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Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
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Immer stärker wurde Katharina von dem Verlangen erfaßt, ihre Eltern zu umarmen. Sie sprach davon, für einige Tage nach Heinzenberg zu fahren. Und ihr Schwiegervater, dessen kleines Vergnügen es war, Fahrpläne zu durchforschen und die besten Verbindungen mit Abfahrt und Ankunft auf die Minutenzahlen aus dem Kopfe zu wissen, schrieb ihr die Reise auf. Sie mußte nach Hadersleben hinauf mit der Bahn – und von dort nach Aarösund gab es eine Kleinbahn. Aber auch ein Dampfer befuhr die flußartig sich zum Kleinen Belt hinauswindende Haderslebener Förde. Wie die Heimat vor ihr erstand beim Betrachten dieser Namen und Zahlen auf einem Zettelchen! Auf dem weißen Papier blühten Bilder – Buchenwälder und ein altes Herrenhaus, warm und wuchtig, von rotem Backstein mit einem Riesendach von schwarzen Pfannen, die stumpf waren vom Alter. Und da und dort gleißte auf ihrer grünlich-grauen Patina ein blitzblanker Fleck, schwarz wie Steinkohle – die mit neuen Pfannen ausgebesserten Stellen. Und an den zehn Fenstern des einzigen Stockwerks waren alle Vorhänge herabgelassen. Hinter dem Glase hingen diese altmodischen, grau in grau gestreiften Stoffflächen, die das Licht von jenen Räumen fernhielten, wo einst so viel sorglos tollendes Leben rumorte – da hatten die Kinder des Hauses ihr Reich gehabt, und nun waren sie draußen in der Welt.

Nichts ergriff die junge Frau so sehr wie der Gedanke an diese verhüllten Fenster. Sie erzählten von einsam gewordenen Eltern – von dem Abschluß seliger Jugendzeiten. – Das Haus war zu groß, der Rahmen zu weit, und ein Mann und eine Frau, beide noch gar nicht alt, gingen nun still darin ihrer Arbeit nach und wohnten in Ruhe zu ebener Erde und horchten wohl manchmal, ob denn über ihrem Haupte nicht das Laufen schneller Füße durch die Decke klang – und ob nicht mit Lachen und Hallo eine wilde Jagd treppab gepoltert kam. –

Mit was für eiligen Schritten das Leben dahinläuft! Und wie es ihm förmlich auf den Nägeln brennt, den Menschen ins Alter, in die Einsamkeit hineinzustoßen. – Wenn die Pflichten kommen, meint man, sie füllen das Dasein aus. Und wenn sie getan sind, steht man mit leeren Händen. –

Aber ihre Eltern, die eigentlich noch jugendlichen, waren besser daran als viele. Die Kinder zwar hatten sich aus erziehungsbedürftigen Hausgenossen in Gäste verwandelt, für die man kochte und briet und backte, denen alles erlaubt war, deren strahlende Mienen, deren Entzücken über die Heimat wie eine Belohnung empfunden wurde. Sie waren erwachsen, man hatte in sie hineingepflanzt, was Einsicht, Liebe und Verantwortlichkeitsgefühl nur vermochte. Und nichts verkümmerte – aufrecht und gesund wuchs die kleine Schar empor – heraus aus den formenden Händen.

Diese aber brauchten nicht leer zu bleiben und nicht im Schoße gefaltet zu ruhen. Da war ja die Scholle, die immer wieder besät und abgeerntet werden mußte. Die Lebendigkeit der Erde gab täglich erneuernden Ersatz für die Flüggegewordenen. Klug und in stetiger Mühe hieß es ihr soviel abzugewinnen, als sie nur irgend hergeben mochte – in immer frischem Werden.

Glücklich, wem das Geschick diese Aufgaben zugewiesen. –

Die Eltern äußerten nie ein Wort der Sehnsucht nach der Tochter und dem kleinen Enkel. Aber die junge Frau kannte die Gedanken, von denen sie sich oft förmlich gerufen fühlte – Vater und Mutter waren so fest. Sie wußten: Die Tochter gehört nicht mehr uns allein und zuerst. Und sie hielten jeden Ruf nach ihr zurück. –

Das Bild der verhüllten Fenster ließ sich gar nicht wegscheuchen – es war von einer schmerzlichen Wehmut umflossen. Die Stille dieses nun so leeren Stockwerks wirkte förmlich von fern her auf ihre Phantasie und ergriff sie – bang und schwer. – Würde je ein Tag kommen, wo die frohe, laute, stattliche Schar aller Kinder des Hauses wieder durch die vertrauten Räume lachte – aller? War nicht vielleicht zu eben dieser Zeit die Reihe schon kleiner geworden – war vielleicht schon ein lachender Mund verstummt?

Unwiderstehlich ward der Wunsch, die Einsamen zu umarmen. Warum zögerte sie noch?

Sie war hier fast unentbehrlich. Aber für einige Tage konnte sie wohl ihre Kriegskinder der Frau Martha anvertrauen, die mit sichtlich wachsender Anteilnahme sich den weinend übernommenen Pflichten hingab und an Zuversicht immer mehr gewann. Adam, den seine Mutter nicht mitnehmen wollte, um seine kleine Seele nicht mit zu häufigen Reiseeindrücken zu verwirren, war bei Frau Stroblmeyer sicher aufgehoben und hatte durch seinen Großpapa und »Onkel Thomas« Unterhaltung und eine Art sich von selbst ergebender Oberaufsicht.

Warum zögern? Die Verstörtheit ihres Schwiegervaters konnte sie nicht aufhellen. Sie teilte ja seine Empfindungen! Mit einem Lächeln der Verachtung hatten sie es erfahren: Die Lightstones zahlten die Zinsen nicht. Thomas erfuhr in der Deutschen Bank, daß keinerlei Anweisungen eingelaufen seien. Über Holland oder durch Herrn van Straten wäre der Weg zu finden gewesen. Lightstones hatten ihn nicht gesucht.

Und gerade in jenen Tagen jauchzte das Vaterland über den Sieg deutscher Kreuzer bei Koronel – wie hallte er kräftig wieder im Herzen der jungen Frau! Sie wünschte glühend, daß ihr Bruder hätte dabei sein können. Wenn irgendwo sich irgend etwas Starkes, Stolzes begab, war immer der brennende Gedanke in ihr: Wären doch meine Brüder dabei gewesen!

Durch einen holländischen Berufsgenossen hatte dann Thomas Steinmann in Birmingham anfragen lassen. Die Antwort lautete, daß das Haus sich niemals erlauben würde, den englischen Verordnungen, die der Krieg nötig gemacht habe, zuwider zu handeln. Es würden Zins und Zinseszins nach dem Kriege verrechnet werden; dann sei auch der Augenblick, über allmähliche Rückzahlung des Kapitals zu verhandeln, die, im Hinblick auf die gelösten persönlichen Beziehungen, wohl beiden Teilen erwünscht sei. Man sprach vor Guda nicht davon – aber sie wußte es doch! Sie spürte es aus dem Schweigen heraus – gerade daraus schloß sie. – Und ihr Gesicht war wie versteinert.

Thomas stellte seinem väterlichen Freund vor, daß jede Bank ihm genügende Mittel vorstrecken werde; daß er es auch nicht als Peinlichkeit zu empfinden brauche, Herrn van Straten in Anspruch zu nehmen; schließlich bot er von seinen eigenen Mitteln, die recht ansehnlich waren, an. Graf Leuckmer entschied sich für Aufnahme eines Darlehns bei einer großen Bank – sobald die Notwendigkeit dazu vor der Tür stehe. Er litt schwer von diesen Dingen. Niemand konnte ungeeigneter sein, als er mit seiner Nerven- und Gefühlszartheit für die Beschäftigung mit unerfreulichen Geldfragen. Aber es schien nun einmal sein Los, davon verfolgt zu werden – oder vielleicht auch, sie herbeizurufen. Denn immer wieder sieht man es, daß gewisse Menschen von sich immer ähnlich wiederholenden Schicksalen aufgesucht werden, als zöge ihre Art, die Dinge anzubacken, das herbei – dachte Katharina.

Sie gestand sich, was ihr den Entschluß schwer machte und ihr zuflüstern wollte, die Fahrt in die Heimat noch aufzuschieben. Als sie flüchtig ihres Planes erwähnte, sah sie in den dunklen, so wunderbar sprechenden Augen des Freundes Schreck aufblitzen. Und sie fühlte: Er rechnete mit den Tagen. – Ach, sie selbst rechnete nicht weniger – die Daten auf ihrem Kalender wurden Drohungen. Bald kam der Tag, der ihn ins Feld rief. Vorausbestimmen konnte er ihn nicht. Morgen mochte es sein – in einer Woche – in einem Monat – wer wußte es! Und wie, wenn er gerade hinausziehen mußte, während sie bei ihren lieben Eltern war! Ein Gedanke, der ihr ein Gefühl von Schwindel, von unaussprechlicher Angst gab ...

Zehnmal war sie entschlossen, erst zu reisen, wenn er hinausgezogen sei – von ihrem Segen gefeit, von ihren heißen Wünschen umschwebt – diesen Wünschen, denen Inbrunst die Macht von Schutzengeln verleihen mußte – mußte.

Und doch hing das, was sie in die Heimat, in die Arme von Vater und Mutter trieb, auch gerade mit ihm zusammen. Ihr war, als müsse sie sich dort irgend etwas erobern. Eine Bestätigung heiliger Rechte vielleicht; die seelische Sicherheit für das Ungewöhnliche. Ihr Herz verlangte danach, die Übereinstimmung mit ihrem Geschlecht und den Zusammenhang mit seiner Scholle neu bestätigt zu fühlen – auch wenn sie eines Tages allen Überlieferungen zuwider handeln würde. – Sie mußte sich prüfen, ob das Hoffen und Lieben, das in der neuen Luft der großen, herrischen Zeit erblühte, einst in die unzerreißbaren Fäden hineinzuknüpfen sei, die sie mit dem Elternhaus verbanden.

Dies alles war nicht ganz deutlich in ihr – mit Worten hätte sie es nicht sagen können – aber es waren die Empfindungen, denen sie schließlich gehorchte.

Und so rüstete sie sich zur Fahrt. Es war ein Novembertag voll von düsterer Färbung, an dem sie die Reise antrat. Ihre Seele trug an dem schweren Druck, der sich über das Vaterland gelegt, seit der Krieg den Charakter des Beharrens angenommen hatte. Und vor einigen Tagen zum erstenmal hingen im feuchten Nebel die Flaggen halbstock, wie von Tränen durchnäßt, keine entfaltete sich in freiem Faltenwurf: Tsingtau war gefallen – das mußte kommen – war erwartet gewesen, wie der Tod eines geliebten Menschen, dessen Hinsiechen keine Kunst mehr Hilfe zu bringen vermag – über dessen Sterben man dennoch weint – trotzdem man sich innerlich gefaßt und darauf vorbereitet fühlte.

Das Alleinsein tat ihr gut. Viele Stunden lagen nun vor ihr, in denen niemand etwas von ihr wollte. Sie gehörte sich und ihren Gedanken. Aber sie grübelte nicht allzu viel – die Gegenwart lag unter dem Damoklesschwert – die Zukunft war eine große Frage – und das Eine, Beglückende, noch Unausgesprochene erfüllte ihre Seele mit Dank und Frieden. Sie sah hinaus in die Landschaft, die vorbeiflog. Auf schweren, dunkelbraunen Koppeln lag schon als grünlicher Flaum die sprossende Wintersaat. In den Knicks saßen noch letzte Überreste von grünem und braunem Laub. Die Wälder zeigten noch rostfarbige Wipfel zwischen dem schwarzen Geäst herbstlicher Kahlheit. Immer liefen neben dem Schienenstrang hoch von Stange zu Stange die Telegraphendrähte. Sie waren mit Nebeltröpfchen behangen und sahen silbern aus; aufgeplustert und eng nebeneinander saßen irgendwo Spatzen darauf und flogen entsetzt auseinander, als durch den Draht, den ihre kleinen Krallen umklammerten, ein elektrisches Beben zog.

Die junge Frau sah das im Vorbeigleiten und ahnte nichts davon, daß auf diesen selben Drähten ein Ruf an sie hinzitterte, daß eben jetzt, wo sie auf der Fahrt in die Heimat war, sich den Eltern als Überraschung und Freude zu bringen, Vater und Mutter nach ihr verlangten...

Die vom Kriege und dem Winterfahrplan eingeschränkten Verbindungen machten es ihr zur Notwendigkeit, in Hadersleben zu übernachten. Sie wußte gut Bescheid in der kleinen Stadt mit dem dänischen Einschlag. Und frohe Jugenderinnerungen kamen ihr da entgegen, wie weißgekleidete Jungfrauen mit Rosen in den Händen. Wie glückselig einfach war doch ihre Kindheit gewesen! Mit Vater zum Viehmarkt nach Hadersleben dürfen, dort Einkäufe machen, im Hotel essen – Erlebnisse von Wichtigkeit und unvergleichlichem Reiz. Sie dachte an das Leben in den großen Städten, das sie seitdem kennengelernt, an Südlandsreisen, an Kleiderpracht, an das anspruchsvolle Luxusbedürfnis, an die Ästhetenliteratur, an alle verzärtelten und übertriebenen und krankhaften Erscheinungen, die vor Kriegsausbruch getan hatten, als seien sie die deutsche Kulturblüte und waren doch nur Krankheitsbeginn gewesen. Und das stolze Landkind in ihr wurde ergriffen. Sie dachte, wie auf dem Lande die starke, deutsche Art unangekränkelt bewahrt geblieben sei, und daß von der deutschen Erde aus ein neuer Atem von Reinheit, Frische und Kraft durch das Vaterland wehe...

Am anderen Morgen früh bestieg sie den kleinen Dampfer, um zwischen den malerischen Ufern der Haderslebener Förde dem väterlichen Strande zuzufahren. Der Nebel war vergangen. Die fast nordische Sonne schien so merkwürdig hell und weiß, aber doch hatte die Gegend starke Farbentöne. Blau war das Wasser, blau der Himmel. Die schweren Wolken, die sich vor ihm dahinschoben, waren so silberweiß, daß sie das Auge förmlich beizten, wenn man lange zu ihnen emporsah. Dann mußte man den Blick beruhigen und auf das Herbstbraun der Ufer heften. Der kleine Dampfer hatte so etwas Wichtiges; ernsthaft und eilig stampften seine Maschinen. Was trug er nicht auch alles auf seinem Deck und in seinem Bäuchlein, zu dessen Seiten die Räder das Wasser schaufelten und zu Eischnee zu schlagen schienen. Fässer, Körbe, Ballen drängten sich aneinander. Auch ein paar Menschen froren an Deck herum. Ein Schafbock war angebunden und blökte alle paar Augenblicke einen Jammerschrei in die Luft, denn Seefahren war ihm wider die Natur. Zwei Bauern, ältlich, breit und schwer von Gestalt, standen in seiner Nähe und besprachen seinen Wert.

War denn Krieg? Wo? Mein Gott – war alles nicht Traum? Welch ein ländliches Küstenidyll in dieser herben Morgenfrühe.

Die Fahrt war nicht eben kurz. Aber Katharina langweilte sich nicht. Ihr kamen alle Gesichter bekannt vor – es waren alles die von Leuten, denen man auf der Landstraße, in der Bahn, auf dem Schiff oft begegnete – vertraute Gestalten der Heimat, ein Stück von ihr.

Die junge Frau schwelgte im Hochgefühl. Sie dachte an Schwiegervater und Schwägerin. Und wie merkwürdig es ihr immer gewesen war, als hänge den Leuckmers etwas von Nomadentum an – sie bemitleidete deshalb die von ihr geliebten beiden. Die eine Zacke, die ihre Krone mehr bekommen hatte durch den Grafentitel, erschien ihr nicht als Gewinn, nicht als Standeserhöhung. Sie aber, sie war eine Heinzenberg! Und jenes Gelände dort, das als sanft ansteigendes Ufer nun am Ausgang der Förde in den Kleinen Belt erkennbar war, schon Boden ihres Geschlechtes.

Wie gesichert blühte dies Geschlecht. Die nächste Erbfolge war sogar durch ein Zwillingspaar befestigt. Und diese beiden, die sich noch niemals auch nur eine Stunde ihres Lebens voneinander getrennt hatten, wollten dereinst auch zusammen die Herren sein. Sie würden sich immer als solche vertragen. Selbst wenn einmal die allergefährlichste Prüfung an ihre Zusammengehörigkeit herankäme – durch die Frauen, die sie sich erheiraten würden.

Immer deutlicher sah sie die Brüder vor sich. Ihr war, als müßten und müßten sie, wie bei ihrem vorjährigen Besuch, auf der kleinen Landungsbrücke stehen, wenn der Dampfer mit viel Umstand und Lärm dort festmachte. All die Scherze gingen durch ihr Gedächtnis, mit denen sie einander hänselten. Wie Arbogast mit seiner soviel größeren und älteren Lebenserfahrung aufpochte und Hillemann sich in Demut davor neigte. Wie sie ihre Ähnlichkeit benutzten, um andere Menschen zu necken und zu verwirren. Wie es ihr Kraftgefühl hob, doppelt zu sein. Jeder genoß in der Person des anderen das Leben noch einmal. Das eigene Glücksempfinden wurde auf das wunderbarste, gesteigert, durch das Wissen, daß die Bruderseele das gleiche fühle. Wie waren sie reich...

Und nun kam die Brücke in Sicht. Die Räder verlangsamten ihren Umschwung, und der schneeige Schaum, den sie so eifrig gepeitscht hatten, begann sich zu beruhigen, zerrann, ward zu glasigen Wasserblasen. Auf der Brücke standen Menschen. Der kleine Dampfer war immer dringlich erwartet; sein Dasein hatte Bedeutung für die Gegend, und der Kapitän war ein wichtiger, hochangesehener Mann. Vielerlei Verantwortung plagte ihn, und er kam am weitesten mit Grobheit, dem notwendigsten Ausdrucksmittel der meisten Bordgewaltigen. Er brüllte auch jetzt mit allen Anzeichen des Zornes die Befehle zum Anlegen von seiner Kommandobrücke herunter, und als die Geschichte nicht gleich mit militärischer Glattheit vonstatten ging, spuckte er sein Priemchen erbost mit solchem Schwung aus, daß es weithin in die Wasser des Kleinen Belts sauste; eine Kritik von der wundervollsten Deutlichkeit.

Welches Vergnügen für die junge Frau. So ähnlich war dies alles immer gewesen, als sie noch im Backfischkleidchen neben dem Vater hier manchmal wartend gestanden und Arbogast und Hillemann den wütend um sich herum kommandierenden Kapitän überwältigend treffend nachmachten. Besonders Hillemann war Künstler im Kopieren rauher Stimmen, während Arbogast sich mehr mimisch zum Parodieren veranlagt gezeigt. Entzückend, freudvoll, köstlich beruhigend, Bilder und Töne unverändert wiederzufinden, jedesmal, wenn man kam. Aber heute sprach dies noch stärker als sonst...

War Krieg? Wo? Es war Traum. Seine Schrecken nur eine düstere Erzählung. Klang aus unbestimmter Ferne...

Hier schmunzelte der allerliebste, trauliche Friede der Enge, hier kündete die kleine, niedliche Wichtigkeit des Lebens im gewohnten Lauf nichts von Erschütterungen.

Wer war denn das da auf der Brücke? Zwischen dem alten Hausknecht vom Kolonialwarenhändler Bagesen und dem Bauern Tjalk Jensen? Sah beinah wie Lotti aus. Lotti in Trauer?

Katharina dachte, wie falsch Lotti sie wohl einschätzen müsse. Jeden Verkehr mit der weiteren Verwandtschaft hatte sie vorsätzlich einschlafen lassen, schon in jener Zeit ihrer jungen Ehe, als sie einsah, ihr Glück sei gescheitert. Sie wollte keine Zeugen, keine Familienbesuche, die nach vierundzwanzig Stunden schon hätten merken müssen, wie es mit Bertold bestellt sei. Es kostete schon Seelenmühe und kluge Haltung genug, vor den Eltern und Brüdern die Wahrheit zu verbergen. Gerade um Lotti hatte es ihr aber sehr leid getan. Es war ihre liebste Base, zwei, drei Jahre jünger. Aber von echter Heinzenbergscher Art. Lottis Mutter war ihres Vaters Schwester, die den Pastor Windelbrand geheiratet hatte. Einst wirkte er als Hauslehrer bei den Heinzenbergs. Später fiel ihm, durch Förderung von hohen Stellen, wo er Verbindungen besaß, ein sehr großes Pastorat im Holsteinischen zu. Da hatte er sich denn die längst aus scheuer Ferne geliebte und schon etwas abgeblühte Charlotte von Heinzenberg in sein Haus holen können. In der Familie wurde gesagt, daß Charlotte ihn genommen habe, weil sonst kein Bewerber mehr zu erwarten gewesen. Diese herabmindernde Unterstellung schien aber unzutreffend, denn die Windelbrands hatten allemal, wenn man sie sah, jene Atmosphäre des Glücks um sich, die sich nicht erheucheln und vortäuschen läßt. Sie besaßen vier Töchter, und Lotti war die Älteste, die in Kindheitszeiten stets die Ferien auf Heinzenberg verbringen durfte.

Seit den letzten Jahren wußte Katharina nun nichts mehr von Lotti. Auf ihrer Hochzeit hatte sie sie zuletzt gesehen. Aber damals thronte sie selbst in Kranz und Schleier zu Häupten der Tafel, während der Backfisch Lotti mit den Brüdern und anderem halbwüchsigen Volk an einem Katzentisch saßen. »Wie soll ich ihr nun sagen, daß ich sie immer lieb hatte und habe wie einst, wo ich nichts von ihrem Leben und ihren Plänen weiß?« dachte die junge Frau. Daß Lotti nun offenbar auf Heinzenberg zum Besuch sei, freute sie von Herzen. Aber sie hier auf der Landungsbrücke stehen zu sehen, war doch merkwürdig. Es befand sich niemand an Bord, von dem Katharina hätte denken können, er werde mit dem Fuhrwerk abgeholt. Denn dort stand ja auch der Jagdwagen mit den beiden alten Schimmeln bespannt, und in sich versunken, mit runder Rückenlinie, saß Kuffsack auf dem Bock, er wurde eben auch recht alt, so gebeugt und krumm hatte er sich das vorige Jahr noch nicht gehalten, der drollige alte Kuffsack! Er war immer noch leidenschaftlich dänisch gesinnt, und wenn irgendein Unglück sich begab, Feuersbrunst oder Krankheitsepidemien, sagte er: »Unter Kong Frederik wäre das nicht passiert.« Eine Quelle des Vergnügens für ihre Brüder! Denn wenn eine Kuh verkalbte, ein Schwein den Rotlauf bekam, die Meierin sich den Finger quetschte oder Nero von einem fremden Hund angegriffen wurde, kamen sie Kuffsack mit der Bemerkung: »Unter Kong Frederik wäre das nicht passiert.« Was er mit knurriger Nachsicht hinnahm. Gab es denn in der Heimat überhaupt Menschen oder Dinge, um die sich nicht Geschichten von den Brüdern woben?

Die beiden jungen Frauen konnten aber noch nicht rasch zueinander gelangen, auch als das dicke Schiffstau schon vielmals um den Pfosten der Brücke geschlungen war. Erst mußte der Schafbock von Bord, auf den der Bauer Tjalk Jensen hier wartete, der noch gröber als der Kapitän werden konnte und der deshalb die Leute in Schach hielt, mit denen er zu tun hatte. Auch das machte der jungen Frau Spaß. Und ohne Ungeduld wartete sie, bis der Befehl über Deck geschrien wurde, daß die Passagiere von Bord gehen dürften. Lotti umfing sie mit einer schweigenden, innigen Umarmung.

»Wie freute ich mich, als ich dich sah! Bist du schon lange bei meinen Eltern? Aber, wirklich, du hast mich erwartet? Kuffsack hat meinetwegen anspannen müssen? Ja, woher...?«

»Graf Leuckmer hat depeschiert, daß du heute morgen ankämst.«

Sie war ärgerlich. Man hatte ihr die Überraschung verdorben. Wahrscheinlich hatte der liebevolle und überängstliche Schwiegerpapa doch Sorgen ihretwegen gehabt. Rührend. Aber unangebracht!

»Ich bin ein Eiszapfen, ganz klamm. Ist dir's recht? Gehen wir erst ein Streckchen? Bis zum Dänenkreuz? – Guten Tag, Kuffsack. Na? Immer noch fix? Fahren Sie nur voran. Am Dänenkreuz dann warten.«

»Djewoll, Fru Gräfin«, sagte er, »als es befohlen wird. Bloß das lange Warten, das mögen Fritz und Liese nich mehr...«

Die lieben alten Schimmel. Einst hatten die Brüder auf ihnen gesessen, beim Einfahren, und sie selbst, schon fast ein Fräulein, lag oben im Heu mit den beiden »Kleinen«. Daß die Schimmel an ihrer Gnadenbrotgrenze noch Kutschpferde spielen mußten, hatten sie sich in ihren grünen Ackertagen auch nicht träumen lassen. Aber natürlich, die Füchse würden wohl requiriert sein. Sie klopfte den beiden alten Freunden wohlwollend die Krupen.

Lotti staunte still bei sich und dachte:

»Wie ist sie froh! Und hat doch ihren Mann erst vor elf Wochen verloren. Und sie waren doch glücklich. Beherrschung?«

Aber Lotti fühlte, daß es nicht Beherrschung, sondern Stimmung sei.

Nun begannen die beiden ihre Wanderung, während Kuffsack mit den Schimmeln vorweg fuhr, klapperig der alte Wagen, nickend und mühsam die alten Pferde, gebückt der Kutscher.

Lotti und Karen ähnelten einander durchaus. Und doch war jeder einzelne Zug in den Gesichtern und in den Gestalten verschieden. Aber die unbestimmbare Gleichartigkeit der ganzen Erscheinung machte sie sofort als Familienzusammengehörige kenntlich. Alles was zum Geschlecht der Heinzenberg gehörte, war stattlich und kraftvoll. Deshalb wirkten viele von ihnen als schöne Menschen, ohne es im strengen Sinne zu sein.

»Du bist still, Lotti. Bist du böse mit mir?«

»Ach, nein – böse? Nein«, sagte Lotti. »Und wenn ich es mal war, jetzt, jetzt ist nicht die Zeit. Nachtragen? Nein.«

»Du mußt mich doch für treulos gehalten haben. Aber sag...«

»Laß das doch jetzt«, bat Lotti. Aber ihre Unfreiheit wurde von Katharina für Verstimmung gehalten. Wer hatte denn auch mehr Ursache, verstimmt zu sein, als Lotti?

»Ich müßte mich verteidigen«, beharrte sie, »aber glaube mir: Ich möchte es nicht. Hältst du mich für wahr?«

»Ja, gewiß, ja; aber laß das nur, es ist doch Vergangenheit.«

Katharina blieb stehen, nahm die Hand der anderen und sah ihr gerade in die Augen.

»Glaube mir ohne Begründung und entgegen dem Schein: Ich bin dir nicht untreu gewesen. Die Dinge des Lebens kann man nicht immer offen ausbreiten. Ich hab' dich immer von Herzen lieb behalten.«

Lotti fiel ihr um den Hals, unterdrückte ein Aufschluchzen; sie küßten sich.

Arm in Arm gingen sie ein paar Minuten schweigend. Das kleine Gedränge der Häuser blieb zurück. Über freies Feld zog sich der Landweg hin. Es war ein stolzer Wurf in den Linien des weiten Geländes, als käme es dem Boden hier nicht auf Beschränkung und Maß an. Auch der Himmel schien in freieren Höhen seine unendlichen Räume weiter zu öffnen.

Sie gingen langsam, und die Entfernung zwischen ihnen und dem Gespann vergrößerte sich. Weit voraus, in der beinahe unwahrscheinlichen Klarheit der Luft, erkannte man am Wege die Stelle, wo das Dänenkreuz stand, vom Schlehengebüsch umgeben. Aus uraltem, bemoostem und schon körnig werdendem Granit war es zusammengefügt, und die Geschichte von einem dänischen Ritter, der unter König Hans dort von den Brüdern seiner Geliebten erschlagen sein sollte, entzückte die Brüder. Hillemann hatte als Junge von vierzehn Jahren eine Ballade darüber gedichtet. Die Stätte war eine Marke am Wege, und beim Fahren oder Wandern, hinaus und herein, hieß es immer: Wir sind schon am Dänenkreuz. Also halbwegs.

»Bist du schon lange bei meinen Eltern?« fragte Katharina. »Seit Anfang Oktober.«

»Und das schrieb mir Mutter nicht!«

»Ich bat sie, von mir zu schweigen, war empfindlich, dachte mich ja vergessen.«

»Sag mal, du, ganz in Schwarz, ist das für mich, weil Bertold...«

»Mein Mann ist gefallen«, sagte Lotti mit einer ganz mühsamen, spröden Stimme.

Nun aber stand Katharina tief erstaunt, sehr schmerzlich berührt.

»Verheiratet?! Du? Und nicht einmal das erfuhr ich...?«

»Ach, das war, als rase das Schicksal über mich hin. Nicht jetzt davon sprechen, nicht. Heute abend, später, nachher; ich erzähle dir alles. Du erlittest fast auf den Tag das gleiche, nur daß mein Glück... Ich weiß nicht, ich glaube, es dauerte nur Stunden, oder ich habe geträumt...«

»Lotti!« rief die junge Frau erschüttert. Denn sie sah wohl, die andere war wie stumpf vor Gram, gebändigt von zu vielem Leid.

»Ich klage nicht, nein. Es ist nur – dieser Augenblick. Und ich bin dir entgegengeschickt. Deine Eltern riefen dich gestern. Das war wie ein Wunder, als dein Schwiegervater zurückdepeschierte, du seist schon unterwegs.«

»Sie riefen mich?... Wozu?... Mein Gott, sprich, Lotti... Meine Eltern? Krank? Oder, doch nicht... die Brüder?«

Sie griff förmlich zornig nach ihrem Arm.

Lotti rang mit sich. Die Worte wollten ihr nicht von den Lippen, sie neigte ihren Kopf, als drücke eine harte Hand ihr gewaltsam den Nacken...

»Wer... wer...«, schrie die junge Frau.

»Beide.«

Das kam kaum hörbar. Und hallte doch als Donnerschlag im Herzen wider.

»Beide«, sprach sie, wie ein Echo klang es zurück. »Beide...«

Wie betäubt stand sie... Und dann geschah etwas Seltsames. Sie weinte nicht, starr waren ihre Blicke, bleich und gespannt ihr Gesicht, und ihre Füße wanderten. Sie ging und ging, unaufhaltsam, als riefe sie etwas. Da war der Wagen am Dänenkreuz, sie sah ihn nicht. Fast neben ihr war die Gefährtin, sie merkte nichts mehr von ihrer Nähe. Sie wanderte zu Vater und Mutter, dem großen Leide zu.

Die gewaltigen Himmelsräume über ihr strahlten von Glanz und Licht. Die weite Erde rings ruhte in Friedenstille. Und durch diese frische, kraftvolle Helle wanderte die schwarze Gestalt mit einer erschütternden Stetigkeit.

Der Wald, vom Meerwind immer durchsaust, der die Stämme zu spukhafter Verschrobenheit geformt und die Wipfel alle ein wenig westwärts abstrich, kam nun an den Weg. Sehr durchlichteter Wald, der in Herbstkahlheit zu frieren schien. Und die Frau wanderte durch ihn hin. Dann breitete sich wieder das offene Land. Und das Riesendach ward sichtbar zwischen den steilen Pappeln mit ihren steif emporstrebenden Reisern. Auf dem alten Dach mit seinen angegrauten Pfannen entzündete die Sonne da und dort einen grellen Lichtreflex, wo sie mit ihren Strahlen auf die ausgebesserten Stellen und die blanken, steinkohleschwarzen neuen Pfannen traf. ...Das Dach, unter dem das Glück gewohnt...

Die schwarze Gestalt wanderte weiter, weiter.

Nun stand, nicht mehr fern, ein großes Tor und schloß den Weg ab.

Öffnete es sich von selbst? Stießen die Hände der Wandernden es auf? Ihre Füße trugen sie weiter, ohne Zaudern, im steten Gleichmaß des Schreitens.

Die Umwelt ihrer Jugend war hier, sie sah sie nicht. Drüben vor der Wand der großen Ställe verzweifelte Nero und strebte mit rasendem Gebell auf sie zu, aber seine Kette hielt ihn. Sie hörte ihn nicht.

Da war das Haus, würdevoll und traulich wie immer. Unberührt von dem Schlag, der es traf. Fester stand es als die Männer, die in ihm die Augen dem Leben entgegen öffneten und im Tode wieder schlossen. Aber nun war ein Unnatürliches geschehen, und strahlende Blicke waren fern von hier erloschen.

Die Tür des Hauses wartete geöffnet auf die Tochter, die herangeschritten kam, sich ihren Anteil am Leid zu holen. Und als sie die Schwelle überschritt, traten ihr zwei entgegen.

Zwei hohe Menschen, ungebeugt. Ein Mann, schön vielleicht nur durch den Adel seiner Haltung und den milden Ernst seiner Augen. Eine Frau, noch blond und vom wunderbaren Nachglanz kaum entschwundener Jugendlichkeit umflossen. Um ihre blauen Augen die tiefen Schatten eines unendlichen Schmerzes.

Die Tochter streckte die Arme aus, wollte die Mutter umfassen, sank in die Knie und umschlang so die Hohe, die sich ein wenig zu ihr herabbeugte. Und der Mann wandte sich ab und legte seine beiden Hände vor sein Gesicht.

Später saßen sie zusammen um den runden Tisch in Mutters Stube, wo an der Wand über dem Sofa eine sehr große Photographie hing. Auf ihr bildete Karen als Älteste den unverkennbar zu respektierenden Mittelpunkt; zu ihren Füßen saß der kleine Friedrich, an ihre Knie lehnte sich der etwas größere Hermann, hinter ihr, gleich einer doppelten Schildwache, standen umschlungen die Zwillinge, schon Studenten und sehr forsch in der Haltung. Ein rührendes, steif gestelltes Bild, das schon seit ein paar Jahren humoristisch auf die Dargestellten wirkte. Nun wagten die Blicke kaum, es anzusehen...

Und die Begier des Wissenwollens ward wach in der jungen Frau. Der Ferne, dem Kriege mußte sie das Bild der beiden Geliebten abringen. Vor dem Rauch brennender Dörfer wollte sie sie deutlich sehen, sie erkennen, zwischen den herniederplatzenden Schrapnells, den von Granaten emporgerissenen Erdaufwürfen, sie lechzte danach, ihre Stimmen zu hören über dem Donnern und Krachen des Kampfes. Noch einmal, noch einmal sollten sie ihr nahe sein. Das genaue Wissen von ihren letzten Stunden mußte ihre abgeschiedenen Seelen mit denen verbinden, die um sie weinten. Mußte über die Ohnmacht trösten, die den Leidenden, Blutenden nicht hatte helfend nahe sein können.

Der Vater hatte einen Brief, seit gestern morgen war er so oft gelesen worden. Aber immer wieder sprach er zu ihnen mit der gleichen Wucht. Er war die letzte Kunde von zweien, die nie mehr kamen.

»Lies vor!« sagte die Mutter. Sie wollte es nun von der Stimme der Tochter hören, vielleicht konnte sie es dann endlich glauben. Ihr Herz war voll Ergebenheit, aber es hatte Anwandlungen von Zweifel, es wehrte sich gegen die Kunde. Sie selbst lebte doch! Wie konnte es denn sein, daß Blut, von ihrem Blut entsprossen, daß von ihr Geborene, ein Teil ihres eigensten Daseins, tot sein sollten? Die Natur schrie laut auf in ihr und bäumte sich gegen die Wahrheit, die Natur, die alles, was lebt, unter ihr Gesetz der Entwicklung gestellt hat. Die immer gegen ihren eigenen Gang zu handeln scheint, wenn sie Kinder vor den Eltern abwelken läßt. Und diese beiden Herrlichen in all ihrer zukunftsicheren Lebensfreudigkeit, die anzuschauen noch ein Entzücken für das Auge der Mutter hätte sein sollen, ehe es dereinst bräche, sie, denen es vorbestimmt war, mit treuen Händen und wehmutsvollen Herzen einmal die Eltern zu bestatten, ihre Söhne, Fleisch von ihrem Fleisch, sie sollten dahin sein? Und sie selbst lebte? Das war grauenvoller Widersinn. Ihre Seele mühte sich, ihn zu fassen, und konnte nicht...

»Lies doch, Karen!« sagte sie noch einmal. Der Major hatte geschrieben. Er mochte wohl wissen, was solche Briefe in die Heimat zu tragen haben, daß aus ihren dünnen Blättern Ströme von Jammer flössen, aber daß auch lindernde, tröstende Stimmen zwischen ihren Zeilen zu flüstern schienen... Zum Vater hatte er gesprochen, der Mann zum Mann.

Und die junge Frau las. Seltsam verfloß ihr ganzes übriges Leben mit all seinem Leid, seinen zarten Träumen. Wie weit weg alles! Sie empfand sich nur als Kind geschlagener Eltern, als verarmte Schwester. Ihre

Stimme brach zuweilen, und ihre Augen waren so sehr mit Tränen gefüllt, daß sie manchmal warten mußte, bis sie tapfer weiterzulesen vermochte...

»Schweren Herzens muß ich Ihnen eine Nachricht geben. Hätte Gott mir doch diese Pflicht erspart! Sie ist hart. Ihre Söhne haben dem Vaterlande das hohe Opfer ihres jungen Lebens bringen müssen. Es entspricht dem ausdrücklichen Wunsch beider, daß ich Ihnen dieses schreibe und nicht, wie es üblich ist, wenn Offiziere fallen, eine Depesche an Sie absandte. An irgendeinem Abend, als wir im Unterstand zusammen waren, äußerte der Ältere des strahlenden Zwillingspaares, daß man, falls ihnen einmal etwas zustoße, seine Eltern nicht mit einem Telegramm erschrecken, sondern ihnen brieflich Nachricht geben möge.

Ich glaube den tiefen Sinn dieses Wunsches dahin ausdeuten zu dürfen, daß ein knappes Telegramm den nach schmerzlichem Wissen sehr verlangenden Herzen keine Nahrung und keinen Trost geben könne. Deshalb habe ich ihm gehorcht und kann Ihnen mit der grausamen Kunde gleich von den letzten Erlebnissen Ihrer Söhne erzählen.

Was sie waren, brauche ich Ihnen und Ihrer Gattin nicht zu sagen! So viel aufrechte, stürmische und von Reinheit leuchtende Jugend sieht man nicht oft. Wir haben sie lieb gehabt, sehr lieb. Noch über die treuhingebende Kameradschaft hinaus, die der Geist und Segen des deutschen Heeres ist. Sie waren unser Sonnenschein. Immer heiter, immer froh. Ermüdung oder Niedergeschlagenheit schienen sie nicht zu kennen. Ihre Tapferkeit war verwegen und riß alle mit sich fort. Zu jeder gewagten Patrouille meldeten sie sich. Und nicht immer konnte man ihre mutvolle Bereitschaft annehmen. Denn es ging nicht immer an, zwei Offiziere einzusetzen, wo die Aufgabe von einem zu erfüllen war. Aber sie hatten einander geschworen, sich nie zu verlassen. Und hierauf wurde Rücksicht genommen, wo es irgend ging. Diese ihre Zusammengehörigkeit war bekannt und rührte alle, selbst der Kommandierende General nahm gelegentlich voll Herzlichkeit Notiz davon. Sie schienen wie gefeit. Aus was für Gefahren gingen sie unversehrt hervor! Es war oft wie ein Wunder! Sie waren so erfinderisch und gewandt, und in jeder Form unsers Troglodytendaseins oder Buschmännertums fanden sie die beste und rascheste Art heraus, die Lage erträglicher zu machen. Sie erzählten oft lachend von ihren Knabenabenteuern, die ihnen diese Erfahrung im Naturleben gegeben und sie zu wahren Indianern gemacht habe. Die freie Haltung vor den Vorgesetzten, die kameradschaftliche Güte zu den Leuten wies sie immer und immer als adelige Menschen aus. Wie sollten wir alle, alle sie nicht geliebt haben!

Nun ruhen sie in flandrischer Erde, wie sie es wohl gewünscht haben würden, in einem Grab! Und um ihre Ruhestätte erhebt sich eine Schar von Kreuzen. Von Kameraden sind sie auch im Tode umgeben. Unsere Verluste sind schwer in all diesen Kämpfen um die letzte belgische Ecke. Sie werden später die Stätte finden. Und Treue über das Grab hinaus pflegt sie, trotz Gefahr und Not. Von Roulers südwestlich, an der Landstraße nach Ypern, dort ist der Platz.

Die Stunde, die uns die beiden raubte, war ernst für das ganze Bataillon. Wir hatten die Gewißheit erlangt, daß die Engländer, es sind in der Hauptsache farbige Engländer, die uns gegenüberstehen, einen Angriff gegen uns planten, und kamen ihrem Unternehmen zuvor. Unter dem Schutz unserer Artillerie gingen wir los. Im Vorwärtsstürmen waren, wie immer, Ihre Söhne voran, mit einem wahrhaft rasenden Zorn stürzten sie gegen den Feind. Es umwitterte sie dann etwas. Ich bin ein nüchterner Mann, aber ich muß es sagen. Wie Erzengel waren sie, als seien sie nicht mit Degen und Revolver bewaffnet, nein, als leuchte ein Flammenschwert in ihren Händen.

Es ergreift mich bitterlich, daß wir diesen stolzen, hinreißenden Anblick nie mehr haben sollen, daß wir es heute morgen zum letzten Male erlebten, dies Unvergeßliche...

Der Nebel stand. Er war aber nicht sehr dicht. Er verschleierte nur leicht das ganze Gelände und umgab alles mit einer phantastischen Dämpfung. Die Fackeln brennender Baumstämme leuchteten rötlich düster. Das Aufblitzen der sich entladenden Granaten zerriß zuweilen den Nebel, in den sich das Gewölk der platzenden Geschosse mengte.

Eine Übermacht, die wir nach vorangegangenen Flieger-Erkundungen nicht hatten erwarten können, prallte gegen uns an. Das Gefecht wogte hin und her. Wir nahmen ihren ersten Graben und wurden wieder zurückgedrängt. Verstärkungen für uns waren bald zu erwarten, weshalb wir weiter zurückgingen, um dann den zweiten Stoß mit volleren Kräften zu wagen. Bei diesem strategischen Rückzug geschah es, daß Ihr Sohn Hillemann mit seinen Leuten gewissermaßen die kleine Nachhut bildete, die wie besessen und voll Erbitterung gegen das farbige Gesindel focht. Es wich, es floh. Aber da tauchte drüben über dem Grabenrand ein Haupt auf, einer unserer Leute sah alles genau, wie es denn immer wieder sich ereignet, daß im ganzen furchtbaren und wildbewegten Bilde der eine und andere nichts sieht, sich nachher an nichts erinnert als an eine Einzelheit. Ein Haupt mit der flachen, großen Tellermütze der Engländer. Ein Gewehrlauf blitzte, ein Schuß fällt. Leutnant Heinzenberg sinkt. Die paar Leute, die noch mit ihm sind, werfen sich auf die Erde, um kriechend zu uns zurückzugelangen. Zwei von ihnen mühen sich um den Gefallenen und sind in den nächsten Sekunden auch getroffen. In diesem Augenblick begreift der ältere Heinzenberg, was geschehen ist. Er hatte seine Leute in Deckung gebracht, späht nach seinem Bruder und sieht ihn liegen. In Feuerstellung liegen, in der Mitte zwischen unseren und den feindlichen Gräben. Unsere Verstärkung ist nahe, in einer Viertelstunde vielleicht können wir wieder vorwärtsgehen. Dann wird es möglich sein, die Gefallenen zu bergen. Aber Ihr Sohn will sofort zu seinem Bruder hinüber. Fast ringt Hauptmann Mehrens mit ihm. Es wäre ja beinahe Wahnsinn. Vielleicht ist auch der Bruder tot, auf der Stelle erlöst gewesen von wohlgezieltem Schuß. Aber da, da hebt der Gefallene den Arm. Arbogast schreit es heraus. Niemand außer ihm hat es gesehen. Vielleicht war es nur eine Täuschung – hinter den Schleiern des Nebels. Vielleicht auch die letzte Zuckung des Sterbenden, dessen Hand empor in die Luft griff. Er lebt, er lebt, glaubt der Bruder. Und kein Gebot der Welt hätte ihn zurückgehalten. Mit Sprüngen, als jage ein edles Wild davon, setzt Arbogast Heinzenberg über das nackte, freie Gelände... Er kniet bei seinem Bruder, hebt den Leblosen auf, als sei er keine Last, hält ihn in seinen Armen, wie Frauen wohl ein Kind tragen, zärtlich, schonend. Gott allein weiß, ob die Brüder noch einen letzten Blick, noch ein letztes Wort der Liebe einander geben konnten. Drüben mag man ein, zwei Minuten verdutzt gewesen sein von soviel Kühnheit. Oder man war mit den eigenen Verwundeten beschäftigt. Eine wunderliche Stille hat sich für die Dauer von ein paar Atemzügen über die Stätte gebreitet. Einer von den Unseren habe ein weißes Tuch geschwenkt, sagte man mir. Schon war der Bruder mit seiner edlen Last am Rande unseres Grabens, da pfiff wieder ein Geschoß durch die Luft. Und es traf. Von rückwärts her, mitten ins Herz.

Als unsere Leute die beiden Helden stürzen sahen, wurden sie wie von Raserei erfaßt. Sie mußten Rache nehmen, und koste es, was es wolle. Sie stürmten vorwärts. Viele Minuten früher als es vorgesehen war. Aber Mann wie Offizier, alle hatten nur den einen Trieb: Rache! Und schon rückte auch die Verstärkung an. Ihr voraus schwoll der aufpeitschende, an die Nerven greifende Trommelwirbel – Ton gewordene Drohung ...Sturm!

Und die Rache hat sich sättigen können. Der Graben wurde genommen, und was nicht gefallen war, führten wir gefangen ab.

Am späteren Tage haben wir die Brüder bestattet, zusammen in einem schnell gezimmerten letzten Bett. – Treue hatten sie einander gehalten bis in den Tod. Und so schlummern sie nun vereint der Ewigkeit entgegen.

Es blieb wohl kein Auge tränenleer bei dieser Feier. Und als unser Feldgeistlicher laut und mit bebender Stimme den Segen über die offene Gruft sprach und voll Leidenschaft Gott zum Zeugen anrief, daß nicht wir den Krieg gewollt, da schluchzten bärtige Männer, wie sonst nur Kinder weinen.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß das Andenken der edlen Brüder nicht erlöschen wird, solange das Regiment besteht.

Ihr Eigentum und ihre Eisernen Kreuze, die seit einigen Tagen ihre Brust schmückten, und was sie sonst an Wertsachen an sich trugen, wird Ihnen möglichst bald zugesandt werden.

Gott stehe Ihnen und Ihrer Gattin bei in Ihrem tiefen Schmerz.

Ihr sehr ergebener v. Hartmeister.«

Nun verstummte die lesende Stimme, erstickte in den Mühen, ein bitterliches Aufschluchzen zurückzuhalten.

Lange saßen sie schweigend.

Und da fand die Mutter das Wort, das den tiefsten Inhalt jeder Trauer um Hingeschiedene aussagt.

»Es ist nur«, sprach sie ganz leise vor sich hin, »daß man ihnen nie mehr Liebe zeigen kann...«

Der Vater sah sie an – lange – als sähe er nicht nur in ihr Angesicht, sondern zugleich auch in eine Welt schöner Erinnerungen. – Seine Seele dankte ihr.

»Als sie noch unser waren, gabst du ihnen herrliche Jugendzeiten und unendliche Liebe. Sie sind glücklich gewesen – sehr glücklich.«

Da weinten die beiden jungen Frauen laut auf. –

Aber die Mutter blieb aufrecht. Sie erhob sich, mit langsamen Schritten ging sie an das Fenster – sie legte die Rechte um den Griff, als wolle sie es öffnen. – So stand sie, ohne sich zu rühren. Und sah in die besonnte, vom Wind durchbrauste Landschaft hinaus, die die geliebte, gesegnete Heimat ihrer Söhne gewesen war.

– Und ihre Gedanken waren wie eingeengt – und doch von heißem Stolz erfüllt...

Sie dachte immer nur dies: »Wie froh war ihr Leben – wie stark war ihr Tod...«

Und die feierliche Würde ihrer Fassung weckte Andacht und Mut in den Herzen der Ihren. –

Stunden, die in Trauer gehen, haben bleierne Füße. Am späteren Abend deuchte es der jungen Frau, sie sei schon Wochen hier. So völlig hatte die Welt ihrer Jugend, die nun von schwerem Leid durchströmt war, sie hingenommen.

Sie sollte in ihrem einstigen Jungmädchenzimmer schlafen wie immer, wenn sie hier als Gast weilte. Lotti kam von nebenan noch herein. Sie konnten keine Ruhe finden, ihre Gedanken machten weite Pilgerfahrten zurück ins Kinderland.

Draußen war die drückend dunkle Novembernacht. Und sie sprachen von den märchenhaften hellen Nächten der Frühsommertage, die erfüllt schienen von Nordlandzauber, und wie sie mit den Brüdern heimlich dann durch Park und Wälder streiften. Und mitten aus diesen Gesprächen heraus, die nur wie Vorwand und Hinhalten waren, fragte Katharina: »Hab' ich dein Vertrauen nicht mehr?«

Lotti saß im Großvaterstuhl am verhangenen Fenster, hatte die Hände auf die Lehnen gelegt und den Haarknoten gegen das Rückenpolster gedrückt. So sah sie in die halbdämmerige Stube hinein, die die Lampe vom Tisch her nur bescheiden erhellte. In ihrem Lichte hatte Karen einen Brief nach Hause verfassen wollen. Aber die Feder lag still neben dem Bogen, der unbeschrieben blieb.

»Wie wenig kann ich sagen. Und ist doch ein ganzes Menschenleben«, sprach Lotti vor sich hin. »Mein Leben. – Aber ich weiß: Es soll, es darf, es wird nicht zerbrechen.«

»Weißt du noch«, fuhr sie fort, »von deinem letzten Besuch bei uns – einmal Ostern – du warst wohl sechzehn Jahre alt, ich dreizehn –, die Familie Randow, sie saßen schon zwei, drei Generationen auf Suhlhof – es ist ein kleines Gut, in Vaters Pastorat eingepfarrt –, vielleicht hast du damals Michael Randow gesehen. Er war noch Student, hing sehr an Vater, der ihn in Latein und Geschichte unterrichtet hatte, bis er nach Flensburg aufs Gymnasium kam. Seine Mutter, die es als Witwe auf dem verschuldeten Gütchen nicht leicht hatte, war böse mit ihm – Landmann hätte er werden sollen – er, ihr Einziger – und reich heiraten, sobald es den Jahren nach nur irgend gehe. – Aber ihn rief die Neigung auf andere Wege – Botaniker und akademische Karriere. – Wo sollten die Mittel herkommen? – Es war alles schwer. Schwer auch gleich die Stunde, da wir erkannten, daß wir uns liebten. Denn ich habe kein Geld – oder doch viel zuwenig. Was die Heinzenbergschen Töchter mitbekommen, weißt du. Als meine Mutter heiratete, mag's noch weniger gewesen sein. Und wir sind vier Schwestern. Es hieß wohl entsagen. – Wir kämpften: Michael wollte allen wissenschaftlichen Forscherplänen entsagen und Lehrer werden. Ich wollte solches Opfer nicht annehmen. Und gerade als wir zerrissen waren von Liebessehnsucht und Schmerz der Entsagung, da kam der Krieg. – Michael eilte nach Hause – für zwei, drei Tage noch – mit seiner Mutter die Zukunft zu besprechen, für alle Fälle. Und da – da, als wir uns sahen, da gab es nur noch eine Wahrheit. – Wir konnten, wir wollten uns nicht trennen, ohne uns zu gehören. – Zukunft?! Das Wort war wie ein ferner Klang und alle kleinen Menschensorgen von ihm ausgeschieden. Es gab nur die heilige, große Gegenwart. Und mein liebster Mann, er, für den ich leben und sterben wollte, sollte nicht in den Krieg gehen mit unerfüllten Liebeswünschen. Ich wollte nicht zurückbleiben, ohne ihm verbunden zu sein, auch über seinen Tod hinaus. – Ich wollte als sein Weib das Recht gewinnen, ihm beizustehen, für ihn zu arbeiten, falls er verstümmelt und elend heimkäme. –

Deine Mutter war außer sich und wollte nicht in eine Kriegstrauung willigen. Nach dem Kriege säßen wir dann da mit verpfuschten Existenzen. Auch mein Vater weigerte sich, uns zu verbinden.

Da sagten wir, daß wir uns selbst vor dem Altar einander angeloben würden. – Wir wußten es, Gottes Segen war mit uns. – Menschenstimmen – Satzungen – die sind nichts mehr in dieser Zeit – das Vaterland rief ihn und mich – mich, damit ich sein Weib sei und meine Pflicht auf mich nähme! – Vater ist uns nachgeschlichen – und als er belauschte, wie wir niederknieten und unsere Hände einten, trat er hervor. Seine Augen weinten, aber seine Stimme war wie von Erz, und er gab uns zusammen mit starken Worten. Vierundzwanzig Stunden bin ich meines Gatten Weib gewesen – selige, heilige Stunden. – Nun ruht er in Wavre bei Lüttich – dort errichten die Regimenter den Gefallenen ein Mal.«

Sie richtete sich auf. Glanz lag über ihrem Gesicht, und ihre Augen schienen in überirdische Gefilde zu blicken. »Auf diesem Mal wird mit unauslöschlichen Lettern stehen:

»Deutscher, entblöße dein Haupt,
Du stehst an heiligem Orte.
Kreuze, von Lorbeern umlaubt,
Verkünden gewaltige Worte.
»Helden, gefallen im Ringen
Um Deutschlands Ehre und Sein,
Nie wird ihr Name verklingen,
Geheiligt soll er uns sein.«

Sie erhob sich; gleich einer Prophetin war sie anzusehen, und sie sprach: »Ein Tag wird kommen, wo ich meines Gatten Sohn an diese Stätte führe – zu einem rechten deutschen Mann will ich ihn erziehen – würdig dieser Zeit – würdig seines Vaters...«

»Lotti!« schluchzte die andere junge Frau auf. Sie nahm sie in ihre Arme.

»Ist es wahr?«

Stumm nickte die andere. – Langsam sank ihre Seele wieder herab von den Höhen des leidenschaftlich-schmerzlichen Aufschwungs.

Und dann sprach sie vor sich hin – ergeben – leise: »Im Frühling wird es sein – vielleicht, daß Michaels Mutter sich mir versöhnt, wenn ich ihr den Enkel bringe und sie bitte: Laß mich mitarbeiten – wie eine Magd will ich's, damit wir seinem Sohn die Heimat retten...«

»Wenn ich kann, helf' ich dir sie retten«, versprach Katharina.

Vor Erschütterung konnte sie kaum ein wenig zerbrechlichen Schlummer finden. Es hallten Worte des Briefes in ihr nach.

»Gott allein weiß, ob die Brüder noch einen letzten Blick, noch ein letztes Wort der Liebe einander geben konnten.«

Und ein geheimnisvolles Wissen kam über sie – als flüstere Gott selbst es ihr zu. – Dem Sterbenden hatten die Augen nicht brechen können, ehe sein Blick noch einmal in den des Bruders versank...

Und dann hörte sie wieder Lottis Stimme: »Ich wollte nicht zurückbleiben, ohne ihm verbunden zu sein, auch über seinen Tod hinaus.«

Und als kleinlich besorgter Menschenwitz sich weigerte, den Bund zu segnen, waren sie bereit, Gott als Zeugen aufzurufen und ihre Liebe über Satzungen zu stellen...

Sahen nicht aus dem Schweigen der Nacht zwei leidenschaftlich flehende Augen sie an? Dunkel und tief – voll Liebe und strengem Ernst... Und es war, als frage eine feierliche Stimme sie: »Hast du weniger Liebe? Weniger Mut?«

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