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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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30

Es gärt

Die winterliche Schneedecke steht einer Landschaft von fast südlichem Charakter, voller Obsthaine und Weinberge, nicht gut zu Gesicht. Kahl und schwarz ragen die Ranken der Reben, die Zweige und Äste der Kastanien, der Pfirsiche und Walnußbäume über die weiße Hülle und nehmen ihr den Eindruck des Eintönigen und damit der Großartigkeit. Hügel und Berge erscheinen flach und niedrig, das ganze Gelände ohne Charakter. Nur das Schneien selbst bringt, wie überall, so auch hier eine besondere Stimmung.

Das macht sich auch unbewußt bei dem »Hochzeiter« geltend, der seine Braut auf dem mit feurigen Füchsen bespannten Schlitten zum Verwandtenbesuch von Ort zu Ort über die kahlen Höhen und durch die verschneiten Hohlwege fuhr, in den Schneeschleier hinein, der so geheimnisvoll alles verhüllte. Und der Glückliche wurde nicht müde, ihr Freundliches zuzuflüstern, ihr gute Worte zu geben, wenn sie auch so kühl, so kalt dabei blieb, wie der winterliche Tag.

Jene Naturstimmung verfehlte aber auch ihren Eindruck nicht auf die Schar von jungen Mädchen, die eines Abends bei Vollmond – dessen Schein, durch das anhaltende Schneien gemildert, sein Licht nur noch wie durch ein Milchglas verbreitete – mit ihren Spinnrädchen über Feld gingen, von Münster aus durch die Hohlwege am Kreuzsteinkirchhof vorüber zur Kreuzstraße hinan und weiter über die beschneiten Höhen in die »Kunkelstube« nach Oberhofen, wohin sie eigens durch Susel auf Wunsch ihrer Mutter geladen worden waren. Denn Frau Juliane wollte zu erkennen geben, daß sie nun keine »Feindschaft« mehr hege, nachdem ihre Tochter »vergeben« war, und sich bei dieser Gelegenheit überhaupt einmal »zeigen« vor den Münsterern. Darum war die Einladung an die Mädchen ergangen, die, mit Susel konfirmiert, auch angenommen hatten, ohne daß sie ihren Brüdern oder Schätzen etwas davon verrieten. Selbst Kathel war mit. Hatte sich doch indessen herausgestellt, daß Susel unschuldig an jenem heimtückischen Überfall gewesen war, der dem Schorsch nahezu das Leben gekostet hatte.

Und schön, sehr schön war die »Kunkelstube«, die Aufnahme und Bewirtung ließ nichts zu wünschen übrig. Es wurde gegessen und getrunken, was die leckern Mädchen nur vertilgen konnten, und zuletzt noch Kaffee gekocht und das Waffeleisen angewandt. Susel war freundlich mit allen, auch mit Kathel. Aber kein Wort ließ sie fallen über ihre frühere Liebschaft und ihre jetzige Brautschaft. Als eines der Mädchen ihr noch nachträglich gratulieren zu müssen glaubte, wurde das so kühl aufgenommen, daß die Glückwünschende nunmehr betroffen Schweigen beobachtete. Sonst war man möglichst heiter. Auch gesungen wurde viel, so Sand's Abschied: »Ach, sie naht, die bange Stunde«, dann »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin an dem Rhein.« Zuletzt noch das:

»Ich wollt' ich läg und schlief'
viel tausend Klafter tief
Im Schoß der kühlen Erden,
Weil du mir nicht kannst werden,
Und ich keine Hoffnung mehr hab'.
Als nur das kühle Grab.
Auf deine Lieb' gebaut.
Nun aber – – –«

An dieser Stelle des Liedes, das sie in jenen Tagen so oft im stillen vor sich hingesungen hatte, war Susel aufgestanden, um noch draußen in der Küche etwas zu besorgen, wohl noch eine Zwiebel in den Salat zu schneiden, der mit aufgetragen werden sollte. Und ihre Augen waren etwas rot, als sie wieder erschien. Den ganzen Abend über behielt sie bis zum Aufbruch ihr mild gelassenes Wesen bei.

Der Mond, dessen voller Glanz durch den fortdauernden Schneefall nicht getrübt und nur so weit gebrochen war, daß eine Fülle von weißem Licht über der Landschaft lag, hatte seinen höchsten Stand erreicht, als die Mädchen ihre mit flimmernden Seidenbändern umwundenen Kunkeln wieder aufnahmen, und, freundlich verabschiedet, sich um Mitternacht über die verschneiten »Hübel« auf den Heimweg machten. Dabei standen auch da, wo der Schnee schärfer über die steilen Hochränder der Hohlwege hereinwehte, die Mäulchen nicht still. Über Susel waren alle des Lobes voll. Mit der sei keiner angeführt. War sie doch ohnehin in der ganzen Umgegend die beste Partie, und man begriff auch hier wie überall nicht recht, wie die stolze Frau Juliane ihre Zustimmung geben konnte, noch wie Susel den Kronenwirt nehmen mochte. Ob sie wohl den Schorsch ganz vergessen hatte? Ob sie den Witmann so lieb haben könne, wie einen Ledigen, oder ob sonst etwas Besonderes an ihm sei! Ein netter und sauberer junger Mann war er ja; aber zwei Kinder waren da, und dabei hatte es noch seinen besonderen Haken, freilich auch auf der anderen Seite! Ob er feststand, der Kronenwirt, und – ob es überhaupt zur Hochzeit käm'?

Bereits war auch Susel mit ihrem Kronenwirt »ausgerufen« und angeschlagen, nämlich ihre Verlobung war von der Kanzel verkündigt und die Proklamation durch den Bürgermeister als Zivilstandesbeamten auf Stempelpapier an der Türe des Gemeindehauses angeheftet worden zur allfälligen Aufdeckung eines Ehehindernisses. Und diese Proklamation wurde nach der Sitte, so reichlich mit Blumen und Kränzen geschmückt, wie seit langem keine mehr; Widerspruch oder Einsprache aber von nirgends her erhoben. Einmal zwar flüsterte jemand der Braut zu, es stehe nicht gut mit dem Kronenwirt. Darauf erfolgte jedoch die Antwort: »Das geht nicht mich, sondern meine Mutter an!«

Juliane hatte indes bereits bei Herrn Rosenthal selbst Erkundigungen eingezogen und die tröstende Versicherung erhalten, daß sie unbesorgt dem Kronenwirt ihre Tochter geben könne. Wenn die Hochzeit dennoch über die Fastnacht hinausgeschoben wurde, so hatte das seinen Grund in den großen Vorbereitungen zur Ausstattung, da die Näherin Tag und Nacht mit Susel und ihrer Mutter an der Arbeit saß.

Zu jener Zeit herrschte ziemliche Not unter der weniger bemittelten Bevölkerung der Gebirgsgegend hinter Bergzabern und Klingenmünster. Die unzulängliche Ernte des verflossenen Jahres machte sich jetzt in peinlicher Weise geltend. Im Gossersweiler Tal waren die »Gehlen«, die gelben Kartoffeln, nicht geraten; in dem Felsenland bei Dahn und auf der Pirmasenser Höhe steigerte sich der Mangel fast zur Hungersnot und trieb Kinder und Männer fort auf den Bettel in die fruchtbare Vorderpfalz, so daß Susanne Groß in Oberhofen während ihres Brautstands Gelegenheit fand, Wohltätigkeit zu üben. Kein Bittender ging unbeschenkt und ungetröstet von ihrer Tür. Die Not dauerte an. Dazu kam, daß man, statt die vorhandenen Zollschranken einzureißen, das Land mit neuen umgab, wodurch vor allem die Ausfuhr des Hauptprodukts, des Weins, untergraben wurde, und die ohnehin aufgeregten Gemüter noch ärger verbittert wurden. »Die Weinbauern müssen trauern«, lautete die Inschrift einer schwarzen Fahne, die drei Monate später neben dem entfalteten schwarz-rot-goldnen Banner bei dem Feste auf dem Hambacher Schloß erschien.

Von Neujahr an, wo die nach heldenmütigem Kampf ihr Vaterland vorlassenden Polen auf ihren Durchzügen nach Frankreich von den Pfälzern mit Begeisterung empfangen und bewirtet, gleichzeitig die freisinnigen Abgeordneten bei ihrer Rückkehr in die Heimat bei Banketten und in Versammlungen gefeiert wurden, hatte die politische Bewegung im Lande zugenommen und wurde besonders von Zweibrücken und Homburg aus durch die Preßtätigkeit Siebenpfeiffers und Wirths genährt. Schon beim Empfang des Führers der gemäßigten Liberalen lohte die Begeisterung in hellen Flammen, und er selbst wies zündend auf das über Deutschland aufgehende Morgenrot hin. Noch aufregender gestaltete sich die Feier des aus Bergzabern gebürtigen beredten Führers der äußersten Linken: Jubelrufe, rauschende Musik, hundertundzwei Mörserschüsse und nächtlicher Fackelglanz, in dessen Flammen sich das schmachvoll niedergetretene deutsche Vaterland läutern und wie der Phönix jugendlich zu erstehen hoffen dürfe, wie Siebenpfeiffer verkündigte.

Als die Regierung gegen die Blätter vorging und die Pressen versiegelte, wurden die Siegel so ungeschickt angelegt, daß die Blätter dennoch gedruckt werden konnten. Und bei erneuter Versiegelung riß Siebenpfeiffer die Siegel herunter und erklärte, nach wie vor sein Blatt drucken und unter dem Beistand der Bevölkerung Gewalt mit Gewalt vertreiben zu wollen. Ebenso warnte Dr. Wirth die Fürsten und den »Bund«, sich auf einen ungleichen Kampf einzulassen. Mittlerweile ergriff die Regierung unter der Autorität des »Bundes« ihre Maßregeln zur völligen Unterdrückung der liberalen Blätter. Und eines Tages, im Vorfrühling 1832, als die Winzer in der Vorderpfalz schon hemdärmelig in den Weinbergen standen, um die Reben zu schneiden, rückten Gendarmen und zwei Schwadronen Chevauxlegers von Zweibrücken aus gegen Homburg, um einen Gewaltstreich auszuführen.

Kurz vorher hatte es abends noch geschneit. Jerg, der Schwiegersohn der Juliane, schien daheim einige Langeweile zu empfinden, während sein Pöppel auf der Schiefertafel schrieb, sein Stöffele ba, ba, be, be lernte und die anderen Kleinen nach dem Bette schrien und heulten. So fragte er, nach der Mütze greifend, seine Frau, ob sie meine, daß er daheim bleiben solle. Eve bejahte.

»Gerad jetzt geh' ich«, sagte er, setzte seine Kappe auf und verließ das Haus, Frau und Kinder, um einen Gang nach Pleisweiler zu machen. Geschäfte hatte er dort nicht; allein er fühlte das Bedürfnis, bei den schlechten Zeiten im Wirtshaus zu plaudern, hinterm Schoppenglas »denen da droben« einmal ungeniert die Meinung zu sagen, da sie es doch nicht hörten.

Mit diesem schönen Vorsatz begab sich also Jerg nach dem Essen aus dem Dorf, um an dem Kreuzstumpf bei der Ruhbank vorüber den Nachbarort zu erreichen. Es war eine helle Winternacht, der Mond schien durch das Flockengetümmel; und da Jerg keine Handschuhe mitgenommen hatte, – die Nacht war frisch, und gerade hier wehte ein kalter Wind – so steckte er die Hände in die Taschen und ging, den Lauterbacher pfeifend, wohlgemut dahin. Die kleine Strecke bis zur Straße lag so still vor ihm, da um diese Zeit niemand mehr unterwegs zu sein pflegte.

Um so mehr erstaunte er, daß sich beim umgestürzten Kreuz etwas regte, das wie ein Mensch aussah, und doch konnte sich kein vernünftiges Wesen in einer Winternacht an der Ruhebank aufhalten. Fast hätte ihn abergläubische Furcht angewandelt, als er die Beobachtung machte, daß es ein zusammengekauertes Weib war, das mit einem Handkorb und einem altertümlichen Spinnrädchen da beim Kreuz in der Schneenacht ausharrte, wie Frau Holle im Kindermärchen. »Was tut Ihr denn da? Ihr wollt wohl den Schnee vom Himmel spinnen, Alte?«

»Kümmer' dich um deine Sach', du hast's not, nicht um meine«, greinte die Alte fauchend. »Brauchst mich nicht anzuranzen, wenn ich nichts von dir will. Du gibst mir doch nichts. Aber wart', bald geht's auch über euch her, ihr Spiegelgucker, ihr Hungerleider! Gelt, Korn und Weizen laßt ihr lieber ausfliegen, ihr Wucherer! Der Herrgott im Himmel soll euch dafür heimsuchen, und er tut's bald, ich weiß! Ich erleb's noch, daß euch alle der Teufel holt!«

Nach der dortigen Volksanschauung wird wucherhaft aufgespeichertes Getreide endlich lebendig und fliegt in Milliarden kleiner schnakenartiger Insekten zu den Speicherluken hinaus und weit davon. In der Tat sieht man zuweilen ungeheure Insektenschwärme, die förmlich die Sonne verfinstern, das Gebirg entlangziehen, und dann heißt es, dem oder jenem »Wucherer« sei das Korn ausgeflogen.

Dem Schwiegersohn der Juliane war es etwas unheimlich geworden bei den Verwünschungen der Alten. Was suchte sie nur da? Bloß ausruhen? Oder wartete sie auf jemand? Er schritt hastiger aus; und als er eben an der Kirche und am Schulhaus vorüber wollte, kam ein kleiner Knabe in zerrissenen Socken auf ihn zu, weinerlich fragend, ob er seine Großmutter nicht gesehen habe.

»Wo bist du denn her, Kleiner?«

»Vom Gleiszeller Berg«, sagte das Kind.

»Wie heißt du?«

»Hennerle.«

Jerg sah das arme Kind scharf an, wandte sich dann rasch zum Gehen und sagte unwirsch zu dem Erschrockenen: »Draußen an der Ruhbank sitzt das alte Tier. Wer streicht so in der Nacht herum? Mach' gleich, daß du weiterkommst!«

Dann ging er in keiner angenehmen Stimmung in das Nachbardorf hinein. Die lange Gasse war leer, nur dann und wann klapperte ein Mädchen oder eine Frau, die vielleicht nur in eine Kunkelstube wollte, in Holzschuhen über das Pflaster der Gasse, die sich am Fuße der Berge zur katholischen Kirche hinwendet.

Einmal im Wirtshaus, vergaß Jerg das kleine Abenteuer, da er Gesellschaft vorfand. Der Zimmermeister, der wie gewöhnlich in seinem Schurzfell am Weintisch saß, brachte ihm »das Trinken« zu, und er selbst bestellte sich einen Schoppen, den er gleich zur Hälfte leerte. An einem anderen Tische saß noch ein Glaser aus der nahen Stadt und hatte die Zeitung vor sich, ohne jedoch viel darin zu lesen. Ihm gegenüber hatte der arbeitslose Schneider des Orts Platz genommen.

»Na«, sagte der, von seinem halben Schoppen nippend, »wieder ist ein Haufen Polen auf der Kandel-Weißenburger Straße durchs Land. Die Bergzaberner sind ja drüben in Steinfeld gewesen und haben sie als Mitkollegen begrüßt und gefeiert.«

»Ich selber war abgehalten an dem Tag«, bemerkte der Glaser. »Sonst hätt' ich gesagt: machen wir's den Landauern nach, die sich ihre Polen, weil keine in die Festung sollten, wagenweis geholt haben, um sie zu feiern.«

»Und's tut nicht eher gut«, fiel der Zimmermann ein, indem er seine Faust auf den Tisch legte, »als bis wir einmal zusammenstehen und dem Russen den Hals brechen – 's kommt doch noch einmal dazu.«

»Ich sag's auch«, stimmte der Schneider zu. »Wenn nur der Türk nicht wär'! Der lauert schon lang, um wieder einmal an uns rumzusäbeln und seine Gäule im Rhein zu tränken, wie der Immelbalzer prophezeit haben soll. Und was steht denn vom Siebenpfeiffer und vom Wirth in der Zeitung? Haben sie denen wieder einmal die Druckerei versiegelt? Die oben verpetschieren so lang, bis sie selber petschiert sind.«

»Darum wird sich der Siebenpfeiffer kümmern!« meinte der Glaser überlegen. »Er reißt das Siegel wieder herunter, wie schon einmal. Aber neugierig bin ich doch, wie die Sach' hinausgeht!«

»Hat er wirklich die Siegel heruntergerissen?« fragte der Schneider.

»Ich hab's aus erster Hand.«

»Mordskerl, der Siebenpfeiffer. Er soll leben!« und man stieß an.

»Die Viehhändler von Münster haben's schon lang heimgebracht« bestätigte der Zimmermann. »Und 's wird bald zu was kommen.«

»Ja, ein bissel Untereinander tät not! 's tut nicht länger gut so!« meinte der Schneider. »Kein Mensch zerreißt mehr Hosen.«

»Wenn's nicht bald losgeht«, sagte der Zimmermann und ließ seine Faust auf den Tisch fallen, »geh' ich los. Gabholz und Sträsel ist die erste Bedingung der Freiheit. Dann wird alles eingerissen und neu gebaut. Dann muß unser Büttel weg, der Tyrannenknecht. Dann geht's unsern Altbayern an den Hals, dem glütigen Haspel, dem Schnurres und unserm Doktor Flax. Das sind die drei gefährlichsten. Ferner unsere Weiber – sie haben zu viel Recht und Gewalt im Land.«

»Da stimm' ich bei«, sagte der Schneider. »Das ist ein Hauptpunkt! 's ist nicht mehr auszuhalten.«

»Meine Eve – – – aber bringe mir noch einen Schoppen von dem da!« fing jetzt der Jerg an, indem er dem Wirt das Glas hinreichte. »Meine Eve will sich auch nichts mehr gefallen lassen. Sie hat ihre Zunge und ich meine Hand, aber in der letzten Zeit pariert sie nicht mehr, meine Eve – – sie stellt sich.«

»Auf die Hinterfüß«, fügte der Schneider hinzu. »Ja ich kenn' das. Sie soll gestern wieder Bürgerhilf gerufen haben, und es muß der Mühe wert gewesen sein, daß du sie blutrünstig geschlagen hast.«

»Blutrünstig?« wiederholte verächtlich der Jerg. »Rühr ich sie nur an, kreischt sie gleich, daß man's zehn Häuser weit hört. Wegen jeder Kleinigkeit heult sie wie ein Schloßhund. Gestern sag' ich: Wo ist das Geld für die Milch und Eier? – Du hast Rindfleisch essen wollen, der Metzger gibt nichts umsonst, sagt sie. – Was hast du dort im Schrank? frag' ich. – Was werd' ich haben? Häfen hab' ich, kreischt sie; meinst wohl, ich hol' den Wein krugweis aus dem Keller, wie du? Da sag' ich ganz im Guten: Jetzt halt' einmal dein Maul, oder ich versetz dir eins, daß dir der rote Saft rausfährt. – Sie auf mich drein: Schlag' nur zu! – Na, da hab' ich ihr auch eins gegeben. Jetzt hängt sie den Kopf. Die ist gar wehleidig!«

»Aber nehmt mir's nicht übel!« äußerte der Glaser aus der Stadt, ohne jedoch fortzufahren. Denn Jerg und der Zimmermann sahen nicht aus, als nähmen sie Einwürfe gleichmütig hin. Auch wollte Jerg sich nicht unterbrechen lassen.

»He, wie steht's?« wandte sich der leutselige Lehrer an den städtischen Glaser. »Ist die Pirmasenser Deputation schon durch Bergzabern gekommen, um beim König in München ein Gesetz zu beantragen, daß überall Straminschuh eingeführt werden?«

»Hab' nichts davon gehört«, war die Antwort. »Aber die Pirmasenser würden dabei Geschäfte machen.«

»Auch die Ramberger haben eine Gesandtschaft ans Ministerium erlassen, daß mehr Bürsten angeschafft und Kirschenwasser getrunken wird.«

»Es ist mir noch nichts davon zu Ohren gekommen.«

»Steht auch nichts davon in der Zeitung, daß die Griechen den Siebenpfeiffer zum König wollen, he?«

»Das wär' 'ne wichtige Angelegenheit. Aber gelesen hab' ich nichts davon«, äußerte der Glaser. »Denn wissen Sie, nehm' ich eine Zeitung in die Hand, guck' ich nur, was hinten steht, wo die Hauptsachen kurz zusammengefaßt sind. Man spart viel Zeit damit. Denn da heißt 's kurz und gut: Lombarden ruhig, Türken flau, Franzosen lebhaft, Russen nicht begehrt. Da weiß man gleich, wie man dran ist. Spanier still, Österreicher behauptet. Eines aber kränkt mich schon lang', daß ich nicht rauskriegen kann, was das heißt: Baumw. 19⅞, Hab' schon oft hin und her simuliert, bei Tag und bei Nacht, was das heißen soll, und krieg's nicht krumm.«

Der Lehrer nahm das Blatt, – die Notiz stand hinten im Handelsbericht unter »New York«.

»Könnt's nicht Baumwachs heißen?«, fragte der Schneider pfiffig.

»Oder Baumwichs«, meinte der Zimmermann.

»Hab' noch nicht gehört, daß Bäume gewichst werden«, hielt Jerg entgegen.

»Warum sollen die Amerikaner ihre Bäume nicht wichsen?« fragte der Schulmeister. »Dort ist Freiheit, und es sähe ihnen gleich. Übrigens scheint mir, es heiße Baumwuchs 19⅞ Fuß oder Meter hoch.«

»Na, dann wachsen in Amerika die Bäume noch nicht in den Himmel«, bemerkte der Glaser.

»Baumwolle heißt es mit Preisangabe!« warf jetzt Dr. Flax erbittert schreiend aus seiner dunklen Ecke hin, und alle schwiegen eine Weile verblüfft über dies Ei des Kolumbus.

»Aber, das sollt' doch durch ein eigenes Gesetz verboten werden«, begann nach längerer Pause der Glaser, »daß man so was nicht ausdruckt. Wer kann denn gleich darauf kommen, daß das Baumwolle heißen soll! So verliert man seine Zeit für nichts und wieder nichts mit Nachdenken.«

»Ich will aber jetzt einmal wissen, was man gegen mich hat«, fuhr der Doktor laut und herausfordernd fort, indem er sich in seiner Ecke erhob. »Nicht wahr, nach der großen Schlägerei hat man statt des Schäfers, der auf zwanzig Schritte einen Menschen nicht von einem Hammel unterscheiden kann, mir wieder gute Worte gegeben, daß ich die Nase und Stirnhaut zusammenflicke, weil der Mensch kein Schaf ist, oder doch keines sein sollte. Jetzt aber ist's wieder die alte Geschichte. Was liegt vor gegen mich? – Heraus damit. – Na, wird's bald?«

Als fortwährend alles schwieg, trat der Schulmeister näher und sagte vertraulich: »Will Ihnen was sagen, Doktor. Sie gelten nicht bloß für einen Aristokraten, sondern noch für etwas mehr. Wüßte man, daß mein bester Freund daran ist, zu München in der Hofküche beim König – –«

»Demnächst Mundkoch zu werden, würde man Ihnen auch nicht trauen«, fiel Dr. Flax ein, indem er aus seiner Ecke hervor mitten in die Wirtsstube trat. »Den Freunden so vornehmer Persönlichkeiten traut man die Fähigkeit nicht zu, dem Hofeinfluß zu widerstehen. Ich habe aber keinen königlichen Lakaien zum Freund. Leider! Was ist's also, was hat man an mir auszusetzen? Offen heraus, mit einem Wort, wofür hält man mich?«

»Achselträger, Angeber, Spion«, sagte kleinlaut der Schulmeister wie im Selbstgespräch vor sich hin.

»Was?« schrie der Doktor. »Ich? Der begeisterte Anhänger nicht bloß des morgenrötlichen, sondern auch des geläuterten Deutschlands? Auf welche Tatsachen gründet man diese Verleumdung?«

»Die Großmutter hat's selber mit angehört«, erklärte jetzt Jerg etwas unsicher.

»Wo? Wann? Was?«

»Daß Sie einen Anblochierten, einem anderen Altbayern von drüben herüber, den ganzen Plan verraten haben, in den sich der Siebenpfeiffer die Jahre her im geheimen hinein verspekuliert hat.«

»Jetzt geht mir ein Licht auf!« sagte der Doktor mit der Hand am Kopf, sich auf der Ferse drehend. »Der alte Drache steckte damals im Alkoven und belauschte nicht bloß mein Gespräch mit Frau Juliane, sondern auch die Bewerbung des Kontrolleurs Kannhahn, den ich dann im Scherz fragte, ob er seinen Kopf nicht wackeln fühle. Und darum ein Spion, darum! Oh, alte Weiber, alte Weiber, alte Weiber!«

»Und junge«, setzte der Schneider hinzu. »Sie haben viel zu viel Gewalt im Land.«

»Übrigens«, fuhr der Doktor fort, bin ich kein Altbayer; sondern ein geborener Schwetzinger. Aber was überm Rhein liegt, heißt auch Altbayern. Meinetwegen. Daß ihr euch über die Mauth ärgert, find' ich begreiflich. Denn statt Wein zu verkaufen, müßt ihr ihn selber sauf– – trinken.«

»Wir saufen ihn auch«, sagte der Zimmermann trotzig.

»Die Bettelleut' fressen einen auf«, warf Jerg etwas unvermittelt hin. »Tät' der Büttelhannes auf die Bettelleut' vigilieren, statt auf unsereinen!«

»Daß Not im Lande herrscht, weiß ich selber, aber helfen kann ich nicht«, sagte der Doktor. »Von weither, sogar von der Pirmasenser Höhe, kommen sie betteln. Frag ich gestern einen vierzigjährigen Mann von Vinningen: Predigt euer Pfarrer Glöckner von Luthersbrunn noch mit dem roten Brusttuch unterm Frack von der Freiheit? – Ach Gott, sagt er, was hab ich von der Freiheit, wenn der Magen knurrt! Und der Mann hat von seinem Standpunkt aus so unrecht nicht«, sagte Doktor Flaccus, indem er sich zu seinem Tisch zurückbegab, wo sein Wein stand.

»Meine Schwägerin, die Susel«, bemerkte Jerg, »tut auch alles an die Armen hängen. Den Umstand hat sie an sich.«

»Aber was soll ich denn von der Bas Juliane denken?« fing der Schneider vertraulich an. »Weiß sie denn nicht, wie's mit dem Kronenwirt steht?«

»Wie wird's mit ihm stehen?«

»In seiner Haut möcht' ich nicht stecken. Es soll stark bei ihm wackeln.«

»Meine Schwiegermutter wird wissen, was sie weiß«, fuhr Jerg auf. »Und seine Haut ist immer noch neunundneunzigmal mehr wert als dein Bocksfell.«

»Wie ist er gesinnt?« erkundigte sich der Zimmermann, sein Glas ergreifend.

»Ein Freiheitsmann.«

»Na«, versetzte der Zimmermann, nachdem er getrunken hatte, »dann wünsch' ich ihm bald Hochzeit, damit nichts dazwischen kommt.«

»Was soll dazwischen kommen? Himmeldonnerwetter –!«

»Und nun will ich vollends klarlegen, wie sich die Dinge gestalten werden«, begann der Doktor wieder nähertretend, nachdem er sein Glas geleert hatte. »Es drängt zur Entscheidung. Man wird's immer ärger treiben von der und von jener Seite. Dann kommt der Deutsche Bund und sagt: Kusch!«

»Dann geht's erst recht los!« knurrte der Zimmermann. »Freiheitsbäume werden gesetzt.«

»Vielleicht. Man wird einen Arrestbefehl erlassen und meinen guten Dr. Wirth nebst Siebenpfeiffer einspunden.«

»Dann gibt's Revoluation!« schrie der Zimmermann, auf den Tisch schlagend. »Das leiden wir nicht.«

»Möglich. Aber, was hilft's? Was wir erstreben, erleben wir alle wahrscheinlich nicht mehr.«

»Dann geht's drunter und drüber!«

»In Bergzabern glaubt man übrigens daran«, bemerkte der Glaser dazwischen, »und auch die Billigheimer sagen: es wird durchgesetzt!«

»Mir sollt's lieb sein«, meinte der Doktor, »und gern will ich auch meine alte Haut dabei zu Markte tragen. Aber es wird noch manchen Tropfen Wein, Schweiß und Blut kosten. Für's erste gilt eins: Zusammenhalten.«

»Das ist auch meine Überzeugung«, stimmte Jerg bei und stieß mit dem Doktor an. »Zusammenhalten, nicht sich besser dünken, wie die Münsterer, die alle Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Vornehmtuerei und nichts dahinter! Statt Poppel, Pöppel oder Jokeb, heißt man da Schak oder Schakob, statt Hannes Schan, statt Jerg, Schorsch! Eingebildete Zipfel sind's, die Holzschlegel!«

»Ein Donnerwetter schlag' drein!« rief der Zimmermann und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Gläser tanzten. »Meine Mutter ist von Münster, du Spiegelgucker. Sag's noch einmal.«

»Feierabend«, gebot, rechtzeitig den Kopf zur Tür hereinstreckend, der Gemeindebüttel.

»Da haben wir's«, schalt der Schneider. »Man wird doch noch sein Glas austrinken dürfen.«

Über alle Tyrannen und ihren Knecht fluchend, taumelte der Zimmermann zur Tür hinaus. Auch Jerg kehrte, den Bachpfad entlang, in das stille Dorf zurück, ohne weiteres Abenteuer, nur daß er einmal ins Wasser trat und sich die Stiefel füllte, während der Doktor mit dem Schulmeister, in der langen Dorfgasse zuweilen stehenbleibend, bald hoffnungsvoll, bald nachdenklich über die nächste Zukunft plauderte, auch über die bevorstehende Heirat der Susanne Groß.

Sie hatten den Ausgang des Dorfes noch lange nicht erreicht, als von Oberhofen her Holzschuhe klapperten und ein junges Mädchen, das bei der Eve diente, in die Gasse herein und gerade auf das Paar zugelaufen kam.

»Herr Doktor kommen Sie schnell zu meiner Bas! Es ist ihr gar nicht gut.«

»Da haben wir's«, sagte der Doktor, sich von dem Begleiter verabschiedend., worauf er der Voraneilenden nachfolgte und an dem Kreuzstumpf vorüber durch die Schneenacht in das Dorf eilte.

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