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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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41

Neuer Kampf

Auf den Wiesen vor dem freundlichen Haus traten schon die Schlüsselblumen und die Marienblümchen, auch Hasenblumen genannt, hervor. Ja selbst die Dotterblume begann schon goldene Placken und Felder in das frühlingsgrüne Tal zu malen. Da wanderte eines Nachmittags Susel mit einem mächtigen »Locken« frischen Grases, das sie hochgestreckt mit dem einen Arm stützte, schlank und strack, leichten Fußes wie eine echte Pfälzerin, mit stattlich aufgerichtetem Körper dem trauten Heimwesen zu, das ihr in schwerster Not Zuflucht und Schutz gewährt hatte.

Als sie um das Treppenhaus bog, um in die Scheune zu gelangen, hörte sie zu ihrer Überraschung laut zankende Stimmen aus der Wohnstube schallen. Sie wußte, daß heute der Mann Amys zu Hause war. Welche Ursache hatte dieser Streit? War es doch zwischen diesen Eheleuten nie zu harten Reden und Zänkereien gekommen!

Auch fiel ihr auf, daß Amy sich nicht sehen ließ. Kam Susel sonst aus dem Felde heim, rief ihr Amy schon von weitem durch das Fenster freundlich zu, oder sie lag, mit dem ganzen Gesicht lachend, auf der Brüstung der unteren Hälfte der geteilten Haustür.

In demselben Augenblicke, wo Susel mit ihrer Tracht grünen Futters in den Hof kam und durch das Scheunentor eintreten wollte, traten mehrere Leute schreiend in den Flur, in dessen Hintergrund das Küchenfeuer brannte. Das Brustbild einer ältlichen, stattlichen Frau in der ansehnlichen Gewandung einer reichen Bäuerin trat in den Türrahmen über der Treppe, und hinter ihr zeigte sich das hohlwangige Gesicht eines sonntäglich gekleideten Mannes. Beim Anblick der heimkehrenden Grasmagd schrien beide laut hinaus. Zwar verdeckte die niederdrückende Wucht des frischen Grünfutters die Züge der Heimkehrenden; allein Gestalt, Gang, Haltung waren nicht zu verkennen. Ihre Knie wankten. Was sie lang befürchtet, war eingetreten. »Susel, Susel! Nein, was man erlebt! Da ist sie ja! Bist du denn ganz aus der Naht! Meine Tochter Grasmähd bei meiner früheren Magd?«

Gleichzeitig kam der Kronenwirt, der mit Juliane nach dem Oberland gefahren war, um einer Spur nachzugehen, die steinernen Stufen herunter, als säße ihm der böse Feind im Nacken. »O Gott, Susel, so haben wir dich wieder!«

Susel war mit ihrer Graslast in die Scheuer gegangen, hatte sie vom Kopf zu Boden geschleudert und stand nun da, blaß, schweratmend unter einer drückenderen Last, als sie eben abgeworfen hatte – mit abgewandtem Gesicht, die Augen starr in die Dunkelheit einer Scheuerecke hinein gerichtet, schweigend, ohne ein Wort.

»Ach Gott!« jammerte der Kronenwirt. »Daß ich dich nur am Leben sehe, so ist alles gut!«

»Bring' sie einmal herauf!« erscholl jetzt von oben Julianes Befehl.

Und der Kronenwirt langte nach Susels Hand, mit einem Blick, der wie eine Bitte nach Entschuldigung aussah. Sie versagte ihm die Hand nicht. Was hätte es ihr auch geholfen? Sie folgte ihm willenlos die steinernen Stufen hinauf, durch die Tür, da Juliane den unteren Flügel mit eigener Hand zurückriß, um ihre ungeratene Tochter einzulassen.

Man trat in die Stube zurück, in der Amy und ihr Mann – noch in starker Aufregung – waren und die Kinder verschüchtert im hintersten Winkel kauerten.

»Und nun sage mir einmal«, fing Juliane nach einem langen, stummen Strafblick an, und zwar in der beliebten Stellung und Haltung leidenschaftlicher Weiber, nämlich mit den Fäusten in den Hüften. »Was man von dir denken, was man mit dir anfangen soll! Was treibst du denn für Teufelsstreiche? Der Spektakel im Land, der Spott, die Schmach und Schande! Mit Fingern deuten die Leute auf einen, ins Gesicht lachen sie einem. Hab' ich dich dazu aufgezogen, daß du der ganzen Welt zum Spott und zum Hohn dienst? Hab' ich deshalb gespart, zusammengehalten und gescharrt, mehr Geld und Geldeswert, als eine weit und breit, daß du mir solche Sachen anstellst? Ist das denn seit Menschengedenken vorgekommen? Läuft in der Hochzeitsnacht ihrem Mann davon, mitten in der Nacht! Red', oder besser, du sagst gar nichts und kommst jetzt nur gleich mit heim, – sonst....!« Und das stark gerötete Antlitz der Mutter nahm einen harten, unheildrohenden Ausdruck an, indem sie nach der Tochter Hand griff.

Susel wich zurück, mit der Hand abwehrend.

»Nein, Mutter, ich geh' nicht mit heim. Laßt mich, wo ich bin, da ist's für mich und auch für Euch am besten. Kümmert Euch nicht um mich!«

»Verdienen tät'st du's in Not und Schmach zugrunde zu gehen. Ja, und daß sich niemand mehr nach dir umsehe! Aber es geht nicht dich allein an. Du willst nicht heim? Ich werd' dir's zeigen! Ich rede dir nicht lange mehr im guten zu. Aut oder naut! Den Leuten sind die Mäuler schon sperrenweit aufgerissen, – weiter geht's ohnehin nicht mehr. Du kommst jetzt mit, ohne dich zu mucksen, oder –«

»Was, Mutter, oder –?«

»Oder, so wahr ich Juliane Groß heiße und deine Mutter bin, ich laß' dich vom Gendarmen fortführen!«

»Um Gottes willen!« fuhr hier der Kronenwirt dazwischen, während Susel ruhig, bleich, in unerschütterlicher Entschlossenheit verharrte. »Liebe Schwiegermutter, keine Gewalt! Nur keine Gewalt! Und du, Susel, sieh, alles in der Welt will ich dir zu Gefallen tun, auf den Händen will ich dich tragen, wie einen Engel will ich dich halten, tun, was ich dir an den Augen absehe! Komm mit heim zu deinem Mann!«

»Ich kann nicht, Kronenwirt.«

»Oh, Gott im Himmel, soll ich sagen, wie lieb du mir bist?«, fuhr der Verlassene mit herzbeweglichem Flehen fort, »wie ich lieber sterben möchte, als dir je ein übles Wort sagen. wie...«

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« jammerte Susel und legte den Kopf weinend und mit einer trostlosen Gebärde in die Hände. »Nimm mir's nicht übel, Kronenwirt, aber ich kann nicht!«

»Ach was, an den Haaren zerr' ich sie heim!« fuhr Juliane dazwischen, nicht ohne Lust, den Worten die Tat auf dem Fuße folgen zu lassen. Doch hielt sie der Kronenwirt mit Aufwand aller Kraft noch zurück.

»Schwiegermutter«, sagte er entschieden, »laß' mich mit meiner Frau reden! – Sieh, Susel, schon versprochen mit meiner ersten Frau hab' ich dich auf einem deiner Gänge in die Pfarrstunde gesehen und gedacht: über ein Kleines und mein junges Bäschen wär' auch eine Frau für dich! Du bist mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn gekommen, und wie ich Witmann geworden bin, ist mein erster Gedanke gewesen: die Susel in Oberhofen! Und doch, guck' wenn ich gewußt hätte, daß dein Herz so sehr an einem andern hängt –« – Susel wandte sich ab – »ich hätte nicht um dich angehalten. Nein, Susel, so schuldig bin ich nicht, wie du dir denkst. Ich hab' nicht gewußt, daß du mich gar nicht magst, und –« – des Kronenwirts Stimme bebte – »wie lang werd' ich denn noch leben! Die Hochzeitsnacht geht mir nach, ich spür's, Susel. Mit mir ist's sowieso bald vorbei, dann kannst du ihn ja nehmen, den dein Herz begehrt, und niemand wird dir wehren.«

Die Bedrängte machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, welche diese Aussicht weit abwies, sah jedoch nicht auf und stand noch immer mit abgewandtem Gesicht. »Damit ist's aus«, sagte sie heftig, »ein für allemal!«

»Und du willst nicht mit?«

»Nimm mir's nicht übel: ich kann nicht, Konrad.«

»Das wollen wir doch einmal sehen«, fiel hier Juliane mit unbezähmbarer Ungeduld ein. »Man wird's dich lehren, wenn du nicht kannst. Meinst du denn, ich seh' nicht durch? Meinst du, ich habe vergessen, wie ihr – du und die Amy da – schon vor fünf, sechs Jahren einig gewesen seid, nichts geplaudert, nichts gesungen, nichts gedacht habt, als von ewiger Treu bis in den Tod, von der Armut, die so sehr veracht't, von der reinen Liebe und anderen Dummheiten! Ja, du, Amy, hast sie zu der Närrin gemacht, die sie jetzt ist. Du, Amy, hast ihr die Possen in den Kopf gepflanzt, du hast ihr nur von Münster hinten und von Münster vorn vorgeplaudert und wie lustig es da sei. Du hast die Fäden gesponnen, du die Grüße ausgerichtet, du, hinterm Rücken deiner Herrschaft, die keine Ahnung von der Schlechtigkeit gehabt und dir ganz vertraut hat! Du – – –«

»Ich, Bas, ich?« fragte die arme Amy betroffen, verblüfft und verwirrt von der Wucht dieser Anklagen, während die Kleinen in der Ecke schon still zu weinen anfingen.

»Du«, fuhr Juliane unbeirrt fort, »du, ja, du!«

»Ich?« wiederholte Amy ganz niedergeschmettert.

»Niemand als du falsche und undankbare Person. Und zu dir ist sie natürlich auch gelaufen, bei dir hat sie ihren Unterschlupf gefunden, bis der Münsterer Lüftling – – –«

»Jetzt ist's aber genug!« fiel hier Andres, Amychens Mann, der bisher mühsam an sich gehalten hatte, in die Verhandlung ein, indem er sich von der Ehrfurcht, vor dem Ansehen und Reichtum der vielvermögenden Frau aufraffte. »Hotz Katzenstreich und kein End'! Was Sie, Frau Groß, zu Ihrer Tochter sagt, kann ungereimt sein, aber es geht mich nichts an. Auch ich kann zu meinem Heu Stroh sagen. Was Sie aber zu meiner Amy sagt, na, das geht mir denn doch an die Leber! Meine Amy ist eine brave Frau und ist auch ein braves Mädel gewesen. Ja, guck Sie mich nur an, Frau Groß, als wolle Sie mich vergiften, Frau Groß! Wir können es uns nicht zusammenreimen, wie man wegen ein paar Äcker mehr oder weniger ein Kind um sein Lebensglück bringen kann. Ich bin nur ein gewöhnlicher Mann, hab' aber doch, was wir brauchen, und tausch' nicht mit ihr, das kann ich ihr doch sagen, und wenn Sie auch zwanzigmal mehr hat als unsereiner.«

»Er ist ein Taglöhner!«

»Ja, das bin ich, ich arbeit' freiwillig im Taglohn, wenn die eigene Arbeit mich nicht daheim hält, und der Bauer, bei dem ich schaffe, sieht mich nicht scheel drum an, sondern bietet guten Tag zuerst, wenn er ins Feld kommt und mich hinteren Pflug oder hinter der Egge trifft, und ist froh darum und behandelt mich wie seinesgleichen. Ich bin ein Bürger im Land, wie er. Auch ist das Haus da mein, Frau Groß, und schuldenfrei, und darin hat mir oder meiner Frau niemand ein Wort zu sagen, als das ich hören will!«

»Ach so!« fing hier Juliane mit einer höhnischen Verbeugung an, »verstehe schon. Also Punktum. Zieh dich an, Susel, du gehst mit. unser Wagen steht im Wirtshaus.«

»Nein, Mutter, ich gehe nicht mit!« sagte Susel so gelassen wie fest.

»Du gehst mit, sag' ich!« Und Juliane zitterte vor Ingrimm.

»Ich gehe nicht mit, Mutter!«

»Nicht?«

Juliane faßte ihre Tochter so fest am Handknöchel, riß sie mit so rücksichtslosem Ruck davon, daß nicht bloß Andres, sondern auch der Kronenwirt wehrend dazwischentrat, um Susels Hand zu befreien.

»Na, so weiß ich, wie ich dran bin und was ich zu tun habe«, sagte Juliane. »Die Polizei und die Gerichte werden's euch und dieser da schon zeigen. Du hast dir alles selbst zuzuschreiben, was über dich kommt, Susel. Zum letztenmal: Gehst du mit uns oder gehst du nicht mit? Bedenke deine Antwort.«

»Ich hab' nichts zu bedenken, Mutter«, sagte Susel mild. »Ich kann Euch den Willen nicht tun.«

»So sei verflucht in Gottes Grundserdboden hinein!« äußerte die leidenschaftliche Frau mit erhobener Hand, indem sie der Türe zueilte ohne sich noch umzusehen.

Die Tochter sank mit dem leisem Ruf: »Mutter, o Mutter!« unter der Wucht der entsetzlichen Verwünschung in die Knie zusammen, während der Kronenwirt mit kreideweißen, hohlen Wangen und verzweifelter Haltung seiner Schwiegermutter aus dem Hause folgte.

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