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Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
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Durch die Wohnräume des Schlosses schritt sie suchend und vergebens. Aber oben, im Zimmerchen zwischen ihren Schlafstuben, da, wo man jetzt die Aussteuer nach und nach stapelte, da war Guda.

Auf den Knien lag sie und drückte ihr Gesicht gegen die Polsterung eines Ruhebettes – auf ihm lag, sorgsam ausgebreitet, schon das Brautgewand – lang und weiß und schimmernd, fast mehr einem Totenhemd als einem Festkleid gleichend.

›Ich muß ihr helfen‹, dachte die junge Frau, ›aus ihrer Seele zu ihr sprechen.‹

Sie neigte sich herab und legte ihren Arm um Gudas Schulter.

»Komm«, sagte sie liebevoll, »komm, sei gefaßt. Verlier dich nicht. Wie ist denn alles? Du kannst nicht von Percy lassen – liebst ihn – zählst die Stunden, bis du sein bist. So trage auch tapfer, was nun deinen Abschied von uns schwer machen will.«

Sie half der Knienden empor und sah ein bleiches, tränenloses, verstörtes Gesicht. Sie führte sie fort, weg von diesem peinlich und kalt hingestreckten Brautkleid. Im Schlafzimmer saßen sie auf dem Bettrand, und die blonde Frau zog Guda an sich.

»Du mußt mich noch schelten oder mir noch verzeihen«, fuhr sie mit all ihrer sanften Ruhe fort. »Ich bat eigenmächtig Percy um Aufschub, er schlug ihn ab. Eigenmächtig lehnte ich heute früh Mildreds Ansinnen, Euch morgen eiligst trauen zu lassen, ab. Ich dachte: beides sei in deinem Sinn.«

Guda nickte stumm und beinahe heftig.

»Siehst du, Liebling, als gestern der Pastor mich fragte, was für einen Spruch er zu deiner Traurede wohl wählen könne, da hab' ich ihm gesagt, er möge ihn im Buche Ruth suchen. ›Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibest, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.‹«

Da zerbrach ein Aufschluchzen die Starrheit Gudas.

»Es ist nur – der Krieg – und ihr, und Deutschland. Aber ich weiß: Er liebt die deutsche Seele, er hat es gesagt ...«

»Nun, dann ist ja alles gut«, tröstete die junge Frau.

»Aber die anderen Manschen dort, und wenn du seine Schwester neulich hättest reden hören. Und ...«

Sie brach ab.

Sie konnte es niemandem sagen, nicht einmal vor sich selbst wagte sie es in Worte zu kleiden. Aber immer wieder sah sie den Ausdruck, der blitzschnell über sein Gesicht huschte, damals, als er von der Ermordung Franz Ferdinands hörte ...

Katharina fand immer neue tröstende Wendungen.

»Junge Eheleute läßt man wohl auch in England zunächst in Ruhe. Und wenn dem Vaterland in einem schweren Kriege steht, wird man dir Zurückgezogenheit zubilligen. Aber eines darfst du ja nicht vergessen: Deines Mannes Volk ist fortan dein Volk!«

»Soll ich, darf ich nicht mit euch zittern, mit euch jubeln?« rief Guda.

»Oh, gewiß, gewiß. Und ich laß dich alles miterleben – schreib dir jeden Tag – sag dir, wie du vielleicht von fern her helfen kannst, mir ahnt, uns Frauen fallen große Aufgaben zu.«

»Ja, schließ mich nicht aus.«

Sie umarmte Karen. »Oh, du, wo hast du es her, daß du einem immer wohltust.«

Die andere lächelte in leiser Wehmut. Aber sie pflegte ja zu schweigen. Es war ihr nicht gegeben, viel von sich selbst auszusagen.

Sie küßten sich zärtlich. Das war wie Vorsatz und Versprechen. Guda wollte sich zusammennehmen und sich tapfer sagen, daß nicht ihr allein dieses Los gefallen sei, daß Tausende mit klopfendem Herzen nur von fern zum teuren Vaterlande hinüberschauen dürften.

Und wirklich schien sie wie befreit. Unbefangen nahm sie am Abendessen teil, und auch ihre Stimme klang mit hinein in die Gespräche, die bald in feierlichem Ernst, bald in auflodernder Feurigkeit um den Tisch gingen.

Gleich nach dem Mahl mußten die Junker abreisen. Das Auto sollte sie nach Rosenheim an den Schnellzug nach München bringen; es war die letzte Fahrt, die der Kraftwagen machen konnte, denn morgen früh mußte der Chauffeur sich stellen; von ihm erfuhr man auch schon, daß alle Fahrzeuge vom Heeresbedarf eingefordert werden würden. Merkl wartete zum letztenmal auf, und Alois hatte noch vor dem Essen beim Grafen Leuckmer angeklopft und in einem Gemisch von Stolz und Verlegenheit seine sofortige Entlassung erbeten.

Das Auflösende, das Umstürzende des Krieges zeigte sich selbst in diesem stillen Winkel der ländlichen Ruhe sogleich. Die Hausordnung fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Es war wunderlich, sich vorzustellen, daß dies überall so sein mußte. Als habe man mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoßen – alles war Eile, alles Unruhe.

Und die ersten Abschiede kamen. Merkl reichte allen die Hand und empfing Wünsche und von seinem Herrn ein verdoppeltes Gehalt, noch für drei Monate voraus. Auch Alois trat an, er wußte wohl, die Herrschaften verstanden immer seinen Dialekt nicht und lachten darüber, als sei es ein Spaß. Deshalb brachte er nicht viel vor, sondern zog aus seiner Hosentasche noch ein wunderhübsches großes gelbes Schneckenhaus für den kleinen Grafen. Katharina nahm es hin – es war ganz warm. Und sie dankte dem jungen Menschen gerührt für all die Liebe, die er Adam bewiesen. Da wurden ihm doch die Augen naß.

Und dann kamen, zur Abfahrt fertig, die beiden Junker von Heinzenberg herein. Ein tiefes, ernstes Schweigen legte sich auf alle. Graf Leuckmer fühlte sich von zärtlicher Angst ergriffen: Wie würde dieser Abschied der armen Karen wehtun! Sie liebte ihre Brüder mit Innigkeit. Und wie er waren Guda und Thomas von Sorge bewegt. Tiny gar wußte selbst nicht, wohin mit sich vor plötzlicher Angst. Bis zu diesem Augenblick war »Krieg« ein Wort gewesen, ein aufpeitschendes Gespräch. Nun wurde er drohende Wirklichkeit. Zwei herrliche Menschen gingen. Wohin? Großer Gott, vielleicht in den Tod.

Katharina sah mit freien, großen Blicken ihre Brüder an. Wie lag noch der Nachglanz ihrer Jünglingszeit auf ihnen! Wie stolz und froh, wie reinlich und aufrecht waren sie durch ihr junges Leben geschritten bis hierher. Reich blühte eine sonnige Zukunft ihnen entgegen. Ihr Dasein lachte.

Und nun zogen sie dahin, um sich durch die Feuerlohe des Krieges zu schlagen – empor zum Sieg – hinab in ihr Grab. Ihre Augen strahlten. Und um ihren jungen Mund ging eine neue Linie. Wie von einem Eisenstift schien sie hineingezogen. So fest sprach sie von Entschlossenheit und hohem Mut. Und als sie die Segenswünsche der beiden Mädchen, die Umarmung des alten Herrn und Thomas' empfangen hatten, standen sie vor ihrer Schwester.

Sie sahen sich an, fest, in heißer Liebe, doch beherrscht. Sie nahmen in ihre Seelen noch einmal zum ewigen, unverlierbaren, genauen Gedächtnis das Bild des teuren Geschwisters auf.

»Gott sei mit euch!« sprach die junge Frau. Und nur ein leises Beben machte ihren Stimmklang noch ergreifender.

Sie umarmten sich. Kurz, voll Kraft. Und dann kein Wort mehr und keinen Blick. Aufrecht schritten sie davon.

Die Schwester horchte ihrem Schritte nach – unbeweglich – erhobenen Hauptes. Den schmerzlich sich verklärenden Blick ins Unbestimmte gerichtet.

Und vor ihrer Seele ward ein Bild, gleich einer Vision. Sie sah eine Frauengestalt, von dunklen Floren war sie umflossen und kaum erkennbar von den düsterroten Schatten des Hintergrundes. Ihre ganze Erscheinung verschwamm fast mit ihm in eins. Nur ihre Hände waren deutlich – weiße, vorgestreckte schmale Hände – sie trugen eine Schale, aus ihr stieg eine Rauchsäule in steiler Linie empor, der Dampf heißer Tränen, die die Schale füllten.

Und sie wußte, was dieses Bild ihr sagte. Sie faltete die Hände und betete stumm in ihrem Herzen für sich und alle Frauen:

»Herr, mach' uns stark!«

Langsam ging sie hinaus, sehr bleich war ihr Angesicht, aber ein gefaßter Ausdruck von wunderbarer Würde lag darauf.

Voll Ehrfurcht sahen ihr die anderen nach.

Wie der nächste Tag verging und der übernächste, konnte man sich kaum erklären. Die Nerven waren eingespannt bis zum Zerreißen. Es gab eigentlich nur eines: Zeitungen lesen, die angeschlagenen Depeschen mit Begierde aufnehmen. Und zwischen diesen waren Nachrichten, die man Guda verheimlichen mußte. Von England her zuckte ein Wetterleuchten auf. –

Wie sollte das werden? Mußte es die junge Braut nicht in Verzweiflung stürzen, wenn ihr künftiges und ihr angestammtes Land in Feindschaft gegeneinander stehen sollten?

Thomas sprach mit Gräfin Katharina darüber. Sie kamen vom Bahnhof, wo sie letzte Nachrichten gesucht und einen sich drängenden Verkehr von Abreisenden gefunden hatten.

»Merkwürdig«, sagte sie, »im ganzen deutschen Vaterlande ist man an jedem Platze dem Kriege doch gleich nahe, überall ist ganz gewiß die gleiche hohe Stimmung der innigsten Verbrüderung in demselben Zorn und Mut. Und doch strebt offenbar alles nach seiner engeren Heimat. Auch hier, aus jedem Auge blickt einen an, was man selbst fühlt. Und doch, mir kommt's auch so: ich möchte jetzt zu Hause sein, in Norddeutschland.«

Mit raschen Schritten gingen sie durch den Kurpark. Sie spürten so wenig seinen tiefen, kühlen Schatten, wie sie vorher auf der ersten Wegesstrecke den Sonnenbrand empfunden hatten. Die Welt lag noch immer im Goldglanz der Schönheit. Aber niemand sah sie mehr. Thomas war in Gedanken verloren gewesen und fragte nun: »Was glauben Sie, daß Guda täte, wenn uns England jetzt den Krieg erklärt?«

»Sie würde weinen. Aber handeln? In welcher Richtung? Ihre Heirat steht vor der Tür. In Aufschub willigt Percy nicht. Guda liebt ihn. Sie wird ihm folgen bis ans Ende der Welt, in Tod und Verderben, wenn es sein müßte.«

»Sind Sie so gewiß, daß Guda ihn liebt?« fragte er langsam.

Sie war überrascht von dieser Frage. Etwas Unerwarteteres hätte niemand sagen können. Aber sie wagte nicht, ihn anzusehen. Schon ein Blick konnte unkeusche Neugier sein. Sie ahnte, wußte, wie es um ihn stand.

Aber sie wußte auch, mit welcher Glut Guda liebte, fast vorsichtig sagte sie:

»Ich habe noch niemals eine Leidenschaft von ähnlicher Gewalt gesehen.«

»Ja«, sprach er zögernd, »das spürt man wie die Nähe eines verborgenen Brandes – irgendwie – peinvoll. Aber, vielleicht – es kann auch eine nur sinnliche Leidenschaft sein... Sie sinkt eines Tages in sich zusammen, solch Feuer verzehrt sich selbst...«

Sie wehrte ab. Mit starken Worten. Aber sie verschwieg, daß sie selbst schon von Staunen erfaßt gewesen war, besonders in den Stunden jener Nacht, wo Guda sich ihr offenbarte. Wo sie das zarte, jungfräuliche Geschöpf in schwüler Sehnsucht zittern sah. Aber gerade seit dieser Nacht wußte sie doch auch, daß Guda nach einem seelischen Sichverstehen lechzte.

Er antwortete dann nicht eigentlich. Das Gespräch war zu schmerzhaft. Es lag auch nicht im Geschmack des Mannes und dieser Frau, allzu ausführlich so dunkle und schmerzliche Dinge zu behandeln. Er sprach vor sich hin, von einer schweren Wehmut gedrückt:

»Was änderte das auch? Solche Leidenschaft kann nicht verzichten – ist die ungeheuerlichste Triebkraft im Menschen – zerstört eher alles rings um sich, ehe sie sich überwindet, geht über Leichen zum Ziel, lachend in den Tod. Selbstvernichtung ist ihre Antwort, wenn man sich ihr entgegenstellt.«

Katharina dachte:

›Hätte Gudas Herz sich doch ihm zugewandt!‹

Sie hatte Thomas Steinmann sehr lieb. Vor sechs Jahren, als sie in die Familie Leuckmer trat und ihn kennenlernte, besaß auch er viel von dem Jünglingszauber, der jetzt ihre Brüder noch umgab, er erinnerte sie oft an ihre Brüder, war so frisch, echt, frei und wahr wie diese. Aber schon gereift, kannte Welt und Menschen, war ein fester Mann. Aber vielleicht hatte Guda ihn zu gut gekannt, ihn seit ihren frühesten Kindertagen manchmal gesehen. War es nicht zuweilen, als wolle die Leidenschaft sich für ihre Zwecke der Fremdheit, der Überraschungen, des noch Verhüllten bedienen, um die Herzen besser zu verführen?

Hatte sie nicht an sich selbst die Unzuverlässigkeit einer raschen, ersten Liebesaufwallung erfahren? Wohin waren ihre Träume von Glück verweht?

Und sie seufzte. Und war von den inbrünstigsten Wünschen für Gudas Glück erfüllt.

Am Vormittage des vierten August war Percy Lightstone auf einmal wieder da. Beinahe schien es, als ob er lebhafter sich den Anwesenden nähere. Mit großer Unbefangenheit sprach er von seiner Überraschung darüber, daß Deutschland unverkennbar einig sei. Strahlend erinnerte Guda ihn daran, daß sie ihm gleich gesagt habe, seine Ansichten von Deutschlands inneren Zuständen seien falsch. Und mit der Anteilnahme eines Sportsmannes erwog er, ob Rußland wirklich all die französischen Milliarden auf Rüstungen verwendet habe, und meinte, daß er jeden Augenblick eine Wette annehmen würde auf das Vorkommen riesiger Unterschlagungen dort. Gestern abend hatte ein Freund von ihm in München eine Depesche gehabt, nach welcher das in Kalisch schon eingerückte deutsche Infanteriebataillon Konservenbüchsen, mit Sand gefüllt, in den Überresten einer Depotexplosion gefunden habe.

Graf Leuckmers scharf nervös gespannte Züge glätteten sich merklich. Percys Auftreten war ihm wie eine Bürgschaft, daß keine Kriegserklärung seitens Englands wie ein Damoklesschwert über Deutschlands Haupt schwebe. Für die Feinheit seines Gefühls stand es fest: Wenn Percy Lightstone auch nur von fern einen Krieg zwischen seinem und Gudas Vaterland fürchtete, mußte er sehr sorgenvoll sein und sehr bewegten Gemütes. Und man durfte ihn unbedingt für genau unterrichtet halten durch Vater und Bruder, durch all die engen Verbindungen, in denen die Lightstonesche Familie und ihre geschäftlichen Unternehmungen mit den führenden Männern standen. Das Vaterherz, das vielleicht uneingestanden sehr der Beruhigung bedurfte, fand sie, entgegen allen Anzeichen.

Da nun die ganze Feierlichkeit auf eine Trauung mit nachfolgendem frühem Mittagsmahl zusammengeschrumpft war, dachte Mildred nur für wenige Stunden nach Aibling hinauszukommen. Die Neuvermählten wollten dann mit ihr nach München fahren und sie auch am anderen Morgen mit auf die Reise nach England nehmen. Dies ließ sich nicht wohl vermeiden. Durch das von Militärzügen förmlich übersponnene Deutschland konnte man Mildred mit ihrer Jungfer nicht allein reisen lassen. Auf dem kürzesten Weg, über Köln, mußte man bei Maastricht die holländische Grenze erreichen und dann sofort über Vlissingen oder Hoek nach England hinüberfahren. Es war sonst nicht Percys Gewohnheit, über alle Kleinigkeiten einer Reise zu sprechen. Sein sehr geschulter Diener war als Reisekurier erfahren und sorgte für alles. Aber heute erwog er auch die nebensächlichsten Fragen. Und kam immer wieder darauf zurück, daß man Mildred nicht allein lassen dürfe. Alle sahen es ein, auch Guda, obschon es ihr etwas schwer war. Ihr schien: Im Alleinsein mit dem Geliebten würde sie ihren Schmerz, in dieser Stunde das Vaterland verlassen zu müssen, am ehesten ertragen. Katharina und Steinmann hatten den gleichen Gedanken: Percy wollte jedes Gespräch über England und dessen Haltung abwehren. Deshalb war er geselliger im Wesen als sonst, würdigte Dinge seiner Betrachtung, die sonst tief darunter standen.

Am Nachmittag unterzeichnete das Brautpaar den Heiratskontrakt. Das war für Gudas Empfindung etwas sehr Feierliches. Ungefähr der erste Akt der Vermählung.

Und das Brautpaar verlor sich gleich danach in die Stille des Parks. Zwei Menschen, die schwer nur noch die Gegenwart anderer ertrugen, in deren Adern das Fieber ungeduldigen Verlangens brannte.

Thomas Steinmann, blaß und ernst, hatte kaum von Guda noch ein warmes Wort, einen herzlichen Wunsch zum Abschied empfangen. Er dachte: ›Die »Hypnose« wirkt wieder.‹ Und es tat ihm weh, unerhört weh, daß sie so über ihn wegschritt, der doch auch in den Krieg zog. Die erste beste Kugel sollte ihm willkommen sein. Vielleicht, daß ihr dann einst das Herz in Reue schlug, weil sie ihn mit flüchtigem Wort hatte ziehen lassen.

Aber nein, solche Gedanken darf ein rechter Mann nicht haben, er wünscht nicht um eines Weibes willen den Tod in einer Stunde, wo das Vaterland sein Leben braucht, das fühlte er und zwang sich zur Härte.

Dennoch konnte ihm all die Innigkeit der teuren Menschen den Schmerz nicht ganz lindern. Er stand ja ziemlich allein in der Welt, besaß nur wenige Verwandte, durch weitläufige Verkettungen mit ihm verbunden. Diese hier waren ihm fast die Nächsten, in freier Neigung stand man dicht zusammen. Graf Leuckmer umarmte ihn voll väterlicher Liebe. Die junge Frau, die er als Urbild aller edlen Weiblichkeit tief verehrte, nahm schwesterlich sein Gesicht zwischen ihre beiden Hände und küßte seine Stirn, wie tat das wohl und weh zugleich.

Er hob den kleinen Adam noch einmal auf seinen Arm und legte sich das blonde Köpfchen fest gegen die Wange. Dann stand er vor der fassungslos schluchzenden Tiny.

Er wußte: sie war sehr in ihn verliebt. Aber das bedeutete für sein Herz, das so ganz und gar von einem anderen Bilde ausgefüllte Herz keine Verlegenheit. Denn er hatte wohl bemerkt, daß sie auch zuweilen in verliebten Aufwallungen zu den Junkern von Heinzenberg sich hingerissen fühlte. Ihr zärtliches Wesen zuckte und flackerte gleich einem Flämmchen im Winde. Aber er hatte doch eine gute Meinung für sie übrig und dachte: ›Sie kommt noch zurecht mit sich, da ist ein sehr gesunder Kern.‹

»Liebes Fräulein Tiny, anstatt zu weinen, sollten Sie mir lieber einen frohen Wunsch mit auf den Weg geben«, sprach er. Sie bemühte sich und drückte ihr Taschentuch gegen die Augen und wollte lächeln und etwas Herzliches sagen. Aber es ging nicht...

Da mußte er sich begnügen, ihr die Hand zu küssen.

Als er gegangen war, rief sie verzweifelt:

»Wieder einer!«

»Und wie haben Sie ihm den Abschied verdorben!« sagte Katharina vorwurfsvoll.

»Ich, ich?« fragte sie entsetzt.

»Ja, man kann doch denen, die hinaus müssen, nur eine Freude mitgeben. Die, daß wir gefaßt zurückbleiben!«

Vor Ärger über sich selbst, vor Reue war Tiny nun ganz verstummt. Ihre Tränen waren gewiß nicht erpreßt und ihr Abschiedskummer ganz bestimmt keine Schauspielerei gewesen. Und dennoch hatte sie sich hineingesteigert im uneingestandenen Gefühl, daß ihn ihr Jammer ergreifen, ihn zu ihr heranziehen müsse... Jahre ihres Lebens hätte sie hingegeben, wenn sich das nun noch auslöschen ließe.

»Ich will ihm gleich schreiben!« erklärte sie und lief davon.

Der Abend brachte eine wundervolle Weihe. Und der fremde Mann verstand es, in achtungsvoller Haltung Zeuge zu sein.

Sie hatten ihr Nachtmahl beendet. Die Balkontür stand weit geöffnet. Man sah in die schwere Dunkelheit des Hochsommerabends hinaus. Die Stille dieser schwarzen, lauen Luft draußen wurde zuweilen unterbrochen. Verlorene Klänge bebten. Männergesang. Er zog im Tal vorbei und verhallte. Bruchstücke teurer Lieder wurden erkennbar und erschütterten die Hörer.

Da kam einer der weiblichen Dienstboten. Wieder ein Extrablatt, fortan die durchs Land flatternden papiernen Brieftauben, deren raschelnder Flügelschlag mit Begier erhorcht ward.

Und dieses brachte die heilige Botschaft von der Reichstagssitzung. Graf Leuckmer stand auf, die Töchter, die junge Freundin erhoben sich mit ihm. Als zwinge eine hohe Gegenwart sie zu ehrfürchtiger Haltung.

Und der fremde Mann, betroffen, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben verwirrt, stand zögernd auch auf.

Mit bebender Stimme las der alte Herr den knappen Auszug aus der Thronrede, dann die überwältigenden Worte, die der Kaiser, von der Größe des Augenblicks getragen, frei hinzugefügt. Und wie er sich mit den Vertretern des Volkes durch Handschlag verbündet, in Not und Tod zusammenzuhalten. Und er las von der einstimmigen Annahme der Kriegsgelder und von der herrlichen Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten. Und als er laut und kraftvoll dessen Schlußworte nachsprach: »Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich«, da weinte Katharina auf vor heißem Glück.

Sie fühlte sich dem fernen Freunde vereint, kein furchtbarer, unüberbrückbarer Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgetan. Vom gleichen Geist beseelt, schritten sie, wenn auch weit voneinander getrennt, dennoch gemeinsam den kommenden Tagen entgegen.

Nach einer Pause von wenig Atemzügen nur erhob sich noch einmal die Stimme des alten Mannes, das bedruckte Blatt war ihm entsunken, er faltete die Hände. Fromme Verklärung lag auf seinem Gesicht. Und sein Herz formte ein Gebet, in einfachen, ergreifenden Worten klang es durch den Raum. Ein Gebet für Kaiser, Volk und Vaterland und Sieg.

Unbeweglich stand Gudas Verlobter. Sein stolzes, schönes Gesicht glich einer undurchdringlichen Maske. Jede Farbe war daraus gewichen.

Welche Offenbarungen mochten ihm diese Augenblicke bringen? Was ging in ihm vor? Er ließ es nicht erraten.

Aber Guda war wie berauscht von der Gewalt des Erlebens und von Hingabe an ihr Vaterland, und das erhöhte sich ihr noch, weil er Zeuge war, weil er es nun erkennen mußte, welch ein falsches Bild er sich von dem »armen kleinen Deutschland« gemacht. Alles erlebte sie in ihm, im Widerschein ihrer Liebe, die sie emporhob zu plötzlicher Reife, die ihr alles zugleich schmerzlicher und stolzer machte. Wie jubelhell wäre ihre Begeisterung aufgeflammt, ohne diese ihre Liebe? Aber wie tief und bewußt war sie, eben durch diese Liebe!

Oh – und stolz getragenen Hauptes wollte sie, konnte sie nun Englands Erde betreten. Sie wußten es nun drüben von heute an auch, was das war: eine Deutsche!

Und nach diesem Gebet voll Größe und Einfachheit, voll Nähe zu Gott und voll Glauben zum Siege, nach diesem Gebet trennte man sich sogleich.

Schweigend ging man auseinander. Und Percy küßte seiner Braut die Hand.

Auch die Frauen unter sich mochten nichts mehr miteinander sprechen. Sie spürten es: Es gibt eine Überfülle des Gemüts, mit der man sich im Schweigen zurechtfinden muß.

Katharina schlief wenig. Auf fast ärgerliche Weise drängten sich in ihre erhebenden Gedanken die geringen Haussorgen für den kommenden Tag. Sie dachte, wie selten doch eigentlich den Frauen vergönnt sei, auf der hochgeschwungenen Linie ungewöhnlicher Tage ungehemmt dahinzuschreiten. Sie sind die Schaffnerinnen, und Pflichten der Enge belasten sie immerfort.

Wirklich der Enge? Sie begrübelte das. Undeutlich noch wollten ihr Erkenntnisse kommen, daß diese Enge doch der Herd sei, das Haus. Die Stätte, wo der Mann geboren, erzogen ward, in der er wurzelte und die ihm Heimat und Vaterland in zusammengefaßtester Form bedeutete, die zu schützen er nun hinauszog, die rein und blühend zu erhalten der zurückbleibenden Frau oblag. Eine Ahnung erwuchs schon kraftvoll in ihr von dem Anteil, der in diesem Kriege auch in Frauenhände gelegt ward. Vor unruhevoll drängender Tatkraft konnte sie nicht zum rechten Schlaf kommen.

Um sieben Uhr begann sie sich anzukleiden. Nebenan plauderte Adam schon mit seiner beschwichtigenden, fürsorglichen Frau Stroblmeyer, die er allzeit mehr fragte, als sie beantworten konnte. Wie war es gesellig und das Herz so friedvoll beglückend, diese emsige, köstlich töricht-tiefe Fragerei zu belauschen.

Als sie fertig mit ihrem Anzuge war und gerade zu ihrem Liebling hineingehen wollte, klopfte es.

Eine D-Depesche. Dringlich und »Tages«. In der Nacht in Nürnberg auf dem Bahnhof aufgegeben von Thomas. Die Kunde, die empörte Herzen durch die Nacht schrien, vor deren Abscheulichkeit das am anderen Morgen erwachende Deutschland erschauerte, die Kunde, daß ein verwandtes Volk sich mit Mördern und Kosaken verbündete gegen germanisches Blut.

»Um sieben Uhr erschien Sir Edward Goschen im Auswärtigen Amt, erklärte im Namen seiner Regierung Deutschland den Krieg und forderte seine Pässe.«

Ein paar Herzschläge lang war sie ohne Gedanken vor Schreck. Aber dann lief sie, wie man vor Gefahr flüchtet. Sie kam an die Tür ihres Schwiegervaters. Aber es gab ja keinen Merkl mehr, den man hineinschicken konnte. Sie klopfte an, sprach gegen die Holzfüllung der Tür, wie man sonst in ein Telephon spricht:

»Ich bin es, Karen, ich muß dich sofort sprechen, sofort!«

Die Tür öffnete sich, auch der alte Herr hatte den Tag früh begonnen und war schon angekleidet.

»Eine Depesche, von Thomas, England hat uns den Krieg erklärt«, raunte sie.

Das war zuviel für ihn. Er hielt sich am Pfosten fest, bekam ein beängstigendes Aussehen. Sie schloß hinter sich die Tür, geleitete ihn zum Sitzen, er lehnte sich gegen das Polster, atmete hart.

»Was sollen wir tun?« fragte sie, und Tränen funkelten in ihren Augen, Tränen eines Zornes, wie sie ihn in ihrem ganzen Leben noch nie empfunden. Was war alles Leid, alle Enttäuschungen ihres eigenen Frauendaseins gegen die Schändlichkeit, die dem Vaterlande angetan ward.

»Was sollen wir tun? Guda – verheimlichen – wär' wohl kaum möglich. Was sollen wir tun?«

»Du – du – sag du...«

»Nein. Diese Entscheidung trüge ich nicht allein. Dir kommt sie zu, dem Vater.«

Wie er sich vor starken Augenblicken fürchtete, wenn sie von ihm Verantwortliches forderten. Sein Zorn war gewiß nicht geringer als der der jungen Frau. Aber das Mitleid mit seinem Kinde mischte sich hinein und wollte ihm das Gefühl verwirren. Dennoch, eine einzige Minute des Nachdenkens machte es ihm klar: verheimlichen konnte man seiner bräutlichen Tochter dies nicht. »Sage du es ihr. Du bist mehr als Schwester, bist wie eine Mutter.«

Als sie sich dann zu ihrer Aufgabe faßte, ging durch ihr Gedächtnis ein Wort, und sie sah den ernsten Mann vor sich, der es gesprochen hatte, zärtlich und bewundernd: »Mütterliche Frau.«

War das ihr Los, immer wieder? Andere halten, tragen, lenken? Der Gedanke huschte nur eben durch sie hin. In ihrem zitternden Herzen klang diese eine Frage über alles weg: Was wird Guda tun?

Sie trat in Gudas Zimmer und fand ein kleines, rührendes Jungmädchenidyll. Die Freundin war in aller Herrgottsfrühe mit einer geschmückten Platte gekommen, darauf der Morgentee gestanden, gewissermaßen als heimliches Vorfrühstück. Und wollte ganz allein für sich einen Abschied haben, mit all den tausend Erinnerungen an die gemeinsamen Jugendfreuden und Wichtigkeiten. Voll Rosen war der Raum. Da lag auch schon Tinys Geschenk ausgebreitet, ein großes Tischtuch aus echten Spitzen, Hohlstickerei und feinster Leinwand, sie selbst hatte es gearbeitet. Auf Ehre und Gewissen zugeschworen: jeder Stich sei allein von ihr. Und Guda war, wie manches Mal unter vier Augen mit der ungebändigten Freundin, für dies Stündchen wieder die alte, unbefangene Guda geworden. Voll Dank erinnerte sie sich all der Güte, die sie in Tinys Elternhaus empfangen, als sie noch das arme Komteßchen war. Und gerade stießen die Freundinnen darauf mit den Teetassen an, daß auch für Tiny bald dieser Tag mit Kranz und Schleier käme.

Welch ein Gegensatz.

Mit eisernem Faustschlag wollte nun die furchtbare Gegenwart dieses Idyll zerschlagen... Guda sprang auf, ihr Stuhl fiel um.

»Was ist?! Gott, Karen, wie siehst du aus?« schrie sie.

Ganz jäh war sie aus diesem Stündchen Morgenhelle hinübergerissen in eine aufzuckende Angst. So verstört hatte sie das liebe Gesicht noch nie gesehen.

»Ja, Ernstes ist geschehen«, sprach die junge Frau. Und dachte: ›Vorbereiten?‹ ›Erst den Fall setzen?‹ ›Erwägen, was dann?‹ Nein, die Wahrheit gerade heraus, denn die ersten tastenden Worte würden doch sofort alles verraten.

Sie erfaßte Gudas Hand, zog sie an sich heran, wollte sie umarmen.

»Es geht mich an?« brachte Guda heraus und starrte in das bleiche Gesicht.

»England hat uns den Krieg erklärt.« Sie schrie auf, stand noch, sah sich wie suchend um, schwankte und schloß die Augen.

Die beiden brachten sie auf ihr Bett, versuchten ihr wohlzutun, voll Liebe und Umsicht. Tiny sprach kein Wort. Ihre Lippen waren zusammengepreßt, streng und böse sah sie aus.

Ein paar Minuten vergingen. Guda schien bei Besinnung zu sein. Sie lag aber unbeweglich, lange. Es blieb nichts, als auf ihr erstes Wort zu warten. Und es kam. Wie aus weiter Ferne her, wie aus tiefen Träumen.

»Ich – muß – mit ihm sprechen –«

»Soll ich ihn hierherbringen?« fragte Karen zärtlich. Aber sie sah schon: das arme, zerschlagene Geschöpf gab sich Mühe, ihren Körper zu beherrschen, wollte in die Höhe kommen. »In – bei – mein Vater –«

Sie errieten es wohl: in ihres Vaters Gegenwart wollte sie den geliebten Mann sehen.

Und mit klammernden Händen hielt sie die trostvolle Frau fest, die ihr alles war: Schwester, Mutter und Weib, dem Weibe die Verstehende. An ihrem Arm trat sie den harten Weg an, wollte sie nicht von sich lassen, brauchte ihre Nähe.

›Was wird sie, was will sie ihm sagen? Was kann sie ihm sagen?‹ dachte Katharina.

In dem Zimmer, dem die Frauen sich im mühsamen Schreiten näherten, stand Percy Lightstone vor dem Grafen Leuckmer. Höflich, mit zögernden und sehr vorsichtig ausgewählten Worten sprachen sie von der Kriegserklärung, die einen so schweren Schatten auf die bevorstehenden weihevollen Stunden dieses Tages werfen mußte. Und der Engländer versicherte, daß er die Lage durchaus sachlich nähme, daß sein ganzes Land sie sachlich nehmen würde, dem englischen Charakter gemäß. Und daß deshalb diese politischen Bedauerlichkeiten, die offenbar den ganzen Vorbedingungen nach unvermeidlich gewesen wären, mit ihren persönlichen Beziehungen nicht das mindeste zu tun hätten. Höchstens könnten sie ihm Anlaß sein, seine teure junge Gattin mit ganz besonderem Schutz zu umgeben, obschon selbstverständlich Mrs. Guda Lightstone niemals die mindeste Unannehmlichkeit erfahren werde.

Und da erschien sie auf der Schwelle und ließ den Arm, auf den gestützt sie herangekommen war:

Und in diesem schweren Augenblick fiel die Maske der Undurchdinglichkeit von seinem schönen Antlitz. Er erschrak.

Er eilte auf Guda zu und schloß sie in die Arme und küßte ihre Lippen. Anders als sonst, fast scheu, gebändigt, nicht nur durch die Gegenwart von Zeugen.

»Meine süße Guda«, flüsterte er. Sie löste sich sanft aus seinen Armen.

»Ich muß dich etwas fragen, Percy«, begann sie und wußte selbst nicht, daß sie zum erstenmal deutsch mit ihm sprach. Er aber, er empfand es stark, und es traf ihn, als träte sie viele Schritte von ihm fort. »Als du fordertest, daß wir vierzehn Tage früher heiraten sollten, wußtest du da, was dein Land gegen uns vor hatte?«

»Aber Liebling«, sprach er ausweichend, »was hat die Kriegserklärung mit uns, unserer Liebe, unserem unzerstörbaren Bündnis zu tun? Das sind politische Dinge. Sie liegen auf völlig anderem Gebiet. Sollte ich dies und das geahnt haben, durfte ich doch nichts darüber reden. Politik und Geschäft da – unsere Liebe hier.«

Und er machte eine maßvolle Geste, die diese beiden Welten voneinander schied.

»Du begreifst«, sagte sie leise, sehr leise, »daß ich jetzt nicht in ein Land gehen kann, das uns feind ist!«

»Guda«, rief er beschwörend, »ich bin deinem Vaterland nicht feind. Ich hab' in den letzten Tagen viel begriffen, wir kannten es nicht. Guda, es wäre mir unmöglich, jetzt hier in Deutschland zu bleiben. Ganz enorme Verantwortungen und Aufgaben warten auf mich. Ich muß nach England zurück. Deinem Vater hab' ich's schon zugeschworen, dir, als der Angehörigen der Lightstoneschen Familie, wird keinerlei Feindseligkeit begegnen, ich verbürge mich dafür. Zwei Stunden noch, und du trägst meinen Namen. Mein Weib, mein Weib wird mit mir gehen.«

Er trat ganz nahe an sie heran, nahm ihre Hand. Und dabei flüsterte er voll zärtlicher Verführung, mit werbenden, versucherischen Blicken ihr tief in die Augen sehend:

»Haben wir nicht die Tage gezählt?«

Sie senkte die Lider, sie atmete schwer. Er wartete.

Und er faßte sich. Sein stolzes Gesicht nahm den Ausdruck unerschütterlicher Beherrschtheit wieder an, den gewohnten Ausdruck des Mannes, der Zeugen niemals Einblick in sein Inneres gewahrt. Er wußte gewiß, das nächste Wort der Geliebten, ihr Aufblick würde Hingabe und Willenlosigkeit sein, denn er war ihrer sicher. Er wußte es, wie alles in ihr brannte und sich zu ihm drängte.

Er wartete in gelassener Haltung.

Da erhob sie den Blick zu ihm und sprach:

»Ich wollte nicht von dir verlangen, daß du mit mir in Deutschland bleibst.«

Eine knappe Pause, und dann:

»Jetzt kann ich nicht dein Weib werden, jetzt nicht.«

In seinen großen, hellen Angen loderte etwas auf, leidenschaftlicher Zorn vielleicht. Aufzucken schwer verletzten Stolzes, die jähe, qualvolle Enttäuschung des Mannes, der vor Begier nach dem Besitz der Geliebten gebebt hatte. Wer konnte das enträtseln? Schon war seine Miene wieder beherrscht. Aber Katharina sah es wohl: die Schlagadern an seinem Halse pulsten stark und verrieten, daß sein Inneres in Aufruhr sei.

»Dies ist ein großer Entschluß, liebe Guda«, sprach er ernst.

»Er ist ganz fest.«

Wie einfach sie das sagte. Und das Wort umschloß doch ein ungeheuerliches Opfer.

Sie streckte ihm beide Hände hin.

»Leb wohl, für schwere Wochen, Monate, wer weiß wie lange. Leb wohl! Später, wenn Frieden ist, ja, dann dürfen wir wieder an uns und an Glück denken.«

Er hielt mit seinen beiden Händen die ihren fest, sah ihr wieder lange in die Augen, nicht zärtlich, versucherisch, forschend eher und in Staunen, daß in diesem schönen, jungen, begehrenswerten Geschöpf noch Dinge lebten, von denen er nichts geahnt, die er nicht völlig verstand, die sich nicht vom Feuer seiner Leidenschaft verbrennen ließen.

Er küßte fast feierlich ihre Hand.

Vielleicht, daß er sich noch mit gefaßten Worten von den Ihren verabschiedete, daß man noch hin und her sprach, notwendige Äußerlichkeiten beredete, Hoffnungen austauschte auf raschen Frieden, auf die dann ungetrübte Stunde, die erfüllen würde, was die furchtbare Lage heute verbot...

Guda, wie von einem Nebel umgeben, erfaßte alles nur undeutlich. Ihr kam auch nicht besonders zum Bewußtsein, daß die Ihren die Freiheit ihres Entschlusses nicht anzutasten versuchten, daß ihr Vater aber bemüht war, diesen Abschied nicht den Charakter einer feindseligen Trennung annehmen zu lassen, daß man nichts zerbrach. Gar nichts.

Vielleicht sprach der geliebte Mann auch noch liebevoll zu ihr, schmerzliche Worte, daß seine Ritterlichkeit ihm verbiete, sie zu drängen, daß ihm nichts bleibe als sich zu fügen, daß er die Tage zählen werde bis zu dem, der ihn zurückbringen konnte zu ihr, der für immer und ewig Geliebten.

Sie wußte nur dies eine. Noch einmal, ach, noch einmal fühlte sie seine Lippen auf den ihren, heiß und fest. Und ein rasender Jammer zerriß sie. Sie wollte aufschreien. Nein, nein, ich kann ihn nicht lassen. Ich sterbe am Warten, verbrenne, vergehe vor Sehnsucht. Aber mit allerletzter Kraft nahm sie sich zusammen. Und fühlte: es war entschieden. Er ging.

Da sank sie der mütterlichen Frau in die Arme.

Aber sie weinte nicht. Nur ihre Glieder zitterten. Und sie fror wie im Fieber.

Fest hielt Katharina die nun von dem ungeheuren Aufschwung ihres Opfermutes ganz Erschöpfte in ihren Armen. Voll Ehrfurcht vor diesem jungen Weibe, das sich zu überwinden vermocht. Die Stimme ihres Blutes hatte nach dem Manne geschrien, eine Stimme, die gebieterischer ist als alles, denn es ist die geheimnisvoll elementare Stimme der Natur; um ihr zu gehorchen, zerbrechen die Menschen Ehre und Recht, von ihr gerufen, gehen sie in Tod und Schande.

Aber lauter noch erklang die Stimme des Vaterlandes. Und der Ruf seines Zorns und seiner Gefahr hallte in diesem jungen Herzen wider und übertönte die Versuchungsworte brünstiger Leidenschaft.

Wieder war es Katharina, als sähe sie die kaum erkennbare, umflorte Gestalt vor dem düsteren Hintergrund und sähe die schmalen, bleichen Hände, die die Schale trugen, aus der die dünne Dampfsäule emporstieg, der Rauch heißer Tränen.

Und eine wundervolle, erhebende Erleuchtung kam ihr. Nicht Tränen, nicht nur Tränen durften diese Schale füllen.

Taten aufzunehmen war sie bestimmt.

Eine Welt war umgestürzt, aber sie lag nicht zerbrochen. Die Welt des Friedens lag in Scherben, aber auf ihnen erhoben sich neue Gewalten. Kaum einen Atemzug des Besinnens brauchte das Land. Und dann fing es emsig, stark, freudig, fromm und voll heilig einfältigen Mutes seine neue Arbeit an. Kräfte schwirrten noch durcheinander, mußten neue Wege suchen, sich andere Plätze wählen. Niemand brauchte aufgerufen zu werden, alles drängte sich herzu. Und Wunder gewaltiger Ordnung begaben sich, und es war, als spräche aus ihnen die tröstende und beruhigende Stimme Gottes.

Bei seinem eigenen kleinen Schicksal konnte niemand stehenbleiben, es in Schmerz und Wehmut zu betrachten. Das fühlte auch Guda, als ihr nach der jähen Entsagung Kraft und Mut entglitten. Auch sie erfuhr an sich, daß eine Verwundung nur ein Schlag ist, kaum spürbar in der Erregung der Seele, daß aber die harten Leiden nachkommen. Sie verachtete sich und war doch vor Sehnsucht nach dem Geliebten krank. Sie wollte stark sein und zitterte doch in der Nacht vor Verlangen nach seinem Kuß.

Sie begriff, jetzt zwischen zwei Gefühlen stehen, war schon Unwürde, war Treulosigkeit gegen das Vaterland. Wenn sie die Entsagung nicht mit stolzem Mut ertragen konnte, hatte es gar keinen Sinn gehabt, zu entsagen.

Und weil es ihr nicht sofort gelang, mit sich fertig zu werden, ward sie sich selbst zuwider.

Katharina umfaßte sie einmal sacht und flüsterte ihr zu:

»Hab' nur Geduld mit dir selbst...«

Wie gut das tat, die schwesterliche Wachsamkeit der einzigen Frau zu fühlen, ihre Nachsicht, ihr Verstehen. Und dennoch: sich wieder zu der Höhe des Entschlusses zu erheben, schien fast unmöglich.

Jeder Rosenstrauch, jeder trauliche Platz unter breitem Geäst und dichtem Laub, die weite Landschaft selbst in ihrer lächelnden Schönheit, alles sprach von Erinnerungen, betäubte wie Verführung und weckte die Sehnsucht auf, die im Grunde des Gemütes ihr unsterbliches Wesen unzerstört weiterfristete.

Ein Wort ward von ihr aufgefangen, die Freundin oder der Vater lasen es aus der Zeitung laut vor, zwanzig Jahre wollte England gegen Deutschland Krieg führen, wenn es sein mußte. Und das Wort nahm ihr, in diesem leidvollen, kampfreichen Nachspiel ihrer Tat, den Rest von Fassung. Jahre? – Einerlei, ob zwanzig – Jahre? – Unbestimmt wie viele. – Das hieß: ewige Trennung, das war Tod.

Sie bereute nicht, was sie getan: mit ihm leben in Feindesland, das hätte sie nicht gekonnt. Aber für immer ihn verlieren, das war auch kein Leben mehr, lieber wollte sie sterben. Die Krisis der Entsagung erschütterte ihren Körper, der Rückschlag, den die Natur empfangen, rächte sich. Sie wollte sterben. Sie sah in der Nacht immer lockender ein Bild: das überschattete dunkle Wasser tief im Kessel, über den alle Bäume wie segnend Zweige streckten. Traum der Stille, Frieden allem Leide.

Sie spürte: man hatte sie bewacht. Es war kein Zufall, konnte keiner sein, daß sie sich den ganzen Tag nicht allein sah. Und gerade das erhitzte ihren Trieb nur mehr, diesen verwirrten Trieb zum Sterben.

Aber am anderen Morgen fanden sich unbewachte Minuten für sie. Man war seit dem ersten August nur sehr unregelmäßig in den Besitz von Post gekommen. Nun regten eintreffende Briefe allerlei Fragen an. Es war bestimmt gewesen, daß Tiny tags nach der Hochzeit heimreisen solle. Jetzt sprach ihr Vater die Bitte aus, daß Leuckmers sie behalten möchten, bis der Reiseverkehr wieder erleichtert sei. Dies war durchaus nicht in ihrem Sinn. Sie brannte darauf, sich in das Getümmel zu stürzen, selbst auf der am Ort vorbeibummelnden Kleinbahn sah man ja Proben davon, wie großartig das sein mußte. Nur Treue für Guda hatte sie noch hier gehalten. Graf Leuckmer empfing einen Brief seines Sohnes. Während er den las, war sein feines Gesicht wie von Pein durchfurcht. Er teilte indessen aus dem Brief nur mit, daß Bertold bäte, sein Vater möge sobald als möglich zu der langsam hinsterbenden alten Stiefschwester reisen. Tante Jenny hatte den Wunsch ausgesprochen, ihn wiederzusehen. Was Bertold sonst noch schrieb, verschwieg der Vater. Der ins Feld Hinausziehende hatte allerlei letzte Beichten, mit dem Gelöbnis, daß später derlei nicht mehr vorkommen werde: Schulden, die er im Augenblick der allzu sehr von dem Abschied leidenden Tante Jenny nicht vorklagen mochte, außereheliche Verbindlichkeiten, gegen die er anständig handeln wollte. Papa möge das alles ordnen. Gewissermaßen das Geld auslegen, wozu er ja seit der Erbschaft von Onkel Leuckmer in der Lage sei. Er, Bertold, würde sehr bald selbst Erbe eines stattlichen Vermögens und könne dann dem Vater die Summe sogleich wieder überweisen lassen.

Wie wäre es sonst der jungen Frau entgangen, daß ihr der Vater den Brief nicht zu lesen gab? Aber ihre Seele feierte das Fest einer reinen, hohen Freude. Und ihre Blicke hingen an dem Blatt, das sie empfangen hatte, nahmen diese wenigen Zeilen immer wieder auf.

»Hochverehrte Frau Gräfin! Sie haben mir gestattet, Ihnen zu schreiben. Meine Mitteilung ist kurz. Alles, was sie umschließt, wissen Sie von selbst. Ich habe mich heute als Kriegsfreiwilliger gemeldet! Das Vaterland braucht jetzt meine Faust und nicht meine Theorien. Da ich seinerzeit als überzählig zurückgestellt ward, bin ich Rekrut und muß drei Monate ausgebildet werden. Die Schritte zur Adoption meines Kindes sind getan. Jürgen spricht oft von einer gütigen Frau und ihrem blonden Knaben. Ich denke an diese gütige Frau voll Ehrfurcht und schweigend.

Ihr Ottbert Rüdener.«

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