Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Die Pickwickier

Charles Dickens: Die Pickwickier - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pickwickier
authorCharles Dickens
year1953
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin
titleDie Pickwickier
translatorGustav Meyrinck
created20030108
sendermpokora@cityweb.de
Schließen

Navigation:

Achtundvierzigstes Kapitel

Mr. Pickwick trifft einen alten Bekannten.

Der Morgen, der um acht Uhr über Mr. Pickwicks Haupt hereinbrach, war keineswegs danach angetan, seinen Mut zu heben oder die Niedergeschlagenheit, in die ihn sein unvorhergesehener Mißerfolg versetzt hatte, zu vermindern. Der Himmel war düster und trübe, die Luft feucht und rauh, die Straße naß und kotig. Schwerfällig hing der Rauch über den Schornsteinen, als gebräche es ihm an Mut, aufzusteigen, und der Regen fiel langsam und verdrossen herab, als hätte er keine rechte Lust, sich zu ergießen. Im Hof stand der Haushahn, ohne einen Funken seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, verdrießlich auf einem Bein in einem Winkel, lind der Eselhengst döste gesenkten Hauptes unter dem schmalen Dach des Holzschuppens; nach seinem grüblerischen, jammervollen Gesichtsausdruck zu urteilen, erwog er Selbstmord. Auf der Straße sah man nichts als Regenschirme, und die einzigen Töne, die sich vernehmen ließen, waren das Schlapfen von Überschuhen und das Plätschern der Dachrinnen.

Das Frühstück wurde sehr wenig durch Unterhaltung gewürzt, und selbst Mr. Bob Sawyer empfand den Einfluß des Wetters und die Nachwehen des letzten Tages. Er war, wie er sich ausdrückte, zerschmettert. Ebenso ging es Mr. Ben Allen und besonders Mr. Pickwick.

In der Erwartung, das Wetter werde sich aufhellen, wurde das neueste Londoner Abendblatt mit einem Eifer und Interesse gelesen, wie sich dies nur in Fällen äußerster Verwahrlosung denken läßt; mit gleicher Beharrlichkeit wurde jeder Zoll des Bodens auf und ab geschritten, alle Augenblicke zum Fenster hinausgesehen und jedes mögliche Zerstreuungsmittel ausfindig gemacht. Endlich, zu Mittag, ohne daß das Wetter sich geändert hätte, zog Mr. Pickwick entschlossen die Klingel und bestellte einen Wagen.

Obgleich die Straßen schmutzig waren, der Sprühregen heftiger als bisher fiel und Kot und Nässe durch die offenen Fenster des Wagens hereinspritzten, so daß die drinnen Sitzenden fast ebensosehr dadurch belästigt wurden wie die beiden auf dem Rücksitz, war man doch jedenfalls in frischer Luft, und das Gefühl, unterwegs zu sein und Bewegung zu haben, was so unendlich angenehmer ist als das Eingeschlossensein in einer trüben Stube, von der aus man nur den Regen herabträufeln sehen kann, nötigte ihnen allen das Geständnis ab, daß sie durch den Tausch viel gewonnen hätten und eigentlich selbst nicht wüßten, wie sie dazu gekommen waren, solange mit dem Aufbruch zu zögern.

Als sie in Coventry anhielten, um die Relais zu wechseln, stieg der Dampf in solchen Wolken von den Pferden auf, daß der Hausknecht ganz unsichtbar wurde und man ihn wie aus dem Nebel heraus erklären hörte, er erwarte bei der nächsten Preisverteilung die erste goldene Medaille von dem Rettungsverein dafür, daß er dem Postillion den Hut abgenommen habe; denn von dem Rande desselben ströme, versicherte er, eine solche Wassermasse herab, daß er unfehlbar ertrunken wäre, wenn er ihm ihn nicht, kraft großer Geistesgegenwart, schnell vom Kopfe gerissen und das Gesicht mit einem Strohwisch abgetrocknet hätte.

"Eine erbauliche Fahrt das", meinte Bob Sawyer, schlug sich den Rockkragen hoch und verhüllte sich den Mund mit dem Schal, um die Düfte eines soeben heruntergeschluckten Glases Branntwein zu kondensieren.

Die nächste Station war Daventry, die folgende Towcester, und es regnete immer heftiger.

"Ich konstatiere", bemerkte Bob Sawyer zum Kutschenfenster hinein, als sie vor dem "Türkenkopf" in Towcester anhielten, "ich konstatiere, daß man so nicht Weiterreisen kann."

"Ja, wahrhaftig", bestätigte Mr. Pickwick, der eben aus einem Schläfchen erwachte, "ich fürchte, Sie sind durch und durch naß."

"Ja, das bin ich", knurrte Bob und schüttelte sich, daß es nur so sprühte, "naß wie ein Neufundländer, den man ins Wasser geworfen hat."

"Ich halte es auch für rein unmöglich, heute nacht weiterzureisen", mischte sich Ben ein.

"Also gut", gab Mr. Pickwick nach, "bleiben wir hier; aber irgendwie muß ich einen Brief nach London absenden, damit er morgen in aller Frühe bestellt wird. Wenn das nicht möglich sein sollte, müssen wir unter allen Umständen weiterfahren."

Der Wirt lächelte vergnügt. Nichts sei leichter, als einen Brief in einen Bogen Packpapier einzuschlagen und entweder mit der Post oder mit der Nachtdiligence nach Birmingham weiterzubefördern, meinte er.

"Gut", sagte Mr. Pickwick, "dann bleiben wir also hier."

Licht wurde gebracht, die Glut geschürt und ein frisches Scheit hineingeworfen. In zehn Minuten deckte ein Kellner den Tisch zum Mittagessen, das Feuer flackerte lustig, und alles sah aus, als ob die Reisenden schon seit mehreren Tagen erwartet worden wären.

Mr. Pickwick setzte sich an einen Seitentisch und schrieb schnell ein paar Zeilen an Mr. Winkle, in denen er ihm kurz meldete, er sei durch das Unwetter zurückgehalten worden, werde sich aber unfehlbar am folgenden Tag in London einfinden. Dort wolle er ihm über den Erfolg seiner Reise weiterberichten.

Sam übergab den Brief der Wirtin, und nachdem er sich selbst am Küchenfeuer getrocknet hatte, wollte er zurückkehren, um seinem Herrn die Stiefel auszuziehen; da erblickte er zufällig durch eine halboffene Tür hindurch einen rothaarigen Herrn, der einen großen Pack Zeitungen auf dem Tisch vor sich liegen hatte und den Leitartikel in einer derselben mit sichtlichem Ingrimm las, wobei seine Nase und sein ganzes Gesicht sich zu einem geringschätzigen Ausdruck von Verachtung verzogen.

"Hallo!" rief Sam. "Ich nehme an, den Kopf und das Gesicht da sollte ich wohl kennen; auch das Augenglas und den breitkrempigen Deckel! Das war doch in Eatanswill – oder ich will katholisch werden."

Dann wurde er plötzlich von einem heftigen Husten befallen, der die Aufmerksamkeit des Herrn erregte und die gedankentiefen, durchgeistigten Züge Mr. Potts, Herausgebers der "Eatanswiller Gazette", sehen ließ.

"Pardon, Sir", sagte Sam, "mein Herr ist hier, Mr. Pott."

"Pst, pst!" rief der Publizist, zog Sam ins Zimmer und schloß die Tür, wobei sich geheimnisvolle Besorgnis in seinen Mienen abmalte. "Nennen Sie meinen Namen nicht. Hier ist alles gelb. Wenn der leicht erregbare Pöbel wüßte, daß ich hier bin, er würde mich in Stücke reißen."

"Meinen Sie wirklich?"

"Ja, ich würde das Opfer der Volkswut werden. Übrigens, junger Mann, was macht Ihr Herr?"

"Er is auf der Reise nach London begriffen und übernachtet hier mit 'n paar Freunden."

"Ist Mr. Winkle dabei?" fragte Pott mit leichtem Stirnrunzeln.

"Nö", erwiderte Sam, "Mr. Winkle bleibt jetzt zu Hause; er is verheiratet."

"Verheiratet?" rief Pott mit schreckenerregender Heftigkeit, schwieg dann eine Weile, lächelte düster und 'setzte in tiefem, rachsüchtigem Tone hinzu: "Das geschieht ihm recht."

Da seine Frage, ob Mr. Pickwicks Freunde blau seien, von Sam, der so wenig von der Sache wußte wie irgend jemand, bejahend beantwortet wurde, entschloß er sich, ihn zu Mr. Pickwick zu begleiten, der ihn aufs herzlichste begrüßte und darauf bestand, daß sie alle gemeinsam zu Mittag speisen sollten.

"Und wie steht's denn in Eatanswill?" fragte der liebenswürdige alte Herr, als Pott einen Stuhl ans Feuer gerückt und die ganze Gesellschaft die nassen Stiefel aus- und trockene Pantoffeln angezogen hatte. "Existiert der ,Independent' noch?"

"Der ,Independent, Sir", erwiderte Pott, "schleppt noch immer sein elendes, erlöschendes Dasein hin, verabscheut und verachtet selbst von den Wenigen, denen seine schmachvolle, erbärmliche Existenz bekannt ist, erstickt in demselben Schmutz, mit dem er so reichlich um sich wirft.

Taub und blind gemacht durch die faulen Dünste seines eigenen Unrats, versinkt dieses Mistblatt, sich seiner Verkommenheit nicht einmal bewußt, rasch in dem verräterischen Schlamme, der, obgleich er ihm bei den niedrigen und verderbten Klassen der Gesellschaft einen festen Standpunkt zu geben scheint, gleichwohl über sein verruchtes Haupt hinauswächst und es bald auf ewig verschlingen wird."

Nachdem der Zeitungsheld dieses Manifest – einen Teil seines Leitartikels der letzten Woche – mit Heftigkeit von sich gegeben, schwieg er, um Atem zu schöpfen, und blickte Bob Sawyer majestätisch an.

"Sie sind ein noch junger Mann, Sir", sagte er nach einer Weile.

Bob Sawyer nickte.

"Und Sie auch, Sir", fuhr Pott, zu Mr. Ben Allen gewendet, fort.

Ben lächelte stumm.

"Und Sie sind auch beide tief durchdrungen von den blauen Prinzipien, zu deren Aufrechterhaltung und Verfechtung ich mich, solange ich lebe, der Bevölkerung dieser vereinigten Königreiche gegenüber anheischig gemacht habe?"

"Natürlich", erwiderte Bob Sawyer, "ich verstehe nur die Sache nicht recht, ich bin ..."

"Doch nicht gelb, Mr. Pickwick?" unterbrach ihn Pott und wich mit seinem Stuhl zurück. "Ihr Freund ist doch nicht gelb, Sir?"

"Nein, nein", versicherte Bob, "ich bin in diesem Augenblick mehr schottisch – gewürfelt, sozusagen ein Gemisch von allen möglichen Farben."

"Also ein Schwankender", erklärte Pott feierlich, "ein Schwankender. Ich möchte Ihnen eine Reihe von acht Artikeln vorlegen, Sir, die in der ,Eatanswiller Gazette' erschienen sind. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß Sie dann bald Ihre Ansichten auf eine feste und solide Basis gründen würden, Sir."

"Und ich", antwortete Bob, "glaube behaupten zu dürfen, daß ich sehr blau würde, noch lange, ehe ich sie ganz gelesen hätte."

Mr. Pott blickte Bob Sawyer noch einige Sekunden lang zweifelnd an, wandte sich dann zu Mr. Pickwick und fragte:

"Sie haben doch die literarischen Artikel gelesen, die im Laufe der letzten drei Monate in der ,Eatanswiller Gazette' erschienen sind und eine allgemeine, ich kann wohl sagen universelle Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt haben?"

"Ich muß gestehen", entschuldigte sich Mr. Pickwick, durch die Frage einigermaßen verlegen, "ich muß gestehen, ich war anderweitig so in Anspruch genommen, daß ich wirklich keine Zeit hatte, sie zu lesen."

"Sie sollten so etwas nicht unterlassen, Sir", ermahnte Pott mit strenger Miene.

"Ja, Sie haben recht", gestand Mr. Pickwick.

"Sie sind in der Form einer ausführlichen Kritik eines Werkes über die chinesische Metaphysik erschienen", fuhr Pott fort.

"Was Sie sagen?! Und hoffentlich aus Ihrer Feder?"

"Aus der meines Rezensenten, Sir", antwortete Pott mit Würde.

"Und wahrscheinlich sehr gelehrt abgefaßt?"

"Ja, ungeheuer", antwortete Pott, unendlich weise um sich blickend. "Er ochste aber auch gehörig, um sich eines technischen, aber bezeichnenden Terminus zu bedienen; er las zu diesem Behuf auf mein Verlangen in, der ,Encyclopaedia britannica' nach."

"Wirklich?" staunte Mr. Pickwick. "Ich wußte gar nicht, daß dieses unschätzbare Werk auch Nachweise über die chinesische Metaphysik enthält."

"Ja, Sir", erklärte Pott, legte seine Hand auf Mr. Pickwicks Knie und blickte mit einem Lächeln geistiger Überlegenheit um sich, "er las über die Metaphysik unter dem Buchstaben M und über China unter dem Buchstaben C nach und machte so einen eigenen Artikel zurecht."

Die Züge des Publizisten nahmen bei dieser Erinnerung an den gelehrten Erguß etwas so Überwältigendes an, daß einige Minuten verstrichen, bevor Mr. Pickwick sich kühn genug fühlte, das Gespräch fortzusetzen. Endlich, als sich das Gesicht Potts allmählich wieder zu seinem gewöhnlichen Ausdruck geistiger Überlegenheit glättete, wagte er es, die Unterhaltung durch die Frage anzuknüpfen:

"Dürfte ich wohl erfahren, welch großer Zweck Sie so weit von Hause weggeführt hat?"

"Derselbe Zweck, der mich bei all meiner Arbeitslast anstachelt und beseelt", erwiderte Pott mit ruhigem Lächeln, "das Wohl meines Vaterlandes."

"Ich dachte mir gleich, es sei irgendeine öffentliche Mission."

"Ja, Sir, das ist es auch", bejahte Pott, beugte sich zu Mr. Pickwick nieder und flüsterte ihm mit tiefer, hohler. Stimme zu:

"Die Gelben haben morgen abend in Birmingham einen Ball."

"Was Sie nicht sagen!" rief Mr. Pickwick.

"Ja, Sir, und ein Souper."

"Ah."

Pott nickte mit unheilverkündender Miene.

Obgleich sich Mr. Pickwick stellte, als wäre er durch diese Eröffnungen sehr überrascht, so war er doch mit der Lokalpolitik zuwenig vertraut, als daß er sich schlechterdings von der Wichtigkeit der schrecklichen Verschwörung einen richtigen Begriff hätte machen können, auf die hier angespielt wurde. Mr. Pott bemerkte es auch, zog die letzte Nummer der "Eatanswiller Gazette" aus der Tasche und las zur näheren Aufklärung seines Freundes folgenden Artikel vor:

"WINKELGELBTUM

Ein Ungeziefer, ein böser, schädlicher Wurm von Kollega hat vor kurzem sein schwarzes Gift ausgespien, in dem eitlen, hoffnungslosen Versuch, den guten Namen unseres ausgezeichneten und vortrefflichen Deputierten, Mr. Slumkeys, Hochwohlgeboren, zu besudeln – desselben Slumkey, von dem wir lange, bevor er seine gegenwärtige hohe Stellung errungen, vorausgesagt, er werde werden, was er jetzt ist, ein Ehrenpfeiler seines Landes, sein stolzester Ruhm, sein kühnster Verteidiger und seine herrlichste Zierde. Unser ungezieferartig denkender Kollega, sagen wir, hat sich lustig gemacht über einen plattierten, herrlich gearbeiteten Kohlenkübel, der diesem glorreichen Mann von seinen begeisterten Wählern überreicht worden ist und zu dessen Ankauf, wie der namenlose Wicht lästert, Mr. Slumkey, Hochwohlgeboren, selbst heimlich mehr als drei Viertel der ganzen Summe zugeschossen habe. Wie!? Sieht denn dieses kriechende Geschmeiß nicht, daß selbst wenn dies wahr wäre, Mr. Slumkey, Hochwohlgeboren, uns in einem um so freundlicheren und strahlenderen Lichte erscheinen müßte? Sieht sein Stumpfsinn nicht einmal so viel ein, daß der liebenswürdige, rührende Wunsch, dem Sehnen seiner Wähler entgegenzukommen, ihn den Herzen und Seelen derjenigen seiner Mitbürger nur noch teurer machen muß, die nicht verächtlicher sind als Schweine, oder, mit anderen Worten, die nicht ebenso niederträchtig sind wie unser Kollega? Aber das sind eben die elenden, betrügerischen Kunstgriffe des Winkelgelbtums! Verrat ist sein Losungswort. Wir verkünden es kühnlich und sagen es frei heraus, jetzt, wo wir uns unter den Schutz des ganzen Landes und seiner Behörden stellen dürfen – wir verkünden es kühnlich, daß in diesem Augenblick geheime Vorbereitungen getroffen werden zu – einem Balle der Gelben, der in einer gelben Stadt mitten im Herzen und Zentrum einer gelben Bevölkerung gehalten, von einem gelben Arrangeur geleitet, von vier ultragelben Parlamentsmitgliedern besucht werden soll, und zu dem man den Zutritt nur vermöge gelber Einlaßkarten erlangen kann. Möge unser feindlicher Kollega sich winden in unmächtigem Grimm, wenn wir es niederschreiben: ,Wir werden auch dabeisein.'"

"Sehen Sie, Sir", sagte Pott und faltete ganz erschöpft das Blatt zusammen, "so stehen die Sachen."

In diesem Augenblick fingen der Wirt und der Kellner an, das Mittagessen aufzutragen, was Mr. Pott nötigte, den Finger auf die Lippen zu legen, zum Zeichen, daß er sein Leben in Mr. Pickwicks Hände gelegt habe. Die Herren Bob Sawyer und Benjamin Allen, die während der Verlesung des Artikels und der darauf folgenden Erörterung unehrerbietigerweise eingeschlafen waren, wurden durch das bloße Geflüster des Zauberwortes "Mittagessen" erweckt und entwickelten dabei einen gesegneten Appetit.

Im Verlauf des Essens und der darauffolgenden Sitzung erklärte Mr. Pott, der sich zuweilen zu häuslichen Themen herabließ, seinem Freunde Mr. Pickwick, die Luft in Eatanswill sei seiner Gemahlin nicht gut bekommen, und sie mache deswegen eine Reise in die verschiedenen fashionablen Bäder, um ihre gewohnte Gesundheit und Munterkeit wiederzuerlangen – eine höchst zarte Verschleierung der Tatsache, daß Mrs. Pott ihre oft wiederholte Scheidungsdrohung endlich ausgeführt und ihr Bruder, der Leutnant, mit ihrem Manne eine Übereinkunft abgeschlossen hatte, kraft deren sie sich nebst ihrer getreuen Leibwache von ihrem Gatten trennte und die Hälfte seines jährlichen Einkommens aus dem Verlag der "Eatanswiller Gazette" erhielt.

Während der große Publizist bei diesen und ähnlichen Themen verweilte und die Unterhaltung von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Auszügen aus den Resultaten seiner nächtlichen Studien belebte, fragte ein griesgrämiger Passagier aus dem Fenster einer von London angelangten Postkutsche heraus, ob er, für den Fall, daß er übernachten wolle, die nötigen Bequemlichkeiten, nämlich Bett und Bettstelle, bekommen könne. "Gewiß, Sir", erwiderte der Wirt.

"Bestimmt?" fragte der Fremde, der von Natur aus ungemein argwöhnisch zu sein schien.

"Sie können sich darauf verlassen, Sir", beteuerte der Wirt.

"Nun gut, Postillion, ich bleibe hier. Schaffner, meinen Mantelsack."

Der fremde Gentleman wünschte sodann den andern Passagieren auf eine etwas spitze Weise gute Nacht und stieg aus.

Er war von untersetzter Statur und hatte straffes schwarzes Haar, das nach Stachelschweins- oder Stiefelbürstenart zugeschnitten war und wie gesträubt emporstand. Sein Auftreten war pomphaft und drohend, sein Benehmen gebieterisch, die Augen blickten scharf und unruhig, und sein ganzes Wesen verkündete große Zuversichtlichkeit sowie das Bewußtsein unermeßlicher Überlegenheit über alle Menschen.

Man wies ihn in das Zimmer, das ursprünglich für den patriotischen Mr. Pott bestimmt gewesen war, und der Kellner konstatierte, als er kaum die Lichter angezündet hatte, in dumpfem Erstaunen das sonderbare Zusammentreffen, daß der Gentleman in seinen Hut griff, eine Zeitung hervorzog und mit demselben Ausdruck unwilliger Verachtung, die eine Stunde zuvor auf Potts majestätischen Zügen gelegen, zu lesen begann. Er bemerkte auch, daß, während Mr. Potts Verachtung durch eine Zeitung, betitelt "Eatanswiller Independent", rege gemacht worden war, der zermalmende Hohn dieses Gentlemans durch eine Zeitung erweckt wurde, die sich die "Eatanswiller Gazette" nannte.

"Schicken Sie den Wirt!" befahl der Fremde.

"Sehr wohl, Sir."

Der Wirt wurde gerufen und erschien.

"Sind Sie der Wirt?" fragte der Gentleman.

"Zu dienen, Sir."

"Kennen Sie mich?"

"Habe nicht das Vergnügen, Sir", erklärte der Wirt.

"Mein Name ist Slurk!"

Der Wirt neigte den Kopf ein wenig.

"Slurk, Sir", wiederholte der Gentleman hochmütig. "Kennen Sie mich jetzt, Mann?"

Der Wirt kratzte sich am Kopf, blickte zur Decke empor, sah dann den Fremdling an und lächelte gezwungen.

"Kennen Sie mich, Mann?"

Der Wirt strengte sich gewaltig an und erwiderte endlich: "Nein, Sir, ich kenne Sie nicht."

"Gott im Himmel", rief der Fremde und schlug mit der Faust auf den Tisch, "und das nennt man Popularität! – Das also – das ist der Dank für jahrelange Mühe und Arbeit zu Nutz und Frommen der Massen. Ich steige durchnäßt und müde aus; keine enthusiastische Menge drängt sich, ihren Vorkämpfer zu begrüßen; die Glocken der Kirchen sind stumm; selbst der Name erweckt kein Echo in der erstarrten Brust. Es ist genug", setzte Mr. Slurk hinzu und ging in großer Aufregung auf und ab. "Soll die Tinte in der Feder vertrocknen und die Sache den Gang des Verderbens gehen!"

"Haben Sie Brandy mit Wasser befohlen, Sir?" wagte der Wirt eine Andeutung.

"Rum!" erwiderte Mr. Slurk verbittert. "Haben Sie irgendwo ein Feuer?"

"Man kann sogleich eins anzünden", beeilte sich der Wirt zu erwidern.

"Das wird aber erst heizen, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen", unterbrach ihn Mr. Slurk. "Ist jemand in der Küche?"

"Keine Seele. – Es war hübsch warm dort. Die Leute sind alle fort und haben die Tür für die Nacht geschlossen."

"Dann will ich", sagte Mr. Slurk, "meinen Grog am Küchenfeuer trinken", nahm seinen Hut und die Zeitung, folgte feierlich dem Wirt nach diesem niederen Gelasse, warf sich auf eine Bank am Herde, nahm seine höhnische Miene wieder an und begann in Ruhe zu lesen und zu trinken. In diesem Augenblick flog der Dämon der Zwietracht über den "Türkenkopf", erblickte zufällig den behaglich am Küchenfeuer gelagerten Slurk, während Mr. Pott, vom Wein erhitzt, in einem andern Zimmer saß, schoß mit unbegreiflicher Schnelligkeit herab, fuhr Mr. Bob Sawyer in den Kopf und stiftete ihn an, folgendermaßen zu sprechen:

"Wir haben das Feuer ausgehen lassen. Nach dem Regen ist es unangenehm kalt hier."

"Ja, das ist wahr", gab Mr. Pickwick schauernd zu.

"Es wäre, meine ich, kein schlechter Einfall, am Küchenfeuer eine Zigarre zu rauchen", fuhr Bob Sawyer fort, in dem der Dämon immer stärker wirkte.

"Ich denke auch, es müßte ganz behaglich sein", meinte Mr. Pickwick. "Was sagen Sie dazu, Mr. Pott?"

Mr. Pott nickte bereitwillig, und sämtliche vier Reisende begaben sich, jeder mit seinem Glas in der Hand, nach der Küche, indes Sam Weller die Prozession anführte, um den Weg zu zeigen.

Der Fremdling las noch immer, sah plötzlich auf und fuhr zusammen. Mr. Pott desgleichen.

"Was ist denn?" fragte Mr. Pickwick flüsternd.

"Da! Das Ungeziefer!" erwiderte Pott.

"Was für ein Ungeziefer?" fragte Mr. Pickwick, besorgt, er könne auf eine greise Küchenschabe oder eine wassersüchtige Spinne getreten sein. "Dort, das Ungeziefer!" flüsterte Pott wieder, faßte Mr. Pickwick am Arm und deutete auf den Fremden. "Das Ungeziefer da – Slurk vom ,Independenten'."

"Wir würden vielleicht besser tun, uns zurückzuziehen", meinte Mr. Pickwick halblaut.

"Niemals, Sir, niemals!" erwiderte Pott giftig, setzte sich schnell auf die gegenüberliegende Bank, zog aus einem kleinen Pack Zeitungen eine heraus und begann, wie sein Feind, zu lesen.

Er las natürlich den "Independenten", Mr. Slurk ebenso natürlich die "Gazette", und jeder der Herren drückte unverhohlen seine Verachtung durch bitteres Gelächter und sarkastische Ausrufe aus. Bald schritten sie zu noch offeneren Meinungsäußerungen, wie "abgeschmackt" – "erbärmlich" – "ekelhaft" – "Lumperei" – "Schmutz" – "Mist" – "Schlamm" – "Sumpfwasser" und dergleichen.

Mr. Sawyer sowohl wie Ben Allen hatten diese Symptome von Eifersucht und Haß mit großem Ergötzen mit angesehen, und als die beiden Gegner zu ermatten begannen, wandte sich der boshafte Bob Sawyer mit großer Höflichkeit an Slurk und sagte:

"Dürfte ich vielleicht um das Blatt bitten, Sir, wenn Sie es gelesen haben?"

"Sie werden in dem elenden Ding da sehr wenig finden, was des Lesens lohnt", erwiderte Slurk mit einem satanischen Stirnrunzeln gegen Pott. "Sie können dieses da inzwischen haben", sagte Pott leichenblaß und mit vor Wut zitternder Stimme. "Haha! Die Frechheit dieser Bagage wird Ihnen viel Spaß machen."

Die Worte "Frechheit" und "Bagage" waren förmlich herausgeschrien, und die Mienen der beiden Publizisten wurden immer herausfordernder.

"Die Gemeinheit dieses Lumpenhundes ist geradezu ekelhaft", fuhr Pott, zu Bob Sawyer gewendet, fort und warf dabei Slurk einen giftigen Blick zu.

Slurk lachte nur schrill, blätterte seine Zeitung um und sagte, der Schafskopf amüsiere ihn köstlich.

"Was für ein schamloser Ignorant der Kerl ist!" rief Pott, dessen Gesicht allmählich blaurot vor Wut wurde.

"Haben Sie von den Albernheiten dieses Menschen schon etwas gelesen, Sir?" fragte Slurk Mr. Bob Sawyer.

"Nein", erwiderte Bob, "ist es so schlecht?"

"Wenn es Ihnen möglich ist, sich durch ein paar Sätze voll Gemeinheit, Niedertracht, Verlogenheit, Infamie, Schurkerei und Unsinn durchzulesen", sagte Slurk und reichte das Blatt Mr. Sawyer hinüber, "so werden Sie sich vielleicht dadurch belohnt finden, daß Ihnen der Stil dieses ungrammatikalischen Schwätzers ein Lachen abnötigt."

"Was haben Sie da gesagt, Sir?" fuhr Pott auf, am ganzen Leibe zitternd.

"Was geht denn das Sie an, Sir?" erwiderte Slurk.

"Ungrammatikalischer Schwätzer haben Sie gesagt, nicht wahr, Sir?" keuchte Pott.

"Ja, Sir, das habe ich gesagt, und blauer Idiot füge ich hinzu, Sir, wenn Sie das lieber hören. Hahaha!"

Mr. Pott erwiderte auf diese Beleidigung kein Wort, faltete nur bedächtig seine Nummer des "Independenten" auseinander, legte sie sorgfältig flach auf den Boden, trampelte mit den Füßen darauf herum, spuckte dann feierlich darauf und warf sie ins Feuer.

"Sehen Sie, Sir", sagte er dann, als er vom Kamin zurückkam, "ebenso würde ich auch die Viper behandeln, die dieses Gift erzeugt, wäre ich nicht zu ihrem Glück durch die Gesetze des Landes daran gehindert."

"Bitte, genieren Sie sich gar nicht, Sir", rief Slurk dagegen und sprang auf. "Es wird niemandem einfallen, die Gesetze wegen einer solchen Sache anzurufen. Versuchen Sie es doch, Sir!"

"Hört, hört!" johlte Bob Sawyer.

"Prachtvoll, ausgezeichnet!" rief Ben Allen.

"Versuchen Sie es doch, Sir", wiederholte Slurk mit lauter Stimme.

Mr. Pott warf ihm einen verachtungsvollen Blick zu, der einen Amboß hätte zermalmen können.

"Versuchen Sie es doch, Sir!" rief Slurk noch lauter.

"Ich will nicht, Sir", versetzte Pott.

"So, so! Sie wollen nicht?" höhnte Slurk. "Sie haben es gehört, meine Herren! Er will nicht. Nicht etwa, daß er sich fürchtete; ah, woher denn; er will bloß nicht. Hahaha!"

"Ich betrachte Sie, Sir", schäumte Mr. Pott, "ich betrachte Sie als eine Viper. Ich halte Sie für einen Menschen, der sich durch sein freches, schandbares und widerliches Benehmen in der Öffentlichkeit seines Rechtes in der Gesellschaft begeben hat. In meinen Augen, Sir, sind Sie sowohl persönlich wie politisch weiter gar nichts als eine Viper."

Der entrüstete Independent wartete das Ende dieser persönlichen Anklage nicht ab, sondern nahm seinen wohlgefüllten Mantelsack, schwang ihn, als Pott sich eben abwandte, über dem Kopf und ließ ihn dann gerade mit der Ecke, in der eine dicke Haarbürste eingepackt lag, auf das Haupt seines Gegners niedersausen, so daß dieser mit furchtbarem Getöse zu Boden stürzte.

"Meine Herren!" rief Mr. Pickwick, als Pott wieder aufsprang und sich der Kohlenschaufel bemächtigte. "Meine Herren, bedenken Sie doch um Himmels willen – Hilfe – Sam! Aber ich bitte Sie, meine Herren, vergessen Sie sich doch nicht so weit!"

Dabei warf sich der menschenfreundliche alte Herr heldenmütig zwischen die wutentbrannten Streiter, gerade im rechten Augenblick, um auf die eine Seite seines Leibes den Mantelsack und auf die andre die Kohlenschaufel zu bekommen. Ob nun die Repräsentanten der öffentlichen Meinung von Eatanswill ganz blind vor Leidenschaft waren, oder ob sie als kluge, scharfsinnige Köpfe sogleich den Vorteil einsahen, einen Dritten, der die Streiche auffing, zwischen sich zu haben – eines ist gewiß, sie nahmen nicht die mindeste Notiz von Mr. Pickwick und handhabten Mantelsack wie Kohlenschaufel auf das furchtbarste. Mr. Pickwick hätte sein menschenfreundliches Dazwischentreten ohne Zweifel schwer büßen müssen, wäre nicht Mr. Weller auf sein Geschrei hereingestürzt, um dem Kampf sofort dadurch ein Ende zu machen, daß er einen leeren Sack ergriff und ihn dem rasenden Pott über Kopf und Schultern zog.

"Nehmen Sie dem andern Tollhäusler den Mantelsack weg", rief er dabei Bob Sawyer zu, der entzückt zugesehen und nur eine Lanzette hervorgeholt hatte, um dem ersten, der ohnmächtig werden würde, zur Ader zu lassen. "Wollen Sie endlich aufhören, Sie Jammerlappen, oder ich drehe Ihnen den Kragen um."

Atemlos und eingeschüchtert durch diese fürchterliche Drohung ließ sich der Independent entwaffnen, und Mr. Weller schüttelte vorsichtig Mr. Pott wieder aus dem Sack.

"So, jetzt gehen Sie beide ruhig ins Bett", sagte er, "oder ich stecke Sie beide mitnander in den Sack und binde ihn oben zu. Von eurer Sorte werde ich noch mit 'nem ganzen Dutzend fertig. – Und Sie, Herr, haben vielleicht die Jüte, jefälligst mitzukommen."

Mit diesen Worten nahm Sam seinen Herrn beim Arm und führte ihn fort, während die beiden feindlichen Journalisten vom Wirt und dem Kellner in ihre Schlafzimmer eskortiert wurden. Sie stießen dabei die blutdürstigsten Drohungen aus und ließen vage Andeutungen auf ein Duell am nächsten Tage fallen, waren jedoch am andern Morgen in aller Frühe, jeder in einer besonderen Kutsche, abgereist, als alles noch in tiefstem Schlaf lag.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.