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Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
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Am Arme ihres Schwiegervaters ging Gräfin Katharina auf der Aussichtsterrasse hin und her, während im Kies, der von Schatten und Sonnenflecken scharf und willkürlich gemustert war, der kleine Adam in seinem weißen Kittelchen auf dem Bauche lag. Mit seinen Füßen hämmerte er auf und ab, die Ellbogen hatte er aufgestützt, und sein Gesicht ruhte in den Schalen seiner beiden Händchen, deren Fingerspitzen in dem blonden Haar verschwanden, das nach vorn bis auf die Wangen fiel. So sah er aufmerksam zu, wie in der flachen Wasserschüssel vor ihm die zwei schwarzen, zehnpfenniggroßen Kaulquappen mit den ruhelosen Fadenschwänzchen schwimmend umherjagten. Alois, der Gärtnerbursche und sein allerbester Freund, hatte sie ihm gefangen.

»Ja«, sagte Graf Leuckmer, »mit einer Persönlichkeit wie Alois kann selbst der zärtlichste Großvater nicht konkurrieren. Was ist man gegen diesen jungen Mann, der immer hübsche Schneckenhäuser, einen besonderen Stein, unerschöpflichen Vorrat an Bindfaden in der Tasche hat und werdende Frösche fängt! Am erstaunlichsten ist es mir, wie Adam sich mit ihm verständigt, aber selbst der allerurwüchsigste bayerische Dialekt von Alois und von der famosen Frau Stroblmeyer hat keine Geheimnisse für ihn.«

»Jede Stunde hier hat für das Kind hundertmal mehr Inhalt als ganze Tage in unserer Garnison, wo die Berührung mit der Natur auf einen artigen Spaziergang durch den Stadtpark hinauslief. Wie bin ich dir dankbar, daß wir hier sein dürfen.«

»Karen, du beschämst mich!«

Er fühlte sich völlig als Schuldner der jungen Frau, der sein Sohn kein Glück gebracht und deren Vermögen verlorengegangen war. Dies Geld, das Katharinas Eltern damals nicht ohne Schwierigkeiten flüssig gemacht hatten.

Wie er so die junge Frau am Arme führte, erschien er als ein zu zerbrechlicher und zierlicher Ritter neben der ihn überragenden stattlichen blonden Frau. Aber sie wußte doch: an seiner Seite ging sie sicher, und er verstand sie ganz und gar. Und heute hatten sie sich einmal allein, konnten in Ruhe vielerlei besprechen. Guda und die Stratenschen Damen waren schon früh am Tage zur Begleitung von Miß Lightstone nach München gefahren und wurden erst am Abend zurückerwartet.

Percy hatte Schloß Schönblick sogleich nach dem furchtbaren Ereignis verlassen. Er reiste nach Wien zu seinem Bruder. Er sagte, es müsse sehr interessant sein, Wien und seine aufgeregten Bewohner in diesen Tagen zu sehen. Fast schien es, als betrachte er Wien unter solchen Umständen als unerwartete Bereicherung eines Reiseprogramms um eine seltene, unvergleichliche Nummer. Auch von seinem Bruder dort hoffte er allerlei zu hören, Politik hinter den Kulissen – möglicherweise – in einigen Tagen wollte er zurückkommen.

Daß Percy den entsetzlichen Mord mehr als Politiker und Geschäftsmann nüchtern betrachtete und nicht wie sie in rein menschlichem Gefühl vor Schmerz und Zorn erbebte, das hatten sie wohl empfunden. Aber sie vermieden es, sich darüber auszusprechen.

»Für so vieles habe ich dir zu danken«, sprach Graf Leuckmer weiter, »am meisten aber dafür, daß du uns die Beschämung vor den Deinen erspart und ihnen verborgen hast, daß deine Ehe bald in Sorgen mündete.«

»Nicht dafür danken, Papa, vielleicht bin ich bloß etwas schwerfällig. Bertold meint immer, ich hätte kein Temperament, das hilft mir wohl oft. Man klagt nicht gleich. Schreit nicht so herum: ›Was soll werden?!‹ Meine Eltern haben ja schon genug mit ihren vier Söhnen zu tun, du weißt es wohl: die wilden Junker von Heinzenberg! Sie würden außer sich geraten, wenn sie hörten, daß es mit ihrer ruhigen Ältesten schief gegangen sei. Nach keiner Seite hin konnte die Lage dadurch besser werden, daß ich sie besprach.«

»Kind«, meinte er liebevoll, »ihr seid jung. Alles kann noch anders werden. Ihr habt getan, was Hunderttausende tun, zu jung in verliebter Aufwallung euch geheiratet. Dann kommt die Ernüchterung, und in ihr scheint alles in die Brüche zu gehen. Aber man ist nur eine neue Entwicklungsphase getreten. Aus ihr geht man mit gereifter Erkenntnis hervor und findet sich dann erst zu rechtem Bunde.«

»Ach Papa – Programm! Romanstoff! Theorie! Paßt nicht auf Bertold und mich. Und du glaubst ja selbst nicht, was du wünschest.«

»Aber es muß doch irgendwie...«

»Zu einem Ende kommen?« ergänzte sie mit einem schmerzlichen Lächeln. »Nein. Vielleicht ist dies das mühsamste in dem mir zugefallenen Schicksal. Mein Mann wird niemals mir gehören. Aber in Stunden der Leere oder Sorge wird er immer einmal bei mir ankommen. Ich bin sozusagen sein Altersheim, er weiß: `In ganz fernen, fernen Tagen, wenn gar kein Schaum mehr da ist, sondern bloß noch Hefe, dann hab' ich schließlich eine Frau, die mich pflegen muß.«

»Dazu bist du zu gut! Das ist kein Lebensinhalt für eine Frau wie dich...«

»Mein Lebensinhalt ist mein Junge«, sprach sie, beinahe heiser, und fügte noch hinzu: »Weißt du, Papa, ich glaube, die Mutter ist doch wohl stärker in mir als die Frau. Ohne Mann kann ich mich behelfen. Ohne Kind? – Wenn ich Adam lassen sollte? Guck, wie er da liegt! Wie die Sonne seinen Rücken brennt – wie unmenschlich interessant ihm die beiden kleinen Scheusale in der Wasserschüssel sind.«

Sie ließ plötzlich den Arm des alten Herrn und lief zu ihrem Knaben, kniete im Kies neben ihm nieder und faßte zärtlich nach den unermüdlich hämmernden Füßen.

»Nich Mutti!« schrie er, »nich!« – – und er spritzte nach rückwärts ein wenig Wasser auf sie. Sie lachten beide.

Dies zu beobachten machte dem alten Manne das Herz warm. Er war glücklich, daß er Schwiegertochter und Enkel bis zum Herbst hier behalten durfte. Für die Zeit von Bertolds Kommando in Berlin hatte das junge Paar den eigenen Hausstand aufgegeben. Was später werden sollte, hing noch ganz im Dunkeln. Vielleicht wurde Bertold überhaupt in ein anderes Regiment versetzt. Welch ein Trost bedeuteten die lieben beiden auch für ihn, wenn Guda ihn nun bald verlassen würde.

»Ach«, sagte er aus seinen Gedanken heraus, »hat sie uns nicht eigentlich jetzt schon verlassen? Sie ist ganz verändert.«

Katharina sprang auf und war schon wieder neben ihm.

»Du meinst Guda? Ja, das ist nun fast unheimlich, ihre übersprudelnde Lebendigkeit ist einer beinah steifen Haltung gewichen. Aber man merkt es doch: mit ihren Gedanken ist sie unausgesetzt bei ihm.«

»Seit er nach Wien ist, finde ich sie beinahe geistesabwesend. Eine solche leidenschaftliche Abhängigkeit von einem geliebten Mann...« Irgendein Gefühl von Beklemmung warnte sie beide, diese Betrachtungen weiter auszuspinnen – sie wollten zart bleiben – sogar noch vor ihren eigenen stillen Gedanken.

Und Katharina, deren große Seelenwürde ja immer das Schweigen war, verbot sich sogar, ihrer kräftigen Abneigung gegen Percy nachzugrübeln.

Als Guda vor zwölf Wochen glückselig aus Hamburg depeschierte und um den väterlichen Segen bat, waren sie gerührt und freudig erhoben gewesen, daß das holde Kind einen Liebesbund schließen durfte. Und als Percy Lightstone dann wenige Tage später auf Schloß Schönblick, wo man noch mitten im Einrichten begriffen war, eintraf, um seine Werbung persönlich vorzubringen und alle damit verbundenen Fragen klar zu besprechen, steigerte sich ihre frohe Empfindung noch. Die auserlesene Erscheinung, die vollendeten Formen wirkten geradezu imposant. Äußerlichkeiten. Ja. Aber sie sind doch immer das, womit allein Menschen, die sich zum erstenmal begegnen, aufeinander wirken können. Und wer mit solchen Äußerlichkeiten ausgestattet ist, bringt doch schon immer ein Geschenk mit in den neuen Bund. So dachte Gräfin Katharina damals. Aber seitdem war Percy schon dreimal zu kurzem oder längerem Aufenthalt hier gewesen und man war sich um gar nichts nähergekommen.

Nur schien es, als rücke Guda immer weiter fort von den Ihren – immer weiter.

Aber es handelte sich auch durchaus nur um Guda und ihr Glück, und daß sie mit Inbrunst liebte und wieder geliebt wurde, unterlag keinem Zweifel. So mußte man wohl zufrieden sein.

»Habe ich dir eigentlich schon erzählt: Thomas Steinmann ist nicht damit einverstanden, daß ich das ganze Vermögen Gudas in England anlegte.«

»Nein. Komm – wenn ich es wissen darf, erzähle. Denn ich will dir sagen, Papa – ich glaube, daß Steinmann...« Sie stockte. Nein, sie wollte es doch nicht sagen, was sie glaubte, beobachtet zu haben... Und so schloß sie: »Ich glaube, daß seine Ansichten immer vernünftig und von Hingebung für dich erfüllt sind.«

Sie setzten sich an den Tisch, und Katharina sah nebenbei, wie ihr Junge nun langsam ein winziges Steinchen nach dem anderen in die Wasserschüssel zu den umherjagenden Tierchen warf.

»Unbedingt. Aber wie lagen die Dinge? Sie lagen so, daß Guda nicht ohne Mitgift oder Kapital in irgendeiner Form in diese ausländische Ehe treten konnte. Percy besprach diese Fragen mit einer so großartigen Offenheit mit mir, daß mir diese Überlegenheit und Sachlichkeit wohlgefiel. Wenn Guda standesgemäß in Deutschland geheiratet hätte, würde ich ihr doch immer ein Kommißvermögen oder ein Nadelgeld oder wirtschaftliche Zuschüsse gegeben haben. Ich will dir gestehen – ich war verlegen – unsicher. Wenn man so lange in Geldsorgen gelebt hat, verliert man den Maßstab. Was mir reichlich schien, konnte dem – dem – etwas großartigen Engländer als Lumperei erscheinen.«

Seine Schwiegertochter streichelte ihm leise und tröstend die Hand. Sie konnte sich genau denken, wie im Grunde verängstigt er vor dem majestätischen Bewerber gesessen.

»Ich deutete an: ›Nadelgeld‹. Aber Percy sagte, das würde ausschließlich Sache des zärtlichen Gatten sein, der seine liebreizende Frau mit allem Luxus zu umgeben hoffe, der Mistreß Percy Lightstone zukomme. Dann warf ich die Frage auf, ob ich schon bei der Heirat von Gudas Kapital auskehren solle – weißt du, da eine Zahl zu nennen, war auch schwer. Schließlich kamen wir überein, daß es am vorteilhaftesten sei, das ganze Vermögen in ihre Unternehmung zu geben. Das Haus Lightstone, dem ja sowohl familiär wie geschäftlich der Lord Multon, Percys Vater, vorsteht, wird mir fünfeinhalb Prozent geben, mit Zinslauf vom Tage der Einzahlung an. Und je am ersten November und ersten Mai werden die Zinsen verrechnet. Das ist alles sehr bequem und vorteilhaft, und Percy sagte mir voll Offenheit, daß sie mit dem Gelde allermindestens zwölf Prozent machen – das Mehr über meine fünfeinhalb hinaus soll stets als Gildas persönliches Einkommen ihr gutgeschrieben werden. Das sind doch glänzende Abmachungen!«

»Ach, Papa – ich hab' einen beklagenswert geringen Begriff von solchen Dingen. Aber wie du es so erzählst, muß es einem wohl scheinen ... Du sagtest, ihr kamt überein? ... Ging denn dieser Gedanke von dir oder von ihm aus?«

Graf Leuckmer wurde ein wenig befangen. Er wußte keine genaue Antwort auf diese Frage. Die Erwägungen nahmen wie von selbst diese Wendung. Hatte Percy es als möglichen Fall gesetzt? Antwortete er darauf sofort mit Vorschlag und Zusage? So sehr er sein Gedächtnis förmlich beschwor, es konnte und wollte den Inhalt jenes Gesprächs nicht wortgetreu herausgeben.

Ja, und nun arbeitete das ganze Vermögen, bis auf etwa fünfzig- bis sechzigtausend Mark, deren man doch als einer Art Reserve bedurfte, schon seit dem ersten Juni in all diesen Unternehmungen mit – das war eigentlich wunderhübsch zu denken – gab der Phantasie und Schwung. Karen wollte nun auch gern wissen, was denn das alles für Unternehmungen seien»

Oh, da waren doch die Teeplantagen bei Darjeeling im Himalaja-Gebiet – fortan sollte auch in Schloß Schönblick nie anderer als der Lightstone-Tee getrunken werden, Und dann die großen Webereien: sie lieferten die schottischen Cheviotstoffe für die Hochlandregimenter. Die Waffen- und Munitionsfabriken der Lightstones hatten feste, für viele Jahre laufende Verträge mit der Regierung und versorgten die englische Marine sowie die in Indien garnisonierenden Regimenter. Steinmann selbst, obschon ein Gegner des Abkommens, hatte nur allererste Auskünfte beigebracht, Und es war doch ein Unterschied: anderthalb Prozent mehr fortan. Katharina sah, ihr Schwiegervater hatte ein förmliches kleines Krösusvergnügen an der Erhöhung seiner Zinsen.

»Siehst du, Karen«, sagte er, »ich kann nun bequem jedes Jahr ein paar Tausend zurücklegen für Adam. Mit den Zinsen kann ich machen, was ich will. Das Testament spricht sie mir bedingungslos zu.«

In ihrer Seele wallte Dank auf – noch einmal streichelte sie die feine, blasse Hand.

»Merkl!« rief das Kind und sprang auf. Er hatte den Kopf und die Schultern des Dieners gesehen, der heraufstieg. Adam wußte: der brachte Erdbeeren und ein Butterbrötchen als vormittäglichen Imbiß. Plötzlich fiel ihm sein Hunger ein, den er über die kleinen, beweglichen Untiere vergessen gehabt. Der kräftige, bartlose junge Mensch, in sehr schlichter dunkelgrüner Livree, der nun die Terrasse betrat, brachte auch die Post mit. Adam ließ ihn nicht gleich dazu kommen, die Platte, auf der neben der Schale mit Erdbeeren Zeitungen und Briefe lagen, auf dem Tisch abzusetzen. »Sieh mal, Merkl – wenn sie alt sind, sind es Frösche, sagt Alois – weißt du, ob es wohl wahr ist? Ich will sie täglich füttern und immerzu aufpassen, damit ich es sehe, wenn sie Frösche werden. Die Schüssel soll nachts neben meinem Bett stehen.«

Merkl bückte sich gefällig ein wenig und gab seine Meinung dahin ab, daß die Tierchen sich in der Schüssel wohl niemals zu Fröschen entwickeln, sondern eingehen würden.

»Aber wenn ich sie doch täglich fütter'«, sagte der Kleine; er sah enttäuscht die Aussicht auf ein spannungsvolles Schauspiel entschwinden. Während Merkl sich mit einem Achselzucken diesem schwierigen Fall entzog und wieder bergab ging, beschloß Adam, erst einmal seine Erdbeeren zu verzehren, den Kaulquappen aber eine davon ins Wasser plumpsen zu lassen. Was konnte er ihnen denn für schöneres Futter geben als eine eingezuckerte Erdbeere!

Ein wunderbarer Friede umfing die drei Menschen. Das Kind schmauste, der alte Herr las die Zeitung, die blonde Frau hielt ein Briefblatt in der Hand. Tief unter ihnen und weit hinaus breitete sich das freundlich stille Gelände bis zu dem fernen Gegenüber des Gebirgszuges, der heute in so dünnem Blau vor dem Horizont stand, als habe ein kaum mit Farbe gefüllter Pinsel ihn nur eben hingetuscht. Die Sonne schien, man hätte sagen können: emsig. Sie hielt die Luft über dem breiten Tal in einer unaufhörlichen Wellenbewegung; sie kochte den Saft in den grünen Gräsern der unendlichen Wiesenmatten; sie strich mit gilbender Hand über die Ährenfelder; in allen Knospen wärmte sie die kommende Blume und trieb im Walde den starken Geruch aus den neuen Schößlingen der Tannen und den blühenden Kissen der Thymiankräuter. In schweigender Wollust boten die Wipfel ihre unbewegte Fülle der um sie her bebenden Glut. Drunten der ockerfarbene, rauschende Fluß gleißte von silbernem und saphirfarbenem Glanz. Er strich das Schilf seines Ufers und die Weidenzweige, die in ihn hinabtauchten, unablässig gegen Ost. Der Himmel war bleich vor Hitze. Aber sie war leicht und schwebend und voll von sommerlicher Wonne. Sie machte Sturm und Regen, Winternot und Herbstdüster zu fernen, nicht mehr begriffenen traurigen Träumen. Sie war Fülle des Daseins, gab den Menschen eine wunderbar pflanzliche Stille, und allem, was da wuchs und grünte, sprechendere Wucht. Sie stimmte alles Lebendige zusammen auf einen Gleichklang frohen Friedens.

Graf Leuckmer las seine Zeitung nicht mit jener Aufmerksamkeit, die der erregungsschwere Augenblick der politischen Lage wohl beanspruchen konnte. Er hatte bemerkt, daß der Brief, den Karen erhielt, die Handschrift seines Sohnes trug. Nun beschäftigte ihn die Besorgnis, daß die junge Frau wieder einmal peinliche Eindrücke niederzuringen haben würde. Quelle heiterer Stimmungen waren die Briefe seines Sohnes nie. Er beobachtete das Gesicht der Lesenden. Und das fühlte sie wohl. Plötzlich, aus Nachdenken auffahrend, hob sie die Stirn und sah ihren Schwiegervater klaren Blickes an.

»Soll ich dir den Brief vorlesen?« fragte sie.

Wie viel einfacher wäre es gewesen, das Blatt ihm hinüberzureichen. Das tat sie aber nicht. Ahnungsvoll fürchtete der alte Herr, daß sie beim Vorlesen hier und da ein allzu häßliches Wort mildere.

»Wenn der Inhalt mir mitbestimmt ist...« meinte er zögernd. Und da war ja auch das Kind. Kinder haben so merkwürdig helle und gedächtnisscharfe Ohren. Das wußte ja auch die junge Mutter, erinnerte sich gut aus der eigenen Kindheit, daß ihr Äußerungen und Worte ihrer Eltern nach Jahren wieder eingefallen und dann erst richtig verstanden worden warm. Sie ließ einen nachdenklichen Blick über ihren Jungen gleiten. Der aber erklärte gerade froh und wichtig: »Nu will ich rund um die Schüssel 'nen kleinen Wald stecken, daß sie Schatten kriegen, darf ich was abpflücken?«

Und er war schon bei den Zwergrosenbüschen vor den alten Ulmenstämmen und wählte auf das sorgsamste kleine Zweige aus, die seinem Zwecke passen mochten. Zum Horchen hatte er durchaus keine Zeit. Und so konnte die blonde Frau lesen, sie tat es mit ruhevoller Stimme. Die Anrede ließ sie fort. Immer verletzte es ihr Gefühl, daß diese liebkosende Apostrophierung aus der allerersten, ganz kurzen Zeit ihres Scheinglücks von ihm beibehalten wurde. Das war eine Sinnlosigkeit, eine Gleichgültigkeit, die keine Achtung mehr vor dem kurzen Traum von damals hatte. Sie schloß die Augen vor diesem zärtlich spielerischen Anruf, nicht einmal mit ihren Gedanken mochte sie das noch aussprechen – »Süßes Pusselchen!« – Ihr ganzer Stolz bäumte sich dagegen auf. Und seit sie einmal ein Zettelchen von der Hand ihres Mannes gefunden, auf welchem er genau diese selbe zärtliche Anrede an eine andere Frau richtete, war sie ihr wie ein Peitschenhieb... Aber voller Haltung ging sie darüber hin.

»Mein eheherrliches und väterliches Gewissen ist etwas schadhaft geworden. Aber Du bist ja ein Engel, und Verzeihen ist sozusagen Dein Metier. Also vielmals pardon, daß ich seit unserer Trennung noch nicht einmal zum Schreiben kam. Erstens: fabelhaft viel Dienst. Zweitens: Tante Jenny. Es geht ihr besser. Ganz entschieden. Rund um ihr Bett hängen sozusagen die grünsten Hoffnungsflaggen. Sie läßt sich mit Radium behandeln und sieht sich schon genesen. Und so kann es ja doch noch kommen, daß sie mich überlebt und die adeligen Fräulein von Kloster Mürow, die so schon im Golde ersticken, auch noch Tanke Jennys gefüllte Strümpfe, respektive ihr Bankdepot in ihren Geldschrank übersiedeln sehen. Besonders nämlich darum, weil das Radium einerseits und die brenzliche europäische Lage andererseits zweckvoll zusammenarbeiten könnten.

Nämlich im Kasino, bei Tisch, schwört alles: Es gibt Krieg. Endlich und wirklich und wahrhaftig. Auch sonst ist man schwer ernst gestimmt. Im Regiment sind ja ein paar Herren mit hohen und allerhöchsten Beziehungen und Vetternschaften. Die meinen, sie wissen Bescheid. Aber bei so was weiß kein Mensch Bescheid, außer S.M. und dem Kanzler. Ich glaube nicht daran. Ich glaub' bloß, was ich sehe. Und ich sehe: das englische Geschwader machte uns in Kiel einen Freundschaftsbesuch. Und ich sehe: S.M. in der Kieler Woche. Unmöglich, daß da in der Politik was sengerig ist. Und man hört, daß die Nordlandreise, wie gewohnt, angetreten wird. Rußland! Ach nee. So 'ne Verrücktheit. Das Land der Fürstenmorde und Nihilistenattentate sollte ausgerechnet wegen dieser Mordsgeschichte Serbien gegen Österreich schützen wollen? Kann es ja gar nicht. Aber all die Geschichten lest ihr beim Morgen- und Nachmittagstee, zu dem nu mal Druckerschwärze als Zukost gehört. Ich erwähne das nur, um zu sagen: komisches Gefühl wär's ja nun doch: Krieg! Freue mich des Lebens viel zu gründlich – wenn's auch mit allerlei Unzulänglichkeiten behaftet ist – wozu ich in erster Linie mein nicht sicher fundiertes Budget rechne – als daß ich ins Gras beißen oder gar als Krüppel nachher vom dankbaren Vaterland bemitleidet sein möchte. Wenn auch die Gewißheit unbestreitbar ist, daß nicht jede Kugel trifft.

Ich wollte sagen: es wandelt einen doch allerlei an bei der Möglichkeit. Und dann Tante Jennys Testament! Das Dich und unsern Jungen ausschließt. Mein Himmel, sie haßt Dich nun mal in dem Grade, wie sie mich liebt. Sie müßte ihr Testament ändern! Das wird mir klar. Wenn ich an den Krieg denke, wachen doch allerhand Vatergefühle in mir auf. Aber bringe mal einer verliebten alten Schachtel, die gerade auf Genesung hofft, zart bei, daß sie ihr Testament zugunsten des Sohnes einer Rivalin ändern möge! Wenn das Wort Rivalin hier nicht als Jux wirkt. Ich maikäfere auf der Idee herum, wenn mein Alter ihr mal schriebe! Schließlich ist er doch ihr Bruder.

Das alles eilt ja aber nicht. Denn mit der Wirkung des Radiums wird es wohl fixer gehen als mit der politischen Entwicklung. Wenn wir da mit hineingerissen werden, so wird das Unheilsei sicherlich in den Brutkästen der Diplomatie mit höchster Langsamkeit ausgebrütet werden. Man wird also Zeit haben, meine Idee mündlich zu besprechen. Gudas Hochzeit sollte doch so was Mitte Sommer sein? Teilt mir gefälligst den Termin mit. Möchte doch Urlaub nehmen; wenn auch bloß auf drei, vier Tage. Länger hält es Tante Jenny nicht aus, wo sie schon ohnehin die Tage zählt, die mein Berliner Kommando dauert. Das wird Dir ja auch recht sein, denn allzu pressanten Wert legst Du ja wohl nicht auf meine Gegenwart. Aber ich muß mir doch auch mal ansehen, was Guda mir denn für'n großartigen Schwager 'ranschleift – ich höre, daß sein Bruder, der Baronet, keine Kinder hat. Somit kriegt Percy doch wohl wenigstens den Titel, wenn der ältere Lightstone Lord Multon wird, und Gudas Sohn, falls sie mal einen kriegt, wäre die Nachfolge sicher. Es sollen fabelhaft reiche Leute sein. Mit so 'nem Schwager muß man sich intim anbiedern. Außerdem will ich mir doch mal das Château ansehen, in dem mein Alter nun residiert. Also ersuche ich Deine Gnade um postwendende Datumangabe. Viele Grüße von sozusagen Deinem Ehemann, der Dir hiermit Deine schöne Hand küßt.

Bertold.«

Das Vorgefühl des Vaters war zutreffend gewesen: manches zu burschikose oder gar frivole Wort ersetzte sie im Vorlesen durch harmlosere Wendungen. Dennoch sprach aber dies lange Schriftstück unverkennbar deutlich von der Art seines Schreibers, dieser unterhaltsamen, lebhaften, leichtlebigen Art, die weder vor sich selbst noch vor anderen große Achtung kennt. Auch gar kein Bedürfnis nach solcher Achtung fühlt... Graf Leuckmer saß beschämt und fragte sich zum unendlichsten Mal: Wie komme ich zu diesem Sohn? Er wußte wohl: unzählige Eltern werden überrascht durch die Entwicklung ihrer Kinder – sie steigen über die Eltern empor – sie sinken unter sie hinab – und man kann die geheimnisvollen Umwege nie ergründen, die die Natur genommen hat.

So sehr die junge Frau sich auch durch diesen Brief gedemütigt fühlte, sie fand dennoch etwas darin, das sie, dem Vater zum Trost, vielleicht herausheben konnte:

»Zu erstenmal, daß er an Adams Zukunft denkt!«

»Aber in welcher Form! Sich selbst belastet er nicht mit Pflichten.« – –

Sie schwiegen bedrückt, viele Minuten lang. Der Kleine hatte den halblauten Stimmen nicht nachgehorcht. Er plagte sich, bis ihm die Stirn perlte, um die abgepflückten Zweiglein rund um die Wasserschüssel in den Boden zu stecken; aber das wollte auf dem hartgewalzten und mit Kies bestreuten Platz durchaus nicht gelingen. Nun, da die Stimmen verstummten, richtete er sich auf und sagte weinerlich:

»Mutti, ich kann gar nicht den Wald pflanzen.«

Katharina erhob sich, steckte den Brief in das Täschchen, das vor ihr auf dem Tische lag und wandte sich ihrem Jungen zu.

»Ich will dir die Antwort abnehmen, Karen«, sagte Graf Leuckmer. »Ich schreibe ein paar kurze Zeilen an Bertold und melde ihm – ja – es war doch der fünfte August, den ihr festgesetzt hattet?«

Sie hockte schon auf dem Erdboden neben dem kleinen Adam, der einsah, daß Wälder sich nicht so einfach hinpflanzen lassen.

»Wir? Es geruhte Miß Mildred, in Rücksicht auf ihre Bayreuther Tage den fünften August zu bestimmen«, sprach sie lächelnd zu ihm empor.

Nun aber hatte sie volle Aufmerksamkeit für das, was sie sah. Und sie sah ein dünn rosa gefärbtes Wasser, in dessen Grunde viele Steinchen und eine schon ganz blaß gewordene Erdbeere lagen.

»Das artet in Tierquälerei aus«, sagte sie streng; »die armen Dinger bewegen sich schon ganz matt. Wir wollen sie wieder dahin tragen, wo Alois sie her hat.«

»Tierquälerei?« verteidigte sich der Kleine entrüstet; »ich darf doch keine quälen. Ich hab' ihnen sogar eine Erdbeere geschenkt!«

Sie erhob sich, die Wasserschüssel in den Händen, und mußte lächeln. »Also, wo hat Alois sie her?«

»Ach – unten aus dem Graben. Aber Mutti – bitte – wenn ich sie nicht behalten darf – schütte sie in den Weiher – dann wollen wir jeden Tag zusehen, ob sie schon Frösche sind.«

»Meinetwegen.«

Sie traten ihren Gang mit höchster Ernsthaftigkeit an. Die junge Frau trug mit beiden Händen die ziemlich flache Schüssel sorgsam vor sich her. Sie wünschte nicht, ihr weißes Kleid mit dem rosa-trüben Wasser zu beschütten. Adam aber nahm diese vorsichtige Haltung für Übereinstimmung mit seinem gespannten Interesse an der bevorstehenden unfreiwilligen Übersiedlung der Tierchen aus der kleinen Welt der Schüssel in den geheimnisvollen Abgrund des Weihers. Er hoffte auch glühend, Mutter werde bei dieser Gelegenheit bis hinab zum Rande des Wassers steigen und ihn mit hinunterklettern lassen. Das war ihm allein ja streng verboten. Er durfte überhaupt nie ohne Begleitung die oberste Terrasse betreten, fürchtete sich auch dort vor dem dunklen Wald und dem schwarzen Wasser, in dem er Krokodile vermutete. Von denen hatte er einmal schreckhafte Abbildungen gesehen. Aber wenn man sich an Muttis Kleid festhalten konnte, würden die Krokodile gewiß nicht herauskommen. Die kühlen, grünen Schatten waren um die beiden weißen Gestalten. Und die Zweige rauschten, indem sie durch das wuchernde Buschwerk sich den Weg bahnten.

Durch die feierliche Friedlichkeit gellte auf einmal ein Geschrei, das sie zerriß. So laut und nah, so unverkennbar von höchster Angst ausgestoßen, daß Katharina nach dem ersten Aufhorchen unwillkürlich die Schüssel von sich warf und vorwärts lief ...

»Mutti, Mutti ...«, jammerte der Kleine, jäh von Furcht befallen, hinter ihr her und stürzte ihr nach. Sein Seelchen sah sich tausend schrecklichen Gefahren hingegeben, wenn er nun hier die Mutter aus dem Gesicht verlöre. –

Das bange Geschrei hielt an – aber es veränderte den Klang. Kam es nicht wie aus der Tiefe? Aus der Richtung des Weihers? Ganz gewiß! Schon sah Katharina die weiße, derbe Gartenbank, die auf dem hohen Rande des Wasserbeckens stand. Und nun war gar kein Irrtum mehr möglich: die durchdringenden Schreie kamen aus dem Erdkessel, in dessen Grund das moorige Wasser träumte.

Nun sah sie auch den, der diese Laute der höchsten Angst ausstieß. Über Wurzeln stolperte ihr Fuß, mit hastigen Händen schlug sie die ineinander verstrickten Zweige nieder, die sich in ihren Weg hängten – nur weiter, weiter, herum um das hohe Ufer. – Denn drüben, wo das dürftige Quellchen die steile Böschung hinabsickerte in den Weiher – dort, wo von langhaarigem Gras und feuchten Moosen der Hang glatt war wie eine Gleitbahn – dort kämpfte ein Knabe um den letzten Halt. Mit seinen Fäusten suchte er sich in den Grasboden zu klammern – aber immer gaben sie nach – und unaufhaltsam glitt sein Körper dem Wasser zu, schon netzte es seine Stiefel, sein Gesicht hatte er verzweifelt erhoben, indem er den Kopf in den Nacken warf. Um ihn polterten die Klumpen mit den Grasresten hinab, immer wieder krallte er die Händchen ein. Immer wieder zerbrach, naß und schwer, die nicht durchwurzelte Erde, deren grüne Grasnarbe so dicht schien.

Nun sank er schon bis über die Knie hinein. Gerade langte seine Retterin oben am Rande des Kessels an. Sie wußte nicht: Welche Tiefen hatte dieses undurchsichtige dunkle Wasser? War sein Grund schlammiges Moor? Wie konnte sie das steile Ufer hinabgleiten? Aber schließlich: sie konnte schwimmen – das huschte durch ihre Gedanken. Fast zugleich rief sie hallend durch das grüne Dickicht: »Alois – Alois –«, denn sie vermutete den Gärtnerburschen auf einer der oberen Terrassen des Parks, und sie dachte vielleicht, daß ihr Kleiner auf den Ruf hin davonlaufen und Alois holen solle. Aber drüben stand die kleine, weiße Gestalt und klammerte sich an die Gartenbank als an einen vertrauten, sicheren Gegenstand, und sein Weinen scholl herüber und mischte sich in das Geschrei des fremden Knaben. Ganz bewußt dachte sie eigentlich nichts, als daß der nächste Augenblick vielleicht eine große Gefahr sei, daß der Knabe sogleich ganz hinabsinken müsse. Sie warf sich auf den Rücken und griff mit der Linken nach den weit überhängenden Zweigen eines kräftigen Buchengestrüpps; so liegend bohrte sie mit starken Bewegungen ihre Hacken tief in den abschüssigen Hang. Als sie für ihre Füße so etwas wie eine Stufe fühlte, wagte sie es, sich mit herabgestrecktem rechtem Fuß wieder einen Halt zu graben.

»Ich komme – ich komme«, rief sie keuchend dem Knaben zu. Sie konnte ihn in ihrer Lage nicht mehr sehen, aber sie hörte ihn und wie seine Stimme heiser ward in Angst.

Mit stählerner Kraft und Gewandtheit arbeitete sie so weiter, drei, vier lange Minuten noch.

Da fühlte ihr Fuß das Wasser.

Nur eine Armeslänge weit von der Stelle, wo der Knabe schon bis zu den Schultern versunken war, wurzelte, halb im Wasser, halb im Hange, eine verkümmerte Erle. Auf dem schlüpfrigen, unter Händen und Füßen weggleitenden Boden sie erreichen –

Es muß gelingen –

Und es gelang.

Nun hatte sie sicheren Halt, sie konnte sich mit der linken Faust an dem sich gertengleich biegenden, aber zähen, jungen Stamm halten und, sich weit vorbeugend, dem Knaben ihre Rechte hinstrecken, selbst bis zu den Knien im Wasser, aber mit der Gewißheit, in dem Wurzelwerk der Erle zu stehen. Sie sah nun auch: in den letzten Augenblicken war das Kind nicht mehr tiefer hineingekommen, immer noch war es nur bis zu den Schultern im Wasser. Also mußten seine Füße Grund getroffen haben. Das gab ihr große Ruhe.

»Hab' keine Angst, faß meine Hand – fest – so – ganz fest.« – –

Und doch war es schwer, das ungeschickte Kind heranzuziehen, das in seiner Furcht sich durch törichte Bewegungen selbst gefährdete.

Und jetzt klang ein Name heran. Von einem Mal zum anderen tönte das: »Jürgen – Jürgen –« heller. Aber der Knabe antwortete nichts, er wußte gar nichts mehr als dies eine, daß er mit seinen beiden Händchen nun die Hand der Frau umklammert hielt.

Aber Katharina antwortete dem Rufe: »Hier – hier!« Und als sie den Kleinen neben sich hatte, wandte sie ihr Gesicht empor und lauschte, denn sie hörte, daß jemand kam. Schon stieß auch dieser Jemand einen Schreckensruf aus, und sie sah, wie ein Mann sich vorbeugte.

»Bleiben Sie oben!« rief sie warnend.

»Wie kann ich helfen?« »Ich will versuchen, ihn in die Höhe zu schieben, strecken Sie ihm was entgegen – großen Zweig abreißen – komm, du kleiner Mann – klettern, klettern – ich schiebe nach, du fällst nicht.«

So kam das Kind mit Mühe und unter wiederholtem Zurückrutschen weit genug hinauf, um den derben Ast zu erfassen, der ihm von oben entgegengehalten wurde.

»Du Unglückskind!« sagte der Mann.

Oben warf sich der Knabe zu Boden und fing wieder an zu weinen. Er mochte Straft fürchten, oder die Angst kam als seelischer Nachklang noch einmal über ihn. Aber sein Vater konnte sich noch nicht um ihn bekümmern. Er streckte nun auch ihr den Ast entgegen.

»Hängen Sie sich nur an, Fräulein – fester – fester – ich hab' Kräfte.« – –

So ließ sie sich emporziehen, mit ihren eigenen, zweckvoll und nachdrücklich bewegten Gliedern tüchtig helfend.

Dann stand sie oben, mit waagerecht ausgestreckten Armen, sah lachend, wenn auch ein wenig nervös lachend, an sich herab. Bis zu den Knien war ihre Kleidung grünlich-bräunlich durchnäßt, und die Tropfen rannen als Schnüre vom Rocksaum. Oberhalb der Knielinie zeigte sich das Weiß ihres Gewandes von Erd- und Grasflecken auf das schauderhafteste getigert.

»Fräulein«, sagte der Mann, »wie soll ich Ihnen danken. Sie haben ihm das Leben gerettet.«

»Bewahre!« wehrte sie ab. »Er hatte bestimmt Grund unter sich. Das Wasser muß wenigstens am Ufer nicht so tief sein, wie es immer hieß – na – war aber doch gut, daß wir gerade kamen – Brr – aber eine unsagbar schmutzige Geschichte war es, mit schrecklich viel Kindergeschrei.«

»Er wäre doch ertrunken ohne Sie.« »Ach, lassen wir das. Jetzt sind trockene Kleider das Nötigste. Und wie ekelhaft das riecht!« – –

Sie war sich selbst ganz zuwider in dem vom moorigen Wasser durchzogenen Kleid, das ihr schwer um die Beine hing. »Kommen Sie. Man muß ihn baden oder abwaschen, trockenes Zeug geben.«

Und drüben stand noch immer, verheult und von Schrecken gebändigt, ihr Herzenskind. Flink, flink zu ihm hin! Unbequem ging es sich mit dem nassen, anklebenden Zeug. Als nun der kleine Adam sah, daß seine Mutter auf ihn zukam, stürzte er ihr entgegen. Sein Gesichtchen war ganz rot und verweint, aber das feine Körperchen im schneeweißen Anzug, die sorgsam gepflegten und pagenhaft verschnittenen blonden Haare zeugten dafür, daß er ein sehr behütetes Kind aus gutem Hause sei. Mit ausgebreiteten Armen lief er auf Katharina zu, um sein Gesicht an ihrem Kleid zu verstecken und vielleicht ebenfalls die ausgestandene Angst nochmals mit Tränen zu begießen.

»Mutti«, rief er, »Mutti...«

»Halt!« rief sie zurück. »Mich nicht anfassen.«

Der Fremde hörte: seine Anrede war also verkehrt gewesen.

Er dachte:

›Wie ist es möglich, sie hat schon einen solchen Jungen!‹

Dies köstlich gepflegte Kind mit dem dicken Blondhaar konnte fast ebenso alt sein wie sein eigener Knabe.

Er sagte:

»Das sind Kontraste – Ihr Sohn – und der meine...«

»Ja, in diesem Augenblick!« lächelte sie.

Er dachte: ›Gewiß auch sonst.‹ – –

Der Knabe, größer als Adam und derber von Wuchs, war nun wie von Schlamm überzogen, und das Wasser rann von ihm ab. Sein kurzverschorener, dunkler Kopf hatte eine gute Form; das Gesicht fiel durch den aufgeweckten Ausdruck und schöne, dunkle Augen auf.

Im Weiterschreiten fragte Katharina:

»Wie bist du eigentlich hier herein gekommen?«

Anstatt seiner antwortete sein Vater.

»Ich ging mit einem Bekannten in allzu eifrigem politischen Gespräch an der Einfriedigung dieses Parkes hin zum Walde. Jürgen trödelte hinterdrein, Blumen vom Wegesrand suchend. Da ist er offenbar durch eine Lücke herein –«

»Nein, wo dranstand: ›Eintritt verboten‹, da war die Tür auf, ich dachte: da ist es immer schön, wo man nicht hinein soll«, erzählte der Junge ganz mutig. Denn er fühlte nach Kindesart sicher heraus: Strafe gäbe es nicht.

Sie lachte.

»Urälteste Weisheit! Aber du siehst nun: es stimmt nicht immer.«

Adam hätte ihn, brennend neugierig, gern gefragt, ob er im Wasser etwas von den Krokodilen gesehen habe. Aber er traute sich nicht. Kinder stehen einander immer zögernd und verlegen gegenüber.

Die merkwürdige kleine Gruppe zog von Terrasse zu Terrasse, hinab zum Schloß, das auf halber Höhe inmitten all der Baumpracht in seiner architektonischen Anmut reizvoll lag. Vollkommene Ruhe herrschte. Helle Schmetterlinge spielten über besonnter Blumenfülle. Starke Schatten schnitten über den glitzernden Kies der Wege. Die Luft zitterte in kristallenen Wellen. Das Blühen und Reifen ringsum wirkte, als strömte eine Woge von Überfluß durch die Natur. All die gärtnerische Kunst, die sich wie eine Liebkosung um die alten Baumgruppen schmiegte, war prangende Üppigkeit. Sie sprach sehr stark zu dem fremden Mann. Plötzlich empfand er gerade inmitten dieser Schönheit den halb humoristischen, halb peinlichen Zustand, in dem sein Knabe sich befand, quälend. Er sagte hastig:

»Sie gestatten, daß ich Ihr Anerbieten, Jürgen trocken zu kleiden, ablehne. Es ist sehr warm, es wird ihm nicht schaden, in der Sonne nach Hause zu gehen.«

»Aber gewiß sehr lästig sein, besonders, wenn Sie weit wegwohnen.«

»Ich habe eine Privatwohnung in der Ellmoserstraße.«

»Das ist, glaube ich, weit. Es macht ja keine Umstände.«

Sie dachte: was es wohl für Leute sind? Und sonderbar, daß er sich nicht vorstellt? Vielleicht gesellschaftliches Ungeschick. Vielleicht Vergeßlichkeit in der Aufregung. Aber sie wurde schon hiervon abgelenkt: von weitem sah sie Alois ein Blumenbeet jäten. Dort freilich, wo er war, hatte er ihren Ruf nicht hören können und natürlich auch nicht das Geschrei des Knaben. Gut, daß sie gerade die Kaulquappen hatten zum Teich tragen wollen. Das sagte sie alles ihrem Knaben. Und der antwortete besorgt:

»Aber nun hast du sie weggeschmissen. Und sie sind gewiß ganz traurig und bange. Und sie verirren sich im Walde.«

»Die Heinzelmännchen helfen ihnen. Die sind mit allen kleinen Tieren sehr befreundet«, tröstete sie.

Sie näherten sich nun der hohen, aber kurzen Wand einer glattgeschorenen Hecke, durch deren grünes Dickicht eine Bogenöffnung führte. Hindurchschreitend befanden sie sich auf dem Platz, der sich schmal, aber ziemlich lang vor der Hauptfront des Schlosses entlang zog und am anderen Ende durch ebensolche Heckenwand abgegrenzt war. Ein paar Stufen führten zum Eingang empor. Die Türflügel waren nach innen zurückgeschlagen, und der Eingang stand als dunkle Öffnung in der hellen Mauer. Vom Platze rechts und links zog sich im Bogen das Band des Fahrwegs herauf und hinab. Am ovalen Stück Abhang dazwischen lag, von Rasen umrahmt, ein großes Beet von Stiefmütterchen in allen Farben.

Gerade erschien Merkl auf der Schwelle. Er war auf der Diele beschäftigt gewesen und hörte Stimmen.

»Frau Gräfin?« rief er erschreckt.

Katharina winkte ihm ab.

»Nur keinen Lärm«, sagte sie, »daß Herr Graf nichts hört, nur keinerlei unnütze Aufregung.«

Sie sah mit raschem Blick über ihre Schutzbefohlenen hin.

»Lassen Sie den Herrn – –« Nun zögerte sie so auffallend, daß der Fremde sich verneigte und seinen Namen nannte, während helles Rot über sein Gesicht ging. Sie nickte dankend. Irgendein paar Vokale hatte sie verstanden, Otto vielleicht und Rüder – oder ähnlich. Aber das war ja im Grunde egal.

»Also Merkl, lassen Sie den Herrn ins Vorderzimmer.« – »Sie werden die Güte haben, dort recht geduldig zu warten?« Er verneigte sich wieder. Und sie fuhr fort anzuordnen:

»Adam, du leistest deinem kleinen Gast Gesellschaft. Frau Stroblmeyer badet ihn und zieht ihn um...«

Die Kinder, die kaum einen Blick voneinander ließen, hatten sich noch nicht entschlossen, zusammen zu sprechen. Adam war froh, daß er mitdurfte. Es interessierte ihn über die Maßen, welchen seiner eigenen Anzüge denn der fremde Junge anziehen solle.

Über die Diele, von der er flüchtig den Eindruck eines nur kleinen und sehr einfachen Raumes hatte, wurde der Gast in das erste Zimmer links geleitet. Da konnte er nun sitzen und warten und nachdenken. Die blonde junge Gräfin war mit einemmal verschwunden gewesen, ehe er sich noch mit einem letzten Wort hätte sträuben können. Er sah nur noch, wie eine Frau mit einer großen weißen Schürze und einem freundlichen Gesicht seinen Jungen in Empfang nahm, mit so sicherem, ganz merkwürdig mütterlichem und beschützendem Gebaren, daß Jürgen offenbar gern mitging.

Er setzte sich ans Fenster. Das, was ihn hier umgab, forderte in keiner Weise Nachdenken heraus. Ein Zimmer wie hundert andere auch. Landläufige Ausstattung, herkömmlich gestellt. Über dem Sofa eine große Landschaft, nachgedunkelt und alt. Vor dem zweiten Fenster auf blankem Messinggestell ein großer Käfig. Der rotgrüne Papagei darin saß stumm auf seiner Stange und döste mit weiser Kopfhaltung, manchmal das Häutchen über seine schwarzen Perlaugen ziehend, vor sich hin. Von dem Tier strömte eine wahre Langeweile aus.

Aber den nachdenklichen Mann steckte sie nicht an.

»Wie eine Ceres, blond, in reifer Weiblichkeit, doch jung und froh, ein Mensch, der Segen bringt, so schritt sie dahin, man sah gar nicht ihr beschmutztes Gewand.«

»Frau Gräfin« – hm – und wie besorgt sie gleich war, daß man ihren Gatten nicht störe.

Glückliche Menschen, die hier wohnten.

Und er dachte an sein eigenes schweres Ringen und an sein Kind, stellte das reizende, gutgepflegte, feingliedrige Kind der prangenden Frau daneben. Er erinnerte sich, wie töricht und reizend zugleich sie mit ihrem Söhnchen sprach, von Heinzelmännchen, und drolliges Getier wichtig behandelt hatte. War Kind mit ihrem Kinde. – Seine Lippen schlossen sich fest...

Er glaubte nur Minuten gesessen zu haben. Da öffnete sich schon die Tür. Und die junge Frau kam herein, frisch gekleidet, weiß die Schuhe, die Strümpfe, das Gewand. Er verstand nichts von Frauensachen und sah nicht, daß dies alles von der äußersten Einfachheit sei und nur durch die köstliche Frische so wundervoll wirkte. Er glaubte Luxus zu sehen.

Er erhob sich. Und nun begegnete sein Blick dem Blick der Frau. Er fühlte auf der Stelle, daß sie ihn jetzt zum erstenmal überhaupt erst recht ansah.

Diese Empfindung täuschte ihn nicht. Katharina war betroffen. Die großen, dunklen Augen hatte also der Kleine von seinem Vater. Aber der seltsame Ausdruck von Strenge und Leidenschaftlichkeit zugleich in seinen Augen verwirrte sie ein wenig. Was für durchgearbeitete Züge... Von Gedanken? Von Leiden? Von beiden zusammen? Der kluge Mund verriet wohl festen Willen. In jedem Fall kein Kopf, den man vergaß, wenn man ihn einmal genau betrachtete. Er überragte sie, und seine Gestalt war wohlgebaut, aber ihr schien, als trage er sie ermüdet oder nachlässig.

»Natürlich, Sie finden, das habe unerlaubt lange gedauert. Nun ist aber auch Ihr Junge gleich fertig. Ein wenig ausgewachsen sieht er schon in Adams Kittelchen aus«, berichtete sie. »Und wie spaßhaft verlegen die Kinder voreinander waren! Aber nun ist das Eis gebrochen. Adam führt schon sein Indianerdorf vor und die Teddy-Bären.« »Ich werde die Kleider morgen zurückschicken«, sagte er ernsthaft und steif.

»Es eilt gar nicht. Sagen Sie das, bitte, an Jürgens Mama. Und ich meine, sie darf nicht schelten. Im Grunde hatte doch nur der Papa schuld. Debattiert mit Bekannten, anstatt aufzupassen«, scherzte sie. Sie fühlte ja: er war unfrei; sie mußte ihm helfen.

»Jürgen hat keine Mutter.«

»Oh...«

In welchem Ton er das sagte. Da klang zwischen den Worten etwas mit. Sie dachte: ›Ist seine Frau tot?‹

»Um so eindringlicher werden Sie sich wohl mit ihm beschäftigen?«

»Ja, das sollte ich, dazu habe ich ihn bei mir, um ihn kennenzulernen.«

»Wirklich« , meinte sie, im Bestreben, auf ihn und seine Äußerungen einzugehen, »im angestrengten Berufsleben stehend, haben die meisten Väter oft kaum Zeit, ihre eigenen Kinder kennenzulernen.«

Er sah sie an, ein Zögern war in ihm. Was ging sein Leben und sein Kind diese Frau an?

Man streift wohl einmal im Gedränge des Daseins nahe an einem Menschen vorbei, vor dessen Blick das Herz wunderbar selig erschrickt. Vorüber, vorüber und nie mehr.

Aber eine unbegreifliche Gewalt wollte ihn zwingen, Dinge zu sagen, die diese Frau nicht verstehen konnte, die ihr peinliche Rätsel aufgeben mußten. Er fühlte sich hingerissen, ganz offen mit ihr zu sprechen wie mit einer teuren Vertrauten, der gegenüber Wahrheit heiligste Pflicht ist. Nur mühsam bezwang er sich, sagte sich, daß sie ihm fremd sei und ewig bleibe. Aus verschiedenen Welten waren sie. Man überfällt nicht fremde Menschen mit den Schwierigkeiten des eigenen Lebens.

So antwortete er nach einer Pause des Bedenkens zögernd:

»Dieser Fall liegt anders.« –

Katharina machte eine schwache Bewegung mit der Hand. Vielleicht sollte das andeuten, daß sie nicht beanspruche, Näheres über seine Angelegenheiten zu erfahren. Und doch nahm sie teil an ihm, hätte gern sogleich viel von ihm wissen mögen. Sein Wesen wirkte stark auf das ihre herüber.

Nun setzte er noch hinzu:

»Ihr Knabe hat es besser, kann zwischen Vater und Mutter in dieser köstlichen Natur erwachsen.«

»Ich bin mit Adam für längere Zeit bei meinem Schwiegervater zu Besuch«, erklärte sie rasch. »Mein Mann ist dienstlich in Berlin.«

Vor der Tür wurde es lebendig. Und Frau Stroblmeyer brachte mit allen Mienen der Befriedigung und Fürsorglichkeit den ihr Überantworteten als blitzblank gebadetes Menschenkind zurück, das in einem weißen, zu knappen Anzug unbeholfen sich bewegte.

Plötzlich war die ganze schwere Stimmung zwischen ihnen weggescheucht. Das, was sie auf das Unerklärlichste zueinanderzog, dies Verlangen, sich viel zu fragen und zu sagen, wich von ihnen, als seien sie jäh aus mystischen Nebeln in das nüchternste Tageslicht getreten.

Man wechselte noch allerlei höfliche Reden. Katharina scherzte mit dem Knaben, der einen winzigen Indianer von Blei in seiner Faust hielt, den Adam ihm geschenkt hatte. Und dann war alles vorüber.

Am anderen Nachmittag kamen die Kleidungsstücke zurück. Ein ganz kurzer Dank war dabei. Nur eine Karte: »Für alle erfahrene große Güte dankt Dr. phil. Ottbert Rüdener.«

Während Katharina sie zerriß und in den Papierkorb warf, als »erledigt und keiner Antwort mehr bedürftig«, kam mit einemmal eine große Nachdenklichkeit über sie.

Sie sah die dunklen, strengen, leidenschaftlichen Augen vor sich. Märtyreraugen? Fanatikeraugen? Augen aus der Tiefe. – – –

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