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Die Papierstreifen

Gottlieb Jakob Kuhn: Die Papierstreifen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorGottlieb Jakob Kuhn
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDie Papierstreifen
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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1. Das Schneidermaß.

»Wo ist mein neues Maß hingekommen? Da, auf den Tisch hatt' ich's hingelegt! Was gilt's, das hat schon wieder mein Zeter-Junge, der Gottfried, weggekriegt! Der ist ärger auf das Papier erpicht, als der T... Gott sei bei uns! – auf eine Juden-Seele!« So polterte in seinem Grimm Meister Krause, der kunstgerechte Schneidermeister; und mit der Elle in der Hand rannte er in's Nebenzimmer, wo der erschrockene Knabe sich hinter der Mutter Stuhl verbarg. Er kannte die väterliche Hand mit und ohne Elle, und wußte recht gut, was seiner wartete. – Besänftigende Worte sprach die Mutter hinter dem Bollwerk des Spinnrades und der Kunkel. Aber der Vater zürnte: »Hat der Junge mir da wieder ein Maß zerschnitten! Ein Maß von ganz weißem Papier! Ein Maß für unsern Herrn Gevatter, den Rathsherrn; und hat's wieder mit seinen einfältigen Sprüchlein bekleckst! Hab' ich's nicht tausend Mal gesagt:

Sudeln und Schmieren steht nicht sein;
Verderbt Papier, und soll nicht sein!«

Meister Krause war nämlich der Meinung, sein Gottfried müsse ein ehrsamer Schneider werden; und die Mißhandlung eines Maßes durch Zerschneiden in kleine Streifen schien ihm eine unverzeihliche Verachtung seines ehrenhaften Berufes. Die Mutter hingegen fand in dem Namen Gottfried, und in des Knaben unüberwindlicher Lust zum Lesen und Schreiben einen Beweis seiner höheren Bestimmung zum geistlichen Stande. Der Spruch, den Gottfriedchen eben auf ein Stück des zerschnittenen Maßes geschrieben hatte, war ihr eine neue Bestätigung ihres frommen Glaubens; denn mit zierlicher Schrift stand zu lesen: »Wahrlich, wer ein Bischofs-Amt begehrt, der begehrt ein köstlich Amt!« Aus diesen ungleichen Ansichten entstand der Wortkrieg, der auch jetzt endete wie immer. Jedes behielt in seiner Meinung Recht, und handelte nach seiner Weise. Die Mutter tröstete den erschrockenen Knaben, und der Vater rannte scheltend mit den Stücken seines Maßes zum Herrn Gevatter Rathsherrn, entschuldigte mit manchem Bückling sein Wiederkommen, und erzählte, mit manchem »verstehn Sie wohl« und »hab' ich gesagt« verbrämt, das sträfliche Vergeh'n, das sein Knabe sich zu Schulden hatte kommen lassen.

Aber der Herr Gevatter freute sich der schönen Handschrift seines Pathen, lächelte über seine Gier nach Papier, besänftigte den Vater, und sandte dem Sohne ein ganzes Buch des schönsten Schreibpapiers. Ja, nach einigen Tagen kam er persönlich zu Meister Krause, prüfte den Verstand und die Anlagen des Knaben, und besiegte durch sein vielgeltendes Wort, nebst dem Versprechen kräftiger Unterstützung, des Schneiders Vorliebe zu seinem Handwerk. Gottfried ward zum geistlichen Stande bestimmt, war von nun an ein fleißiger Schulknabe, und kam seiner Zeit in das Gymnasium der Hauptstadt. Eingedenk aber, daß er die Erfüllung seines Herzenswunsches einem Stück Papier verdanke, war er von nun an noch gieriger über jeden Streifen.

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