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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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35

Heimfahrt

Der Mond war durch das Gewölk gebrochen. Schorsch hatte den Feldpfad eingeschlagen, der zur Straße hinführt. Bevor er dieselbe erreichte, wäre er am liebsten wieder umgekehrt. Immer langsamer kam er vorwärts in der Stille der Nacht. Ihm war sehr eigenartig zumute.

Auf der Straße oben blieb er stehen, und sah auf das Dorf zurück, das heute seinen Beinamen »das stille« nicht verdiente, denn Musik klang herauf und zuweilen das Jubeln um den Freiheitsbaum.

Welch fröhliche Hochzeit! Es hätte seine eigene sein können, wenn – – ja, wenn! Hatte er denn des Ochsenwirts Kathel so lieb, daß er ein Mädchen wie Susanne Groß von Oberhofen so leicht aufgeben konnte? Merkwürdigerweise fiel ihm kein anderer Grund ein. Es wäre doch nur auf seinen Willen angekommen, trotz seiner Armut, trotz ihrer Mutter, ihres Bruders, und ihrer geldstolzen »Freundschaft« heute an des Kronenwirts Stelle zu sein!

Warum stand er nun hier auf der Straße? Was bannte ihn? In der Wingertslaube droben hatte er sie als junges Mädchen, das sich heftig sträubte, mehrmals geküßt. Und er hatte einen der glücklichsten Augenblicke jenes Heimganges vom Purzelmarkt erlebt.

Er machte jetzt kein Hehl daraus: die Schuld lag an ihm selbst. Bei ihrer Liebe zu ihm – welches Hindernis wäre nicht leicht hinwegzuräumen gewesen, wenn seine Treue, sein Vertrauen fest gewesen wären.

Und nun kam ihm das Lied in den Sinn, das sie – wer hat es ihm nur verraten? – in einsamen Stunden so oft vor sich hingesungen hatte:

»Ich wollt, ich läg' und schlief
Viel tausend Klafter tief
Im Schoß der kühlen Erden,
Weil du mein nicht kannst werden
Und ich keine Hoffnung mehr hab',
Als nur das kühle Grab.

Ich hab' dir ganz vertraut,
Auf deine Lieb gebaut;
Nun aber muß ich leiden
Daß sie mich von dir scheiden
In heißer Liebesglut,
Die schmerzlich brennen tut.

O Erde, deck' mich zu,
Gib meiner Seele Ruh',
Vertilge meinen Namen,
Lösch aus die Liebesflammen,
Lösch aus die Not und Pein, –
Vergessen will ich sein.«

Schorsch ging weiter. Er war so in Gedanken, daß er nicht das Rasseln eines Wagens hörte, der rasch hinter ihm her kam und ihn einholte, bevor er die Höhe erreicht hatte.

Es war ein sogenannter Charabanc, mit Koffersitzen ohne Federn und Polster. Doch die harten Bänke waren weich belegt, selbst der Kutschersitz, auf dem der in eine Pferdedecke gewickelte Fuhrmann saß. Denn die Märznacht war kühl. Auch der Mann auf dem zweiten Sitz war in einen Kragenmantel, die Frau neben ihm unkenntlich in eine Kapuze gehüllt. Die beiden Pferde kamen jetzt bergan langsam an ihm vorbei.

»Schorsch!« rief der im Kragenmantel.

»Ja!«

»Bist du's, so setz' dich nur herauf bis Münster. Besser schlecht gefahren, als gut gegangen. Meinst du nicht auch?« wandte er sich an die Frau zu seiner Rechten.

Doch die im Mantel rührte sich nicht, während der Knecht bereits rückte und die Pferde anhielt.

»Ah pah!« sagte Schorsch. »Ich bin nicht müde und gehe lieber.«

»Mach' keine Sachen«, drängte der im Wagen. »Ich hab' dir doch gesagt, du sollst mit uns fahren. Schlag' mir's nicht ab! Ich hätte keine Ruhe, dich auf dem ganzen Weg hinter uns zu wissen.«

»Du meinst wohl«, entgegnete Schorsch, »ich könnte mich am Kofferbrett halten, weil nachts die Kinder nicht kreischen: es hängt einer hinten dran!«

»Ohne Stuß, setz' dich jetzt herauf! Beim Stumpe ist noch Platz.«

»Na denn«, sagte Schorsch und schwang sich von der Radnabe neben den Knecht, worauf es rasch über die Höhe und ins Tal von Gleishorbach hinunterging. Schorsch war sich seiner wunderlichen Lage wohl bewußt. Und nicht bloß die kühle Märznacht bewirkte, daß es auch ihn fröstelte und schauerte.

Im allgemeinen herrschte Stille. Dann kam der Kronenwirt mit etwas lallender Zunge und zuweilen lachend auf die Ereignisse seines Ehrentages zurück, und er äußerte besonders darüber große Genugtuung, daß zu seiner Hochzeit ein Freiheitsbaum aufgestellt worden war. Ob er aber lange stehen bleibe? Morgen schon fällt ihn vielleicht die Axt der Polizei – und darin hatte er allerdings recht. Aber, meinte er, in kurzem stehen andere auf, und diese würden dann fester wurzeln. Das sei die Meinung all jener, die schon einmal das Aufstellen von Freiheitsbäumen im Land erlebt haben.

Indem er sich in dieser Weise ausließ, hatte sich der Kronenwirt mehrmals um den Beifall der jungen Frau im Mantel an seiner Seite umgesehen, ja sich unmittelbar mit der Frage an sie gewandt, ob er nicht recht habe. Doch sie antwortete nicht. Sie ließ überhaupt kein Wort fallen. Wahrscheinlich war sie eingeschlummert, oder so tief in Betrachtungen über den Wandel der Dinge und der menschlichen Schicksale versunken, daß sie auf das Reden nicht achtete. Oder sie gedachte jener seltsamen, ahnungsvollen Anwandlung während der Heimfahrt mit Vater und Mutter von der Konfirmation, als sie zwei Männer und eine verhüllte junge Frau daherfahren sah, in der sie sich selbst erkannte. Und nun?

Sie schwieg. Allmählich wurde auch der Kronenwirt stiller. Als man jedoch über die Kreuzstraße hinunter in den nächtlichen Gassen von Münster anlangte, wurde er wieder munterer; einige Häuser unterhalb der protestantischen Kirche hieß er den Knecht anhalten, vor einem rot angestrichenen Erkerhaus, von dem ein Nasenschild weit in die Gasse vorsprang.

»Der Ochsenwirt, ein guter Freund von mir, würde es mir übelnehmen, wenn ich ohne Einkehr heut an ihm vorüberführe, nicht?«

Es war schon so spät, daß der Ochsenwirt das Vorüberfahren wohl entschuldigt hätte. Darum dauerte es eine Weile, bis auf das Pochen und Rufen des Abgestiegenen innen ein »gleich« erscholl, dann mit Stahl, Feuerstein, Schwamm und Schwefelfaden ein Licht angezündet war und endlich das Tor geöffnet wurde, um nach dem Begehr zu fragen.

»Bloß ein paar gute Stehschoppen, du schläfriger Mensch! Willst du nicht auf die Gesundheit meiner jungen Frau mittrinken, Ochsenwirt, he?«

Nun folgte frohe Begrüßung, Gratulation und lauter Willkomm des Glücklichen. Der Ochsenwirt trat an den Wagen heran, um auch die Braut zur Einkehr einzuladen. Diese lehnte aber entschieden ab, ihren Sitz zu verlassen, und verharrte auch bei diesem Entschluß, als die beiden Freunde durch die Einfahrt in die Wirtsstube traten.

»Schorsch«, rief der Kronenwirt zurück, »du trinkst doch mit?!«

»Gleich!« sagte dieser, der noch verweilt hatte, um dem Stumpen das übliche Trinkgeld zu geben. Dabei beugte er sich plötzlich zurück zu der jungen Frau. »Und du hast kein Wort mehr für mich, gibst mir nicht einmal die Hand?«

»Wozu?« erwiderte sie. »Laß' es gut sein.«

»Und mußte es denn so kommen, Susel?«

»Du hast es so gewollt.«

»Also ist es ganz aus zwischen uns?«

»Du hast es so gewollt!« wiederholte sie nochmals leise.

Tiefer beugte er sich zu ihr, als hätte er ihr noch Besonderes zu sagen. Sie wich zurück und winkte ab, daß er nicht anders mehr konnte, als dem Kronenwirt zu folgen, während sie sich noch tiefer in ihren Kapuzenmantel wickelte, als friere sie jetzt stärker. Dennoch drängte sie nicht zur Eile und harrte, ohne Ungeduld zu äußern, ruhig aus.

In der Gaststube war der Kronenwirt bereits am zweiten Schoppen, der frisch aus dem Keller geholt worden war. Er forderte Schorsch zum Trinken auf, um den Wein dann seiner Susel zu bringen. Susel netzte nur die Lippen und gab das Glas sofort vom Wagen herab wieder zurück.

»Gelt, du frierst, mein Schatz?« fragte der glückliche Bräutigam.

»Ich friere nicht.«

Der Kronenwirt trank noch einen Schoppen. Dann verabschiedete er sich schwankend von den beiden Münsterern. Der Wagen mit dem Brautpaar rasselte die Gasse hinunter, am Rathausbrunnen und am Stift vorbei heimwärts.

»Er hätte nicht mehr trinken sollen, der gute Konrad«, meinte der Ochsenwirt zu Schorsch. »Die junge Frau scheint keine Freude daran gehabt zu haben. In seinen Verhältnissen indes begreift man, daß er des Guten zu viel tut. Der hat einen Fang gemachte Ich begreife nur die Großin nicht. Na, das muß ich sagen: Da wird's an Katzenjammer morgen früh nicht fehlen.«

»Das glaube ich auch. Gute Nacht!«

Schorsch schritt die hallende Gasse hinunter. Vom Rathausturm schlug es eben Mitternacht. Auf der Rathausbrücke standen Männer mit Stöcken – die nächtliche Bürgerwache.

Schorsch war leise und ohne jemanden zu wecken in seine Schlafstube im elterlichen Haus gegangen, legte dort sein Festgewand ab. Allein er selbst ging aber nicht ins Bett, da es ihm jetzt unmöglich war, einzuschlafen. Nach einer Weile, als die Bürgerwache draußen sich wieder in die Wachstube zurückgezogen hatte, und der Rathausbrunnen immer schläfriger rauschte, horchte er durch's Fenster in die Nacht hinaus. Ihm war als höre er noch immer das Rasseln des Wagens. Oder war es nur das Rauschen und Brausen der Stiftsmühle, das der Nachtwind von Osten her an sein Ohr trug? Von irgendwoher drang aus einer der von der Mitte des Ortes auslaufenden Gassen, durch die Ferne gedämpft, der Ton des Nachtwächterhorns, und verklungen in der Nachtstille, immer wieder das Gerassel des mehr und mehr sich entfernenden Wagens. In diesen vier Wänden hielt er es nicht mehr aus.

Rasch, wenn auch geräuschlos, verließ er die enge Kammer und begab sich in seine Werkstätte. Hier schlug er Licht, zog sein Überhemd an, das er bei der Küferarbeit zu tragen pflegte, suchte sich ein Messer aus, wie er es dann gewöhnlich in der Tasche führte, und holte aus einem Winkel, wo die Spaten und dergleichen aufbewahrt waren, eine kleine Wiesenhacke. Dann verließ er das Haus, ging an der katholischen Stiftskirche vorbei und die den Klingbachgrund hinunter führende Straße entlang, auf der der Kronenwirt die ihm Angetraute in jener rauhen Märznacht nach ihrer neuen Heimat brachte.

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