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Die Obermedizinalrätin

Christian Friedrich Hebbel: Die Obermedizinalrätin - Kapitel 1
Quellenangabe
typesketch
booktitleHebbels Werke, Siebenter Teil
authorFriedrich Hebbel
yearca. 1905
publisherDeutsches Verlangshaus Bong & Co.
addressBerlin - Leipzig - Wien - Stuttgart
titleDie Obermedizinalrätin
pages47-51
created20020905
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1837
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Friedrich Hebbel

Die Obermedizinalrätin

(1837)

»Bon soir, Hauptmann. Was fehlt dir heute abend? Gibt's kein l'Hombre, kein Whist? Ist die Zeitung ausgeblieben? Unwohl kannst du dich nicht fühlen, Krankheiten sind gegen deine Grundsätze!«

»Ich denke eben an dich, Obermedizinalrat!«

»An mich? – Erlaube, daß ich mir eine Zigarre anzünde; kann ich dir dienen? Es sind echte Havanner, ein Geschenk aus Hamburg. An mich denkst du? Weißt du auch, daß das feierliche Gesicht, womit du mir das sagst, mir Schrecken einjagen könnte? Was ist's denn mit mir, erzähl' mir etwas Neues von mir, Freund!«

»Oder, wenn du lieber willst, an deine Frau!«

»An meine Frau? Immer besser. Du bist in sie verliebt gewesen, früher als ich, das war vor dreißig Jahren. Ich lief dir den Rang ab, weil ich ein impertinentes Nasenbluten, das sich auf einem Ball einstellte – weißt du noch, der alte Bankier Jagemann gab den Ball – zu vertreiben verstand. Ich erinnere mich, du gratuliertest mir mit ungefähr solch einem Gesicht. Ist doch kein Rezidiv eingetreten? Julie hat jetzt graue Haare, ehrwürdiger Seladon, obgleich sie es selbst nicht weiß.«

»Ich möchte ein ernsthaftes Wort mit dir reden, Ludwig!«

»Ein ernsthaftes Wort? Ganz meine Passion nach dem Abendessen. Erlaube nur noch einen Augenblick, das Sofakissen ist heruntergerutscht; und das entbehre ich ungern hinter dem Rücken. Nun kannst du immerhin beginnen.«

»Man spricht allerlei über deine Frau.«

»Also, man spricht noch von ihr? Das wird sie freuen, das ist ein seltnes Glück im achtundvierzigsten Jahr.«

»Ich bitte dich, laß die Possen und schenke mir einige Aufmerksamkeit. Der Lizentiat Beckendorf besuchte dein Haus in der letzten Zeit sehr häufig.«

»Und dafür bin ich ihm sehr dankbar. Der junge Mann ist mein Blitzableiter, ich kann ihn nicht genug schätzen. Du denkst dir gar nicht, wie unliebenswürdig die einst so liebenswürdigen Launen meiner Julie in meinen Augen geworden sind, seit sie unter die Haube und in die Jahre gekommen ist. Ich hab' dir aus Edelmut nie davon erzählt, ich kenne dein mitleidiges Herz, aber das sei dir im Vertrauen gesagt, wenn ich meinen Ehestand wohl zuweilen mit einem warmen Sommerabend verglich, so geschah es nur, weil man sich an einem solchen Sommerabend vor Mückenstichen nicht zu lassen weiß. Freund, man wird mir nach meinem Tode keine Altäre errichten, und doch bin ich ein Märtyrer, wie einer.«

»Ich sehe nicht, in welcher Verbindung dies dein Märtyrertum mit dem Lizentiaten Beckendorf steht.«

»Doch, doch, gestrenger Herr Hauptmann. Seit meine Julie gemerkt hat, daß der Lizentiat sie noch zu den Lebenden zählt – du weißt am Ende gar nicht, daß die neuste Nummer des Journals für praktische Arzneikunde sich die Freiheit nimmt, alte Frauen und ägyptische Mumien generisch zusammenzustellen! – seit dieser Zeit ist sie wie umgewandelt, sie liest Gedichte und lernt sie auswendig, sie bekommt selten oder nie Vapeurs, sie bringt mir selbst den Hut, wenn ich ausgehen will, ja, sie war in Anwesenheit des Lizentiaten schon mehr, als einmal, naiv, und verstand den Pfiff noch recht gut. Soll ich mich eines Menschen, der solche Wunder tut, nicht erfreuen?«

»Die Leute sprechen nicht viel Gutes, das heißt, sie sprechen recht viel Schlimmes über das zwischen Beckendorf und deiner Frau bestehende Verhältnis.«

»Freund, meine Frau ist alt.«

»Aber nicht jeder glaubt, wie du, sie sei zu alt.«

»Freilich, freilich, das hat seine Gründe.«

»Und kurz und gut, Obermedizinalrat, sie steht im Begriff, im achtundvierzigsten Jahre ihren Ruf zu verliefen, – du siehst ein, das ist etwas spät.«

»Ich erschrecke. Der Lizentiat ist bei ihr, sie hatten's heimlich, wie ich fortging; er entführt sie mir doch wohl nicht? Es ist neblig und kalt, ohne Schnupfen würd's nicht abgehen.«

»Ich habe als dein Freund zu dir gesprochen; wenn es dir gleichgültig ist, ob deine Frau zweideutig oder lächerlich erscheint – auf eins von beiden muß es zuletzt doch wohl hinauslaufen – so werd' ich mich darin finden können.«

»Tritt nicht ans Fenster, Bruderherz, ich weiß deine redliche Teilnahme zu schätzen. Du hast recht, die Komödie muß ein Ende haben. Nun, das ist schnell herbeigeführt, vielleicht noch heute abend. Gute Nacht, Hauptmann, ich muß noch in einige Läden gehen.«

»Ach, Herr Lizentiat,« – lispelte die Obermedizinalrätin – »das ist gar zu schön, das müssen Sie mir noch einmal vorlesen. Aber, vorher trinken Sie doch Ihren Tee, bitte, er wird sonst ganz kalt!«

Der Lizentiat seufzte, er blickte wehmütig vor sich hin. Dann goß er den Tee hinunter und las sein Sonett zum zweitenmal.

»Ja, ja« – seufzte die Obermedizinalrätin, die letzten Verse mit schwelgender Stimme wiederholend:

Wie manche Saite darf erst im Zerspringen
Zum erstenmal in Melodie erklingen.

»Glauben Sie mir, teurer Freund, ich fühle Ihr Gedicht, wenn ich's auch nicht verstehe.«

»Was ist Verständnis?« wollte der Lizentiat, die Hand aufs Herz legend, zart erwidern, als, sehr zur Unzeit, der Obermedizinalrat eintrat.

»Bist du schon wieder da?« rief ihm seine Frau, fast im Ton des Vorwurfs, entgegen.

»Ich habe dir auch was mitgebracht!« versetzte er und zog ein kleines, zierliches Schächtelchen hervor.

»Was denn, was denn?« rief sie und fuhr mit der Ungeduld, die jungen, hübschen Mädchen so gut steht, darauf zu. Sie öffnete hastig die Schachtel. Da fielen die schönsten, elfenbeinernen Zähne heraus. Sie wurde rot über und über, der Obermedizinalrat aber faßte, als ob nichts vorgefallen wäre, ihre Hand und sagte:

»Deine Zähne taugen nichts, lieber Engel, das sah ich neulich mittags, als sie plötzlich auf deinen Teller herunterkugelten. Eigentlich wollt' ich dir mit diesen da ein Geburtstagsgeschenk machen; meine Julie« – er wandte sich freundlich zum Lizentiaten – »feiert Sonntag ihren neunundvierzigsten, und Sie sind herzlichst eingeladen; aber« – er drückte seiner Frau zärtlich die Hand – »ich dachte, du hättest sie vielleicht gern schon vorher, und so hab' ich denn die besten, die aufzutreiben waren, erhandelt. Deine Finger fliegen ja so, du hast doch nicht wieder Rheumatismus? Ja, Herr Lizentiat, das ist auch eine von den Süßigkeiten des Alters, davon wissen Sie noch nichts, Sie Glücklicher. Kind, Kind, du pressest meine Hand, als ob du in den fürchterlichsten Krämpfen lägest: wie steht's mit deiner Fontanelle? Sie eitert doch noch regelmäßig? Vernachlässige sie um Himmels willen nicht, wenn dieser Abzugskanal der unreinen Säfte eintrocknete, so könnte das in deinen Jahren die gefährlichsten Folgen haben.«

Der Lizentiat, der die Szene zu begreifen anfing, empfahl sich.

»Das vergesse ich dir niemals! Ich kann mich nicht wieder vor ihm sehen lassen!« schrie, sobald er fort war, die Obermedizinalrätin und fiel in Ohnmacht.

Der Obermedizinalrat wußte, daß solche Ohnmachten am schnellsten vorübergehen, wenn man die unglücklichen Weiber, die damit behaftet sind, ganz sich selbst überläßt. Er schenkte sich, stark mit der Kanne klappernd, eine Tasse Tee ein; stopfte sich eine Pfeife und las zugleich mit lauter Stimme und vielem Ausdruck das auf dem Tisch liegende, in der Eile vom Lizentiaten zurückgelassene Sonett. Er war aber noch nicht halb damit zu Ende, als seine Frau, vom Sofa wie wütend auffahrend, es ihm aus der Hand riß und in den Kamin warf.

»Wie zuvorkommend du bist!« – sagte, gutmütig lächelnd, der Obermedizinalrat, und zog das brennende Papier wieder heraus – »errietest du's, daß ich die Pfeife dabei anstecken wollte?«








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