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Die Pickwickier

Charles Dickens: Die Pickwickier - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pickwickier
authorCharles Dickens
year1953
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin
titleDie Pickwickier
translatorGustav Meyrinck
created20030108
sendermpokora@cityweb.de
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Drittes Kapitel

Eine neue Bekanntschaft. Die Erzählung des wandernden Schauspielers. Eine unangenehme Störung und ein unerfreuliches Zusammentreffen.

Mr. Pickwick war in. Sorgen wegen des ungewöhnlich langen Ausbleibens seiner zwei Freunde, und ihr geheimnisvolles Benehmen während des ganzen Morgens trug keineswegs dazu bei, sie zu vermindern. Um so größer war seine Freude, als er sie wieder ins Zimmer treten sah; und nun ging es an ein Fragen, was ihn so lange ihrer Gesellschaft beraubt hatte. Mr. Snodgraß schickte sich eben an, eine getreue, umständliche Erzählung der Begebnisse des Tages zu beginnen, als er plötzlich innehielt, weil er bemerkte, daß außer Mr. Tupman auch noch ihr Reisegefährte von gestern und ein zweiter Fremder von gleich wunderlichem äußern zugegen waren – ein Mann, dessen fahles Gesicht und eingesunkene Augen von Leid und Kummer erzählten, während das straffe schwarze Haar, das ihm wirr über die Stirne herunterhing, die von Natur schon genug markierten Züge nur noch auffallender erscheinen ließen. Seine stechenden Augen hatten einen fast unnatürlichen Glanz, seine Backenknochen traten stark hervor, und sein Unterkiefer war so lang und hager, daß man hätte glauben können, seine Wangen waren für einen Augenblick verkrampft und eingesaugt, wenn nicht der halb geöffnete Mund und der unbewegliche Ausdruck bewiesen hätten, daß der Mann sich nicht verstellte. Um den Hals trug er einen grünen Schal geschlungen, dessen breite Enden über die Brust herunterhingen und sogar noch durch die Knopflöcher seiner alten Weste hervorsahen. Außerdem trug er einen langen schwarzen Überrock, weite braune Beinkleider, und große schadhafte Stiefel.

Mr. Winkles Blick haftete noch auf dieser nicht sehr einladenden Erscheinung, als Mr. Pickwick mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging und ihm den Fremden mit den Worten "Ein Freund unsres Freundes hier" vorstellte.

"Wir haben diesen Morgen in Erfahrung gebracht", fuhr er fort, "daß unser Freund mit dem hiesigen Theater in Verbindung steht, obgleich er nicht wünscht, daß es allgemein bekannt werde, und gegenwärtiger Herr ist gleichfalls Schauspieler. Er war eben im Begriff, uns mit einer kleinen Erzählung zu erfreuen, als Sie eintraten."

"Ein wahres Anekdotenbuch", erklärte der Grünrock von gestern in leisem, vertraulichem Ton zu Mr. Winkle. "Possierlicher Bursche – bloß Statist – kein eigentlicher Schauspieler – wunderlicher Mensch – Unglück aller Art gehabt – allgemein unter dem Namen ,der Trübsal-Jemmy' bekannt."

Mr. Winkle und Mr. Snodgraß bewillkommneten den ihnen als "Trübsal-Jemmy" bezeichneten Herrn höflich, bestellten Brandy mit Wasser, um es der übrigen Gesellschaft gleichzutun, und setzten sich an den Tisch.

"Nun, Sir, würden Sie uns jetzt das Vergnügen machen, mit Ihrer Erzählung fortzufahren?" fragte Mr. Pickwick.

Der Trübsinnige zog eine schmutzige Papierrolle aus der Tasche und wandte sich mit einer Grabesstimme, die mit seiner äußeren Erscheinung gut harmonierte, an Mr. Snodgraß, der eben sein Notizbuch zur Hand genommen hatte:

"Sind Sie Dichter?"

"Ich – ich versuche mich bisweilen in poetischen Leistungen", antwortete Mr. Snodgraß, etwas verblüfft über diese plötzliche Frage.

"Ach, Poesie ist für das Leben, was Licht und Musik für die Bühne. Nimmt man dem einen seinen falschen Glanz und der ändern ihre Illusionen – bleibt dann in Wirklichkeit noch etwas, was des Lebens und der Sorge wert wäre?"

"Sehr wahr, Sir", seufzte Mr. Snodgraß.

"Vor den Lampen des Proszeniums sitzen", fuhr der Trübsinnige fort, "heißt soviel, wie ein großartiges Hofgepränge schauen und die seidnen Gewänder der prachtliebenden Menge bewundern – hinter ihnen sein, bedeutet die Drähte all dieser Puppen ziehen, unbeachtet bleiben und unbekannt, wo niemand sich kümmert, ob die armen Unglücklichen schwimmen oder sinken, leben oder Hungers sterben, wie es gerade das Schicksal fügt."

"Mag sein", entgegnete Mr. Snodgraß, denn das eingesunkene Auge des Trübsinnigen ruhte auf ihm, und er fühlte die Notwendigkeit, etwas zu sagen.

"Weiter, Jemmy!" sagte der spanische Reisende. "Nicht alles ins Tragische – kein Gejammer – frisch – munter!"

"Wollen Sie sich nicht ein Glas einschenken, ehe Sie anfangen, Sir?" fragte Mr. Pickwick.

Der Trübsinnige nahm die Einladung an, mischte sich ein Glas Brandy, schluckte langsam die Hälfte hinunter, öffnete dann seine Papierrolle und begann folgende Geschichte, die sich in den Klubakten mit der Aufschrift "Erzählung des wandernden Schauspielers" vorfindet, halb lesend, halb aus dem Gedächtnis vorzutragen.

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