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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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25

Der Kampf

Ob es draußen rieselte, regnete oder schneite, war den Leuten von Oberhofen an jenem Kirchweihabend ganz einerlei. War der Tanzsaal auch niedrig, so daß der lange Jung von Kapellen nahezu am Deckbalken angestoßen wäre, so trank man doch da um wenig Geld einen »verflucht gute Troppe« Wein. Die Zecher, die dort in der Ecke beisammenstanden, Einheimische oder Gäste, gehörten zu den Schwerwiegenden, wenn man vielleicht den Schulmeister und den Doktor von Pleisweiler ausnahm.

Letzterer war verstimmt, da ihm nicht entging, daß man ihm etwas kühl begegnete, ohne daß er den Grund kannte. Selbst die dem Tanz zuschauenden Weiber auf der Wandbank, Nebelkappe an Nebelkappe, Ziehhaube an Ziehhaube, nickten ihm nicht mehr so freundlich zu wie sonst. Nur der Schulmeister, der viel von seinem einflußreichen Freund, dem Hofkoch in München, sprach, ließ ihn nicht fallen und begehrte, in volkstümlicher Weise mit der Flasche pochend, nach frischer Füllung, während der Doktor vorzog, sich unbeachtet zu entfernen. Was hatte nur die Stimmung gegen ihn so unliebsam gewandelt? Während er sich hierüber trüben Gedanken überließ, war er selbst bei den Kirchweihfrohen im Wirtshaus schon vergessen.

Bei »Uz« und Selbstbestichelung kreisten die Becher in Heiterkeit, und es flogen die Redensarten geflügelt hin und her. Die schlechten Zeiten, von denen jedermann sonst sprach, schienen keinen Einfluß auf die Kirchweihlust zu äußern, und auch die Mädchen kleideten sich um keinmal weniger zum Tanz um als sonst, da das Herauskommen die Ausnutzung der seltenen Gelegenheit, seinen »Staat« zu zeigen, gebot.

Unter den zuschauenden Weibern saß auch Frau Juliane mit einigen aus der »Freundschaft«, endlich in rosigster Laune. Denn eben hatte Hannes, nachdem er nacheinander, was sie etwas verschnupfte, nur mit Liesel getanzt hatte, sich ihre Susel geholt, die wenigstens diese Tour nicht ausschlug, während Stoffel mit Liesel antrat. Seltsamerweise hatte sie erst in letzter Zeit entdeckt, daß dieses Mädchen eine Partie für ihren Stoffel und die richtige »Sohnsfrau« wäre, die sie im Hause brauchen konnte. Auch machte sie die genugtuende Beobachtung, daß Hannes und Susel ungewöhnlich freundlich miteinander verkehrten, was ihrem eigenen Wesen gegen ihre Nachbarinnen eine leutselig schäkernde Heiterkeit verlieh. Als sich Hannes wieder zu Liesel wandte, hielt Julianes gute Laune noch an, nachdem ihre Tochter Eve bereits aufgebrochen und zu ihren Kindern heimgegangen war. Ja, wäre etwa der Herr Schulmeister gekommen, um sie aufzufordern, sie hätte selbst vielleicht doch noch einmal herumgewalzt, um es den Jungen zu zeigen!

Indes saß ihr jüngstes Kind, nunmehr jeden Tanz ausschlagend, bei der Jugendfreundin Gretel, die mit ihrem Mann von Mörzheim herüber zur Kirchweih gekommen war. Diese fragte nach dem und jenem. Wie es der Großmutter gehe? Sie klage, berichtete Susel, daß es ihr nicht mehr so recht schmecke in letzter Zeit. Dann meinte Gretel, es seien doch schöne Zeiten gewesen, wo sie noch das »Dretel« war. Susel, ungewiß, ob sie den Schorsch herbeisehnen dürfe, flüsterte jetzt vom Purzelmarkt: »Wir haben viel miteinander getanzt.«

»Hat er dich auch heimgeführt?«

Susel nickte bloß.

»Nun, hat er dir nichts zu sagen gehabt?«

»Genug, Gretel, grad genug. Frag' nicht weiter. Wir haben uns viel, wenn nicht alles gesagt.«

»Und wann kommst du wieder mit ihm zusammen?«

»Wer weiß! Ich darf nicht mehr allein aus dem Hause. Ach, Gretel, wenn du wüßtest wie mir zumute ist!«

»Du Arme!«

»Nun, weißt du, seit ich sicher bin, daß er mich liebhat, läßt sich alles ertragen.«

»Bist du das? was soll daraus werden?«

»Das überlass' ich der Zeit.«

»Wenn doch nur deine Mutter eine Einsicht haben wollte. Sind das Hiesige?« fragte Gretel, sich unterbrechend und ihre Augen nach dem Treppeneingang der Tanzstube richtend.

Susel schaute ebenfalls hin. Dort waren während des Tanzes mehrere Fremde eingetreten. Einer im Kittel, den sie nicht kannte, hatte sich kurz und breit unter die Tür geschoben; über seine Schulter aber sah einer keck und stolz im Saal umher und lächelte ihr jetzt zu, daß ihr alles Blut in die Wangen schoß.

Wenn sich im ersten Augenblick nur die Freude des Wiedersehens in ihr kundtat, wandelte sich ihre Empfindung jedoch jäh in tödlichen Schreck. Sie sah voraus, was über kurz oder lang kommen mußte. Schorsch hatte die Herausforderung ihres Bruders in keckem Übermut angenommen, und wenn er auch nicht allein kam, so doch in verschwindender Minderzahl. Wie konnte sie ihm im Streit Beistand leisten, wie unter den Augen ihrer Mutter, aller Blutsverwandten und des ganzen Dorfes für ihn wirken? Aber vielleicht war ihre Angst überhaupt umsonst. Schorsch und seine Begleiter sahen nicht aus, als ob sie sich großen Befürchtungen hingäben. Ja, nachdem sie in Pleisweiler noch Michel getroffen hatten und dieser sofort bereit gewesen war, mit nach Oberhofen zu gehen und, mußte es sein, den Strauß zu bestehen, wenn ihn auch nicht vom Zaune zu brechen, so waren sie mit einer Zuversicht hierher aufgebrochen, als seien sie keiner Gefahr mehr gewärtig. Hatten sie auch bei weitem noch nicht das Übergewicht, so gab ihnen doch die entschlossene Kraft ein Gefühl ruhiger Sicherheit.

»Nur herein, es gibt noch Platz«, sagte der Wirt, als der Tanz aus war; und die vier Fremden traten in den Saal, sich langsam durch das Gewühl verschiebend in die Nähe des Schanktisches, über dem an der Wand auf einem Brett leere Gläser und mehrere jener weißen Flaschen mit weitem Hals und dickem Boden standen, die auf überrheinischen Kirchweihen so handsame und gefährliche Waffen abgeben. Als der Aufwärter mit einer gefüllten Flasche kam, konnte der »Stumpe« nicht unterlassen, sie grinsend um den Hals zu fassen; sie schien ihm denn auch eine prächtige Handhabe, wobei er zugleich einen prüfenden Blick nach den Beinen der umstellenden Bänke und Stühle warf. Er hatte es sichtlich gut vor, der »Stumpe«.

»Für jeden eine Buddel«, befahl Schorsch dem Aufwärter.

»Gleich vier?« fragte dieser.

»Noch vier. Getrunken werden sie.«

Schorsch zahlte. Er und seine Begleiter erregten bereits Aufmerksamkeit.

»Man gafft uns an, wie die Kuh ein neues Scheuertor«, meinte Michel, ein Bild strotzender Jünglingskraft, vor sich hinlachend.

»Laß sie nur gaffen«, sagte Schorsch, »sie sollen noch mehr gaffen. Den nächsten tanzen wir.«

Der »Stumpe« – es war sein Spitzname und bedeutete so viel oder noch etwas mehr als das hochdeutsche »der Stumpf« – hatte es sich inzwischen bequem gemacht, einen Stuhl in die Ecke gezogen und sich darauf gesetzt, um seine Flasche gemütlich auszutrinken. Kaum gab die Musik das Zeichen und das fremde Kleeblatt seine Absicht kund, am Tanze teilzunehmen, erbot sich der Wirt, ihnen die Stöcke aufzuheben. Doch zogen sie vor, sie der Obhut des Stumpen anzuvertrauen, der sie zwischen seine Knie nahm und das Kinn auf den Knäuel von Stockknöpfen stützte. Dann gingen Franz, Michel und Schorsch gleichzeitig vor, mitten durch den Saal gerade auf die Bank los, wo Frau Juliane, erstaunt über so viel gelassene Kühnheit, inmitten ihrer Freundschaft saß. Allein sie konnte mit allem Willen nichts dagegen haben, wenn ansehnliche fremde Burschen die Umhersitzenden zum Tanze aufforderten. Zudem machte sie die Bemerkung, daß vor allen Liesel – durch Franz – ihren einheimischen Tänzern vor der Nase hinweg geholt wurde. Eine Nachbarin meinte, man reiße sich förmlich heute um Liesel.

»Ja, sie hat's Geriß wie's Büttels Gans«, sagte Juliane, während Schorsch nicht ihre Tochter. sondern Gretel aufgefordert hatte und Michel mit Susel antrat.

Und sie tanzten schön. Das sagten alle, die da die Köpfe zusammensteckten; nur Stoffel nicht, der mit einigen Kameraden Blicke wechselte und laut äußerte, daß es andere hören konnten: »Man muß es dem Heidelbeerenschnitzer vertreiben, auch noch mit unseren Verheirateten zu tanzen.«

»Das läßt du bleiben«, sagte Gretels Mann aus Mörzheim. »Wenn ich nichts dagegen hab«, daß er mit meiner Frau tanzt, geht es doch dich nichts an?«

»Was wollen die Holzschlegel bei uns?« entgegnete Stoffel tückisch.

»Sehen, was du für ein Rüpel bist«, fiel jetzt Vetter Jokeb, Gretels Vater, ein. »Benehmen sich die Münsterer Burschen weiterhin so anständig, rührt mir sie keiner an. Verstanden? Es soll keinem von ihnen ein Leid geschehen, wenn sie keinen Anlaß geben. Das sag' ich dir!«

In der Pause konnten die drei Freunde, nachdem sie ihre Tänzerinnen wieder an ihre Plätze geführt hatten und den Saal durchschritten, um zu ihren Gläsern zurückzugelangen, wohl bemerken, daß die Stimmung unter den einheimischen Burschen ihnen wenig günstig war. Doch unbekümmert um die feindseligen Blicke, hielten sie sich hinten am Schenktisch beisammen, wo indes »Stumpe« geduldig Stöcke und Wein gehütet hatte. Indessen schien es demselben Zeit, sich an den Rindsbraten mit Selleriesalat zu machen, der dann auch bestellt wurde, während Jerg, der Schwager Stoffels, herkam und mit scheinbarer Zutraulichkeit äußerte: »Na, ihr Burschen, auch da herüber?« wobei er aber verstohlen mit den Einheimischen verständnisinnige Blicke wechselte, was übrigens denen von Münster nicht entging. So leicht waren sie nicht zu täuschen; sie kannten diese Bauernpfiffigkeit, die ohne Skrupel auch in Heimtücke übergeht, um darzutun, daß man gescheiter sei, als man aussehe. Die drei Freunde hielten den Zutraulichen denn auch kurz genug.

Als ein neuer Tanz begann, während endlich der begehrte Rindsbraten mit Sellerie anlangte und, ehe man sich's versah, Schorsch diesmal mit Susel antrat, Michel wieder einmal sein »Dretel« schwenkte und Franz sich ein Mädel holte, das bisher geduldig »den Schimmel hielt«, kam Jerg näher, vertraulich an den »Stumpen« heran. »Die Stöcke hindern am Essen«, sagte er und langte nach ihnen. »Tun wir sie weg.«

Die Antwort war jedoch derb genug: »Nit ums Verrecken!«

Mit dieser »stumpigen« Antwort wurden gleichzeitig Messer und Gabel so verwegen in den Fäusten geschwungen, als gälte es dem Essenden jetzt gleich, nebst dem Rinderbraten, noch jedes andere Stück Fleisch anzuspießen.

Mittlerweile flog Susel mit dem Geliebten durch den Raum, daß jedermann sagte: »Ein schönes Paar! Ein prächtiges Paar! Und wie schön sie tanzen!« Doch Juliane hörte die allgemeine Stimme, ohne widersprechen zu können, fast mit einigem Stolz. Ja, schön tanzten sie, das war nicht zu leugnen, und niemand sah jetzt mehr auf ein anderes Paar. Die Mutter hätte es selbst nicht geglaubt, daß sich ihr Kind so prächtig schwenken ließ. Auch Vetter Balzers Frau gestand dies zu; hätte sie nur nicht hinzugefügt: »Schön getanzt, schon wahr! Wenn aber unser Hannes sich jetzt lieber mit der Liesel abgibt, so wundere dich nicht, Juliane. Denn es hat mich schon lang gekröpft und auch meinen Alten gewurmt, daß deine Susel unsern Hannes so kurz gehalten hat und dagegen so freundlich sein kann gegen –«

»Halt! Aufgepaßt! Platz da! Zurück!« schrie ein Mann, der mit vorgebundener Schürze und einer Gießkanne statt des Gießblechs mitten in den Wirbel stürzte. »Halt, wartet doch, es staubt ja fürchterlich!« Und rechts und links um sich spritzend und sprengend, scheuchte er die schreiend lachenden Paare zur Seite und in die Ecken. Aber nur auf kurze Zeit. Denn im Nu wirbelten wieder die Tanzenden weiter. Nur die nicht, nach denen die Blicke der Juliane jetzt am schärfsten suchten. Zurückgewichen und im plötzlichen Getümmel immer enger zusammengedrängt, hielten sie still nebeneinander, sie von seinen Armen umschlungen.

»Um Gottes willen«, sagte sie leise, »wie hast du kommen können!«

»Ist es dir nicht recht?« Und er sah ihr in die Augen.

»Wie kannst du fragen! Meine Mutter wird mich übrigens gleich heimholen, ich seh' ihr's an den Augen an!«

»Das steht kaum in meiner Hand. Aber mag dem nun so oder so sein, Susel, hier können wir doch nicht so recht miteinander reden. Wenn du wirklich heim mußt, so such' Gelegenheit, um in den Garten zu kommen. Am Hollerbusch wart' auf mich – in einem weißen Kopftuch – damit ich dich erkenne. In einer halben Stunde werde ich dort sein.«

»Bei dem Wetter – in der Nacht – so allein?« flüsterte Susel, plötzlich argwöhnisch sich umsehend. Es war die Bawel, die sich eben vorüberdrängte. »Wie soll ich es möglich machen«, fuhr Susel fort. »Meine Mutter läßt mich nicht aus den Augen.«

»Wenn du mich lieb hast, Susel, nur ein bissel lieb, kommst du! Willst du mir's zuliebe tun?«

»Alles, alles, Schorsch, aber –«

»Kommst du?«

»Ich will sehen.«

»Kommst du?«

»Ja.«

Indes war der Tanz aus, und er führte sie einmal durch den Saal und wieder zurück, als plötzlich Frau Juliane sich Bahn zu ihnen brach und ihre Tochter ohne Umstände an ihren Platz zurückholte. »Du tanzt nicht mehr mit ihm.«

»Warum?«

»Darum. Es ist genug, sag' ich.«

»Dann tanz' ich überhaupt nicht mehr.«

»Bis dich ein anderer holt.«

»Nein, Mutter.«

»Dann gehen wir heim.«

»Es ist das beste.«

Mittlerweile hatte Schorsch den Musikanten eingeschenkt und ihnen einen halben Gulden zugeworfen. »Ein Leibstück!«

Schorsch und seine Begleiter begannen, nach ihren Stöcken greifend, zu singen und die Musik fiel ein:

»Ach Schätzlein, was hab' ich dir Leids getan,
Daß du verachtest mich?
Und was haben die falschen Zungen getan,
Die verraten mich und dich.
O du falsche Zunge, du verlogener Mund,
Was wird es helfen dich?
Gott wird dich strafen, glaub' sicherlich, gewiß'
Vor seinem Angesicht.
Warum ist denn die Armut so sehr veracht'?
Man stellt sie hinter die Tür.
Hätt' ich nur dreitausend Dukaten zuviel,
So zög' man mich herfür.
Dreitausend Dukaten, die hab' ich aber nicht,
Doch bin ich kein trauriger Knab'.
Denn du bist mein Schatz und du bleibst mein Schatz,
So lang ich's Leben hab.
Ich gedenke noch einmal reich zu werden –
Doch nicht an Geld und Gut –«

»Aufhören, Musikanten!« schrie eine Stimme dazwischen.

»Wer will etwas dagegen haben, wenn wir uns ein Leibstück spielen lassen?« rief Michel und schlug mit seinem Stock auf den Schenktisch, daß die Gläser hüpften und klirrend herunterstürzten.

»Kein Leibstück mehr!« schrien mehrere zugleich. Die Musik endete ohnehin.

»Hanjerg«, flüsterte Susel noch im Hinausgehen dem alten getreuen Knecht ihres Hauses in ihrer Herzensangst zu, »laßt ihn nicht im Stich, ich bitt' Euch!«

Der verheiratete Knecht machte eine Gebärde, als könne er nicht viel tun, wolle aber nichts versäumen, während Susel sich jetzt an den zur rechten Seite stehenden Burschen wandte, dem sie zugesagt gewesen war und den sie verschmäht hatte: »Hannes, steh' auch du ihm bei, ich bitt' dich!«

Hannes machte ein verblüfftes Gesicht, sagte aber kein Wort. Und nun flüsterte Susel noch ihrer Magd zu, die sich herbeigedrängt hatte, da noch viele andere Frauen, die dem Hausfrieden nicht mehr trauten, sich gleichzeitig auf den Rückzug begaben: »Bawel, hast du die Scheuer zugeschlossen?«

»Ja. Aber der Schlüssel hängt an seinem gewöhnlichen Platz. Warum denn?«

Bevor Susel antworten konnte, wenn sie überhaupt wollte, wurde sie von ihrer Mutter fortgezogen, als Schorsch nochmals herandrängte, Stoffel sich jedoch dazwischen schob. In schrecklicher Angst, als solle ihre Liebe der fürchterlichste Schlag treffen, folgte Susel der Mutter, indem sie noch ihren unholden Bruder äußern hörte: »Zurück, sag' ich. Du hast mit meiner Schwester nichts zu reden.«

»Hat sie dich zu ihrem Hüter bestellt?« rief Schorsch und wollte mit Gewalt seinen Weg bahnen, so daß es schon jetzt zum Ausbruch gekommen wäre, hätten sich nicht Hannes und einige ältere Männer ins Mittel geworfen.

Gleichzeitig kam Juliane nochmals in die Tanzstube zurück, sah den Schorsch steif an, drehte sich dann um, daß ihr Rocksaum nur so den Stubenboden fegte, und verschwand endlich mit majestätischer Bewegung durch den Ausgang. Noch andere Frauen verließen auf Anraten ihrer Männer den Saal, da die Stimmung eine merklich schwüle geworden war.

»Musikanten, aufspielen! Einen Schleifer!« schrie eine Männerstimme, und im nächsten Augenblick hopste, walzte und schleifte alles durcheinander, während der »Stumpe« mit aller Gemütlichkeit noch immer an seinem Abendessen zehrte und sich den Wein schmecken ließ.

Gretels Mann und Vater hatten wohl die Freude am Bleiben verloren. Sie banden dem Hanjerg und anderen noch auf die Seele, alles mögliche für die Erhaltung des Friedens aufzubieten; am zuträglichsten wäre, wenn die Münsterer ruhig austrinken und ihres Weges gehen wollten. Jerg hingegen bestand darauf, daß nichts zu befürchten sei und sich alles in Liebe und Güte auflöse. Dem widersprach allerdings das geflissentliche Umhertanzen eines hanbuchenen Gesellen in der Ecke am Schenktisch, dessen absichtliches Anstoßen und Schreien: »Ausgewichen da!«

Der »Stumpe« stieß jetzt zurück und da der andere geradezu drohte, erfolgte die Antwort: »Du kannst mir...«

»Was kann ich? He?« fragte der herausfordernde Geselle, seine Tänzerin so weit fahrenlassend, daß er sie nur noch an einem Finger hielt, während sie mit der Hand nach ihren gelockerten und aufgegangenen Zöpfen langte.

»Tanz' weiter!« herrschte der Hanjerg ihm zu, den Händelsucher hinwegstoßend, während die Aufwärter vorsorglich Glas um Glas auf das Wandbrett brachten.

In demselben Augenblick erschien die Bawel, die sich überhaupt seit der Ankunft der Fremden viel zu schaffen machte, wieder unter der Tür und rief dem alten Knecht zu, er solle gleich heimkommen zu seiner Käthrine. Hanjerg, unmutig über die Botschaft, fragte, was es denn gebe. Sie wisse nicht, beteuerte Bawel dringlich, aber er solle nur gleich heimkommen zu seiner Frau, – und eilte wieder hinweg. Hanjerg kratzte sich an der Stirn. Ohne triftigen Grund schickte ihm doch seine »Alte« solche Botschaft nicht. Aber er hatte einmal der Susel versprochen, – doch heim mußte er, konnte indes in kurzem wieder da sein, und Hannes war bereit, unterdes in seine Stelle als Friedenshalter einzutreten. Kaum war er hastig die Treppe hinunter, ließ es sich denn auch Hannes angelegen sein, die Fremden in seiner Weise zum Abzug zu bewegen und gleichzeitig auf den Jerg zu wirken, sein falsches, unredliches, verhetzendes Spiel aufzugeben, was dem gutmütigen Burschen jedoch einerseits nur Hohn, andererseits verächtliche Zurückweisung eintrug: der scheele Hannickel möge sich drücken!

»Scheel oder nicht scheel«, entgegnete Hannes den Münsterern, »ich mein's nicht uneben. Drum sag' ich: trinkt aus: macht, daß ihr fortkommt! Ich will euch vors Dorf führen, keiner soll euch anrühren.«

Hohngelächter antwortete. »Aber ich mein's nicht uneben und – –«

»Was kann ich dir?« fragte der Händelsucher, ohne seine Tänzerin dem »Stumpen« gegenübertretend.

»In – den – Spiegel – gucken!« brüllte der »Stumpe«, sich langsam erhebend, – und damit war dem Faß der Boden ausgeschlagen.

Sofort flog ein Glas nach dem Fremden, an der Wand zersplitternd. »Hinaus mit den Holzschlegeln« war der Ruf. Eine Flasche, mit der Jerg heimtückisch zum Schlag ausholte, zerschmetterte unter dem Stockhieb, den Franz zuerst geführt hatte, da der Kampf nun doch nicht mehr zu vermeiden war. Wie aus einer Wurfmaschine geschleudert, fuhr Hannes aus Michels Faust rücklings in den Haufen der Andringenden zurück, und in demselben Augenblick fühlte sich der Händelsucher, der dem »Stumpen« an die Kehle gefahren war, über den Schenktisch gezogen und von seines Gegners Stab so ausgiebig bearbeitet, daß ihm wohl auf Wochen hinaus das Sitzen verging.

»Weibsleute hinaus!« rief Schorsch, mit geschwungenem Stock auf den Tisch schlagend. Denn nun mußte der begonnene Strauß rücksichtslos ausgefochten werden, da schon die Gläser hin und her und die Mädchen und Weiber jetzt zeternd in Angst und Verwirrung zur Tür hinausflogen.

Der »Stumpe«, dessen Stock schon hin war, war auf die Bank gesprungen, Flasche um Flasche herunterholend und in den Menschenknäuel der Angreifer schleudernd, während die Stockschläge der drei Freunde auf den Tisch niederschmetterten, um dessen Besitz vorzugsweise gekämpft wurde.

»Jetzt vor! Was Spiegelgucker heißt, 'naus!« rief Schorsch, »Du, Stumpe, an die Nebentür, daß keiner da herein kann. Wir schaffen Raum.« Er warf den Tisch um und gegen die Zurückweichenden, »Stumpe« jedoch, dem keine Gläser mehr zu Gebote standen, stieß einen Stuhl in Trümmer, und ein Bein fassend, trieb er die durch die Nebentür herauf Drängenden zurück und pflanzte sich dort breit als Wache auf, während Schorsch, Franz und Michel, über den umgestürzten Tisch springend, ihre Knotenstöcke so behend und wuchtig, mit solcher Wirkung gebrauchten, daß sie die ganze Masse ihrer Gegner rasch vor sich her gegen den Treppeneingang drängten.

So friedliebend im ganzen der Überrheiner heute ist, verleugnet sich in solchen Momenten doch nicht jene übermütig trotzige, kampfesfreudige Art, die in seinen Landsleuten, dem grimmen Hagen und Volker, dem kühnen Fiedler, den erhabensten Ausdruck durch unsere Heldendichtung gefunden haben. Die Lust an nibelungenhaftem Wagen und Ringen ist noch nicht gänzlich ausgestorben in unserem »Oberland«, wo Walter von Aquitanien am Wasgenstein allein den Kampf gegen König Gunthers Recken siegreich bestanden hatte.

Ein Nachlassen, einen halben Erfolg gab es für unser Kleeblatt und dessen getreuen »Stumpen« nicht, der mit seinem Stuhlbein jedem den Schädel zu zerschmettern drohte, der den Kopf hereinzustrecken wage.

»Kehraus!« riefen sie selbst einander, »'naus, 'naus!« der feindlichen Masse zu, die durch die Tür und über die Treppe hinuntergetrieben, sich im Hof zu sammeln versuchte und nach Knütteln und Bengeln fahndete.

Allein die Sieger, deren Vorgehen die Wirkung eines gut ausgeführten Überfalles hatte, ließen der übermächtigen Menge keine Zeit, sich von ihrer Niederlage zu erholen. Wer in Verzweiflungswut sich ihnen noch entgegenzuwerfen wagte, wurde übern Haufen geworfen, und als sich noch der »Stumpe«, da oben geräumt war, zu dem kühnmütigen Kleeblatt gesellte, drängte es, die Stöcke hochgeschwungen, so ungestüm nach, daß rasch auch die Stiege rein gefegt und jeder versuchte Widerstand im Hof niedergeschlagen wurde. Zwar flogen Steine und Holzscheite aus Fenstern und Türen um ihre Köpfe. Doch die paar Schrammen, Löcher und Quetschungen hielten sie nicht auf, und durch das Hoftor dringend, standen sie auf der Gasse des Dorfes als Sieger. Der Feind war durch ihren entschlossenen Zusammenhalt aus dem Feld geschlagen.

Dennoch gebot es die Klugheit, unverweilt den Rückzug aus dem feindlichen Gebiet anzutreten. Denn schon kam den Gegnern Ersatz und Hilfe aus den Häusern. Mit hochgeschwungenen Stöcken trieben die Münsterer zwar die Verfolger zurück; aber erst, als sie den Ausgang des Dorfes erreicht hatten, blieben jene allmählich scheu zurück. Und hochgemut und ihres Sieges froh zogen die vier von dannen.

»Die Spiegelgucker werden an die Holzschlegel denken«, sagte Michel. Und alle vier lachten übermütig, während die Nacht um ein wenig heller geworden war. »Brüder«, sagte jetzt Schorsch, da wo ein Feldweg hinunter führte, »ich muß jetzt wieder zurück.«

»Bist du nicht gescheit?« fragten Franz und Michel.

»Ja«, meinte der Stumpe, »man hätte jetzt den richtigen Durst. Schad' um den Wein, den wir haben stehen lassen. Eine Buddel hab' ich noch im Vorbeigehen eingesteckt, aber sie ist auch nur halb voll«, und er zog die Flasche aus seiner Tasche, was wieder zur Heiterkeit anregte.

»Also wartet oder geht weiter«, sagte Schorsch, rechts abschwenkend. Doch hielt ihn Franz am Arm und fragte, wohin er wolle. »Ich hab' meinen Schatz in den Garten bestellt.«

»Hör', laß das«, meinte Franz, »das könnte bös ausfallen. Zweimal an einem Abend fordert man das Glück nicht heraus.«

»Ich trau nicht«, mahnte auch Michel.

»Wem traust du nicht?«

»Keiner Spiegelguckerin geb' ich den Finger mehr in den Mund«, fuhr Michel fort. »Die meinen doch nur, wir laufen ihrem Geld nach. Ja, tanzen und schnäbeln wollen sie mit uns, aber wenn's ans Heiraten geht, nehmen sie den scheelen Hannes, – Gretel, Susel oder Liesel, ich kehr' die Hand nicht um. Zwei, drei Morgen Äcker mehr oder weniger bringt's zum Klappen oder Schnappen. Laß mich mit den Spiegelguckern aus!«

»Sagt, was ihr wollt«, hielt Schorsch, sich auf den Weg machend, entgegen, »ich muß. Was tät sie denken, wenn ich nicht käm'! Ihr könnt ja einstweilen heimgehen.«

»Nein, im Stich lassen wir dich nicht«, sagte Franz. »Wir sind ja gleich unten und das Mädel verdient's, daß man Wort hält, wenn mir auch nicht wohl bei der Sache ist.«

So folgte man ihm durch die trübe Novembernacht. Rasch war man unten an den Heckzäunen der Grasgärten, Schorsch immer weit voraus. Nur Franz folgte ihm, von Unruhe getrieben, noch weiter unter den entlaubten Obstbäumen hin, bis Schorsch, erwartungsvoll vorwärts drängend, seinen Augen entschwand, während er selbst über einem vor ihm sich ausdehnenden Gartenzaun gegen die Scheuern hin etwas Weißes bemerkte, wie das Kopftuch einer Person, die sich jetzt gegen den Zaun wandte.

»Pst! Pst; Susel, bist du da?« hörte er den Freund flüstern und in demselben Augenblick ein Geräusch, einen fürchterlichen Schlag, einen Schrei, wie den eines zu Tode Zusammenbrechenden; dann noch einen Hieb durch das Gesträuch, und noch einen, verwirrte Stimmen von Wegeilenden, das Zuschlagen und Verriegeln einer Tür, und dann Grabesstille.

Franz, der beim ersten verdächtigen Schlag hinzugelaufen war und die weiter Zurückgebliebenen herbeirief, während die hinterm Zaun sich eiligst nach der Scheuer hin zurückzogen, suchte nach Schorsch, und vermochte nichts von ihm zu entdecken. Von banger Sorge erfüllt, rief er seinen Namen, und erhielt keine Antwort. War denn der Freund mit in die Scheuer geschleppt worden oder – Entsetzen erfüllt ihn, sein Haar sträubte sich. Vor dem Zaun beim Hollerbusch lag regungslos ein menschlicher Körper auf dem Rasen, den die Novembernacht gekühlt hatte.

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