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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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37

Schorsch

Wäre das Gespenst des Großvaters hereingetreten, der nach dem Spinnstubengeplauder im Hause umging, – seine Erscheinung hätte nicht mehr Schrecken in dem frohen Verwandtenkreis hervorbringen können, als die unerwartete des Hochzeiters von gestern. Er ließ auch den Anwesenden kaum Zeit, sich von ihrer Bestürzung zu erholen, sondern platzte sofort, indem er sich hastig im Kreise umsah, mit der Frage heraus: »Ist die Susel nicht da?«

»Die Susel?« fielen alle ein. Juliane wurde bleich wie die frischgeweißte Kalkdecke.

War sie denn nicht verflossene Nacht mit ihm als sein junges Weib davongefahren – nach seinem eigenen Haus, ihrer künftigen Heimat? Niemand verstand eigentlich seine Frage, aber jedermann vermutete etwas Schreckliches. Nur die Großmutter saß da mit einem rätselhaften Ausdruck in den verschrumpften Zügen, und unter ihrer Schürze gab sich eine Bewegung kund, als ob sie dort heimlich die Hände reibe. Darauf zu achten hatte jedoch niemand Zeit.

»So weiß nur Gott, wo sie ist!« sagte der Kronenwirt mit erlöschender Stimme und sank kraftlos auf die nächste Wandbank.

Er hatte der Mutter seine Unglücksbotschaft allein bringen wollen, aber nicht die Fassung finden können, mit seiner traurigen Meldung zurückzuhalten.

Eine kleine Weile saßen die Anwesenden im starren Entsetzen. Dann aber gellte Julianes Schrei um so gräßlicher auf: »Mein Kind, meine Tochter, meine Susel!«

Selbst aufs äußerste betroffen, hatte doch Vetter Jokeb so viel gewohnheitsmäßige Gefaßtheit und Sammlung, daß er die emporgeworfenen Arme der verzweifelten Mutter faßte, niederdrückte und sprach: »Kreisch nicht, daß die Leute stehenbleiben! Still!«

»Soll ich nicht jammern und klagen?« schrie sie laut schluchzend. »Er kommt zu uns, um seine junge Frau zu suchen! O Gott!«

»Ist's denn erhört!« sagte die Großmutter. »Aller Appetit ist einem vergangen!«

»Was werden wieder die Leute sagen?« fiel Eve mit einem flehenden Blick ein. »Da wird wieder manche in die Hände patschen!«

»O mein Gott«, sagte Bas Margaret leise klagend. »Ich habe befürchtet, daß es einen solchen Ausgang nehmen werde.«

»Still, sag' ich!« befahl jetzt ihr Mann nachdrücklich, wenn auch in verhaltenem Ton. »Und niemand geht aus dem Haus, bevor wir nicht alles gehört haben. Und daß kein Wort davon verlautet, was wir hören müssen! – Die Kinder hinaus! Dem Stoffel sagen, das Pferd in den Stall! Kein Dienstbote im Haus darf etwas innewerden, niemand. Gerad' genug, daß wir es hören müssen.«

Und damit trat er, während Margaret selbst die Kinder hinaus zu Aplone führte und die Botschaft an Stoffel ausrichtete, zu dem Kronenwirt, der noch immer völlig gebrochen auf der Wandbank saß und nun auf alle Fragen so klare Antwort gab, als er vermochte, während Juliane sich wie unsinnig gebärdete.

»So«, sagte endlich Vetter Jokeb, »hast du keine Mutmaßung, was aus ihr geworden ist?«

Der Kronenwirt hob die Hände und breitete sie aus, was heißen sollte: nicht die mindeste, gar keine!

»Wie kommst du denn dazu, den Schorsch einzuladen...«

»Ich hab's ja immer gesagt, es taugt nichts, ich hab's ja immer gesagt!« wimmerte die Mutter trostlos.

»Ein Narrenstreich!« fiel Stoffel ein, der mit Bas Margaret in die Stube zurückgekehrt war. »Ein Einfall wie ein altes Haus!«

»Ich meine«, fuhr der Vetter in seiner Nachforschung fort, »bis wohin er mitgefahren ist?«

»Bis zum Ochsenwirt in Münster. Dort ist er abgestiegen.«

»Susel auch?«

»Nein, Susel nicht, das weiß ich noch«, war des Kronenwirts Antwort, der wie betäubt dasaß. »Susel nicht, er allein!«

»Kein anderer hat Schuld!« schrie hier Juliane. »Wenn einer, so weiß der, was aus ihr geworden ist, der allein! Reit' nur gleich hinüber nach Münster, ich laß' anspannen und fahr mit. Hanjerg!« Sie hatte schon den Fensterflügel erfaßt, um dem Knecht zu rufen, als es noch der Vetter verhinderte. »Ich will sie schon herauskriegen, ich! Und gleich mach' ich die Anzeige und laß ihn verarretieren, den Räuber, den – den Mörder!«

»Ruhig«, flüsterte Vetter Jokeb. »Den Teufel auch! Gelt, ausschellen! Das wär' gerad die rechte Höh'! Du hast noch nötig, die Sach' an die große Glock' zu hängen. Schand und Spott wird ohnehin wieder genug dabei herauskommen, wenn nicht noch Schlimmeres – Oh! Muß denn –« der Mann hielt ein, als ob er ein allzu bitteres Wort habe aussprechen wollen. »Muß denn, – Kronenwirt, fort auf deinem Gaul! Du reitest voran nach Münster; ich will nur Stock und Hut holen und komm' gleich nach. Wir wollen schon sehen!«

Jedermann wußte, daß es ein schwerer Entschluß für den Mann war. Auch der Kronenwirt mußte es wissen, und wenn nicht, so belehrten ihn doch die drängenden Mienen und Hände, daß er eilen, nichts versäumen dürfe, wenn der Vetter sich zu dem Gang entschloß. Stoffel war hinausgesprungen, um das Pferd seines Schwagers zu holen. Im Nu saß dieser darauf und jagte, blaß wie der Tod, zum Tor und zum Dorf hinaus, während Vetter Jokeb seinen Weg durch die Gärten auf dem Pfade nach der Straße hinauf wählte.

Der Kronenwirt hatte sein armes Roß rücksichtslos hügelan, hügelab getrieben. Und endlich hielt es dampfend vor dem Erkerhaus »Zum roten Ochsen« in Münster. Neugierig sah der Ochsenwirt mit der Pfeife im Mund heraus.

»Mach' gleich auf!« rief ihm der Kronenwirt zu..

Er ging hinaus und führte das abgetriebene Tier selbst durch die Einfahrt, übergab es dann aber seinem Knecht, der klug genug war, es in dem windgeschützten Hof hin und her zu führen, statt ihm gleich einen Platz im Stall anzuweisen, während der Ochsenwirt seinen Berufsgenossen in das Gastzimmer führte.

»Wo ist der Schorsch?«

»So setz' dich doch erst einmal«, meinte der Ochsenwirt.

»Wo ist der Schorsch?«

»Was ist, was gibt's denn? Was willst du von ihm?«

»Wo ist der Schorsch, frag' ich?«

»Na, Himmelsaker –, wo wird er sein? Aus der Welt ist er nicht. Drüben im Schulzenhaus hilft er Wein ablassen.«

»Willst du mir ihn herbeischaffen, oder soll ich selber gehen?« fragte der Kronenwirt, der seinem Bekannten völlig umgewandelt erschien.

»Gut. Ich schicke nach ihm. – Schaköbl!« rief er einem Knaben vor dem Fenster, »lauf einmal hinüber ins Schulzenhaus, der Schorsch soll gleich herüberkommen. Aber gleich!«

Keine zwei Minuten verstrichen und die beiden hatten noch kein weiteres Wort gewechselt, da trat Schorsch im Arbeitskleid des Küfers herein und auf den Kronenwirt zu, um ihm die Hand zu reichen. Der aber wich einen Schritt zurück.

»Keine Hand! – Halt!« rief er, als Schorsch kurz entschlossen wieder umwenden und gehen wollte, »ich hab' mit dir zu reden.«

»Dann mach's kurz.«

»Wo ist meine Frau?«

»Deine Frau?«

»Meine Susel, wo ist sie hingekommen?«

»Und das fragst du mich?« entgegnete Schorsch.

»Allerdings dich. Heraus mit der Sprache!«

Schorsch sah ihn von oben bis unten an und sagte dann: »Wie kommst du mir denn vor, Kronenwirt! Schlaf' erst deinen Rausch von gestern aus.«

»So kommst du mir nicht durch. Kurz, wo ist meine junge Frau?«

Und er betonte jede Silbe.

»Hör einmal, Kronenwirt«, sagte Schorsch, während der Wirt »Zum roten Ochsen« in höchlichem Erstaunen daneben stand und bald den linken, bald den rechten Mundwinkel hinter dem Dampf seiner Pfeife zucken ließ. »Solche Späße treibt man nicht, und es ist traurig, daß ich dir das sagen muß!«

»Späße?« schrie der Kronenwirt. »Blutiger Ernst!«

Schorsch betrachtete ihn schärfer. »Um Gottes willen, du siehst auch danach aus«, entgegnete er dann betroffen. »Was ist denn eigentlich geschehen?«

»Was geschehen ist, du fragst noch? Susel ist fort!«

»Und nun glaubst, sie sei zu mir? Oh, wie schlecht kennst du sie!«

Der Kronenwirt wandte verzweifelt den Kopf: »Wo soll sie denn sein?«

Während der unglücklich Gatte mit verzweifelter Spannung geängstigt lauschte und von einem zum andern schaute, nahm der Ochsenwirt jetzt eine sehr ernste Miene an: »Laß' dir etwas sagen, Schorsch, mir scheint das eine Gewissenssache. Die Kathel, der du zu Gefallen gehst, ist mir nah' verwandt; so hab' ich schon das Recht, ein ernstes Wort mitzureden. Sieh mich einmal aufrichtig an. Wo bist du in der Nacht von mir weg noch hin?«

»Heim.«

»Hast du dich schlafen gelegt?«

»Nein«, kam es etwas zögernd heraus.

»Was hast du noch getan?«

Schorsch überlegte. »Wenn ich's doch einmal gestehen soll, auf die Rohrwiesen bin ich gegangen – zum Wässern.«

»Aber nach dem Wiesenwässern, was hast du da angefangen?«

»Was soll ich angefangen haben? Heim bin ich.«

»So! Wirklich?« Und der Ochsenwirt sah ihm scharf in die Augen, daß er verlegen zu lachen versuchte, als er nochmals entgegnete: »Laß' mich in Ruh'! Heim bin ich!«

»Das ist nicht wahr«, behauptete jetzt der Ochsenwirt bestimmt, während der trostlose Gatte immer schärfer und gespannter lauschte. »Lach' nur, ins Gesicht hinein sag' ich dir, daß du nicht heim bist mit deinem Häckchen. Leugne nicht. Talabwärts bist du gegangen und dann –«

»Wer kann das so bestimmt behaupten?« fuhr Schorsch auf. »Wer will mich gesehen haben?«

»Ich«, sagte der Ochsenwirt leise, indem er eine Tabakswolke wegblies und seinen Mund dem Gesichte des Verblüfften näherte.

»Man ist ebenso schlau wie du, und einmal in der Nachtruhe gestört, habe ich auch mein Häckchen auf die Schulter genommen, um die Wiesen wässern zu gehen. Weiter unten habe ich einen mit der Hacke hantieren sehen und nur abwarten wollen, bis er geht, um das Wasser in meine Wiese zu leiten. Er hat sich aber lang verweilt, hat am abgeschliffenen Markstein sein Messer gewetzt. Dann erst hat er sich auf den Weg gemacht. Aber nicht herzu, weiter hinunter ist er gegangen und dann rechts über die Straße übers Feld auf den Galgenacker und die Erdlöcher los. Was, zum Teufel auch, hat der Mensch um Mitternacht am Galgenacker, im Pfaffenkastanienstück oder an der Bubenstube oben zu tun, wo viele nicht einmal am Tage allein hinmögen?«

Schorsch zuckte mit den Schultern, faßte sich aber plötzlich am Kopf, als falle ihm etwas »brühwarm« ein.

»Ableugnen geht nicht«, fuhr der Ochsenwirt unerbittlich fort. »Wer der mit der Hacke gewesen ist, hab' ich schon an der Wiese merken können, in die alles Wasser geleitet war. Also heraus mit der Wahrheit.«

Schorsch erkannte, daß ihm das Leugnen nichts half. Nach einigem Kampf mit sich selbst, schaute er sich um, ob niemand in der Stube oder in der Nähe sei, dann den Ochsenwirt und Kronenwirt – einen nach dem andern – an und sagte mit äußerlicher Gelassenheit: »Ja, ich bin mit der Hacke noch hinauf in die Bubenstube!«

»Und –?« fragte der Kronenwirt, mit gerungenen Händen vor ihm stehenbleibend.

»Und ich hab' sie gesehen«, sagte Schorsch.

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