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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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4

Am Herd

Ohne Ahnung, zu welchen weltgeschichtlichen Erörterungen sie Anlaß gegeben hatte, stand unterdes Susel am Herdfeuer und dachte darüber nach: Warum sie nicht auch, wie Vetter Jokebs Gretel und andere junge Mädchen, in die Kirche durfte; warum die Großmutter stets krank sei und doch so guten Appetit habe; warum die Leute sagten, Vetter Balzers Hannes sei als einziger Sohn der reichste Bursche in ganz Oberhofen und einmal für sie bestimmt, weil dadurch am meisten Vermögen zusammenkomme.

Ach, davon wollte Susel überhaupt noch nichts wissen. Es ärgerte sie jedesmal, wenn der große Hannes kam, um Bruder Stoffel zu besuchen. Sie war ja noch nicht einmal konfirmiert. Während andere in die Kirche gingen, mußte sie allein daheim bleiben in dem großen Haus, wo es manchmal hinter der Kelter, auf dem Speicher, im Keller so seltsam raschelte, als ginge...

Horch, war nicht jemand in der oberen Stube? Susel lauschte. Aber es blieb jetzt wieder alles still.

Und nun wußte sie nicht einmal, ob sie mit den anderen Mädchen in Münster konfirmiert werde. Die Mutter wollte nichts davon hören. Warum? In Münster war's doch so hübsch! Dreimal war sie schon drüben gewesen; einmal durchgegangen aufs Münsterer und Eschbacher Schloß – Landeck und Madenburg –, dann wieder auf den Trifels. Und als kleines Mädchen war sie drüben gewesen mit Vater und Mutter beim Reformationsfest, wo die Reformierten und Lutherischen sich die Hände reichten und die Schuljungen oben beim Kirchhof auf dem Kreuzstein zum Angedenken junge Bäume pflanzten.

Ach ja! Vom Kreuzstein hatte sie hinunter gesehen auf den Ort im tiefen Tal, auf die Kirchtürme, auf den Rathausturm, auf die Häuser mit Erkern, auf die uralte Kapelle drüben in den Reben, auf die Höhe oben und die Wingertshäuschen, und gerade gegenüber auf den Schloßturm Landeck, wo jetzt der »Schloßmichel« wohnte, der arme, alte, närrische Mann mit dem langen grauen Bart und dem Zwillichmutzen, den er mit Brombeeren färbte. Die Glocken läuteten und die Mühlenwasser rauschten aus dem Tal herauf. Damals stand der Vater im Kreise mit dem Herrn Pfarrer und anderen Herren, die Mutter plauderte freundlich mit einigen Madamen von Münster, und alle waren im besten Einvernehmen und schönsten Feiertagsstaat.

Und da war einer, vielleicht ein Jahr älter als sie, ein rechter wilder, blonder »Krusel-« oder Krauskopf; Schorsch hieß er, so viel wie Georg. Sie mußte heute noch lachen, wenn sie an ihn dachte, obwohl sie sich zuerst vor ihm fürchtete, wenn er seine Kameraden zurückstieß, um – über zwei Grabhügel gleich auf einmal – zu springen. Es dürfte sonst keiner darüber und es könne auch keiner, sagte er, denn sein Großvater und seine Großmutter lägen da begraben und daneben seine alte Tante; und nun wolle er mit einem Hups über alle drei Gräber setzen, sagte er, indem er zu ihr hersah. Sie zweifelte auch nicht, daß er dazu imstande sei, hatte aber nicht das Herz, es zu äußern, sondern schaute immer wieder beklommen zu der Mutter zurück, die noch mit den Madamen plauderte.

Aber diesmal strauchelte der Blondkopf über dem Grab seiner Tante und purzelte tüchtig hin, war jedoch behend wieder auf und prügelte die andern durch, die gelacht hatten, so daß Susel zurücklief: »Mutter, er händelt!« Und er stritt sich denn auch lärmend mit seinen Kameraden, bis ein älterer Mann Frieden stiftete und die Knaben ausschalt, daß sie sich am Versöhnungsfest über den Gräbern prügelten.

Doch damit war die Bekanntschaft noch nicht aus. Denn der wilde »Kruselkopf« kam zu seiner Mutter und sagte, er wolle heim, er habe Hunger. Seine Mutter schüttelte ihn ab: er solle ihr vorn Nacken bleiben. Und da stand ihm Susel auf sechs Schritte gegenüber, die sich an der Mutter Rock hielt. »Und was bist du denn für eine?« fragte er.

»Was werde ich für eine sein? Von Oberhofen bin ich, und Susanne Groß heiß' ich.«

»Bist du eine Lutherische?«

»Nein, reformiert bin ich. Warum soll ich eine Lutherische sein?«

»Du siehst so aus!«

»Mutter, er schilt, der da, ich sehe lutherisch aus!«

»Ist denn das eine Beleidigung heute, wo sich beide Konfessionen die Hände reichen? Sitz' mir nicht immer so auf dem Nacken, Susel«, sagte die Mutter und wandte sich wieder zu den Madamen. »So sind Kinder, denken nicht an die Bedeutung des Tages.«

Aber hat es jetzt nicht in der Oberstube genauso gekracht – und geknarrt, als ob jemand da droben über die Dielen ginge? Die Mutter war wohl wieder heimgekommen von ihrem Ausgang und hatte sich wohl durch die Spreukammer auf den Speicher und in den Oberstock begeben. Zur Besorgnis war also kein Grund vorhanden.

Damals plauderte die Mutter mit den Madamen von Münster auf dem Kirchhof oben weiter, und auch der Schorsch, der wilde, gab keine Ruhe.

»Eßt ihr heute auch geschnittene Nudeln?« fragte er.

»Ich glaub'.«

»Und was dazu?«

»Hinkelsbrüh'.«

»Das muß gut sein. Was ißt du denn am liebsten? Bratwürst', Fastnachtskücheln oder Leberknöpp?«

»Was gut ist. Aber hast du heute an nichts besseres zu denken als an Bratwürst' und Leberknöpp?«

Und wieder standen sie sich gegenüber, wieder ging es los. Sie erinnerte sich noch an jedes Wort. »Meine Mutter kann aber besser kochen und ist schöner als deine!« hatte Susel erwidert, sie wußte heute noch nicht, wie sie so albern sein konnte.

»Meine Mutter hat schöne Kleider und deine nicht.«

»Und meine Mutter hat viele Äcker und Wingerte, und deine nicht.«

»Und meine Mutter kann ihr Haar abnehmen und in die Schublade legen, und deine nicht.«

»Mutter, er sagt, seine Mutter könne ihr Haar...«

»Willst du still sein!«, sagte die Mutter halb böse, halb lächelnd. »Du bist ja heute nicht zum Abschütteln, du Krott!«

»Ja, aber er sagt, seine Mutter könne ihr Haar abnehmen und in die Schublade legen, und meine nicht.«

Von da ab gab es verdrießliche Mienen und anzügliche Reden. Eine der Madamen fragte, auf den Spitznamen der Leute von Oberhofen stichelnd, ob Frau Groß keinen Spiegel bei sich habe, um hineinzugucken, da sie heute für eine so junge Frau nichts besonders gut aussehe, so als ob es sie friere. Auf diese Anspielung hin brach man die Unterhaltung kurz ab; die Mutter gesellte sich mit Susel zum Vater, und man verließ, sich französisch empfehlend, den Münsterer Friedhof, um über den Kreuzstein heimzuwandern, so daß Oberhofen in einer starken Viertelstunde erreicht war. Die Mutter, auf dem Heimweg ziemlich verdrießlich, machte dem Vater spöttische Mitteilungen über den Verkehr mit den Münsterer »Damen.« Sie war seitdem noch schlechter auf Münster zu sprechen.

Aber horch nur! Da knarrte es wieder ganz deutlich. Susel ging aus der Küche in den Hausflur an der Treppe. »Mutter!« rief sie laut hinauf. »Seid Ihr wieder da?«

Keine Antwort. Susel eilte die Stufen hinauf und sah sich in der Oberstube um. Nichts rührte sich. Die Mutter, wenn sie's war, mochte wohl wieder ihren Rückzug durch die Spreukammer in die Scheune genommen haben. Aber da ließ sich ein Ton hören, als ob jemand eine Tür hinter sich zuziehe. Susel hielt die Richtung ein, aus welcher der Ton gekommen war, und stand bald vor einer verschlossenen Kammertür. Sie rüttelte, vermochte sie aber nicht aufzubringen.

»Ist jemand da?« fragte sie laut. »Ist jemand drinnen?«

Niemand antwortete. Die Kammer war wohl leer, die Tür wie gewöhnlich geschlossen; die Mutter, wenn sie's überhaupt gewesen war, schon durch den Speicher in die Scheuer zurück und kam wohl durch den Hof ins Haus. Susel eilte darum die Treppe wieder hinunter und sah sich im Hofe um. Da regte sich nichts Ungewöhnliches. Das Geflügel ging gackernd umher; die aus dem Feld heimgeflogenen Tauben tanzten krucksend auf den Brettern des Taubenschlags überm Hoftor; die Fenster an Großmutters Zimmer waren nach wie vor verhängt. Aber auch die Mutter war in der Scheuer nicht zu sehen. Das Mädchen schaute sich in den Ställen um –, niemand war da, außer dem Hausvieh. Wer könnte nun auf dem Speicher gewesen sein?

In diesem Augenblick klang es von der Einlaßpforte des »Nadelöhrs« her, indem die Klinke rasch auf und ab bewegt wurde.

»Gleich!« rief Susel und lief auf das Tor zu und schob, während sich von der Gasse viele Schritte und ein leises Kichern hören ließ, den Riegel der äußeren Hoftür zurück.

»Du bist's, Nettl? Die Kirche schon aus?«

»Allemal«, sagte Nettl lachend, »allemal!«, was soviel als »natürlich«, »allerdings« heißen sollte. »Die Aplone kommt auch gleich. Vetter Balzers Hannes ist auch in der Kirche gewesen. Geld mag er haben, aber schön ist er nicht! Er guckt ja ins Gerstenfeld.«

Susel, die mit in den Hausflur zurückgegangen war, wußte wohl, daß dies so viel heißen sollte, wie: er schielt. Beleidigt war sie durch Nettls Bemerkungen keineswegs. »Drum heißt er auch der scheele Hannes«, sagte sie lachend. »Aber dafür kann er nichts. Nettl, geh' einmal hinauf in deine Kammer. Vorher war jemand oben, aber ich kann nicht herauskriegen, wer.«

»Um Gottes willen, geht's wirklich um?« rief Nettl. »Mir ist es manchmal so. Aber meinetwegen. Fressen wird man mich nicht!«

Sie tappte rüstig die Treppe hoch, um sich droben des überflüssigen Staats zu entkleiden und ihr Gesangbuch in die Kiste zu legen. Es fand sich alles in Ordnung, und als sie nach kurzer Weile in die Küche herunterkam, sah sie auch hier die Dinge so gut besorgt, daß sie sich singend und lachend in Scheuer und Stall begab, um nach ihren Kühen zu sehen.

Indes hatten Vater und Mutter von der Straße her langsam den geraden, zum Dorf hinunterführenden Feldpfad verfolgt. Schon die Hälfte der Strecke war zurückgelegt und das Schweigen noch nicht gebrochen.

»Die Krautköpfe müssen demnächst heim!« sagte sie endlich.

»Das kann morgen geschehen«, meinte er. »Wie der Reps schön steht und die Spelz schön aufgegangen ist!«

»Es scheint so!« sagte sie nach einer Pause. »Die Frühschwarzen in den Wingerten sind übrigens zum Herbsten reif.«

»Ende der Woche. Aber, Juliane, was soll der Herr Pfarrer von deinen Reden denken?«

»Ich hab' doch deutlich genug gesagt, was ich will. Du wärst wohl gern noch mit dem Pfarrer nach Gleiszellen hinauf, Henrich?«

»Fällt mir nicht ein; ich wäre am liebsten gleich heimgegangen.«

»Es ist auch wahr!« sagte sie so eigen, daß er fragte, was sie habe. »Sei nur ganz still, Henrich, nur ganz still. Jedes Wort ist zuviel.« Er sah sie mit fragendem Staunen flüchtig an, und dann vor sich hin. Fast wäre er herausgeplatzt, zog jedoch vor, zu schweigen, bis sie wieder anfing: »Die Nettl hätt' auch heute aus der Kirche bleiben können.«

»Das hättest du ihr sagen sollen.«

»Damit sie sich beklage, ich lasse sie nicht in die Kirche. Sie müßt' selber so viel Einsicht haben, da der Fall mit der Eve eingetreten ist.«

»Einsicht bei so leichtsinnigem jungem Volk!« bemerkte er.

»Ein Glück, daß unsere Susel schon so vernünftig ist!«

»Ja, unsere Susel wird brav und hübsch. Verzieh' mir sie nur nicht, Juliane. Was der Hollerstock voll Beeren hängt!« bemerkte Heinrich Groß, über die kleine Barre für das Geflügel in der Zauntür schreitend. »Bist du in den Wingerten gewesen, Juliane?«

»Ich hab' der Großmutter dort die Perschinge geholt. Sie führt in letzter Zeit so wunderliche Reden.«

»Das tut sie schon solange ich sie kenne. Man muß sie reden lassen, Juliane.«

Und ohne ein weiteres Wort gingen sie durch Garten, Scheuer und Hof ins Haus, indes aus dem Kuhstall Nettls Stimme erklang:

»Wenn ich schon keinen Schatz mehr hab',
Werd' ich schon einen finden.
Ging ich's Gäßlein auf und ab
Bis an die Linden.

Als ich an die Linde kam,
Stand mein Schatz daneben.
Grüß dich Gott, mein herztausiger Schatz,
Wo bist du gewesen?«

»Die hat eine schöne Sonntagsandacht aus der Kirche heimgebracht«, bemerkte Groß. »Jugend hat keine Tugend.«

Bei aller Leidenschaftlichkeit war Juliane noch ein kluges Weib, das wohl zu durchgreifenden Entschlüssen geneigt war, wo verletzte Eigenliebe es gebot, aber doch auch Vernunft und Vorsicht walten ließ, wo noch andere Interessen ins Spiel kamen. Die Äußerungen der Großmutter hatten ihre Wirkung nicht verfehlt und einen Keim zum Argwohn gelegt, doch auch das Bedenken erregt, ob sie jenes Gerede richtig gedeutet, ob kein Mißverständnis unterlaufe, ob sie der Mutmaßung – und mehr konnte es nicht sein – nicht zu viel Gewicht beilege. Sie kannte die mißtrauische Schwieger. Dazu fiel ihr schwer, an solchen Verrat an ihr, der Juliane, zu glauben. Auch war ihr noch nie ein Anlaß dazu gegeben, und sie war in der Tat, schon aus Selbstgefühl, schon durch ihre Eigenliebe nicht geneigt, sich solchem Argwohn hinzugeben. Das Verhalten ihres Mannes war ohnehin ein völlig unbefangenes, und Juliane klug genug, nicht selbst Zünder anlegen zu wollen. Was fiel der alten Frau nur ein! Hätte doch auch die treue Aplone schon einen Wink gegeben, wenn's nötig wäre!

Zudem war Juliane im ganzen mit Nettl zufrieden. Bis jetzt war die junge Magd fleißig, bescheiden und treu; und wenn sie sich gern putzte, nun, sie war in den Jahren, wo Mägde den Burschen gern gefallen möchten, – da war nichts weiter dabei. Ihr ohne Anlaß aufkündigen, ging nicht; der Ruf einer Magd war leicht geschädigt, Aufsehen immer vom Übel. Man ist doch so einem jungen Ding einige Rücksicht schuldig. An ihr weiß ich, was ich habe, dachte Juliane, und wechseln tue sie sowieso nicht gern. Zudem war die Frist zur Aufkündigung schon verflossen, Nettl also stillschweigend wieder gedungen. Und warum unnötigerweise der Schwieger eine Genugtuung gewähren, damit sie sagen könne: Da haben wir's ja! Nein!

Julianes stille Beobachtungen entsprachen ihren Wünschen. Was meinte nur die Schwieger! Heinrich Groß war viel zu stolz. Und die Magd saß auch bei Winterbeginn noch bescheiden und still beim Spinnrad in der Stube, lachte nur, wenn andere lachten, sang nur, wenn andere sangen. Ging sie jedoch in der nächtlichen Achtuhrpause auf die Gasse hinaus, da legte sie freilich sofort mit ihrer hellen Stimme drollig genug los:

»Mein Schatz geht über die Gaß',
So dick als wie ein Butterfaß,
Wackelt hin und her,
Als ob's die Aller – Allerschönst' –
Als ob's die Aller – Allerschönst' –
Auf Erden wär.«

Darüber mußte auch Juliane lachen, wenn sie's hörte. Nettl brachte überhaupt erst einiges Leben in das stille Dorf, und war gut zu leiden.

»Aber Obacht muß man auf sie haben«, sagte Heinrich Groß gewöhnlich zu seiner Frau, wenn Nettls Stimme auf der Gasse erscholl:

»Hab' ich dir nicht schon zum öftern Mal gesagt,
Du sollst kommen alle Samstag zu Nacht,
In der Woch sechsmal?
Wärest du gekommen,
Hätt ich dich genommen,
Keinen andern nicht.«

»Das sind so Münsterer Liedchen«, dachte Susel, vor sich hinlächelnd, in der nicht unrichtigen Voraussetzung, Nettls lustiges Wesen rühre von ihrer Dienstzeit in Münster her.

Nach Ablauf der nächtlichen Ruhepause ging dann Nettl, zum heimlichen Ergötzen der Hausgenossen, wieder so still und bescheiden in die Stube, saß so fleißig am Rädchen, als sei sie's gar nicht gewesen, die das stille Dorf soeben mit Gelächter und Gesang erfüllt hatte.

Indes hatte Susel seit jenem Sonntag nichts mehr von dem Spuk im Hause wahrgenommen; es war wohl eine Täuschung gewesen. Auch die Weinlese war vorbei, sogar die Taufe des Enkels von Juliane vorübergegangen, ohne daß es zu weiteren Erörterungen wegen der Konfirmation Susels gekommen wäre. Diese dachte unbekümmert, sie werde wohl schon rechtzeitig eingesegnet werden. Da wurde sie jedoch bei Winterbeginn, einige Tage nach der spät in den November fallenden Kirchweih, in der Schule aufgerufen.

»Nun, Susanne Groß«, sagte der Schulmeister, »es muß sich jetzt entscheiden: Wirst du am Konfirmandenunterricht des Herrn Pfarrers in Münster teilnehmen oder nicht?«

Die Aufgerufene, unter den Augen der ganzen Schule rot geworden wie ein Weidenröslein, vermochte keine Auskunft zu geben. »Ich weiß nicht!« war die einzige Antwort.

»Wir müssen es aber wissen, da du bis Ostern aus der Schule entlassen werden sollst«, äußerte der Schulmeister, sich eine Prise gestattend. »Du bist weitaus die größte von allen. Sag' es deiner Mutter! Setz' dich!«

Susel schämte sich sehr vor den andern Kindern, und ging, diesmal mit Schiefertafel, Gesang- und Lesebuch unterm Arm, eiligen Schrittes allen voraus, was sie um so leichter konnte, als sie nicht bloß die größte, sondern auch die behendeste unter ihren Mitschülerinnen war. Vetter Jokebs Gretel rief ihr mehrmals zu, was sie denn habe. Allein, ohne sich umzusehen, legte Susel die kleine Feldstrecke auf dem bereits gefrorenen Weg rasch zurück und erreichte das stille Dorf und das elterliche Haus mit rotem Kopf. Hastig entledigte sie sich ihrer Schulsachen und stellte sich dann, mit dem Finger am Mund, der Stube abgewandt, an das in den Hof gehende Fenster.

»Na, was gibt's?« fragte Juliane von ihrem Stuhl her, wo sie Brotkrumen für das Federvieh in ihre Schürze schnitt.

»Mich allein hat er gefragt, ob ich nicht in die Konfirmandenstunde gehe, mich allein!«

»Und was hast du gesagt, Susel?«

»Ich wüßte es nicht, habe ich gesagt.«

»Da hast du ganz recht getan. Es geht ihn im Grunde nichts an. Die Sache hat noch Zeit.«

»Zeit? Aber Mutter, heut über vierzehn Tage geht der Konfirmandenunterricht an, und alle andern gehen dann in die Pfarrstunde nach Münster.«

»So laß sie gehen«, sagte die Mutter mit etwas ärgerlichem Nachdruck, als ob ihr daran nichts gelegen wäre.

»Und ich soll daheim bleiben und nicht konfirmiert werden?« entgegnete Susel, beinah weinend. »Ach Gott, ich schäme mich halb zu Tod! Die Buben weisen mit Fingern auf mich.«

»Ei was!« meinte die Mutter. »Lecken doch alle einmal die Finger nach dir.«

»Mutter«, wandte das Mädchen, sich umkehrend, halb flehend, halb vorwurfsvoll ablehnend ein, »ich muß doch konfirmiert werden!«

»Das wirst du auch. Sorge jetzt nicht für ungelegte Eier. Treiben sie mir's zu bunt, nehm ich dich gleich aus der Schule und tu dich bis zur Konfirmation zu unserer Freundschaft ins Elsaß, nach Rott oder Kleeburg hinterm Gaisberg zu den reformierten Schwedenbauern.«

»Was tu ich denn im Elsaß, in Rott oder Kleeburg hinterm Gaisberg bei den reformierten Schwedenbauern? Münster liegt doch näher!«

»Und ich sag': was tust du drüben bei den Münsterer Holzschlegeln und Heidelbeerschnitzern! Da mag's den Moosrupfern von Gleishorbach gefallen, aber mein Kind hat nichts bei den Münsterern zu suchen. Von denen hat jeder seinen Gickel und Krattel, als sei der große Hund sein Vetter, und nichts ist dahinter. Ich kauf' sie alle aus, wie sie drüben sind. Merk dir's. Und jetzt ab und zur Ruh.«

Juliane stand auf, um draußen im Hof die Hühner zu füttern. wobei sie noch unter der Tür dem Töchterchen anbefahl, den Tisch zu decken. Unter Tränen kam Susel dem Befehl nach. Ach, sie hatte sich so gefreut, mit den andern nach Münster in die Pfarrstunde zu gehen. Sie wußte selbst nicht, warum sie sich so gefreut hatte.

Bruder Stoffel trat ein und fragte sie, warum sie weine. Als sie ihm den Grund nannte, gab er ihr keinen Trost, sondern sagte nur: »Ob du in Münster oder anderswo konfirmiert wirst, was habe ich davon?« Und ging hinaus. Die alte Aplone kam, und Susel legte ihr für einen Augenblick das Köpfchen an die Brust; aber verständlich machen konnte sie sich der Tauben nicht.

Inzwischen war der Vater mit einer Fuhre Holz aus dem Wald heimgekehrt und in die Stube getreten, um aus der offenen Schenklade des Eckschranks ein Schoppenglas zu nehmen, das er im Keller aus dem angestochenen Weinfaß füllen wollte.

»Nun, mein Kind, was hast du denn?« fragte er.

»Was soll ich haben? Nichts hab' ich Vater!« war ihre ausweichende Antwort. Aber sie weinte dabei. Er ließ nicht nach, und erfuhr auch, worum es sich handelte. Heinrich Groß war ernster geworden, als er den Schmerz seines Töchterchens sah. »Sei nur ruhig, mein Kind! Nur getrost!« sagte er. »Da hab' ich auch ein Wort mitzureden. Wenn die Not an den Mann geht, wird geschehen, was muß. Bis dahin möcht' ich gern Frieden halten im Hause und mit deiner Mutter. Denn ich fürchte, wenn es einmal zwischen uns zum Treffen kommt, dann aut oder naut! Aber es wird nichts so heiß gegessen, als gekocht. Wenn du auch deiner Mutter folgen sollst, so bin ich doch dein Vater und der Mann im Hause. Hoffentlich läßt deine Mutter mit sich reden.«

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