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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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7

Im Gefilde

Eine stille, minder bewegte Zeit folgte für das junge Mädchen. Susel ging nur noch in die Sonntagsschule, außerdem fleißig in die Kirche, und wandelte an Sonntagnachmittagen mit Gretel dann und wann ins Gefilde, den Heerweg entlang oder auf der nach Münster führenden Straße. aber die Ortsflur hinaus wagten die Mädchen sich nur selten; das ist auf dem Lande nicht Sitte.

Andere junge Leute von Oberhofen, Knechte und Mägde, machten ihre Ausflüge zumeist den Wiesengrund hinunter bis zur Stelle des untergegangenen Dorfes Weier, wo man an Sonntagabenden wohl auch mit der jungen Welt von Niederhorbach zusammentraf. Nur Susel und Gretel liebten es, einsam nordwärts durch wogendes Korn und blühenden Klee zu wandeln, bis sie den Schloßturm von Landeck hinter dem Kreuzstein aufragen sahen.

Von Schorsch hörten sie wenig mehr. Dann und wann hatte er Grüße ausrichten lassen. Einmal, ja, da waren sie ihm auf der Straße nach Bergzabern mit anderen begegnet; auch Michel und Löwenwirt's Katel waren dabei. Wenige schüchterne Worte wurden gewechselt – das war alles, und doch ein Lichtblick in Susels Leben. Gretel nahm die Sache leichter; Michel hatte sie wieder »Dretel« angesprochen, und nun scherzte sie darüber, meinte aber doch: »Wie hübsch er das sagt!«

Nun verlautete, daß beide – Schorsch und Michel – fortgekommen seien in die Lehre, der eine, um die Küferei zu lernen, der andere, um Metzger zu werden. Das sind nebst der Müllerei dortzuland die vornehmsten Beschäftigungen. Weit fort seien sie gekommen, wohin konnte man nicht erfahren. Von nun an getrauten sich die jungen Mädchen auf ihren Spaziergängen über die stillen Feldhöhen etwas weiter, in größere Nähe von Münster. Und eines Sonntagnachmittags gelangten sie den Heerweg entlang bis über die Fuchsgruben und die Bruchwiesen hinaus auf die Hügelkette, die vom Kreuzstein her ein schönes Hochfeld mit Kastanienbüschen an den Hängen bildet. Dort an der Flurscheide verschiedener Orte, wo am Saum des Waldes von Klingen, beim Rappenteich, einst der Münsterer Galgen stand, wird die Höhe durch steile, schroff abfallende Schluchten verengt, von denen besonders die sogenannte »Bubenstube«, damals noch mehr umbuscht als jetzt, an Klüfte in den Abruzzen erinnert, und die in der ganzen Umgebung als verrufener Ort bekannt ist. Bis dahin erstreckten sich vom Gebirge noch die »Kastanienbüsche« in die Rheinebene hinein, weiter nicht. Von altersher trieben die Schäfer von Oberhofen und Niederhorbach ihre Herden bis auf diese entlegenen Höhen. Dort über der »Bubenstube« besaßen Susels Eltern noch einen Acker, von dessem hohen Rand man über das »Pfaffenkastanienstück« hin ins Tal von Münster sehen konnte, auf die stolz aufsteigenden Bergkegel und die Ruinen, die den vorderen Gebirgskamm schmücken. Da und dort in der Flur unten saßen die Münsterer Mädchen auf den Feldrainen und sangen Lieder, die bis hier herauf klangen.

Eine Weile sahen die jungen Freundinnen still in die Landschaft hinein und lauschten den verhallenden Weisen. Dann zogen sie sich auf ein schattiges Plätzchen unter den Kastanien zurück.

Jenseits der »Bubenstube«, drüben am sandigen Hang, standen blühende Pfriemenstauden wie brennende Büsche. Es war ein heimliches Plätzchen auf trockenem Gras. Dennoch sagte man, es sei an dem Ort nicht »richtig«. Daß er gemieden war, konnten sie bemerken. Denn weit und breit regte sich nichts, kein Mensch, kein Tier, selbst kein Vogel. Nur eine Goldammer saß unfern auf schwankendem Zweig und ließ dann und wann ihren Gesang erschallen, der die Stille gewissermaßen erst vernehmlich machte. Auch zirpten auf den Sandrillen zwischen dem Heidekraut die Feldheimchen.

Susel fühlte sich in jener Zeit gerade von solcher Einsamkeit und Ruhe angezogen. Die Mädchen flüsterten dann und wann zusammen, in kurzen abgebrochenen Worten. Wovon? Nun, dort unten im Bruch, über dem jetzt die sonnige Luft zitterte, sei – so lautete die Überlieferung – im Dreißigjährigen Krieg eine schwedische Batterie mit Mann und Roß versunken. Auf dem Heerweg aber zögen in gewissen Nächten Reiter ohne Kopf einher; eine Kutsche rolle da auf und ab, und ein fahles dreibeiniges Roß sprenge den Hohlweg entlang, bis zum untergegangenen Dorf und wieder zurück. Der alte Schäfer Abraham habe es schon oft gesehen oder seinen Hufschlag gehört. Aber da, in der »Bubenstube« selbst, war es erst recht nicht geheuer. Hundert Geschichten erzählte man davon. Hierher waren viele gebannt, die keine Ruhe im Grab fanden; auch der Stiefgroßvater, wie die Leute sagten. Er habe Grenzsteine verrückt, gewuchert, eine arme junge Witwe aus Gleiszellen um alles gebracht. Und als er mit ihr einmal hier im Feld zusammentraf, und die Arme ihm Vorwürfe machte, habe er sie im Zorn getreten, daß sie rücklings in die »Bubenstube« hinunterstürzte und den Hals brach. Und nun hatte man sie und auch ihn schon da gesehen, wie er durch das Buschwerk strich, hemdärmelig, in Lupfhosen, Wadenstrümpfen, Schnallenschuhen und weißer Zipfelhaube, genau wie er im Leben wohl auch daheim umhergegangen war.

Von solchen Munkeleien beim Leifeln und Kernen der Nüsse und in den Kunkelstuben mußte unvermeidlich auch manches den jungen Mädchen zu Ohren kommen. Nun dachten sie beide daran, dorten in der Sonntagsstille, als es mit einem Male hinter ihnen raschelte, als streiche jemand durch das Strauchwerk, halte die Zweige auseinander und lasse sie hinter sich zurückschnellen. Erschreckt schrie Gretel auf; Susel sah nur erblassend um und erhob sich, indem sie der Freundin Hand faßte, um sie ebenfalls aufzurichten.

»Ihr Mädel, habe ich euch so erschreckt?« fragte eine Stimme, deren Klang unserer Susel alles Blut wieder aus dem Herzen in die Wangen trieb. Denn vor ihr stand der, den sie nicht so nahe geahnt hatte. »Ihr seid groß und – hübsch geworden!«

»Und wo kommst du denn her, Schorsch?« fragte Gretel, die zuerst wieder ihre Fassung erlangt hatte.

»Ich?« fragte er, während er eine frisch geschnittene Gerte durch die Luft sausen ließ. »Geradewegs von Münster. Ich hatte in Niederhorbach und dann noch in Bergzabern etwas auszurichten und meinen Weg durch die Bubenstube genommen, um nach den jungen Birken zu sehen, ob sie zu Faßreifen heranwachsen. Aber wollt ihr euch nicht wieder setzen?«

Die Mädchen hatten es nicht im Sinn, sondern sie begleiteten ihn nach stillschweigender Übereinkunft den Sandweg am »Bremmenbüschel« entlang über die Bruchwiesen gegen die Fuchsgruben hin. Er sei wegen der nahen Kirchweih auf Besuch daheim, sonst in der Lehre in Edenkoben, sagte er.

»Ach, so weit!« seufzten die Mädchen; denn es waren vier gute Stunden zu Fuß dahin. Auch Michel war fort, in Bellheim.

»Ach der denkt so wenig mehr an mich, als ich an ihn. Es kann ja doch zu nichts führen.«

Nach einer Pause machte Schorsch, der die Ungleichheit des Vermögens kannte, beiläufig die Bemerkung: »Ein oder zwei gute Weinjahre gleichen viel aus. Und du, Susel, denkst du denn noch manchmal an Münster zurück?«

»Oft genug!« sagte sie sanft, hatte aber nicht den Mut, ihn dabei anzusehen.

»Auch an mich?«

»Warum denn nicht!«

»Das freut mich!« sagte er.

»Aber du kommst da ganz von deinem Weg ab!« meinte sie.

»Das macht nichts!« sagte er.

Wieder trat eine Pause ein, in der sich indes eine seltsame Musik vernehmlich machte. Es klang, als ob einer auf einem Lindenblatt den »Lauterbacher« blase und ein anderer als Begleitung: »Ei, du lieber Augustin« dazu pfeife. Als unsere jugendliche Gesellschaft aus dem Hohlweg auf die Feldhöhe kam, wo ihre Richtung den Heerweg schnitt und das stille Dorf hinter den Brachäckern und Obstgärten hervorschaute, kamen auf einem der dort kreuzenden Wege zwei große Bauernburschen mit den Händen in den Taschen und sichtlichem Behagen an ihrer Musik etwas lümmelhaft dahergeschlendert. Schorsch, der nicht nach Oberhofen wollte, grüßte die Burschen aus einiger Entfernung, ohne Gegengruß zu erhalten, verabschiedete sich dann mit einem raschen Händedruck von den beiden Mädchen und schlug auf einem Seitenpfad die gerade Richtung nach Niederhorbach ein, indem er über die Feldhöhe schritt, seine Gerte schwang und vor sich hinsang: »Mädchen meiner Seele, bald verlaß ich dich! Aber du sollst bleiben unveränderlich.«

In demselben Augenblick verstellten die zwei Burschen den Mädchen den Weg.

»Was hat denn der Heidelbeerenschnitzer von euch gewollt?« fragte Stoffel.

»Du siehst doch«, erwiderte Susel, »er geht über Feld.«

»Ich will nicht hoffen, euch zu gefallen«, meinte Stoffel, sich mit seinem Freund Hannes den Mädchen an die Seite heftend.

»Das ginge doch dich nichts an«, antworteten beide Mädchen in einem Atem.

»Das will ich dir doch zeigen!« sagte Stoffel zu seiner Schwester. »Der ist ja noch nicht trocken dahinten. Und wenn ich ihn noch einmal in unserem Feld erwische, reib' ich ihm die Ohren.«

»Ich tät's auch!« fügte der scheele Hannes, vor sich hinlächelnd, hinzu und machte eine Handbewegung, als würde er ihm dazu noch die Rippen entzweischlagen.

»Du nicht und der da nicht!« versicherte Susel gereizt.

»Es gehört sich gar nicht, daß solche Krotten allein sonntags über Feld geben«, fuhr Stoffel fort. »Werdet erst flügge! Es gehört sich nicht.«

»Dich geht es nichts an!« sagte Susel fest.

»Na, wart«, ich werd's der Mutter sagen.«

»Meinetwegen mach' den Angeber!« versetzte Susel. Es war ihr aber doch nicht einerlei.

Dann fingen die beiden Burschen an, sich über die Äcker am Wege zu unterhalten, daß Silbernagel's Spelz schön stehe und der Repsacker einige Fuhren Mist vertragen könnte.

Da tauchte eine Reihe von Mägden auf, die, Arm in Arm, in getragenem Ton fast klagend vor sich hinsangen:

»Wenn ich einst gestorben bin,
Wer wird mich dann bedauern?
Die Vöglein in dem grünen Wald,
Die werden dich betrauern.«

»Gewiß ist eure Nettl dabei«, sagte Gretel. »Ein schönes Lied, wie sie es in Münster singen, nur zu traurig. Kann die Nettl so traurige Lieder singen?«

»Oh, der Nettl ist alles einerlei!« warf, seiner Schwester zuvorkommend, Stoffel hin, während die Sängerinnen grüßend herübernickten und ohne Einhalt drüben langsam den Weg in die Flur hinein verfolgten. »Die singt alles!« fügte Stoffel hinzu. »Was will denn der Holzschlegel in Niederhorbach tun?« erkundigte er sich dann, nochmals auf Schorsch zurückkommend.

»Das bindet er wohl niemand auf die Nase«, war die ärgerliche Antwort. Denn die Mädchen vermochten ihren Widerwillen gegen die ihnen aufgedrungene Gesellschaft nicht zu verleugnen. Sie konnten ihren Unmut jedoch noch so sehr kundgeben, sich hinwenden, wohin sie wollten; die beiden Burschen blieben ihnen zur Seite und schienen es darauf abgesehen zu haben, mit ihnen in das Dorf zu gehen.

»Ihr alten Esel«, sagte Gretel entrüstet, »laßt uns jetzt in Ruhe.«

»Ei, wie lang dauert's«, erwiderte Stoffel gleichmütig, »und ihr seid gerade alt genug für uns.«

»Für euch? Nicht mit einem Stecken möcht' ich dich anrühren, bleibe du mir von der Seite!« sagte Gretel und rannte mit Susel davon, so rasch sie konnten, hinter den Zwetschgengärten hin, so daß die Burschen, um Aufsehen zu vermeiden, nicht weiter nachsetzten.

Aber noch am nämlichen Abend nahm Juliane ihr Töchterchen vor und erkundigte sich, warum sie so schnell heimgelaufen sei.

»Mutter«, klagte Susel, »der alte Stoffel und der scheele Hannes lassen uns keine Ruh«, wenn wir im Feld spazierengehen.«

Die Mutter jedoch schien es ganz in Ordnung zu finden, daß die Burschen sich zu ihnen hielten. Aber Susel beteuerte, sie und Gretel wollten durchaus nichts von den beiden Eseln wissen.

Darauf äußerte die Mutter, man solle nichts so weit wegwerfen, um es nicht wieder holen zu können. Der Hannes sei ein sehr ansehnlicher Bursche.

»Aber er guckt ins Gerstenfeld.«

»Laß ihn nur gucken. Sein Gerstenfeld ist das größte im Gemark. Und außerdem hat er noch andere Felder, über die er weithin gucken kann.«

»Er kann haben, was er will; ich laß mir nicht gefallen, daß die zwei uns überall nachlaufen.«

»Laß es gut sein, Susel. Du weiß nicht, was du willst. Künftig gehst du sonntags mit Gretel nicht gegen Münster zu spazieren, sondern am Bach hinunter, wie Stoffel und Hannes, gegen Niederhorbach hin.«

»Ich kann doch hingehen, wohin ich will, Mutter!«

»Nein, das kannst du nicht«, fuhr Juliane auf. »Und damit fertig meine Küch'!« Das war so ihr Ausdruck, wenn sie keinen Widerspruch mehr hören wollte.

Susel erschrak und sah betroffen vor sich hin. Über das junge Herz kam eine beklemmende Angst, über die sie sich kaum Rechenschaft abgeben mochte. Sie widersprach nicht länger. Sie verhielt sich still, ging von nun an mit Gretel zwar nicht mehr gegen die Kreuzsteinhöhe hin spazieren, aber auch nicht mit dem großen Haufen den Wiesengrund hinunter, sondern blieb zumeist am liebsten daheim.

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