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Gutenberg > Aischylos >

Die Perser

Aischylos: Die Perser - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleDie Perser
pages7-40
senderahipler@mainz-online.de
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(Palast der persischen Könige, vor dem Palast der Altar Apollons)

Chorführer:
Wir sind die Getreuen des persischen Volks,
Das zumal auszog zum hellenischen Land,
Sind Wächter der vielglückseligen und
Goldprangenden Sitze, die Xerxes selbst,
Mein König und Herr,
Auswählte, der Lande zu wachen.

Um die Heimkehr unseres Königes nun,
Um des goldenen Heers Heimkehr angstvoll
Vorahnend erbebt in der Brust mein Herz,
Von Bekümmernis voll.
Denn die Jugend des Reichs, denn Asias Kraft
Zog fort, nachjauchzt sie dem Jüngling;
Und es kommt doch zu Fuß, und es kommt doch zu Roß
Kein Bote zur persischen Heimat.

Und von Susa so, von Ekbatana fort
Und vom alten Gemäur der kissischen Stadt
Zogen sie fernhin,
Bald Scharen zu Roß, dann andre zu Schiff,
Und des Fußvolks Reihn,
Die der Kern im Gedränge der Schlacht sind.

Auszog Amistres und Artaphernes,
Aus Megabazes und Astaspes,
Die Gewaltgen im Reich,
Könige, dienstbar nur dem Großkönige,
Feldherrn von Heeren im Heere des Reichs,
Mit dem Bogen der Schlacht, auf schäumendem Roß,
Furchtweckend zu schaun und entsetzlich im Kampf
In des Muts vielwagender Hoffnung.

Und der Schlachtroßtummler Artembares auch,
Masistres auch
Und Imaios der Held, goldbogenbewehrt,
Und Pharandakes,
Und der Rosse Bewältger Sosthanes.

Und andre gesandt hat des schwellenden Nils
Fruchtüppiges Tal,
Susiskanes, Pegastagon,
Den Ägypten gebar, und der Fürst Arsames,
Der Memphis, die heilige Stadt, sein nennt,
Und der uralt herrlichen Theben Herr
Ariomardos,
Und vom Bruchland zog schiffruderndes Volk
Mit hinaus, zahlloses Gewimmel.

Von dem weichlichen Volk aus Lydia kam
Kriegsvolk, dem zumal
Sich des Festlands Heer scharweis anschloß;
Die führt Arkteus und Matragathes,
Herrschende Könige.
Auch Sardes sendet, die goldene, viel
Kriegsscharen, verteilt in die Wagen der Schlacht,
Die mit Doppelgespann, dreifachem Gespann
Furchtbar toddräuend dahinziehn.

Die vom Tmolosgebirg und den Fluren umher,
Sie bedrohn Hellas mit dem knechtischen Joch;
So der Speeramboß Tharybis, Mardon
Und die mysischen Schleudrer. Von Babylon auch
Aus goldenem Tor in geschlängeltem Zug
Zog buntes Gewühl, teils Schiffsvolk aus,
Teils Schützen der Kunst des Geschosses gewiß;
Was Schwert nur trägt in dem ganzen Bereich
Asiatischen Stamms,
Nachfolgt es den Fahnen des Königs.

Ja, die Blüte des Volks aus persischem Reich
Zog fern in den Krieg,
Und Asias Land, das sie aufzog, seufzt
Und grämt sich um sie, von Verlangen gequält;
Und die Mutter, das Weib, die die Tage gezählt,
Sehn bang, wie die Tage dahinflehn.

Erste Strophe

Chor:
Schon hineindrangen die burgstürmenden Kriegsscharen des Königs
In das jenseitige nachbarliche Festland
Auf der taubandigen Brück über den Sund der
Athamantischen Hella;
Um den Nacken der See schlang sich der dichtbalkige Heerweg.

Erste Gegenstrophe

Denn der vielvolkigen Flur Asia kampfkühner Gebieter,
In das Land trieb er die Heerwolke der Seinen
Wie ein Sturm, beides vom Festland, von der See her;
Er vertraut' sich den kühnsten,
Den gewaltigen Feldherren, des goldnen Geschlechts göttliche Sonne.

Zweite Strophe

Mit dem bluttrunkenen Mordblick des zum Fang fliegenden Felsdrachen,
    so vielarmig, so vielschiffig hinab schießt er den Giftpfeil
Von dem Schlachtwagen Assyriens in die lanzenkundgen Städte.

Zweite Gegenstrophe

Und es tritt keiner hervor gegen die lautbrandende Heerflut,
    wie ein Bollwerk vor der unzwingbaren Meerwoge zu schirmen;
Denn unnahbar in der Schlacht kenn ich und kühn das Volk der Perser.

Epode

Doch der trugsinnenden Gottheit, wer entkommt ihr von den Menschen?
Wer entrinnt ihr mit dem raschfliehenden Fuß glückenden Sprunges?
Denn so süß lächelnd im Anfange sie liebkost, sie verlockt
In das Garn, draus nimmermehr
Noch hinausschleichend, noch ausweichend der Mensch wieder entkommt.

Dritte Strophe

Denn ein Gott ordnet' die Lose des Schicksals; es gebot in der Urzeit schon den Persern,
Sich den burgstürmenden Kämpfen,
Sich der roßwimmelnden Feldschlacht, sich dem nächtigen Überfall zu weihn.

Dritte Gegenstrophe

Doch das Volk lernte das finstre, das sturmschauererschäumende weitrückige Meer sehn,
Sich der See heiligem Hain nahn,
Dem behend schwankenden Tauwerk und der Brücke des Völkerzugs vertraun.

Vierte Strophe

Drum zerreißet drinnen mein gramumnachtet Herz
Wehe!
Daß es nur des Perserheers Vaterstadt, die mannvereinsamte Stadt Susa nur es nicht vernimmt!

Vierte Gegenstrophe

Und der Kissier hohe Burg, wiederhallen wird sie dies
Wehe!
Diesen Wehruf weinend wird wieder schrein der Weiber Schwarm, wird entzweireißen Schleier und Gewand.

Fünfte Strophe

Alles streitbare Volk zog zu Roß und zog zu Fuß
Einem Schwarm Bienen gleich ihrem Heerkönig nach vom Reich hinaus,
Zog fernhin über ringsumjochte, beidem Gestade zugleich
Ufernahe Vorsee.

Fünfte Gegenstrophe

Doch daheim naßgeweint ist in Sehnsucht manches Bett;
Persis' Fraun gramerschöpft, sich um den Mann jede sehnend, den sie liebt,
Den waffenkühnen, kampfberühmten, welchen sie gab in den Krieg,
Witweneinsam bleibt sie.

Chorführer:
Ihr Perser, wohlan!
Nun setzt euch dort an den alten Palast
Und laßt uns treu tiefforschenden Sinns
Rat pflegen; die Not, sie gebeut es.

Wie wird es denn jetzt um Xerxes stehn,
Um Dareios' Sohn,
Den erhabensten Zweig von der Väter Geschlecht!
Hat der Bogen Geschoß nun den Sieg sich erzielt?
Hat der Lanze Gewalt
Ihn mit eherner Stirn sich ertrotzet?

(Aus der Königlichen Pforte wird Atossa herausgetragen)

Chor:
Sieh dort! Wie in Strahlen der Gottheit naht
Sie, die Sonne, die Mutter des Königes uns,
Unsere Königin.
In den Staub werf ich mich. Laßt ehrfurchtsvoll
Uns alle zugleich
Anbetend im Staub sie begrüßen!
(Sie fallen nieder und berühren den Boden mit der Stirn)

Chorführer:
Tiefgeschürzter Perserinnen allverehrte Königin,
Greise Mutter unsers Königs, Heil dir, Heil, Dareios' Weib,
Gattin einst des Persergottes, Persergottes Mutter noch,
Wenn der alte Dämon jetzt nicht unser Heer verraten hat.

Atossa:
Drum erschein ich, drum enteilt ich des Palastes goldnem Tor
Und verließ mein und Dareios' einst gemeinsam Schlafgemach;
Und das Herz zerreißt mir Sorge. Aber sagen muß ich euch
Noch ein andres; selbst um mich nicht, Freunde, bin ich frei von Furcht,
Ob das Glück nicht, das Dareios einst, der Gottheit voll, erbaut,
Unser Reichtum stürzt, der hinzieht stolzen Schrittes, staubumwölkt.
Darum quält zwiefache Sorge unaussprechlich mein Gemüt;
Keiner scheut die Macht des Reichtums, wenn ein Mann sie nicht vertritt,
Noch umstrahlt den Gutentblößten seiner Macht gerechter Glanz.
Wohl ist gnug des Gutes, wohl auch für ein liebstes Auge Furcht –
Ja, des Hauses Auge heißt mir seines Herren Gegenwart.
Für das alles, falls es so ist, wie ich es fürchte, wollet nun,
Perser, vielgetreue Greise, treulich mir Berater sein;
Denn in euch und eurer Weisheit ruht mir aller beste Rat.

Chor:
Wiß es, Herrin, nicht vergeblich rufst du mit dem ersten Wort
Uns zu Rat, zu aller Tat auf, deren Kraft uns nicht gebricht.
Denn die treusten Ratgenossen hast in uns du dir erkannt.

Atossa:
Zahllose Träume sind mir fort und fort des Nachts
Gekommen, seit mit seinem Heer mein Sohn hinaus
Der Iaonen Lande heimzusuchen zog.
So deutlich aber sah ich keinen andern noch
Als in der letztvergangnen Nacht; ich sag ihn dir.
Mir war's, als säh ich zween schöngewandige
Jungfraun, die eine reichgeschmückt in persischen
Prachtkleidern und im dorischen Kleid die andere,
An Gestalt bei weitem aller Weiber herrlichste,
Fehllos an Schönheit, beide Schwestern eines Stamms;
Als ihre Heimat hatte vordem diese sich
Hellas erloset, jene das Barbarenland.
Die beide glaubt ich nun zu sehn, wie kampfbereit
Sie sich wild entgegenstanden; doch mein Sohn gewahrt's,
Er hemmt sie, er beruhigt sie, schirrt beide sich
Vor seinen Wagen, und um ihren Nacken liegt
Sein Joch. Die eine hob sich, warf sich im Geschirr,
Doch ließ den Mund sie leicht vom Zügel bändigen;
Unruhig riß die andre, mit empörter Hand
Zertrümmert wild sie seinen Wagen, zügellos
Schleift sie ihn gewaltsam mit sich und zerbricht ihr Joch.
Da stürzt mein Sohn hin; und es steht sein Vater nah,
Dareios, voll Betrübnis; als den Xerxes sieht,
Zerreißt er jammernd sich das Gewand um seinen Leib. –
Bei Nacht im Traume sah ich dies, wie ich's erzählt.
Drauf als ich aufstand und die Hand mit fließendem
Quellwasser netzte, dann mit gabenreicher Hand
Hintrat zum Altar, um den gefahrabwendenden
Gottheiten fromm zu spenden, deren Amt es ist,
Da sah ich einen Adler fliehn zu Phoibos' Herd.
O Freunde, lautlos stand ich da in meiner Angst.
Ihm nachgeflogen kommt ein Falk in eilgem Flug,
Schießt auf ihn nieder und zerkratzt mit wilden Klaun
Sein Haupt, das wehrlos in die Flügel eingeschmiegt
Den Leib dahingibt. Schrecken war es mir zu schaun,
Wie euch zu hören; denn ihr wißt, wohl ist mein Sohn,
Wenn alles gut geht, ein bewundrungswürdger Held;
Doch wenn es mißlingt – pflichtig keiner Rechenschaft,
Herrscht er wie vordem, wenn er keimkehrt, seines Reichs.

Chor:
Weder allzusehr bekümmern, Mutter, soll dich unser Wort,
Noch dich unbekümmert machen. Zu den Göttern wende dich,
Bete, daß sie von dir wenden, was du Unheildrohndes sahst,
Daß sie Gutes allgewährend enden dir und deinem Sohn
Und dem Reich und allen Treuen. Und zum andern spende dann
Für die Erde, für die Toten, flehe, daß auch gnadenreich
Dein Gemahl Dareios, den du heute nacht im Traum gesehn,
Gutes dir und deinem Sohne aus den Tiefen send ans Licht,
Doch in die Nacht gebannt das Böse schwinden lasse schattengleich.
So des eignen Sinns Prophete sag ich dir den treusten Rat;
Und daß allseits freudiger Ausgang komme, drauf vertrauen wir.

Atossa:
Freundlich hast du, erster Deuter meines Traumgesichtes, mir,
Meinem Sohn und meinem Hause wohl den besten Rat gesagt.
So gescheh uns alles Beste. Alles dies, wie du es rätst,
Wird den Göttern und den Lieben, die das Grab deckt, gleich geweiht,
Wenn wir zum Palast zurückgehn. – Aber wissen möcht ich wohl,
Wo in der Welt denn, Freunde, sagt man, daß die Stadt Athenai liegt?

Chor:
Fern im Westen, wo der letzten Abenddämmerung Untergang.

Atossa:
Und verlangt hat's meinen Sohn doch, sich zu erjagen diese Stadt?

Chor:
Ja, das ganze Hellas würde dann dem König untertan.

Atossa:
So bedeutend ist der eignen Krieger Zahl in ihrem Volk?

Chor:
Eben dieses Heer erschuf schon vieles Leid dem Medervolk.

Atossa:
Aber sag, was gibt's noch sonst dort? Ist der Reichtum da zu Haus?

Chor:
Silber quillt in ihrer Berge Adern, recht des Landes Schatz.

Atossa:
Führt denn ihre Hand der Pfeile senneschwirrenden Bogen auch?

Chor:
Nein, sie tragen hohe Lanzen, und ein Schild bedeckt den Leib.

Atossa:
Aber wer ist ihr Gebieter und beherrschet Volk und Heer?

Chor:
Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan.

Atossa:
Wie vermögen dann sie Fremden, die sich als Feinde nahn, zu stehn?

Chor:
Daß sie einst Dareios' schönes, mächtiges Heer vernichteten.

Atossa:
Traurig Wort, das wohl die Mutter an den fernen Sohn gemahnt.

Chor:
Doch ich glaube, bald erfährst du alle Nachricht ganz genau,
Denn der Mann dort, wie er daherläuft, zeigt's den Persern deutlich an,
Und er bringt uns sicher Neues, mag es gut sein oder schlimm.

(Ein Bote kommt)

Bote:
Weh euch, ihr Städte aller Lande Asias!
Weh, Perserland, dir, alles Reichtums stolzer Port!
Wie hat hinweg ein Schlag der Schätze Pracht gerafft!
Dahingesunken ist die Blüte Persiens!
Ach! Traurig Amt, der Trauer erster Bote sein!
Und doch, die Not will's, Perser, daß ich alles Leid
Auffalte; umkam, weh! der Barbaren ganzes Heer!

Erste Strophe

Chor:
Gräßliches, gräßliches Weh!
Entsetzliches, unselges Weh uns!
O weinet, weinet, Perser, da ihr solches Leid hört.

Bote:
Und all das Unsre, gar und ganz ist's nun dahin;
Mir selbst erscheint der Tag der Heimkehr unverhofft!

Erste Gegenstrophe

Chor:
Ach, uns währte zu lang
Dies Leben, das solch unermeßlich,
Solch maßloses Leid uns, den Ergreisten, aufspart.

Bote:
Und als ein Augenzeuge, nicht auf fremdes Wort
Bericht ich euch, o Perser, was wir duldeten.

Zweite Strophe

Chor:
Weh! Umsonst, umsonst entsandte
Asias weites Reich
Sein zahlloses Geschoß und Rüstung dir, du siegendes Hellas!

Bote:
Gefüllt mit Leichen elend Umgekommener
Ist Salamis' Felsstrand, sind die Ufer rings umher.

Zweite Gegenstrophe

Chor:
Weh! Die teuren Leichen, sagst du,
Treiben in brandender See,
Tot, durchfeuchtet, ein Spiel der Wellen, tot von Ufer zu Ufer!

Bote:
Da half uns Pfeil und Bogen nichts, das ganze Heer
Kam um, im Angriff seiner Flotten übermannt.

Dritte Strophe

Chor:
So schrei dem Feind dein Wehgeschrei des Abscheus gramgetränkt,
Weil allunselig alles uns,
Ach! mit des Heers Untergang dahinsank!

Bote:
O Salamis, schnöder, allverhaßter Name mir!
Und du, Athen, laut jammr ich, wenn ich dein gedenk!

Dritte Gegenstrophe

Chor:
Athen, du Abscheu, deinen Feinden bleibt's tief eingeprägt,
Wie gar viel Perserinnen du
Beugetest, nun gattenlos und kindlos!

Atossa:
Schon lange schweig ich Arme, durch der Leiden Last
Betäubt; denn weit ragt über jedes Wort hinaus
Dies unbeschreibbar, unerfragbar schwere Los.
Und doch, es muß sein Leiden, das ein Gott verhing,
Der Mensch ertragen. Drum enthüll uns alles nur;
Und ob vor Gram du seufzest, dennoch sprich gefaßt:
Sag, wer ist nicht tot? Wen beweinen wir noch sonst
Der teuren Fürsten, der, mit dem Feldherrnstab belehnt,
Hinsinkend seine leeren Reihn ohn Führer ließ?

Bote:
Xerxes vor allen lebt und schaut der Sonne Licht.

Atossa:
Dem Haus der Meinen hast du ein großes Licht genannt,
Ein sonnenhelles Morgenlicht nach dunkler Nacht.

Bote:
Doch Artembares, der Reutermyriadenfürst,
Er treibt am öden Klippenstrand Silenia.
Den Chiliarchen Dadakes, durchbohrt vom Speer,
Sah ich behend hinstürzen in die dunkle Flut.
Der hochgeborne Baktrerfeldherr Tenagon,
Ihn spült die Brandung auf und ab an Aias' Strand.
Lilaios und Argestes und Oarsames,
Die drei zerschmettern in des taubennährenden
Eilandes Strömung ihre Stirn am Felsenriff.
Und fern vom Quell des Niles der Ägyptier
Arkteus, Adeues und der schildgewappnete
Pharnuchos, aus demselben Schiffe stürzten sie.
Der Chryser Myriadenführer Matallos,
Der Fürst der drei Myriaden schwarzer Ritterschaft,
Er färbte seinen dichtgelockten, schattigen,
Goldfarbigen Kinnbart mit des Blutes Purpurrot.
Der Mager Arabos und der Baktrer Artames
Liegt dort im rauhen Boden ärmlich eingewohnt,
Dort auch Amistres und Amphistreus, der den Speer
Toddräuend schwang, dort Ariomardos, dessen Tod
Sardes beweinet, dort der Mysier Saisames.
Tharybis, der fünfmalfünfzig Segel Admiral,
Von Geschlecht Lyrnaier, an Gestalt vor allen schön,
Nicht weich gebettet ruhet jetzt des Armen Haupt.
Syennesis auch, der freie Fürst Kilikiens,
An Mut der Erste, der allein schon größte Not
Den Feinden schaffte, rühmlich sank auch der dahin.
Nur diese Feldherrn hab ich dir genannt in Eil;
Es ist des unzählbaren Leides kleinster Teil.

Atossa:
Weh mir, der Leiden höchstes hab ich nun gehört,
Die Schmach der Perser, ärgstes, laut beklagtes Weh!
Doch sag mir das noch, wiederum zurückgewandt,
Wie groß der Griechenschiffe Zahl zum Kampfe war,
Daß sie sich erkühnten, mit dem Perserheer den Kampf
Im kecken Angriff anzufangen, wie du sagst.

Bote:
Gewiß der Zahl nach mußten wohl die Flotten der
Barbaren siegen; denn es war hellenischerseits
Die ganze Zahl der Schiffe zehnmal dreißig, und
Ein Geschwader noch von zehn erlesnen außerdem.
Doch Xerxes hatte, wie ich es selbst sah, eine Macht
Von tausend Segeln, drunter wegen Schnelligkeit
Vor allen wert zweihundertsieben. So die Zahl.
Du glaubst bezwungen uns doch nicht in jenem Kampf?
Es hat ein Dämon alles Heer hinweggetilgt,
Der unsre Schale sinken ließ ungleichen Glücks.
Die Götter retten selbst der Göttin Pallas Stadt.

Atossa:
So steht der Athenaier Stadt noch unzerstört?

Bote:
Der Mut des Volkes schützt sie, eine feste Burg.

Atossa:
Sag, welcher Anfang ward den Schiffen zum Gefecht?
Wer fing den Kampf, fing ihn der Hellenen kühne Schar,
Mein Sohn ihn an, vertrauend auf der Schiffe Zahl?

Bote:
Anhub, o Herrin, alles Weh ein rächender,
Erzürnter Dämon, der woher auch je erschien.
Denn ein hellenischer Mann vom Athenäervolk
Kam hin und sagte deinem Sohne Xerxes an,
Sobald das Dunkel rings der schwarzen Nacht genaht,
Nicht bleiben würden dann die Hellenen, würden schnell
An Bord versammelt, andre je auf andrem Weg,
In geheimer Flucht erretten ihres Lebens Heil.
Kaum daß er dies vernommen, arglos bei der List
Des fremden Mannes und dem Neid der Ewigen,
Gebeut er seinen Admiralen allzumal,
Sobald der glühnden Sonne zündend Abendlicht
Hinab sich taucht und Dunkel den Hain der Luft erfüllt,
Soll sich das Schiffsgeschwader in drei Zeilen reihn
Und jeden Ausweg hüten, jede Flucht zur See,
Dann andre rings um Aias' Insel ziehn im Kreis,
Daß, wenn die Griechen ihrem bösen Los entfliehn
Und heimlich Ausgang irgendwo sich noch erspähn,
Es allen dennoch Leib und Leben kostete.
So sprach der König gar zu hochgemuten Sinns;
Was ihm bevorstand von den Göttern, wußt er nicht.
Denn jene, wohl gescharet, gewärtig des Befehls,
Bereiten erst das Mahl sich, und der Rudersmann,
Einbindet er sein Ruder an das Ruderholz.
Als dann der Sonne letzter Strahl erloschen war
Und Nacht heraufstieg, ging ein jeder Ruderer
Und jeder, wer nur Wehr und Waffe trug, an Bord.
Zurufen Schar um Scharen sich von Schiff zu Schiff,
Sie fahren jeder, wo ihm Ort und Fahrt bestimmt;
Die ganze Nacht durch ordnen, durch die Bai verteilt,
Der Schiffe Führer des Geschwaders ganze Macht.
Die Nacht verging, und wahrlich, der Hellenen Heer,
Es hatte nirgend heimliche Flucht sich ausgespürt.
Als drauf mit seines Wagens Lichtgespann der Tag
Die ganze Meerbucht sonnenhell beleuchtete,
Da schallet' fernher von den Hellenen freudiger
Gesang herüber, und das Kriegslied jauchzt' zurück
Des felsgen Eilands tausendstimmiger Widerhall.
Furcht überschlich jetzt uns Barbaren allzumal,
Die wir getäuscht uns sahn; denn nicht, um nur zu fliehn,
Erhoben die Hellenen ihren Kriegsgesang;
Sie sangen, sich in den Kampf zu stürzen frohen Muts;
Trompeten flammten schmetternd, allanfeuernd drein,
Und rings mit rauschendem, wechselhastgem Ruderschlag
Ward schäumend die Flut geschlagen nach der Lotsen Ruf.
Und plötzlich waren alle nah vor unserm Blick.
Des Geschwaders Linie führte festgeschlossen an
Der rechte Flügel; nach ihm kam der ganze Zug
Heraufgefahren; rufen hörte man zugleich
Vielfache Stimmen: "Auf, o Hellas' Söhne, kommt!
Das Vaterland befreit, befreiet Weib und Kind,
Befreit der heimatlichen Götter teuren Sitz,
Der Väter Gräber! Jetzt um alles kämpfen wir!"
Und auch von uns her rauschte laut ein persisches
Geschrei entgegen; nicht zu säumen war es Zeit.
Da schlug mit Krachen Schiff in Schiff den bohrenden
Erzschnabel; anfing ein hellenisch Schiff die Schlacht,
Riß einem Tyrier allen Schmuck vom Steuerbord.
Zwar widerstand anfangs der Perserflotte Wald,
Doch als die Unzahl unsrer Segel in des Meers
Engfahrt sich trieb, war keiner keinem mehr zu Schutz,
Und wechselseitig mit der eisernen Schnäbel Stoß
Zerschlugen, zerschmetterten sie sich der Ruder Doppelreihn.
Der Griechen Schiffe drangen klug berechnet nach,
Sie prallten ringsher gegen uns, jäh stürzten um
Der Schiffe Bäuche, nicht zu sehn mehr war die See,
Mit Wrack und Scheiter und mit Leichen überdeckt,
Bedeckt mit Leichen Klippen und Gestad umher.
In wilder Flucht fortrudernd eilte sich jedes Schiff,
Soviel noch übrig waren vom Barbarenheer.
Doch gleich wie auf Thunfische oder auf ein Volk
Von ziehenden Fischen schlugen, stießen, schleuderten
Sie zerbrochne Ruder und Gebälk; dazu erfüllt'
Die weite See Wehklage rings und Angstgeschrei,
Bis daß dahin sie nahm der dunkle Blick der Nacht. –
Und doch, das Unmaß unsres Leides, spräch ich auch
Zehn ganzer Tage, dennoch nicht erschöpft ich es;
Denn wiß es wohl, daß nimmer noch an einem Tag
Von Menschen so zahllose Zahl dem Tod erlag.

Atossa:
Weh uns! Hereinbricht ein entsetzlich Meer des Grams,
Uns Persern und den Völkern Asiens allzumal.

Bote:
Und wisse, noch ist nicht das halbe Maß erschöpft,
So vielen Leides Überlast brach auf sie ein,
Daß wohl es zwiefach das Gesagte überwiegt.

Atossa:
Und welches Unheil könnte noch unselger sein?
Sag, welch ein neues Leiden noch des Heers du meinst,
Das meines Mutes sinkende Waage traurig füllt?

Bote:
Soviel der Perser blühten in der Jugend Kraft,
An Mut die kühnsten, an Geschlecht die herrlichsten,
Allzeit die allertreusten unserm Könige,
Sie raffte schmachvoll jammerreichster Tod dahin!

Atossa:
O mein Verhängnis! Weh mir Unglückseligen!
Und wie geschah es, daß der Tod sie uns entriß?

Bote:
Es liegt ein Eiland nah dem Gestad von Salamis,
Klein, schwer zur Landung, wo der reigenliebende Pan
Gern weilt und wandelt längs dem stillen Klippenstrand.
Dorthin beschied sie Xerxes, daß, sobald der Feind,
Beraubt der Schiffe, sich zum Ufer rettete,
Sie leichten Spiels erschlügen alles Griechenvolk,
Den Unsern aber hülfen aus der Gefahr der See –
Der eignen Zukunft schlecht bedacht; denn als ein Gott
Den Griechen gab zu siegen in der Schiffe Kampf,
Geschah's desselbgen Tages, daß Gewappnete
In eherner Rüstung aus den Schiffen sprangen. Sie
Umzogen dann die Insel rings und fanden nicht
Den Ort zum Angriff, da die hinabgeschleuderten
Felsstücke niederrissen und von der Bogen Schnur
Zahllose Pfeile niederschwirrend mordeten.
Jedoch zuletzt, aus einer Schlucht hinangestürmt,
Zerschlagen, zerfleischen sie der Beschlichnen Leiber, bis
Den Armen allen aller Lebenshauch entflohn.
Laut schrie da Xerxes, als er dies endlose Weh
Ansah; denn weithin überschauend alles Heer,
Saß er am Strand, auf hoher Düne hochgethront;
Sein Kleid zerriß er, schrie in hellem Jammer auf,
Erließ der Landmacht eilig noch den Heerbefehl
Und floh in ordnungsloser Flucht. – Das ist der Gram,
Drum dir zu seufzen noch zum frühern Leide kam.

Atossa:
Verhaßter Dämon, wie betörtest du des Sinns
Die Perser! Arg vertauschte meinem Sohne sich
Die Rache für Athenais Stolz; noch gnügte nicht,
Was von den Barbaren Marathon hinweggerafft;
Mein Sohn gedachte jetzt zu rächen ihren Tod
Und zog auf sein Haupt dieses Jammers Übermaß.
Doch sag, die Schiffe, die dem Untergang entflohn,
Wo hast du sie gelassen? Weißt du's? Sag's genau!

Bote:
Der wenigen Schiffe Führer, die der Kampf verschont,
Ergaben ordnungslos der Flucht, den Winden sich.
Die andern Scharen wurden im Böoterland
Vernichtet. Teils am sprudelhellen Wiesenquell
Vor Durst verkommend, teils erschöpft und atemlos,
Entflohn wir weiter zum Gebiet der Phokier,
Zum Lande Doris, zum Merlina-Busen, wo
Spercheios mit gewogner Woge netzt die Au;
Von dort zum Lande Achaia und der Thessaler
Feldstädte, die uns, ganz von Speis und Trank entblößt,
Aufnahmen; dort nun starben uns Unzählige
Vor Durst und Hunger, denn vereint war beides da.
Ins Land Magnesia ging es dann, drauf ins Gebiet
Der Makedoner und zur Furt des Axios,
Durch Bolbes' sumpfigen Röhricht, zum Pangaios-Berg,
Ins Land Edonis. Doch in dieser Nacht verhing
Ein Gott zur Unzeit Winterfrost, es starrt' in Eis
Des heilgen Strymon breites Bett; und wer zuvor
Die Götter nie geglaubet hatte, flehte jetzt
In banger Andacht, betete Erd und Himmel an.
Sobald geendet sein inbrünstiges Gebet
Das Heer, so eilt's eisüberfrorne Furten hindurch;
Und wer von uns, eh seine Strahlen heiß der Gott
Aussandte, durchkam, der erhielt sein Leben dort.
Denn glühnden Blicks durchdrang der Sonne leuchtend Aug
Des Eises Decke, schmolz sie fort mit hastger Glut;
Da stürzte alles durcheinander; glücklich war,
Wem je am schnellsten seines Odems Kraft erstarb.
Wie viele dorther übrig und gerettet sind,
Die sind durch Thrake kaum mit unsagbarer Not
Hindurchgedrungen, nahn sich, eine kleine Zahl,
Dem Land der Heimat, also daß die Perserstadt
In bittrer Sehnsucht nach der teuren Jugend seufzt.
Das ist die Wahrheit; aber noch verschwieg ich viel
Des Leides, das den Persern auferlegt ein Gott.

Chor:
O unentfliehbar arger Dämon, allzu schwer
Tratst du mit empörtem Fuß zu Boden Persis' Volk.

Atossa:
O weh mir Unglückselgen, daß mein Volk vertilgt!
Du klar geschautes Traumgesicht der bangen Nacht,
Wie allzu deutlich offenbartest du mir Gram!
Ihr aber hattet meinen Traum mir schlecht erkannt.
Und dennoch will ich, weil sich hierin euer Rat
Bewährt, zum ersten uns der Götter Gnad erflehn,
Sodann den Toten und der Erde fromme Gab,
Aus unserm Palast Opferbrote bringend, nahn;
Zwar für ein Leid, das nun vollbracht, ich weiß es wohl,
Doch für die Zukunft, ob es besser werden mag.
Ihr aber müsset uns in solcher trüben Zeit
Als treue Freunde gönnen euren treuen Rat.
Doch meinen Sohn, wenn er sich vor mir nahete,
Begrüßt und tröstet und geleitet zum Palast,
Daß nicht zum Leide neues Leid sich häufen mag.
(Ab mit dem Boten und Gefolge)

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