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Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
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Inmitten all ihrer Todesangst vor schrecklichsten Anklagen und Verwicklungen blieb aber in Frau van Straten der praktisch veranlagte, durch Geschäftskenntnis geschulte Mensch wach. Sie gewann ihre äußerliche Haltung zurück und sprach sehr laut, für den Fall, daß Minna, das Stubenmädchen, horche. Mit großer Würde sagte sie:

»Ich lehne es ab, Ihnen verschlossene Briefe und geheime Botschaften mit zurückzugeben, trotzdem es sich durchaus nur um eine Familienangelegenheit handelt. Sie brauchen also auf Ihrer Rückreise nicht bei mir vorzusprechen. Sollte Antwort nötig sein, werde ich sie auf dem gesetzlichen Weg, offen durch das deutsche Generalkonsulat in Rotterdam, veranlassen.«

Es war ein außerordentlicher Augenblick. Frau van Straten fühlte sich auf ihrer Höhe. Ihr entging nur, daß sie die Briefe überhaupt gar nicht hätte annehmen dürfen, wenn jeglicher Unannehmlichkeit vorgebeugt werden sollte. Aber das wäre denn doch eine übermenschliche Zumutung an ihre weibliche Neugier gewesen.

Nicht ohne Zittern und mit eiskalten Fingern öffnete sie dann das Schreiben, sobald sie sich allein sah. Das dünne Überseepapier knitterte in ihrer Hand. Die Einlage, mit Gudas Namen beschrieben von Percys steiler, stolzer Schrift, legte sie geradezu vorsichtig gleich in ihre eiserne Kassette, die in verborgener Wandnische stand und die vielen Brillanten enthielt, die man leider jetzt nicht tragen konnte.

Mildreds Brief versetzte sie in einen Zorn, der schwerer Weise stumm verkochen mußte. Sonst hätte er gewiß Ausdrücke gefunden, die auf das überraschendste längst vertuschte Zusammenhänge mit dem Grasbrook und der Kundschaft im Laden ihrer Eltern dargetan haben würde.

Und in diesem Zorn überkam sie endlich und ohne jegliche Beimischung von Bedauern und Rückblicken das Grundgefühl, deutsch zu sein!

Sie riß sich die kleine schwarzweißrote Schleife ab und warf sie auf den Tisch. Es kam ihr albern vor, daß sie sie getragen hatte.

Dieser Größenwahn! Diese Selbstsucht! »Man sollte es nicht für möglich halten, daß Deutsche es sich gegen Briten erlauben.« So etwas zu äußern unterstand sich Miß Mildred! Frau van Straten wußte recht gut, daß sie die Bildungslücken, die ihre Kindheit ihr gelassen, nie völlig ausgefüllt hatte. Aber von ihrer Tiny hatte sie viel gelernt, so ganz unwillkürlich, wie Manschen von hellem Verstand tun, wenn neben ihnen jemand in einem sicheren Bildungsgang vorwärtsschreitet. Und deshalb wußte sie, daß Miß Mildred erschrecklich ungebildet war. Sie ging in München und anderswo wohl durch Galerien und Museen, aber sie machte nachher haarsträubende Bemerkungen und tat Fragen, über die Tiny sich totlachen wollte, und Tiny wußte das einzuschätzen. Sie fuhr nach Bayreuth, aber von Wagner hatte sie deshalb doch keinen Begriff. Das alles war nur, »weil man doch irgend was unternehmen mußte«. Hatte man wohl schon ein Buch in Miß Mildreds Hand gesehen? Außer vielleicht einem frömmelnden Modewerkchen? Es ging Miß Mildred schlecht bei dieser stillen Abrechnung. Und Frau van Straten nahm sich dies eine wenigstens fest vor: In einem offenen Brief ihr über Holland zu schreiben, daß sie die Sendung von Paketen an Herrn van Straten durchaus ablehnen müsse; er befinde sich vortrefflich, er käme auch wohl an seinem 55. Geburtstag frei, da nur vom 17. bis zum 55. Jahr die Männer interiert würden, ausgenommen Seeleute, für die es keine Altersgrenzen gäbe. Auch sei der Kommandant des Konzentrationslagers, Graf Schwerin, ein wahrer Edelmann. Leutselig und gerecht! Kein Kitchener! Also Roheiten und Mißhandlungen ausgeschlossen. Und ihr Mann hoffe sofort nach Erlangung der Freiheit doch noch die hamburgische Staatsangehörigkeit zu erwerben; als Mann, der keiner Lüge fähig sei, fühle er sich nicht geeignet, durch Naturalisation einer Nation länger anzugehören, die in Heuchelei und Lüge ersticke...

Dieser Brief, den vorerst nur ihre Gedanken schrieben, nahm ungemeine Ausdehnung an. Immer neue Zusätze wurden im Geiste entworfen. Und Frau van Straten war sich nicht bewußt, daß aus dem Untergrunde ihres Gemüts nun kleine, einst lächelnd ertragene Demütigungen und Ärgerlichkeiten auftauchten und sich rächen wollten.

Aber so lebendig sie sich auch von ihrem Zorn beschäftigt fühlte, da war und blieb dieser Brief an Guda! Und ihn zu unterschlagen wagte sie doch nicht. Indessen: Ihn überreichen hieß eingestehen, daß sie auf verbotene Weise aus Feindesland Briefe empfangen hatte. Eine große Furcht vor Gräfin Karen überkam sie. Gräfin Karen haßte die Lightstones. War sie vielleicht imstande, diese Geschichte rücksichtslos anzuzeigen und die Polizei auf die Schweizerin zu hetzen? Denn in der Tat, wo war die Sicherheit, daß diese abhängige und mißbrauchte Frau nicht noch ganz andere Botschaften an ganz andere Menschen im Rocksaum gehabt habe? Es hieß, in Deutschland wimmele es von Spionen. Wenn die Frau, ohne es selbst zu ahnen, für einen solchen Unterweisungen mitgebracht hatte! Sie traute Percy Lightstone plötzlich alles zu. Sie dachte auch: ›Er will Guda bloß aus sinnlicher Begierde haben, und nachher wird er sie schlecht behandeln, weil sie eine Deutsche ist.‹

Immer weiter ging die entfesselte Phantasie der Frau. Und nachdem sie Percy ganz von der hohen Staffel heruntergeworfen hatte, auf welcher er vordem für sie stand, kam sie auf die Gefahren zurück, die ihr drohen konnten. Die Angst wurde schrecklich. Sie sah sich schon an einer Mauer stehen und hörte Schüsse knallen.

Vierundzwanzig Stunden lebte sie in Furcht. Aber der Schutzmann ging ruhigen Schrittes immer an ihrem Hause vorbei ... Da faßte sie etwas Mut und beschloß, sich Thomas Steinmann anzuvertrauen. Er würde ihr sagen, ob ihre Lage gefährlich sei, ob sie klüger handle, vorzubeugen und selbst zur Polizei zu gehen und alles zu gestehen. Sie bat ihn telephonisch herüber. Es war Abend. Der Nebel füllte dick und weiß die Straßen. Er drückte sich förmlich gegen die Gesichter der Menschen, daß man ihn sich immer wieder von der Haut hätte abwischen mögen. Und jeden Atemzug durchprickelte er wie mit Nadelspitzen. Thomas hatte diesen echten Hamburger Nebel früher nicht gekannt. Als er nun in diese frostige Feuchtigkeit hinaustrat, dachte er sehr sorgenvoll an Guda.

Sie nahm sehr selten einen Wagen. Sie war eine von Hunderttausenden, die durch Verzicht auf Bequemlichkeiten, Gewohnheiten, Standesrücksichten immer etwas Geld sparten, das besser dem einen wichtigen Zweck zugute kam. Frauen, die sonst an eigenes Fuhrwerk, Auto und erste Klasse gewöhnt waren, benutzten die Straßenbahn und fuhren auf Reisen dritter Klasse. Thomas hielt sich nicht für einen besonderen Frauenkenner. Aber er glaubte doch, daß diese kleinen Ersparnisse vielleicht rührender seien und mehr Hingabe bedeuteten als große Geldgaben vom Konto der Gatten und Väter. Es war ihm immer etwas beängstigend, wenn Guda nun im Winter abends von ihrer Arbeit zu Fuß ober mit einer keineswegs sehr nahe vorbeiführenden Straßenbahn heimkam. Durch Katharina hatte er erreicht, daß sie bei sehr schweren Regengüssen einen Wagen nahm. Heute nun, der Nebel war ihm beklemmend. Sie konnte Schaden nehmen. Es schien ja geradezu, als atme man Bakterien ein.

Wenn er sie holte? Was würde sie sagen? Ihr scheues Gesicht machen und den Kopf neigen wie eine schuldbewußte kleine Sünderin? Oder würde in den lieben, feinen Zügen ein wenig Freude aufschimmern? Sähe er wieder dies rasche Rot über ihre zarte Haut fliegen wie neulich, als er unverhofft in das Büro trat, wo sie arbeitete? Den Vorwand dazu zu erfinden war keine Sache gewesen, die viel Schlauheit und Geist erforderte. Er stellte sich einfach als hilfloser Fremder an, der des Glaubens sei, hier eine Geldspende für das Rote Kreuz einzahlen zu können. Wie entzückend verlegen war sie da gewesen! Unbeschreiblich in ihrer Anmut! Der sorgenvolle Gedanke an sie übernahm ihn ganz. Zerstreut betrat er den von Licht übermäßig erhellten Flur des van Stratenschen Hauses. Gold und Spiegel und moosdicker roter Teppich waren bestrahlter, als sie jemals selbst im klarsten Sonnenlicht hätten sein können. Schon erschien die Hausfrau, als habe sie drinnen horchend gewartet, und legte eine Freude in die Begrüßung, die ihm denn doch auffiel. Sie habe ihm doch erst gestern abend im Bridge sechs Mark abgenommen. Also eine lange, schmerzensreiche Trennung läge nicht zwischen ihnen.

»Scherzen Sie nur«, sagte sie, »mir ist schlimm genug zumute. Und Sie werden es gleich verstehen.«

Sie geleitete ihn in das Arbeitszimmer ihres Mannes, wo es einen besonders traulichen kleinen Winkel gab; dort erhellte ein gedämpftes Licht ein Tischchen und die um dieses stehenden tiefen Ledersessel.

Ihre Angelegenheit brannte ihr zu sehr auf den Lippen. Deshalb hielt sie sich mit Vorreden nicht auf, sondern sagte gleich geradezu:

»Man hat mir Briefe gebracht. Die sind verschlossen über die Grenze geschmuggelt worden. Ist das strafbar?«

»Die Tatsache unbedingt. Für Sie, die Sie sie annahmen, käme es wohl bei Anklage oder Strafmaß auf den Inhalt an. Sind es politische oder militärische Briefe, hätten Sie klüger gehandelt, die Annahme durchaus zu verweigern. Sie wären auch verpflichtet, die Sache zu melden.«

»Es ist ein Liebesbrief!«

Er wurde rot. Das flog in seinem Gesicht auf, so stark wie die Zornesaufwallung in seiner Brust.

»Ach so!« sagte er böse. »Sie wirken als Gelegenheitsmacherin? Setzen sich ernsten Gefahren aus, um Herrn Percys Liebesboten zu spielen? Ich täusche mich wohl nicht? Was? Ist der Brief von ihm oder nicht?!«

»Ja. Er ist von ihm. Aber ich bin wütend, einfach wütend, daß ich ihn bekam.«

Und sie erzählte ihm von der Botin und las ihm Mildreds Brief vor. Und weil sie nun vierundzwanzig Stunden stumm alles in sich hineingeschluckt hatte, ergab sie sich einer schrankenlosen Mitteilsamkeit. Alles, alles was sie Miß Mildred schreiben wollte und würde – niemand in der Welt sollte sie hindern, es zu tun! – kam als Redeflut von beträchtlicher Ausgiebigkeit aus ihrer Brust herauf. Der künftige Brief hatte inzwischen in ihren Gedanken schon den Umfang eines ganzen Buches erreicht. Man konnte erkennen: Frau van Straten fühlte sich berufen, für ganz Deutschland zu sprechen und den Engländern mal gehörig Bescheid zu sagen.

Thomas hörte nicht mit Geduld zu, nein, mit Genuß. Ohne gerade sorgsam auf jedes Wort zu achten, ließ er doch diesen ganzen Ausbruch an sich vorüberziehen und fand es schade, als er endlich versiegte. Denn unter diesem Redeschwall war sein Herz von der schmerzvoll zornigsten Bestürzung in den Zustand herrlichster Erleichterung gekommen. Also sein Schreck war gegenstandslos gewesen! Es bestand nicht, wie er einige kurze Augenblicke hatte glauben müssen, zwischen Guda und Percy doch noch eine geheime Beziehung, genährt, vermittelt durch die Geschäftigkeit einer englandfreundlichen Närrin! Ganz im Gegenteil, die gesunde Natur der vortrefflichen Frau, der Thomas plötzlich alle möglichen guten Eigenschaften zubilligte, wehrte sich gegen die Anmaßung der Lightstones.

Als sie schwieg mit einem Gesicht, aus dem er schließen mußte, daß ihre letzten Worte wohl eine Frage gewesen sein mochten, fuhr er aus seinem glücklichen Nachsinnen auf.

»Wir tun ja wohl kein Unrecht am Vaterland, wenn wir still über den Zwischenfall weggehen«, sagte er. »Und daß die Botin noch andere Briefe als diese gänzlich unpolitischen sollte bei sich gehabt haben, glaube ich nicht. Dieser Mann würde solche Unklugheit nicht begehen. Eine Bedienstete seines Hauses mit dunklen Machenschaften betrauen? Nein, dafür gäb's andere, hochbezahlte Kräfte, mit denen man keinerlei nachweisbaren Zusammenhang hat!«

Diese seine Äußerung erledigte nur halb eins der beiden Fragezeichen, die am Ende ihrer langen Rede gestanden hatten. Frau van Straten wollte wissen, ob ihr noch etwas passieren könne. Und weiter: was sie mit dem Brief an Guda anfangen solle. Sie wiederholte die erste Frage. Er beruhigte sie. Falls die schweizerische Frau irgendeinen Verdacht erweckt habe und ihr Besuch im van Stratenschen Hause bemerkt worden wäre, würde schon jemand von der Kriminalpolizei bei ihr gewesen sein zur Nachfrage. Sollte dennoch dergleichen sich ereignen, brauche sie nicht gleich vor Angst zu sterben, sondern täte gut, genau alle Zusammenhange zu erzählen. Dann würde niemand ihr ein Haar krümmen.

»Und der Brief an Guda? Unterschlagen darf ich ihn nicht. Als ich Sie früher einmal bat, ihr einen Brief von Percy zu bringen, wurden Sie so schroff, daß ich nicht wage ...«

»Oh!« sagte er mit großer Lebhaftigkeit und glänzenden Augen. »Die Sache liegt heute anders. Ich bitte Sie sogar, mich damit zu betrauen, o ja.«

Frau van Straten begab sich an den Schreibtisch ihres Mannes. Der beängstigende Brief war aus der eisernen Schmuckkassette in den Schreibtisch des abwesenden Hausherrn überführt worden, um bei diesem Gespräche zur Hand zu sein.

Als Thomas nun diesen Brief sah, der, schmiegsam und dünn, doch viele Bogen voll Liebesbeschwörungen enthalten mochte; als er den teuren Namen las, den ein in Sehnsucht schwer leidender Mann mit stolzen Schriftzügen auf den Umschlag gesetzt, wurde ihm doch wundersam bedrückt zumute.

Die kraftvolle Aufwallung, die wie frische, herrliche Zuversicht ihn erhoben hatte, versank in grübelndem Ernst.

Welche Erinnerungen mochte der Mann heraufzubeschwören haben! Welche Geheimsprache seliger Leidenschaften verstand er vielleicht zu meistern! Besaß er die Kunst der Worte, aus denen es wie Rausch und Benebelung aufsteigt? Drohte er mit jenen Drohungen, vor denen zarte Herzen erbeben und die sie doch zugleich betören? Mit dem Tode! Wußte er zum Mitleid eines weichen Gemütes zu sprechen? Reue aufflammen zu lassen? Beklemmende Fragen.

Trug er nicht einen Feuerbrand an den Bau eigener Hoffnungen? Ihren Untergang vielleicht herbeizuführen?

Er wollte, er mußte Guda den Brief ohne Zeugen geben. Das war nicht leicht in einer Häuslichkeit, wo man im nächsten und friedlichen Beieinander lebte und der Ablauf aller Tagesstunden so genau geregelt schritt. An diesem Abend wurde es nicht möglich. Graf Leuckmer hielt Tochter, Schwiegertochter und den jungen Freund um sich gesprächig versammelt. Mit der Abendpost hatte Katharina noch Briefe von ihren Eltern erhalten und teilte vieles daraus mit. Der Vater schrieb voll Ehrfurcht von der festen Haltung seiner Frau, die in Gefaßtheit nun bald ihren »Kleinen« hinausgehen lasse, der in Döberitz jetzt fast fertig ausgebildet und schon Fahnenjunker geworden sei. Friedrich bekäme zum Abschied noch einen kurzen Heimatsurlaub und würde sich, als Durchreisender, auch noch bei der Schwester zu knappem Aufenthalt anmelden. Wahrscheinlich nächste Woche. Um Hermann sei Angst gewesen. Er habe sie aber Mutter verborgen, bis gute Nachrichten kamen; Mutter sei so: Stark im Tragen, schwach in Ängsten. Standhaft gegen den Schlag. Bebend in der Ungewißheit. Und die Mutter schrieb: Vater sei ein stiller Held, er klage nie um seine beiden Herrlichen und helfe ihr so wunderbar, ohne Rede, ohne besonderes Wesen, nur durch seine innerliche Festigkeit! Und ganz schwer und heimlich habe er entsetzliche Angst um Hermann getragen. Dessen Unterseeboot sei überfällig gewesen, und Onkel Heinzenberg in Berlin, der mit einem Herrn aus dem Admiralstab befreundet sei, habe an Vater schon von ernsten Möglichkeiten geschrieben. Vater kenne sie so ganz genau. Und was ihre Phantasie alles vermöge. Sich jeden Schrecken vorstellen, als sei es eigenes Erlebnis. Deshalb verschwieg Vater ihr den Brief. Sie hätte sonst ihren Hermann gesehen, in der Nacht des Bootes, auf dem Grunde des Meeres, umflutet von Wogen, wie in einem Sarge, der ihn und viele Männer umschloß, hoffnungslos. Seit damals in Kiel auf der Förde U 3 sank, wisse man, was für ein dumpfer, langsamer Tod es sei, durch Luftmangel. Aber die Helden von U 3 hatten bis in ihre letzte, einschläfernde Ermattung hinein noch die Hoffnung gehabt. Und sie trog nicht; bis auf die drei Unvergeßlichen im Turm kehrten alle ins Leben zurück. Wenn aber jetzt, auf kühnen, fernen Fahrten, ein Boot sank, wußten die, die in ihm atmeten, daß keine Rettung sei. Das Grauen der Unterwelt, wie vergangene Völker es mit leidenschaftlicher Gewalt sich vorstellten, es hatte matte Farben gegen diesen Tod in der Stille und Tiefe. Der Tod ohne Zeugen, von dem kein Bote Kunde zu den Lebenden trägt. Höchster Opfermut, ihm zu trotzen! Denn in heroischen Zeiten stirbt es sich leicht vor Zeugen. So schrieb die Mutter. Und wie es gewesen sei, als dann ein Brief von Hermann kam, der ganz einfach von erlittener höchster Gefahr, Not, Durst, Hunger und Verfolgung schrieb, als seien es geringe Sachen. Und sie hatten Erfolg gehabt, von dem sie schweigen müßten. Er war glückselig und bat die Eltern, es mit ihm zu sein. Wenn er sein Leben lassen müsse wie Arbogast und Hillemann, so möchten sie seinen Verlust tapfer ertragen; käme er aber gesund davon, so wisse er wohl, was alles er den Eltern und dem Vaterlande schulde, um ein wenig die beiden zu ersetzen, die einander treu bis in den Tod geblieben seien. Vater und Mutter wüßten wohl, er sei ein fester Christ. Und dennoch habe er einmal eine wunderliche Vision gehabt; wohl poetischer und gewiß nicht blasphemischer Art: Als sie eines Tages viele Seemeilen lang an der Oberfläche fuhren und er oben Wache hatte, jagten ungeheure, düstere Wolkenbildungen vor dem grauen Himmel einher. Und es sah aus, als ob Walküren ritten, die vor sich die Leiber der gefallenen Brüder hätten, sie gen Walhall zu tragen. Später habe sich ergeben: Gerade an dem Tage fielen Arbogast und Hillemann.

Die Mutter schloß mit den Worten, daß man wohl stolz sein könne, wenn man solche Söhne zu geben habe. Der Vater neben ihr, das sei immer wie eine Mahnung. Die einzige Liebe, die sie ihm erweisen könne, sei, sich stark halten! Die heiße Dankbarkeit für eine Ehe voll Glück lehre sie das.

Die junge Frau sah sie förmlich vor sich, ihre stattlichen Eltern in dem stolzen Schmerz, der ihre Häupter nicht beugte. – –

»Unbegreiflich geheimnisvoller Widerspruch, daß die tiefste Liebe die stärkste Opferkraft hat«, sagte sie leise.

Sie dachte an den heißgeliebten Mann, der nun im Osten in schweren Gefahren stand und so beängstigend schwieg.

So kam Thomas an diesem Abend zu keiner unbewachten Begegnung mit Guda. Der Brief war ihm aber ein schlechter Zimmergenosse während der Nacht. Förmlich feindselige Ausstrahlungen schienen von ihm auszugehen. Sie machten seinen Schlaf unruhig und kärglich.

Am anderen Morgen konnte er Guda gar nicht sehen. Sein Pfleger, den er in der Nähe in einer Pension untergebracht hatte, kam in der Frühe, massierte die Hüftmuskeln und machte seit einigen Tagen ganz vorsichtige Versuche, den linken Arm etwas zu bewegen. Das Glied, das dreieinhalb Monate unbeweglich in Bandagen gelegen hatte, war wie ein lahmes, skelettartiges Gebilde und mußte erst langsam dem Körper wieder als lebendiger Teil von ihm zurückgewonnen werden. Nachher brachte der Mann, der sich durch angenehmes Wesen und Tüchtigkeit schon die Stellung eines Faktotums bei Thomas erworben hatte, ihm die »Morgenpost« mit dem ersten Frühstück. Wie jeden Tag seit manchen Wochen.

Heute lag anstatt der Zeitung, der immer mit Begier erwarteten, ein großes amtliches Schreiben obenauf.

Die Entscheidung über die nächste dienstliche Zukunft! Und eine Minute später hatte Thomas es gelesen: Er wurde, unter Ersuchen, sich so rasch als möglich zu melden, in die Verwaltung nach Antwerpen berufen.

Tiefe Bewegung übermannte ihn. In das Glück, wieder, arbeiten zu dürfen, und wenn auch nicht als Offizier in der Front, so doch als Jurist und Soldat dem Vaterlande dienen zu können, mischte sich der schmerzliche Gedanke, daß er gehen müsse, ohne seines Herzens Hoffnungen erfüllt zu sehen.

Dieser unglückliche Brief, den er Guda geben mußte, ward sicherlich der Anlaß neuer Kämpfe in ihrer Brust. Und wenn sie nun in Zwiespalt geriet, vielleicht doch ergriffen ward von der unbezwinglichen Leidenschaft für sie, die ihr der hochmütige Brite nachtrug wie ein Flehender, dann, ja dann war er selbst fern und konnte nicht für sich streiten.

Er dachte eine Weile stumm nach, blätterte im Kursbuch und sagte schließlich, daß sie um vier Uhr heute nachmittag abreisen würden. Er befahl aber, daß gegen jedermann im Hause darüber geschwiegen werde.

Während der Pfleger aus den beiden von Thomas bewohnten Stuben alles zusammentrug, und die Koffer zu packen begann, ging er selbst über den Flur und klopfte bei Katharina an, die er in ihrem eigenen Wohnzimmer vor Rechnungsbüchern sitzend vermutete.

Aber sie stand und goß und löffelte allerlei zusammen in ein Glas: Honig und Malz und heißes Wasser, und auf dem Tisch wartete ein zierliches Kochgefäß neben einer kleinen Spiritusmaschine. Graf Leuckmer hatte »seinen« Katarrh, mußte den Tag im Bett verbringen und ließ um die bewährte lindernde Mischung bitten.

Aber in diesem Augenblick fand Thomas seine eigene Angelegenheit wichtiger, als alle Leiden eines neurasthenischen alten Herrn. Und er hielt die junge Frau mit einer ausführlichen Unterredung auf.

Dieser Vormittag hatte ganz gewiß hundert Stunden. Sie wurden ihm länger, als es die ganze Zeit von seiner Verwundung an bis auf den heutigen Tag geworden war. Selbst Adam und Jürgen, mit denen er zu spielen versuchte, stellten ihm ein ungnädiges Zeugnis aus und sagten ihm, er sei gar nicht so spaßig heute wie sonst.

Er ging auf und ab, durch das Eßzimmer und das daran anschließende allgemeine Wohnzimmer, immer hin und her und her und hin, sah dem Tischdecken mit der größten Versunkenheit zu und schrak zusammen, als die Standuhr einen derben, dunklen Schlag tat. Es war eine schreckliche Uhr, sie trumpfte immer so auf mit ihrem unmetallischen Ton, als wolle sie in der unverbindlichsten Weise daran erinnern, daß man am besten täte, ihr viel Beachtung zu schenken. Und das Unglaubliche war, daß Thomas vor lauter Warten doch dieser Mahnung der alten Uhr nicht gehorcht und nicht auf sie geachtet hatte. Er dachte, sie schlüge halb eins. Und es war halb zwei gewesen.

Bald danach öffnete sich die Tür, und Guda kam herein. Sie sah sich ein wenig erstaunt um. Papa nicht da? Der wartete doch sonst schon immer, und auch Karen war immer schon zur Stelle, man mußte sehr pünktlich sein. Die Mittagspause für Guda war nur kurz, denn zwei weite Wege gingen noch davon ab. »Ja«, sagte Thomas und wurde zu seiner Qual rot, er fühlte es deutlich, es war ihm sehr peinlich. Wunderlich, daß selbst der Beherrschte darüber keine Macht hat, »der Bronchialkatarrh. Aber ein Tag Bettwärme ...«

»Da will ich doch gleich ...«, sprach sie, von Verlegenheit wie übergossen. Sie sah ihn erröten. Sie waren ganz allein! Das schien so beängstigend. Waren sie denn überhaupt schon jemals allein gewesen ...?

»Nein, bitte. Ich muß mit Ihnen sprechen. Ich habe Ihnen auch etwas zu geben.«

»Mir?!«

»Einen Brief.«

»Von wem?«

»Von Mister Percy Lightstone!« sprach er, plötzlich sehr kalt, mit vollkommener Ruhe.

Guda veränderte die Farbe. Sie streckte ein wenig die Arme aus, nach rückwärts, als wünsche sie, ihre Hände zu verbergen.

Da hatte er den Brief, sie sah mit großen Augen zu, aus seiner Brieftasche zog er ihn, dünn und schmiegsam, da stand auch ihr Name, mit den großen, klaren Buchstaben.

Ihr ganzes Wesen kam in bebende Aufregung. Schmerz, Angst, ein seltsames Gefühl, als wolle man ihr die Freiheit nehmen, als solle sie an ein Vergangenes für immer und ewig angekettet bleiben, empörte sich in ihr. Ihr heißes Blut wallte auf, in heftigem Zorn, gegen – Thomas ...

»Nein«, rief sie, »nein, ich will keinen Brief. Meine Freiheit will ich. Und daß Sie – Sie – Sie sich dazu hergeben, zum Boten, für die – das – das – Ich habe gedacht, ich habe gedacht ...«

Sie stockte. Sie hatte etwas sagen wollen, was sie so recht deutlich noch nie gedacht hatte. Aber gefühlt, gewußt, ohne zu wagen, sich das zu gestehen ...

»Sie haben gedacht, daß ich Sie liebe!« vollendete er in jubelndem Ton. »Oh, Guda, das tu ich ja, Gott allein weiß, seit wann, immer, immer ...«

»Nicht ...«, flehte sie, »nicht davon sprechen. Und dieser Brief, wie ängstigt er mich ...«

Sie weinte fast.

»Hier ist er. Sie allein müssen über ihn beschließen.«

Er legte ihn auf das nächste Tischchen nieder, es war zufällig der Rauchtisch, auf seiner metallenen Platte stand allerlei blankes Gerät.

Und Guda, mit den Gebärden einer Gehetzten, nahm ein Zündholz, sie hielt dann den Brief in ihrer Linken empor, eine Flamme züngelte auf. Die Finger zuckten unwillkürlich und ließen das brennende Papier sinken, es fiel in eine Aschenschale, und nach ein paar Augenblicken waren in ihrem messingenen Rund nur noch die schwarzen, zerfallenden Reste dünner Papierblätter.

Guda stand atemlos, sah zu, wußte nicht, was sie sagen sollte, traute sich nicht, ihn anzusehen.

Er nahm ihre Hand.

Und sie neigte wieder ihr liebes, feines Köpfchen mit dem scheuen Ausdruck einer schuldbewußten Sünderin.

»Guda«, sagte er, von tiefster Bewegung erfaßt, ganz und gar von zärtlicher Milde erfüllt, von dem heißen Wunsch beseelt, ihr Glück, ihr Heiterkeit und Jugend zurückgeben zu dürfen, »liebe, liebe Guda. Nun ist alles Vergangene abgeschlossen. Nun weiß ich, ich sehe es ja, abgetan. Und ich, Guda? Sie haben mich erraten, habe doch ein wenig Mut zu dir, zu mir ...«

Sie entzog ihm ihre Hand, um ihre überströmenden Augen damit zu bedecken. »Ich kann nicht. Es ist doch, als wär' ich solcher Liebe nicht mehr wert ...«

»Guda!« rief er. »Quäl dich nicht und nicht mich.«

Sie machte eine Bewegung mit dem Kopfe, abwehrend, verzweifelt, und stürzte davon.

Dann kam bald Katharina. Sie fragte nichts. Sie sah, bleich war sein Gesicht. Aber dennoch nicht wie das eines Geschlagenen.

Halblaut sprachen sie von der Reise. Um halb vier Uhr käme der Pfleger mit einem Kraftwagen und holte ihn und das Gepäck. Er bat herzlich, ihn nicht an den Bahnhof zu geleiten. Und dann erschien Guda am Tisch.

Auch sie war bleich und sehr still. Katharina sprach nun fast allein, und das Gefühl, den lieben beiden Menschen helfen zu müssen, lähmte ihr geradezu die Gedanken. Sie dachte: ›Wenn man sprechen muß, wenn einem was einfallen soll! Wie wird man unergiebig von dem bloßen Zwang!‹

Thomas fragte, ob immer noch keine Nachrichten von Rüdener da seien. Nein. Aber sie hatten auch verabredet, daß er keine Feldpostkarten schreiben würde, sondern erst, wenn sich Gelegenheit zu einem Briefe fände. Und Guda glaubte, etwas von Postsperre für den Osten gehört zu haben. Zweimal, so berichtete die junge Frau, zweimal habe sie dem Freunde Fünfhundert-Gramm-Kästchen gesandt. Indem sie so mit Worten und Gedanken den Fernen förmlich als Helfer heranholten, blieb doch ein Gespräch hingefristet.

Bis die weise, plumpe Uhr drei Schläge tat.

Guda stand sofort auf.

»Wenn ich Papa noch guten Tag sagen will, muß ich aber jetzt ...« Auch Thomas hatte sich schon erhoben. Er vertrat ihr den Weg, fest und mannhaft.

»Wo gehst du hin?« rief Guda ängstlich der jungen Frau nach. Was wollte Karen? Sie allein lassen?

Aber sie war schon fort.

»Ein Wort, ein letztes darf ich doch noch sprechen, noch erbitten ...?«

»Was noch – ach nein«, wehrte sie ab.

»Damals, Guda, damals mußte ich gehen, ohne Wunsch, ohne ein Wort des Segens. Soll ich noch einmal so hinaus, so arm?«

»Hinaus? Jetzt? Heute?«

»In einer halben Stunde!«

»Thomas!« schluchzte sie auf.

Das kam so unerwartet, gegen diesen Schlag hatte sie sich nicht rechtzeitig wappnen können.

Er ging! Er ging! Sie würde ihn nicht mehr sehen, nicht mehr wissen: Er ist da!

»Ich liebe dich, Guda. Ich bitte dich, wenn ich heimkomme, mein Weib zu werden. Gib mir dein Ja mit.«

»Ich kann nicht; einst, vielleicht, vielleicht«, stammelte sie weinend.

»Gewiß, gewiß!« sprach er mit leuchtenden Augen. »Denn ich glaube an unser Glück!«

Er neigte sich tief über ihre liebe Hand. Und küßte genau die Stelle, wo einst der schwere, prunkende Ring gesessen. Sie würde, sie mußte verstehen, daß dieser Kuß etwas auslösche.

Und sie entzog ihm ihre Hand und preßte sie gegen ihre eigenen Lippen, gerade da, wo sein Kuß ihr wohlgetan. So ging sie weinend hinaus.

Beglückt, von herrlichen Sicherheiten erfüllt, sah er sie gehen. Er wußte: Diese Tränen flossen ihm! Dann gab es noch die lauten und fliehenden Minuten des Aufbruchs. Vom väterlichen Freund mußte er sich noch rasch verabschieden. Da waren die beiden kleinen Knaben, die sich an ihn hingen. Das Stubenmädchen hatte noch die Mittagspost für ihn, was die junge Frau zu der Frage veranlaßte:

»Nichts für mich?«

»Die Post für Frau Gräfin habe ich oben auf den Schreibtisch gelegt. Feldpost ist dabei.«

Feldpost! Feldpost! Vielleicht von ihm! Dem Einzigen!

Aber diese allerletzten Augenblicke auf der Schwelle gehörten dem lieben Abreisenden.

Sie konnte ihm nur die vielen heißen Dankesworte verbieten. Ihre Augen wurden naß. Aber doch war frohe Zuversicht in ihr. Er zog nicht furchtbaren Schrecknissen und Gefahren entgegen. Nützliche Taten, Gewonnenes zu straffer Ordnung führen zu helfen, das wartete auf ihn.

Und in der Zukunft das Glück!

Leb wohl, leb wohl.

Noch von den Stufen vor der Haustür winkte sie ihm nach.

Sie nahm die beiden Knaben mit sich, gleich nach dem Essen hatten sie immer ein Spielstündchen im Zimmer von Mutti.

Als die junge Frau treppan ging, dachte sie noch voll schwesterlicher Liebe dem Abgereisten nach. Welche Sterne mochten scheinen, wenn er einst zurückkam?

Leuchtete dann der Frieden über dem Vaterlande? Stand es, voll Wunden zwar, doch in stolzerer Größe als je? Und endlich, endlich erkannt von der ganzen Welt als das, was es war?

Heilige Gewißheit erfüllte sie.

»Mutti spielst du mit uns?« fragte Adam. »Baust du uns eine Festung?« fragte Jürgen.

»Ja, Kinder, gleich, will nur die Post sehen. Feldpost, Kinder! Wer weiß, vielleicht schreibt Onkel Friedrich, daß er kommt.«

Aber sie dachte:

›Vielleicht ein Brief, endlich ein Brief von ihm!‹

Sie schob die Kinder vor sich her ins Zimmer.

Zugleich schon suchte ihr Blick den Schreibtisch.

Was war denn das? Zwei braune Briefkästchen? Zurück, die ihren? Waren sie falsch beschrieben gewesen?

Sie stürzte auf den Schreibtisch zu, nahm die Kästchen.

Sah, sah ...

Da stand ein Stempel, ein Aufdruck ...

Zurück!

Und ein Wort auf dem einen.

Tot.

Ein anderes Wort auf dem zweiten.

Gefallen.

Mit grauenvoller Kürze.

Als Sendboten der Liebe waren die kleinen braunen Kästchen hinausgewandert.

Ihre Rückkehr brachte starres Entsetzen.

Die junge Frau brach in die Knie, die Hände vor dem Gesicht, das Haupt nach vorn gesunken.

Sie weinte nicht.

Es war, als sei die Welt von einer ungeheuren Stille erfüllt, und sie horchte hinein in dies Nichts, ob sie nicht die eine, geliebte Stimme hören könne und den letzten Laut eines, der ewig schwieg.

Langsam erwachte ihre Seele wieder, erhob sich aus der Betäubung. Und ihr erstes Wissen war dies.

Ich habe ihm Liebe gegeben, ich habe ihm Liebe gegeben! Sie sah seine Augen vor sich, diese dunklen sprechenden Augen. Und den übermenschlichen Glanz von Glück und Dankbarkeit, der über sie hinstrahlte und ihrem ganzen künftigen Leben Wärme und Weihe gab.

Sie hatte ihn hinausziehen lassen als einen Gesegneten. Trostreiches Erinnern.

Vor ihrem Geiste erschien wieder das Bild, das sie damals erschauern ließ, als ihre Brüder in den Krieg gingen: Die verhüllte Frau, die vor düster rotem Hintergrunde schritt, in bleichen, schmalen, vorgestreckten Händen eine Schale tragend, aus der eine Rauchsäule unablässig emporwirbelte.

Himmelan stieg sie – zum Throne der ewigen Gerechtigkeit – und zeugte für die Opfer, die Frauenherzen gebracht – – Und war es nicht, als lösten sich in diesem Dampfe die Tränen auf, von denen sonst der Schale Rand längst überströmt wäre? Was blieb in ihr zurück?

Wollte ihr die strenge Erscheinung etwas sagen? Vielleicht dies – daß Tränen endlich versiegen – daß Taten weiterblühen...?

Eine weinerliche Kinderstimme klang hinein in die feierliche Stille ihrer Seele...

»Mutti – was hast du...?«

Die Hände sanken ihr vom Gesicht – sie hob das Haupt – da standen die Kinder – sahen scheu und unsicher auf sie.

Sie streckte die Arme aus und zog die beiden Knaben an sich, sie fest umschließend.

Das war ihre Zukunft – – das ihr Glück – das ihre Aufgabe – in ihnen lebte ihr der geliebte Mann weiter – und all sein sittlicher Wille. Eine wunderbare Erkenntnis kam ihr, da sie so die beiden Knaben umfing.

Der eine ein Sproß alten, vornehmen Geschlechts, das dem Niedergange kraftlos zuzueilen schien – zarten Herzens und seiner Art der Großvater, aber nicht mehr fähig zur Tat, zum Kampf – der Vater widerstandslos in den Rausch des Genußlebens hineingezogen, das vor dem Kriege wie Krankheit an Deutschland zehren wollte.

Und der andere Knabe. – Aus bitterlicher Not, aus der gramvollen Ungeregeltheit ärmlichster Umwelt hatte sein Vater sich emporgearbeitet – begonnen, sich mit den Waffen des Geistes einen Platz zu erkämpfen. – Und als der Begründer eines neuen Geschlechts, in dessen Adern das kraftvolle Blut des Volkes rann, dachte er auch dem Sohne Wege zu weisen. – –

Was aus so verschiedenem Wurzelboden aufsproß – in ihre Hände war es gegeben, die ausgleichenden, leitenden – zu herrlichem Wachstum durfte sie es lenken – Männer sollte sie erziehen – dem neuen Deutschland neue Bürger. –

Und das Feuer, das diese heilige Zeit in allen Herzen entzündet – die jungen Mütter hatten es zu hüten, damit es weiterbrenne im nächsten Geschlecht.

Sie erhob ihr Haupt – ihre Augen weiteten sich. – Ein feierlicher Schein leuchtete auf ihren Zügen.

Ihr Blick ging in überirdische Fernen und sandte Gelöbnisse zu jenen, die dahingesunken waren.

Und ihre Seele sagte es den Verklärten:

Euer Vermächtnis wird erfüllt. – –

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