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Die Philosophen

Hermann Harry Schmitz: Die Philosophen - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer Ästhet und andere Tragikomödien (Sämtliche Werke Band III)
authorHermann Harry Schmitz
year1988
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20058-5
titleDie Philosophen
pages112-119
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hermann Harry Schmitz

Die Philosophen

Das Mysterium des Sonnenstichs


Personen:

Hämorrhoid Ackermann, ein Denker, Aufseher in einer Dynamitfabrik

Kaspähr Fröbel, ein Naivling, an beiden Armen gelähmt

Blücher, Feldmarschall

Ein Oberpräsident

Eine überreife Leiche

Goliath Memmehöh, ein Jähzorniger

Friedel Puste, ein Gefreiter

Möbel, ein Schutzmann

 

Spielt an einem Sarge, Mitte August, bei 40 Grad Hitze.


Vorhang

Kaspähr, Hämorrhoid, Blücher, Oberpräsident.

Ersterer schaut nach dem Sarge hinüber, schnuppert mit dem Ausdruck des Ekels auf dem Gesicht in der Luft, die letzteren drei sitzen apathisch da. Hämorrhoid mit der rechten Hand an der Stirn in der Pose des Grüblers. Blücher mit dem Ellbogen auf dem Tisch, die Fäuste an den Backen. Oberpräsident eckig auf dem Stuhl, die Hände flach auf den Beinen, Monokel im Auge.

Nach Aufziehen des Vorhanges wird in der ersten Minute nicht gesprochen.

Kaspähr: Eine Leiche kann in der Hitze noch so lange herumstehen, sie riecht deswegen keineswegs angenehmer. (Niemand reagiert) – Es ist nicht zum Aushalten. Es muß etwas mit der Leiche geschehen. Sie liegt jetzt volle 8 Tage. (Niemand reagiert) (Spricht lauter) Nehmen Sie doch Vernunft an. (Es reagiert noch immer niemand) (Schreit) Das kann doch so nicht weitergehen. Es muß doch irgendwas mit der Leiche geschehen!

Hämorrhoid: (Vor sich hinlächelnd, mitleidig:) Es muß etwas geschehen – – – – – muß etwas – – – junger Mann, muß? – – – – –

Kaspähr: Ja, ja Herr Ackermann, nehmen Sie sich doch der Sache an. Sie sehen doch selbst ein......

Hämorrhoid:... muß geschehen. Sie sind wirklich naiv – Naiv, nein nicht nur das, Sie haben einen goldenen Optimismus, wie ich ihn noch nicht erlebt habe – – muß.. muß.. (schüttelt ganz fassungslos den Kopf) ... muß...

Kaspähr: Sie sind doch ein vernünftiger Mensch, Herr Ackermann, daß Sie das nicht begreifen; die Leiche liegt jetzt 8 Tage, wir haben im Schatten 40 Grad, was soll das werden?

Blücher: (ohne auch nur im geringsten seine Stellung zu ändern, vor sich hinbrummend)
Sie wird weiterstinken.

Kaspähr: Das ist doch entsetzlich. Ja, meine Herren, nehmen Sie sich doch der Leiche an. Es muß etwas geschehen!!

Hämorrhoid: Muß etwas geschehen.... wann lernen Sie sich präziser auszudrücken! Junger Mann,... Muß? Kann lasse ich vielleicht gelten. Es kann alles mögliche mit dieser Leiche geschehen. Es kann.... verstehen Sie wohl.

Kaspähr: Man könnte die Leiche doch begraben! Begraben, und die ganze Sache wäre erledigt!

Hämorrhoid: Begraben, ja – ja, es geschieht dieses häufig.

Kaspähr: Immer, immer geschieht das. Leichen müssen überhaupt begraben werden, oder aber verbrannt. Das eine oder das andere.

Hämorrhoid: Im Grunde genommen ist es eigentlich egal, ob man Leichen verbrennt oder begräbt. Vom religiösen Standpunkt aus werden zwar Bedenken gegen die Leichenverbrennung erhoben.

Kaspähr: Gott, Herr Ackermann, tun Sie doch etwas, damit die Leiche fortkommt! Telefonieren Sie nach einem Leichenwagen!

Hämorrhoid: Telefone sind stets besetzt!

Kaspähr: Versuchen Sie es wenigstens!

Hämorrhoid: Oder der Teilnehmer spricht auswärts.

Kaspähr: Gott, wäre ich nicht gelähmt!

Hämorrhoid: Oder man wird falsch verbunden.

Kaspähr: Versuchen Sie es doch, in Jesu Namen!

Hämorrhoid: Oder es ist irgendwo ein Gewitter, und das Amt meldet sich überhaupt nicht.

Kaspähr: Es ist die allerhöchste Zeit! Es kriechen schon Würmer und Käfer auf der Leiche herum! Miasmen schwängern die Luft!

Hämorrhoid: Sie erzählen uns Sachen, die gar nicht neu sind, junger Mann. Sie haben hitziges Blut, junger Springinsfeld!

Blücher: (genau wie zuvor) Durchgänger!

Kaspähr: Es ist entsetzlich! Gräßlich! Ich flehe Sie an, Herr Ackermann, wenn Sie schon nicht selbst telefonieren wollen, so schicken Sie nach einem roten Radler.... aber wir können doch nicht...

Hämorrhoid: Wir können nicht?.... Haben Sie eine Ahnung, was wir nicht können?

Kaspähr: Wenn man wenigstens den Deckel zumachte.... Schauerlich, dieser Verwesungsgeruch, dies gräßliche Gewimmel der Würmer und das müde Kriechen der Leichenkäfer!

Hämorrhoid: Alles rein physikalische Veränderung ohne Reflexwirkung auf den Kosmos. Alles ist egal, was wir auch tun mögen. Lernen Sie das doch endlich, junger Mann! Das tiefe Geheimnis des Lebens ist: je m'en fiche!

Kaspähr: Wäre ich nicht gelähmt! Ich hätte Sie nicht nötig! Ich hätte nicht nötig, hier zu winseln und zu flehen, Ihr Mitleid anzurufen.

Hämorrhoid: Die Tragik aller Aktivität! Das Wegschneiden des Blinddarmes ist das größte Verbrechen an dem fatalistischen Gedanken. Wenn etwas nicht geschieht, was geschehen sollte, oder etwas nicht geschehen sollte, was tatsächlich geschehen ist, so ist im Grunde genommen, sowohl in dem einen wie in dem andern Fall, rein abstrakt gedacht, gar nichts geschehen; kosmisch denken, äonenhaft!

Kaspähr: Nehmen Sie endlich Vernunft an! Hat die Hitze Ihren Geist verwirrt? Dieser entsetzliche Geruch! (Wendet sich zu Blücher) Exzellenz! Helfen Sie mir! Sitzen Sie doch nicht so starr! Sie sind doch ein Mann der Tat!

Blücher: Mir ist alles wurscht..... wurscht...... wurscht........

Kaspähr: Rappeln Sie sich doch auf! Sie als alter Soldat! Entsetzlich, immer muß ich die Leiche ansehen! Sie haben siegreiche Schlachten geschlagen. Lassen Sie sich von den Maximen des Herrn Ackermann, nicht beeinflussen! Vergiften!
(Da Blücher auch nicht weiter reagiert, zum Oberpräsidenten:) Sie, Herr Oberpräsident, als Mann der Ordnung, als Behörde! Kümmern Sie sich doch um die Sache! Das ist überhaupt Ihre Pflicht! Das gehört in Ihr Ressort! Sie erlassen Verfügungen, daß man auf den Bahnhöfen nicht ausspucken darf, etc. und dulden hier eine direkt lebensgefährliche Schweinerei! Schweinerei! ja einen anderen Ausdruck dafür finde ich nicht!
(Oberpräsident starrt unentwegt, das Monokel im Auge, ins Leere und rührt sich nicht.) Ich spreche dienstlich mit Ihnen! Ich will mein gutes Recht! Die Leiche muß hinaus! (Der Oberpräsident rührt sich absolut nicht.)

Kaspähr: (Horcht auf. Ihm fällt plötzlich etwas ein. Ein gewisser Hoffnungsschimmer liegt auf seinem Gesicht. Er wendet sich eifrig an Hämorrhoid:)
Herr Ackermann, Sie müssen ja ohnehin gleich hinaus. Es ist sogar die höchste Zeit! Es hat schon zweimal gepfiffen! Sie müssen Wasser in die Kessel lassen. Da Sie ohnehin jetzt hinausmüssen, können Sie gleichzeitig nach dem Leichenwagen schicken, damit die Leiche wegkommt.
(Hämorrhoid rührt sich nicht.)
Sie müssen gehen, es wird die allerhöchste Zeit!

Hämorrhoid: Was ist uns heute die Sintflut? Was ist uns heute die Zerstörung von Herkulanum und Pompeji? Das Blutbad an der Aller!.... Daten, was weiter?... Nichts, Begebenheiten, die nicht in der Lage sind, auch nur die geringste Emotion bei uns hervorzurufen.

Kaspähr: Reden Sie jetzt nicht von der Sintflut! Nehmen Sie Vernunft an! Gehen Sie hinaus in die Fabrik!... Herr Oberpräsident, befehlen Sie es doch! Sprechen Sie doch ein Machtwort! Die ganze Verantwortung fällt auf Sie zurück! (wieder zu Ackermann:) Jede Sekunde ist wertvoll! Ein gräßliches Unglück wird sich sonst ereignen!

Hämorrhoid: Es werden einige Hundert Menschen gleich in die Luft fliegen!

Blücher: Alles ist mir wurscht.... wurscht.... wurscht....

Kaspähr: (schreiend) Ungeheuer! Teufel! Oh, die unglücklichen Menschen!

Hämorrhoid: Und die Witwen und Waisen! Erregt uns etwa das Schicksal jener Menschen aus der Bronzezeit, die auf dem Grunde des Züricher Sees in den Resten ehemaliger Pfahldörfer mit eingeschlagenen Schädeln gefunden wurden?

(Hinter der Bühne eine enorme Explosion. Zusammenstürzen von Häusermassen, Menschengeschrei, Wimmern, Hilferufe. Kaspähr hält sich entsetzt die Ohren zu und sinkt auf dem Tisch zusammen. Auf die übrigen macht die Sache keinerlei Eindruck.)

Hämorrhoid: Wer läßt die Tragik des Unterganges von Sodom und Gomorrha heute auf sich wirken? Anekdoten!

Kaspähr: (Richtet sich vom Tisch auf.) Die Leiche muß weg! Die Leiche muß weg! Ich werde wahnsinnig! Das Stöhnen draußen!

Hämorrhoid: Die Tragik der Aktivität!

Friedel Puste: (Stürzt aufgeregt herein, völlig außer Atem) Exzellenz, Wellington bittet Sie sofort in die Schlacht zu kommen. Er muß der Übermacht weichen. Sofort, Sofort!

Blücher: Mir ist alles wurscht...... wurscht...... wurscht.....

(Friedel stürzt wieder weg. Blücher verharrt in der gleichen Stellung wie zu Anfang.)

Kaspähr: Exzellenz, ich beschwöre Sie im Namen des Vaterlandes, gehen Sie doch! Von Ihnen hängt alles ab. Soll Napoleon wieder den Daumen auf die Welt drücken? Gehen Sie, ich flehe Sie an! (Schreit auf einmal wie verrückt) Die Leiche muß weg! Es muß etwas geschehen mit der Leiche!

Hämorrhoid: Wer erregt sich heute noch über den Kindermord von Bethlehem? Über den Untergang von St. Pierre und das Erdbeben von San Franzisko? Sie treiben uns keine Träne mehr ins Auge!

Kaspähr: Himmel, daß ich mich nicht bewegen kann! Immer muß ich die Leiche ansehen! Die Leiche muß hinaus! Herr Ackermann, Exzellenz! Gnade, Erbarmen!

Blücher: Mir ist alles wurscht..... wurscht...... wurscht.....

Hämorrhoid: Der Zusammenbruch des Gotenreiches, das Hinschlachten von vielen Tausenden Menschen, eines ganzen Volkes, – – Daten! Tabes dorsalis und Gehirnlähmung, ein Schritt weiter dem idealen Zustand der absoluten Passivität, der Apathie des Nirwanas entgegen.

Kaspähr: (Schreit laut und gellend) Es muß etwas geschehen! Himmel! Die Leiche muß weg!

Friedel Puste: (kommt wieder hereingestürzt) Die Schlacht von Belle-Allianz ist verloren! Wellington und die ganze Armee auf der Flucht! (ab)

Blücher: Mir ist alles wurscht..... wurscht.... wurscht......

Hämorrhoid: Wenn nur die Leute die Ereignisse durch Ewigkeitsbrillen anschauen wollten!

Schutzmann Möbel: (Macht vor dem Oberpräsidenten Front und meldet) Exzellenz, Herr Regierungsrat Melchers läßt Sie bitten, eben mal herauszukommen, der zwei Monate alte Erbprinz Kaliko wird gleich mit seiner Amme vorbeikommen.

Oberpräsident: (springt, wie von der Tarantel gestochen auf und eilt mit dem Schutzmann hinaus. Draußen hört man dann heftiges Hurra-Rufen.)

(Blücher bleibt mit der gleichen Stellung am Tisch. Hämorrhoid schüttelt ein wenig den Kopf.)

Kaspähr: (Schreit gellend und sinnlos) Die Leiche muß weg! Es muß etwas geschehen!

Der Jähzornige: (kommt wütend herein, sieht den fortgesetzt schreienden Kaspähr voll Haß an und knallt ihn ohne weiteres nieder) Nicht mal sein Mittagsschläfchen kann man in Ruhe halten. (ab)

Hämorrhoid: Die Tragik der Aktivität.

(Einen Augenblick herrscht absolute Ruhe auf der Bühne. Plötzlich erhebt sich die Leiche aus dem Sarge.)

Die Leiche: Ich stinke mir selbst zu stark. Es ist nicht zum Aushalten. Ich lasse mich begraben.

(Geht, während der Vorhang fällt, langsam über die Bühne. Hämorrhoid und Blücher verharren in ihrer Apathie.)

Ende.








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