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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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44

Schluß

An einem etwas kühlen Junitage, als nach längerem Regenwetter der Ostwind wieder das Gewölk über die Rheinebene her gegen die Wasgauberge jagte, wählte die »Nonnensusel« nach dem Mittagessen halbfesttägliche Trauerkleidung, legte Brot und Fleisch nebst zwei Flaschen Wein in ein Körbchen, das sie an den Arm hängte, und griff nach dem Regenschirm. Es war gerade die Zeit, wo nach dem Hambacher Fest die Verfolgung der Führer der Bewegung begann, die Freiheitsbäume nach kurzer Maienzeit wieder umgestürzt wurden und aus allen Orten längs des weinreichen Gebirgs verschwanden; die Zeit, wo man dem »Einmarsch der Bayern« unter dem greisen Feldmarschall Fürst Wrede und der Strafeinquartierung in den beteiligten Ortschaften entgegensah.

»Ich muß über Feld«, sagte die »Nonnensusel« zu der alten Base. Diese führte mit der tauben Aplone, die noch immer ihres vor vierzig Jahren fortgezogenen Daniels in Treue harrte, im Altensitz ein friedliches Zusammenleben, und es bedurfte keines weiteren Wortes, um sie zu mahnen, unterdes die Obhut im Hause zu führen.

Die »Nonnensusel« schlug den zur Münsterer Straße hinanführenden Pfad ein. Im Weinberg an der Straße stand der Stumpe mit den Häckern beim »Rühren« des Bodens um die Rebstöcke. Sie bot ihren Taglöhnern freundlich die Zeit, fragte nach dem und jenem, erhielt achtungsvolle Antwort und wollte nun in den Höheneinschnitt der Straße einlenken, als wieder der Vetter Ebbe, der ebenfalls einen Wingert hier besaß, dahergetrippelt kam, ihr die Hände zärtlich tätschelte und sagte: »Du bist's – ist ebbe kühlicht heute. Du bist brav und gut, Susel. Ich hab's ebbe immer g'sagt.«

»Ich weiß es, lieber Vetter, daß Ihr es gut mit mir meint.«

»So eine Tochter möcht' ich ebbe haben, so ein Kind. Du willst ebbe nach Münster oder nach Gleiszellen hinauf? Na geh' und der liebe Gott sei ebbe mit dir!«

Und dann schlurfte und trippelte das alte zitternde Männchen mit der weißen Zipfelhaube und den hirschledernen Kniehosen die Straße entlang heimwärts, immer vor sich hinmurmelnd: »Die Susel ist ebbe brav, ich hab's immer g'sagt!«

Indes hatte Susel die Anhöhe überstiegen, von wo sich über die Gleiszeller Kirche und Weinhöhen hin der reizende Anblick des Berggeländes von Klingenmünster auftut. Links in der Niederung, hinter der der tannengrüne Forst aufsteigt: Gleishorbach. Der Anblick erinnerte sie an den folgenreichen Beginn der bewegtesten Zeit ihres Lebens. Dort tanzte Schorsch zum erstenmal mit ihr. Rasch schritt sie die Straße entlang bis zur Brücke und Ruhbank, von wo der Weg nach Gleiszellen über die Nebenhöhe hinanführt, an der weißblinkenden Kirche des St. Dionys vorüber.

Diesen Weg schlug die Susel ein. Bald war sie oben im Dorf und stieg, an der protestantischen Kirche vorüber, die steile Dorfgasse hinan, immer steiler, immer höher – über dem Dorf durch die Steinhohl hinauf, bis sie endlich hoch oben in der nach Osten gekehrten Mulde des Hatzelberges auf die entlegene Häusergruppe stieß, die »auf dem Berge« genannt wird. Etwa fünfzehn einzelne, alte Häuser, meist klein und unansehnlich, betten sich droben über den Weinbergen am Rand des Gemeindeforstes von Münster in schattige Haine von Kirschbäumen und Kastanien, voll friedlichen, malerischen Reizes. Von hier aus hat man einen Blick in die fruchtbare, von der blauen Gebirgsmauer des Schwarzwalds geschlossene Rheinebene.

Es war an jenem Sommernachmittag fast kalt hier oben, da der Ostwind, aber nicht die Sonne durch das treibende Gewölk ungehindert Zugang hatte. Die »Nonnensusel« folgte der Biegung des Weges um die kleinen Einzelgehöfte, stets im Baumschatten an einem Waschweiher vorüber, bis an eines der kleinsten Häuschen im Zwickel der Wegscheide. Eine seltsame Stille herrschte hier oben; die Häuschen schienen unbewohnt. Kaum ein Huhn oder eine Gans ließen sich sehen. Vielleicht wurden keine gehalten, wo sie so leicht eine Beute des Fuchses oder Waldgeiers wurden. Susel hätte gern Nachfrage gehalten, konnte aber niemanden entdecken. Nur eine Kinderstimme ließ sich irgendwo in einem eintönigen Gesang vernehmen.

Endlich bemerkte sie einen kleinen blauäuigen Jungen, der zerrissen und barfüßig am Rain unter einem Kirschbaum saß, den Kopf auf die Fäuste gestützt, ins Blaue starrend, als warte er – nach Goethes Wort – auf menschliche Schicksale. Dabei brach er von Zeit zu Zeit in den Kinderruf aus, den er eintönig traurig ausstieß:

»Wind, Wind, weit hinweg!
Sonn', Sonn' daher!«

Der Kleine fror; sein Gesicht war etwas bläulich, wie seine Füße.

»Kleiner«, rief ihn Susel an, »wohnt hier herum nicht die alte Benkerten?«

Die Antwort war ein Blick, der die fremde Frau eigentümlich berührte. Nein, sagte er endlich, seine Großmutter wohne da, und er deutete auf das kleinste der ärmlichen Häuschen. Der Kleine schien also den Familiennamen seiner Großmutter nicht zu kennen.

Susel sah, daß die Tür des Häuschens offenstand, und trat, nochmals nach dem armen Kind zurückschauend, über die Schwelle ins enge, niedere Gemach. Da lag in schlechtem Bett, ächzend und von Fieber geschüttelt, ein bleiches abgezehrtes Weib, in der die Nettl früherer Tage nicht mehr zu erkennen war. Doch sie war es dennoch, denn sie schrie beim Anblick der Eintretenden laut auf, hielt die Hände vor das Gesicht und schluchzte heftig. Während nun draußen das Kind immer wieder den kalten Wind hinweg und die warme Sonne herbeiwünschte, wurden innen Laute der Verzweiflung und zerknirschter Reue gegen liebevolle, aufrichtende Worte des Trostes ausgetauscht, bis Ruhe über die Kranke kam und sie unter Tränen von den stärkenden Erfrischungen genoß, die die »Nonnensusel« in ihrem Körbchen – auch zwei Flaschen alten Weins waren darin – zur Erquickung mitgebracht hatte. Daß auch der gute Doktor Flax hier schon gewirkt hatte, sah sie an der Medizinflasche auf dem Fenstergesims, denn er pflegte armen Leuten die Medizin selbst mitzubringen. Gleichzeitig drückte die »Nonnensusel« der Kranken eine gefüllte Geldblase in die Hand.

»Ich will dir auf einige Tage die Aplone als Pflegerin heraufschicken; die kennt sich aus und wird auch deiner Mutter wehren, mehr für sich zu verwenden, als nötig ist. Du wirst gesund werden und mußt wieder in einen ordentlichen Dienst, so geht es denn nicht weiter. Wenn du dich hältst, steh' ich dir jederzeit bei, und in unverdienter Not wende dich an mich. Verstehst du? – Und nun das Kind. Es soll etwas aus ihm werden, wenn er einen guten Kopf hat. Aber er muß fort, an einen guten Ort, glaube mir. Er soll nicht unter deiner Mutter Zucht bleiben. Ein Vetter, er ist Lehrer im Niederland bei Frankenthal, will sich, da er selbst keine Kinder hat, von Herzen gern – so steht im Brief – seiner annehmen. Da ist das Kind in bester Hand. Es soll etwas aus ihm werden, ich sorge dafür. Schon heute Abend wird der Schneider kommen und ihm Kleider anmessen. Samstagabend kann dann deine Mutter das Kind bringen, Sonntag will der Vetter kommen und das Hennerle mitnehmen. Es ist zu seinem und deinem besten.«

Die arme Mutter willigte auch sofort ein, da sie soviel Einsicht hatte. Alsbald trat denn auch die »Nonnensusel« auf die Schwelle und rief: »Hennerle, Hennerle!«

Das Kind auf dem kalten Rasen unterm Kirschbaum sang nochmals:

»Sonn', Sonn' daher!
Wind, Wind, weit hinweg!«

und kam dann eiligst herbei.

»Willst du lieber lernen, Hennerle, als mit der Großmutter betteln gehen?«

»Lernen möcht' ich!« sagte trotzig der Kleine nach einer nachdenklichen Pause. »Bettelmann werden?« Er schüttelte den Kopf.

»Was denn?«

»Pfarrer!«

»Na, wir wollen sehen, ob du brav bist und einen guten Kopf hast«, sagte sie, nahm den Kleinen an der Hand und führte ihn zur Quelle am Waschweiher, wo er sich sofort an Händen, Füßen und am Kopf tüchtig waschen mußte, worauf sie ihn mit der im Korb liegenden Serviette abtrocknete und ihm dann von dem Brot und kalten Braten reichte, den sie mitgebracht hatte.

»So, jetzt gib mir ein Bäckelchen, Hennerle!« sagte sie, beugte sich nieder und küßte das Kind innig auf beide Wangen. Hierauf reichte sie nochmals mit einem kurzen Trosteswort der kranken Mutter die Hand und eilte, ihre Bewegung verbergend, fort.

Das Hennerle erreichte in der Folge sein Ziel, und seine Entwicklungsgeschichte böte Stoff zu einer weiteren Erzählung, für die hier kein Raum mehr ist. –

Das Trauerjahr verstrich. Allein die »Nonnensusel« behielt ihr zwischen Arbeit und Wohltätigkeit geteiltes Leben bei. Die rauschende Fröhlichkeit schien keine Anziehungskraft mehr auf sie auszuüben. Mit dem Doktor Flax oder der Bas Margaret eine Stunde zu verplaudern, den Kindern beim Spiel zuzusehen, oder auch teil daran zu haben, bildete ihre ganze Erholung. »Was wäre aus den lieben Kleinen geworden, wenn ich jetzt nicht die Nonnensusel hieße? Es hat so sein sollen!«

Ob sie nicht zuweilen darüber nachdachte, warum ihr Schicksal diesen Lauf genommen hat? Gar manchmal tauchten in ihren Erinnerungen selige, glückverheißende Stunden auf. Allein das entsagungsvolle Wort raffte ihre Seele immer wieder aus dieser bedrückenden Stimmung auf: »Es hat nicht sein sollen – und soll nicht sein!«

Eines Nachmittags, als sie am Fenster der Wohnstube saß, dann und wann einen flüchtigen Blick hinaus in die öde Gasse des Dorfes warf und dann wieder auf das leichte Kinderkleid aus Schamaß (Siamoise) niedersah, auf das sie einen Fleck einsetzen wollte, damit Julchen es noch länger tragen könne, kam jemand zu der Eingangspforte herein; wie sie an dem kräftigen Schritt merkte: ein Mann. Ihr klopfendes Herz, ihr errötendes Antlitz ließen die plötzlich aufsteigende Ahnung fast als sichere Erwartung erscheinen. Es war ein noch junger Mann, es war – – Da pochte es schon an der Tür und auf ihr banges »Herein!« erschien der, den sie so sehr geliebt, daß kein anderer ihrem Herzen Ersatz zu bieten vermochte.

»Ich bin doch nicht unwillkommen?« fragte er etwas betroffen über ihr Schweigen.

»Nein, Schorsch, nimm Platz!« sagte sie, sich mit Gewalt zusammennehmend. »Was führt dich hierher nach Oberhofen?« erkundigte sie sich mit erzwungener Gelassenheit, ruhig und nüchtern.

»Was mich hierher führt, Susel?« fragte er. »Kannst du dir's nicht denken? Kannst du dir nicht vorstellen, was mich in das Haus, das du jetzt als Herrin bewohnst, hertreibt?«

O ja! Das konnte sie wohl denken. Sie wußte längst, daß dieser Augenblick kommen würde. Sie hatte ihn weder erhofft noch gefürchtet, sie hatte ihn weder ersehnt noch war sie ihm ausgewichen, sondern willens, die Heimsuchung ruhig über sich ergehen zu lassen. Sie hatte gemeint, ihn mit Gleichmut hinnehmen zu können. Und nun saß sie dennoch fassungslos, mit pochendem Herzen vor ihm, die Augen auf den Zeugfleck gerichtet, ohne Mut, ihn anzusehen.

»Du bist jetzt dein eigener Herr, Susel, hast über dich selbst zu verfügen. Wenn ich nun frag', was hält dich noch ab, meine Hand anzunehmen, was würdest du antworten?«

»Ich würde sagen: es kann nicht sein«, sagte sie leise, aber bestimmt.

Es schoß ihm bleich über das Gesicht. Rasch erhob er sich. »Wie, Susel, hast du mich ganz aus dem Sinn geschlagen, ganz aus deinem Herzen gerissen?«

»Nein, Schorsch«, sagte sie, indem sie ebenfalls vom Stuhl aufstand, ohne jedoch das Kleidchen loszulassen. »Nein. Ich hab' dich nicht vergessen, die Erinnerung an dich nicht aus dem Herzen gerissen. Allein ich sehe: es hat nicht sein sollen. Was wäre aus den armen Kindern da geworden, wenn mir das Glück geworden wäre, wie ich geglaubt, daß es mir werden müsse? Und was würde aus ihnen werden, wenn ich nur an mich und – an dich dächte?«

»Sind es deine Kinder?« fragte er hart und vorwurfsvoll.

»Ja«, sagte sie festeren Tones, »es sind meine Kinder jetzt, und sie machen mir zu schaffen gerade genug. Ich habe Familie, habe eine Haushaltung zu versorgen; an Arbeit und Zeitvertreib fehlt es dabei nicht. Guck', Schorsch, wenn uns das erhoffte Glück versagt wird, wissen wir nicht warum. Später erfahren wir es. Und doch können wir uns selbst sagen, wenn uns der liebste Wunsch versagt bleibt: Wer weiß, wozu es gut ist.«

Er machte eine ungeduldige Bewegung. »Also dieser Kinder wegen, die dich gar nichts angehen –«

»Nein, Schorsch«, sprach sie sanft. »Die Wahrheit ist, ich würde mich kaum anders entscheiden, auch wenn sie nicht wären.«

»So? Und wenn ein anderer käme, der dir besser anstände?«

»Red' nicht so, Schorsch«, bat sie. »Du weißt ja doch, mußt es wissen, daß dies nicht der Fall sein kann; niemand, gar niemand auf der Welt stände mir besser an.«

»Dann versteh' ich dich nicht mehr«, erwiderte er. »Du willst also wirklich aller Lust und Freud' deiner jungen Jahre entsagen, willst ledig bleiben dein Leben lang, als eine Nonne? Heißen sie dich doch schon die Nonnensusel!«

»Laß' sie mich so heißen, der Name schändet nicht«, sagte Susel. »Und wenn du's so nennen willst – dem Leben entsagen – ja! Was du Lebensfreud' nennst, der will ich allerdings entsagen – und gern. Es fehlt aber meinem Leben nicht ganz so die Freud' und Lust, wie du dir vorstellst.«

Er schien noch immer nicht an die Unerschütterlichkeit ihres Entschlusses glauben zu können, denn nochmals fragte er: »Und wirklich, Susel, du läßt mich gehen ohne Hoffnung?«

»Du wirst dich trösten, Schorsch«, versetzte sie lächelnd, »glaube mir, bald trösten! Und eine, die vielleicht auf dich wartet, wird es mir danken, wenn sie dich lieb hat, daß ich in dieser Stunde standhaft geblieben bin. Guck', Schorsch, du kannst noch leicht mit andern glücklich werden, mit der Kathel, – gleichviel! Ich verlange nach allem, was ich erlebt habe, nach solchem Glück nicht mehr, habe mein Los gewählt und bin damit zufrieden.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß ich einen Metzgergang gemacht habe und mit einem Korb abziehen muß«, äußerte er bitter. »Vor Jahren hättest du dich anders entschieden!«

»O ja, vor Jahren!«

»Und jetzt soll alles zwischen uns aus sein?«

»Du wirst mir immer freundlich im Gedächtnis stehen, Schorsch«, sprach sie gefaßt. »Geh' hin, Schorsch, und sei glücklich, wenn du nicht warten willst, bis jemand kommt, den ich nach einem Glas Wein in den Keller schicken kann.«

»Merci, ich danke wirklich, Susel. Ich bin nicht durstig, hab' eben in Pleisweiler beim Jung einen Schoppen getrunken. Das Wetter ist ja nicht heiß, es ist sogar etwas kühl.« Und er schüttelte sich und wandte sich nach der Tür, drehte sich dann nochmals um: »Dein letztes Wort, Susel?«

»Es ist gesagt. Adieu, Schorsch!«

»So leb' wohl. Adjes!«

Er trat hinaus, zog die Tür hinter sich zu, ließ die Klinke einfallen, ging durch den Flur. Susel, mit der Hand am zuckenden Herzen, hörte ihn über die Schwelle des Hauses den Plattenweg entlangschreiten, die Tür der Eingangspforte öffnen und – erst nach einer Weile wieder hinter sich zuwerfen, hörte noch draußen auf der Gasse des Dorfes seinen Tritt – und legte niedersinkend den Kopf in die Hand.

Eine Weile verharrte sie in dieser Stellung. Dann aber suchte sie wieder ihren Platz am Fenster auf und wandte alle Aufmerksamkeit dem Fleck zu, den sie auf den Riß im Kinderkleidchen setzen wollte. Dabei rollten zwar die Tränen groß und heiß über ihre bleichen Wangen und auf das gestreifte Zeug herab.

Und als der Fleck gerade aufgesetzt war, stürzten die Kinder herein; ihr Julchen mit Pöppel voran, dann Lieschen und das ganze Gefolge der kleinen Jerge und Even, und sie brachten alle großen Appetit mit.

Susel war aufgestanden und hatte sich die Augen getrocknet. »Na«, rief sie dem wilden Heer freundlich zu, »was wollt ihr: Kuchen oder Hasenbrot?«

»Hasenbrot mit Fleisch!« schrie Pöppel.

»Buben- oder Mädelkrust'?« fragte Susel.

Die Knaben entschieden sich natürlich für Bubenkruste, die obere bräunliche, harte Brotkruste, obwohl ihnen die Mädchenkruste, die weißmehlige untere Kruste, auf der der Brotlaib aufliegt, besser gemundet hätte. Aber das hätte Weichlichkeit verraten. Die Mädchen dagegen waren für ihre Kruste, mit Ausnahme des kleinsten – ein eigensinniges Ding, das hartnäckig auf Bubenkruste bestand.

Susel sah eine Weile zu, wie die Kinder mit leuchtenden Blicken in ihr Vieruhrbrot bissen. und ohne ein Wort des Dankes es sich schmecken ließen. Und sie weinte nicht, fühlte sich nicht mehr unglücklich, da nun auch die Taglöhner zum »Abendbrot«, das drei Stunden vor dem Nachtessen mit Wein gereicht wird, kamen. Sie fand keine Zeit, sich unglücklich zu fühlen – die »Nonnensusel.«

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