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Die Pickwickier

Charles Dickens: Die Pickwickier - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Pickwickier
authorCharles Dickens
year1953
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin
titleDie Pickwickier
translatorGustav Meyrinck
created20030108
sendermpokora@cityweb.de
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Elftes Kapitel

Beseitigt auch den letzten Zweifel an Mr. Jingles Uneigennützigkeit.

Es gibt in London verschiedene alte Wirtshäuser, die zu der Zeit, da die Postkutschen ihre Fahrten in einer ernsteren und feierlicheren Weise als heutzutage zurücklegten, die Hauptquartiere der berühmtesten Kutschen waren, wogegen sie jetzt zu wenig mehr als zu Warte- und Einschreibelokalen für Frachtfuhrleute herabgesunken sind. In den nobleren Stadtvierteln würde man sie freilich vergebens suchen. Wer diese alten Stätten zu Gesicht bekommen will, der muß die obskuren Stadtteile aufsuchen; da wird er in entlegenen Winkeln noch einige von ihnen finden. Ihre düstere, altväterliche Fassade ist inmitten der neumodischen Umgebung unverkennbar.

Im Borough stehen noch ungefähr ein halb Dutzend solcher Häuser, die ihre äußere Form unverändert beibehalten haben und sowohl der modernen Verschönerungssucht wie den Eingriffen des Spekulationsgeistes entgangen sind. Es sind große geräumige, wunderliche alte Gebäude mit Galerien, Hausfluren und Treppen, weit und altväterlich genug, um Stoff zu hundert Gespenstergeschichten zu liefern. In dem Hofe eines dieser Wirtshäuser, das kein geringeres Schildzeichen als das des "Weißen Hirsches" führte, war an demselben Morgen, der Mr. Pickwicks und Mr. Wardles Unglücksnacht folgte, ein Mann emsig mit dem Bürsten eines schmutzigen Stiefelpaares beschäftigt. Er trug eine grobe, gestreifte Weste mit schwarzen Kalikoärmeln und blauen Glasknöpfen, braune Kniehosen und Gamaschen. Ein hellrotes Schnupftuch war lose und ungezwungen um seinen Hals geknüpft, und ein alter weißer Hut saß nachlässig auf dem einen Ohr. Der Mann hatte zwei Reihen Stiefel – die eine gereinigt, die andre noch schmutzig – vor sich, und bei jedem Zuwachs in der gewichsten Reihe unterbrach er für einen Augenblick seine Tätigkeit, um deren Ergebnisse mit offensichtlichem Behagen zu überschauen.

Im Hof zeigte sich nichts von dem rührigen, lärmenden Treiben, das für ein Gasthaus mit großem Ausspann charakteristisch ist. Drei oder vier schwerfällige Frachtwagen – jeder mit einer Ladung bepackt, die bis zum zweiten Stock eines gewöhnlichen Hauses gereicht hätte – standen an dem einen Ende des Hofes unter Dach. Ein weiterer, der vermutlich noch an diesem Morgen abfahren sollte, war ins Freie gezogen. Der weitverzweigte Hofraum war auf zwei Seiten von der Rückfront des Gebäudes begrenzt, wo die Schlafzimmer lagen; vor ihnen liefen – entsprechend der Lage der Schlafzimmer, in einer Doppelreihe übereinander – Galerien mit alten klobigen Geländern entlang. Über der Tür, die zur Gaststube und zum Frühstückszimmer führte, hing eine Doppelreihe von Klingeln. Sie waren durch einen kleinen Dachvorsprung gegen Regen geschützt und konnten von den Schlafzimmern aus in Tätigkeit gesetzt werden. Sodann gab es da verschiedene kleinere Schuppen und Überdachungen. In ihnen waren zwei bis drei Gigs oder Karren untergekommen. Wer sich aber nach dem Stall umgesehen hätte, dem hätte nur hin und wieder der schwere Tritt eines Karrengauls oder das Klirren einer Kette verraten, daß er am entfernteren Ende des Hofes zu finden war. Wir wollen noch hinzufügen, daß einige Jungen in Arbeitskitteln auf dem schweren Gepäck, den Wollsäcken und anderen Stücken, die ringsum auf Strohhaufen umherlagen, ihre Schlafstatt gefunden hatten – und damit haben wir bereits recht genau den Anblick beschrieben, den der Hof des "Weißen Hirsches", High Street, Borough, an diesem Morgen bot.

Eine der Klingeln fing an, laut zu scheppern, und schon zeigte sich in der oberen Schlafzimmergalerie ein schmuckes Zimmermädchen; es klopfte an eine Tür, bekam von innen einen Auftrag und rief über das Geländer:

"Sam!"

"Hallo?" erwiderte der Mann mit dem weißen Hut.

"Nummer zweiundzwanzig will seine Stiefel."

"Frag Nummer zweiundzwanzig, ob er sie gleich jetzt haben will oder ob er warten will, bis er sie kriegt", war die Antwort.

"Mach doch keine Dummheiten, Sam", entgegnete das Mädchen begütigend. "Der Herr will die Stiefel jetzt."

"So, will er das, mein Jüngferchen? Aber ich tanze doch nicht nach deiner Pfeife", sagte der Stiefelputzer. "Sieh mal diese Stiebel an: elf Paar, und ein unverheirateter Schuh, wo dem Stelzbeinigen Nummer sechs gehört. Die elf Paar sin bis halb neun und der Unverheiratete bis neun Uhr bestellt. Wer ist Nummer zweiundzwanzig, daß er den andern ausstechen will? Nein, nein; 's muß allens die Reihe nach gehen, wie der Henker immer sagte, wenn er 'n heißen. Arbeitstag hatte. Tut mir leid, Sir, daß Sie warten müssen; 's wird aber bald an Ihnen die Reihe kommen."

Mit diesen Worten nahm der Mann mit dem weißen Hut wieder seine Arbeit auf und bürstete einen Stulpenstiefel mit erneuter Emsigkeit.

Abermals ertönte eine Klingel, und die geschäftige alte Wirtin im "Weißen Hirsch" erschien auf der entgegengesetzten Galerie.

"Sam!" rief sie. "Wo ist denn der faule Schlingel? Sam! Aha, da sind Sie ja. Warum geben Sie denn keine Antwort?"

"Wäre nich höflich, zu antworten, ehe Sie nich ausgesprochen haben", entgegnete Sam grämlich.

"Da, putz geschwind diese Schuhe für Nummer siebzehn und bring sie dann in das Zimmer Nummer fünf im ersten Stock." Die Wirtin warf ein Paar Schuhe in den Hof und verschwand.

"Nummer fünf", sagte Sam, hob die Schuhe auf, nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und schrieb das Merkzeichen ihrer Bestimmung auf die Sohlen. "Damenschuhe und ein Extrazimmer? Die is wohl kaum als Frachtgut angekommen."

"Sie is erst heute morgens gekommen", rief das Mädchen, das noch immer auf dem Galeriegeländer lehnte. "Mit einem Herrn in einer Mietskutsche, demselben, wo jetzt seine Stiefel will. Mach doch schnell, endlich."

"Warum hast du mir das nich gleich gesagt?" versetzte Sam unwillig und langte die fraglichen Stiefel aus dem übrigen Haufen heraus. "Kann's doch nich riechen, daß sie nich 'nem gewöhnlichen Dreipennyfuchser gehören? Eignes Zimmer und 'ne Dame obendrein! Wenn er so was wie 'n Schenlmän is, wirft er tagsüber 'n Schilling ab, die sonstigen Aufträge noch nich mal Inbegriffen."

Angespornt durch diese begeisternde Aussicht, bürstete Master Samuel so emsig drauflos, daß in ein paar Minuten Stiefel und Schuhe im Strahlenglanz dastanden, worauf er sich an die Tür von Nummer fünf verfügte und klopfte.

"Herein!" rief eine männliche Stimme.

Sam machte seinen besten Kratzfuß, als er einen Herrn und eine Dame beim Frühstück sitzen sah. Nachdem er diensteifrig die Stiefel dem Herrn und die Schuhe der Dame, rechts und links zu Füßen, niedergelegt hatte, zog er sich wieder nach der Tür zurück.

"Hausknecht.!" sagte der Herr.

"Sir?" versetzte Sam, die Hand auf der Klinke.

"Kennen Sie vielleicht – na, wie heißt's doch – Doktors Commons?"

"Ja, Sir."

"Wo ist es?"

"Pauls-Kirchhof, Sir; niederer Bogenweg gegen die Straße raus, 'n Buchladen an die eine, 'n Gasthof an die andre Ecke, und in der Mitte zwei Türsteher als Lizenzangler."

"Lizenzangler?" fragte der Herr.

"Lizenzangler. Zwei Kerle mit weißen Schürzen – zückendem Hute, wenn man durchgeht. ,Lizenz, Sir, Lizenz gefällig?' Kurioser Schlag Leute – und ihre Herren auch – Anwälte von Old Bailey, Sir, Irrtum ausgeschlossen."

"Und was wollen sie denn?" fragte der Herr.

"Was sie wollen? Sie, Sir! Doch nur! Und das wäre noch nicht das Schlimmste. Setzen alten Herren Dinge in 'n Kopp, wo sie sich in ihrem Leben noch nichts von haben träumen lassen. Mein Vater, Sir, ist 'n Kutscher – war Witwer – ein dicker Mann – ungemein stark. Als seine Frau starb, hinterließ sie ihm vierhundert Fund. Er geht zu den Commons, den Anwalt aufsuchen und sein Geld einstreichen, putzt sich extra aus, Stulpenstiefel, 'n Strauß ins Knopfloch, breitkrempigen Hut auf, grünes Halstuch um, ganz wie 'n Schenlmän. Geht durch den Bogenweg, denkt an nichts, als wie er sein Geld anlegen will – kommt 'n Agent auf ihn zu, greift an die Krempe: ,Lizenz, Sir, Lizenz gefällig?' – ,Was ist das für ein Ding?' fragt mein Vater. ,Lizenz, Sir, Lizenz!' – ,Nu, was soll's mit der Lizenz denn?' fragt mein Vater. ,Heiratslizenz', sagt der Angler. ,Hol mich der Henker, wenn mir so was einfällt', sagt mein Vater. ,Ich denke, Sie könnten eine brauchen', sagt der Agent. Mein Vater macht halt und besinnt sich ein bißchen. ,Nö', sagt er, ,gehen Sie zum Kuckuck, ich bin zu alt und noch obendrein viel zu dick zu.' – ,1 wo denn, Sir', sagt der Agent, ,wir haben erst letzten Montag 'n Herrn verheiratet, wo zweimal so dick war wie Sie.' – ,Ist das auch wirklich wahr?' fragt mein Vater. ,Ganz bestimmt', sagt der Agent. ,Sie sind 'n Totengerippe gegen ihm; nur hier rein, Sir, hier rein!' Und mein Vater läuft ihm richtig nach, wie 'n zahmer Affe 'nem Leierkasten, in eine kleine Schreibstube, wo 'n Kerl unter schmutzigem Papier und Blechbüchsen sitzt und so tut, als war er mächtig beschäftigt. ,Bitte, nöhmen Sü Platz, während ich der Urkunde ausfertigen tue, Sir', sagt der Advokat. ,Danke, Sir', sagt mein Vater, setzt sich, reißt die Augen auf und stiert die Namen auf den Büchsen an. ,Wie ist Ihr Name?' fragt der Advokat. ,Tony Weller', sagt mein Vater. ,Kirchspiel?' fragt der Advokat. ,Belle Savage', sagt mein Vater – denn da pflegte er sein Fuhrwerk einzustellen. Was das mit einem Kirchspiel sollte, wußte er nich. ,Der Name von die Frauensperson?' fragt der Advokat. Mein Vater ist wie aus den Wolken gefallen. ,Hol mich der Henker, wenn ich's weiß', sagt er. >Wie, Sie wissen's nicht?' sagt der Advokat. ,So wenig wie Sie', sagt mein Vater. ,Kann man ihn nich nachher reinschreiben?' – .Unmöglich', sagte der Advokat.– ,Auch recht', sagt mein Vater, ,so schreiben Sie Mrs. Clarke.' – ,Was für 'ne Clarke', fragt der Advokat und tunkt seine Feder in die Tinte. – ,Susanna Clarke im Markis von Granby zu Dorting', sagt mein Vater, ,sie wird mich schon nehmen, wenn ich ihr drum ersuche; hab zwar noch nichts davon gesagt, aber ich weiß, sie nimmt mir.' Die Lizenz wird also ausgestellt, und sie nimmt ihn. Und was noch mehr ist: sie hat ihn jetzt und ich hab von die vierhundert Fund nich 'n einziges zu sehen gekriegt. Ich bitte um Verzeihung, Sir", fügte Sam zum Schluß hinzu, "aber wenn ich auf diese verdrießliche Geschichte komme, da geht's bei mir fort wie bei 'nem frischgeschmierten Karren."

Sam harrte noch einen Augenblick, ob nichts Weiteres gewünscht werde, und verließ, als dies nicht der Fall war, das Zimmer.

"Halb zehn – gerade die rechte Zeit; brechen wir auf", sagte der Gentleman, der selbstverständlich Mr. Jingle war. "Zeit – wofür?" fragte die alte Jungfer kokett. "Lizenz, teuerster Engel – Meldezettel für den Geistlichen – dich mein nennen – morgen", erklärte Mr. Jingle und drückte der Jungfrau die Hand.

"Die Lizenz! Ach!" sagte Rachel errötend. "Die Lizenz", wiederholte Mr. Jingle. "Die Türen auf, die Fenster auf, geschwinde, geschwinde."

"Ach, wie du es eilig hast", flüsterte Miß Rachel verschämt.

"Eilig? – Stunden – Tage – Wochen – Monate – Jahre sind nichts, wenn wir vereint sind. – Können dann kommen – mit Wagen – Eisenbahn – tausend Pferdekraft meinetwegen – läßt uns kalt."

"Könnten – könnten wir nicht heute schon getraut werden?" fragte Rachel.

"Unmöglich – kann nicht sein – Meldung an den Geistlichen – Lizenz heute – Trauung morgen."

"Ich fürchte so, mein Bruder wird uns auffinden", sagte Rachel.

"Auffinden? – Blech – viel zuviel durchgeschüttelt vom Wagensturz. – Übrigens außerordentliche Vorsicht – Postwagen aufgegeben – zu Fuß gegangen – Mietkutsche genommen – hier im Borough – letzter Platz in der Welt, der ihm einfiele. – Haha! – Kapitaler Einfall das – wahrhaftig."

"Bleib nicht zu lange aus", bat die alte Jungfer zärtlich, als Mr. Jingle seinen zerknüllten Hut auf das Haupt stülpte. "Lange wegbleiben? Von dir? Grausame Circe!" Und Mr. Jingle hüpfte scherzhaft auf die alte Jungfer zu, drückte einen keuschen Kuß auf ihre Lippen und tänzelte aus dem Zimmer.

"Teurer Mann!" rief Miß Rachel, als sich die Tür hinter ihm schloß.

"Verwünschte alte Schachtel!" brummte Mr. Jingle, als er den Hausflur erreichte.

Es ist schmerzlich, Betrachtungen über die Treulosigkeit des männlichen Geschlechts anzustellen; wir unterlassen es daher, den Faden von Mr. Jingles Gedankengang weiter zu verfolgen, der ihn auf seinem Wege zu Doktors Commons beschäftigte. Für unsere Zwecke genügt es, wenn wir berichten, daß er glücklich den Schlingen der beiden Drachen mit den weißen Schürzen, die den Eingang des Zauberschlosses hüteten, entging und wohlbehalten in dem Büro des Generalvikars anlangte. Dort wurde ihm im Namen des Erzbischofs von Canterbury ein höchst schmeichelhaftes Dokument mit der Aufschrift: "Den geliebten und getreuen Alfred Jingle und Rachel Wardle unsern Gruß", ausgefertigt. Er steckte das geheimnisvolle Pergament sorgfältig in die Tasche und kehrte triumphierend nach dem "Weißen Hirsch" zurück. Er war noch auf dem Heimweg, als drei Herren – zwei wohlbeleibte und ein magerer – in den Hof des "Weißen Hirsches" traten und sich daselbst umsahen, als suchten sie jemand, an den sie sich um Auskunft wenden könnten. Master Samuel Weller war eben dabei, ein Paar Stulpenstiefel blank zu reiben, die einem Pächter gehörten, der sich bei einem Imbiß von zwei bis drei Pfund kaltem Rindfleisch und etlichen Kannen Porter von der Mühsal des Marktbetriebes erholte, da trat der magere Herr auf ihn zu. "Mein Freund", begann der magere Herr. Das ist auch einer von der Gratissorte, dachte Sam. Würde mir sonst nich seinen Freund nennen. – "Was steht zu Diensten, Sir?" fragte er laut.

"Mein Freund", versetzte der magere Herr mit einem einleitenden Räuspern, "logieren gegenwärtig viele Leute im Hause? Sehr geschäftig, wie ich sehe."

Sam warf einen verstohlenen Blick auf den Frager. Es war ein kleiner, ausgetrockneter Mann mit einem dunklen, runzeligen Gesicht und kleinen, unruhigen schwarzen Augen, die zu jeder Seite der kleinen inquisitorischen Nase hervorblinzelten, als ob sie fortwährend mit diesem Teile seines Antlitzes Verstecken spielten. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug Stiefel, so glänzend wie seine Augen, eine schmale weiße Halsbinde und ein feines Hemd mit einer Halskrause. Eine goldene Uhrkette mit Petschaften taumelte aus seiner Weste heraus, und in den Händen, die er beim Sprechen mit der Miene eines geübten Examinators unter die Frackschöße steckte, hielt er ein Paar schwarze Lederhandschuhe.

"Viel zu tun, wie ich sehe?" fragte der kleine Mann. "Na, 's geht an, Sir", versetzte Sam, "Wir machen nich Bankrott, werden aber auch nich Teich. Wir essen unsern Schöpsenbraten ohne Kapern und kümmern uns wenig um Meerrettich, wenn wir Ochsenfleisch kriegen können." "Ah", sagte der kleine Mann, "Sie sind ein Spaßvogel, wie ich merke."

"Mein ältester Bruder litt an dieser Krankheit", entgegnete Sam. "Vielleicht ist sie ansteckend. Jedenfalls haben wir immer zusammen in einem Bett geschlafen."

"Ein wunderliches altes Haus das", sagte der kleine Mann, sich umsehend.

"Hätten Sie uns nur ein Wort geschrieben, daß Sie kommen wollten, würden wir's haben ausbessern lassen", versetzte Sam ruhevoll.

Der kleine Mann schien etwas verblüfft durch diese seltsamen Entgegnungen und ging sich mit seinen Freunden besprechen. Dann holte er eine Prise Schnupftabak aus einer silbernen Dose und war augenscheinlich im Begriff, seine Fragen wieder aufzunehmen, als einer der beleibten Herren, der ein höchst gutmütiges Gesicht hatte und eine Brille und ein Paar schwarze Gamaschen trug, ihm zuvorkam.

"Es handelt sich nämlich darum", sagte der Herr mit dem gutmütigen Gesicht, "daß mein Freund hier" – er deutete dabei auf den andern beleibten Herrn – "Ihnen eine halbe Guinee geben will, wenn Sie auf zwei oder drei Fragen genü ..."

"Pardon, mein werter Herr", unterbrach ihn der kleine Mann. "Sie gestatten. Der erste Grundsatz in der Behandlung solcher Fälle besteht darin, daß der Klient sich in keiner Weise mehr einmengt, wenn die Sache einmal einem Sachwalter übertragen ist. In der Tat, Mr.... Äh", er wandte sich an den andern beleibten Gentleman. "Pardon, ich habe den Namen Ihres Freundes vergessen."

"Pickwick", sagte Mr. Wardle.

"Ah, Pickwick; richtig, Mr. Pickwick. Mein werter Herr, ich werde mich glücklich schätzen, Ihre Privatansichten als die eines amicus curiae entgegenzunehmen, aber Sie müssen einsehen, wie wenig sich Ihre Einmengung mit einem derartigen ,ad captandum'-Argument, wie es das Anbieten einer halben Guinee ist, mit meinem Verfahren verträgt. Ja, ja, mein werter Herr, so ist es!" Der kleine Mann begründete das logisch, indem er eine Prise Tabak nahm, und legte dann sein Gesicht in ungemein gelehrte Falten.

"Ich wollte weiter nichts", entschuldigte sich Mr. Pickwick, "als die höchst mißliebige Angelegenheit zu einem möglichst schleunigen Ende bringen."

"Ganz recht, ganz recht", sagte der kleine Mann.

"Und in dieser Absicht", fuhr Mr. Pickwick fort, "machte ich Gebrauch von einem Argument, das mir meine Erfahrung als das erfolgreichste in allen Fällen bezeichnet."

"Gewiß, gewiß", sagte der kleine Mann. "Sehr gut, sehr gut – in der Tat. Aber Sie hätten mir dies mitteilen sollen.

Ich bin überzeugt, mein werter Herr, daß Sie über den Umfang des Vertrauens, das ein Sachwalter anzusprechen hat, nicht im unklaren sein können. Wenn über diesen Punkt eine autoritative Begründung nötig sein sollte, so möchte ich Sie auf den wohlbekannten Fall von Barnwell und ..."

"Aber Sie wollten mich doch für 'ne halbe Guinee ausfragen", fiel Sam ein. "Gut, ich bin bereit. Mehr kann man doch nich sagen, Sir. Oder ja? Und nun ist die zweite Frage, was, zum Teufel, Sie von mir wollen, wie der Mann sagte, als er den Geist sah."

"Wir wünschen zu wissen – ", begann Mr. Wardle. "Pardon, mein werter Herr!" fiel der geschäftige kleine Mann wieder ein.

Mr. Wardle zuckte die Achseln und schwieg. "Wir wünschen zu wissen", nahm der kleine Mann feierlich das Wort, "und wir fragen Sie, um im Hause keine Besorgnisse zu erregen, wir wünschen zu wissen, sage ich, wer gegenwärtig hier logiert."

"Wer hier logiert?" wiederholte Sam nachdenklich. "Erstens mal 'n Stelzfuß in Nummer sechs, 'n Paar hessische Stiefel in Nummer dreizehn, zwei Paar Halbstiefel in siebzehn, diese gelben Stulpen in der Kammer neben dem Schenkverschlag und fünf weitere Stulpenstiefel im Gastzimmer." "Weiter nichts?" fragte der kleine Mann. "Warten Sie mal", versetzte Sam, sich plötzlich entsinnend, "'n Paar ziemlich abgetragene Wellingtonstiefel und 'n Paar Damenschuhe in Nummer fünf."

"Was sind das für Schuhe?" fragte Wardle hastig, den Sams wunderliche Aufzählung der Wirtshausbewohner ebensosehr wie Mr. Pickwick verwirrt hatte.

"Machwerk aus der Provinz", entgegnete Sam. "Keine Firma drin?"

"Brown."

"Woher?"

"Muggleton."

"Sie sind's!" rief Mr. Wardle. "Beim Himmel, wir haben sie gefunden."

"Hm!" sagte Sam. "Die Wellingtonstiefel sind nach Doktors Commons gegangen."

"Ho", sagte der kleine Mann.

"Ja, er holt 'ne Lizenz."

"Da war es aber höchste Zeit für uns", rief Mr. Wardle. "Zeigen Sie uns das Zimmer; wir dürfen keinen Augenblick verlieren."

"Pardon, mein werter Herr, ich bitte", sagte der kleine Mann – "Vorsichtig, vorsichtig."

Er zog aus seiner Tasche eine rotseidene Börse, sah Sam streng an und zückte ein Goldstück.

Sam verzog sein Gesicht zu einem ausdrucksvollen Grinsen.

"Führen Sie uns geschwind zu dem Zimmer, aber ohne uns anzumelden, und das Goldstück gehört Ihnen", sagte der kleine Mann.

Sam warf die gelben Stulpen in eine Ecke und ging durch einen dunklen Gang und ein weites Stiegenhaus voran. Am Ende des zweiten Ganges hielt er inne und streckte seine Hand aus.

"Da haben Sie", flüsterte der Sachwalter, als er das Geld in die Hand des Stiefelputzers legte. "Ist das hier das Zimmer?"

Sam nickte bejahend.

Mr. Wardle öffnete die Tür, und alle drei traten in demselben Augenblick ins Zimmer, als Mr. Jingle, der inzwischen zurückgekehrt war, eben der alten Jungfer die Lizenz zeigte.

Miß Rachel stieß einen lauten Schrei aus, warf sich in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Mr. Jingle knüllte die Lizenz zusammen und steckte sie in seine Rocktasche. Die unwillkommenen Gäste traten in die Mitte des Zimmers.

"Sie sind ein – ein netter Schurke!" rief Mr. Wardle, atemlos vor Zorn.

"Mein werter Herr – mein werter Herr!" ermahnte der kleine Mann und legte seinen Hut auf den Tisch. "Bitte, bedenken Sie doch, Ehrenkränkung, Entschädigungsklage. Beruhigen Sie sich, mein werter Herr, pardon ..."

"Wie konnten Sie sich unterstehen, meine Schwester aus meinem Hause zu entführen?" rief Mr. Wardle.

"Ja – ja – sehr gut", sagte der kleine Mann. "Das können Sie fragen. Wie konnten Sie sich unterstehen, Sir? Nun, Sir?"

"Wer, zum Teufel, sind denn Sie?" fragte Mr. Jingle mit einer Heftigkeit, daß der kleine Herr unwillkürlich einige Schritte zurückwich.

"Wer er ist, Sie Halunke?" schrie Mr. Wardle dazwischen. "Mein Rechtsbeistand ist er, Mr. Perker von Grays Inn. Perker, ich will, daß man diesen Kerl gerichtlich verfolgt – er muß zur Rechenschaft gezogen werden – ich will – ich will – Gott verdamm mich – ich will ihn zugrunde richten, den Schuft. Und du", fuhr Mr. Wardle, sich plötzlich an seine Schwester wendend,_ fort, "du, Rachel, was soll das heißen, daß du in einem Alter, wo du doch schon endlich klug sein könntest, mit einem Landstreicher davonläufst, Schande über deine Familie bringst und dich selber unglücklich machst? Setz deinen Hut auf und komm nach Hause! Schaffen Sie geschwind eine Mietkutsche her und bringen Sie die Rechnung dieser Dame, hören Sie? Sie!"

"Sogleich, Sir", versetzte Sam, der auf Mr. Wardles ungestümes Klingeln mit einer Schnelligkeit erschienen war, die annehmen ließ, daß er den ganzen Vorgang durch das Schlüsselloch mit angesehen hatte.

"Setz deinen Hut auf!" wiederholte Mr. Wardle. "Nichts da", sagte Jingle. "Das Zimmer verlassen, Sir, nichts zu schaffen hier – Dame kann tun, was sie will – mehr als einundzwanzig Jahre."

"Mehr als einundzwanzig?" rief Mr. Wardle verächtlich. "Jawohl, mehr als einundvierzig."

"Das bin ich nicht", sagte die alte Jungfer, deren Entrüstung über den Entschluß, in Ohnmacht zu fallen die Oberhand gewann.

"Allerdings nicht", versetzte Mr. Wardle. "In ein paar Stunden bist du fünfzig."

Sofort stieß die Tante einen lauten Schrei des Entsetzens aus und sank besinnungslos zusammen.

"Ein Glas Wasser!" rief der menschenfreundliche Mr. Pickwick der Wirtin zu.

"Ein Glas Wasser?" sagte Mr. Wardle leidenschaftlich.

"Bringen Sie einen Zuber und gießen Sie ihn ihr über den Kopf. Es wird ihr guttun. Sie hat eine derartige Abkühlung reichlich verdient."

"Pfui, Sie Unmensch!" rief die mildherzige Wirtin. "Die Ärmste!" Und unter freundlichem Zureden benetzte sie, von ihrem Dienstmädchen unterstützt, die Schläfen der ohnmächtigen Jungfrau mit Essig, rieb ihr die Hände, kitzelte ihr die Nase, löste ihr das Mieder und wandte die sonstigen üblichen Belebungsmittel an, mit denen mitleidige Frauen Damen beizuspringen pflegen, die sich bemühen, in Krämpfe und Ohnmachten zu fallen.

"Die Kutsche steht bereit, Sir", meldete Sam in der Türe.

"Also los!" rief Mr. Wardle. "Ich werde sie die Treppe hinuntertragen." Sofort erneuerten sich die Krämpfe mit verdoppelter Heftigkeit.

Die Wirtin war eben im Begriff, einen heftigen Protest gegen dieses Verfahren einzulegen, und hatte sich auch bereits durch die unwillige Frage, ob sich Mr. Wardle vielleicht für den Herrn der Schöpfung halte, Luft, gemacht, als Mr. Jingle sich ins Mittel legte.

"Hausknecht", sagte er, "holen Sie mal einen Polizeibeamten."

"Halt! Halt!" rief der kleine Mr. Perker. "Überlegen Sie sich das, Sir, überlegen Sie sich das."

"Habe nichts zu überlegen", versetzte Mr. Jingle. "Sie ist großjährig – möchte sehen, wer sich untersteht, sie fortzunehmen – gegen ihren Willen."

"Ich will nicht fort", flüsterte die alte Jungfer. "Mit meiner Einwilligung nicht." (Anschließend bekam sie einen schauerlichen Rückfall.)

"Meine werten Herren", sagte der kleine Mann leise und nahm Mr. Wardle und Mr. Pickwick heimlich beiseite. »Meine werten Herren, wir sind da in einer bösen Situation. Es ist ein äußerst schlimmer Fall; ja, ja, tatsächlich! Wir haben nämlich durchaus kein Recht, meine Herren, die Handlungsweise dieser Dame irgendwie zu gängeln. Ich habe Sie im voraus darauf aufmerksam gemacht, werter Herr, daß wir uns auf einen Vergleich gefaßt machen müßten."

Es trat eine kurze Pause ein.

"Und welche Art von Vergleich würden Sie vorschlagen?" fragte Mr. Pickwick.

"Je nun, mein werter Herr, unser Freund ist in einer unangenehmen Lage. Wir müssen zufrieden sein, mit einem Geldopfer davonzukommen."

"Ich will lieber alles über mich ergehen lassen, als diese Schmach geduldig hinnehmen und meine Schwester in ihrer Blindheit in ihr eigenes Unglück rennen sehen", sagte Mr. Wardle.

"Ich glaube, es wird sich machen lassen", entgegnete der kleine Geschäftsmann. "Mr. Jingle, wollen Sie einen Augenblick mit uns ins nächste Zimmer kommen?"

Mr. Jingle war bereit, und die vier begaben sich in eine leere Stube daneben.

"Nun, Sir", begann der kleine Mann, nachdem er sorgfältig die Tür geschlossen hatte, "es gibt da keinen andern Weg, die Angelegenheit in Ordnung zu bringen – treten Sie einen Moment hierher, Sir, hierher, ans Fenster, wir können da unter vier Augen sprechen, Sir – so, Sir, ich bitte, nehmen Sie Platz, Sir. Also, unter uns gesagt, werter Herr, es ist doch klar, daß Sie diese Dame nur um ihres Geldes willen entführt haben. Runzeln Sie nicht die Stirn, Sir, runzeln Sie nicht die Stirn; wir sprechen doch unter uns, und unter dem "wir" verstehe ich nur Sie und mich. Wir sind beide Männer von Welt und wissen recht wohl, daß dies bei unsern Freunden dort nicht der Fall ist, was?" Mr. Jingles Gesicht heiterte sich allmählich auf, und ein Blinzeln des Einverständnisses zuckte für einen Moment um sein linkes Auge.

"Sehr gut, sehr gut", sagte der kleine Mann, als er den Eindruck, den seine Worte gemacht hatten, gewahrte. "Nun verhält sich die Sache indessen so, daß die Dame außer ein paar hundert Pfund nur wenig oder gar nichts besitzt, bis ihre Mutter einmal stirbt, und die ist ja noch eine sehr rüstige alte Dame, mein lieber Herr ..."

"Alte", wiederholte Mr. Jingle kurz und nachdrücklich.

"Nun ja", gab der Anwalt mit einem leichten Hüsteln zu. "Sie haben ganz recht, mein werter Herr, sie ist ziemlich alt.

Aber sie stammt aus einer alten Familie, mein werter Herr, ich meine alt im eigentlichen Sinne des Wortes. Der Urahne dieser Familie kam nach Kent, als Julius Cäsar in Britannien einfiel, und seitdem ist, mit Ausnahme eines einzigen, das unter einem der Heinriche enthauptet wurde, kein. Glied dieser Familie vor dem fünfundachtzigsten Jahre gestorben. Und die alte Dame ist jetzt erst dreiundsiebenzig, mein werter Herr." Der kleine Mann hielt inne und nahm eine Prise Tabak.

"Nun, und?" fragte Mr. Jingle.

"Nun, und, mein werter Herr? Darf ich Ihnen eine Prise anbieten? Nicht? Ah, um so besser. – Kostspielige Angewohnheit. Nun, mein werter Herr, Sie sind ein hübscher junger Mann. Ein Mann von Welt, könnten Ihr Glück machen, wenn Sie Vermögen hätten, wie?"

"Nun, und?" sagte Mr. Jingle wieder.

"Verstehen Sie nicht, was ich meine?"

"Nicht ganz."

"Meinen Sie nicht – nun, mein werter Herr, ich stelle es Ihnen nur anheim, aber meinen Sie nicht, daß fünfzig Pfund und Freiheit besser wären als Miß Wardle und ein langes Warten?"

"Geht nicht. Viel zuwenig!" sagte Mr. Jingle, aufstehend.

"Überlegen Sie sich's, mein werter Herr", mahnte der kleine Anwalt und faßte Mr. Jingle beim Rockknopf. "'s ist eine schöne runde Summe. Ein Mann, wie Sie, könnte sie in ganz kurzer Zeit verdreifachen. Mit fünfzig Pfund läßt sich's weit kommen, mein werter Herr."

"Aber noch weiter mit hundertundfünfzig", entgegnete Mr. Jingle kaltblütig.

"Nun, mein werter Herr, wir wollen nicht leeres Stroh dreschen", nahm der kleine Mann seinen Vortrag wieder auf. "Sagen Sie1, sagen Sie siebzig."

"Reicht nicht", versetzte Mr. Jingle.

"Aber so laufen Sie doch nicht immer gleich weg, mein werter Herr, bitte, eilen Sie doch nicht so", erwiderte der kleine Mann. "Achtzig? Kommen Sie, ich schreibe Ihnen sofort die Anweisung."

"Nun, mein werter Herr", entgegnete der kleine Mann, Mr. Jingle immer noch am Knopf haltend, "dann sagen Sie mir geradeheraus, wieviel Sie haben wollen."

"Kostspielige Angelegenheit", versetzte Mr. Jingle, "Geld aus meiner Tasche – Post, neun Pfund – Lizenz, drei – macht zwölf – Entschädigung hundert, macht hundertundzwölf – Ehrenkränkung – die Dame verloren."

"Schon gut, schon gut, mein werter Herr", sagte der kleine Mann mit einem schlauen Blick. Die beiden letzten Punkte wollen wir vielleicht aus dem Spiele lassen. Hundertundzwölf? – Sagen wir hundert."

"Und zwanzig", fügte Mr. Jingle bei.

"Kommen Sie; ich will Ihnen die Anweisung schreiben", entgegnete der kleine Mann und setzte sich in dieser Absicht an den Tisch. "Übermorgen zahlbar", fügte er mit einem Blick auf Mr. Wardle hinzu. "Und wir können inzwischen die Dame mitnehmen."

Mr. Wardle nickte verdrießlich.

"Ein–hun–dert", buchstabierte der kleine Mann.

"Und zwanzig", ergänzte Mr. Jingle.

"Aber, mein Herr, ich bitte Sie", ereiferte sich der kleine Mann.

"Schreiben Sie's", fiel ihm Mr. Wardle ins "Wort, "damit wir ihn schon endlich loswerden."

Der kleine Mann schrieb die Anweisung, und Mr. Jingle steckte sie in die Tasche.

"Und jetzt schauen Sie, daß Sie augenblicklich hinauskommen!" fuhr Mr. Wardle auf.

"Mein werter Herr", begütigte der kleine Mann.

"Und merken Sie sich", fuhr Mr. Wardle fort, "daß mich nichts – nicht einmal die Rücksicht auf die Ehre meiner Familie – veranlaßt haben würde, diesen Vergleich einzugehen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie mit dem Geld in der Tasche womöglich noch früher dem Teufel in den Rachen laufen werden, als es ohnedies der Fall wäre."

"Mein werter Herr", suchte der kleine Mann aufs neue zu beschwichtigen.

"Lassen Sie mich, Perker!" rief Mr. Wardle. "Und Sie, Sir, machen Sie, daß Sie hinauskommen."

"Soll augenblicklich geschehen", erwiderte Mr. Jingle unverschämt. "Servus, Pickwick."

Wenn ein unbefangener Zeuge während des letzteren Teils der erwähnten Besprechung das Gesicht des ausgezeichneten Mannes und großen Gelehrten hätte sehen können, würde er sich wohl nicht wenig gewundert haben, daß die Glut der Entrüstung in seinen Augen nicht zum mindesten seine Brillengläser schmolz, so majestätisch erschien er in seinem Zorn. Seine Nasenflügel bebten, und seine Fäuste ballten sich unwillkürlich, als er sich in so unverschämt kollegialer Weise von dem Schurken begrüßen hörte. Aber er hielt an sich und rieb ihn nicht zu Staub.

"Da", fuhr der verhärtete Bösewicht fort und warf Mr. Pickwick die Lizenz vor die Füße. "Namen ändern lassen – Dame nach Haus nehmen – gut für ,Tapps'."

Mr. Pickwick war Philosoph, und Philosophen sind im Grund weiter nichts als gewappnete und gepanzerte Menschen. Aber der Pfeil war gut gezielt und hatte durch den Harnisch philosophischer Weltanschauung seinen Weg bis in das innerste Herz des Menschen gefunden. In der Überfülle seiner Wut schleuderte er Jingle das Tintenfaß nach und rannte wie toll hinterdrein. Doch der Komödiant war bereits verschwunden, und Mr. Pickwick fühlte sich plötzlich von kräftigen Armen aufgehalten.

"Na, das Schreibgerät muß bei Ihnen zu Hause wohlfeil sein", sagte Sam. "Eine Tinte, die von selbst schreibt und noch dazu an die Wand malt, alter Herr! Nur ruhig Blut, Sir! Hat nicht viel Zweck, 'nem Menschen mit so langen Beinen nachzurennen, der jetzt schon am andern Ende des Borough ist."

Mr. Pickwicks Geist war, wie der aller wahrhaft großen Männer, stets Vernunftgründen zugänglich. Er war ein schneller und tiefer Denker, und die Überlegung eines Augenblicks genügte, ihn die Machtlosigkeit, seiner Wut einsehen zu lassen. Sie minderte sich daher so schnell wieder, wie sie losgebrochen war. Er verschnaufte sich und warf wohlwollende Blicke auf seine Freunde.

Sollen wir einen Auszug aus Mr. Pickwicks meisterhafter Beschreibung geben, wie herzbrechend Miß Wardle wehklagte, als sie sich von dem treulosen Jingle verlassen sah? Sein Tagebuch, von Tränen der Teilnahme teilweise verwischt, liegt offen vor uns. Ein "Wort, und es ist in den Händen des Druckers. Doch nein! Das sei ferne von uns.

Langsam und traurig kehrten am andern Tage die beiden Freunde nebst der verlassenen Jungfrau mit der schwerfälligen Muggletoner Postkutsche nach Hause zurück. Düster und trübe lagerte der schwarze Mantel einer Sommernacht auf den Fluren, als sie Dingley Dell erreichten und an dem Portal von Manor Farm aus dem Wagen stiegen.

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