Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Boy-Ed >

Die Opferschale

Ida Boy-Ed: Die Opferschale - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorda Boy-Ed
titleDie Opferschale
publisherPaul Franke Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070703
projectideb16bd66
Schließen

Navigation:

Am anderen Morgen sah die junge Frau, daß die emsige Musik der Arbeit um Haus und Hof schallte. In der großen Scheune plauderte und knatterte die Dreschmaschine, beim ersten Tageslicht zogen Gespanne mit Pflügen und Eggen hinaus. In der Meierei war man am Werk.

Die Mutter aber, gefaßt, waltete in der Küche und griff zu, um derbere Mädchenkräfte für Scheune, Stall und Hof frei zu machen. – Lotti war mit ihr als hilfreiche Hand.

Katharina hing sich an den Arm des Vaters und ging mit ihm aufs freie Feld. Er sah so jung und kräftig aus in seinen hohen Stiefeln und seiner kurzen, pelzgefütterten Lederjoppe. Schweigsam war er sonst, ein fast wortkarger Mann. Nun aber, wo seine liebe Älteste neben ihm war, löste sich allerlei aus seinem Gemüt. Es war so beschwert von Leid und Erstaunen...

»Ja«, sagte er, »so ist es mit Mutter – sie hat kaum eine Stunde die Arbeit verlassen – und sie sprach davon, daß tatenlose Trauer wie Verrat am Vaterlande sei. – Wer hat den Brüdern die glühende Liebe zur Heimat ins Herz gesät? Sie! – Sie war ja immer lebhafter als ich in allem – trug mehr auf euch über.

– Nun bleibt sie aufrecht in all den vielen Aufgaben, die sie sich auflud – Sparsamkeit bis auf den Pfennig – um mehr geben zu können –, Fürsorge für all die Arbeiterfamilien. – Es ist viel.«

Hin und her gingen seine Gedanken. – Die Tochter kam ja aus der Welt – vielleicht konnte sie etwas erklären.

»Ich bin ja immer nur 'n einfacher Landedelmann gewesen – mit merkwürdig wenig politischen Interessen. – Vielleicht grad', weil die hier herum nicht allen immer gut bekommen sind. – Kann sein. – Ist hier oben nicht immer alles richtig angefaßt worden – um so schöner war's, das zu erleben: auch hier warf sich für das Vaterland auf, was noch Tage zuvor dänisch gesinnt schien. Mag sein, daß alter Haß gegen England still unterm Wandel der Zeiten weiterglomm – kein Däne hat die Beschießung Kopenhagens je verziehen – du weißt wohl, achtzehnhundertsieben! Mag auch sein, daß Angst und Widerwille gegen Rußland mitspricht. – Wenn ich dir sage, daß sogar Kuffsack am liebsten noch mitgegangen wäre, und daß Tjalk Jensens Sohn Kriegsfreiwilliger...«

Aber er kam ab von dem, was er hatte sagen wollen, besann sich und fuhr traurig fort: »Hab' mich also nie viel umgetan. Nach Stufe und Sinn anderer Völker nun schon gar nicht. – Aber jetzt – starr ist man – hat man ein Gefühl, als würde einem immerfort stinkender Unrat ins Gesicht geworfen. – Wie ist das nur möglich? – Mitten in Europa sitzen wir – wie so'n Kern davon –, und man hat uns nicht gekannt.«

»Ach, Vater, das ist das Furchtbare des Kriegsrätsels, das keiner löst – die Frage, die niemand klar genug beantworten kann.«

»Uns Älteren vergiftet's den Lebensrest – ihr Jüngeren erlebt, so Gott will, noch die Klärung. – Wenn sie das deutsche Heer beschmutzen wollen, ist mir's immer: sie beleidigen mir ja meine herrlichen Jungen.«

Und seine Stimme wurde unklar. Wie zu seinem Troste schmiegte sich die Tochter enger an ihn.

Auf einem von wintermüdem Gras bewachsenen Weg gingen sie dahin, den Räderspuren furchten und von dem rechts und links sich große Koppeln dehnten; frei und kahl war das Gelände, auf sanfter Bodenerhebung. Auf der einen Koppel wurde geeggt, und Frauen führten die Gespanne. Die Schweife der beiden guten alten Schimmel wehten westwärts; und das andere Gespann bestand aus zwei kleinen Finnländern, die mit ihrem rauhen Fell putzig aussahen und in Friedenszeiten nie gewürdigt worden wären, auf einem ansehnlichen Acker Arbeit zu tun. Die andere Koppel war schon fertig, zur Winterruhe bereitet, und der Vater erzählte, daß sie und auch noch die vier Morgen große Koppel am Hasenkamp mit Kartoffeln bestellt werden sollten. Aber er war heute doch nur mit halber Teilnahme bei diesen Dingen.

»Sieh mal, meine alte Deern«, sagte er. »Ich hab' immer so das Gefühl gehabt, Mutter ist mehr als ich. Du weißt wohl noch, was für Leben in ihr steckte und wie man es ihr anmerkte, daß sie am liebsten mit ihren Jungen losgezogen wäre, wenn die auf irgendwas unternehmungslustig aus waren. – Und wie sie mit ihnen lachen konnte. – Es sah ja manchmal aus, als wär' sie mehr Spießgeselle als Erzieherin. – Und hat sie doch so wunderbar zu lenken gewußt. – Ja, das ist nun vorbei. Vom Tage an, als der Krieg ausbrach, war solche Stille in ihr – sie hat sich vielleicht schon immer bereit gemacht in ihrem Herzen, Opfer zu bringen. – Nur eins ist mir als Mann nicht so ganz verständlich...«

»Was denn, Vater?« fragte sie. – Und sie sahen voneinander weg, damit der eine nicht die Träne im Auge des anderen sähe.

»Sie quält sich so sehr um dich – ich muß es mir wohl so erklären: Hillemann und Arbogast – das ist nun zu Ende. Wir dürfen nicht murren, wir tun's auch nicht. Sie standen in Gottes Hand, und Er wollte ihren Tod. – Das Vaterland muß durch Blut zur Höhe schreiten – es ist das Geschick, das wir durchleiden müssen – der Zukunft zum Heil. – Ein abgeschlossenes Leid – daran kann man nicht rütteln – da sind keine Fragen mehr. Aber du – du hast dein Glück verloren und bist noch jung. Und daran hängen sich viel« Fragen – das ist kein abgeschlossenes Leid. So versteh' ich Mutter. Sie hat nachts oft keinen Schlaf, um deines Kummers willen. Und ich – ich – ich muß wohl sagen – es geht mit wie Mutter, mein Kind. – Du – das kannst du wohl denken – warst immer so ein bißchen mein Allerbestes – Vaterskind – ja, das warst du...«

Die junge Frau stand ergriffen. Treues Vater-, treues Mutterherz! Sie litten Leiden der Beraubten mit! Wunderlich hatte die fromme Lüge ihre Wirkung umgekehrt – war zur verwundenden Waffe geworden.

Und die Frage tat sich auf: Welche Forderung war heiliger? Ehre dem Toten? Oder: Trost den teuren Eltern?

Sie fand das rechte Wort. Sie zog ihren Arm aus dem des Vaters, und unwillkürlich blieben sie stehen.

»Was du sagst, Vater – ja, das zwingt mich – du wirst verstehen – ich wollte euch keine Sorgen aufbürden und keine schmerzlichen Gedanken. – Aber es war so: Bertold und ich – nein, wir hätten nie heiraten sollen. Es war Jugendtorheit – wir gehörten nicht füreinander – unsere Ehe war ein Irrtum. Wir waren noch kein halbes Jahr verheiratet, da wußten wir, wir paßten nicht zueinander. Sieh – das kommt ja vor – zwischen den besten Menschen. – Ist an sich nichts Schuldvolles – Bertold nahm noch zuletzt mit so schönen, würdigen Worten von mir Abschied. – Ich Hab' auch, wegen Adam, nie daran gedacht, mich scheiden zu lassen – unsere Ehe aber bestand seit langer Zeit nur noch zum Schein. – Sag es Mutter einmal – wenn du fühlst, es ist besser, sie erfahrt es.«

»Kind – Karen – mein Kind – du bist unglücklich gewesen!« rief er.

Sie lächelte ein wenig. – Wieviel Entsagung und Milde war in ihrem Lächeln.

»Vielleicht – eine kurze Zeit – es war doch sehr drückend. – Ich stand ratlos – aber siehst du, Vater – dann hatte ich Adam. – Und er ist wie meine Brüder – das erzählt sein holdes, wahrhaftiges, frohes, kleines Dasein mir jeden Tag. – Ja, das war genug Glück – schien genug – lange – lange – bis...«

»Nein«, sagte der Vater, »nein. – Ein Glück mußtest du haben, wie deine Mutter hatte – hat.« Er rang mit einer großen Erschütterung, mühsam nur fuhr er fort: »Ein Dankgebet hatt' ich im Herzen diese Nacht. Ich lag schlaflos. Merkte wohl, daß auch Mutter wachte. Mit einemmal tastet sie im Dunkeln nach meiner Hand und spricht ganz leise, wie ich ihr Glück gewesen sei. Und wie ihre großen Söhne das gerührt verstanden hätten. Und welch ein Trost ihr es sei, daß unsere herrlichen beiden das gewußt haben, ihre Mutter sei eine glückliche, sehr glückliche Frau. – ›Wenn sie sterbend noch einen letzten Gedanken für mich hatten‹, sagte sie, haben sie den gehabt: ›Mutter hält sich an Vaters Hand...‹ Mir strömten die Augen über – ich konnte nur still beim.«

»Lange Jahre sonnigen Glücks – ob unsere Zeit vielen die Gnade gibt?« sprach die junge Frau in schwerem Sinnen vor sich hin.

In starker Aufwallung stieg ihr das Blut ins Gesicht. Sie faßte ihres Vaters Hand. Sie sah ihn gerade an.

»Vater«, begann sie, »wenn vielleicht eines Tages – wenn mein Herz, erfahren, wie es nun ist – sich einem Mann geben will, dem es gehören muß – dem jeder Schlag entgegenklopft – es ist noch alles wie Traum und Schweigen – ein stummes Wissen – aber voll heiliger Sicherheit. – Er ist ein Mann in ganz anderen Lebensumständen, als sie je in unserem Kreise vorkamen – auch ein bürgerlicher Mann.«

Ihr Vater streichelte ihr die Hand.

»Adelig – bürgerlich – gibt's jetzt was anderes als den Adel der Tat und der Treue zum Vaterland? – Du sagst, ihr steht noch im Schweigen – so will ich nichts fragen. – Das Glück ist rar worden in der Welt. – Gibt er es dir – und sei es noch so kurz – er sei gesegnet...«

Sie schlang ihre Arme um den Hals des Vaters. Vor Dank und Liebe stumm.

Nichts konnte der jungen Frau überraschender kommen, als daß sich, nach der Heimkehr von so feierlich-schmerzlicher Fahrt, in ihre ersten Abendstunden der Humor hineindrängen würde.

Sie sah auf dem Bahnsteig die kleine Gruppe der Lieben, die sie erwarteten. Da stand Thomas auf seinen Stock gestützt, und sein Arm ruhte in dem großen weißen Tuch, das hinten im Nacken zusammengeheftet war – das gleiche Bild wie vor vierzehn Tagen beim Abschied? Nein, merklich blutvoller schien sein Gesicht, und die Augen blickten nicht mehr aus so ergreifender Eingesunkenheit heraus. Neben ihm stand Guda. Und über ihre feinen, blassen Züge ging ein Schein von Freude, als sie die schwesterliche Frau wiedersah.

Und noch einer war da. Zum erstenmal in Feldgrau. – Bisher hatte das Ersatzbataillon noch immer die alten Uniformen getragen. Ihr Frauenherz erlag einer kurzen Anwandlung weiblichster Schwäche – wie kleidsam war der ernsten Erscheinung des geliebten Mannes der graue Rock. – Aber sogleich versank dieses eitle Wohlgefallen an einer Äußerlichkeit in einer schreckhaften Aufwallung. – Hieß das nicht: marschbereit?! Sie wußte wohl: Die Bekleidungsämter und die Waffenfabrikanten arbeiteten Tag und Nacht mit einem Heer von Hilfskräften, um den ungeahnten Bedarf zu beschaffen. Hatte auch gehört: Der und jener neu zusammengestellte und fertig ausgebildete Truppenteil mußte den Abmarsch ins Feld um Tage hinauszögern, weil es irgendwie noch an vollkommener Ausrüstung fehlte. – War sein Bataillon nun fertig?

Sie wagte nicht zu fragen, ließ sich von Guda umarmen, von Thomas die Hand küssen und nahm dann erst den festen Händedruck an, der beim Kommen und Gehen ihre bedeutungsreiche Sprache war und ihnen immer wieder sagte: Wir sind Eins! Die Ihren hatten keine weinende, zerstörte Frau erwartet, die erbittert über den Heldentod der teuren Brüder klagen werde. Aber doch waren sie überrascht – Katharina wirkte wie eine, die von einer hehren Andacht kommt, von einem weihevollen Gottesdienst, der ihre Seele hoch emporgetragen hatte, über Tränen und Gram.

»Sie kommen mit zu uns?« fragte sie.

»Ja. Komteß Guda hat die Güte gehabt, es mir zu erlauben«, antwortete Dr. Rüdener.

Sie nickte Guda dankbar zu.

Das war nun Wohltat, die Nähe des geliebten Mannes empfinden zu dürfen. Sie konnte nicht in seine dunklen Augen sehen, ohne der Worte ihres Vaters zu denken...

»Er sei gesegnet!«

Und ihr war, als müsse er es spüren, daß es zwischen ihnen keine Kluft gäbe. –

Im Auto konnte man gar nichts sprechen. Guda, die neben der jungen Frau saß, kuschelte sich an – wärmebedürftig? – Trostbebürftig? – Und Katharina bemerkte wohl, daß Thomas, ihnen gegenüber neben Rüdener, mit liebevollstem, werbendem Blick Gudas Blick suchte – aber sie schlug die Augen nieder, als der warme, bittende Strahl sie traf. –

Im Hause war Papa Leuckmer. Mit sehr viel Rührung und auch mit sehr viel Zufriedenheit. Denn sein Herbsthusten plagte ihn, und Katharina, mit ihren Hausmittelchen vom Lande, wußte immer dies und das. Und er mochte gern alle paar Tage neue Heilmethoden versuchen. – In seinem Bettchen sprang Adam, und keine Beschwichtigung der guten Stroblmeyer hatte ihn bewegen können, einzuschlafen, bevor Mutti ankäme. Nun war er zufrieden und nahm sich vor, viel flinker zu schlafen als sonst, damit es rascher der andere Tag werde und er mit den Muscheln spielen könne, davon Mutti ein Säckchen voll mitgebracht hatte. Er erklärte auch, daß er Jürgen, wenn der morgen, am Sonntag, käme, die Hälfte abgeben wolle. Die schmale, blasse Frau Martha erstattete Bericht über Betragen und Erlebnisse der zwölf Kriegskinder. Und so hatte die gewohnte Umwelt gleich ihre ganze Persönlichkeit wieder eingefangen.

Am Abendtisch wandelte sich ihr dann die geheime Angst, deren Gewalt sie sich kaum zu gestehen wagte, in dankbare Freudigkeit. Rüdener erzählte, daß sein Bataillon morgen oder übermorgen, allen unbekannt, ob nach dem Westen oder Osten, abgehe. Er bleibe noch zurück. Nachdem er schon vor längerer Zeit die Gefreitenknöpfe erhalten hatte, sollte er, neben einigen anderen Reservisten, noch zum Unteroffizier weiter ausgebildet werden. Er sagte, daß es ihm eine große Genugtuung sei, mehr Verantwortlichkeit auf sich nehmen zu dürfen.

Zugleich sagten seine Augen der geliebten Frau: Und dich – dich noch zu sehen – welches Glück...

Eine wunderliche, verborgene Gespanntheit bebte wie ein leichter elektrischer Strom zwischen diesen vier jungen Menschen hin und her. Thomas empfing die dienende Hilfe Gudas, die ihm, der nur eine Hand gebrauchen konnte, hier und da nützlich zu sein suchte. Er schien auch nur für sie zu sprechen. Und doch war all ihr Wesen Ausweichen – wie von Schuldbewußtsein war ihr Haupt gesenkt. – Und zwischen der jungen Frau und dem Manne ihrer Sehnsucht flammte, nach der Trennung von vierzehn Tagen, fast unverhüllt in Blick und schmerzlichem Lächeln die Erkenntnis der Zusammengehörigkeit auf.

Der alte Herr merkte nichts davon. Er war sehr dankbar, liebe Menschen um sich zu haben, und sehr voll Zweifel, ob er sich noch ein Stückchen Fleisch und einen Löffel Gemüse über sein gewohntes Maß hinaus gönnen dürfe, ohne seine Nachtruhe zu gefährden.

In diese Szene hinein kam das Stubenmädchen und meldete, daß Herr und Frau van Straten, trotzdem es fast zehn Uhr sei, noch bäten, hereinkommen zu dürfen. Guda sprang auf. War Tiny etwas zugestoßen? Man dachte jetzt immer gleich an schwere Ereignisse. Das Ehepaar kam herein. Frau van Straten war gewiß keine Erscheinung von zartem Umriß. Aber wenn sie so neben ihrem breiten, großen Gatten auftrat, schien sich ihr Maß zu vermindern. Jetzt zeigten sie alle Linien der Zerstörtheit in ihren gesunden Gesichtern. Nein, nein, Tiny war nichts geschehen. Gottlob. Die Sorgen dämmerten aber doch schon herauf. Bald durfte sie ins Feld hinaus. Sie war soweit. Man traute es ihr zu.

Van Stratens reihten sich der kleinen Tafelrunde ein, und der sichtlich erschöpfte Mann nahm gern ein Glas Wein an, und die Frau bat vielmals um Verzeihung: sie wisse wohl, an noch nicht ganz abgegessener Tafel ließe sich kein Mensch gern stören.

»Aber wir mußten Doktor Steinmann noch sprechen! Und wir bedurften überhaupt der Aussprache. Und Gräfin Katharina hat immer so klaren Rat...«

»Ich?« fragte die junge Frau. Und wußte doch, daß sie seit längerer Zeit nicht sehr in Gnaden stand bei den van Stratens.

»Die Sache ist«, sprach Herr van Straten, »die in Deutschland befindlichen Engländer sollen interniert werden. Ich hab' Befehl bekommen – soll mich zur Reise nach Ruhleben bereithalten.« »Und wo wir doch Deutsche sind!« rief die Frau aufweinend.

Das schlug ein! Alle Anwesenden waren verdutzt. Sie verstummten vor Erstaunen – Thomas sah lächelnd Guda an – aber sie schien peinlich berührt – verwirrt. ›Ach, dieses unselige England‹ dachte er erbittert, und sein Lächeln verging.

»Seit wann denn das?« fragte Katharina trocken.

»Bin seit Mittag unterwegs – an amtlicher Stelle war ich – in den Privatwohnungen der in Frage kommenden Herren – konnte mir Empfehlungen von den betreffenden Dezernenten verschaffen – war sehr verbindlich, der Herr Rat – aber nichts zu machen. – Ich bin Engländer, und das muß ich nun ausbaden!«

»Vor etwa fünf Wochen riet ich Ihnen, sich die Hamburgische Staatsangehörigkeit zu erwerben«, erinnerte Thomas.

»Meine Frau wollte nicht – war ja immer begeisterte Engländerin... Ja, das ist nun deine Schuld!« fuhr er sie vorwurfsvoll an.

»Ich dachte – o Gott – wir hielten uns so vorsichtig. Unsere Tochter Rote-Kreuz-Schwester. Und welche Summen für alle Arten Kriegshilfe«, klagte sie.

»Aber wenn Siege waren, haben wir dann geflaggt? Nicht einmal. Nicht mal 'ne schwarzweißrote Fahne haben wir angeschafft. Aber vor'm Krieg, wenn König Georg oder Königin Mary Geburtstag hatten – ja, dann mußte die englische Flagge 'raus«, schalt er. »Und die Herrschaften können sich wohl ausmalen, was ich für 'n Schreck bekomme, als ich in dem Herrn Rat, der das meiste zu sagen hat, einen Mann erkenne, der in unserer Straße wohnt und dessen Gesicht mir daher ganz bekannt war.« »Wenn man das geahnt hätte. Natürlich ist es ihm ärgerlich aufgefallen, daß wir nie flaggten – aber ich dachte immer, das stelle so 'ne Art Gleichgewicht her in unserer Haltung...«

»Sie glauben doch nicht im Ernst, daß das Nichtflaggen auch nur den allermindesten Einfluß auf den an Ihren Gatten ergangenen Befehl hatte?« fragte Thomas. »Sie sind in Deutschland, gnädige Frau! Dem Lande der Sachlichkeit. Herr van Straten muß sich dareinfinden.

»Ja – und dann – man fragte mich, ob ich nicht noch geschäftliche Verbindungen in England unterhalte. Könnt' ich nicht leugnen – hab' ja gut und gern ein Drittel meines Vermögens noch drüben, zumeist in den..«

Er stockte eine Sekunde. Jeder glaubte den Namen zu hören, den er in plötzlichem Schreck nicht auszusprechen wagte.

»Und dann«, fuhr er fort, »dann rührte mich fast der Schlag. Ich wurde gefragt, ob ich nicht einige Male die kurzen Besuche eines englischen Agenten empfangen habe! Kann wohl sagen, es war ein scheußlicher Augenblick.«

Guda hatte ein heißes Gesicht und mußte kämpfen, um einen leidenschaftlichen Tränenausbruch zurückzuhalten. Sie und alle, die hier zusammensaßen, wußten es ja: Dieser Agent hatte außer als mündlicher Berichterstatter für van Straten auch als Percys Liebesbote gedient. – Und sie alle waren von der peinlichen Furcht erfaßt, daß daraus noch Unanmehmlichkeiten erwachsen könnten.

»War grad', als hätte man einen leisen Verdacht. Oh, mein Gott – ich und Spionage gegen mein altes, liebes, gutes Vaterland. Ich erzählte alles – bot Belege an – Einsicht in meine Bücher – flehte geradezu um Haussuchung. – Na, zuletzt lächelte der Rat in sich hinein. – Und was ich mir nun gedacht habe: ob Sie nicht als mein Anwalt – ich bitte Sie, es zu werden – noch einmal mit den maßgebenden Persönlichkeiten Rücksprache nehmen könnten. Wenn man davon absähe, mich zu internieren, wäre ich bereit, dem Roten Kreuz eine sehr bedeutende – eine ganz ungewöhnlich bedeutende Zuwendung zu machen.«

Graf Leuckmer schüttelte still für sich den Kopf. Und Thomas erklärte, daß er eine solche Aufgabe nicht übernehmen könne; deutsche Behörden pflegten keine Handelsgeschäfte zu machen. Herr van Straten versenkte seine Hände in die Hosentaschen, und man hörte deutlicher als je das Klirren der Taschengeräte. Er war demnach in der außerordentlichsten Weise aufgeregt.

»Wir dachten auch«, nahm Frau van Straten wieder das Wort, »wir glaubten – ach, liebste, beste Gräfin – ist nicht ein Onkel oder Vetter von Ihnen in Berlin in hoher Stellung im Auswärtigen?«

»Ja, mein Onkel Friedrich Heinzenberg – was soll das?«

»Wenn Sie sich bei ihm für meinen Mann verwendeten?«

»Unmöglich!«

Herr van Straten war wirklich soweit, daß er gar nichts mehr sagen konnte. Er mußte die Verhandlung seiner Frau überlassen. Es war das erstemal in seinem wahrhaftig nicht schlicht verlaufenen Leben, daß er die Fassung verlor.

»Was soll aber mein Wann in Muhleben?« sprach sie weinerlich. »Von seinem Kontor weg! Er hält das ja einfach nicht aus – wird mir krank...« »Im Grunde sehe ich nur lauter Genugtuungen für Sie«, sagte Katharina kaltblütig. »Sie legten Wert darauf, für eine Engländerin gehalten zu werden. Nun bestätigt es Ihnen die deutsche Regierung selbst, daß Ihr Gatte Engländer ist. Sie waren so oft unglücklich, daß Herr van Straten sich nicht von seinem Kontorsessel trennen könne. Nun werden Sie die Freude haben, ihn auf die vornehmste Weise mit zahlreichen Landsleuten zusammen faulenzen zu sehen.«

Rüdener lächelte vor sich hin – daß sie auch gelegentlich kleine Waffen führen könne, hatte er nicht gedacht. Aber es machte ihm Vergnügen...

Jetzt war auch Frau van Straten am Ende ihrer Fassung. Sie weinte. Und bat unter Schluchzen Steinmann, doch alles zu versuchen, daß ihr Mann noch in letzter Stunde die hamburgische Staatsangehörigkeit erwerben könne. Ihrem Bekannten, dem Konsul Wangen, sei es gestern noch geglückt. Thomas riet, sich an einen hiesigen Anwalt zu wenden, und wußte eine angesehene Firma, der vier erste Anwälte angehörten. Er selbst stehe auf dem Sprunge, abzureisen.

Und da zum erstenmal blickte Guda auf. Sie hatte in sich versunken still gesessen, jedes Gespräch, was irgendwie und noch so leise England streifte, war ihr höchste Qual.

›Abreisen?‹ dachte sie. ›Ach, das ist gut, ja – das – macht alles erträglicher.‹

»Abreisen? Sie?« wiederholte Frau van Straten mißtrauisch. Und sie dachte: ›Er will uns nur nicht helfen!‹ – »Abreisen? Wo Sie noch so sehr des Stocks bedürfen und Ihr linker Arm noch gar nicht gut ist?«

Auch die junge Frau war erstaunt. Und ihrem fragenden Blick antwortete er: »Ich habe einen famosen Mann gefunden, Sekretär, Pfleger, Masseur, Reisemarschall in einer Person. Landsturm, zweites Aufgebot, war bis vor wenig Tagen an einen gelähmten alten Herrn gebunden, der nun starb. Gerade wollte er sich zum Eintritt ins Sanitätskorps melden, als er meine Anzeige las, die solchen Mann suchte. So will er sich mir widmen, bis ich selbst wieder ins Feld kann. Wenn's auch noch nicht zur Front langt, kann ich doch, hoffe ich, in etwa einem Monat vielleicht Etappendienst tun oder finde in Belgien Aufgaben; man wird mich schon irgendwie brauchen können, selbst wenn ich noch 'n wenig krüppelhaft bin. Und vorher muß ich das Erbe für den kleinen Adam und seine Mutter retten.«

»Es eilt ja nicht. Zum Reisen sind Sie noch zu schwach. Ich darf, ich kann es nicht annehmen!« rief die junge Frau.

»Es eilt doch. Das Wort ›morgen‹ hat einen sehr unsicheren Klang bekommen.«

Das wußten sie – bedrohlich genau. Und eine schwere Stimmung sank plötzlich wie eine Wolke herab.

Die van Straten fühlten, daß niemand mehr recht bei ihren Nöten und Sorgen war. Und eine Art Beschämung kam in die Seelen der beiden Menschen. Uneingestanden noch. Aber es wandelte sie Unsicherheit an, ob ihre Klagen wichtig seien, ob es nicht klüger sei, sich recht bescheiden damit zu verstecken. Hier war doch Leid, hier bluteten ganz andere Wunden. Und Frau van Straten stand auf.

»Verzeihen Sie mir, liebe Gräfin. Sie haben so Schweres durchgemacht. Ihre lieben, schönen Brüder. Tiny hat herzzerbrechend geweint, auch wir – glauben Sie auch an unsere Teilnahme...« Ja, das war nun unglücklich und sehr ungeschickt, jetzt erst damit zu kommen. In die Erde hätte sie sinken mögen vor Ärger. Sie hatte doch ein Herz! Dessen war sie sich durchaus bewußt. Kein Mensch hier würde es ihr mehr glauben.

Aber die junge Frau sagte sanft und ergeben, daß sie an die aufrichtige Teilnahme gern glaube.

Aufatmend nahmen van Stratens nun ihren Rückzug. Frau van Straten trug zwar die heimliche Sorge mit hinweg, daß man hinterdrein ihre selbstsüchtige Haltung kritisieren werde. Darin irrte sie aber völlig.

Eine kurze halbe Stunde blieben die fünf Menschen noch zusammen. Katharina war beharrlich in ihrem Abraten von dem zu großen Wagnis einer Reise, die unberechenbar viel Arbeit und Unruhe bringen könne. Rüdener stand ihr darin bei. Warum? Er wußte es nicht klar. Aber er spürte wieder in sich diese Feindseligkeit gegen das Geld und als würde der Besitz eines gewissen Reichtums ihm die geliebte Frau noch unerreichbarer machen.

In den vierzehn Tagen der Trennung war für ihn die Welt ohne Licht gewesen. Seine Leidenschaft für sie war unbezwinglich. Seine Nächte verzehrende Sehnsucht, seine Tage ein unaufhörlicher innerlicher Kampf.

Er hatte das peinvoll überreizte Ehrgefühl des armen Mannes von umschatteter Herkunft. Seine Wiege war nicht umjubelt worden von stolzen Eltern. Ein armes, verratenes, mißbrauchtes Mädchen hatte seinen ersten Schrei mit bitterlichen Tränen gehört. Dies Wissen lag immer, immer wie Eisenlast im Untergrunde seines Gemütes und hemmte ihm freudig gläubigen Aufschwung. Und dennoch, dennoch gab es Stunden, wo er von einem Tag träumte, der ihre Hand in die seine legen könne. Und deshalb haßte er dies Geld. Als eine Schranke mehr! Das Glück, zu lieben, war oft kaum zu ertragen. Es warf ihn nieder in die wonnigste Verzweiflung. Es machte ihn schwindeln, als sei das Leben aus allen vernünftigen Zusammenhängen gerissen und ein Wunderland geworden, in dem man sich nur tastend bewegen könne, schreckhaft süßer Freuden gewärtig oder tödlicher Streiche.

So ging er durch die Nacht heim. Wie errettet aus gefährlicher Nähe und schon voll Sehnsucht nach dem Morgen, der ihn zu ihr zurückführen durfte.

Guda aber saß noch lange ans dem Bettrand bei Katharina und hatte ein Herz voll Fragen, die sich nicht recht herauslösen wollten aus ihrer Bedrängnis.

»Ich bitte dich, halte ihn doch nicht gewaltsam zurück!«

»Warum nicht? Soll ich zugeben, daß sich der Halbhergestellte meinetwegen Gefahren aussetzt?«

»Siehst du denn nicht, daß er gewissermaßen fliehen möchte, wie ihm mein Anblick unerträglich ist, wie er es mir nie, nie vergeben kann, daß ich ihn ohne liebevollen Abschied in den Krieg gehen ließ, jeder Blick, den er an mich richtet, ist ja Vorwurf!« sprach sie leidenschaftlich.

»Vorwurf?« wiederholte die junge Frau in großem Erstaunen und dachte: ›Ist sie so blind? Sieht sie denn nicht, was seine Blicke ihr sagen, daß jeder einzige eine flehende Bitte ist?‹

»Ich glaube, du irrst dich. Niemand auf der Welt ist dir ergebener als Thomas«, sagte sie vorsichtig.

»Und ich, und ich! Ich kann ihn nicht gerade ansehen. Allen Menschen gegenüber ist mir, als sei ich schuldig, als müsse ich mich verstecken. Aber vor ihm am meisten. Wie muß er mich verachten! O Karen, du weißt es. Du hast geahnt, was das für eine Leidenschaft war. Mir schien, nicht weiterleben könnt' ich ohne seinen Kuß. Und jetzt ist mir, als habe dieser Liebe was Verbotenes angehangen, als habe sie mir irgend etwas weggenommen, das sich nie ersetzen läßt, nie! Nur Sinnlichkeit war sein Verlangen nach mir. Er suchte nicht meine Seele. Das alles hat er erraten, herausgefühlt, ich weiß es, als ob er es mir gesagt hätte. Er verachtet mich.«

Sie beugte sich herab und versteckte ihr Gesicht auf dem Kissen, dicht neben dem ruhenden blonden Kopf.

Diesen Ausbruch, in dem die heftigen Worte bald den einen Mann meinten, bald den anderen, hörte Katharina voll stiller Rührung an. Wollte da etwas werden? Sie hatte einmal gelesen, daß ein verwundetes Herz sich leichter dem Trost einer neuen Liebe öffnet als ein schon von Narben verhärtetes. Wenn das wahr wäre? Aber welche Vorsicht, welche Zartheit forderte solches Keimen von erkennenden Zeugen. Scheinbar daran vorbeisehen. Sonst ward man zum Zerstörer.

Und sie versprach, Thomas ohne weitere Einwände reisen zu lassen. Eine überraschende Begebenheit hielt ihn aber doch noch einige Tage in Hamburg fest. Und wieder war es die Familie van Straten, die sich mit ihren Angelegenheiten dazwischendrängte. Tiny kam für ein Nachmittagsstündchen zum Tee herüber und fand die Behaglichkeit, die Graf Leuckmer »unser winterliches Sonntagsidyll« nannte. Er selbst, nach langem Mittagsschlaf sehr erfrischt, spielte mit Dr. Ottbert Rüdener Schach, neben sich hatten sie als kritischen Zuschauer Thomas. Von seinem Platze aus konnte er durch die offene Tür im anderen Zimmer Guda beobachten, die um den Teetisch bemüht war. Über den Flur herüber klang zuweilen gedämpft Lachen und Rumoren. Dort beschäftigte Katharina die »Kriegskinder« mit frohen Spielen, zum Lohn für eine voll Ordnung vergangene Woche. Adam und Jürgen durften mitmachen und hatten heiße Gesichter vor Eifer. Aber nun rief Guda zum Tee.

Es zeigte sich, daß Tiny schweigsam war. Man hätte sagen können: verlegen. Wenn ein solcher Zustand nicht allen Erfahrungen mit ihrem Wesen widersprochen haben würde.

»Es geht dir nahe, daß dein Vater interniert wird?« fragte Guda.

»Nicht eigentlich. Es wird ihm nichts Schlimmes geschehen. Ruhleben wird kein südafrikanisches Konzentrationslager sein! Mama zwar tut vor der Hand, als ob's was Ähnliches würde. Die Engländerei bei uns im Haus hat aber nun ein Ende. Na, das liegt ja auf der Hand, daß mir das paßt. Aber nur, daß Papa jetzt wegkommt, das hat eine Sache beschleunigt, die sonst noch nicht ...«

Sie wußte nicht mehr ein noch aus.

»Was denn? Für Spannungen bin ich nicht«, sagte Katharina. »Nur heraus! Wir sollen's doch erfahren, nach der Vorrede scheint es so.«

»Ich schäm' mich ja halbtot«, erklärte Tiny, »aber es ist wahr. Ich will heiraten!«

»Das glaube ich nicht«, sagte Thomas.

»Doch. Und gerade Sie wird's interessieren. Und gerade Sie sollen Brautherr sein!«

»Kriegstrauung?« fragten Katharina und Guda wie aus einem Munde.

Das Herz der jungen Frau klopfte. Welche Gedanken bestürmten sie! Vorstellungen von Möglichkeiten eines Glücks, eines unaussprechlichen Glücks, und gerade in diesem Augenblick wagte sie nicht den geliebten Mann anzusehen, weibliche Befangenheit legte sie in Ketten. Sie hätte die Hände nach ihm ausstrecken mögen, um ihm zu sagen: »Nimm mich hin, ehe du gehst.« Aber sie wagte es nicht, die Lider zu erheben. Und er, von dem Wort entzündet ebenso wie sie, faßte sich gewaltsam, um nicht zu verraten, was in ihm aufwallte, daß eine Hoffnung ihn berauschen wollte, die sich doch nie erfüllen durfte. Nie! Er sah förmlich angestrengt nur Tiny an.

»Und warum soll es denn gerade mich interessieren? Und wie komme ich zur Ehre der Brautherrnschaft?«

»Weil Sie ihn, nächst mir, am besten kennen. Es ist nämlich Doktor Fredenburg!«

Nun war es heraus. Nun konnte Tiny wieder lachen.

»Ah ja, da wünsche ich von Herzen Glück und stehe zur Verfügung.«

»Also doch!« meinte Katharina. Das war nun ein wenig gedankenlos gesagt und ihr nur entschlüpft, weil sie sich dazu zwingen wollte, den Tumult ihrer Empfindungen zu besiegen. Tiny mit ihrem raschen Verstand erriet sogleich die ganze Gedankenkette, die an diesem: »Also doch!« hing. »Also ohne Verliebtheit ist es auch im Lazarett nicht abgegangen.«

»Nicht so!« sprach sie ohne Empfindlichkeit mit einem sehr merkwürdigen sachlichen Ernst. »Wir haben herausgefühlt, daß wir ganz wundervoll zusammen arbeiten können, oft ist es gerade, als wüßt' ich vorher, was Karl Fredenburg anordnen, wünschen, sagen wird. Wir verstehen uns immer, mit jedem Wort und Blick. Nun geht Karl ins Feld. Wird als Chefarzt ein Feldlazarett übernehmen, ich gehe mit. Er hat es durchgesetzt. Und wir können als Ehepaar einander und damit auch immer der Aufgabe besser dienen. Deshalb lassen wir uns trauen. Diese Feldlazarette erfordern viel Organisationstalent, sind nicht stationär; eben eingerichtet, müssen sie oft schon wieder der Front an eine andere Stelle folgen. Fredenburg meint, da könnte mein bißchen Umsicht gute Dienste tun. Wir kommen nach dem Osten.«

»Gott segne Sie und Ihren Entschluß, liebes Kind«, sprach Graf Leuckmer voll Herzlichkeit.

Guda hielt still die Hand der neben ihr sitzenden Freundin in der ihren. Sie war sehr bewegt.

»Heute morgen erst sind wir uns darüber klargeworden, daß es so am besten ist. Papa hofft, daß man ihm einen Aufschub von wenig Tagen gewähren wird. Wir werden am Mittwoch vormittag halb elf standesamtlich und halb zwölf bei uns im Hause kirchlich verbunden. Nachher gibt es ein einfaches Frühstück. Ich hoffe, niemand wird mir abschlagen, teilzunehmen, auch Sie nicht, Herr Doktor Rüdener.« Aber ihm war es unmöglich. Keine Dienststunde würde um freundschaftlicher Angelegenheiten willen erlassen werden. Und nur von eins bis drei war er frei, wenn nicht gerade eine große Marsch- oder Schießübung die ganze Dienstordnung überraschend umwarf.

Nachher vertraute Tiny der Freundin noch vielerlei an. Es sei eigentlich nur ein Bund der Freundschaft. Sie wollten einander nicht gehören. Die rechte Ehe sollte erst nach dem Kriege beginnen.

»Ich habe ihm gebeichtet, daß ich mindestens zehnmal verliebt gewesen bin. Er lächelte nur dazu. Und ich sagte ihm, daß ich erst in ernster Arbeit und langer Prüfung an mich selbst glauben lernen muß. Und ich will mich in meinem Kleide trauen lassen, das ich jetzt trage, zu oft hatt' ich mir meine Brauttoilette ausgemalt, immer anders, immer für die Gesellschaft passend, in die ich hineinheiraten wollte. Mama ist natürlich todunglücklich. Papa auch. Der Mann selbst ist ihm recht. Und auch daß ich heirate und den Schutz habe, wenn es denn schon ins Feld gehen soll. Aber daß wir hinausgehen, es ängstigt ihn doch... Er muß es ertragen lernen. Ich kann nicht anders!«

Und so, in dieser Festigkeit, sah man die Schwester Albertine auch am Mittwoch vor dem Altar stehen, den Frau van Straten im größten, prächtigsten Raum ihres Hauses hatte aufbauen lassen. Große weiße Lilien und eine zu üppige Fülle von Maiblumen zwischen herrlichstem Grün gaben wenigstens etwas Ersatz für all den Luxus, den die Mutter zu gern aufgeboten hätte. Der Vater konnte sich kaum vor Rührung beherrschen und war in einer Gemütsverfassung, die auf das verwunderlichste seiner gewaltigen Körperlichkeit widersprach. Er und Graf Leuckmer waren die Trauzeugen. Guda als Brautjungfer wurde von Thomas geführt. Von Fredenburgscher Seite konnte niemand kommen. Die Familie war in Westpreußen zu Hause; seine Brüder im Felde, seine Mutter zu leidend, um so rasch und in so aufregenden Zeiten die Reise hierher zu wagen. Er stand allein. Aber man sah ihm wohl an, daß er ein Mann sei, für dessen Wert und Geltung nicht erst eine Familien- oder Freundessippe zu zeugen brauchte.

Die Kerzen flimmerten, aber auch die Wintersonne schien herein, weiß und schwächlich, als habe die Sonne gegen Jahresschluß nur noch ein greisenhaftes Lächeln für die blütenlose Erde übrig. Tiny hielt sich gefaßt, der Ausdruck einer ernsten Sammlung war auf ihrem klugen Gesicht. Ihr helles leinenes Pflegerinnengewand strahlte förmlich von Appetitlichkeit. Der schneeweiße Kragen, die weißen Umschläge am Handgelenk, das wirkte alles straff und strahlend. Als einzigen Schmuck trug sie die weiße Brosche mit dem Roten Kreuz. Ein schmaler Myrtenkranz lag streng um ihre Stirn und ihr Haar, nach der Art, wie man auf alten Bildern Frauen Kränze tragen sieht. Und trotz der Ungewöhnlichkeit dieser ganzen Äußerlichkeiten haftete ihnen nicht das geringste von Theater oder Gesuchtheit an.

Alle waren sehr gerührt. Aber in jedem Gemüt erweckte der Anblick dieser Trauung eigenste Schmerzen und Kämpfe. Graf Leuckmer erinnerte sich an den Hochzeitstag seines Sohnes, als der in Jugendübermut und voll kecker Lebenszuversicht neben der jungen Braut stand; immer liebenswürdiger wurde ihm das Bild des Toten, immer inniger umfaßte sein Gefühl ihn; aller Leichtsinn, ja selbst Dinge, die nicht mehr mit dem schonenden Begriff Leichtsinn zuzudecken waren, fingen an, sich in seinem Gedächtnis zu verwischen. Aber er dachte auch an den 5. August und die Aufregungen jenes Tages und fragte sich, ob seine Tochter, nun sein einziges Kind, jemals ein neues Glück finden würde, ob er noch die Beruhigung erleben werde, sie im Schutze und der Liebe eines zuverlässigen Mannes zu sehen.

Thomas mußte all seine sich eben erst wieder befestigende Nervenkraft zusammennehmen, um eine männliche Haltung zu bewahren. Wie er dastand, im feldgrauen Offiziersrock, auf seinen Stock gestützt, den linken Arm einbandagiert, ergänzte er mit seiner Erscheinung förmlich das Bild des Brautpaares. Die Atmosphäre des Krieges war um sie. Wie lange noch, und auch er zog wieder hinaus. Und sein Herz war übervoll von Fragen und ganz schwachen Hoffnungen. Und er dachte, ob wohl eine Stunde komme, wo er und Guda – und ob sie ihn zum zweitenmal ohne Segenswort hinausziehen lassen würde. Guda aber und Katharina ergaben sich ganz der Ergriffenheit der Stunde mit dem weiblichen Vorrecht auf die Träne, die zu verbergen niemand von ihnen forderte. Sie weinten. Über alles, was an zusammengestürzten Hoffnungen und Träumen hinter ihnen lag. Über die Ungewißheit ihrer Schicksale. Über alles, was sie verloren hatten und noch verlieren konnten. Über den Tod und das Leben. Und es tat ihrem Herzen wohl, bei feierlichem Priesterwort und dem weihevollen Kerzenlicht zu weinen. Die Eltern der Braut hatten sich in ein Gefühl hineingesteigert, als wohnten sie einer Totenmesse bei. Frau van Straten starrte tränenlos vor sich hin. Sie glaubte in diesem Augenblick, daß ihr Dasein zerbrochen sei. Noch heute nachmittag mußte ihr Mann nach Berlin-Ruhleben abreisen. In wenig Tagen verließ ihr Kind sie. Van Straten aber litt geradezu Qualen. Er wußte wohl, er konnte jetzt, als Trauzeuge etwas hinter Fredenburg stehend, ganz unmöglich die Hände in die Hosentaschen stecken und seine nervösen Finger mit dem Wühlen in den metallenen Taschengeräten beschäftigen und sich damit beruhigen. Seine Frau hatte ihn dringlichst angefleht, um keinen Preis eine so unglaubliche Gebärde zu wagen. Das sah er ja auch ein. Aber es machte ihm die Lage unerträglich, und er fand die Rede des Geistlichen zehnmal so lang, als es ihm bequem gewesen wäre. Der Prediger sprach in der Tat nur kurz. Er hatte keinerlei Beziehungen zu den Anwesenden, und ein Gespräch von zehn Minuten mit dem Brautpaar und Frau van Straten beim Höflichkeitsbesuch konnte kaum als seelische Annäherung bewertet werden. Er sah fast alle heute zum erstenmal, aber die große Stunde gab wie von selbst alle tiefen Verbindungen von Mensch zu Mensch, und sein Wort trug ihn in bemerkbarem Schwung empor. Niemals war es leichter gewesen, zu ergreifen. Sprechen hieß fast immer schon: innerlichste Bewegung ausströmen lassen. So vermochte dieser fremde Priester in jedem Herzen ein Echo zu erwecken, als sei ihm die Not aller vertrautes Wissen.

Der stattliche Mann neben der Braut im Kleide der Barmherzigkeit erweckte gutes Zutrauen. Güte sprach aus seinen Augen, sichere Überlegenheit aus seiner ganzen Haltung. Und als nachher, im Kreise der kleinen Tafelrunde, Katharina sah, in welcher liebevollen Art er sich seiner ihm eben angetrauten Gefährtin zuwandte, dachte sie sich, daß er es wohl verstehen werde, die Ehe in eine klare und beglückende Sicherheit hineinzulenken. Um Tinys Zukunft brauchte man sich nicht zu sorgen. Aber wer hätte noch vor einem halben Jahr gedacht, daß sie diesen ernsten Weg gehen würde! Im heißen Atem der Kriegszeit entwickelten sich Schicksale und Menschen mit überwältigender Raschheit. Tatsachen reihten sich aneinander, und oft schien es, als gäbe es keine seelischen Entwicklungen mehr. Die jähen Entschlüsse waren das Alltäglichste geworden.

So war auch dieses Bündnis, rasch geschlossen und doch erfüllt von tiefstem sittlichem Ernst, der ihm den Verdacht der Übereilung nahm, nur aus der großen Gegenwart verständlich.

Die Harmonie des feierlichen Schauspiels und die erlösenden Tränen, die sie dabei hatten vergießen können, gaben Katharina und Guda das Gefühl eines schönen Erlebnisses. Und auf das wunderlichste war ihnen, als sie von dem neuen Ehepaar Abschied nahmen, als seien sie selbst in einen anderen Lebensabschnitt getreten. Als hätten sie eine Lehre empfangen; die, daß man mit entschlossenem Mut das eigene Geschick lenken müsse. – Am übernächsten Tage wollte Thomas nun seine »Jagd nach Tante Jennys Erbe« beginnen. Mit diesem Titel hatte man am Familientisch das Unternehmen bezeichnet. Aus Gründen, die er sich nicht ganz klarmachte, lag ihm daran, vorher einmal, endlich einmal mit Dr. Ottbert Rüdener ein ungestörtes Zusammensein zu haben. Die beiden Männer, die nach und nach in ein herzliches Verhältnis zueinander gekommen waren und auch durch die gemeinsame Beteiligung an all den Beschäftigungen, Interessen, Behaglichkeiten und Kümmernissen der Familie Leuckmer schon anfingen, sich fast durch Gewohnheit verbunden zu fühlen, hatten sich noch nie ausführlich unter vier Augen unterreden können. Ein Bedürfnis danach schien auch gar nicht im Rahmen der Beziehung zu liegen. Thomas hatte aber ganz genau weiter beobachtet – von dem Augenblick an, wo er spürte, daß die junge Frau diesem Manne auf das innigste ergeben sei, war die stumme Liebe der beiden seine Sorge geworden. Immer verscheuchte er sie mit großen Gesten: In dieser Zeit darf man keine Alltagsbedenken haben! Alle Maßstäbe sind verändert! Schranken sind gefallen! Liebe darf und muß und soll sich ihr Recht nehmen! Und immer kam sie wieder zurück mit der Warnung: Ein Bündnis zwischen diesen beiden ist dennoch unmöglich.

Nun wollte er versuchen, wenn es sich auf zarteste Weise erreichen ließe, zu ergründen, welche Hoffnungen Rüdener hegte. Er hatte genau bemerkt, daß der Mann immer einen besonderen Ausdruck bekam, wenn von dem Gelde die Rede war. Eine Falte, wie von nervöser Ungeduld, bildete sich dann senkrecht zwischen seinen Augenbrauen. War es denkbar, daß er die geliebte Frau sich erreichbar wähnte, wenn sie arm bliebe?

Das menschliche, das brüderliche Interesse Thomas' an dieser Frage war sehr groß. Er liebte die junge Frau wie eine Schwester. Und niemals vergaß er jenen Augenblick, als sie in Aachen sich über sein Schmerzenslager geneigt und seine Hand voll Barmherzigkeit und Trost gestreichelt. Als kehre nun das Leben wieder, als bringe sie ihm eine neue Zukunft als Geschenk der Gnade – so war ihm damals gewesen.

Er fand einen vortrefflichen Vorwand und lud Dr. Rüdener ein, ihm die beiden dienstfreien Mittagsstunden zu schenken zu einem raschen Mahl irgendwo in der Stadt und der längst geplanten Fahrt an den Hafen. Als die junge Frau davon hörte, war sie leise erstaunt. Wie? Thomas lud sie nicht ein, mitzufahren? Erriet er denn nicht, welche Feststunde ihr das werden würde? Aber wirklich – er dachte nicht daran, sie zur Teilnahme aufzufordern. Enttäuscht wie ein Kind, dem eine Erwartung nicht erfüllt ward, sah sie dem davonfahrenden offenen Wagen nach. Thomas hatte sich noch gegen ihre Fürsorge gewehrt. Er wollte nichts mehr von viel Decken und Pelzen wissen. Mit der Abhärtung zu beginnen wurde nachgerade Zeit.

Die Sonne schien. Trotzdem war der feine, bläuliche Dunst in der Luft, den der Atem weiter Wasserflächen hineinhauchte. Der Schönheitsschleier der großen Stadt in Meeresnähe. –

Rüdener hatte einen Treffpunkt vorgeschlagen. Es hieß die knappe Zeit ausnutzen. Er wohnte in der Nähe der Kaserne, ein Zufall, der ihm gestattete, im eigenen Heim zu nächtigen und zu essen. Das war für den Plan der Rundfahrt zu weit abgelegen; er wollte pünktlich auf dem Platze am Dammtor vor dem Hotel Esplanade stehen. Als nun Thomas heranfuhr, sah er auch gerade Rüdener von einer Elektrischen herabtreten. Aber er sah auch noch mehr. Menschen, die sich um einen Anschlag drängten – eine Gruppe, die auf das horchte, was jemand aus einem losen kleinen Blatt vorlas. Ganz plötzlich und auf eine unerklärliche Weise legte sich über das lebensvolle Straßenbild eine Dämpfung. Es war beinahe, als trage jeder Mensch einen Kummer mit sich herum, der schwer auf ihm laste.

Rüdener trat an den Wagenschlag.

»Was ist geschehen?«

»Ich weiß es nicht – bitte, einen Augenblick.« – Ihm schien, als laufe dort drüben ein Verkäufer, der Extrablätter den verlangend ausgestreckten Händen zuwarf.

Thomas wartete fiebernd. Wie hing man vom gedruckten Buchstaben ab! Welche Gewalt hatte er über jedes Herz, jeden Gedanken gewonnen. Was er verkündete, riß zu stolzen Freuden empor, lockte Dankestränen ins Auge – füllte das Gemüt mit Sorge – Verzweiflung und höchstes Glück barg sich in den losen, leise knisternden Blättern der Zeitungen. Sie verbanden die Heimat und alle Gedanken mit dem Kriege – durch sie ward er Wirklichkeit für die zu Hause Gebliebenen. Und das, was unausgesprochen in ihnen zu erkennen war – die kluge Zurückhaltung bald und bald die Ermutigung. Welche Macht war in all diesem – sie waren die Wohltat und zugleich die Folter – sie waren die Hälfte des Lebens geworden. Sie gaben dem Tage Inhalt und Prägung, und ohne sie wäre das Volk in dumpfer Angst verkommen – oder hätte sich an rasendem Hochmut berauscht.

Rüdener kam zurück. Von schwerem Ernst war seine Haltung. Noch ehe er einstieg, reichte er das kleine Blatt hinauf. Es meldete die Seeschlacht bei den Falklandinseln und den Verlust von »Scharnhorst«, »Gneisenau« und »Leipzig« – es war der erste, knappe, über London gekommene Bericht.

»Übermacht!« sagte Thomas mit blassen Lippen. »Nur die – das wissen wir von selbst.« –

Die Erschütterung überwältigte beide Männer. »Gehetzt und ohne sichere Hilfsmittel irrten sie in den Ozeanen umher – ohne Zufuhr von Munition – verstohlen nur mit Kohle und Nahrung versorgt – nie Gelegenheit zum Docken – ihre Kiele belastet mit allem, was sich in tropischen Gewässern an Parasiten annistet. Nach der Schlacht von Coronel von der Rache Englands verfolgt – man muß sich nur wundern, daß sie solange am Leben blieben.«

»Ja«, antwortete Rüdener, »wir werden für unsere Flotte Stützpunkte gewinnen müssen...«

Thomas merkte auf.

»Das sagen Sie?!« fragte er mit Betonung.

»Man lernt! Früher widerstritten meine Gedanken immer dem Worte, das Alexander von Humboldt sprach: ›Der Krieg ist der Erzieher der Völker.‹ Es war wohl gemeint: im Moralischen. Und ist immer so aufgefaßt. Aber wir sehen es jetzt – der Krieg erzieht auch zu volkswirtschaftlichen Erkenntnissen. Für unsere arbeitende Bevölkerung brauchen wir Industrie, die Industrie braucht Rohstoffe, für diese dürfen wir nie mehr vom Ausland abhängig sein, also brauchen wir Kolonien, die ohne Flotte nicht denkbar sind.«

Der Kutscher wandte sich nach den beiden Fahrgästen um, die ihn vergessen zu haben schienen. Es konnte doch nicht die Absicht sein, hier vor dem Hotel Esplanade zu halten, um sich zu unterhalten? Und so fuhren sie denn endlich weiter.

Thomas dachte nicht mehr daran, daß es sein Wunsch gewesen sei, jedes Gespräch irgendwie auf Katharina hinzulenken, in der Hoffnung, sich den anderen verraten zu sehen. Er war ganz erfüllt von der andachtsvollen und dankbaren Trauer um all die Teuren, die im fernen Ozean den kriegerischen Seemannstod gefunden hatten. Und wie sprach gerade alles, was sie sahen, zu dieser Stimmung schweren, stolzen Ernstes! Sie waren hier ja an Ufern, denen die überseeischen Länder nur ein Nebenan bedeuteten.

Sie fuhren über die Lombardsbrücke, die die beiden Becken der Alster trennt, und wollten jenseits an all den neuen, zweckklaren Prunkbauten vorbei, die der Welthandel der Stadt erbaut hatte. – Thomas staunte – fragte. – Was war denn das? Neben der gewaltigen Front von hellgrauem Stein, von der herab vier Monumentalgestalten schon dem flüchtigsten Blick verkündeten, daß sie die vier fremden Weltteile verkörpern sollten – neben diesem stolzen Palast der Hamburg-Amerika-Linie sah man einen Neubau. Er erhob sich schon in bedeutender Breite, und man erriet aus den Linien, daß sie zu monumentaler Wucht geführt werden würden. Förmlich trotzig wuchsen die Fundamente aus dem Baugrunde. Ein solcher Bau? Jetzt in der Not des Krieges?

»Der Erweiterungsbau der Hamburg-Amerika-Linie«, erklärte Rüdener.

In Thomas quoll etwas hoch wie Rührung – Stolz. Jetzt, wo gerade England voll Hohn und Willkür die Meere beherrschte – noch – noch –, jetzt bereitete sich zäher Mut zu größerem Leben nach dem Kriege vor?!

Und gerade in diesem Augenblick, wo die Herzen noch bebten vor Gram über Helden, die dahinsanken in ihr ewig ruheloses Wellengrab, sprach das wundervoll.

War es nicht wie eine Antwort? Wie ein sicheres, unerschütterliches Zeugnis für deutsche Kraft? Konnte es einen trostvolleren Anblick geben? –

Durch das alte, enge Hamburg fuhren sie, und Thomas gewann manchen malerischen Blick auf die schmalen Wasserläufe, die Fleete, die an den Rückseiten hochragender Speicher durch die Stadt schnitten. Ihn, der sie sonst nicht kannte, befremdete es nicht, wie still diese Kanäle lagen. Aber Rüdener belehrte ihn, daß in Friedenszeiten sich dort breite Riesenkähne hochbeladen an dem vom Wasser bespülten Fuß der Speicher drängten, und daß aus deren Geschossen die armdicken Taue der rasselnden Winden herabhaspelten, um an enormen Eisenhaken die Stückgüter heraufzuholen. Nun blieben die Speicherluken verschlossen, und der Handel schlief. – Und endlich kamen sie an den Hafen. Rüdener half dem Freunde aus dem Wagen, und sie schritten den breiten, geneigten Gang hinab zu den langen Sankt-Pauli-Landungsbrücken. Gang und Brücken waren überbaut von den weiten Räumen eines Baues, der verschiedensten Zwecken diente. Dadurch hatten sie etwas Verschattetes, Gedrücktes.

Und um so gewaltiger tat sich das Bild auf, das man von den Brücken aus überblickte.

Der Dezembertag mit seiner blassen Sonne und dem feinen Dunst war sehr schön. Kaum kalt und ganz still. Aber die Wasser der Elbe zeigten doch die starke in ihr rastlos wühlende Bewegung der ansteigenden Flut. Gegenüber am Ufer im bläulichen Ferndunst erhoben sich die Rippen eiserner Schwebebahnen, ungeheurer Kräne und merkwürdiger, aus Stäben gefügter Türme – alles wie Filigran aus geraden Linien und scharfen Winkeln zusammengefügt –, neue Formen in der Eckigkeit der Kraft und Dauer. Das war die Werft von Blohm & Voß. Und ganz hinten, in ihrer Tiefe, zu der eine Wassergasse führte, leuchtete etwas Rotes. Und Rüdener sagte: Das sei der Neubau »Bismarck«, und neben ihm läge in tiefster Sicherheit sein Schwesterschiff, der »Imperator« – während »Vaterland« im Hafen von New York geborgen sei. – Fast raunend sprach er davon, daß abends um sechs Uhr ein Schwarm von Arbeitern aus den umschrankten und bewachten Stätten der Werft sich herauslöse, um der Nachtschicht Raum zu geben.

Das Wissen, das bloße Wissen, daß dort atemloses Schaffen sich rege, gäbe Trost. Und von dort drüben her klang auch, von der Ferne abgemindert – wie der Ton der Geige, die eine Sordine trägt –, herrliches Rumoren. Sonst lag ungeheures Schweigen über dem riesenhaften Bild. Und wenn der dumpfe Schrei eines der kleinen Verkehrsdampfer, die zwischen den verschiedenen Hafenbecken wenige Menschen hin und her brachten, einmal die Luft zerrissen hatte, sprach das Schweigen um so schmerzlicher.

Da lagen sie, in den wohlgeordneten Reihen, die die Hafenordnung vorschrieb – jede Gruppe eine eigene Welt –, all die Dampfer, die still in den Winter hineinträumten, umschwebt von der Melancholie der Gebundenheit, umwittert von der Trauer erlittener Gefangenschaft und mahnten an ihre fernen Gefährten, die in allen möglichen Häfen der Welt sich bargen oder Gefahren erduldeten. Die Ladebäume standen in starrer Ruhe, und aus dem Rund wuchtiger Schornsteine flockte kein Rauch auf. Größer und höher noch als sonst ragten die Leiber der Ozeanriesen aus der Flut, denn diese Leiber waren leer – und die Ladelinien an ihren Wandungen wirkten wie Hieroglyphen der Trauer. Gleich links von der Brücke, sich fast an eine schwärzliche Reihe von Duckdalben drängend, lag ganz einsam einer der großen Passagierdampfer der Hamburg-Amerika-Linie. Eine vollkommene Ruhe und Verlassenheit herrschte an seinen Borden. Er schien in übernatürliche Höhe emporzuwachsen aus der gelbgrauen Flut. Die zahllosen, in mehrfachen Stockwerken sich übereinander hinziehenden Bullaugen erweckten in der Phantasie die Vorstellung von unendlichen, gespenstisch leeren Räumen. Durch die kleinen runden Fenster kam das Licht zu ihnen hinein und fand nur Einsamkeit und Verlassenheit. Unmittelbar hinter den breiten Landungsbrücken, zwischen sie und die Kaimauern zusammengedrängt, lagen Scharen von kleinen Motorbooten, Dampfbarkassen und Schleppern, gleich eingesperrten Schwimmvögeln, die nicht mehr im freien Lauf über ihr feuchtes Feld froh und eilig hinziehen können. – Die Eile war ausgeschaltet – ihr Geist hatte sich verkrochen. Es gab nicht mehr den drängenden, gehetzten Eifer, der das Ein- und Auslaufen großer Dampfer begleitet, die von Volk zu Volk die Waren und mit ihnen die Kultur tragen.

Rechts, elbabwärts, verschwamm die Ferne in Schleiern, nur noch die nächsten großen Speicherbauten am tiefen Ufer von Sankt Pauli waren als bläuliche Silhouetten erkennbar. – Und diese Dunstschleier erweckten die Täuschung, als sei dort schon die uferlose Ferne – das Meer.

Die Majestät der Stille in diesem ganzen Bilde war ergreifend.

Und das unruhige Wühlen der gelbgrauen Wasser schien voll geheimen Lebens – eine rastlose Bewegung – man mußte an leerlaufende Räder denken – an das dumpfe Rauschen nutzlos am Strande verrinnender Wellen – an vertane Kraft – an die Tragik jedes großen Willens ohne Zweck. –

»Ein toter Riese!« sagte Thomas leise vor sich hin. Mit funkelnden Augen widersprach ihm Rüdener. »Nein! Nur ein wartender! Er wird mit verdoppelter Kraft sich wieder regen – er muß es, denn er ernährt das Volk! Wenn man sich das vorstellt – ein Tag wird kommen, der das Wort Frieden ausruft – es ist ein überwältigendes Bild. Kein Platz in der ganzen Welt leidet so vom Kriege wie Hamburg. Man spricht davon, daß etwa zwölfhundert Firmen vom Staate gestützt werden. Das fordert feste Nerven und zähen Mut. Aber er lebt hier – in der wunderbarsten Weise, das ist wahr –, und ich kenne die Namen von Reedern und Großhandelshäusern, die all ihre Angestellten wirtschaftlich über Wasser halten. Wir sind die ersten, das ihnen anerkennend zu buchen. Wenn der Frieden später nicht das Resultat hat, daß der englische Marinismus zurückgedämmt wird, wäre das Blut der unserigen fast vergebens geflossen.«

Er hatte mit großem Nachdruck gesprochen.

»Und Englands Joche frönt der Ozean«, sagte Thomas.

»Sie zitieren Friedrich den Großen. Ich kann ihn nur in einigen Seiten seiner Persönlichkeit ertragen.« –

Indem sie langsam den Gang von den Brücken bis zur Straße hinausschritten, vertieften sie sich in ein Gespräch über den alten Fritz. Aber plötzlich, als sie den Ausgang erreichten, blieb Thomas wie angewurzelt stehen. Gegenüber, auf hohem Ufer, ragte die steinerne Rolandsgestalt auf – Bismarck! Vor dem fein überhauchten, blassen Himmel stand das gewaltige Steinbild in einer so überwältigenden Ruhe und Kraft, daß Thomas ganz verstummte. – Wie sprach denn heute alles! Ward beredter Ausdruck für jedes Gefühl. – Wollte auch dies starre, trotzig feste Mal durch seinen ehernen Ausdruck trostreiche Antwort geben auf die schmerzvolle Kunde von den gesunkenen Kreuzern?

Rüdener schonte diesen Augenblick, den sein Gefährte erlebte. Sie schwiegen beide vollkommen.

Und erst, als sie nachher sich bei Tisch gegenüber saßen und Ottbert Rüdener dem noch Einarmigen die kleinen Hilfen leistete, die sonst Gudas Hände ihm schenkten, fanden sie die innere Freiheit wieder, miteinander zu reden. Aber wie konnte ihr Gespräch anders sein als ernst.

»Ich weiß nicht«, sagte Rüdener einmal, »wie es Ihnen erging, als Sie ins Feld rückten. Die seelischen Bedingungen waren etwas anders damals – im ersten Rausche der Empörung und der Siegeszuversicht. Vielleicht kamen Sie alle gar nicht dazu, Ihr bürgerliches Dasein viel zu bedenken. Sie griffen zu den Waffen und ließen alles hinter sich. Der Zustand war von der höchsten Einfachheit. War nur die Begier, loszuschlagen, das angegriffene Vaterland zu retten. Ich sage nicht, daß unser Zustand weniger kraftvoll sei. Aber er ist mit mehr Besinnung über eigenes Geschick durchsetzt.«

»Wie ist das wahr. Ich fühl's an mir selbst, der ich die Tage zähle, bis ich wieder an die Front komme – der ich Stunden der Verzweiflung habe, wenn der Arzt mir sagt, daß noch Monate vergehen können – vielleicht ein Jahr, ehe mein linker Arm völlig gebrauchsfähig wird, meine Hüfte Ausdauer in viel Bewegung gewinnt – kann vielleicht ganz im Etappendienst sitzenbleiben – oder irgendwo in der belgischen Verwaltung – dort anzukommen, bin ich sehr bemüht. – Und trotzdem rechne ich und denke, denke: Wie kann, wie wird sich die Zukunft gestalten, wenn ich zurück zur Front komme?«

Er besann sich – fühlte, daß ihn alles bestürmen wollte, was er an zarten Hoffnungen in seinem Innern wach erhielt – obgleich sein Verstand ihm das Recht auf die allergeringsten oft genug abstritt – er wünschte nicht, sich vor Rüdener zu verraten – und fuhr doch fort: »Das erstemal ging's gnädig – die Leiden rechnet man nicht – die Gliedmaßen werden langsam wieder heil – man ist ein gerader Mensch geblieben – hat Glück gehabt. – Das Leben fing ganz wundersam von neuem an – in jeder Hinsicht. Und jetzt – oh, was würde ich wagen, wenn ich wüßte, ich komme einst gesund und unverkrüppelt heim!...«

»Und was würde ich wagen«, sprach Rüdener langsam, mit halber Stimme, »was würde ich wagen, wenn ich wüßte, ich falle!«

In seinen dunklen Augen war ein solcher Ausdruck von Leidenschaft, daß Thomas' Blick sich scheu senkte. Es erschien ihm unzart, diese unverhüllte Flamme zu beobachten.

Er erriet den anderen Mann ganz und gar. Der war bereit, mit seinem Leben dafür zu zahlen, wenn er nur einmal, einmal der angebeteten Frau sagen durfte: Ich liebe dich. – Aber weil er nicht wußte, ob das Schicksal den heißen Handel annähme, würde er es niemals sagen! So hatte sein besorgtes Freundesherz nun doch erkennen dürfen, wie es um Rüdener bestellt war.

Er dachte an Katharina – sie – die Frau – die wohl zitternd auf das Wort aller Worte wartete! An sie, die soviel Entsagung erlitten hatte, und nun, gereift, bewußt, mit ihrem ganzen kraftvollen Wesen diesem Mann sich entgegensehnte.

Würde sie es ertragen, daß er schweigend ging?

Das waren Tage der Spannung. Nur durch die unerschöpflichen Kräfte, die auf das wunderbarste, wie in allen deutschen Herzen, sich auch in der jungen Frau immer neu erzeugten, konnten sie von ihr überwunden werden. Schien es nicht gerade, als ob die Empfindungsfähigkeit sich ins Unbegrenzte erweiterte? Als ob man mit mehr als nur einem Leben fertig zu werden habe?

Zuweilen stand Katharina und versuchte, sich in Besonnenheit zu fassen. Die Vielfältigkeit der Ereignisse erregte Schwindel. Sie wollten begriffen, beurteilt, in seelischen Besitz genommen werden. Mit starkem Pulsschlag erlebte sie den Weitergang des Krieges. Aber mit nicht minderer Erfaßtheit zitterte sie für ihr Glück, zitterte für ihre und ihres Kindes wirtschaftliche Zukunft. Wie war das alles miteinander verknüpft!

Aufatmend, mit vor Freude nassen Augen las sie, sprach sie über das Scheitern der russischen Offensive gegen Schlesien und Polen. Und zugleich erbebte sie bei der Gewißheit, daß der Tag immer näher kam, der den geliebten Mann ins Feld rufen mußte. Und immer noch schwieg er! Nie ging er über die Geständnisse hinaus, die sein Händedruck, sein Auge ihr gaben. Berauscht von Stolz, sah sie im Grau des Wintertages die starken, leuchtenden Farbentöne der Flaggen nach dem kühnen Angriff deutscher Kreuzer auf Scarborough und Hartlepool. Und ihr schwesterliches Herz hatte auch die Genugtuung, zum erstenmal ein freies, unbefangenes Wort von Guda zu hören. Es konnte kein Irrtum sein: In Gudas Augen blitzte Freude auf. Ja, Triumph. Und sie sprach aufatmend: »Wenn ich jetzt in England lebte!«

Mußte es nicht so sein? Mußte nicht gerade sie nun hassen, wo sie einst nur zu hingegeben geliebt hatte?

Und sie umarmten sich stürmisch.

Aber gerade am gleichen Tag öffnete sie mit ängstlichen Gefühlen einen Brief von Thomas. Wenn er nichts erreichte! Wie entscheidend war alles, für die Formen ihres Lebens und die Hoffnungen ihres Herzens. Wurde sie arm, konnte sie vielleicht nie oder erst nach Jahren die Frau eines Mannes werden, der sich selbst noch keinen sicheren Boden hatte schaffen können! Und wenn sie und ihr Kind gewiß auch niemals der Not ausgesetzt sein würden, so blieben sie doch abhängig von Familiengüte, und sie durfte es nicht wagen, selbst fast ganz eine Kostgängerin der Gnade, den Knaben des geliebten Mannes zu sich zu nehmen.

Was Thomas schrieb, lautete nicht hoffnungsvoll! Er war den Spuren des Ulan Heinrich Stieve nachgegangen und hatte ihn in einem Dorfe der Lüneburger Heide gefunden. Weit über Land fuhr er, unter dem düsteren Regen, der beständig auf die Erde herabweinte. Verschlammt und wie von Kummer gedrückt lag das beackerte und beforstete Gelände; öde und grau, in Einsamkeit erstarrend die dürren Strecken der Heide. Da waren, inmitten großer Weiten ohne Ansiedlung, still gelegene Dörfer. Dort wuchteten auf den roten Mauern großer Bauernhäuser riesige alte Strohdächer, und ihr rauher Rand streckte sich tief und weit hinaus, so daß die kleinen Fenster sehr davon beschattet wurden. Und in der räucherigen, stallduftigen Wärme eines solchen lebte der Ulan Stieve bei stattlichen Besitzern als sorgsam gepflegter Sohn. Seine Wunden waren geheilt, aber seine Nerven noch flatternd, sein Gedächtnis eigensinnig und auch von Schauern durchbebt. Es schien, daß er, der einzige Überlebende der Patrouille Leuckmer, noch Schrecknisse besonderer Art erfahren habe und daß Franktireurs oder Leichenräuber sich an ihm und den Gefallenen vergriffen hatten, ehe die deutsche Artillerie mit dumpfem Rollen herannahte, schon von weither mit ihren schweren Fuhren die Erde erzittern lassend.

Dem Regimentsbericht gegenüber, den Thomas ihm vorgelesen hatte, ward er wohl zögernd und gab endlich zu, daß es der 26. August gewesen sein werde. Aber er blieb bei der Stunde des Morgengrauens. Und die gereizte Ungeduld der bäuerlichen Mutter, die ihren Sohn nicht aufregen lassen wollte, mahnte zur äußersten Vorsicht. Schon der Anschein eines Druckes mußte vermieden werden. Es blieb wohl die Hoffnung, daß dem Ulan Stieve die Erinnerung sich klären könne, wenn man ihn nach Monaten, falls er dann ganz genesen sei, an den Ort des Ereignisses führe, wenn man Minute um Minute, vom Abritt aus der Stellung an, ihn alles nacherleben lasse, mit der Uhr in der Hand.

Welche ferne, welche unsichere Möglichkeit. –

Thomas meldete, daß er nunmehr zu den adeligen Fräulein des Klosters Mürow sich begeben werde. Er wünschte aber vorher eine notariell beglaubigte Aussage des Grafen Leuckmer über die Absicht der sterbenden Tante Jenny, den kleinen Adam als Nacherben seines Vaters einzusetzen. Inzwischen werde er in Berlin die Bekundungen der pflegenden Schwester beglaubigen lassen; diese sei nach wie vor im Sanatorium tätig und habe jedes Wort behalten, das die alte Gräfin Jenny mit ihrem Stiefbruder, dem Grafen Leuckmer, gesprochen. Mit zwei derart befestigten Aussagen bewaffnet, hoffe er mit den von toten Reichtümern sowieso schon schwer gesegneten Damen vernünftig verhandeln zu können. Es schien, als wünsche und hoffe er, einen günstigen Vergleich anzustreben.

Daß er irgend etwas sollte – daß man von ihm etwas forderte, war für den sich selbst immer übermäßig zart behandelnden alten Herrn eine große Beunruhigung. Den einen Tag regnete es zu sehr. Solcher Feuchtigkeit konnte er sich nicht aussetzen. Am anderen Tage fürchtete er, daß seine neuralgischen Schmerzen im Anzuge seien. Den dritten – Katharina hörte geduldig. – Und hatte doch nach zwei Minuten vergessen, welche Gefahren am dritten Tag zu drohen schienen. In all seiner ahnungslosen Selbstsucht war Graf Leuckmer sich gar nicht bewußt, wie mühsam er der sehr geliebten Schwiegertochter das Leben mache. Er wäre sehr bestürzt geworden, hätte man es ihm gesagt. Nun war fast eine Woche nötig, ehe sie ihn zum Entschluß veranlassen konnte.

Und jeder Tag war doch von unbeschreiblicher Kostbarkeit! Alles mußte klar und geordnet sein, ehe der Ruf ins Feld für den geliebten Mann kam! Ihr Herz erwog hundert Pläne, auf welche Weise sie ihm zu verstehen geben könne: Sprich! Fühlte er denn nicht, wußte er denn nicht, wie sie wartete? Sie quälte sich niemals mit der Frage: Und nachher?! Wie sich ein gemeinsames Leben nach dem Kriege gestalten könne, machte ihr keine Sorge. Sie empfand nur die Gegenwart. Die ungeheure Zeit mit ihrem übergewaltigen Inhalt rückte alle Erwägungen, die mit der politischen und wirtschaftlichen Zukunft des Vaterlandes irgendwie verknüpft waren, in eine nebelhafte Ferne. Der Krieg hatte die Vergangenheit förmlich verschlungen. Sie lag wie ein überwundenes Zeitalter weit zurück. Die Zukunft war noch unentdecktes, noch unbehelligtes Neuland. Nur die Gegenwart hatte Recht, sie forderte das Höchste an Hingabe an das Vaterland. Sie verlangte aber auch unbemessene Fülle der Liebe von Mensch zu Mensch, schlug alle Schranken nieder und drängte das Weib näher an den Mann – zu wundervollem Ausgleich und zu tiefen Zwecken.

Bei jedem Wiedersehen hoffte sie: Heute wird es sein. Und bei jedem Abschied blieb sie in schmerzlichster Enttäuschung zurück.

›Ich bin doch keine Fürstin, die sich einen Untertan erwählt und sich ihm anträgt‹, dachte sie.

In ihrer unbegrenzten Achtung vor dem strengen und mühsamen Schicksale des Geliebten, vor seinem schweren Daseinskampf, der Reinheit seines Charakters und seiner geistigen Begabung fühlte sie es ganz deutlich: Wenn sie, die Frau, als erste zu ihm spräche, so verberge sich darin eine Demütigung, die ihm unerträglich sein mußte! Ein solches Wagnis war unmöglich. Es würde ihm zu sagen scheinen: Ich bin gesellschaftlich mehr als du und weiß deshalb, daß du es nicht unternehmen darfst, nach meiner Hand zu greifen; ich muß sie dir entgegenreichen. Unmöglich! Auch aus ihren eigensten Empfindungen heraus – denn sie hatte ihn auf den Thron ihrer Liebe erhoben und sah zu ihm empor. –

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.