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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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1

Frau Juliane

Mehrere Jahre nach der Gründung der unierten pfälzischen Kirche durch die Vereinigung der Reformierten und Lutheraner hatte es an einem heiteren Herbstsonntag bereits zweimal zum Gottesdienst geläutet. Im dunklen Feiertagsstaat, mit dem neuen Gesangbuch unterm Arm, kamen die Leute schon die Gasse herauf, um in ernster Sammlung und Haltung, gemessenen Schrittes, gruppenweise oder einzeln, die kleine Wegstrecke bis zur Kirche am Eingang des Nachbardorfes zurückzulegen. Dort war noch die Ankunft des Geistlichen abzuwarten, der jeden Sonntagmorgen von Klingenmünster her zur Besorgung seiner Filialen über die Höhen und Rebhügel wanderte.

In der mit weißem Sand bestreuten Stube eines der besten Häuser des stillen Dorfes stand eine stattliche Frau mit ihrem heranwachsenden Töchterchen am breiten Renaissancetisch aus Eichenholz. Sie war im Begriff, eine dampfende Weinsuppe nebst Weckschnitten anzurichten, als eine junge Magd hastig hereintrat. »Bas, ich möcht' auch in die Kirche! Es wird bald zusammenläuten, der Herr Pfarrer wird gleich über den Berg kommen; und der Vetter ist auch schon fort.«

Juliane Groß, die eben aus einem großen, massiv aus Nußbaumholz verfertigten Wandschrank ein zierliches Porzellangeschirr nahm, drehte sich bei der letzten Bemerkung langsam um.

»Was geht dich der Vetter an?« fragte sie barsch, daß die dralle Magd bis unter die schwarzbraunen Scheitelhaare errötete. »Als Presbyter muß mein Mann in die Kirche, nicht ich oder du. Hättest übrigens schon gestern fragen können, Nettl. Du bist ja eine ganz eifrige Kirchgängerin! Abhalten will ich dich nicht«, sagte sie weniger hart. »Setz' aber vorher noch das Rindfleisch bei, das Sauerkraut mit Dörrfleisch über, und vergiß nicht, die Kästen abzubrühen. Dann, Nettl, kannst du meiner Eve gleich die Kindbettsuppe mitbringen, verstehst?«

»Ja, Bas!« Und die Magd schlüpfte zur Tür hinaus, um dem Auftrag nachzukommen und sich vollends anzuziehen, während die Hausfrau mit ihrem Töchterchen die Speisen für die junge Wöchnerin in einem Körbchen unterbrachte. »Du bist Tante geworden, Susel«, sagte Juliane, »mußt jetzt deiner Mutter unter die Arme greifen lernen, mein Augapfel. Wir müssen zusammenhalten, Kind, und was gewonnen wird, ist dir gewonnen, kommt dir zugut. Guck, da draußen wartet Vetter Balzers Hannes auch mit seinem Gesangbuch«, fügte sie durch das Fenster sehend hinzu, ohne daß der Hinweis jedoch des Mädchens Aufmerksamkeit dahin wandte.

Nacheinander kamen jetzt die Hausbewohner, um ihren Kirchgang anzuzeigen: Zuerst Hanjerg, der verheiratete Knecht, der nach dem Gottesdienst noch seine »Alte« aufsuchen wollte. Er möge seine Käthrine grüßen, sagte die Hausfrau zu dem Getreuen. Kaum war er draußen, streckte eine alte Magd, auf dem ergrauten Haarwulst ein altertümliches, rundanliegendes, schwarzgetüpfeltes Nebelkäppchen, den Kopf herein und kreischte mit starrem Lächeln: »Juliane, möcht' ein bissel beten geh'n, – kann's auch brauchen.«

»Hab' nichts dagegen!« winkte die Hausfrau ab, um sich dann wieder ihrem Töchterchen zuzuwenden: »Was nur die taube Aplone in der Kirche tut! Daß wir nicht mehr reformiert, sondern uniert sind, weiß sie kaum. Sie schleppt noch das alte Gesangbuch mit dem Resedenzweig darin mit, wie in jungen Jahren. Wenn sie mir nur nicht wieder mitten in der Predigt ihren Psalm anstimmt!«

Susel drückte den Deckel des Körbchens zu, und ein etwas ungeschlachter Bursche mit unangenehm derben Gesichtszügen stolperte herein, um sein Gesangbuch vom Wandschrank herunterzuholen. Man hätte ihn für den zweiten Knecht halten können, wenn er sich nicht so ungezwungen, vielmehr ungehobelt benommen hätte. Denn er nahm seine Marderpelzmütze nicht ab, und als Juliane bemerkte: »Auch du, Stoffel, gehst in die Kirche? Deine Mutter kann ja zusehen, wie sie daheim zurechtkommt«, gab er zur Antwort, was er denn vom Daheimbleiben hätte, worauf Frau Juliane mit entsprechender Handbewegung äußerte: »Ab von der Schippe – ihr könnt alle abkommen!«

Während nun Stoffel, der wie seine verheiratete Schwester Eve aus erster Ehe der Mutter stammte, sich zu seinem draußen wartenden Freund Hannes gesellte, sagte Juliane zu ihrem jüngsten und einzigen Kind aus zweiter Ehe: »Ja, wir bleiben aufeinander angewiesen, mein Herz!« Aber die Anwandlung von Zärtlichkeit wich rasch einem abweisenden Blick, als die junge Magd, zum Kirchgang gerüstet, wieder hereinkam. Deren Kleid scharf musternd, äußerte sich die Gebieterin etwas ungnädig: »Hast dich ja recht herausgeputzt, Nettl. Ist das blaue Seidentüchel ein Kirwestück?«

»Ja, Bas«, antwortete die Magd, um nicht zu widersprechen und rasch hinauszukommen; sie nahm das Körbchen, die Hausfrau rief ihr noch nach: »Besorg's gut, sag', ich käme bald selber nach, und guck' mir in der Kirch nicht so nach den Mannsleuten. Hörst du!«

»Ja, Bas, will's ausrichten«, sagte Nettl, und schon war sie draußen auf der Gasse.

Mit »Vetter« und »Base« werden nach schöner patriarchalischer Sitte jener Gegend Herr und Frau des Hauses vom Gesinde unbeschadet des Respektes angeredet, und diese Benennung bleibt fürs ganze Leben, auch wenn das Dienstverhältnis längst aufgehört hat. Dementsprechend sind Knecht und Magd gehalten; sie essen mit am Familientisch und gelten den Kindern, mit denen sie der Hausordnung unterworfen sind, als gewissermaßen zur »Freundschaft« gehörig. Denn »Freunde«, »Befreundete« heißen die Verwandten, so daß Franz von Sickingens Todesklage: »Unsere Freunde sind unsere ärgsten Feinde!« zuweilen noch jetzt zur Geltung gelangt. Nur gute Freunde brauchen keine Verwandte zu sein.

Da Taglöhner stets zu haben sind, werden nur wenig Dienstboten gehalten. Kleinere Leute, deren Feldbetrieb nicht ihre volle Zeit in Anspruch nimmt, arbeiten willig und gern im Taglohn, zudem schaffen Söhne und Töchter tüchtig mit. Sah Stoffel wie ein Knecht aus, so arbeitete er auch als solcher; entzog sich, obwohl ihm sein Vermögensanteil bereits ausbezahlt war, so wenig einer Aufgabe wie Hanjerg, der langjährige Acker- und Pferdeknecht.

Neben dem lebenden Erbstück, der alten Aplone, die das Kleinvieh versorgte und im übrigen der im Vorbehalt wohnenden Großmutter zur Verfügung stand, hielt Juliane, da ein Kindermädchen nicht mehr nötig und für den Winter eine eigene Spinnfrau leicht zu haben war, nur noch eine Magd für die Melkkühe und die Küche. Seit Weihnachten war es Nettl vom Gleiszeller Berg.

Ja, diese Nettl! Weil sie in Münster gedient und dort zwei Jahre ausgehalten hatte, mußte etwas an ihr sein, und so war Nettl anderen vorgezogen und gedungen worden. Droben am Waldrand des Hatzelberges, wo die Füchse und Hasen einander gute Nacht sagen, hoch über den Münsterer Steinbrüchen, lebte ihre Mutter in einem Stübchen jener Häusergruppe, die, noch bedeutend höher über dem an sich schon hoch gelegenen Winzerdorf Gleiszellen, die höchsten Wohnsitze am ganzen Gebirg in sich vereinigt. Das arme Weib hatte nach mütterlicher Gepflogenheit bei der Verdingung ihrer Tochter der neuen »Base« strengste Überwachung auf die Seele gebunden. Und kam sie seitdem einmal, um sich umzusehen, fand sie immer eine offene Hand; denn Hartherzigkeit war Julianes Fehler nicht. Und Nettl, die Tochter dieser Bedürftigen, fing nun an, sich so auffallend zu putzen!

Etwas nachdenklicher hatte sich Juliane, während ihr Töchterchen sich in die Küche begeben hatte, mit einem Gesangbuch ans Fenster gesetzt; ohne rechte Andacht blätterte sie darin, und zwischendurch warf sie einen Blick auf die verödete Gasse. Eben war nur noch, als letzte Kirchgängerin, die alte Bärbel aus dem Häuschen beim Hanfloch mit wackelndem Kopf und Rockwulst vorübergekommen und hatte, zum Fenster aufblickend, gemurmelt: »Die Juliane braucht nicht in die Kirche zu gehen, Gottes Segen fließt ihr doch zu. Wo viel ist, fällt viel hin – und wer das Glück hat, dem kalbt der Sägbock. Ach Gott, mein Herr und Tröster!«

Nun lag noch tiefere Stille als sonst, eine feierliche Sonntagsruhe über dem Dorf, über Haus und Hof der Beneideten. Dieser aber schien die rechte Ruhe zu fehlen. Lange in keine Kirche mehr gekommen, las sie einen Liedvers, dachte jedoch an anderes. Ohne die nötige Sammlung blieb auch die Andacht aus.

Diese Nettl! Die Magd war im Grunde nicht übel: gutmütig, flink und unverdrossen bei der Arbeit. Früh bei der Hecke, ging ihr alles von der Schipp', wie man in der Pfalz von tüchtigen Dienstboten zu sagen pflegt. Dabei war sie ein sauberes Ding, ohne Ansatz von Kropf, der auf den Gleiszeller Kalkhängen oft die hübschesten Mädchen verunstaltet. Draußen stets guter Laune, gern lachend und singend – beim Füttern im Stall, beim Grasen im Felde hörte man ihre helle Stimme –, war sie in der Stube vor »Bas« und »Vetter« zumeist still, schüchtern, bescheiden, als könne sie nicht bis drei zählen. Kurz, es gab nicht viel an ihr auszusetzen, als daß sie mit einem Male anfing, sich zu putzen – für wen? – und schönzumachen, statt ihre Mutter zu unterstützen. Wie kam sie zu dem Staate? Hing sie ihren Lohn daran? Das erregte Bedenken. Indes hatte die Hausfrau doch auch noch andere Sorgen.

»Ich werde ihr gelegentlich den Kopf zwischen die Ohren setzen!« sagte Juliane. Sie stand auf und begab sich in die Küche. Doch auch hier litt sie es nicht lange. Ihr Töchterchen ermahnend, das Abschäumen der Fleischbrühe nicht zu versäumen, stieg sie die Treppe hinan, wuchtigen Schritts, um in der Oberstube herumzustöbern. Als sie wieder herunterkam, ließ sie die Blicke nochmals flüchtig umhergehen und begab sich dann über die Schwelle in den Hof.

Dieser war sauber gekehrt, der zu den Ställen führende Plattengang blank gewaschen, das Hoftor verschlossen. Den Riegel der kleinen Eingangspforte daneben schob Juliane selbst vor, warf einen hastigen Blick nach den von Vorhängen dicht verhüllten Fenstern des »Altenteils«, und begann ihren Umgang. Soweit war alles in Ordnung. Wedelnd kam der treue Spitz, um die Herrin zu begleiten. Der Haushahn krähte inmitten seines scharrenden Volkes am hochgeschichteten Dunghaufen; neben dem leeren Schafstall grunzten die Speckschweine vergnüglich hinterm Trog. Sauber gestriegelt und wohlgefüttert stampften die Gäule in ihren Ständen; behaglich wiederkäuend lag im Kuhstall das Melkvieh vor der Krippe.

Überall sah Juliane nach – in der Scheuer und Spreukammer, im Kartoffelkeller, Schuppen, Wasch- und Kelterhaus, bald flüchtig, bald schärfer prüfend, mit Gemurmel oder laut hervorbrechendem Tadel, da etwas aufhebend, dort zurechtrückend, jetzt bedächtig, dann emsig weiterschreitend, um plötzlich ein Hindernis wegzuräumen und eine dunkle Ecke genauer zu untersuchen, in seltsamer Anwandlung alles beiseite schiebend, mit eigener Hand in einen Winkel, in eine Nische, in ein spinnwebiges Mauerloch zu greifen.

Vorsichtig, ja ängstlich sah sie sich zuweilen um, ob sie in dem nach außen völlig abgeschlossenen Hof nicht bei ihrem Tun beobachtet werde, stets darauf bedacht, den Schein der Nachforschung zu vermeiden und ihre Unbefangenheit zu bewahren. Die Unruhe, von der sie umhergetrieben wurde, mußte neben der gebotenen Umsicht der sorglichen Hausfrau noch einen besonderen, geheimen Grund haben. Vielleicht schloß ihr Töchterchen, wie eine lauernde Nachbarin hätte schließen können: die Mutter forsche nach verlegten Eiern der Haushühner. Denn daß sie nach einem Versteck suchte, war klar.

Nur der Weinkeller blieb von ihren Nachforschungen frei. Denn dort waren schon jeder Stein, jede Fuge, jede Schwelle so genau und so oft untersucht worden, daß es völlig unnütze Mühe gewesen wäre. Zudem scheute sie sich, allein den dunklen Raum zu betreten. Ihr erster Mann und dessen Vater hatten sich, wie so viele andere im Weinland, dort den Tod geholt durch heimliches »Petzen«, wie man in der Pfalz das Kneipen und damit auch das Trinken nennt. Die Dienstboten wollten seitdem bald den verstorbenen Mann, bald den Großvater in Kniehosen, Wadenstrümpfen und weißer Zipfelhaube im Hause umgehen, besonders am Faßspund drunten im Keller gesehen haben. Glaubte auch Juliane nicht an den Spuk, so war ihr doch der unterirdische Keller unheimlich; sie mied ihn und beschränkte ihre Untersuchungen auf jene Räume, die über der Erde lagen.

Teils mit zerfahrenem Entdeckungseifer, teils mit einem Anflug gelassenen Verzichts, wurde endlich auch das Backhaus besichtigt, dessen Ofen, vom gestrigen Kuchenbacken noch warm, Hürden voll Backobst enthielt. Da sich auch hier nichts Besonderes vorfand, wurde damit der sonntägliche Umgang beschlossen.

Juliane ging mit einer Gebärde, als wollte sie Antrieb und Zweck ihres wunderlichen Trachtens als eitle Grille und unnütze Quälerei von sich abschütteln, in den freien Hofraum zurück und fand, nach den Fenstern des Nebenbaues emporblickend, zu ihrer Beruhigung, daß dieselben geschlossen und wie gewöhnlich dicht verhängt waren. Während sie den Hund zurückscheuchte, schickte sie sich mit ernster Fassung an, in diesem Nebengebäude, das seinen Gipfel ebenfalls der Gasse zukehrte, zum Oberstock zu gelangen, wobei es galt, eine unangenehm knarrende Treppe möglichst leise hinanzusteigen.

Oben angelangt, verhielt sie sich ein wenig ruhig. Sie vernahm hinter einer Türe ein schwaches Hüsteln und Ächzen. Dann pochte sie an, und trat in eine freundliche, weißgetünchte, saubere Stube mit Alkoven und Gardinenbett, in dem eine alte Frau anscheinend schwer krank lag.

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