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Die Pfadfinderin

Paul Heyse: Die Pfadfinderin - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleDie Pfadfinderin
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1870
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Ich war den ganzen Tag einfach durch die langgestreckten Thäler gewandert, unter einem verdrossenen, bleifarbenen Herbsthimmel, zwischen dunklen, unabsehlichen Fichtenwäldern, in denen sich wenig Lebendiges regte, als hie und da ein paar schweigsame alte Leute an einem Kohlenmeiler, oder Holzknechte, die das Flößergeschäft besorgten und ebenfalls nicht redselig aufgelegt waren. Auch der Fluß, der mich Anfangs mit munterm Rauschen begleitet hatte, floß endlich träger und mürrischer, als habe er gemerkt, daß wir Zwei uns nicht verständigen konnten. So war ich froh, als er gegen Abend eine starke Biegung machte und in einen weiten, lachenden Thalgrund einlenkte, wo links und rechts auf den Hängen, die in breiten Stufen hinanstiegen, helle Laubbäume im letzten Tageslichte standen und kleine Gehöfte überall zerstreut aus den Wiesen hervorsahen. Tiefer hinab schien ein großes Dorf sich um einen alten Herrensitz zu lagern, aber so von den Wipfeln der Kastanien- und Nußbäume überragt, daß selbst der Kirchthurm dahinter verschwand. Die Luft, die in der feuchten Enge der Schlucht beklommen und streng gewesen war, milderte sich hier plötzlich. Es wurde mir auf einmal leicht ums Herz, und ich stand unwillkürlich still, um all das Erfreuliche, das da vor mir ausgebreitet war, erst im Ganzen zu genießen, eh' ich es Stück für Stück in Besitz nahm.

Zur Linken, etwa dreißig Schritt von der Stelle, wo der Fluß sich wendet, lag eine große Schneidemühle, der gegenüber sich ein Häuschen befand, etwas größer und schmucker als die gewöhnlichen Bauernhäuser, zumal durch einen Blumen- und Obstgarten verschönt, wie er in diesen Gegenden nicht häufig gefunden wird. Zwischen Haus und Mühle lief die Landstraße durch, und von der Mühle aus führte ein hoher Steg auf das andere Ufer, wo große Holzvorräthe, schon geschnittene Stämme und Flößholz, sehr ordentlich bei einander aufgeschichtet lagen. Die Räder schienen vor Kurzem gestellt zu sein, vom Dorf herauf läutete das Avemaria und aus dem untern Geschoß des Hauses drang ein Summen und Murmeln, wie wenn dort viele versammelte Menschen vor dem Nachtessen das übliche Gebet hersagten.

Indem ich so in Sehen und Hören versunken eine Weile rastete, in jener angenehmen Betäubung, in der sich nach langer Anstrengung die Sinne zu sammeln und auszuruhen pflegen, fühlte ich plötzlich einen herzhaften Schlag auf meine Schulter und sah, mich erstaunt umwendend, einem alten Bekannten ins Gesicht, der mir freilich schon lange aus der Kunde gekommen war. Und da ich ihn überdies nie in solchem Aufzug gesehen hatte, wie er hier, gleichsam aus dem Boden gewachsen und dazu gehörig, sich darstellte, brauchte ich einige Secunden, bis mir sein Name von den Lippen sprang und meine Hand sich mit der seinigen in einem freundschaftlichen Druck begegnete.

Vor mehr als zehn Jahren hatten wir uns häufig gesehen, manche Stunde mit einander verschwatzt, über lustige und ernsthafte Dinge unsere Meinungen getauscht und, da wir sehr verschiedene Künste trieben, Jeder dem Andern von dem Seinigen mitgeteilt. Er hieß Doctor Wendelin, war um ein gut Stück älter als ich und sah noch verwitterter aus, als Andere in Seinen Jahren, da er sich nie geschont und unter manchem Himmelsstrich durch Mühsal, Mangel und Gefahren aller Art durchgeschlagen hatte. Denn er konnte die Naturwissenschaften, denen er sich gewidmet hatte, vor Allem Zoologie und Botanik, nicht wie so mancher Andere seßhaft hinter Büchern und Sammlungen betreiben. Kaum einen Winter lang hielt er es an Einem Orte aus, kaum so lange, um die Ergebnisse seiner Forschungen in einigen Aufsätzen niederzulegen; alsdann riß es ihn wieder auf, und er mußte wandern. Seine Fachgenossen sprachen mit besonderm Respect von ihm, als Einem, dem überall, wo er mit dem Wanderstab anklopfte, eine neue ungeahnte Quelle der Erkenntniß springe, und bedauerten nur, daß er sich nie entschließen könne, ein größeres zusammenhängendes Werk zu schreiben oder einen Lehrstuhl zu besteigen. Andere wieder gaben ihm darin Recht, daß er that, wozu er am meisten taugte: Wege zu Suchen, Anregungen auszustreuen, gerade da, wo man schon abgeschlossen zu haben wähnte, ein neues Pförtchen aufzumachen. Und da er auch sonst etwas Unweltläufiges hatte und »Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte« oder zu beobachten verschmähte, hatten ihm seine Freunde den Namen »Pfadfinder« oder »Lederstrumpf« angehängt, den er sich ganz wohl gefallen ließ, und mit dem auch ich ihn begrüßte. Er hatte ihn nie besser verdient, als jetzt, wo er plötzlich aus einem weglosen Dickicht zur Seite herabgeschneit, wie ein Vetter Rübezahls hinter mir stand, die hohe, etwas hagere Gestalt in einem grauen Kittel und kurzen ledernen Kniehosen, gelben Kamaschen und mächtigen Nagelschuhen, einen ausgewaschenen und verbogenen Strohhut auf dem braunen Krauskopf, dessen Locken schon merklich ins Graue spielten, der Bart ungeschoren und ungepflegt. Doch waren die blauen Augen, zumal wenn er plötzlich die halbgesenkten Lider öffnete und Jemand schalkhaft oder ernsthaft anblitzte, von einem Jugendglanz, der wohl auch noch einem Mädchen gefährlich werden mochte, und wenn er lachte, sah man die weißen Zähne, noch alle unversehrt, durch den angegrauten Bart Schimmern.

Er trug einen leichten Tornister auf dem Rücken, eine schwere Blechkapsel an der Seite, einen derben Stock mit blankem Stahlhammer in der Faust.

Nachdem wir die ersten Fragen und Antworten über unser Woher und Wohin gewechselt hatten, wobei ich natürlich bestimmtere Auskunft geben konnte als er, der ewige Wanderer, der »Unbehauste, der Flüchtling ohne Rast und Ruh«, sagte er, indem er mit seinem Hammer nach dem Dorf hinunterzeigte:

Wenn es Ihnen darum zu thun ist, Forellen zu essen und sie in einem zweifelhaften Deidesheimer schwimmen zu lassen, so gehen Sie dort hinunter, wo sie Beides so gut und theuer genießen können, wie nur irgend in einem Postwirthshause hiesiger Gegend. Aber da Sie vor Zeiten mehr auf Menschen als auf Fische versessen waren, lade ich Sie ein, hier ganz in der Nähe vorlieb zu nehmen. Das Häuschen, das Sie dort neben der Sägemühle sehen, gehört Leuten, bei denen ich seit langen Jahren ziemlich gut angeschrieben bin, und die kennen zu lernen wohl der Mühe werth ist. Ich habe eigens um ihretwillen diesen Umweg gemacht; obwohl für meine Zwecke nicht eben viel dabei herausschaut, da ich diesen Winkel kenne, wie meine Tasche, und mit Allem, was hier kreucht und fleugt, von Urgroßeltern her vertraut bin. Aber sie würden glauben, ich sei gestorben oder verdorben, wenn ein Jahr verstriche, ohne daß ich einmal wieder die Beine unter ihren Tisch streckte, und auch mir selbst würde etwas fehlen. – Machen Sie nur keine Umstände. Als guter Freund eines guten Freundes werden Sie bei diesen wackeren Menschen sehr willkommen sein, und in der Gaststube droben, wo ich untergebracht werde, steht immer ein zweites Bett. Auch daß Sie ein Ketzer sind, braucht Sie nicht zu kümmern. Denn es wird zwar eben da drinnen kräftig gebetet, und im Zimmer oben hängt ein Weihkessel, aber die Hausfrau selbst ist keine Katholikin, und daß ich selbst ein halber Heide bin, hat unsere Freundschaft nie gestört.

Mit diesen Worten schritt er mir voran auf das Haus zu, in dem gerade das Summen der Betenden verstummte, und öffnete ohne anzuklopfen die Thür.

Guten Abend mit einander! sagte er. Ist's erlaubt einmal wieder vorzusprechen und noch einen Gast mitzubringen?

Herrgott, der Gevatter! rief eine tiefe Frauenstimme, die das Signal zu einem lustigen Chorus aus Mädchen- und Männerkehlen gab. Im nächsten Augenblick sah ich meinen Freund von einem bunten Getümmel hemdärmliger Gestalten umringt, die von ihren Sitzen aufgestanden waren und den alten Hausfreund mit freundschaftlichem Ungestüm bewillkommten.

Ich, an der Thür unbeachtet zurückgeblieben, hatte Muße, mir den Ort und die Menschen darin zu betrachten. Es war ein sehr großes, vier- oder gar fünffenstriges Zimmer mit niedriger Decke, sauber weißgetüncht und nach Art der Wirthsstuben mit wenigen Meubeln ausgerüstet. An der Fensterseite stand ein langer Tisch, um den etwa ein Dutzend Dienstleute, Männer und Dirnen, um zwei riesige Schüsseln saßen, und weiter aßen, ohne sich, nach dem ersten Umblicken und Köpfezusammenstecken, um die fremden Gäste weiter zu kümmern. An der Ofenseite, an einem kleinern Tisch, hatte die Familie des Hausherrn gesessen, der Sägemüller, ein stattlicher Mann in den besten Jahren, die Frau, von der noch weiter die Rede sein wird, drei hochgewachsene bäuerlich gekleidete Töchter, dem Vater mit ihren derben rothwangigen Blondköpfen wie aus den Augen geschnitten, etwa von neunzehn bis fünfzehn Jahren, während ein schlanker Knabe am Ende des Tisches, der an etwas Künstlichem geschnitzt und das Essen noch nicht berührt hatte, mit großen braunen Augen, die der Mutter gehörten, den fremden Gast anstarrte. An der einfachen Nachtkost, einem Mehlschmarren und Birnenschnitz, hatten noch ein paar Männer Theil genommen, von denen ich aber, da keine Vorstellung Statt fand, nichts zu sagen weiß, als daß sie mir wie Geschäftsleute, Getreide- oder Holzhändler, vorkamen und sich auch gleich nach dem Essen empfahlen.

Richtig! hörte ich jetzt meinen Freund mit seiner kräftigen Stimme lachen. Noch immer die alten Nachtfalter, die keine Kerze anzünden, so lange sie noch den Mund finden können. Es mag beim Essen sein Gutes haben, damit Keins dem Andern die saftigeren Schnitz vor dem Löffel wegfischt. Aber wenn alte Freunde nach Jahr und Tag sich wiedersehen, Wetter auch! da will ich's hell haben, daß man sich die Falten im Gesicht zählen und sehen kann, ob der Vorrath sich gemehrt hat. Ist mir's doch eben passirt zu der Zenz Toni zu sagen, was eine Schande ist für einen rechtschaffnen Gevatter.

Das jüngste Mädchen war schon bei den ersten Worten hinausgelaufen und brachte jetzt ein brennendes Licht aus der Küche herein. So! sagte der alte Freund, nun seh' ich doch erst, daß du seit vorm Jahr die Kinderschuh ausgetreten hast, Christel. Und wie sieht's heuer aus mit dem Kochen? Schau, da ist ein fremder Herr, der gern einen Eierkuchen von deiner Fabrik essen möchte, und wenn du ein paar Schinkenschnitte daran thätest, würde er auch nicht böse sein, denn er ist ein Städter und den ganzen Tag marschirt, und ich fürchte, um euern schönen Schmarren ist's ihm nicht zu thun. Liebe Gevatterin, wenn Sie noch ein Bischen rücken, so kann er zwischen uns Beiden sitzen.

Nun trat die Frau auf mich zu, mich zu begrüßen und sich zu entschuldigen, daß man mich bisher übersehen habe; es sei allemal eine so große Freude, wenn der Gevatter ins Haus komme, und eine so seltene, daß andere Gäste darüber zu kurz kämen, wenn auch nur für die ersten zehn Minuten. Ich konnte sie jetzt beim Kerzenlicht, und während sie mir ruhig gegenüberstand, genauer betrachten und sah, daß sie zwar nie so eigentlich schön gewesen, aber unter diesen Bauerngesichtern immer aufgefallen sein mußte durch eine gewisse Feinheit, die mehr im Blick und Ausdruck lag, als in den Zügen. Schön geformt war nur die Stirn und der Mund, und wenn sie lächelte, was selten geschah und fast nur über ein Scherzwort des alten Freundes, konnte sie auf einmal ganz jugendlich aussehen, obwohl ihr braunes Haar schon stark mit Silberfäden durchzogen war. Das Eigenthümlichste an ihr schien ihre Stimme, so weich und sanft bei aller Tiefe, wie es den Altstimmen im Reden selten eigen ist. Gekleidet war sie ganz wie eine wohlhabende Bäuerin dieser Gegend, nur daß sie keine Haube trug, sondern das Haar mit einem dunklen Bande aufgebunden und durch einen Kamm im Nacken zusammengehalten.

Jetzt reichte mir auch der Mann die Hand und nötigte mich an den Tisch. Er entschuldigte sich, daß er weder Bier noch Wein uns vorzusetzen habe, nichts als einen Enzianbranntwein, den freilich Jeder rühme. Aber wenn ich kein Liebhaber sei, wolle er sogleich ins Dorf hinabschicken, ich solle nur sagen, was ich zu trinken begehre.

Der Knabe, der, wie ich jetzt sah, an einem ganz sinnreich construirten Modell eines Zugbrückchens geschnitzt hatte, stand bei diesen Worten auf und sah mich fragend an, um je nach meinem Entscheid das Gewünschte herbeizuschaffen. Ich verbat mir natürlich alle Umstände, nahm meinen Ehrenplatz zwischen der Hausfrau und Freund Lederstrumpf ein, und keine zehn Minuten vergingen, so war es mir so heimisch wohl an diesem Tische, als genösse ich die ältesten gastfreundschaftlichen Rechte.

Das war nun freilich vor Allem das Verdienst des eigentlichen Gastfreundes, der mich unter seine Fittige genommen. Denn dieser ewige Wanderer verstand aufs Trefflichste die Kunst, überall, wo er nur eine Stunde rastete, eine Stimmung von Häuslichkeit und Behagen zu verbreiten und alle unbequeme Fremdheit zu verbannen. Wie viel mehr mußte es ihm gelingen, in diesem Hause es sich und Anderen wohl sein zu lassen, da er, wie er selber erzählte, unter keinem Dache der Erde so viele Nächte geschlafen hatte, wie unter diesem – freilich nicht in Einem Strich. Es war auch, als sei er gestern erst gegangen, so genau wußte er um Alles Bescheid, was diese Leute erlebt hatten, so sorgsam erkundigte er sich bei jedem Einzelnen, Eltern und Kindern, nach all' ihren großen und kleinen Angelegenheiten. Ich erfuhr, daß eine ältere Tochter seit zwei Jahren an einen reichen Wirth zwei Stunden abwärts verheirathet war und schon einen Buben hatte. Die dann folgte, die Crescenz, das eigentliche Pathenkind meines Freundes, war auch schon verlobt, und mußte sich allerlei Neckereien gefallen lassen und versprechen, ihn nicht, wie die Schwester, zu übergehen, wenn auch an sie die Reihe komme, taufen zu lassen. Bei ihr selbst hätte sie's erlebt, was es um einen rechtschaffenen, christlichen Pathen für eine gute Sache sei; das solle sie auch ihrem Kinde gönnen. Das Mädchen – ein munteres und gar nicht zimpferliches Ding – gab ganz lustige Antworten, obwohl es bis an die Stirne roth geworden war, und als an die anderen Schwestern die Reihe kam, sich verhören zu lassen, wie sie es die Zeit her getrieben hätten, war es auch denen anzumerken, daß hier im Haus eine gute, helle und gesunde Luft wehte, besser gelüftet und von allerlei Vorurtheil und Aberglauben gereinigt, als sonst in Bauernhäusern dieser Gegend. Der Knabe dagegen, der wie sein Vater Aloys genannt wurde, schien etwas linkisch und unaufgethaut, und wenn er nicht Augen gehabt hätte, die von einem innern Leben strahlten, hätte man ihn leicht übersehen. Als aber der Hausfreund ihn heranrief und sich sein Schnitzwerk zeigen ließ, auch allerlei Fragen that nach Diesem und Jenem, belebten sich die etwas hageren jungen Züge, und man sah, daß dieser Jüngste von dem geistigen Erbe der Eltern wohl das Meiste abbekommen hatte. Die Mutter, die wenig sprach, hörte ihm mit einem stillen Stolze zu, während er seine klugen Antworten gab. – Es bleibt dabei, Gevatter, sagte der Hausfreund, den Buben lassen wir studiren. Blitz! Der wird noch einmal Brücken bauen über den Niagara, oder gar bis in den Mond. Und da habe ich ihm gleich was mitgebracht, was er dazu brauchen kann.

Er schnürte sein Ränzel auf und holte ein Büchlein heraus, eine leicht und anschaulich geschriebene Himmelskunde mit Bildern und Karten, über die der Knabe sogleich in seiner stillen Art mit strahlenden Augen und offenem Munde sich hermachte, nachdem er dem gütigen Geber einmal über das Andere die Hände gedrückt hatte. Auch für die Mädchen kam nun allerlei Putz und Kram aus dem Tornister heraus, und zuletzt eine schöne kurze Pfeife für den Hausherrn mit einem Löwenkopf aus Meerschaum. Nur die Gevatterin geht wieder leer aus, sagte er. Es ist mir diesmal leider als sonst, denn ich habe da bei dem Schnitzer, von dem die Pfeife ist, einen Kamm gesehen, bei dem ich gleich an das Haar meiner alten Freundin denken mußte, – schönes dunkles Schildpatt mit ein Paar silbernen Streifen. Und doch bin ich zu gut gezogen, um mein altes Versprechen zu brechen, daß ich ihr nie was schenken will.

Das fehlte noch gar! sagte die Frau. Ich habe schon genug. Ihr wißt's am besten.

Sie sah dabei mit einem gedankenvollen, aber hellen Blick zu ihrem Manne hinüber, der eben die neue Pfeife einweihte.

Indem ging die Thür und Christel kam herein und brachte das Essen, dem wir alle Ehre anthaten, die ihre junge Kochkunst auch wohl verdiente. Währenddem plauderte Freund Pfadfinder von Diesem und Dem mit dem Hausherrn, das Neueste vom italienischen Krieg, der eben damals die Gemüther bis in die stillsten Waldwinkel aufregte, dann von seinen Reisen, die ihn im vorigen Jahr in den hohen Norden Schwedens und Norwegens geführt hatten. Der Mann schien sich für Alles zu interessiren, hatte die Zeitungen mit Verstand gelesen und sprach auch von Büchern, technischen und historischen, die ihm der Gevatter besorgt haben mochte, Alles in einer etwas langsamen, ungeübten Manier, theils als ob er sich vor den Städtern nicht recht getraute, theils wie wenn ihm auf sein geistiges Räderwerk etwas von dem Sägestaub seiner Mühle gefallen wäre, so daß es nicht ohne Anstoß arbeitete.

Die Frau, die ihr Spinnrad geholt hatte, saß still dabei, die Kinder waren bei ihrer Arbeit wie die Mäuschen, das Gesinde hatte längst das Zimmer verlassen und war schlafen gegangen.

Als der Hausherr eben noch einmal vom Enzian einschenken wollte, stand mein Pfadfinder auf und sagte: Jetzt aber ist's genug geplaudert, zumal, da Ihr mich morgen noch nicht loswerdet. Gute Nacht, Gevatter; wohl zu schlafen, Frau Afra. Wecken braucht's morgen nicht. Die Sonne, wenn sie den alten Gast wieder in dem alten Bette findet, wird so große Augen machen, daß man die seinen nicht zubehalten kann. Aber es bleibt dabei, daß wir der Monica ins Haus fallen, damit ich den Buben sehe, den sie mir unterschlagen hat. Ich gehe schon am Vormittag hinüber und melde Euch an, daß sie das Essen drauf richtet. Gute Nacht miteinander! –

Er gab den Eltern die Hand, klopfte den Kindern auf die Wangen und sah sich unter der Thür noch einmal um. Ist doch schön, wieder einmal zu Hause zu sein, sagte er wie für sich hin.

Dann gingen wir der voranleuchtenden Christel nach, die Treppe hinauf, die zu der Fremdenstube führte.

*

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