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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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40

Amy

Im pfälzischen Oberland, an der Gebirgsstraße nach Weißenburg, liegt in den Wasgaubergen, wo sich auf hohem Kegel der Turm der Ruine Guttenberg wie eine Leuchtwarte erhebt, ein großes Dorf, dessen Hauptgasse sich aus dem engen Waldtal im Wiesengrund des Otterbachs zwischen den Weinbergen und Feldhöhen herunterzieht. Das Dorf ist bekannt durch seinen hochgewachsenen, stattlichen Menschenschlag und die verhältnismäßig noch einfache Lebensweise seiner fleißigen Bewohner. Es stellte, seit der Landstrich zwischen Queich und Lauter wieder seinem angestammten Fürstenhaus gehörte, ein verhältnismäßig starkes Kontingent zu den Leibkürassieren nach München, und mancher Bauernknecht wußte in den Kunkelstuben von den Prachtstraßen und dem lustigen Bierleben der bayerischen Königsstadt Erkleckliches zu berichten.

Da, wo sich die den Wiesengrund entlanglaufende Gasse allmählich im freien Feld verliert, stehen nur noch auf einer Seite Häuser, die ihre Giebelfenster der Mittagssonne zukehren. Sie sind meistens so gebaut, daß auf einem hohen steinernen Kellerbau die Wohnräume sich erheben, und sie sind fast durchgängig von hochgezogenen Rebstöcken frühschwarzer Burgundertrauben umrankt.

In einem dieser freundlichen Heimwesen war die junge Hausfrau schon früh vor drei Uhr aufgestanden und hatte ein Feuer auf dem Herd angezündet, um ihrem Mann eine Morgensuppe zu kochen, der auf dem Kaplaneihof arbeitete.

Nun war er versorgt, fort, und die junge Hausfrau schürte das noch glutende Feuer in den Ofen der Wohnstube, da bei der kalten Frühe eine geheizte Stube noch sehr annehmlich erschien. Sie setzte sich ins Zimmer, um bei Licht zu spinnen bis zu Tagesanbruch, bis zum Erwachen ihrer Kinder, die in dem Bett hinterm Vorhang des Verschlages noch sanft schliefen, und bis zu der Stunde, wo ihre Kühe im Stall gefüttert und gemolken werden mußten.

Die Spinnerin hing ihren Gedanken nach, die sich teilweise mit den schweren Zeitläufen beschäftigten. Die Not war groß; kein Verdienst, kein Geld unter den Leuten, der Wein im Keller hatte keinen Wert, war wegen der Zollschranken nicht ins Ausland zu verkaufen, während die Kornpreise, in die Höhe geschraubt, für Unbemittelte unerschwinglich waren. Dabei war die Welt voller Unruhe und Kriegsbefürchtungen, die hier, so nahe an der Grenze, am schwersten empfunden wurden, und auch noch im Lande die allgemeine Erregung der Gemüter, die einer Revolution entgegensteuerte.

Ein Geräusch in dem noch finsteren Morgen draußen im Hof veranlaßte die Spinnerin schärfer zu horchen, ob es nicht der Märzwind sei, und dann ihr Rädchen beiseite zu stellen, um nachzusehen. Die Kühe im Stall fingen wohl an unruhig zu werden, so daß es vielleicht schon Zeit war, an ihre Fütterung zu denken. Rasch schürzte die junge Frau den Rock auf, ging in die Küche, griff nach einem Kübel, um vor allem den Tieren Wasser am nächsten Brunnen zu holen, der allerdings nicht aus steinernem Stock, sondern nur in einer hölzernen Röhre aus einer Deichsel über Steine und roten Sand am Wiesenrand floß.

Das Haus hatte, wie alle diese im unteren Dorf über den Kellern liegenden Heimwesen, einen kanzelartigen, ziemlich hohen steinernen Freitreppenbau, zu dessen Plattform die Stufen vom Hof her, bei der Stalltür beginnend, an der Kellerwand hinliefen. Wer von außen ins Haus wollte, mußte also diesen Treppenvorbau erst umgehen, um von der Scheuer her am Stall vorüber zu den Wohnräumen emporzugelangen.

Als nun die junge Bauersfrau mit ihrem Kübel auf die Platte des Stiegenbaus herausgetreten war, vernahm sie ein Geräusch wie von unsicherem Tasten und Tappen, als ob jemand im Finstern die Treppe und damit den Aufgang nicht finden könnte.

»Ist jemand da?« fragte die junge Frau etwas unwirsch, da sie sich zu fürchten begann, von der Stiegenhöhe herunter.

»Gute Frau«, sagte eine matte Frauenstimme, »ich kann die Stiege nicht finden.«

»Was wollt Ihr denn?«

»Ich bin so müde und friere. Es ist so kalt. Ich habe nasse Füße, Schuh' und Strümpfe sind durchweicht: ich hab' Euer Licht von weitem in der Dunkelheit gesehen und ich bin darauf zu. Seid so gut und gönnt mir eine kleine Weile ein Plätzchen am warmen Ofen, um meine Füße zu wärmen und Schuhe und Strümpfe zu trocknen.'

»Kommt doch herauf, arme Frau«, sagte die Bäuerin. »Wer seid Ihr denn, woher kommt Ihr denn in solcher Nacht?«

»Gleich«, sagte die Fremde. »Ich bin etwas außer Atem. Aber fragt nicht, wenn Ihr so gut sein wollt, nach meinem Namen und meiner Heimat.«

»Um Gottes willen – diese Stimme!« schrie die Bäuerin auf, indem sie ihren Kübel auf die steinerne Brüstung des Treppenhauses stellte und die Stufen hinunterlief. »Susel! Susel! Bist du es denn oder ist es dein Geist?«

Die Fremde, die sich nur noch mühsam am steinernen Geländer hielt, zuckte zusammen. »Amyle, du! O Gott!« brachte sie hervor und sank der Bäuerin in die Arme und um den Hals.

Die Bestürzung und der Jammer der also Heimgesuchten über die trostlose Erscheinung der Pilgerin konnte nicht größer sein. »Wie ist es denn möglich? In der Nacht, in dem Zustand, Susel? O du allmächtiger Gott, was ist geschehen?« rief die gute Amy, indem sie die Tochter der Familie, wo sie so freundlich und nicht als dienende Magd gehalten war, an ihre Brust preßte. »Hab' ich denn nicht gehört, deine Hochzeit sei, Susel? Hab' ich denn nicht gehört?«

Die Erschöpfte nickte: »Ja, meine Hochzeit ist heut' gewesen – oder vielmehr gestern. Und darum, darum!«

»Oh, du arme Seele, oh, du unglückliches Kind, was ist dir geschehen?« jammerte Amy, sie durch den Flur in die Stube führend, an den Ofen in den Strohsessel. Niederkniend zog sie ihr die durchweichten Schuhe, die nassen Hochzeitsstrümpfe aus. Rasch zog sie ihr wärmere, wollene Strümpfe an, dann Socken aus Salband, nahm ihr den vom Nachtnebel feuchten Kapuzenmantel ab und legte ihr den eigenen und Decken und Tücher um, so viel sie davon in der Eile finden konnte. »Und was geb' ich dir denn schnell zum Verzehren? Kaffee trinken wir nicht, aber da steht ja warme Milch am Ofen – sie erwärmt auch!« Und rasch goß sie eine irdene Tasse voll und hielt sie der Erschöpften hin.

Diese trank, anfänglich ohne, dann mit steigendem Behagen. Und als sie getrunken und die Tasse hingestellt hatte, nahm sie den Kopf ihrer Wirtin in beide Hände und sagte unter krampfhaftem Schluchzen: »O Amy, daß wir uns so wiedersehen müssen!«

Die gute Frau vergoß bittere Tränen. Bevor sie etwas Näheres wußte, konnte sie sich nahezu schon alles denken. »Oh, deine Mutter!« jammerte sie. »Oh, daß deine Mutter hätte ein Einsehen haben wollen. Dem Schorsch wärst du nicht davon!«

»Sei still von ihm, kein Wort!« versetzte Susel hastig. »Das ist jetzt vorbei, ganz aus!«

»Aber was soll denn werden?«

»Ich weiß nicht, was der liebe Gott mit mir vorhat.«

»Du mußt doch heim zu deinem Mann; er ist doch mal dein Mann!«

»Nein, Amy, nein. Das geht auch nicht. Nicht umsonst bin ich fort. Ich konnte es nicht über mich bringen. Gönn' mir ein Plätzchen in deinem Haus, bis ich mich etwas ausgeruht und erholt hab', bis es Tag ist und meine Schuhe und Kleider trocken sind. Dann geh' ich ja weiter.«

»Wohin denn, Susel?« fragte Amy entsetzt.

»Soweit mich meine Füße tragen. Irgendwo über der Grenze, im Elsaß, wird sich ja ein Dienst für mich finden, da jetzt die Sommerarbeit im Felde angeht. Du weißt, ich bin stark und scheue die Mühe nicht. Ich kann schaffen, weiß mit den Kühen umzugehen, kann grasen, kann Futter stoßen, umgraben im Garten und Feld – alles kann ich und alles will ich tun.«

»Du, Susel, du! Das reichste Mädel weit und breit, willst dienen! O Gott, mein Gott! Warum bin ich nicht reich, warum wohn' ich in keinem schönen großen Hause?«

»Ich will dir nicht lang zur Last fallen, Amy«, entgegnete Susel. »Ich geh' ja bald wieder, sobald es Tag wird. Nur so lang behalt' mich, wenn du willst?«

»Susel, Susel, wie red'st du daher! Ob ich dich behalten will, dich, die mir neben meinen Kindern und meinem Andres das Liebste auf Erden ist! Ob ich dich behalten will? Mich plagt ja nur der Zweifel, ob es dir gut genug sein kann bei mir, ob du zufrieden wärst mit dem, was ich dir bieten kann! Du weißt ja, ich bin nicht ganz arm, doch auch nicht reich. Aber das weiß der liebe Gott im Himmel droben, solange ich noch ein Stück Brot auftreiben oder eine Grundbirne auf den Tisch bringen kann, solange ich etwas habe, es mit dir zu teilen, solange ich noch eine warme Stube und ein gutes Bett für dich habe, solange sollst du nicht aus diesem Haus anders als getröstet gehen. Wenn nur du zufrieden sein kannst mit dem, was ich dir bieten kann! So ist es gemeint, Susel, das darfst du mir glauben!«

»Aber dein Mann?«

»Mein Mann? Oh, ich sehe, daß du meinen Andres nicht kennst. Der denkt wie ich und wird die größte Freude haben.«

»Gut, Amy, und Gott sei Dank! Geh' jetzt, besorg' deine Kühe. Hörst du, sie brüllen nach Futter. Ich will unterdes auf die Kinder und auf die Milch im Ofen achtgeben, daß sie nicht überkocht.«

»Na denn«, sagte Amy aufatmend, als sei ihr eine große Genugtuung zuteil geworden, indem sie sich aufs neue aufschürzte und behend über die steinernen Stufen hinuntereilte, um das Vieh zu versorgen.

Allmählich brach das graue Frühlicht des rauhen Märzmorgens durch das Eckfenster an der Morgenwand, und mit dem erwachenden Tag öffneten auch die beiden Kinder hinterm Bettvorhang die hellen Äuglein und guckten durch die Spalte verwundert nach der Spinnerin. Aber war denn die Frau dort am Rädchen die Mutter? Nein, sie war ja jünger und noch schöner, hatte aber lange nicht so schöne rote Backen wie die Mutter. Wer war sie denn?

Als Susel die Engelsköpfchen hinter der Vorhangspalte gewahrte, nickte sie ihnen so freundlich zu, daß sie kichernd in die Kissen zurückwichen. Sie stand auf und schob die grobe Bettgardine zurück. »Guten Morgen! Gelt, ihr wollt eure Morgensuppe?«

Die beiden Kleinen schwiegen, steckten den Zeigefinger in den Mund, die Köpfchen zusammen und kicherten wieder leise einander zu, hatten aber keine Antwort für die fremde Base, sondern versteckten sich unter der Bettdecke. An die eigenen Kleinen, vielmehr an die Kinder des Kronenwirts erinnert, sah Susel dies Gebaren, und wie ein Stich ging es ihr durch die Brust. Empfand sie auch keineswegs Reue über ihren Schritt, den sie auch nicht rückgängig gemacht hätte, so war jenes doch ein Umstand, der ihr leid tat. Wieder traurig geworden, ließ sie das kleine Volk gewähren und zog sich an ihren Platz am Spinnrad zurück.

Fürs erste hatte sie eine Zuflucht gefunden. Doch, wie lange durfte sie den guten Leuten beschwerlich fallen? In kurzem mußte sie ja doch fort von hier und sich um einen Dienst in größerem Hause umsehen.

Nun war Amy soweit fertig im Stall, um sich wieder nach ihrem Besuch und den Kindern umzusehen. Sie kam mit freudiger Miene herein, trocknete sich die Hände an dem hinter der Tür hängenden Handtuch ab und lachte der Susel fröhlich zu.

»Ha, da sind sie auch schon, die Krotten!« rief sie, als die Kleinen wieder die Köpfe durch den Vorhang streckten. »Gelt, da guckt ihr nach der jungen Base. Seid nur recht brav und folgsam, denn das ist eine vornehme und reiche Base, das!«

»Ach, Amy, um wieviel reicher und glücklicher bist du!« entgegnete Susel traurig.

»Na, für jetzt! Auch bei dir kehrt das Glück wieder ein, versteht sich, wenn du auch den Kopf schüttelst. Siehst du, Susel, das Spinnrad gehört jetzt dir, ich nehme der Großmutter ihres, und ihr Kämmerlein werde ich dir so sauber herrichten, daß du nicht gerade sagen wirst: Hier ist gut sein, aber doch. Es ist so übel nicht und jedenfalls gut gemeint. Du mußt dich in unsere Verhältnisse schicken und zufrieden sein, mit dem, was wir bieten können. Allez, ihr Kleinzeug, aus den Federn! Es wird Tag. An den Brunnen mit euch zur Wäsche! Dann gespult, gehaspelt! Morgenstund' hat Gold im Mund, und, jung gewohnt, alt getan! Du, Susele, ich hab' meiner ältesten deinen Namen geben lassen«, wandte sich Amy inzwischen an ihren Gast, und dann wieder zu den Kindern – »du ziehst dein Schwesterlein hurtig an, gehst mit ihm an den Brunnen, wäschst ihm Gesicht und Hände sauber, damit die junge Base sieht, daß ihr brave Kinder seid.«

»Amy«, warf jetzt die Base ein, »ich hab' nicht einmal Kleider bei mir.«

»Du nimmst vorerst ein neues von mir, wir sind ja von gleicher Größe, und an Röcken und Mützeln wollen wir dir schon etwas von der Großmutter zurechtmachen, wenn es dir nicht unangenehm ist.«

»Oh, gar nicht, es ist gewiß eine brave Frau gewesen.«

»Herzensgut, sie ist mir viel zu früh gestorben. Aber jetzt wollen wir sehen, wie's mit der Morgensuppe steht. Du mußt fürlieb nehmen Susel, dann geht es schon.«

Und Susel nahm gern fürlieb. Wäre die stete Traurigkeit ihres Herzens nicht gewesen, der Schmerz über den verhängnisvollen Schritt, den sie vor der Welt und vor sich selber noch zu verantworten hatte – sie hätte sich zufriedengeben können mit noch Geringerem. Mit Tränen in den Augen sah sie, da der Tag weiter vorschritt, eine kleine Weile durch das Fenster. So trüb und wolkig, wie an diesem Märzmorgen, sah es auch in ihrem Innern aus.

So still und zurückgezogen sich Susel nach außen hin verhielt, erregte die fremde Erscheinung doch bald Aufmerksamkeit. Bald munkelten die Mägde und Nachbarinnen am Brunnen, woher denn die Amy das saubere, schöne Mädchen habe, das so behend und zierlich wusch, mit so besonderer Gewandtheit den »Wingertsalat« reinigte und putzte, auf alle Fragen freundlich und doch einsilbig antwortete, so still und bescheiden sich an die Arbeit hielt und so nett und flink dahinschritt. Ein Bäschen aus Amys Heimat, hieß es. Aber damit war die Neugierde noch nicht gestillt.

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