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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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42

Eine Wendung

Ruhe und Sicherheit war seitdem von Susel gewichen. Jeden Augenblick befürchtete sie vom Büttel eine Ladung vor den Bürgermeister zu erhalten, oder daß ihr eine Vorladung vom Gericht zugestellt werde, wenn nicht noch Schlimmeres. Von der Mutter war das Ärgste zu erwarten; einer Frau von ihrem Schlage, die sich durch ihr Kind so verletzt fühlte, war alles zuzutrauen, nachdem ohnehin die Angelegenheit hinlänglich Aufsehen erregt hatte.

So plante Susel ihr Flucht fortzusetzen, sobald sich zeigen werde, daß die Mutter ihre Drohungen verwirklichen könnte. Sie brauchte doch nur quer über die Wiesen hinlaufen und am Haftelhof vorüber die Feldwege einhalten, um in einer Stunde über der Grenze und damit aller Verfolgung entrückt zu sein. Dieser Ausweg blieb ihr im letzten Augenblick der Gefahr. Indes hatte sie sich auch hingesetzt und einen Brief an den Vetter ihres verstorbenen Vaters geschrieben, der Schulmeister im »Niederland«, in der Gegend von Frankenthal, war. Dieser Brief machte ihr viel Bedenken, und nun mußte sie ihn noch zur Post nach Bergzabern oder Weißenburg tragen oder bringen lassen. Sie war froh, als er fort war.

Es vergingen Tag um Tag und Nacht um Nacht in Sorge, wenn auch nichts erfolgte. Eine Woche verstrich, ohne daß sich weiteres ergab. Ebensowenig kam eine Antwort vom Vetter. Freilich drangen auch keine Nachrichten über die Vorgänge im Lande draußen in das traute Heim am Otterbach; die politischen Stürme störten nicht den Frieden des häuslichen Herdes der Frau Amy.

Allein die Leute im Oberlande, wenigstens im Dorf selbst, waren unterdes aufmerksam geworden auf die eigentümliche Bewandtnis, die es mit dem jungen »Bäschen« hatte. Die Umstände, unter denen Susel bei Amy Zuflucht gefunden, konnten auf die Dauer nicht verborgen bleiben. Neugierige Blicke und anzügliche Reden verfolgten und quälten die Arme auf Schritt und Tritt. Da beriet sie sich ernstlich mit der Freundin, ob es nicht dennoch rätlich und Zeit sei, über die Grenze zu wandern und sich nach einem Platz umzusehen, wo man fleißige Hände brauchen konnte.

Gewöhnlich ging sie mit ihrem Wasserkübel an die Brunnendeichsel, ohne sich weiter in das Geplauder der andern einzulassen. Einmal aber mußte sie anhören, wie über ihre Verhältnisse nicht mehr gemunkelt, sondern laut gesprochen wurde. Von einer Frau aus Pleisweiler, die auf dem Weg nach Weißenburg im Dorf sich aufgehalten hätte, habe man gehört, sie sei eine entlaufene Frau, die ihrem Mann durchgegangen sei, weil der voll Schulden stecke und sich nicht mehr zu helfen wisse. Seine Gläubiger griffen blindlings zu, er sei ein verlorener Mann, liege krank daheim und werde nicht mehr aufkommen.

Aber sie mußte noch Weiteres mit anhören, als da erzählt wurde, wie reich sie sei. Ja, und ihre Mutter sei jetzt ganz zufrieden und mit der Verwandtschaft ziemlich guter Dinge darüber, daß die Tochter den Schritt getan und ihrem schlechten Mann schon in der Hochzeitsnacht durchgebrannt sei. Der Lump verdiene es nicht besser, als elend zugrunde zu gehen, und es sei ein Beweis von der ganz besonderen Gescheitheit ihrer klugen und entschlossenen Tochter, daß sie ihn schon so früh durchschaut habe und sofort davongegangen sei.

Wie? dachte Susel mit innerer Entrüstung. So sehr verkannte man ihre Sinnesart und die Beweggründe ihrer Flucht? War es denn möglich? Und die Mutter wäre jetzt mit ihrem Schritt einverstanden, lobe sie darum, befangen in einer Anschauung, von der ihr eigenes Wesen weit entfernt war. Und auch die andern teilten diese Auffassung. Susel verstand die Welt und die Menschen nicht mehr. Und der Kronenwirt wirklich ein Mann, um den es geschehen sei hinsichtlich seines Vermögens und seiner Gesundheit! Und niemand hatte eine teilnahmsvolle Äußerung für ihn!

Susel kam nachdenklich und etwas verstört heim, und blieb es auch bei Tisch. Nur mit den Kindern beschäftigte sie sich viel und reichte ihnen schweigend bald dies, bald das.

Unterdessen kam ein Charabanc die Gasse herunter und hielt gerade vor dem Hause der Amy. Der Kutscher im blauen Kittel auf dem Vordersitz guckte nochmals nach dem Brunnen zurück, wo die Weiber ihm auch zunickten, daß er an der rechten Stelle sei.

Susel sah zum Fenster hinaus, und wurde weiß wie das Linnen auf der Bleichwiese drüben am Brunnen. Sie kannte den Fuhrmann im Blaukittel, sie kannte den Wagen. Es war derselbe, in dem sie die Heimfahrt von der Hochzeit gemacht hatte. Heute aber saß an der Stelle des Brautpaares eine kleine alte Frau zwischen zwei Kindern, ganz kleinen Mädchen, die jetzt hastig nacheinander, als der Knecht seine Peitsche aufsteckte und zu Boden sprang, vom Wagen kletterten.

Susel wurde blaß und blässer. Sie vermochte sich kaum mehr auf der Bank, auf die sie niedergesunken war, zu halten, während die Kinder die Treppe herauf und immer näher kamen. Und jetzt standen sie in der Stube, zwischen ihnen, jedes an einer Hand haltend, die Base des Kronenwirts.

»Guten Abend«, sagte sie, mit ihren trüben Augen in der niederen Stube umhersuchend, um sich zurechtzufinden. »Bin ich hier im Hause der Frau Amy, die ihrerzeit einmal in Oberhofen gedient hat?«

»Gewiß!« sagte die Hausfrau, gespannt, was da folgen sollte, »die bin ich.«

»Es soll sich ja bei Euch Susanne Groß, jetzt verehelichte Kurz, aufhalten.«

Indes hatten schon die beiden kleinen Mädchen die Gesuchte erkannt; sie rissen sich von der Seite der Base los und liefen auf Susel zu. »Mutter! Mutter!« riefen sie durcheinander. »Willst du denn nicht unsere Mutter sein? Sind wir denn nicht brav gewesen? O Mutter, der Vater ist so krank, so arg krank. Es tut ihm so leid, so leid um dich, und er kann nicht sterben – er hat's uns dreimal gesagt, – wenn du ihm nicht alles vergeben willst.«

Da wankte auch die alte Frau auf Susel zu, die jetzt wie ein Marmorbild, mit den Händen im Schoß, auf der Wandbank saß. »Ach ja, Susel, die Kinder reden die Wahrheit«, fing die Alte an. »Erlaube einer alten Frau, die es gut meint, du zu dir zu sagen. Guck', Susel, er ist kein Lump, kein elender Tropf, kein schlechter Kerl, wie ihn jetzt deine Mutter, die Bas Juliane, schilt, die nichts mehr von ihm wissen will, seit seine Vermögensverhältnisse aufgekommen sind. Nein! Er hat sich geschunden und geplagt die Jahre her, um alles in Ordnung zu bringen. Aber die lange Krankheit seiner ersten Frau, die schlechten Zeiten und das Mißgeschick! Er hätte sich durchgebissen, er hatte den ernsten Willen dazu, ohne dein Zugebrachtes anzugreifen, weil er wieder Kredit gehabt hätte. Und ein einziges gutes Weinjahr hätte ihn wieder herausgerissen. Aber es sollte nicht sein. Du hast getan, was du nicht lassen kannst. Kein Vorwurf; er hat dir nie einen gemacht, und auch deine Mutter macht ihn dir jetzt nicht mehr. Du hast's getan, du bist fort in der Nacht, und das Fenster ist aufgestanden und er hat von da an stärker gehustet. Du hast's getan, Susel, nicht ohne Ursach', und weißt warum. Darüber kein Wort mehr. Er hat es gewußt, und ich auch: sobald es unter die Leute kommt, ist er ein verlorener Mann. Und so ist es auch gewesen. Sein Schwager hat die Hand von ihm abgezogen, Philippine sagte, es gehe sie nichts an, daß ihr Bruder soviel Schulden habe, und du hast es gewußt.«

»Nein!« kam es jetzt von Susels blassen Lippen. Und sie sprang von der Bank auf, sich nach einer neuen Schürze, nach einer Halskrause umsehend, »nein, Gott sei mein Zeuge!«

»Deine Mutter sagt's. Und so haben sie alle zugleich zugegriffen und ihm den Hals zugeschnürt. Er hat's nicht lange ausgehalten, der Konrad, und an's Aufkommen denkt er nicht mehr. Nur seine Kinder – – –.« Der alten Base stockte die Stimme. »Wer nimmt sich der armen Würmchen an? Nur seine Kinder machen ihm noch Sorge, und du, Susel! Reue und Sorge, daß er nicht ruhig sterben kann, wenn du ihm nicht vergibst, wenn du ihm nicht verzeihen willst, daß er so falsch gegen dich gewesen ist, dir seine Vermögensumstände verhehlt hat, daß er als ein schlechter Mensch vor deinen Augen aus dem Leben gehen soll, wenn du ihm nicht verzeihst.«

»Ach, Mutter, ja«, riefen hier die Kinder, »sei dem Vater wieder gut! Tu ihm verzeihen.«

»Ich ihm verzeihen, ich ihm?« fing Susel jetzt an, drückte die kleinen Mädchen an ihre Brust und strich ihnen das Haar zurecht. Dann glättete sie ihr eigenes Haar, band die neue Schürze um und legte die Halskrause an. »Das habe ich nicht geahnt. Er will Vergebung von mir

Sie nahm das Kleinste auf den Arm, das andere an der Hand. »Kommt, Kinder, zum Vater. Kommt Base, zu meinem Mann. Lebe wohl, Amy! Lebt wohl, Susele und Kätherle! Der liebe Gott segne und vergelte eure Lieb' und Güte, die ihr einer Unglücklichen in ihrer schweren Not bewiesen habt. Adieu, Amy, adieu!«

»Aber Susel, wie du gehst und stehst?«

»Den Kapuzenmantel, den ich mitgebracht habe, bring' mir nach dem Wagen und grüß' mir deinen Mann schön.«

So eilte sie mit den Kindern des Kronenwirts die Treppe hinunter, als dürfte keine Minute mehr versäumt werden. Rasch saß sie oben bei den Kindern, die Base neben dem Stumpen, der mit einem wahrhaften »Hurra!« in die Pferde hineinklatschte, daß es im Fluge über Berg und Tal ging. In dem Wasgaustädtchen Bergzabern ließ Susel etwas Backwerk in den Wagen reichen. Weder sie selbst, noch die Base hatten Appetit, nicht einmal der Stumpe Durst.

»Aber was wird deine Mutter sagen, Susel?« fragte die Base bekümmert, indem sie sich vom Vordersitz zurückbeugte.

»Was meine Mutter sagen wird? Ich denke doch, gerade sie werde nichts sagen, wenn ich zu meinem Mann zurückkehre, wo er in Not ist.«

»Das ist alles anders, Susel«, sagte die Base, »alles ganz anders.«

»Wieso?« fragte Susel erstaunt. »Wenn der Mann, dem sie mich hingegeben hat, krank und unglücklich ist, wo anders soll dann mein Platz sein, als an seiner Seite?«

»Ja, so denkst du!« entgegnete bitter lächelnd die kleine Base. »Ob aber auch die Welt oder gar deine Mutter! Du kennst die arge Welt noch lange nicht, liebe Susel; sie wird deine jetzige Handlungsweise noch weniger begreifen, als deine Flucht, mein Kind. Gib acht, was deine Mutter für Augen machen wird, wenn sie dich mit uns anfahren sieht! Sie wird es gar nicht verstehen, daß du mit uns zum Kronenwirt zurückwillst, wenn sie es überhaupt zugibt und dich nicht lieber unter großem Spektakel ganz zurückhält!« setzte die kleine Frau hinzu, als man noch wenige Schritte von der Ruhbank entfernt war, wo der Weg nach dem stillen Dorf ablenkt.

»Meint Ihr, Base?« fragte Susel, bedenklich geworden.

»Ich weiß es!« antwortete die Base, sich tief in ihr Tuch hüllend.

»Dann halt, Stumpe!« rief Susel dem Knecht auf dem Vordersitz zu, der die Pferde schon nach dem nahen Oberhofen hin hatte einlenken lassen. »Nur geradeaus, über Münster heim! Und so schnell, als die Gäule können!«

Der Stumpe zog die Zügel an, ließ die Pferde zurückhufen und auf der Straße weitertraben, indem er lustig mit der Peitsche klapperte.

Es wurde wenig mehr gesprochen. Die beiden Füchse flogen nur so die Straße dahin. Nur auf den Höhen, wo sich der Weg wieder in ein neues Tal senkte, stutzten sie jedesmal, bis es dann im Tal desto rascher vonstatten ging und endlich auch die Kreuzstraße überwunden war. Ohne beim Ochsenwirt anzuhalten, ohne daß sich Susel beim Rathausbrunnen auch nur umsah, ging es durch Münster. Sie konnte es kaum erwarten, daß endlich der Wagen am Ziel hielt.

Es war schon dunkel, als man ankam. Die Fenster der Häuser waren schon vom abendlichen Lampenlicht erhellt, und so blieb Susel davon verschont, wie ein Meerwunder angestaunt zu werden. So wenig sie selbst vielleicht in diesem Augenblick berührt wurde, dankte doch die kleine Base ihrem Schöpfer, daß die Dunkelheit es unmöglich machte, und auch der Stumpe, der bei der Fahrt durch Münster fürchterlich mit der Peitsche geknallt hatte, vermied hier jeden Lärm, jedes auffällige Geräusch.

*

In der Wirtsstube »Zur Krone« brannte eine Unschlittkerze in einem blechernen Leuchter. Zwei Männer gingen da auf und ab, ein dicker und ein dünner, langer. Und zwar richteten sie ihren Spaziergang auf den Zimmerdielen so ein, daß, wenn der eine herwärts ging, der andere hinwärts marschierte, so daß sie fast regelmäßig aufeinanderstießen und bei ihren vergeblichen Ausweichversuchen einander grimmige Blicke zuwarfen. Jeder von ihnen hatte ein Glas Wein auf dem Tisch stehen. Allein sie schienen nur zu trinken, weil der Wein besser durch die eigene, als durch eine fremde Kehle floß, weil sie nicht bar dafür zu zahlen hatten, sondern der Preis doch von der Schuldenmasse abgerechnet werden konnte. Indem sie den Wein tranken, verloren sie gegebenenfalls doch nur einige Groschen weniger.

Dabei ergriff bald dieser, bald jener die Lichtputzschere und schnippte den langen Docht, dessen schwelender Dampf auch ins nächste dunkle Zimmer drang, in das sie dann und wann ihre Wandelbahn fortsetzten, um Schränke und Kommoden zu betasten und zu untersuchen.

Jetzt öffnete sich die innere Tür des Gastzimmers. Ein kleiner, hagerer Mann mit Brille und Glatze kam herein und schrie: »Türe zu! Ein für allemal! Und bleiben Sie aus dem Nebenzimmer!«

»Sie tun so, Herr Doktor«, entgegnete der Dicke, »als ob Sie hier mehr zu sagen hätten als unsereiner!«

»Allerdings habe ich das, solang ein Kranker im Hause unter meiner Behandlung liegt.«

»Und wenn er morgen stirbt«, fiel der Lange brutal ein, »so wird man Ihnen zeigen, wo der Zimmermann 's Loch gemacht hat, wenn's nicht heute noch geschieht. Auf dem Boden hier haben wir das Recht zu stehen und zu gehen, nicht Sie.«

»Unsinn!« äußerte gereizt Dr. Flax, dem der Kronenwirt sich zuletzt noch aus dem Grunde anvertraut hatte, weil er Susels Vertrauen besaß. »Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, laß ich Sie nausschmeißen, alle beide!«

»Durch wen, Herr Doktor?« meinte der Dicke. »Ist kein Knecht da, nur die Magd, die uns den Wein bringt; 's ist ja nichts mehr im Hause! Sie sind jähstützig, Herr Doktor, zähmen Sie sich!«

»Geben Sie acht, Männchen«, fügte der Dicke höhnisch hinzu, »daß nicht morgen Sie selbst hinausgeworfen werden.«

»Gleichviel«, antwortete der Doktor entscheidend, »wenn Sie sich nochmals unterstehen, da ins Nebenzimmer zu kommen, schröpfe ich Sie, setze Ihnen die Lanzette ins Fleisch – sie ist giftgetränkt – daß Ihnen Hören und Sehen vergeht. Verlassen Sie sich darauf.«

Dr. Flax wollte gerade ins Krankenzimmer zurück, als eben der Wagen draußen vorgefahren war. Jemand eilte den Kindern und der kleinen Base voraus durch die Wirtsstube und ins Nebenzimmer.

»Wer ist das Frauenzimmer, das da mit den Kindern gekommen ist?« fragte der Dicke die alte Base.

Diese lief rasch weiter und klinkte die Tür hinter sich zu, während die Vorauseilende eben den Doktor erreichte, als dieser leise wieder die Tür des Krankenzimmers öffnen wollte.

»Herr Doktor Flax, darf ich zu meinem Mann?«

»Engel und Bote Gottes! Susel, Susanne, sind Sie es denn?«

»Wie Sie sehen, Herr Doktor! Darf ich hinein?«

»Vorbereitung nötig, Vorbereitung, liebe Sanne oder Sonne meines Lebens. Und – was wollen Sie von dem Armen? Ihn pflegen, seiner warten, ihm zur Seite stehen, wie es einer rechtschaffenen Frau gebührt?«

»Das wiI1 ich!«

»Wirklich? Und Sie wissen nicht, daß er ein zugrunde gerichteter Mann ist?«

»Ich weiß alles.«

»Sonne, Sanne, Susanne, Susel!« Und der alte Kerl fiel ihr um den Hals. »Oh, ich wußte es ja, ich wußte es, ich habe nicht gezweifelt, als alle zweifelten. Aber es bedarf Vorbereitung! Vorbereitung! Still verhalten! Komm' gleich wieder!«

In der Tat nur kurz im Krankenzimmer verweilend, kam er rasch wieder heraus.

»Er hat die Stimme gehört, seine Augen leuchteten! Nur herein!«

Und Susel trat in das Zimmer, ans Krankenbett, faßte die nach ihr ausgestreckten abgezehrten Hände.

»Du kommst, kommst zu mir Susel!« sprach er leise und ein überirdischer Glanz lag in seinem Blick. »Wie gut du bist! Und – du hast mir verziehen?«

»Dir verziehen, dir?« sagte sie, sich zu ihm niederbeugend. »Oh, daß du mir vergeben könntest, Konrad!«

»Sprich nicht so!« entgegnete er matt. »Sieh, Susel, daß du nur wieder gekommen bist! Jetzt mag alles kommen, wie es soll! Ich weiß, du nimmst dich meiner Kinder an.«

»Meine Kinder sind es, Konrad, meine Kinder.«

Ein Lächeln glitt über seine Lippen. »Nun, da mag es denn bald zum Sterben gehen!« sagte er, und sah glücklich vor sich hin, ihre Hand haltend, bis er sanft schlummernd den Kopf in die Kissen legte.

»Das war Lebensbalsam für ihn!« flüsterte der Doktor ihr zu. »Wenn er noch davonkommen könnte, hätte ihm das geholfen. Nun hinaus, lassen wir ihn schlafen!«

»Wer sind die Männer in der Wirtsstube?« fragte Susel leise.

»Das ist der Rosenthal von Ingenheim, der Hauptgläubiger, und der Herr Christ von Kandel, der zweite.«

»Was wollen sie?«

»Was sie wollen? Sich weiden, was sonst! Der Rosenthal ließe noch mit sich reden, er ist der schlimmste nicht! Aber der Christ, der Christ!«

»Ich will einmal mit ihnen reden und nur schnell einen anderen Rock anziehen. In den Schränken, da müssen meine Kleider hängen.«

Der Doktor schlich sich leise ins Krankenzimmer zurück, um den Schlaf des Kranken zu prüfen, während Susel, so rasch sie konnte, ein Kleid überwarf, und sich dann hinaus in die Küche begab, um nach dem Nachtessen zu sehen. Vor dem Eingang zur Wirtsstube begegnete ihr Stumpe mit einer Peitsche und einem der landesüblichen »eingebändelten« Knittelstöcke in der Hand.

»Bas«, sagte er, »soll ich die zwei da drinnen mit dem Peitschenstiel, mit dem Eingebändelten, oder mit einem Stuhlbein? Soll ich Ihnen die Hälse zudrücken, soll ich sie ebbe wie weiße Rüben, wie Dickrüben oder Grundbirnen –« und er machte die Bewegung des Zerstoßens. »Oder soll ich sie lebendig auffressen? Wenn's die Bas haben will – mit dem größten Appetit!«

»Nichts von alledem sollst du tun, Stumpe!« befahl Susel. »Verhalt' dich ganz ruhig. Die Leute sind in ihrem Recht und tun nichts Ungesetzliches!«

Hierauf trat sie selbst in die Wirtsstube, wo die beiden Gläubiger noch immer verweilten, als wolle keiner zuerst fort, jeder den anderen überwachen.

»Guten Abend«, sagte Susel, »wünschen die Herren noch ein Glas Wein?«

»Weiß wirklich nicht«, sagte der Herr Rosenthal, während auch Herr Christ etwas verdutzt dreinschaute. »Mit wem hab ich denn die Ehre?«

»Ich bin die Frau des Kronenwirts«, sagte Susel, und schnappte selbst mit der Putzschere den Docht, worauf sie noch eine andere Kerze anzündete und in einen der Leuchter ihres Brautschatzes setzte.

Indes hatten beide wie auf Verabredung ihre Mützen herabgenommen, die sie die ganze Zeit über auf dem Kopf behalten hatten.

»Sie wollen also nicht mehr trinken und schon weg?« fragte Susel.

»Weg? Nun, wie sich's macht«, sagte Rosenthal. »Wenn der Herr Christ mich nach Ingenheim begleitet, hat er morgen früh eine Viertelstunde näher nach Kandel.«

»Ich kann auch hier in der Krone übernachten!« meinte Christ mit ausweichendem Trotz.

»Schwerlich«, entgegnete Susel. »Es scheint kein Zimmer im Haus gerichtet zu sein.«

»Er ist ein vermögender Mann, hat viel zu gut, einer der Gläubiger«, wandte hier Rosenthal ein, wohl mit dem Versuch, der jungen Frau mehr Respekt einzuflößen. »Nicht der Hauptgläubiger, der bin ich, denn ich habe zu kriegen 6000 Gulden nebst Zinsen, – aber doch der zweite nach mir. Der Kronenwirt ist ihm schuldig an die 4500 Gulden, und nun kommt das Gericht und versiegelt.«

»Ich denke nicht«, sagte Susel gelassen. »Mein Mann kann alles bezahlen, wenn auch nicht auf einmal.«

»Was Sie da sagen, Frau Kronenwirtin!« fuhr Rosenthal fort. »Könnt' er zahlen, käm' es nicht zur Versteigerung. Er kann nicht zahlen, und sein Schwager sagt, es ginge ihn nichts an, und seine Schwester und Schwiegermutter sagen, es ginge sie nichts an, und alle Blutsfreunde sagen, es ginge sie nichts an. Wie kann er da zahlen?«

»Wenn nicht er, so zahlt seine Frau, oder bürgt für ihn«, versetzte Susel mit derselben Ruhe. »Bin ich Ihnen gut für 6000 Gulden? Nun, Herr Rosenthal?«

»Gott, wie kommen Sie mir vor, Frau Kronenwirtin? Für zehntausend sind Sie mir gut, und für noch mehr. Wenn 's so steht, kann's stehen bleiben, braucht für jetzt gar nichts bezahlt werden, als die Zinsen. Hab' ich doch nicht gewußt, daß seine Frau noch wissen will von ihm und seinen Schulden.«

»Gut, Herr Rosenthal, jetzt wissen Sie's. Und Sie, Herr Christ, Sie wollen Ihr Guthaben wohl gleich bar?«

Der blickte ziemlich sauertöpfig drein.

»Oser«, sagte Rosenthal, »machen Sie kein Gesicht wie eine frisierte Werr. Der Mann ist gut, weil die Frau gut ist. Es hat mich gefreut, die Bekanntschaft einer so braven Frau zu machen, Frau Kronenwirtin. Wenn's so steht, kann's stehen bleiben.«

»Gute Nacht!« sagte Christ unwirsch und ging mit Rosenthal nach Ingenheim.

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