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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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22

Marktschluß

»He! Holla ho!« schrien die Münsterer zu dem vorüberjagenden Wagen des Kronenwirts, die Stöcke schwingend, empor. Dann wollten sich die Schelme biegen vor Lachen. Worüber?

Der Ochsenwirt von Münster hatte sich mit ihnen zusammengefunden, mit höhnisch zuckenden Mundwinkeln aus seinem »Ulmer« Pfeifenkopf rauchend. Warum hatten sie nur so zu lachen?

»Halt!« schrie jetzt vom Wegrand her ein langer, knochiger Mann in bürgerlicher Tracht, indem er seinen Stock vorstreckte und den Schweißfüchsen vor die Nase hielt. »Hat Rosenthal Platz, hab' ich's auch!«

»Recht gern«, sagte der Kronenwirt, sich etwas verfärbend. »Steigen Sie nur auf, Herr Christ, man rückt zusammen.«

Der Knochige stieg hinauf, und wieder ging es weiter unter dem Lärm der Vorangefahrenen und Nachfolgenden. Denn jedermann drängte hungrig und durstig nach dem Städtchen zurück, in dessen mit Buden besetzte enge Gassen sich jetzt das Getümmel der Menge ergoß, wenn auch viele zum Essen heim nach den nahen Dörfern gingen und ihre Bekannten dazu einluden.

Auch Susel und Liesel waren solcher Einladung nach Mühlhofen gefolgt, wohin von dem Städtchen ein mit Grabstein-Reliefs geplatteter Gang in drei Minuten über die Klingbachwiesen führt, während Vetter Jung an der Gasthoftafel saß, bis im großen Saal die Musik ertönte.

Das Gedränge steigerte sich von Stunde zu Stunde. Da das kreisrund umwallte Städtchen nur eine Hauptstraße – vom oberen zum unteren Tor – hat, die vor dem Rathaus durch eine andere gekreuzt wird, konnte man von dem Rathausplatz aus fast das ganze Getriebe übersehen.

Bauernknechte hopsten mit ihren Mädchen schon ziemlich rüpelhaft durch die Menge, so daß ein ziemlich ungleiches Paar, ein kurzer, breiter Geselle und eine um so längere Weibsperson, die miteinander die Auslage eines Marktstandes betrachteten, auseinandergeschleudert wurde.

»Himmeldonner, ihr Artzen!« fluchte der Kurze, seinen neugekauften Peitschenstock schwingend.

»Na, Stumpe, wo führt denn dich der Teufel her?« fragte ein rotköpfiger Kerl, ihm derb auf die breite Schulter schlagend. »Willst einkaufen, he?«

»Nein, nur so zum Pläsier. Und du?«

»Leute sehen, einen Schoppen trinken. Himmelsapperment! Ist das deine?« fragte der Rotkopf, zu der Langen emporschauend.

»Freilich!« entgegnete der Kurze stolz und übers ganze Gesicht lachend.

»Na, du hast's gepackt, aber ich hör' ja, du hättest dich für Weihnachten zu unserem Kronenwirt verdungen!«

»Man sucht sich zu verbessern, und 's ist nicht weit von Münster«, meinte Stumpe. »Er ist auch da mit seinen Füchsen.«

»Und einem Wagen voll Geldsäcken!« sagte der Rotköpfige. »Der Rosenthal von Ingenheim, der Christ von Kandel, seine Schwester von Impflingen mit ihrem Mann, die keine Kinder haben, ein schlechter Dienst ist es ja nicht, und wenn bald wieder eine Frau ins Haus kommt...«

»Auch da, Stumpe?« fragte Schorsch hinzutretend und den Kurzen etwas beiseiteziehend, um vertraulich fortzufahren: »Du hast doch das schöne Viergespann von Grauschimmeln gesehen und kennst's Große Susel von Oberhofen, oder deine Christine da wird sie kennen«, wandte er sich an das große Frauenzimmer. »Weder der Franz, noch der Michel wollen sie gesehen haben.«

»Noch nicht lange ist sie da vorbei«, lautete Christines rasche Auskunft.

»Ist ihre Mutter, ihr Bruder oder der scheele Hannes bei ihr?«

»Nur ihre Kamerädin.«

Schorsch drückte dem Stumpe ein Geldstück in die Hand. »Trink' einen Schoppen und kauf' deiner Christine ein Marktstück.« Damit machte er sich auf in jene Richtung, die man ihm angedeutet hatte.

»Der möcht' wohl auch einen Fang machen?« fragte jetzt der Rotkopf herüber.

»Na, sie hat ihn schon in der Pfarrstunde gern gesehen«, bemerkte die lange Christine, worauf sie sich flüsternd zu ihrem »Stumpen« niederbeugte.

Indessen waren allerdings Susel und Liesel wieder auf den Markt zurückgekehrt, da sie ja mit Vetter Jung heimfahren sollten. Die Tanzmusik im Gasthof hatte auch schon begonnen; doch in verschüchterter Stimmung getrauten sich die Mädchen nicht dahin.

»Hätte es den Hannes nicht noch im letzten Augenblick gereut, mitzufahren, dann hätten wir jemand, der einem zum Tanz führt«, dachte Liesel, sagte es auch, während ihre Freundin schwieg und aufmerksam die Bildchen und gedruckten Sprüche auf den bunten Papierumschlägen eines Zuckerbäckerstandes betrachtete.

»Nehmen Sie doch, es gehört Ihnen«, sagte der Verkäufer, indem er beiden Mädchen je ein Stück seiner Ware überreichte.

Susel, als sie gleichzeitig einen Arm fühlte, der sich um ihre Gestalt legte, verfärbte sich. Aber ihre Augen blieben auf dem bedruckten Umschlag haften:

»Lieben und nicht haben,
Ist härter als Steine graben!«

»Gefällt dir der Spruch?« fragte Schorsch über ihre Schulter. »So behalt' es zum Angedenken, – auch du, Liesel. Aber nun zum Tanz!«

»Wir müssen mit dem Vetter wieder heim«, sagte Susel schüchtern, nur um etwas zu sagen.

»Ah, der läuft nicht davon«, meinte Franz, der stämmige Begleiter Schorsch's, indem er sich zu Liesel gesellte. »Der sitzt noch fest an der Tafel. Das Heimfahren hat noch lange Zeit.«

»Das mein' ich doch auch!« bestätigte Schorsch, und sie steuerten dem Gasthof zu.

Auf halbem Wege begegnete ihnen in großer Gesellschaft der Vetter Jung aus Kapellen, der den Mädchen lispelnd und mit lächelnder Miene bittere Vorwürfe machte, daß sie nicht mit zur Tafel kommen wollten. Doch meinte er, sie sollten nur fleißig tanzen, denn es gehe bald heim. Für jetzt war er mit seiner Gesellschaft im Begriff, die Runde durch die Wirtshäuser zu machen, und er schien nicht ungehalten, daß die Mädchen einstweilen »gut aufhoben« waren. Man stand und plauderte noch inmitten der wogenden Menge, als von der entgegengesetzten Seite her eine Gesellschaft auf die Gruppe stieß.

»Jetzt soll dich ein Kreuz-heilig-Himmeldonnerwetter in den Grundserzboden 'nunterschlagen, wo führt denn dich schlechten Kerl der Teufel her!« ging es mit Händeschütteln so arg durcheinander, daß ein Unkundiger in Schrecken über den Ausbruch wütenden Streits geraten wäre, während er nur den landesüblichen Freudenbezeugungen über unerwartetes Wiedersehen lieber Freunde und Verwandte anwohnte. Man merkte den Männern schon den Wein an, und die gegenseitige Begrüßung und auch das Geplauder – auch das des Vetters Kronenwirt mit dem Bäschen aus Oberhofen – wollte kein Ende nehmen, bis Schorsch darauf aufmerksam machte, daß man noch tanzen wolle, und die Mädchen weitergeleitete.

Unter den Begleitern des langen Vetters war jener, der gewohnt war, sich beim Lachen zu bücken, auf die Knie zu patschen, und auf den Fersen umzudrehen. »Na, Kronenwirt«, sagte er, »du siehst dich wohl wieder nach einer Kronenwirtin um?«

»Das wär' noch ein bißchen zu frühe.«

»Jetzt könntest du ja selber die Hochzeit halten, zu der du uns selbiges Mal in Bergzabern eingeladen hast. Donnerwetter, was ist dem Heinrich Groß seine Tochter für ein Staatsmädel! Ein Bauernmädel zwar, aber so artlich, so viel Anstand, so was Nettes, so was – wie sag' ich nur, so was Anzügliches, so was sie hat wirklich etwas Liebes.«

»Und mehr als das«, war die bedeutsam Antwort, »es ist eines der reichsten Mädchen weit und breit. Aber –«

»Du kannst wohl eine Reiche nicht gebrauchen, he.«

»So gut, wie du auch«, erwiderte der Kronenwirt und sah die Nebenstehenden an. »Aber ein Mädchen, das die Wahl hat, wie sie, wird keinen Witmann mit zwei kleinen Kindern wollen. Hab' ich nicht recht?«

»Man kann nicht wissen, die Geschmäcker sind verschieden«, sagte der andere, und Bas Philippine, des Kronenwirts ältere Schwester, zollte vollen Beifall.

So hatte sich ein gut Teil jener lustigen Brüder, von denen die Krämerin im »Schamaßladen« zu Bergzabern gesagt hatte, sie seien die rechten, dort zusammengefunden, während die junge Welt sich der Lust des Tanzens hingab. Schorsch stand beim ersten und dann noch bei gar vielen Tänzen mit Susel im Reigen; ja, er tanzte zuletzt fast nur mit ihr und Liesel, eine Galoppade auch mit Salchen Rosenthal, die dann in ihre nahe Heimat Ingenheim zurückkehrte.

Susel hatte noch nie einen solchen Abend erlebt. Wie glücklich sie war!

Die Paare wanderten im Saale auf und ab; hin und wieder spielte die Musik beliebte Lieder, die zum Mitsingen einluden, bis auch Susel an des Geliebten Seite die so schöne Weise mitsummte, der man keinen Trivial-Refrain anfügte, wie anderwärts:

»Meine Mutter hat gesagt, ich sollt – nen Reichen – Reichen nehmen,
Er sollt' haben viel Silber und Gold;
Doch viel lieber will ich in der Armut leben,
Als ich dich verlassen sollt'.«

Und ist es auch wahr? fragte mehr sein Blick, als sein Mund.

»Glaub' sicherlich.«

»Großer Reichtum bringt mir keine Ehre,
große Armut keine Schand'.«

Inzwischen hatte man in einem Nebensaal decken lassen; es war herkömmlich, daß am späten Abend jeder Tänzer seine Tänzerin zur Tafel führte, Brüder ihre Schwestern, Vettern ihre Bäschen zuzogen, bis man paarweise fröhlich im Kreise saß. Waren doch diese jungen Leute aus den besten Familien der Umgegend unter sich verwandt, oder doch wohl bekannt, und bei vortrefflichem Einvernehmen herrschte schon deshalb ein durchaus anständiger Ton; das geringste Überschreiten der guten Sitte hätte Ausstoßung zur Folge gehabt. Sich selbst auszuschließen, ging nicht an, und auch die Mädchen aus Oberhofen nahmen nicht den geringsten Anstand, sich von ihren Tänzern zur Tafel führen zu lassen.

Man aß, trank, scherzte, neckte sich und war guter Dinge. Susel gab sich ganz dem Glück des Augenblickes hin. Sie dachte nicht an die Zukunft, wollte nicht an sie denken.

Dann und wann guckten die Alten herein, gingen aber bald wieder mit den Worten: »Man wolle nicht stören«, um die Jugend sich selbst zu überlassen. Man schenkte den jungen Leuten das Vertrauen, und diese vertrauten sich selbst. Als auch der Kronenwirt einmal den Kopf hereinsteckte, schenkte Schorsch rasch ein Glas voll und brachte es ihm zu. »Stoßen wir an!«

»Ach, die Susel!« sagte der Kronenwirt, als sich das Mädchen mit ihrem Glase erhob. »Nun, Bäschen, du unterhältst dich ja ganz gut, he? Wie gern wollt' ich mit dir tanzen, aber es darf noch nicht sein.«

»Vielleicht später einmal, Vetter«, meinte Susel.

»Ich hoff's – auf deiner Hochzeit. Hab' ich recht? Deine Gesundheit, Susel!«

Gleich darauf kam Vetter Jung mit etwas schwimmenden Augen: »Kinder, es geht nicht länger, wir müssen heim! Es tut mir leid, aber macht euch fertig, wir müssen fortfahren.«

Susel's und Liesel's Mienen nahmen einen ganz veränderten Ausdruck an, aber sie erhoben sich sofort.

»Ja, Vetter.« So war es denn schon aus. Schorsch erhob Einspruch, aber anscheinend vergeblich; Vetter Jung von Kapellen, der auch mit Schorsch und den Mädchen anstieß, versicherte, daß es ihm außerordentlich leid tue und man möge es ihm ja nicht übelnehmen, doch – er müsse heim.

Indes kam jener Herr herein, der sich beim Lachen immer bückte und nach auswärts drehte. »Bleibt nur ganz ruhig, Kinder«, sagte er, »in zwei, drei Stunden sitzt er noch fest. Ja, er ist gar nicht fortzubringen, die reine Klett'! Ich sag's euch schon, wenn wir fahren. Also guter Dinge!«

Damit nahm er den langen Vetter mit hinaus, der sich dabei immer wieder umdrehte und bat, es ihm ja nicht übelzunehmen; aber er müsse heim, so daß alle laut auflachten, und der Freund des Vetters, sich auf den Fersen drehend, in gebückter Stellung wie ein Heinzelmännchen zur Tür hereinkicherte. Darauf aber erhob er sich, flüsterte seinem Begleiter etwas zu, worauf beide den langen, nur schwach erhellten Gang des Gasthofes entlangschritten, bis sie an der letzten Türe anklopften.

In diesem abgelegenen engen Raum hatten sich etwa ein Dutzend Männer aus der Umgebung, auch der Kronenwirt befand sich darunter, zusammengefunden. Etwa zwölf Kristallgläser und sechs Flaschen feineren Weines, die eben erst durch den Sohn des Hauses entkorkt, mit ihrer »Blume« das ganze Zimmer erfüllten, standen auf dem runden Tisch aus Nußbaumholz. Die Anwesenden zeigten eine merkwürdige Umwandlung von der Stimmung der Purzelmarktlust zum feierlichen Ernst. Jede Spur einer Nachwirkung des Weines schien erloschen. Eben trat noch ein Herr mit schwarzbläulich-welligem Haar und ebenso intelligenten wie interessanten Gesichtszügen in das Zimmer, sah sich rasch um, indem er einer Dose eine Prise entnahm und ergriff dann das ihm zunächst stehende, unterdes gefüllte Glas, hob es empor und sprach, während die anderen jetzt ebenfalls nach den vollen Gläsern griffen, mit klangvoller Stimme:

»Nun begegn' ich meinen Braven,
Die sich in der Nacht versammelt,
Um zu schweigen, nicht zu schlafen.
Und das schöne Wort der Freiheit
Wird gelispelt, nicht gestammelt;
Bis in ungewohnter Neuheit
Wir an unsrer Tempel Stufen
Wieder neu entzückt es rufen:
Freiheit!«

»Freiheit!« antwortete ein anderer mit dunklem, blatternarbigem Weingesicht.

»Freiheit!« scholl es im Chor wie in »des Epimenides Erwachen«, des großen Altmeisters, indes die Gläser zusammenklangen, rasch geleert und dann wieder gefüllt wurden.

»Jean!« sagte der zuletzt Eingetretene, der den feierlichen Spruch getan hatte, zu dem Wirtssohn. »Geh jetzt! Sind die Flaschen leer, rufen wir dich!«

Der junge Mann verließ das Zimmer. Es war ihm, als ob von innen die Tür geschlossen wurde, worauf er durch den Korridor nach dem Speisesaal zurückeilte, wo die junge Welt in Liebe und Hoffnung beisammen saß und durch Klingeln an den Gläsern nach Wein verlangte.

Als die Tafel der jungen Leute zu Ende war, war es schon spät geworden, Mitternacht längst vorüber. Man ging nochmals in den Tanzsaal zurück, wo die Musik aufs neue ihre Wirkung ausübte. Man tanzte und tanzte, und niemand erschien, der die Mädchen von Oberhofen zum Abfahren holte, so daß Susel ängstlich wurde und meinte, es sei jetzt Zeit zur Heimkehr.

Sofort war Schorsch bereit und ging selbst, nach dem langen Vetter zu sehen. Der war nirgends zu finden. »Am Ende ist er schon fort«, sagte er, als er zurückkam. »Gleichviel, wir gehen einstweilen – voraus oder nach. Ist er noch nicht fort, so holt er uns ein.«

Und man verließ in dunkler Oktobernacht oder vielmehr in der Nebelfrühe des noch schlummernden Tages die noch immer nicht erloschene Purzelmarktslust des engen Städtchens.

Auch, als man schon zwischen Appenhofen und Ingenheim durchkam, ließ sich kein Wagen hören. Ein- oder zweimal kamen ja einige nach, aber nicht das Viergespann der Grauschimmel.

Um jene Zeit hatte Vetter Jung endlich anspannen lassen, und als er vernommen hatte, daß die Mädchen schon voraus seien, nach vielen Entschuldigungen und Bitten, es ihm nicht übelzunehmen, schließlich sich auf die Heimfahrt begeben; doch auf der alten Straße über Barbelroth.

Währenddessen schritten die Vorausgegangenen in ihrer Richtung weiter. Anfänglich hielt man mehr zusammen; allmählich waren von allen, die durchs Obertor ausgerückt waren, nur noch die beiden Paare übrig, denn rechts und links waren solche bereits in die am Wege liegenden Orte abgegangen.

Die Nacht war trüb, unfreundlich, kein Stern blinkte durch das Nebelgewölk. Susel hatte sich jetzt darein gefunden, und wie schön deuchte ihr der Heimweg! Die Arme innig verschlungen, wandelten sie dahin, oft Hunderte von Schritten ohne ein Wort. Was hatten sie sich alles sagen wollen!

Endlich rauschte vor ihnen das Wasser des von Münster herunterkommenden Klingbachs, sich an den Steinpfeilern einer uralten Bogenbrücke brechend. In der Volksüberlieferung ist das eine unheimliche Stelle und die hohlen Weiden dort stehen in ungeheuerlichem Ruf. Plötzlich rauschte es im Gebüsch. Susel fuhr erschrocken zurück und schmiegte sich ihm inniger an. Er lachte; denn er selbst hatte mit einem Schlag des Stocks das Geräusch hervorgebracht.

Nun kam die Stelle, wo der Weg nach Oberhofen von der Straße nach Münster ab über die Feldhöhe führt. Liesel und Franz waren stehengeblieben, um das nachkommende Paar zu erwarten. Doch ohne Zögern schlug Schorsch mit der Geliebten den Sandweg ein, zum Galgenacker empor, am Rappenteich vorbei über die Bubenstube.

Oben, wo links die Schlucht der Bubenstube abfällt, an der verrufensten und entlegensten Stelle der Gegend, hielt Schorsch mit Susel ein wenig an. Schorsch legte seine Arme um die Geliebte. Ob er daran dachte, wieviel Gut und Geld er mit dem erbebenden Mädchen umschlang? Daß er das reichste Mädchen der Umgegend im Arm hielt? In diesem Augenblick wohl nicht. Und woran dachte sie? An den Großvater und die arme Frau von Gleiszellen? Oder – an Nettl und das arme Kind?

Susel drängte weiter. Der Weg senkte sich wieder. Da, wo er auf bereits vertrautem Boden in schräger Richtung der wohlbekannten Straße, der Ruhbank und Brücke von Gleishorbach zustrebt, flossen die Worte etwas reichlicher. Von Gleiszellen herunter scholl dazwischen ein dumpfer nächtlicher Laut; bleich leuchtete die Kirche von St. Dionys von ihrem Weinhügel in die Nacht. Was die beiden sprachen, war immer dasselbe.

»Du hast mich wirklich lieb, Susel?«

»Ach Gott, und wie!«

»So sag' mir's doch, wie! Ich hör' es so gern!«

»Ich kann's nicht so sagen. Über alles lieb.«

»Wenn ich's glauben dürfte!«

»Das darfst du, Schorsch! Aber horch, was war das?«

»Ein Hund bellte oben am Gleiszeller Berg. Susel hast du mich lieber als deinen Bruder?«

»Wie kannst du so fragen?«

»Lieber als deine Mutter?«

»Ach«, seufzte sie, »ich habe eben auch an sie gedacht.«

»Nun, Susel?« drängte er.

»Über alles lieb habe ich dich.«

»Und auf wie lange?«

»Solang' ich lebe, Schorsch.«

»Nicht länger?«

»In alle Ewigkeit.«

»Und noch hundert Jahre drüber, he?«

»Wenn du willst, Schorsch, ja. Aber horch, es schlägt – zwei, drei, vier Uhr!«

»Erst vier Uhr!«

»Schon vier Uhr!« sagte sie beängstigt.

Doch er küßte ihr die Sorge vom Antlitz.

So gingen sie dahin, wieder schweigend und beklommen, dann wie Kinder von Gefühlen lallend, für die sie nur den unbeholfensten – und dennoch wirksamsten Ausdruck finden konnten.

Noch lag Dunkelheit über dem heimischen Talgrund. Aber schon erscholl das Krähen der Hähne von dem stillen Dorf herauf. Und noch immer kam es nicht zum Abschied. Durch die Gärten hinunter, bis in die Gasse hinein blieb Schorsch an der Seite des Mädchens. Und mehrmals kam er auf die Frage zurück, ob er sich auf ihre Beharrlichkeit verlassen dürfe, und nochmals versicherte sie es ihm.

»Und du wirst deiner Mutter widerstehen, meine Liebe?«

»Das will ich, und es ist hoffentlich keine Sünde. Wenn nur Gott mich nicht verläßt und – du!«

»Und du bleibst mir allzeit treu, Susel?«

»Ich bleibe es. Auch du, Schorsch?«

»Gewiß. Wenn ich nur weiß, daß du fest bleibst!«

»Verlaß' dich darauf!«

»Und nun, wann seh' ich dich wieder, mein Herz?«

»Ach Gott, wann, wann?«

Sie legte ihren Kopf an seine Brust, daß er sie nochmals – vorm Haus ihrer Mutter – umschlang und küßte, zum letzten Mal.

Rasch ging er durch das stille Dorf, in dem da und dort schon Lichter angezündet wurden, um den Freund zu erreichen, der draußen wartete. Susel aber, welche die Klinke der Eingangspforte neben dem Hoftor in Bewegung setzte, bemerkte dabei nicht, daß eines der Fenster im Vorbehaltshaus, das auf die Gasse ging, eben leise wieder geschlossen wurde, während von innen schon ein Schlüssel im Schloß umgedreht wurde. Die Türe öffnete sich – und die alte Aplone, die die Nacht durchgewacht hatte, legte der Heimkehrenden begrüßend die Hand auf die Schulter. »So früh dran? Aber gut nur, daß du da bist, mein Kind. Hat dir's gefallen, Susel, auf dem Purzelmarkt, he?«

Überwältigt fiel das Mädchen der alten, tauben Magd um den Hals und küßte und drückte sie ein um das andere Mal. Das war ihre Antwort, und sie wurde verstanden. Ohne eine Silbe zu verlieren, ging sie dann leise, damit niemand geweckt wurde, den Plattengang entlang zur Haustür, die sie ohne Schwierigkeit öffnete, um mit übervollem Herzen wieder ihr trauliches Stübchen zu beziehen.

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