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Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
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Und inmitten all dieser Bedrängtheiten hieß es unzähligen Pflichten genügen. Guda, die für die Zeit vor Weihnacht in die Liebesgabenabteilung des Roten Kreuzes übergetreten war, kam manchmal mittags gar nicht mehr heim. Sie aß mit einigen anderen Damen irgendwo in der Nähe ihrer Arbeitsstelle rasch zu Mittag. Die Hochflut der Gebefreudigkeit sank in der großen, reichen Hansestadt, trotz aller harten Kriegslasten, die der Handel trug, nicht einen Augenblick. Und ein Strom von Gaben mußte zum Fest ins Feld, ein anderer in die bedürftige Bevölkerung gelenkt werden. Katharina hatte den Kreis ihrer Tätigkeit um den Mittelpunkt des eigenen Heims gelegt. Die zwölf Kriegskinder sollten nützlich beschenkt werden. Ihre Freude aber und ihre Geschenke mußten in ihren Familien Mißgunst erwecken, wenn man nicht auch diesen frohstimmende Zuwendungen machte. Die Einkäufe waren anstrengend, das Erwägen, Einteilen kostete Zeit. – Dann wollte die eigenste kleine Umwelt ihr Recht; niemand außer Kindern und Dienstboten wollte Geschenke, niemand hatte Wünsche. Mittel und Kräfte durften nur dem Heer und den sozialen Aufgaben dargebracht werden. Aber ohne Weihe durften die ernsten Stunden doch nicht bleiben. Ein Tannenbaum sollte brennen. Frau Martha war musikalisch. Sie hatte Freude daran, dem Dutzend Kriegskinder einen Chor einzuüben. Und Adam geriet außer sich vor Vergnügen: sein kleines Stimmchen durfte sich einmischen in den Chor, der beständig in Gefahr war, über die Tonart hinauf in die schneidende Höhe zu steigen, die singende Kinderstimmen so gern erklettern. Wenn Jürgen zum Besuch war, blieb er stumm bei den Übungen. Er wollte nicht singen. Es schien, als mache es ihn verlegen, frei mit dem Ton herauszukommen. »Du bist doch sonst keck genug!« sagte Frau Martha. Und Katharina war davon bestürzt. Sie erkannte wohl: Des geliebten Mannes Kind fühlte sich hier immer noch nicht zu Hause. Seltsam. Welch ein Aufwand von Liebe und Geduld gehörte doch dazu, eine Kinderseele in eine Umwelt von höherer als der gewohnten Stufe einzubürgern.

Ängstlich zu rechnen brauchte die junge Frau nicht. Eine ungeahnte Geldquelle hatte sich ihr aufgetan. Frau van Straten erklärte sich für zu ungeschickt und auch durch die Fürsorge für ihren internierten Mann und ihre mit ihrem Gatten ins Feld gezogene Tochter zu beschäftigt. Sie bat daher, man möge von ihr Geld nehmen und so großartig zweckvoll verwenden, wie nur eben die liebe, einzige Gräfin Karen es verstehe. – Diese aber spürte recht gut: Das war eine versteckte Art von Bestechung! Jede Hand, die wohltätig arbeitete, war immer wie von selbst nach Geld ausgestreckt. Man war dankbar entzückt und beglückt, wenn man empfing, um geben zu können. So nahm auch Katharina nur zu gern die Hundertmarkscheine, die ihr immer wieder zugesteckt wurden. Sie machte sich auch gar kein Gewissen daraus, trotzdem keinerlei Schritte zugunsten Herrn van Stratens bei ihrem Onkel Heinzenberg im Auswärtigen Amt zu versuchen – der überdies vermutlich nicht das mindeste mit den Internierungen in Ruhleben zu tun hatte.

Die deutsche Gesinnungstüchtigkeit der Frau van Straten nahm die leidenschaftlichsten Formen an. Man sah sie auch niemals, weder auf der Straße noch im Hause, ohne ein schwarzweißrotes Schleifchen auf dem Busen. Es prangte auf ihren Mänteln und Kleidern. Katharina sagte: »Wahrscheinlich auch auf ihrem Nachthemd.«

Was sie dem Gatten und der Tochter an Liebesgaben sandte, war mehr, als diese jemals bewältigen konnten. Aber es würde schon willkommen sein, meinte sie. Es gäbe in Ruhleben arme Schlucker. Und im Felde genug Einsame, die zu erfreuen seien.

Von ihrer Angst vor den Leiden im Konzentrationslager war sie zur Bewunderung auch dieser Organisation übergegangen. Unerschöpflich unterhielt sie den Grafen Leuckmer davon, wenn sie ihn, fast allnachmittäglich, besuchte. Aber da ihr das Gefühl tief im Blute lag, als müßte man alle Dinge erhandeln und bezahlen, so glaubte sie sich seine geduldige Zuhörerschaft dadurch recht zu erwirken, daß sie immer zuerst seine mannigfachen Leiden mit ihm besprach. Graf Leuckmers Herzenshöflichkeit hätte ihr aber auch ohne das aufmerksam zugehört, wenn sie berichtete, ihrem Mann gehe es in Ruhleben ausgezeichnet. Ausgenommen die Freiheit, fehle nichts. Der Kommandant sei die Verbindlichkeit in Person. Man konnte sich im Lager alles kaufen, was man wünschte. Natürlich mußte man sich von vornherein klar machen, daß häusliche Behaglichkeit, wie man sie gewohnt gewesen sei, hier nicht verlangt werden durfte. Van Straten hatte seine Bridgepartie und einige famose Bekannte. Er betätigte sich auch an der weiteren Ausgestaltung geselliger Unterhaltung im Lager durch Beisteuer von Geld. Die Stimmung dort gegen England sei sehr scharf. Leider war Alkohol verpönt. Herr van Straten glaubte an sich Gewichtsabnahme zu bemerken, was ihm ein angenehmes Gefühl größerer Jugendlichkeit gäbe. Und übrigens werde er doch in einigen Monaten fünfundfünfzig. Und an diesem Termin wollte er dann mit Nachdruck nochmals den Versuch machen, freizukommen. Und dann solle seine Frau zufriedener sein als vordem. Er habe es an sich beobachtet und festgestellt: Er käme auch ohne sein Kontor aus! Nach dem Krieg wolle er jeden, aber auch jeden Groschen Geld, den er noch in England habe, so rasch wie angängig herausziehen und mit seinem Kapital im Vaterland bleiben! Oft genug denke er jetzt an den Grafen Leuckmer und verstehe ihn besser. Wenn er sich hier so zwischen den Engländern aller Schichten bewege – sogar ein paar Kaffern seien da! – und wo jetzt das merkwürdig Ausgleichende und Bindende fehle, nämlich das Geschäftliche, käm's ihm erst zum Bewußtsein, daß er nie was anderes gewesen sei, als ein gerader deutscher Kerl. Und der Gedanke, daß die Lightstones mit seinem und Leuckmerschem Geld nun Granaten fabrizierten, um deutsche Männer damit zu töten – das sei eben doch ein verfluchter Gedanke. Um das wenigstens etwas gut zu machen, solle sie nur mit offenen Händen geben, geben. –

Eines Tages kam ein Telegramm von Thomas. Obgleich seine Vollmacht ihn zu jeder Art von Vorgehen berechtigte, die seine Einsicht für die beste hielt, fragte er doch noch an, ob er einen Vergleich mit den adeligen Fräulein des Klosters Mürow abschließen dürfe. Katharina kam mit der Depesche erregt zum alten Herrn.

Aber es war ja eine Geldsache! Seit die Ereignisse ihm in der Anlage von Gudas Vermögen so sehr unrecht gegeben hatten, fand er nicht mehr den Mut zu einem Rat.

»Liebes Kind, das mußt du allein bestimmen.«

Aber Guda sprach mit großer Entschiedenheit ihre Ansicht aus.

»Wie kannst du schwanken, wenn er etwas erreicht hat. Du mußt ihm doch blind vertrauen. Es gibt wohl niemand, der mehr Klugheit hat und mehr Freundschaft für uns.« Karen glaubte ja blind an Thomas. Und ihre Aufregung wallte wohl mehr aus der geheimen Unterströmung auf. Die Entscheidung stand vor der Tür. Und damit der Augenblick, der ihrer Liebe Erfüllung bringen konnte.

Ihre Antwort gab dem ergebenen Freund und Sachwalter alles anheim. Nach vierundzwanzig Stunden kam die Nachricht, daß ein sehr günstiger Vergleich abgeschlossen sei. Thomas würde näheren Bericht schicken. Ihn selbst hielten eigene Angelegenheiten noch etwas in Berlin zurück. Doch würde er zum Heiligen Abend wieder eintreffen.

Stillen Jubel im Herzen ging sie im Hause umher. Ein sehr günstiger Vergleich! Das hieß Unabhängigkeit – Freiheit – für ihr Kind, den Geliebten und seinen Knaben. –

Eine große Liebe gibt auch dem reifsten, klarsten Weibe immer etwas Naivität zurück – füllt ihr Wesen mit einer rührenden Kindlichkeit und nimmt ihr alle Erfahrungen aus der Hand – als müsse sie über die Schwelle des inneren neuen Lebens auch als neues Geschöpf schreiten. So war auch sie von einer ganz blinden Gläubigkeit erfüllt. Und es wandelte sie nicht einen Augenblick der Gedanke an, daß dies Geld eher trennend als einend zwischen ihr und dem Geliebten stehen könne. Ihr Herz, das unkluge Herz der in Demut liebenden Frau, fühlte sich in der vollkommensten Einigkeit mit dem Manne. Alles, was sie leidenschaftlich bewegte, übertrug sie, unter einem Zwange stehend – dem stärksten, den es gibt – auch auf ihn, legte den Inhalt ihres Herzens ganz einfach in das seine hinüber. –

Und sie wußte plötzlich auch, wie sie ihm das heißersehnte Wort endlich abringen werde. – In glückseliger Erwartung schwanden ihr die letzten wenigen Tage vor dem Fest.

Thomas schickte noch, Ungeduld auf Einzelheiten voraussehend, einen schriftlichen Bericht. Und als die junge Frau ihn abends vorlas, sagte Guda, daß er die anschaulichsten, anziehendsten Briefe schreibe, die man je gelesen habe. Sie sprach überhaupt so oft und in so eigenem Ton von ihm, daß selbst ihr Vater aufzumerken begann. Wenn sie lange einmal schwieg und dann wieder aus ihrem Nachdenken heraus ein Gespräch begann, galt es immer Thomas – ob die Reise ihm nicht schade, ob es ihm erreichbar werde, in Belgien anzukommen, ob wohl sein linker Arm jemals ganz gebrauchsfähig wieder werden könne. Wie hatte man ihn mit Schnitten förmlich zerfetzt, um die Phlegmone zu besiegen, ob man nicht finde, daß er schon sehr fest aufträte und kaum noch des Stockes zu bedürfen scheine.

Manchmal sah Graf Leuckmer Katharina dann lächelnd an, suchte mit ihr einen frohen Blick zu tauschen. Sie kannte aber Guda besser, sie wußte voraus, daß sich bei Thomas' Rückkehr diese Teilnahme für ihn scheu verbergen werde.

Sein Bericht über die Verhandlungen mit den adeligen Fräuleins von Kloster Mürow war in der Tat sehr voll Leben. Man spürte das geistige Vergnügen, das er bei den Verhandlungen genossen. Die Priorin des Klosters, Baroneß von Hatthusen, war eine Jugendfreundin von Gräfin Jenny Leuckmer gewesen. Sie zeichnete sich mehr durch Würde und Güte aus als gerade durch Intelligenz. Die zweite Vorstandsdame, Fräulein von Alterwas aus dem Hause Sellin, schien der Verstand in der Spitze des Klosters zu sein. Ein sehr alter Justizrat aus der benachbarten mecklenburgischen Kleinstadt war der juristische und freundschaftliche Beistand der Damen; er bezog ein ungemein stattliches Jahrgehalt für die Verwaltung der Klostergelder. Diese drei respektablen und feierlichen greisen Menschen hatten Thomas mit einer wahren Begeisterung empfangen. Ein Offizier, der schon im Felde gewesen war! Noch an schweren Verwundungen tragend! Es benahm sie ganz. In ihre weltabgeschiedene Stille kam der Krieg nur durch die Zeitung. Im Städtchen zwar war die männliche Jugend verschwunden. Die adeligen Fräuleins strickten auch von früh bis spät Strümpfe, Leibbinden und Pulswärmer. Und im Hinblick auf die große Zeit hatten Fräulein von Alterwas aus dem Hause Sellin und Komteß Massenow ihren langjährigen Zwist, der die Klosterdamen in zwei Lager geteilt, in einer sehr ergreifenden Szene begraben. Und wenn sie somit auch wohl sagen konnten, sie zeigten sich des Vaterlandes würdig und lebten auf das innigste mit allen Traurigen und Leidenden, so war es ihnen doch noch nicht vergönnt gewesen, einen Feldgrauen, gar einen Verwundeten, bei sich zu begrüßen. Thomas wurde nicht als Vertreter einer Gegenpartei aufgenommen, sondern als Ritter des Eisernen Kreuzes.

Und so saßen sie im eichengetäfelten Raum, wo an der Wand die Bilder von vielen Großherzögen und Priorinnen hingen, die ältesten noch mit Allongenperücken und seltsamer Stiftskleidung, und Thomas brachte seine Anträge vor. Sehr bald merkte er, die beiden alten Damen wären am liebsten einem glatten Verzicht zugeneigt gewesen; gegen das Söhnchen eines gefallenen Helden mochten sie nicht prozessieren, einem Vaterlandsverteidiger nichts abschlagen. Sie waren voll Überschwang und genossen es als Beglückung, sich darin zu steigern. Aber der Justizrat, mit mehr Papieren vor sich auf der grünen Tischplatte als ein vortragender Rat im Ministerium, mußte denn doch nüchterner bleiben. Er gab wohl die Möglichkeit zu, daß der Ulan Stieve doch einst noch gedächtnisfrei werden könne. Auch Thomas' Darlegung widersprach er kaum, daß möglicherweise von den belgischen Leichenräubern noch der eine oder andere entdeckt werden könnte. Denn die hatten dem Stieve und allen anderen Mitgliedern der Patrouille Leuckmer die Wertsachen abgenommen, und besonders Graf Bertold Leuckmers Uhr war ein ganz seltenes und kostbares Stück gewesen, das man immer wieder erkennen und das verräterisch sein würde in der Hand des Verkäufers. Verbrechen verrieten sich oft noch nach Jahr und Tag auf das märchenhafteste. Das hatte der Justizrat in seiner fünfzigjährigen Praxis nur zu genau und oft erfahren. Er wies es auch nicht ab, daß die genaue Todesstunde doch noch möchte ermittelt werden und daß, falls sie den Ansprüchen der Hinterbliebenen günstig läge, die adeligen Fräuleins des Klosters Mürow ganz leer ausgehen würden. Aber ebenso nahe oder ebenso fern war das umgekehrte Resultat: Es konnte deutlich erkennbar werden, daß Graf Bertold und seine Leute gefallen seien, ehe in Berlin die Erblasserin ihren letzten Atemzug tat.

Ganz gewiß durften laut Stiftungsurkunde die Priorin nebst erster Vorstandsdame und dem stets vom Großherzog selbst gewählten juristischen Verwalter des Klostervermögens ganz frei sich entscheiden in allen Fragen, dieses betreffend. Aber der Justizrat glaubte doch, das Interesse dieses Vermögens wahrnehmen zu müssen. Erst nach dieser Erklärung legte Thomas die beglaubigten Aussagen des Grafen Leuckmer und der Pflegeschwester vor. Wie das Reichsgericht, bei einem etwaigen langen Prozeß durch alle Instanzen, schließlich über den rechtlichen Wert dieser Aussagen entscheiden würde, war dem alten Justizrat ein gesetzter Fall, über den man sich sehr den Kopf zerbrechen könne. Endlich tauchte aus all dem Hinundher das Wort »Vergleich« auf, das Thomas aber der Gegenpartei entlockt hatte, um es dann in nicht zu eifriger Art aufzufangen. Und man einigte sich, daß das Kloster sich mit einem Viertel des Kapitals für abgefunden erklären wolle. Die verbleibenden drei Viertel sicherten dem kleinen Adam eine nicht üppige, aber durchaus freie Zukunft, auch nachdem von diesem Gelde Katharinas eingebrachtes Vermögen ihr zurückerstattet wurde; es war Vorbehaltsgut gewesen, und Bertold hätte es niemals vergeuden dürfen. Bis zum Eintreffen der telegraphischen Zustimmung der Gräfin Katharina hatte Thomas sich bis zur Erschöpfung von den alten Damm bewundern und bewirten lassen müssen. Er schloß seinen Bericht mit der Bemerkung:

»Hunderttausend Rechtshändel wird der Krieg schaffen, verzwickte Lagen, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Aber wiederum entwirrt der Krieg viel auf das überraschendste. Die Starrheit des Buchstabens wird umgebogen vom Geiste der Versöhnung und Großzügigkeit.« Über sich persönlich hatte er aber auch noch etwas zu berichten. Er war erstaunt, daß er schon soviel ertrug an Bewegung, kleinen Anstrengungen, wechselnden Temperaturen. Und sein Pfleger massierte großartig. Man konnte auch feststellen, daß die letzten Schnittwunden am Arm anfingen, sich zu schließen. Und so hoffte er, in etwa vier Wochen sich wieder zum Dienst, wenn leider auch noch nicht in der Front, melden zu können. »Erlaubt es nicht!« bat Guda heftig; »bitte, redet ihm ab. – In vier Wochen! Es wäre zu früh.«

»Ich möchte wohl den deutschen Mann sehen«, sagte Katharina, »der sich davon abhalten läßt, zu nützen, wenn er sich nur irgend dazu wieder fähig fühlt!«

Als Guda das Zimmer verlassen hatte, fragte der alte Herr:

»Glaubst du, daß sie Percy vergessen hat?«

»Nun, ich denke, die Leidenschaft ist in Haß umgeschlagen. Scheint mir sehr natürlich bei dem besonderen Hitzegrad, den sie hatte.«

»Mir scheint, es kommt mir jetzt manchmal so vor, als ob Guda und Thomas – hältst du das für möglich?«

»Ich glaube, daß Thomas schon immer an Guda dachte; daß er sie mehr als je liebt, ist gewiß. Aber ob das zu einem Bündnis führt? Nein, nein, ich wage nicht mehr zu hoffen«, sagte Katharina.

Der Vater sah sich da vor eine große Sache gestellt, die von allen Seiten betrachtet sein wollte. Eine leise Frage kam auch und suchte Einlaß in sein Standesgefühl. Wäre der bürgerliche Schwiegersohn ihm denn wirklich ganz willkommen? Percy Lightstone, obgleich er zur Zeit noch keinen Titel trug, war doch für seine ganze Gesellschaftsklasse als Angehöriger einer der vornehmsten aristokratischen Familien Großbritanniens erkennbar. Aber diese flüchtige Erwägung, aus dem unzerstörbaren Bewußtsein von der Vornehmheit seines alten Geschlechts geboren, verkroch sich eiligst und beschämt. Die dürftigen Berliner Zeiten traten vor sein Gedächtnis hin, in welchen er seine Stellung als qualvoll schief empfunden hatte und die er nur dank der Tatkraft von Thomas' Vater überwand. Und Guda hatte eine so leidenschaftlich-schmerzliche Erfahrung durchkämpfen müssen! Konnte sein Vaterherz ihr ein besseres Los wünschen als die Liebe und den Schutz eines so geraden, treuen Mannes?

Der alte Herr, dessen Wille ja eigentlich kein festes Rückgrat hatte und dessen Phantasie deshalb mehr von Empfindungen als von Plänen beschäftigt wurde, rührte sich schon vorweg an dem Segen, den er aus vollem Herzen diesem Paare erteilen wollte.

Aber dann kam der Heilige Abend, und inmitten all seiner erhebenden und verführenden Stimmungen erlebte der Vater doch eine Enttäuschung. Gudas Haltung war ihm unbegreiflich. Wich sie nicht aus? Schien Thomas von frohen Hoffnungen erfüllt? Nein! Seine Briefe warm froher gewesen, als er sich nun gab.

Er kam einige Stunden vor der Feier an und zeigte sich erst, als der Ruf, sich zu versammeln, an die Hausbewohner erging. Inmitten der vielen Menschen konnte es ein Zufall sein, daß Guda ihn nur flüchtig begrüßte. Er aber unterschied dies wohl: Das war keine Flüchtigkeit, sondern ein scheues Ausweichen! Und auf seiner ganzen Reise hatte ihn die Hoffnung mit beseligender Vorfreude erfüllt, daß die Trennung und dann das Wiedersehen in so weihevoller Stunde aus ihrem Wesen einen Schein von Wärme herauslocken sollte; Katharina hatte es ihm geschrieben: »Guda spricht viel von Ihnen!« Was hatte sein Herz nicht alles daran gehängt an Erwartungen!

Das große Wohnzimmer war ganz voll von Menschen der verschiedensten Art. Es benahm den alten Herrn ein wenig. Aber der Schwiegertochter zuliebe lächelte er alle Anwesenden gütig an. Und sie raunte ihm auch einmal tröstlich zu, daß dieses Gedränge nur ein Stündchen ertragen sein wollte. Da waren die »Kriegskinder« und sangen ernsthaft und schrill, verlegen einige, andere allzu eifrig mit sehr hohen Stimmen. Adam schien Sprungfedern in den Beinen zu haben, und Frau Stroblmeyer konnte noch so sehr beschwichtigen, er ließ sich nicht halten. Seine kleine weißgekleidete Gestalt drängte sich überall hin, und an jeden Anwesenden richtete er die Frage, ob man glaube, daß er Soldaten und eine »dicke Berta« bekäme. Jürgen mit seinen dunklen Augen stand vor Erwartung fast unbeweglich und sah immer auf die geschlossene Tür zum anderen Zimmer. Die Dienstboten kamen herein, mit ihren sehr weißen Schürzen und unsicherem Lächeln. Frau van Straten, die man unmöglich allein in ihrem Hause hatte lassen können, hielt Ottbert Rüdener mit ausführlichen Berichten aus Ruhleben fest.

Und dann öffneten sich die Türen, und der große Tannenbaum, in dessen schlichtem Grün nur sehr, sehr viele weiße Lichter brannten, ward in seiner majestätischen, priesterlichen Höhe sichtbar. Der Anblick gebot jedem Gemüt für einige Minuten Stille. Erinnerungen umschwebten ihn, für jeden Beschauer stiegen andere heraus aus dem Duft der grünen Zweige. Katharina sah ihre Brüder, die strahlend Frohen. Noch voriges Jahr waren sie in der Heimat alle zusammengewesen und hatten in Geschichten aus glückseligen Kindertagen geschwelgt und alte Schandtaten gebeichtet und die lachende Mutter zärtlich umarmt. Und mit dem still leuchtenden Stolz im Auge hatte der Vater gesessen und den besonnenen Zuschauer für die immer Beweglichen gegeben.

Vorbei! Vorbei! Fern in Flandern gab es ein Doppelgrab am Wege. Der Schnee wehte darüber hin. Und der Donner der Geschütze zitterte in der weiß durchstäubten Luft. Und die da vorbeiritten oder -marschierten, nahmen den Helm ab und beteten. Grüne Tannenzweige lehnten am weißen Birkenkreuz. Und Kreuz und Zweige gefroren in der Winternacht.

Ottbert Rüdener aber sah eine kleine alte Frau, greisenhaft schien sie, und ihr Gesicht war voll Falten, und war doch kaum vierzig Jahre. Nur so verbraucht war sie, so ganz und gar verbraucht, ihre Hände grob und so müde. Und doch lächelten ihre Augen. Auf dem Tisch im armseligen Raum stand ein winziges Bäumchen mit zwölf ganz dünnen bunten Lichtern daran, und ein billiges Wolltuch lag darunter; von seinem allerersten Verdienst hatte der heranwachsende Knabe seiner Mutter dieses Fest bereitet. Und er las in ihren Augen, eine Welt von Dankbarkeit und heißen Hoffnungen lebte darin, eine erlösende Versöhntheit mit dem Schicksal. Dies Bäumchen und dies Geschenk war die erste Weihnachtsfeier, die sie zusammen erlebten, in all den Jahren vorher wagte sie solche Freuden nicht, und der Knabe konnte noch nichts verdienen. Diese kleinen Flämmchen entzündeten in ihrem Gemüt stolze Hoffnungen. Ihr Sohn würde emporwachsen aus der Dunkelheit ins Licht.

Oh, hätte er jetzt an ihr Grab treten können, um seine Stirn herabzuneigen auf das schwarze, dünne Holzkreuz, unter dem eine heilige Dulderin-Mutter schlief. In der kalten Stille der Winternacht hätte er es ihr hinabraunen mögen ins Grab... Ja, er war emporgewachsen aus der Dunkelheit ins Licht.

Aber nicht, um darin zu leben.

Mütter schmieden aus den Sternen am Himmel Kronen für ihre Söhne. Aber auf deren Stirnen verwandeln sie sich furchtbar und scheinen aus Dornen geflochten.

Die schwere Erschütterung, die durch ihn hin bebte, zwang ihn, das Auge der geliebten Frau zu suchen. Er fand es auf sich gerichtet, über all die Köpfe der sich durcheinanderdrängenden Kinder hinweg.

Lange sahen sie sich an, lange und fest...

Und dann wurden die Räume nach und nach leerer und stiller, mit heißen Köpfen, die Arme ganz voll von Paketen, von Frau Marta, der selbst reich Beschenkten, geleitet, zogen die »Kriegskinder« vondannen. Jürgen und Adam vertieften sich ganz in ihre kleine Armee von Kanonen, Bleisoldaten, Trainkolonnen und Lastautomobilen. Sie bauten in einer Ecke des Zimmers ein Schlachtfeld auf. Frau van Straten und Graf Leuckmer hatten Neigung, die Zeit bis zum Abendessen mit einer Partie Bridge auszufüllen, einem Spiel, von dem Rüdener nicht die geringste Ahnung besaß. Thomas erklärte sich gefällig und bereit, aber wie sollte er seine Karten ordnen? Ganz einfach bestimmte Frau Van Straten, daß doch ohne Zweifel »Komteßchen« als sein Beistand werde wirken wollen. Und so war Guda zu ihrer höchsten inneren Unruhe genötigt, neben Thomas zu bleiben; sie vermied es, ihn anzusehen, und wenn sie ihm die geordneten Karten in die Hand gab, die er dann mit den eben aus der Bandage herausreichenden kraftlosen Fingerspitzen der Linken notdürftig halten konnte, tat sie es mit einer Art Vorsicht, um nur gewiß nicht mit ihrer Hand die seine zu oft zu berühren. Er ertrug diese ihre unmittelbare Nähe mit einer Art zornigen Entzückens und wünschte, daß dies Kartenspiel lange, sehr lange dauern möge. Dabei spielte er so schlecht, daß Frau van Straten mehrfach einen verzweifelten Blick zur Zimmerdecke emporsandte. Denn in Bridge war sie vollkommen und übertraf sogar noch ihren Mann. So waren die junge Frau und Rüdener in eine Zweisamkeit eingeschlossen. Minuten vielleicht, an schwerem Inhalt reich, voll unerträglicher Spannung. Hinter dem breit ausladenden Rund der mächtigen Tanne standen sie, fast verborgen für jeden Beobachter.

Sie fühlte: Dies war der Augenblick! Ihr Herz klopfte so stark, daß sie ihren Worten keinen festen Klang geben konnte.

Sie sah ihn an. Und wußte selbst nicht, was für leidenschaftliche Bitten aus ihren Augen flammten.

»Wir haben uns nicht mit Geschenken überrascht heute«, sprach sie, »und doch – und doch, ich will von Ihnen ein ganz großes, das Ihres – Vertrauens...«

Sie streckte ihm beide Hände hin.

Er veränderte die Farbe. Was war das? Was kam da heran? Wie konnte er anders, als diese beiden lieben Hände nehmen.

»Wer auf der Welt besäße es völliger als Sie!« antwortete er leise.

»Ich verlange den höchsten Beweis davon. Geben Sie mir Ihren Sohn zu eigen, wenn Sie ins Feld müssen.«

Er schwieg nur ein paar Atemzüge lang, aber für sie eine Ewigkeit.

Und beschwörend fuhr sie fort:

»Er wird mir sein wie mein eigenes Kind!«

Gab es hierauf eine andere Antwort als die eine, die ihr Herz sich schon seit Tagen ausmalte, die vorweg in ihr klang wie die Verkündigung des Glücks?! Konnte er jetzt etwas anderes antworten? Mußte er es nicht sagen:

»Seine Mutter! Und mein Weib! Mir zu eigen für immer und ewig, bis über das Grab hinaus.« Er schwieg! Noch eine Ewigkeit! Nein, nein. Er wollte sprechen. Er kämpfte mit sich. Mit blassen Lippen stand er und neigte sich endlich tief über ihre Hände und küßte ihre Rechte. Und ließ sie, vorsichtig fast, mit scheuer Andacht leise aus den seinen.

»Heißen Dank!« sprach er kaum hörbar. »Heißen Dank! Wenn die Stunde kommt, wenn ich es wagen darf, das anzunehmen, soviel Güte...«

Seine Gedanken, seine Worte gehorchten ihm nicht mehr. Er fühlte, was sie erwartete. Er las in ihren Augen, in ihrem Angesicht; ihr ganzes Wesen schien eine flehende Bitte geworden – Hingabe – Verheißung.

So stand sie vor ihm. Seltsam überflimmert vom nahen Kerzenschein, der aus so vielen kleinen Lichtquellen kam und seine Strahlen zu einem unruhevollen Glanz zusammenwob. Der verklärte ihr Gesicht und gab ihrem blonden Haar eine Gloriole, als sei sie die Gnade und das Glück selbst.

Und er durfte seine Arme nicht nach diesem Glück ausstrecken.

Er, der Mann, mußte besonnen bleiben.

Und ohne recht eigentlich zu wissen, daß er es tat, trat er ein wenig zurück von ihr.

In dieser Bewegung war etwas Abschließendes, Verzichtendes.

Sie stand, als begriffe sie nicht – nicht so rasch. Und erblaßte so sehr, daß er erschrak. Es war ein fürchterlicher Augenblick. Die einfachste, ursprünglichste Männlichkeit in ihm lehnte sich gegen den Zwang auf, dem er dennoch, dennoch gehorchen mußte.

Eine herrliche, eine heißgeliebte Frau war bereit, ihm ihr Leben zu schenken.

Und er durfte es nicht annehmen. Er wäre am liebsten hinausgegangen in die Winternacht und hätte sich eine Kugel durch den Kopf geschossen.

Die beiden Knaben kamen mit einem wichtigen, kindlichen Anliegen, da auf ihrem Schlachtfeld der strategische Plan wahrscheinlich nicht in Ordnung war. Jürgens Vater mußte es wissen, erklären, helfen, er war doch Soldat... So fand er sich ein paar Augenblicke später vorgebeugt auf einem Stuhl neben dem Spielwinkel der Jungens und mit deutender Hand die verworrene Anlage des Bleisoldatenaufmarsches verbessernd. Er wagte nicht, sich nach der geliebten Frau umzusehen. Aber ihm war, als sei sie aus dem Zimmer verschwunden.

Erst am gemeinsamen Abendtisch, dem die Kinder Munterkeit gaben, die sich als die Hauptpersonen fühlen durften, erst da sah Rüdener sie wieder.

Ihr Gesicht sah elend aus, wie das einer Kranken oder seelisch Zerbrochenen. Kein Glanz war in ihren Augen, teilnahmslos saß sie, überhörte Anreden, vergaß zu essen.

Niemand entging dieser ergreifende Anblick völligster Erschütterung. Aber man wagte nicht, mit einer Frage daran zu rühren. Sie mochte allzu stark überwältigt sein von den Gedanken an ihre teuren Gefallenen, an die fernen Gräber.

Nur der eine Mann wußte, daß der Zusammenbruch einer Hoffnung ihre Seele zerschlagen hatte...

Er suchte ihren Blick. Er traf immer nur gesenkte Lider. Und er wollte doch zu ihr sprechen, mit stummen Beschwörungen. Aug' in Auge, wie sie sich immer verstanden hatten, ohne Wort.

»Verstehst du denn nicht – Geliebteste – Einzigste – daß ich deine Liebe nicht annehmen darf?! Daß ich, der Mann, über den hohen Aufschwung dieser gewaltigen Tage hinaus denken muß? Daß ich die Zukunft zu betrachten habe, die doch möglich ist! Ja, gib mir die Gewißheit meines Todes, und ich will für selige, himmlische Tage dein Gatte sein. Aber mit dem Leben muß der Lebende rechnen! Was habe ich dir zu geben, wenn ich gesund aus dem Kriege heimkomme? Außer meiner Liebe, der glühenden, unendlichen? Nichts! Kampf ist mein Los! Ich stand mit meinen Erkenntnissen und Anschauungen auf einem Boden, den die Ereignisse ganz erschüttert haben. Weiß ich schon jetzt, durch welche Wandlungen mich der Krieg noch treibt? Weiß ich, wo ich mich nach seinem Ende wiederfinde? Von welcher neuen Basis aus ich den Kampf um mein wirtschaftliches Dasein aufnehmen muß? Nur das eine weiß ich: Mühsam und in Armut werde ich ringen müssen. Und ich sollte die Selbstsucht haben, dich herrlichstes Geschöpf in die Peinlichkeit eines noch unklaren Lebens mit hineinzuziehen? Begreife, es ist unmöglich! Oder sollte ich der Kostgänger deiner Einkünfte sein? Ich, der ich nichts, gar nichts habe? Begreife, es ist noch unmöglicher! Ich habe keine Stellung, ich habe noch keine persönliche Geltung, keinen Namen von Ruf, also nichts dir zuzubringen als Ausgleich. Ich habe nur meine Liebe.

Und versteh den Unterschied recht, den riesengroßen, den die Natur selbst hat werden lassen, trotzdem es aussieht, als könnte er aus gesellschaftlichen Vorurteilen entstanden sein: Bringt das Weib nichts als Liebe, ist es genug, dem Mann das Dasein überreich zu machen; bringt der Mann nichts als Liebe, ist es nicht genug! Wäre unsere Lage umgekehrt, bedeutete sie keine Schranke.« Aber wie sehr auch seine Blicke suchten und sprachen, sie öffnete ihre Seele nicht, um seine Gedanken auf sich hinüberwirken zu lassen.

Und die Furcht kam mit bleierner Schwere über ihn, daß sie ihn für undankbar halten könne, daß ihr Herz sich erbittert habe an seinem Zurückweichen.

Schwere Tage kamen, drei, vier, sie schlichen hin, kaum ertragbar. Es waren Festtage. Man hatte Pläne gehabt. Katharina wollte mit den »Kriegskindern« in den großen Tierpark von Hagenbeck nach Stellingen. Jürgen und Adam sollten mit. Rüdener hatte versprechen müssen, sich anzuschließen. An einem der beiden Weihnachtsfeiertage sollten sie alle bei Frau van Straten speisen.

Rüdener fand dienstliche Vorwände, sich ganz fernzuhalten. Und wußte zugleich, daß die geliebte Frau sie ihm nicht glaube.

Und wie marterten die Berichte ihn, mit denen Jürgen an beiden Festtagen heimkam, den die alte Wirtschafterin morgens hinführte und gegen Abend wieder abholte.

»Adams Mutter hat heute gar nicht mit uns gelacht und gespielt.«

»Adams Mutter nahm mein Gesicht zwischen ihre Hände und sah mich ganz lange an, und auf einmal liefen Tränen über ihr Gesicht...«

Da schloß er seinen Knaben mit einer leidenschaftlichen Innigkeit in die Arme. Ihm war es, als walle erst in dieser Ergriffenheit die echte Liebe zu dem Kinde in ihm auf.

Tränen! Tränen, um seinetwillen geweint!

Er verzweifelte. War er ein König? Ein Bettler? Beides zugleich? Durfte, konnte er es ertragen, die teure Frau in der bittersten Demütigung zu lassen, die einem liebenden Weibe widerfahren kann, in dem Wahn, sie sei verschmäht?

Mußte er nicht dennoch eine Aussprache suchen, ihren unbeschreiblichen Gefahren trotzen?

Aber der gewaltige Herrscher der Zeit, der Krieg, nahm auch das Schicksal dieser beiden ringenden Herzen in seine Hand, mit der er Hunderttausende heraushob aus ihren menschlich begrenzten Sorgen und Gedanken.

Es war an einem der letzten Tage des Jahres, als Katharina durch einen besonderen Boten einen Brief erhielt. Sie stand in stumpfem Hinbrüten am Fenster und sah in die graue Luft hinaus, die in einer Straße ohne eigenes Gesicht zwischen den schweigsamen Mauern lag. Wie ein Sinnbild aller Leere war das. Die Verdammnis, die im Alltag ohne Glück sich birgt. Trostlos, wie die nie endende Einförmigkeit eines Daseins ohne Hoffnung.

So lang wie der Tag, der in seinem vorherbestimmten Lauf sich abspielen würde, mechanisch, nicht mehr von froh entschlossenem Geist getrieben, sondern von Maschinen, so lag das Leben vor ihr. Von Gräbern der Weg umsäumt, der schon zurückgelegt war. Und das tiefste Grab mußte sie jetzt graben, für ihre Hoffnungen...

Sie wußte: »Er liebt mich!« Aber sie glaubte, er traue ihrem Herzen nicht die Größe zu, über die berauschende und verführende Stimmung der Kriegszeit hinaus ihm ihre Liebe, von allen Zweifeln frei, zu bewahren.

Sie hörte wohl auf die innere Stimme, die ihr sagte: »Du darfst nicht zusammenbrechen.« Haltung! Haltung! Kein Mensch besaß jetzt Rechte an sein eigenes Leben. Wer Kräfte in sich wußte, hatte sie nützlich zu rühren, dem Vaterlande gehörten sie. Von einem Schmerz, und sei er noch so groß, durfte man sie nicht verzehren lassen...

Ihre Gedanken formten Bitten ins Unbestimmte hinein. Sie flehte um eine bescheidene, eine kurze Frist. Ihre Seele brauchte ein wenig Gnade, eine kleine Spanne Zeit zum stillen Weinen.

Und da kam der Brief. Und aus der dumpfen Hingenommenheit an Gram und Bitterkeit flammte riesengroß Jubel auf, den der nächste Augenblick in nicht minder große Angst wandelte.

»Gesegnet sei diese Stunde! Denn sie gibt mir die Freiheit, vor Dir zu knien und Dir zu sagen, daß ich Dich mehr liebe als mein Leben!

Das Vaterland ruft. Ich muß gehen. Schweigend wollte ich scheiden. Und dies ist die Wahrheit: Es hätte mir nicht an mannhafter Kraft dazu gefehlt!

Aber ich habe erkannt, in diesen letzten, kaum ertragbaren Tagen, daß ich nicht nur an die doch vielleicht trotz aller Vorahnungen meiner harrende Zukunft denken darf. Nicht nur an meine Ehre und Würde, die mir verbot, das Opfer, das Deine Liebe mir bringen wollte, anzunehmen! Wie kann, wie darf ich Deine leuchtende Gestalt in die Unsicherheit meines künftigen Loses hineinziehen!

Auch an Dein Herz muß ich denken! Und ich darf keinen schmerzenden Wahn darin lassen. Du mußt es wissen, Einzige, ewig Geliebte, daß das göttliche Gnadengeschenk Deiner Liebe das erhellende Wunder meines Daseins war.

Heiße Dankbarkeit im Herzen, ziehe ich hinaus. Ich schicke Dir meinen Knaben. Sei ihm Mutter, bis –« bis wann? Diese Frage kann menschliche Voraussicht nicht beantworten. Laß ihn nicht von Dir, wenn ich niemals wiederkehre.

Ist es mir aufbewahrt, zu leben, darf ich dereinst am neuen geistigen und sozialen Ausbau unseres teuren Vaterlandes mitarbeiten, so fordere ich meinen Knaben zurück. Du hast mich ihn lieben gelehrt. Nicht die Stimme der Natur weckte mir mein väterliches Gefühl auf. Er ward mir erst durch Dich mein Sohn. Deine Mütterlichkeit schenkte ihn mir.

Wir werden uns niemals wiedersehen. Ich durfte dies alles Dir nur sagen als ein Sterbender. Oder für immer aus Deinem Leben Scheidender.

Ich habe die herrlichste Mutter besessen! Obschon sie für die Welt nur ein armes, sklavisch arbeitendes, beschimpftes Geschöpf war. Ich habe die Liebe der herrlichsten Frau auf mich herabstrahlen sehen. Obschon ich fernab von ihr in mühsamen Kämpfen mich quälte.

Ich bin doch wohl ein sehr reicher Mann gewesen.

Und mein letzter Atemzug wird ein Dankgebet sein an diese beiden Frauen, die am Anfang und am Ende meines Lebens standen.

So scheide ich von Dir.

Leb wohl! Ewig Dein!

Ottbert.«        

Keine Zweifel rissen ihre Seele hin und her. Es gab kein Zaudern. Sie wußte nur dies eine: Aus seiner eigenen Hand wollte sie seinen Knaben empfangen. Er selbst, er selbst sollte ihn in ihre Arme legen!

Ihre Träume waren zerbrochen. Zu lange hatte er geschwiegen. Jetzt konnte keine Kriegstrauung ihr mehr den Geliebten zum Gatten geben, es war zu spät! Er hatte für seine Abfahrt keine Frist genannt. Aber sie wußte von selbst: Er sprach in letzter Stunde. Das verriet jedes Wort seines Briefes.

Und in ihrem Herzen erwachte jenes brennende, angstvoll vorwärts peitschende Gefühl, das in Augenblicken höchster Not die Menschen jagt, das tödliche Gefahr für nichts achtet, wenn es ein Leben zu retten gilt.

Sie mußte ihn noch einmal sehen. Oh, nur einen himmlischen Augenblick noch. Aus seinem eigenen Munde noch wollte sie es hören, daß er seinen Knaben ihrem Mutterherzen zu eigen gäbe. Mit der Kinderhand in der ihren wollte sie dann tapfer von ihm scheiden. Nicht auf ewig, nein, gefeit von ihren Gebeten, zu sieghafter Wiederkehr.

Wenig Minuten nur waren vergangen, seit die Botschaft der Liebe ihr Herz erreichte. Und schon schritt sie eilends dahin, in ihren Pelzmantel gehüllt, das blonde Haupt von der rauhen, schwarzen Mütze bedeckt, aufmerksam vorausspähend, irgendein Gefährt erhoffend, das rascher noch sei als ihre beflügelten Füße.

Und dann saß sie in einem Auto und hielt die Hand am Griff der Tür, als wolle sie sie schon öffnen, noch im brausenden Vorwärts des ratternden Gefährtes.

Treppen, viele Treppen. Versanken nicht die Stufen unter ihren Schritten? Hob eine Zauberkraft sie empor? Schon stand sie oben, da waren Türen, vier, das Stockwerk mochte in vier kleine Wohnungen geteilt sein. Eine Sekunde der Ratlosigkeit, und dann ein Erkennen, anstatt eines Schildes eine weiße Karte mit dem Namen, dem einen. Der schrille Ton der Klingel, die drinnen anschlug, war draußen zu hören. Noch einen Atemzug lang eine äußerste, furchtbarste Spannung.

Wenn es schon zu spät wäre! Wenn er vielleicht schon in eben diesen Minuten in Reih' und Glied zum Bahnhof zöge, umjubelt, umweint von der Menge, inmitten all der Grauen, fest Ausschreitenden, mit dem tiefernsten Blick im Auge.

Da öffnete sich die Tür.

Fast ein Aufschrei war es, der von ihren Lippen kam. Höchste Seligkeit! Nicht zu spät.

Er aber war stumm, erbleichte, war so ganz, so unerhört überrascht, daß ihm nichts blieb, als zurückzutreten, ihr den Eingang freizugeben.

Hinter ihr fiel die Tür zu. Noch ein Schritt, über einen halbdunklen Flur hinweg. Und sie stand in dem Raum, der die Stätte seiner Kämpfe, seiner Arbeit, seiner Nachtruhe war. Sie sah nichts von der Kargheit ringsum.

Sie sah nur die Augen, ihr eine Welt der Liebe, der Schmerzen, des Glücks.

Ein kurzes, verzweifeltes Aufbäumen war noch in ihm. Ein letzter Wille zur kalten Kraft.

Aber dieser Augenblick war dennoch stärker als alle Vernunft.

Sie umklammerten einander, als wüßten sie, daß das Schicksal neben ihnen lauerte und mit seiner gespenstischen Hand auf den grauen Rock des Mannes ein Zeichen schrieb.

»So wolltest du von mir gehen, so?! Und mein Herz war bereit. Von einer Kriegstraung träumte es, o du...«

»Das konnte, das durfte ja nicht sein...«

»Doch, doch... Meines Vaters Segen gibt mich dir!«

War das möglich? Nein. Er fühlte: Nein! Vielleicht ein unbestimmtes Wort. Und ihre Liebe deutete es...

Aber Dank diesem Wort, jubelnden Dank, wenn es ihr Weihe ihrer Liebe gegeben hatte...

»Und deinen Sohn willst du mir nicht selbst schenken? Wo ist er? Komm, sag ihm, daß ich seine Mutter sein soll. Von dir will ich es hören, lehre ihn noch dies Wort.«

»Ich gab es ihm schon mit, vor wenig Minuten, als er den Weg zu dir ging, zu dir.«

»Er ist schon fort?«

Sie sprach es leise. Von einer plötzlichen Unsicherheit befangen – erzitternd.

Er zog sie an sich.

»Mein?« fragte er. »Mein?«

Er sah ihr tief in die Augen. Und er las darin, daß sie sein eigen sei, in dieser Stunde und bis über das Grab hinaus. Sein Weib, ihm angetraut durch heiligste Liebe und den drohenden Tod, den Gefährten des schnellen, heißen Glückes derer, die dem Kriege gehören.

Nun lebte die junge Frau in zwei Welten. Immer war es ihre Art gewesen, daß sie besonnen und beherrscht verschwieg, was ihr Herz auszukämpfen hatte. Ihre Zerbrochenheit in den Weihnachtstagen erschien deshalb den Ihren als etwas sehr Beängstigendes und Außerordentliches. Aber sie erklärten es sich durch all die harten Prüfungen, die der Krieg ihr gebracht. Niemals wäre man auf den Gedanken gekommen, daß sie einer leidenschaftlichen, ihr ganzes Wesen erschütternden Liebesglut fähig sei. Und sie umhüllte jetzt das Bewußtsein ihres Glücks mit undurchdringlichen Schleiern. Und konnte doch nicht verhüten, daß sein Licht hindurchstrahlte und ihrem Antlitz Schönheiten gab, die es nie vorher besessen, und daß ihre ganze Persönlichkeit von einem neuen, unbeschreiblichen Zauber umflossen war, der sie bedeutender und reifer erscheinen ließ.

›Sie hat sich wieder zurechtgefunden‹, dachte Graf Leuckmer. Er war sehr glücklich darüber, in einem nicht auseinander zu sondernden Gemisch von Liebe zu ihr, die er nicht leiden sehen mochte, und dem Bedürfnis nach Ungetrübtheit eigenen Behagens.

Wie wenig wurde das Fehlen Rüdeners in dem kleinen Kreise empfunden! Das hätte Katharina schmerzen können. Aber sie bemerkte es gar nicht. Graf Leuckmer hatte ihn als trefflichen Schachspieler geschätzt und äußerte am Sonntagnachmittag ein Wort des Bedauerns, daß ihm nun die Gelegenheit zum Spiel fehle. Das war von seiner Seite alles. Er sah das Auftauchen und dann das nahe Freundschaftsverhältnis des Mannes in seinem Hause gewissermaßen als innerhalb eines vaterländischen Programms gelegen an. Die große Zeit gebot eine Verbrüderung. Es gab keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Daß Katharina den kleinen Jürgen zu sich genommen hatte, billigte er durchaus. Ein einziges Kind, Gefahrskind! Unterricht und vor allem Erziehung verhießen völligere Abrundung, wenn zwei Entwicklungen sich aneinander abschleifen konnten. Seinem Bertold hätte er aus nur zu nahe liegenden Gründen keinen Kameraden geben können. Man mußte der Freistelle im Kadettenhaus für ihn froh sein. Im Stammschlosse der Leuckmers – längst, längst besaß es ein großer Berliner Bankier – sah man auf zweien der Ahnenbilder hinter einem kleinen Grafen Leuckmer einen bescheidener gekleideten Knaben – den Prügeljungen. – – ›Andere Zeiten, andere Sitten‹, dachte der alte Herr. Jürgen Rüdener und Graf Adam Leuckmer wurden vollkommen gleich gehalten; es dauerte auch kaum acht Tage, und man sah Jürgen nicht mehr in seinem ungeschickten Anzug, aus dem nächstbesten billigen Geschäft erstanden von einem Vater, der für Kinderkleidung keinerlei Verstand hatte; die Knaben wurden ganz gleichmäßig gekleidet. Graf Leuckmer fand es fast zuviel, und daß Jürgen »Mutti« sagen durfte, gerade wie Adam, erweckte ein kleines Eifersuchtsgefühl in seinem großväterlichen Herzen. Doch zwang er das redlich nieder; vor allem auch deshalb, weil sein holdes, lachendes Enkelkind mit dem blonden Pagenköpfchen wahrhaft glückselig darüber war, einen »Bruder« bekommen zu haben.

Frau van Straten hatte den Dr. Ottbert Rüdener immer mit einer leisen kritischen Ablehnung hingenommen. Es erging ihr wie manchen Emporgekommenen: sie war sehr wählerisch im Umgange. Und auf das merkwürdigste geradezu verstimmt, wenn sie in ihrem Kreise anderen Aufgestiegenen begegnete. Vor allem belästigte es aber ihre gesellschaftliche Sicherheit, wenn so jemand zu beweisen schien, daß man mit Geist und Wissen noch mehr erreichen könne als mit Geld. Da sie aber andererseits sehr gutmütig war, zerfloß sie vor Mitleid über das Kind, das keine Mutter und einen Vater im Kriege hatte. Es kostete Katharina geradezu Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß Jürgen kein Almosenempfänger sei und von ihrer Großmut nichts zu erbitten oder anzunehmen habe. Ganz naiv setzte Frau van Straten ihn in eine Reihe mit den zwölf »Kriegskindern« und wollte immerfort etwas für ihn tun. Erst als sie ihn mit Adam gleich gekleidet sah, besänftigte sich ihre gebeeifrige Aufdringlichkeit. Aber von da an bevorzugte sie Adam bemerkbar. Guda sprach wohl dann und wann herzlich von Rüdener. Fragte, wo er sei, ob er schreibe. Sie wußte: er ist Karens Freund. Aber wie sehr er es sei, ob da still von Herz zu Herzen eine andere Nähe noch bestand, tief verborgen, darüber grübelte sie nicht nach. Die junge Frau fühlte auch: Diese herzlichen Fragen waren nur eine Güte gegen sie. Rüdeners Persönlichkeit war von Guda gar nicht erfaßt worden. Alles ging an ihr vorüber gleich fernen Wandelbildern, Menschen und Dinge, wenn sie nicht gerade mit ihren Arbeitspflichten zusammenhingen. Sie lebte zu stark ihrem eigenen Geschick. Immer rang sie in Scham und leidenschaftlichen Selbstvorwürfen mit dem Vergangenen. Fassungslos staunte sie ihr Herz und das unbegreiflich Neue an, das immer deutlicher, immer dringender zu ihr sprach.

»Kann man denn noch an sich selbst glauben?« fragte sie einmal. »Ich wollte sterben, als ich ihm entsagt hatte... Und jetzt, und jetzt...«

Schwesterlich half ihr Katharina.

»Du brachtest ein Opfer, es schien fast über deine Kraft zu gehen. Du hast dafür den herrlichsten Lohn empfangen, deine Herzensfreiheit.«

Aber Guda weinte auf.

»Mir ist, als habe man mich bestohlen, mir was weggenommen, ich weiß nicht, Poesie, Träume, Wahn, Unbefangenheit. Nein, ich kann es nicht sagen, keins von den Worten sagt es richtig, und doch, alle sagen etwas davon.«

»Eine zartere Liebe und ein edlerer Mann geben dir alles wieder.«

»Nein, nein, dessen bin ich nicht würdig.«

›Armes Kind!‹ dachte Katharina.

Sie hoffte auf die Zeit, diese von wunderbaren, starken Triebkräften erfüllte Zeit, wo Funken sich zu hohen Feuern anfachten, die sonst lange still hätten fortglimmen können unter der Asche von Zweifeln und Verzagtheiten. Aber freilich, sie setzte auch kurze Fristen, diese drängende Zeit, denn sie war von Ereignissen schwer, und eines trat wuchtig in die tiefe Fußspur des anderen.

Und wie lange würde Thomas noch hier sein? Die Zeichen des Erlittenen verwischten sich immer mehr. Seine Farbe war frisch, sein Blick hell. Er ging ohne Stock, wenn auch mit etwas schleppendem Schritt. Daß sein linker Arm noch einmal beängstigende Erscheinungen zeigen könne, war ausgeschlossen. Auch die letzte Wunde heilte und zeigte das beste Aussehen. Freilich konnte eine Kräftigung des Armes durch Bewegungen und Massage noch lange nicht erhofft werden; eine ganz dünne Narbe saß neben der anderen. Aber er fühlte sich zu geistiger Arbeit durchaus imstande. Voll Spannung wartete er auf die mögliche Berufung nach Belgien.

Er war es, er allein, der oft und in echter Anhänglichkeit mit Katharina von dem Manne ihrer Liebe sprach. Von dem schweren Ernst seines Wesens, von dem Werdegang durch Hunger und Bitterkeiten, von der ergreifenden Andacht, in der er vor dem Andenken an seine Dulderin-Mutter stand.

Zuweilen war es ihr, als wisse Thomas alles. Liebende sind so hellsichtig für Liebesglück und -leid anderer Seelen. Wenn er denn wußte, erraten hatte – es konnte ihr nur Wohltat sein. Er wurde niemals mit deutlichen Worten daran rühren. Aber es war schön, die tiefe Hochachtung zu fühlen, die fast brüderliche Neigung, mit der er von dem Geliebten sprach. Ihr Herz dankte ihm für jedes treue Gedenken.

Wie wünschte sie, auch ihm wohltun zu können. Aber sie mußte vorsichtig bleiben und sehr zart. Was wachsen und werden wollte in Gudas Seele, konnte zu leicht wieder absterben. Solange Guda nicht an sich selbst glaubte, würde sie gar nicht den Mut haben, sich einzugestehen, daß sie Thomas liebe und daß diese Liebe nun ihr echtes Glück sein sollte.

Plumpe Hände aber förderten, was leise und schonende nicht wagten. Frau van Straten kam in den Besitz eines Briefes von Percy Lightstone. Mildred Lightstone, seine Schwester, schickte ihn ihr. Die stolze Dame, deren Gesellschaft einst der Frau als beglückender Genuß und beneidenswerte Auszeichnung erschienen war, besaß auch Mut. Den, in ihrem Interesse andere in Gefahr und zweideutige Lagen zu bringen. Sie schrieb an Frau van Straten:

»Meine Liebe! Courage muß man haben. Um meines Lieblingsbruders willen nehme ich viel davon in meine beiden Hände und schicke Ihnen hier einen Brief von ihm an Guda. Er kann es nicht überwinden, so scheint es, daß er sie nicht bekommt. Vielleicht ist es auch so eine Art Zorn. Sie muß es ja auch begreifen, daß man einem britischen Edelmann das Wort zu halten hat. Bruce meinte sogar, Percy solle auf Bruch von Eheversprechen klagen, und ich denke wie Bruce. Ich kenne in Deutschland keinen Menschen mehr, alle meine englischen und amerikanischen Freunde haben dieses abscheuliche Land verlassen. Mr. van Straten sitze in einem Konzentrationslager, sagt Percy. Man sollte nicht für möglich halten, daß Deutsche es sich gegen Briten erlauben. Deshalb muß ich diesen Brief an Sie richten. Eine Frau, die mir sehr viel verpflichtet ist, nimmt die Briefe in den Saum ihres Kleiderrockes eingenäht mit. Sie konnte es nicht ablehnen, es hätte ihrem Sohn geschadet, der ist irgendwo angestellt, wo Percy alles zu bestimmen hat. Ich hoffe, daß Sie keine Ärgerlichkeit haben vom Empfang dieses Briefes. Wie tut es mir leid, daß Sie damals nicht mit uns nach Birmingham zurückreisten. Nun müssen Sie in diesem unbegreiflichen Deutschland aushalten. Und Mr. van Straten leidet Hunger im Konzentrationslager. Ich schicke ihm ein Paket, man kann das. Voll Sorge bin ich für ihn, was er leidet.

Ihre, treulichst

M.L.«

Nun wußte Frau van Straten, wie Verbrechern, Spionen, Mördern, Landesverrätern unmittelbar vor der Hinrichtung zumute sei. Von dem Augenblick an, wo ihr eine Frau gemeldet wurde, unter irgendeinem Namen, den sie glaubte noch nie gehört zu haben, klopfte ihr Herz vor Angst. Sie lehnte ab, eine Unbekannte zu empfangen. Aber dann kam das anmeldende Stubenmädchen doch wieder herein und sagte, die Frau solle Grüße von Miß Mildred bringen. Da war kein Ausweichen möglich. Eine ganz harmlos aussehende Person trat ein und erzählte, daß sie Schweizerin und seit Jahren im Haushalt des Lord Multons, Percys und Mildreds Vater, bedienstet sei. Man hatte ihr die Reise in ihre Heimat geschenkt zu dem einzigen Zweck, diesen geschlossenen Brief nach Deutschland schmuggeln zu können. Nach einem Aufenthalt von vierzehn Tagen in der Nähe von Basel sollte sie den gleichen Weg zurücknehmen und die Antworten wieder in ihrer Kleidung verbergen.

Gerade hatte Frau van Straten gestern bei Möhrings eine Geschichte gehört von einem jungen Mann, der geschlossene Briefe für mehrere Freunde gutmütig und unbedacht mit nach Amerika nehmen wollte. Und an der holländischen Grenze hatte man diese Briefschaften in seiner Brusttasche gefunden. Er war sogleich in Haft genommen worden. Schrecklich! Sie sah sich den äußersten Gefahren ausgesetzt. Ihre Farbe wurde grau und ihre Lippen blaß vor Angst. Schon ihr Stubenmädchen schien ihr als zu fürchtende Mitwisserin der Tatsache, daß sich jemand durch einen Gruß aus England bei ihr eingeführt habe. Wenn die Schweizerin, die über Norwegen gekommen war, verdächtig gewirkt hatte! Unter Beobachtung stand! Wenn demnach bemerkt worden war, daß diese Verdächtige das van Stratensche Haus betrat! Es war fürchterlich. Sie brach in Tränen der Verzweiflung aus. Und die Frau sagte leise, daß ihr diese Aufgabe auch nicht angenehm gewesen, und daß ihr bei der Untersuchung an der Grenze beinahe eine Ohnmachtsanwandlung gekommen sei; aber vielleicht kenne Mrs. van Straten Miß Mildred, die es nie verzeihe, wenn man sich nicht füge; und ihr Sohn – und sein gutes Einkommen – und seine Aussichten – – –

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