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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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31

Am Vorabend

Mit den Vorbereitungen zur Hochzeit kam man im Hause der Frau Juliane allmählich zu Ende. Susel tat ruhig ihre Pflichten und Arbeiten, war im Verkehr mit den Leuten im Hause und außerhalb noch immer gütig und freundlich wie früher, obwohl man sie selten mehr lachen sah. Dagegen behandelte und besprach sie alle auf ihre Hochzeit bezüglichen Angelegenheiten mit einer gewissen kühlen Entschiedenheit, mit einer ernsten Frostigkeit, die ihrer Mutter zuweilen auffiel.

Ob sich Susel grämte? Wenn sie es tat, so legte sie wenig davon in ihr Äußeres. Klagen und Seufzer hörte man keine mehr von ihr. Und wenn die Mutter glaubte, ihr gewissermaßen Trost zusprechen zu müssen, nahm die Tochter es gewöhnlich schweigend, doch seltsam kühl auf. Und kühl waren auch ihre Antworten.

»Sieh, Susel, mein Kind«, sagte die Mutter beim Bügeln der Wäsche, »Müllers Katharine von Minfeld hat auch anfangs geweint, und hat ihn dann doch noch genommen – und es ist gut gegangen, recht gut. Tu mir den Stahl ins Feuer! Die Torheiten sind vorüber und sie lebt jetzt glücklich mit ihm.«

»Und des Bürgermeisters Sanne von Dierbach hat sich zu Tod gegrämt«, warf Susel ein, indem sie einen glühenden Stahl ins Bügeleisen schob.

»Ach, das war auch ein schwächliches Ding, hätte sowieso sterben müssen«, versetzte die Mutter, mit dem Eisen über den gestärkten Unterrock hinfahrend. »Wer nicht mit Leidenschaft, sondern mit Vernunft wählt, wird immer glücklich.«

»Wir sehen das an unserer Eve«, sagte die Tochter. »Der letzte Anfall ging noch durch Gottes und des guten Doktors Hilfe glücklich vorbei. Aber es ist mir doch recht bang und leid um die Arme. Der Jerg ist ein roher Patron, und ich will sehen, ob man dem nicht Einhalt tun kann.«

»Ich hab's auch satt und werd' ihn einmal gehörig vornehmen, den Grobian. Aber wahr ist, wenn alle Jahre ein Kind kommt, möcht' auch der beste Mann aus der Haut fahren. Daß es da unglücklich ausgefallen, ist nicht meine Schuld. Ich wasch' meine Hände in Unschuld. Es hätt' auch gut ausfallen können, wenn der Jerg ein Mann wie der Kronenwirt wäre.«

»Aber, Mutter, Ihr habt doch zuletzt auch Euer Herz sprechen lassen«, warf Susel hin, sich zu der Wäsche niederbeugend.

»Gewiß, sonst hätte ich deinen Vater nicht genommen. Und ich, ich hab' mich auch in dem Fall als brave Frau gehalten, stets aufs beste – auf Errungenschaften – bedacht, für dich, mein Kind. Hat sich dein Vater zu beklagen gehabt?«

»Ach, Mutter, reden wir nicht weiter davon«, meinte Susel. »Aber es scheint doch, daß der Vater sich nicht ganz glücklich gefühlt hat.«

»Er hätte es aber doch sein können!« bemerkte Frau Juliane etwas gereizt, und die Tochter schwieg von nun an ganz.

*

Einmal war Susel bei einem Gang zum Dreher in Pleisweiler dem Franz von Münster begegnet. Es kam nur zu wenigen Worten. Wenn sich das der Schorsch hätte träumen lassen, hatte Franz gesagt, und Susel darauf: wenn er gewollt hätte, würde er es aus ihrem eigenen Munde haben hören können, wie es gekommen war. Aber auch dieser flüchtige Austausch hatte keine Folge; Schorsch regte und rührte sich nicht und ließ, nach wie vor, nichts von sich sehen noch hören.

Als der Hochzeitstag schon auf Mitte März bestimmt war, stieß Susel bei einem notwendigen Ausgang auf den Borich, der mit dem Lumpensack überm Rücken des Weges kam.

»Nun, Susel, soll ich nichts ausrichten an den Herzallerliebsten?«

»Damit, Borich, ist's jetzt aus«, sagte Susel. »Nichts sollst du ausrichten.«

Borich machte sich seine Gedanken und berichtigte sie, indem er nachrief: »Ich hab' gemeint den Kronenwirt.«

»Ah so«, rief Susel zurück, sich halb umwendend. »Nun ja, einen Gruß«, sagte sie leichthin und ging weiter.

Als nun der Bräutigam kam, um sich über die Einladungen zur Hochzeit zu besprechen, die großartig im mütterlichen Hause der Braut gefeiert werden sollte, hatte Frau Juliane gegen die Vorgeschlagenen nichts einzuwenden, mit einer einzigen Ausnahme. Der Kronenwirt war nämlich der Meinung, daß auch Schorsch, der ein guter Freund von ihm sei, eingeladen werden müsse. Hier fuhr die Mutter bedenklich dazwischen; Susel verfärbte sich. Aber der Kronenwirt bestand – zum ersten Male – in diesem Punkt hartnäckig auf seiner Meinung; er dachte, es sei schon ein Akt der Klugheit, und man stopfte damit am besten den Leuten die Mäuler.

»Ich hab' nichts dagegen!« sagte Susel kalt und herb.

»Um des Himmels willen!« schrie Juliane.

»Mutter«, sagte Susel mit bleichen Lippen, »seid nur ganz ruhig. Das ist jetzt alles vorbei. Jetzt könnt Ihr ihn ungeniert in unser Haus einladen, jetzt!«

Juliane sah zu ihrer Tochter auf. Ein unbeugsamer Entschluß, der ihren Worten entsprach, stand auf dem blassen Gesicht geschrieben. »Na, so mag er denn unser Hochzeitsgast sein. Aber mir will es gar nicht gefallen«, wiederholte sie noch öfter bei sich. »Und ich wollte, der Tag wäre schon herum!« sagte Frau Juliane nochmals an den Vorabenden des Hochzeitstages, als die Mägde schon mehlbestäubt und mit aufgestülpten Ärmeln über Hof und Gasse eilten und alle Welt erwartungsvoll dem Tag entgegensah, zu dem in Küche und Keller, in Wasch- und Backhaus so große Vorbereitungen stattfanden.

War doch eigens eine fremde Kochfrau bestellt, die die Herrschaft in der Küche führte und schon seit mehreren Tagen den Kochlöffel und Bratspieß als Szepter und Schwert schwang über Gerechte und Ungerechte unter den jungen und alten Mädchen aus der entfernten »Verwandtschaft«, die zur Aushilfe gerufen waren und sich freudig eingestellt hatten. Da liefen sie nun hin und her mit Blechen und Pfannen, mit frischem Teig und frischgebackenen, duftenden Kuchen, hatten kaum Zeit, einander anzureden, wenn sie sich begegneten, und schäkerten und scherzten doch den lieben langen Tag. Dazwischen sprangen die Kinder Evens und aus der sonstigen Verwandtschaft in der Märzsonne umher, jubelnd und schreiend, daß es eine Lust war, während Hanjergs Grauschimmel und die Füchse des Kronenwirts, an mächtige Leiterwagen gespannt, wieherten und das Pflaster ungeduldig stampften, da die Ausstattung der Tochter des Hauses immer höher, zu wahren Bergen aufgeschichtet, noch nicht völlig auf die großen Fuhrwerke geladen war, die heute noch über Münster nach dem Hause des Kronenwirts abgehen sollten. Dahin wollten dann – so war es ausgemacht – in der Hochzeitsnacht die jungen Eheleute folgen.

Der »Stumpe« – er war seit Weihnachten Pferdeknecht beim Kronenwirt – vertrug sich diesmal aufs beste mit den Spiegelguckern, trank vom Wein, aß vom Kuchen und Braten, ließ sich necken und neckte wieder, guckte auch dann und wann dorthin, wohin er nicht gucken sollte, worauf es dann von den Mägden hieß: »Wart', du Häfelesgucker! Mach', daß du weiterkommst – oder wir sagen es der langen Christine, was du für einer bist.«

Dann wurde ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, oder es klatschte ein Scheuerlappen nach ihm, oder die Kochfrau schwang ihren Topf so kühn, daß sie ihm einen schwarzen Strich über die Backe zeichnete, worauf er unbewußt mit einem halben schwarzen Bart das Gelächter im ganzen Hause und in der Nachbarschaft erregte. Allein, er war heute in seiner guten Laune, der »Stumpe«, wie ausgewechselt, und ließ sich nicht verdrießen; auch dann nicht, als er unversehens vor die angelegene Kammer geriet, wo die Mägde sich umkleideten. Mit Geschrei, Besen und Kehrwischen machten sie einen Ausfall gegen den »verfluchten Kerl« und droschen ihm seinen breiten Buckel so derb, daß er, zur Treppe hinunterpolternd, schnell seinen Rückzug antrat. Nach allgemeinem Urteil hatte der Stumpe »ein bissel zu viel«, und Frau Juliane befahl noch vor der Abfahrt dem Hanjerg, doch achtzugeben, daß der Stumpe unterwegs nicht umwerfe. Susel selbst hatte sich wenig blicken lassen und sah dann mit der kalten Ruhe, die man jetzt an ihr gewohnt war, auf all' das lärmende und summende Getriebe im Haus und in dessen Umgebung.

Stolz zogen die beladenen Wagen durch die Hohlwege über die »Hübel« und dann die Kreuzstraße hinunter unter fürchterlichem Peitschenknallen nach Münster, von wo sie im Klingbachgrund ebene Fahrt hatten. Überall staunte man die mächtig beladenen Fuhrwerke an, besonders auch am Rathausbrunnen in Münster, wo nicht bloß Schorsch bei der »Normal-Aiche« eben mit anderen Küfern verschiedene Weinfässer aichen half, sondern auch die Weiber und Mägde mit Garn und Wäscheklopfen einen Höllenlärm vollführten. Diese hielten die Brunnentröge wie den Bach so besetzt, daß weder die Salat waschenden Nachbarstöchter, noch die Wasser holenden Mägde an die drei Röhren gelangen konnten, und nur das zur Tränke getriebene Rindvieh mit seinen Hörnern sich zum gewohnten Platz am großen Trog Bahn zu brechen vermochte.

»He, der Stumpe!« scholl es ihm schon von weitem entgegen. »Das ist der rechte! Hat heute schon seinen Hieb! Wie soll das morgen werden mit dem Stumpe? Ist nur drei Käse hoch und schluckt wie eine Sandgrube! Man sollt' ihn doch einmal aichen, wie viel er hält, der Stumpe, und wo er's hinbringt.«

Hier konnte der Knecht des Kronenwirts heute ohne »Streiche« selbstverständlich nicht vorüber. Seine Füchse mußten getränkt werden; und da keine ihren Kübel ablassen wollte, gab es, halb zum Entsetzen, halb zum Ergötzen des gesetzteren Hanjergs, eine fürchterliche Balgerei mit den lachenden und kreischenden Weibern, die ihm die Kübel über den Kopf stülpten, ihn nahezu in den Trog drängten und als er endlich wieder mit fürchterlichem Peitschenknallen durch das Stift davonfuhr, noch Scheltworte nachschrien, Kübel voll Wassers nachgossen, obwohl er ohnehin schon triefend aus der Bataille gekommen war.

Als sich das Gelächter etwas gelegt hatte, merkte Schorsch wohl, daß sein Name, häufiger als ihm lieb war, mit den hochbeladenen Aussteuerwagen in Verbindung gebracht wurde. Es lag ja nahe genug, daß man meinte, die Wagen könnten geradesogut hier in Münster abladen und so weiter. Ein besonders keckes Waschweib fragte geradezu, wie ihm zumute sei, so daß er zwar gute Miene zum bösen Spiel machte, dennoch sich, so bald er konnte, aus der Nähe dieser scharfen, stechenden Zungen zurückzog. Anderntags aber begab auch er, wie viele andere, sich in seinen schönsten Kleidern zur Hochzeit nach Oberhofen. Er hatte dem Kronenwirt zuletzt auf vieles Drängen doch sein Wort darauf gegeben und glaubte, es sich selbst schuldig zu sein, nicht wegzubleiben. Eine Einladung zur Hochzeit durfte nicht ausgeschlagen werden, und Schorsch hielt es für eine Ehrensache, zu erscheinen.

Das Wetter war an jenem Donnerstagmorgen im Monat März nicht mehr sonnig wie an einigen vorhergegangenen Lenztagen. Trübes Gewölk hatte sich vorgeschoben, doch regnete es nicht; der Boden war trocken, und der Wind fegte dann und wann den Märzenstaub von der Straße und hob ihn wolkenweis über das Feld. Schon früh war der Kronenwirt mit seinen beiden Kindern durch Münster gefahren; er wollte Schorsch mitnehmen. Dieser aber zog vor, zu gehen, da er ohnehin der Ziviltrauung vor dem Bürgermeister – in der Pfalz ist von der französischen Zeit her jeder Ortsvorstand zugleich auch Zivilstandesbeamter – nicht beizuwohnen hatte und zur Trauung in der Kirche noch immer rechtzeitig kam. – Schon hatte die Lenzarbeit in den Wingerten begonnen, mit dem Schneiden und Binden der Reben, dem Umgraben, Stufenschlagen, Balkeneinziehen. Es sah sich seltsam an, wenn man den Winzer oben auf der Rebenhöhe den Schlag führen sah, und der Schall erst mehrere Sekunden später das Ohr des Wanderers erreichte. So oft beobachtet, erregte es seine Aufmerksamkeit dennoch wieder. Je näher er jedoch dem stillen Dorf kam, desto mehr glaubte er, jedesmal den Schlag zu spüren, als ob er gegen sein Herz geführt wäre. Eine wunderliche Spannung beklemmte ihm die Brust. Es lag wohl in der Frühlingsluft und in der bewegten Zeit.

Aus dem Westrich waren damals aufregende Botschaften gekommen. Die von Zweibrücken gegen Homburg ausrückende Gendarmerie, von zwei Schwadronen Chevauxlegers begleitet, hatte auf Befehl des dortigen Landkommissars die Türen der Wohnung des Dr. Wirth erbrochen, und aufs neue waren Siegel angelegt worden. In der folgenden Nacht aber wurden dem Landkommissär die Fenster eingeworfen und ein Freiheitsbaum aufgestellt. Nun sollte Dr. Wirth, der wieder die Siegel abgerissen hatte, verhaftet, die »Tribüne« gänzlich unterdrückt werden. Diese Botschaft hatte durch das ganze Land aufregend gewirkt, und schon wurde da und dort mit dem Aufstellen von Freiheitsbäumen begonnen.

Doch, war das alles imstande, einen Hochzeitsgast so sehr zu bewegen, daß ihm das Herz pochte, als er das Dorf vor sich sah, und daß es ihm noch heftiger schlug, als er die Gasse und das Haus betrat, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte?

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