herz Sr. Majestät ganz anders erfreuen, als wenn wir dem königlichen Herrn nur sagen könnten, die beiden Bluthunde wären an irgend einer namenlosen Küste von Neuengland von uns niedergemacht worden. Auch hat es gar nichts zu sagen, wenn sie sich wieder in die Wälder machen, denn wir haben jetzt die Rothaut da bei uns, welche ihre Spürkraft bereits bewiesen hat. In den Wäldern können wir die Flüchtlinge besser beschleichen als auf offener See und gefahrloser obendrein.«

»Beschleichen, Master!« versetzte der junge Mann unwillig. »Das ist nicht meine Sache. Ich will sie nicht beschleichen, sondern offen anfallen, Hand gegen Hand. Wir sind zu sechs gegen zwei und können es, denk' ich, auch zu zwei mit einem Greis und einem nicht mehr jungen Mann aufnehmen. Beschleichen, wahrhaftig!«

»Ich sage dir ja, daß wir sie lebendig fangen müssen, und dann, mein Junge, kennst du die beiden Obersten verdammt schlecht, wenn du so leichtes Spiel mit ihnen zu haben glaubst. Hättest du gesehen, wie der eine von ihnen an der Spitze seines Regiments bei Dunbar die wilden Hochländer vor sich hertrieb und wie der andere bei Worcester mit Kromwells Eisenseiten auf die Kavaliere einhieb, so würdest du dir unser Geschäft als ein ziemlich schwieriges vorstellen. Was wahr ist, muß man sagen, und gält' es auch dem Teufel selbst. Sie waren im Kampfe immer zuerst und zu oberst und haben ihre Titel redlich verdient.«

»Ei, wenn sie solche Kampfhähne sind, wie Ihr sagt, warum sind sie dann so viele Tage vor uns geflohen wie ein Trupp Haselhühner, statt sich uns kühn entgegenzustellen?«

»Du vergißt, daß sie ein Weib bei sich haben, welches die Enkelin des einen und die Tochter des andern ist.«

»Wahr, aber was werden wir denn mit dem Dämchen anfangen?«

»Hm,« versetzte Kellond, mehr zu sich als zu seinem Gesellen sprechend, »wenn sie so schön ist, wie die Rede geht, so will ich mir die Mühe nehmen, sie vom Puritanismus zu bekehren zur –«

»Was sagt Ihr?«

»Ich sage,« erwiderte Kellond, seinen Gedanken verschluckend, »daß wir sie nach Virginien verkaufen wollen, wo sie Tabak pflanzen mag.«

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