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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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2

Die Schwieger

»Großmutter, wie geht's?« fragte Juliane teilnehmend am Lager der Mutter ihres ersten Mannes, die hier im Vorbehalt wohnte. Mit »Oh!« und »Ach!« und »o Jerres« klagte sie, daß sich keine Seele um sie kümmere, niemand nach ihr, der armen Todkranken, gucke. Da Juliane das Aussehen der Schwiegermutter keineswegs schlimm fand, warf sie ein, daß Evens Kindbett viel Zeit beanspruche, und sie erwartete, der Hinweis auf die Geburt des Urenkels werde einen beschwichtigenden Eindruck hervorbringen. Aber weit gefehlt.

»O Gott, ich kann ja verhungern, oh!« fuhr die Alte fort und fügte kläglich seufzend hinzu: »So, du bist da, Juliane«, als gewahre sie deren Anwesenheit erst jetzt.

Mit einem Blick auf die Tasse, die leere Kaffeekanne und die über Teller und Tisch zerstreuten Bröseln, erwiderte Juliane: »Aber Großmutter, die Aplone hat Euch doch versorgt und es scheint, Ihr habt außer dem Zimmetkuchen auch den Zwetschen-, Apfel- und Traubenkuchen versucht.«

»Versucht? Ach ja!« winselte die Alte geringschätzig. »Wenn der Bissen nur vergönnt war!«

»Gott gesegn' es Euch! Wenn's nur geschmeckt hat.«

Nun hob eine neue Klage an. Ihr armer Magen! Da liege es wie ein Eisklumpen, gerade so; alsdann ziehe es herum, ganz herum, und nun sei es, als ob etwas drinnen zersprungen wäre, gerade so und zwar da! Da! »Ich leb' auch gar zu lange, gelt, Juliane?«

Die Schwiegertochter mahnte, solche Reden nicht zu führen. Vorwürfe seien unverdient. Man lasse ihr nichts abgehen, tue, was man ihr an den Augen absehe. Wer könne dafür, wenn sie dem Kuchen mehr zugesprochen habe, als ihr gut tue! Hätte man ihr zu wenig vorgesetzt, dann wollte man sie erst klagen hören!

Hierauf erfolgte als Antwort wieder Ächzen und Seufzen, dann die Aufzählung: eine alte, kranke Frau ohne guten Zahn im Munde könne nicht klappern – sie sagte übrigens »knäwre« – wie eine junge. »Meinem schwachen Magen, o Jerres, tuen Weinsuppen und Weckschnitten auch besser. Das aber meiner Sohnsfrau zuzumuten, der liebe Gott bewahr' mich!«

Verblüfft sah Juliane auf die Alte. Wußte sie auch hiervon? Sonderbar: monatelang kam sie nicht ans dem Bett und war dennoch von allem, was im Hause vorging, so genau unterrichtet wie vordem, als sie noch frisch wie eine Ente in Haus und Hof umherstrich. Seit ihrer »Krankheit« waren ihre Fenstervorhänge immer dicht geschlossen. Zum Aushorchen des Gesindes fehlte ihr die Gelegenheit, da sie mit Ausnahme der alten, tauben Aplone, deren Treue Juliane kannte, mit den Leuten nicht in Berührung kam. Ihr Enkel Stoffel aber nahm sich keine Zeit, um ihr Dinge zu hinterbringen, die sie schon besser wußte.

Wie kam sie nun dahinter? Der Umstand erschien nachgerade unheimlich, wollte man sich nicht mit der Annahme begnügen, sie wittere alles.

Es sei wahr, erklärte Juliane, während sie einen Stuhl abräumte, um sich zu setzen: der Eve sei eine Kindbettsuppe geschickt worden, und weil die Großmutter schon Kaffee getrunken und bald Fleischbrühe bekomme, habe man deren Anteil an Weckschnitten für den Fall aufgehoben, daß sie etwa zu Mittag das Familienessen verschmähe. Nach einigem Bedenken schien sich die Alte auch zufriedenzugeben, meinte aber so nebenbei: »Susel hat wohl schon ihren Teil; so ein Kind, das Herzenskind, kann man nicht warten lassen.«

»Nicht so viel hat sie davon gekriegt«, berichtete Juliane mit einigem Eifer. »Nicht so viel! Ich erzieh' mir keine Schleckerin!«

Auf diese Anzüglichkeit hin folgte eine kleine Pause. Vielleicht fühlte die Alte sich nicht einmal sehr getroffen, da sie sich bewußt war, gute Dinge zumeist aus dem Grunde gern zu essen, damit andere sie nicht bekämen. Ihre Mißgunst überwog noch ihre Lüsternheit.

Da Juliane das Bedürfnis fühlte, die Schwiegermutter zu beschwichtigen, wollte sie sich eben mit begütigenden Worten an sie wenden, als die alte Frau anfing: »Wenn du so red'st, Juliane, darf ich nicht mehr an die Persching' denken.« Sie meinte die Pfirsiche im Weinberg gegenüber der Kirche. »Hab' mich so darauf gefreut; das einzige Obst, das mir gut tut. Mein Adam, dein erster, hat nie versäumt, seiner Mutter die Persching' heimzubringen. Jetzt hat sie – der Kuckuck weiß.«

Juliane meinte nicht, daß die Perschinge schon fort seien.

»Hm«, warf die Alte hin. »Die Nettl trägt ja Taschen in ihren neuen Schürzen.«

Juliane wurde aufmerksam. »Ja, Schürzentaschen trägt sie. Aber was soll's damit?«

»Nichts weiter«, versetzte die alte Frau, »nichts, als daß sie sich sonntags aufdonnert und dahergeht, als sei sie's! Wo sie's nur her hat?«

»Wo wird sie's her haben! Ihren Lohn hängt das Gackohrle an den Staat!« bemerkte Frau Juliane etwas gereizt. »Aber wart', ich will ihr die Flügel schon stutzen! Und was nun das betrifft, glaubt Ihr, Großmutter, meint Ihr gar, daß – Ihr versteht mich, he?«

Während die alte Frau sich aufrecht setzte, – denn sie hatte sich während des Plauderns von ihrer Schwäche gar sehr erholt, – sah sie ihre Schwiegertochter mit einem lauernden Seitenblick an und dann etwas bedenklich drein, enthielt sich aber jeder Äußerung. Sie wiegte nur leise das graue Haupt, bis Juliane sich bestimmter erkundigte: »Großmutter, ist etwa wieder was gefunden worden?«

»Was?«

»Ein Strumpf!« betonte Juliane vertraulich.

»Versteh dich nicht!« entgegnete die Alte, die unruhig an ihrer Bettdecke zupfte. Und als Juliane bemerkte, sie solle doch nicht tun, als wisse sie von nichts, fragte die alte Frau, nochmals die Bettdecke gegen die Wand hin niederdrückend: »Was meinst du? Ich habe nichts gefunden, such' auch nicht danach. Ich nicht. Du, freilich, am Suchen läßt du's nicht fehlen, Juliane.«

Diese gestand, daß ihr allerdings, der Kinder wegen, der Gedanke alle Ruhe nehme, daß hierin etwas versäumt werden könnte; es wären doch Errungenschaften.

»Und wenn,« fiel die Alte, in Unruhe geraten, ein, »doch nicht von dir und deinem Heinrich errungen, Juliane, doch in schwerer Zeit nur von mir und meinem David selig und von meinem Adam, deinem ersten Mann, errungen, der so früh hat sterben müssen, und zwei Kinder hinterlassen hat. Soll denn alles für deine Susel sein?«

»Na, wißt Ihr, Schwieger«, entgegnete Juliane, »was das betrifft, da fühl' ich mich rein. Weder Eve noch Stoffel – es sind ja doch meine Kinder – sollen um einen Kreuzer verkürzt werden. Damit müßt Ihr mir nicht kommen. Was mir in die Hand fällt, wird nicht verhehlt!«

»Verhehl ebbe ich?« fuhr die Schwiegermutter in ihrem Bett auf. »So wahr ich da sitze, meine Lebtage keinen roten Heller!« beteuerte sie mit einem fast beängstigenden Eifer. Sie drückte die Decke zwischen Bett und Wand so krampfhaft nieder, als habe sie dennoch etwas zu verbergen. Wäre Juliane argwöhnisch gewesen, hätte es ihren Verdacht erregen müssen; so aber fiel es ihr nicht auf, während die Alte heftig fortfuhr: »Nichts habe ich gefunden, gar nichts, als den Dr.. bald hätte ich etwas gesagt!« unterbrach sie sich, nach einer Wandnische deutend, in der eine alte Schachtel und neben anderem kleinen Gerümpel ein altes, abgegriffenes Buch lag. »Guck dir den Schatz nur an, hol' ihn nur herunter, Juliane, gib mir aber auch meine Hornbrille und das Gebetbuch her. Ich will doch auch meinen Sonntag haben«, setzte sie mit weinerlichem Vorwurf hinzu.

Juliane kannte die Schachtel, auf deren Inhalt sie schon oft in ähnlicher Art verwiesen worden war, genau. Sie nahm sie mit allem übrigen herunter, um nicht noch einmal dazu aufgefordert zu werden. Hunderte von Scheinen waren da angehäuft, Papiergeld in Bündeln, wie sie sich damals noch allerorts in verstaubten Schubladen und Hauswinkeln als Erinnerung an schwere Tage vorfanden.

»Weiß ja«, meinte Juliane beschwichtigend, als sie die Schachtel wieder an ihren Ort brachte, »keine rote Bohne sind sie wert. Regt Euch nur nicht so auf, Großmutter. Handelt sich's doch um Schwereres, als um lumpiges Papiergeld!« Und damit schickte sie sich an, das in Unordnung gebrachte Bett zurechtzumachen, Decke und Kissen auszuklopfen und die unruhige Alte bequemer zu legen. dagegen diese jedoch sich so ängstlich, ja heftig und nachdrücklich wehrte, daß ihre Schwiegertochter notgedrungen einhielt und wieder auf ihren Stuhl zurücksank.

»Au!« schrie die alte Frau, als ob man ihr weh tue, »mach' mein Bett schon selber. Wenn du ebbe noch bleiben willst, Juliane«, fuhr sie dann fort, »so setz' dich wieder, und ich möcht' dich fragen: Meinst du, Vetter Jokeb gibt unserm Stoffel einmal die Gretel?«

Juliane nahm das auf die leichte Schulter. Gretel gehe mit Susel noch in die Schule, Stoffel denke nicht daran, und es sei noch lange Zeit für die »Krotten«, – wie sie als Pfälzerin für Kröten sagte, aber nicht als Schimpf-, sondern mehr als Kosenamen für junge Mädchen.

»Er wird wohl nicht daran denken!« versetzte die Alte verschmitzt. »Der Stoffel ist nicht so da. Meinst du, er bleibt euch zulieb' ledig und schindet sich ab wie ein Knecht?«

Allerdings war Juliane der Ansicht, daß er sich vorderhand gut genug befinde; er habe sein Essen und Trinken, könne in den Keller, wenn's ihn dürste, – ihr »Henrich« halte ihn nicht zu kurz. Stoffel lebe als Kind im Haus, habe für nichts zu sorgen, brauche seine Zinsen nicht anzugreifen und schlage sie zum Kapital.

»Ja, ja«, stimmte die Großmutter jetzt zufrieden bei, »jeden Kreuzer dreht er in der Hand um und gibt ihn dann erst recht nicht aus.«

»Er schlägt nicht aus der Art,« dachte Juliane laut.

»Ein Vertuer ist er nicht«, sagte die Alte, »aber doch nur Knecht!«

»Im Haus seiner Mutter?«

»Das Haus, Juliane, stammt von unserer Seite her«, mahnte die Schwiegermutter. »Er schafft für euch; und alle Errungenschaften in jetzigen besseren Zeiten kommen nicht ihm und unserer Eve, sondern deiner Susel zugut.«

»Natürlich. Es ist so ausgemacht – vor dem Notar.«

»Aber es ist nicht recht.«

»So, auch noch!« Juliane erhob sich. »Das geht mir doch übers Bohnenlied! Wer hat denn darauf gedrungen? Wer hat dem Vormund Tag für Tag in den Ohren gelegen? Wer hat steif darauf bestanden, daß den Kindern aus erster Ehe ihr Anteil ausbezahlt werde? Ihr und Eure Leute!«

»Versteht sich, du hast dich wieder verheiraten wollen!«

»Und ihr alle seid gegen die Heirat gewesen.«

»Ja, ja! Weiß wohl, Juliane.«

»Und wer hat denn darauf geschworen, daß es mit mir ganz zurückgehe, daß ich arm werde und an den Bettelstab gerate?« fragte Juliane. »Ihr und wieder Ihr. Und wär' ich zugrund gegangen, wär' ich in Armut und Elend versunken, und wär' ich hungernd und bettelnd zu Euch gekommen: Kein Stück Brot hättet Ihr mir gereicht, Schwieger. Aber es ist anders gekommen. Wir haben's uns sauer werden lassen! Mein Mann hat Zugebrachtes bar drangegeben, wir haben Geld aufgenommen, wir haben's geleistet, – ich und mein Henrich! Wir haben uns gerührt! Er hat Euch gezeigt, daß wieder ein Mann im Hause war, und was für einer! Die unschuldigen Kinder haben wir bei uns behalten, sie erzogen, Eve ist eine brave Frau geworden, Stoffel hat schaffen gelernt. Die Schulden sind bezahlt, die Äcker, Wiesen, Wingerte noch unser. Ich bin heut' nicht ärmer, ich bin reicher als vor der Abschichtung! Und mein Susele, mein Susele ist – da beißt keine Maus einen Faden ab – das reichste Mädel im ganzen Dorf!«

»Da wird ja Vetter Balzers Hannes wohl auf dein Susele warten«, warf die alte Frau mit äußerem Gleichmut hin.

»Glaub' selber«, bestätigte Juliane triumphierend, denn dieser Hannes war der einzige Sohn eines der ersten Bauern im Ort. »Ja, ja, so steht es. Und daß ich es so weit gebracht habe, das dank' ich neben dem lieben Gott und mir selber meinem Mann, meinem Henrich.

»Na, na!« ließ sich die Alte mit wackelndem Kopf vernehmen. »Wenn man dich hört, sollte man denken, ihr wäret ein Herz und eine Seele.«

»Sind wir es nicht?!«

»Im wichtigsten uneins.«

»Uneins?« wiederholte Juliane mit finsterer Miene, die sich aber sofort wieder aufhellte. »Ich kann mir denken, worauf Ihr stichelt, Schwieger. Daß er als Presbyter in die Kirche geht, ist seine Sach'; daß ich daheim bleib, ist meine Sach'. Deswegen sind wir noch lange nicht uneins. Es geht niemand was an, wenn ich ihn seine Wege gehen lasse.«

»Das ist wahr«, bemerkte die Alte »und wären's Nebenwege.«

Merklich zuckte Juliane zusammen und schaute, sich verfärbend, der Schwiegermutter gerade ins Gesicht. Dann aber faßte sie sich, um nur noch gleichmütig mit den Achseln zu zucken.

»Da lach' ich, Schwieger«, sagte sie. »Das ist zum Lachen. Mein Henrich? Zum Lachen.«

Dennoch lachte sie nicht, sondern hörte, anfänglich zerstreut, erst aufmerksam zu, als die Schwiegermutter in ihrer Weise jetzt fortfuhr: »Steht es so mit dir, wie du sagst, kannst du auch lachen, Juliane. Daß es aber so steht, na, dazu hat doch mein David selig den Grund gelegt und auch mein Adam, dein erster, sein redlich Teil beigetragen, vielleicht mehr als man weiß. Die Hälfte des Vermögens ist dir gerichtlich zugesprochen worden.«

»Versteht sich. Zusammen übrigens noch nicht so viel, als ich in die Ehe gebracht hab«, erwiderte Juliane, während sie mit verschränkten Armen in dem kleinen Gemach hin und her ging. »Errungenschaften? Zurückgekommen sind wir damals. Ein heimlicher »Petzer«, wie sein Vater, hat er ihm auch die andere Verrücktheit abgelernt. Wie die Katze ihre Jungen, hat er das bißchen Geld verschleppt. Sind das nicht Narrenstreiche sondergleichen? Gott verzeih' mir meine Sünden. Aber nach seinem Tode – der liebe Gott hab' ihn selig! – seid Ihr zu mir gekommen, Schwieger, um nach der Hinterlassenschaft an barem Geld zu forschen. Als ob die arme Witfrau es weggeschafft hätte! Bei all der schweren Last auch noch das Kreuz! Und ich hab' den Verdacht auf mir liegen lassen müssen, lange Zeit. Aber was geschieht? Da bringt einmal die Aplone einen alten Strumpf, ganz vollgestopft, aus dem Taubenschlag, dann der Hanjerg einen anderen Strumpf aus dem Strohbarren, und wieder die Aplone einen aus einem Rattenloch im Waschhaus und einen ganzen Hafen von Sechsbätznern vom Katzenlauf herunter, und wegen ihrer glücklichen Hand habt ihr dann die alte taube Person zur Bedienung verlangt. Die rote Käthel, die in selbiger Zeit bei mir gedient hat, soll jetzt auch in guten Verhältnissen leben. Und wer weiß, wieviel noch verschleppt worden ist oder noch versteckt liegt im Haus, – wer weiß!«

»Ah«, machte die Alte geringschätzig, »was soll denn noch versteckt liegen?!«

»Meint Ihr?« sagte Juliane und ging einen Schritt gegen das Bett zu, daß die Alte wieder ängstlich die Bettdecke an der Wand niederdrückte. »Wißt Ihr das gewiß, Großmutter? Ich wäre in den Tod froh. Eine wahre Last wäre mir von der Seele genommen. Man hätte doch einmal seine Ruhe. Solange man aber noch merkt, daß der Stoffel durch's Sparrenwerk krattelt...«

»Ach«, sagte die Alte und schaute zur Seite, »es kratteln noch andere über die Balken!«

Juliane suchte einen Augenblick nach dem Sinn dieser Worte und fragte dann: »Ihr glaubt also nicht, daß Nettl einen Strumpf...«

»Ah pah! Aus einem Strumpf kommt ihr Staat nicht.«

»Woher dann, habt Ihr schon etwas bemerkt, Großmutter, haltet Ihr sie für unehrlich?«

»Warum fragst du mich, das fünfte Rad am Wagen? Weißt du, Juliane, so ein Dienstbote kann auf verschiedene Weise untreu werden. Und ein Mann kann auf verschiedene Weise Geld anbringen. Der eine verleiht's, der andere vertut's, der eine steckt's in einen Strumpf, der andere in eine Schürzentasche...«

»Ich weiß nicht«, sagte Juliane nach einer Pause, »worauf das abzielt. Ihr redet in letzter Zeit so herum, Schwieger. Es wäre mir lieb, Ihr ginget mehr aus Euch heraus.«

»Ich will dir was sagen, Juliane«, antwortete die alte Frau aufrichtig, »du bist nun einmal meine Sohnsfrau gewesen, wenn dir auch der Henrich und die Susel mehr ins Herz gewachsen sind, als ich, Stoffel und Eve. Du hast damals meinen Adam genommen um seines Geldes wegen. Mehr brauch ich nicht zu sagen.«

»Es wäre mir aber lieb, Ihr ginget jetzt mehr aus Euch heraus«, wiederholte Juliane.

»Kein Wort sag' ich mehr, kein Wort.«

»Auf halbem Weg bleibt man nicht stehen, Schwieger!«

»Ich weiß nicht, was du willst, Juliane! Wie kommst du mir denn vor?!« Die Alte schlug einen anderen Ton an. »Ganz matt bin ich, förmlich krank von dem vielen Reden. Nicht wahr, Juliane, du bist so gut und schickst mir gleich die Fleischbrühe. Vergiß' auch die Weinsuppe nicht; mir wird schwach, und auch die Weckschnitte nicht. Auch die Persching, – sie haben mir immer so gut getan. Sag' unserer Eve, sie soll sich nur halten, wenn auch das Kleine kreischt, als ob's am Spieß stecke, – das tun alle Kinder. Sag' auch, es tät mir leid, daß ich nicht selber kommen kann. O Gott! Komm ja nicht einmal mehr in die Kirche!« Ächzend war sie in das Bett zurückgesunken und kehrte ihr Gesicht der Wand zu.

Juliane betrachtete, noch kurz verweilend, die Alte. Sollte sie dieselbe nochmals auffordern? Vergebliches Bemühen. Sie wußte, daß nichts aus ihr herauszubringen war.

Mit einem Stachel im Herzen verließ sie das kleine Gemach, begab sich die knarrende Treppe hinunter, über den Hof in die Küche, von da in den Oberstock, um dann frisch geschürzt und mit einer neuen Haube auf dem Kopf durch die Scheuer das Haus zu verlassen. Durch die Gärten ging sie zur Wohnung ihrer im Kindbett liegenden Tochter Eve. Dort fand sie alles in bestem Befinden. Und dann ging sie zum Dorf hinaus zur nahen Ruhebank.

Eben scholl von der Kirche ein Choral herauf. Juliane kannte Wort und Weise. Sie hätte mitsingen können, aber es war ihr nicht darum.

Mit dem katholischen Gotteshaus drinnen im Dorf konnte sich das innen und außen schmucklose protestantische Gotteshaus, das am Dorfeingange stand, nicht messen. Aber mit seltsam gemischten Gefühlen sah Juliane nach dem schlichten Kirchlein, dessen Glocke bereits Gebet und Segen verkündete. Nun wurde noch ein Schlußvers gesungen. Wie rasch war der Gottesdienst zu Ende! Wenn sie sich nicht eilte, träfe sie mit den heimkehrenden Kirchgängern zusammen. Das wollte sie vermeiden.

Noch sah sie mit gespannter Aufmerksamkeit hinunter. Dann aber brach sie hastig die schönsten und reifsten Früchte vom Baum; die »Persching« durften nicht vergessen werden! Dann machte sie sich eilig auf den Heimweg.

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