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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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21

Der Purzelmarkt

Und es ging nun tiefer in den Herbst hinein. Jeder Tag brachte noch seine eigene Plag'; Knollen- und Wurzelfrüchte machten viel Arbeit; dazwischen wurde fleißig gedroschen, Kauf und Verkauf vorgenommen, da das Getreide in schönem Preis stand. Susel nahm daran so viel teil, als ihr zukam, und besorgte, was es dabei zu schreiben, einzutragen und zu rechnen gab, half nebenbei Bohnen und Obst schnitzeln, Nüsse leifeln. Sie behielt ihre sonstige Gewohnheit stillen Daheimlebens auch jetzt wieder bei, während sich die Mutter heimlich zu der Wirkung der von Amy überbrachten Nachricht beglückwünschte. Verriet Schorsch Wankelmut und Unbeständigkeit, so war solcher flüchtigen Neigung gegenüber die nachhaltige Festigkeit und Beharrlichkeit ihrer Tochter umsonst verschwendet und blieb ergebnislos. Damit gewann sie alle Aussicht zur Durchführung ihres Lieblingsplanes, und ihre Susel war demnach bald die reichste Frau im Ort und weit und breit. Von dieser Hoffnung getragen, erwies sich die Mutter oft mit ungewohnter Zärtlichkeit gegen die Tochter, und ihr Verhältnis zu ihr schien inniger zu werden als je.

So gingen die Tage hin. Das Laub fing schon an, sich zu verfärben; die meisten Obstbäume waren geleert und kein rot- oder gelbbrüstiger Sänger zwitscherte mehr aus den gelichteten Hecken; nur Waldvögel schwärmten piepend über die geräumten Äcker. Doch die Sonne schien noch warm, die Wiesenfeuer rauchten, die aus Hanf und Bast geflochtenen Knabenpeitschen klatschten, als Susel eines Tages den »Ring« aus bunten Tuchwickeln auf den Scheitel legte, und mit dem großen Eßkorb auf dem Kopf hinaus wanderte, um den Taglöhnern das Nachmittagsbrot mit dem üblichen Krug Wein zu bringen.

Eine Viertelstunde später ging sie mit dem leeren Korb über die Wiesen zurück, durch einen Teil des Nachbardorfes in den Weinberg, da gerade »Wingertstag«, also das Schneiden von Tafeltrauben gestattet war. Mit dem gefüllten Korb auf dem Kopf ging sie dann die Wingertsfurche hinunter und hatte bereits die Straße erreicht, als sie bei der Ruhbank am versunkenen Kreuzsockel angerufen wurde: »He! krieg' ich einen Gutedel?«

Der Klang dieser Stimme erschütterte sie so sehr, daß der gefüllte Korb, den sie auf dem Haupte trug, ins Schwanken geriet und ihr nahezu samt dem »Ring« vom Kopf fiel. Doch bekam sie mit dem hergestellten Gleichgewicht auch die Fassung wieder.

»Nimm dir«, sagte sie einigermaßen beklommen und bückte sich etwas, um ihm das Zulangen über den Korbrand zu ermöglichen, »soviel du willst.«

Er nahm aber nur ein Träubchen; sie waren ihm ja nichts Neues. Gleichzeitig hatte er eine ihrer Hände erfaßt: »Bist du erschrocken, Susel? Du zitterst ja. Oder hast du Angst? Gelt, deine Mutter dürfte nicht wissen, daß ich bei dir stehe. Du schweigst? Da weiß ich, es ist schon so. Ich möchte mich einmal ganz vor dir aussprechen, Susel; ich möchte einmal länger mit dir zusammen sein. Denn ich habe dir viel zu sagen.«

»Dazu wird sich schwerlich Gelegenheit finden«, antwortete sie zurückhaltend. »Hast du mir denn wirklich so wichtiges zu sagen?«

»Gewiß, Susel, wichtig für dich und mich. Könntest du denn nicht wenigstens auf unsere Stifts-Kirchweih kommen? Wenigstens abends?«

Sie schüttelte wiederholt den Kopf. Es ging nicht. Das Stift in Münster, der östliche mit Mauern umschlossene Teil des Fleckens, in dem die dem Erzengel Michael geweihte Stiftskirche steht, hat noch heute alljährlich auf St. Michel-Sonntag seine eigene Kirchweih, und nur der Löwenwirt im Stift ist dann berechtigt, Tanzmusik zu halten und »Roten« zu verzapfen.

»Nur auf ein oder zwei Stunden«, bat er.

»Nein, es geht nicht. Du kannst ja mit der Kathel tanzen!«

»Mit der Kathel, ja« sagte er, »sie ist eine Tänzerin von mir. Lieber aber noch mit dir, Susel!«

»Ist das wahr? Darf ich dir glauben?«

»Gewiß, komm nur, auf eine Stunde, Susel!«

»Es geht nicht, Schorsch«, sagte sie etwas freundlicher. »Ich kann und darf nicht.«

»Aber, wo soll ich denn wieder mit dir tanzen und plaudern, Susel? Wie wäre es mit dem Billigheimer Purzelmarkt?«

»Ach Gott, wie soll ich auf den Purzelmarkt kommen?«

»Wenn du mich lieb hast, Susel, so komm.«

Sie war sichtlich schwankend geworden. »Wenn ich wüßte –, daß auch du mich lieb hast, Schorsch, wollt' ich gern alles daransetzen, zu kommen.«

»Und weißt du's denn noch nicht?«

»Nicht gewiß. Ich möchte es ja gern glauben, aber – –«

»Du darfst, du sollst mir's glauben, Susel. Und nur um darüber einmal mit dir nach Herzenslust plaudern zu können, sollst du kommen. Willst du, Susel?«

»Ich will sehen«, sagte sie beglückt, doch auch beängstigt. »Aber jetzt laß mich heim, Schorsch, sonst sagen es die Leute noch meiner Mutter, daß ich so bei dir stehe.«

»Ohne Kuß?«

»Hier, wo man es sehen könnte? Ein andermal – vielleicht.«

»Du kommst bestimmt?«

»Wenn ich kann, gewiß –«

Er hatte nur noch Gelegenheit und Zeit, ihr zärtlich die Wange zu streicheln, da jetzt von beiden Richtungen der Straße her Menschen kamen.

Wer liebt, ist leicht überredet. Susanne Groß glaubte im Augenblick, wo sie das Versprechen gab, es ohne besondere Schwierigkeiten erfüllen zu können. Jedenfalls hatte sie den guten Willen dazu. Auf den Purzelmarkt zu gelangen, war keine Unmöglichkeit; Billigheim war ein neutraler Ort, gegen den die Mutter kein Vorurteil hegte, und der Purzelmarkt damals noch so stark und allgemein besucht, daß ein Gang oder eine Fahrt dahin nichts Auffälliges hatte.

Gerade rechtzeitig schien sich dazu eine Gelegenheit zu bieten. Ein Verwandter von Vetter Balzer aus Kapellen hatte zur Zeit, auf die der St. Gallusmarkt in Billigheim fiel, an den sich dienstags dann der Purzelmarkt anschloß, in Pleisweiler-Oberhofen Most aufgekauft und als jovialer Mann, der sich zu den Landhonoratioren rechnete, den Vorschlag gemacht, die Mädchen mit auf den Purzelmarkt zu nehmen. Sie sollten nur bestimmen, ob sie Dienstag früh mit dem Wagen in Oberhofen abgeholt werden oder erst auf seiner Durchfahrt in Niederhorbach einsteigen wollten.

Da Juliane ihre Susel in so guter Hut wußte und außerdem Hannes Lust zeigte, mitzufahren, gab sie gern ihre Einwilligung. Aber der Zweifel, ob nicht in letzter Stunde noch der ganze Plan scheitern werde, war nicht ausgeschlossen. Im übrigen sah man hier und in anderen Kreisen wie alljährlich dem Purzelmarkt mit Spannung entgegen.

Wenn man von den Höhen bei Klingenmünster den Klingbachgrund rheinwärts überblickt, bietet sich ein eigentümliches Bild dar. Man glaubt über eine von Parks durchzogene große Stadt hinzusehen. Der Kaiserbach und Klingbach, die aus den Bergen kommen und sich unterhalb Billigheim vereinigen, bilden gleichsam einen doppelten Talgrund und eine Landschaft, wie die reiche Vorderpfalz keine belebtere und keine fruchtbarere hat. Kaum einige hundert Schritte voneinander entfernt liegen da die reichen Orte sich gegenüber an den beiden Wasserläufen.

Das wegen seinem Viehmarkt vielbesuchte Städtchen war von jeher, besonders auf dem »Purzelmarkt«, ein Sammelpunkt der Landbewohner von weit und breit. Anno 1450 aus fürstlicher Dankbarkeit vom siegreichen Fritz erteilt, hat er alle Stürme der Jahrhunderte überdauert und wird als Volksfest seltener Art heute noch gefeiert. Zur Zeit unserer Erzählung stand das Fest noch in voller Blüte.

Ein frischer Nebelmorgen lag über der üppigen Landschaft, als die Festgäste von allen Seiten zu Fuß und mit Wagen nach dem Städtchen strebten, durch das alte Obertor, vor dem zwei Häuserreihen eine kleine Vorstadt bilden, und durch das malerisch düstere Untertor. Schon verkündeten Böller, Trompeten und das Getümmel auf dem Markt, daß eben der Bürgermeister an der Spitze des Magistrats unter fliegenden Fahnen hoch zu Roß vom Rathaus mit großem Geleit auszog zur Festwiese. Hastig drängte das Volk nach, durch das Untertor um den Stadtwall. Unter rauschender Musik, Flintenschüssen und betäubendem Jubel wälzten sich die Massen nach dem Festplatz hin, mit Geschrei den dichtbesetzten Leiterwagen ausweichend, die tiefe Geleise in den Weg schnitten.

Das Getümmel wurde immer krauser; von der Masse umdrängt, suchten die Fuhrwerke gute Schauplätze an den Schranken.

Unter den Fußgängern, die zur Rennbahn gingen, verriet ein einzelner kräftiger junger Mann wenig Eile. Seine ungeduldigen Kameraden – stämmige Gesellen in bürgerlicher Kleidung – hatte er zum Festplatz vorausgehen lassen. Ihm schien mehr daran zu liegen, die Vorbeifahrenden zu mustern. Sein unten mit Leder besetztes Beinkleid war schon stark von dem Schlamm der Geleise bespritzt; manchmal lüpfte er seine Seelöwenkappe zum Gruß und hatte schon mehrmals die Einladung aufzusteigen verneint. Eben wollte er sich kurz dem Festplatze zuwenden, als ein mit stattlichen Schweißfüchsen bespannter, geputzter Wagen anhielt. »Steig auf!« sagte der Lenker des Wagens.

Der also Eingeladene griff nach einer Leitersprosse und schwang sich hinauf.

»Warum so leer, Kronenwirt?« fragte er, als er feststellte, daß der Wagen nur mit einem halbwüchsigen Buben und einer älteren Frau besetzt war.

»Sie sind auf und davon, um näher dabei zu sein!« war die Antwort. »Meinetwegen, ich fahr' ihnen zu langsam. Ein Witmann im Trauerjahr mit zwei kleinen Kindern daheim darf schon gemach tun. Hab' ich nicht recht, Schorsch?«

»Ist deine Frau noch nicht lange tot?«

»Auf Martini jährt sich's«, antwortete die ältliche Frau an Stelle des Wagenlenkers.

Man war hinter den durch ein Seil gezogenen Schranken angelangt, an denen entlang die tosende Masse der Zuschauer erwartungsvoll harrte. Fröhlicher Zuruf, wohl auch Gezänke, vor allem aber johlendes Gelächter scholl aus einzelnen Gruppen »vom Gebirg« und oft die ganze Linie entlang; denn der rheinische »Uz« und »Stuß« fand hier volle Nahrung und Pflege. Besonders an jener Stelle, wo sich die Münsterer zusammengefunden hatten, ging der Jux nicht aus.

Hoch über dem Getriebe ragte der glattgeseifte, auf seiner Spitze Hahn und Fähnlein tragende Kletterbaum, um den sich das Kollegium der Preisrichter gesammelt hatte. An farbigen Stangen flatterten neben den Fahnen, Bannern, Wimpeln und Bändern die Preise im frischen Wind: Tücher, Seidenstoffe, Leinwandstücke, Schnittwaren jeder Art, Schamaß, Kattun, blanke Geldmünzen. Mit lüsternen Blicken sahen Haufen von Buben und Mädeln, die am »Purzeln« teilnehmen wollten, nach all den Herrlichkeiten, während die Heiterkeit der Menge ihren Fortgang nahm, wenn etwa ein »Stoffel Rundhut« aus dem Westrich oder ein altfränkisches Bäuerlein aus dem Oberland verwirrt über den eingeschränkten Raum stolperten und nicht zu wissen schienen, wo sie sich hinwenden sollten, um der Polizei oder den hin und her galoppierenden Reiteroffizieren aus Landau auszuweichen. Auch die Rücksicht auf das schöne Geschlecht hielt nicht von losen Bemerkungen und schallendem Gelächter ab, wenn etwa ein Rocksaum zu hoch gehalten wurde oder bereits einen »Hammel« schleppte, d. h. schon stark beschmutzt war.

Nur die Elsässer Bauern von jenseits der Lauter, aus Schleithal, Salmbach, aus dem Seebacher Ländchen, kümmerten sich um nichts als um das bevorstehende Rennen, bei dem ihre Gäule, Knechte und Söhne stark beteiligt waren. Mit dem großen »Seeweck« auf dem Schädel und den dicht aneinandergereihten glatten Stahlknöpfen an Rock und Hose standen sie in eifrigem Geplauder inmitten ihrer Weiber und Töchter, deren bänderreiche, bunte Trachten sie weithin kenntlich machten. Ab und zu löste die sich immer mehr steigende Spannung auch ein Gezänke von Wagen zu Wagen aus, das manchmal noch mit der Peitsche ausgefochten wurde.

Nicht weit davon hatten sich Mädchen aus der näheren Umgebung mit schillernden Seidenschürzen neben ihren Burschen aufgestellt, deren grauwollene Kappen die Form der hohen persischen Mützen hatten. Plötzlich flatterten die schillernden Schürzen unter ängstlichem Geschrei in jähem Wirrwarr auseinander, als noch ein dichtbesetzter Wagen hinterm Wall entlang daherjagte, daß der Schlamm flog, und nun mit einschneidenden Rädern auf den weichen Wiesen hereinlenkte, um dicht an der Schranke zu halten.

»Wer sind sie?« fragten Hunderte.

»Ist's nicht der lange Jung von Kapellen?« fragte der Kronenwirt. »Prachtgäule! Nicht? Schau nur die hohlen Kruppen.«

»Das Gespann scheint mir eher von Oberhofen zu sein«, meinte Schorsch etwas erregt, indem er seine Augen scharf über die Insassen des Wagens hingehen ließ, und dann überlaut hinzufügte: »Also doch!«

»Was?« fragte der Kronenwirt.

In demselben Augenblick knallten die Böller. Auf der weiten Wiesenfläche, nach Sonnenaufgang hin, regte sich etwas, das sich schnell zu nähern schien, während das dumpfe Getöse der vordrängenden Massen zum Rauschen und Brausen anschwoll.

Ein Reiter im schwarzen Frack, Federhut, weißer Amtshose und hellblauer Schärpe kam jetzt, aus der Münsterer Gruppe als »Louis Philipp« bezeichnet, allein vorübergesprengt.

»Sie kommen! Sie kommen!« schrie besonders ungebärdig eine Gruppe junger Burschen in Marderpelzmützen, rotem Brusttuch, die Hosennähte dicht mit kleinen runden Stahlknöpfen besetzt. Diese Tracht, sowie die bunten Leibchen, kurzen Röcke und hohen Messingkämme ihrer ebenso lebhaften Mädchen deuteten auf die »Schwedenbauern« hinterm schlachtenberühmten Gaisberg. Stattliche junge Gäubauern daneben, in lederbesetzten grauen Hosen, durch Silberschnallen geschlossen, stehenden Hemdkrägen, roten »Stauchen« und pelzverbrämten Tuchkappen, schwangen die am Griff mit Messingdraht und rotem Plüsch »eingebändelten« Knotenstöcke so unternehmend, als hätten sie einen Angriff auf die Ansprengenden vor.

Und nun sausten die Renner heran und vorüber, Knechte und Bauernsöhne, auf jungen Landgäulen ohne Sattel, zwischen die jauchzende Menge hinein.

Der Rappe vorn wollte vorn bleiben; sein Reiter schlug fortwährend dem Nächstfolgenden die Peitsche ins Gesicht; denn jeder »Vortel« galt. Indes jagte ein schlanker Geselle mit Stahlscheiben an den Kleidernähten auf breitrückigem Rotschimmel vorüber und wurde als erster hinterm Kletterbaum von den Stallmeistern des Preisgerichts aufgefangen, während unter tosendem Geschrei die übrigen, mit Gerten und Peitschen um sich schlagend, folgten – ganz zuletzt noch, wie die alte Fastnacht, einsam ein langröckiges Bäuerlein auf keuchendem Ackergaul, vom allgemeinen Jubel bis zum Ziel begleitet.

Über der Verkündigung der aufgeteilten Rennpreise schlug der Lärm des allgemeinen Meinungsaustausches zusammen und die Massen drängten dem Kletterbaum, als dem Mittelpunkt des Festes, zu.

»Herr Kronenwirt, Sie haben gewiß noch Platz für mich und mein Salchen!« sagte ein ansehnlicher Herr, im Getümmel an den Wagen herantretend. »Das Schlammassel ist zu groß und das Gedräng'!«

»Gewiß, Herr Rosenthal, recht gern«, antwortete der Besitzer des Wagens. Aber seine Miene widersprach der entgegenkommenden Versicherung. »Steigen Sie nur auf. Steh' dem Fräulein bei, Schorsch! Ja, Herr Rosenthal, der Deiwel hat heut' seinen Sack mit Menschen ausgeleerte«

Schorsch hatte der jungen Dame bereits die Hand gereicht, so, daß sie unter Beistand ihres Vaters, der dann mit einiger Mühe nachklomm, ohne Anstand auf den Wagen gelangte.

Nun fesselten die Vorgänge am Kletterbaum die Aufmerksamkeit: Die Waldbuben aus dem Gebirg und der Ebene wetteiferten, den Hahn zu erreichen und die Fahne herunterzuholen. Dann folgte sofort das Wettrennen zu Fuß, zuerst das der Männer, dann jenes der Mädchen aus den unteren Klassen, dem das Volk am meisten Teilnahme entgegenbringt. Denn bei jedem der Männer interessierte eigentlich nur der letzte, der sich seinen Spottpreis mit so feierlichem Ernst verdiente, daß auf die lose Bemerkung eines Münsterers, es sei der Doktor Siebenpfeiffer, ringsum ein Hohngelächter aufschlug. Das Rennen der Mädchen dagegen gewährte schon an und für sich einen seltsam fesselnden Anblick. Dem zu Pferd voraussprengenden Bürgermeister folgte die Schar barfüßiger Mädchen. Alles Gewand bis auf Unterrock und Hemd war abgeworfen, das Haar flatterte aufgelöst im Winde, die kurzen Röcke flogen und das Volk jauchzte dem Schwarm dieser Mänaden zu, die wie Furien dem Roß und Reiter nachjagten.

Die vorderste, die sich stets zur linken Seite des Reiters hielt, war eine nicht große, behende Person, schwarz von Haar, rotwangig, doch über die erste Jugend schon hinaus. Während auf der rechten Pferdeseite eine echte Zigeunerin fast in gleicher Höhe lief, hatte ein anderes braunes Heidenkind keck den Schweif des Pferdes gefaßt und hielt zum Gaudium des zujubelnden Volkes, dem die kühne List gefiel, fest, indes die Mitstrebenden in aufgelösten Reihen hintendrein folgten. Die Person an der linken Pferdeseite, bis dahin die vorderste, begann, dem Ziele schon ziemlich nahe, sich unruhig umzusehen. Man merkte ihr die Anstrengung bereits an.

»Susel, guck'! Ist das nicht euere Nettl?« fragte eine der Zuschauerinnen auf dem zuletzt angelangten vierspännigen Wagen ihre Nachbarin, die eben mit flüchtigem Blick den Wagen des Kronenwirts gestreift hatte.

»Es kommt mir auch so vor. Doch nein! Sie dient jetzt in Impflingen, hörte ich.«

»Die hätt' es weit gebracht«, meinte die erste wieder, während die Laufenden endlich unter dem Jauchzen der Menge von den Preisrichtern empfangen wurden.

Sei es, daß noch zuletzt ihre Kräfte nachließen oder der Anblick der Zigeunerin am Pferdeschweif verblüffend auf sie gewirkt hatte – die an der linken Pferdeseite langte erst als dritte am Ziel an, während die Zigeunerinnen die ersten Preise errangen. Da das Publikum, die Schranken durchbrechend, von allen Seiten zudrängte, war von der Preisverteilung wenig zu sehen. Mitten durch das Gewimmel steuerte indes ein kurzhalsiger Mann mit einer schwarz gekleideten Frau – selbst die Haube war von schwarzem Samt – auf den Wagen seines Schwagers, des Kronenwirts, los. Mit Verwunderung fand er auf seinem Sitz Herrn Rosenthal und auf dem seiner Frau Philippine dessen Töchterchen vor.

»Konrad«, sagte er, »du hast doch unsere Plätze nicht vergeben!«

»Platz genug«, entgegnete der Kronenwirt, der eine kleine Verlegenheit zu überwinden hatte. »Komm, Philippine daher zu Schorsch; ein guter Freund von mir, liebe Schwester. Du kennst doch Fräulein Rosenthal? Wird mit meinem Freund heute noch eine Galoppade tanzen, nicht?«

»Gern, wenn ich aufgefordert werde und mein Vater zugibt, daß ich zum Tanze komme«, erwiderte das junge Mädchen.

»Wollen sehen! Warum?« sagte Rosenthal, sich auf den goldenen Knopf seines Rohrs in der Weise stützend, daß sein Doppelkinn kräftiger hervortrat. »Das Wetter hält aus.«

»Ja«, sagte der Schwager, »wenn's nicht regnet. Viel Menschen, Herr Rosenthal, als ob es letzte Woche Geld geregnet hätte.«

»Für den Purzelmarkt haben die Leute immer Geld«, bemerkte Rosenthal.

»Denk' nur, Konrad,« sagte Philippine, »die Nettl, die einmal bei mir gedient hat, ist mitgesprungen und hätt' ums Haar den ersten Preis gekriegt.«

»Da kommen sie schon gepurzelt!« schrie ein halbwüchsiger Bursche auf, und alle Augen richteten sich dahin, wo kleine Buben, darunter ein armes Kind von kaum vier oder fünf Jahren, in drolliger Weise mit Purzelbäumen und Radschlagen, stürzend und sich wälzend dem Ziele zustrebten, an dem man allen kleine Preise austeilte und keinen leer ausgehen ließ.

Auch das Sackrennen bot für die Masse viel Belustigung, obwohl die bleichen Köpfe, die aus den zappelnden grauen Leinwandsäcken ragten, einen fast unheimlichen Eindruck hervorzurufen geeignet waren. Wie Rosenthal, schien auch das große stattliche Mädchen drüben auf dem vierspännigen Wagen wenig erbaut davon und überhaupt an dem Fortgang des Festes keinen besonderen Anteil mehr zu nehmen; denn immer wieder schweiften ihre schüchternen Blicke verstohlen herüber nach dem Gefährt des Kronenwirts, auf dem Schorsch der freundlichen jungen Dame gegenübersaß. In deren Vater erkannte sie einen aus jener lustigen Trinkgesellschaft von Bergzabern, an der auch der Kronenwirt selbst, Vetter Jung aus Kapellen, der sie hergefahren, und ihr eigener verstorbener Vater damals teilgenommen hatten.

In ihren Gedanken wurde sie durch den Jubel über das Wettrennen unterbrochen, das Weiber mit vollen Wasserkübeln auf den Köpfen ausführten; und auch unter diesen Wasserträgerinnen wollte man wieder Nettl erkennen. Noch andere Spiele folgten zum Abschluß. Aber schon hatte sich die Festordnung etwas aufgelöst, die Massen liefen durcheinander, mitten durch Preisträger und Preisträgerinnen, jauchzend und die errungenen Preise schwenkend.

Da der vierspännige Wagen auf dem Rückweg an dem des Kronenwirts vorüberkam, winkte und rief man sich gegenseitig zu. Susel errötete, als ihr Blick dem Schorsch's begegnete. Nun aber sah sie nachdenklich und still beiseite. War damit schon alles vorüber?

Dort am Wegrand stand ein kleines, barfüßiges Bübchen, das seiner Mutter oder Schwester eben seinen Preis, wohl einige Groschen für die Teilnahme am »Purzeln«, aushändigte. Auch sie trug einen Preis, doch nicht an der Fahne, sondern zusammengelegt unterm Arm. Eben zog sie das Kind etwas vom Wegrand zurück und sah dabei zu dem vorüberkommenden Wagen auf. Sofort kehrte sie sich wieder um und wandte nachhaltig das Gesicht ab.

Das war der Tochter Julianens, da sie in Gedanken versunken war, nicht sofort aufgefallen. Sollte denn die ärmlich gekleidete Person wirklich die putzliebende Nettl gewesen sein? Unwahrscheinlich. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach war der lang ersehnte Purzelmarkt vorüber. Lohnte er die Erwartungen, die sie an ihn geknüpft hatte? fragte sie sich unter der finsteren Torhalle, durch die man in das Städtchen zurückkehrte, dessen ohnehin enge Gassen durch Marktbuden noch mehr verengt waren. Da stand eine neben der anderen, und auch vor dem Rathaus gab es Schaubuden genug, um die sich die Schaulustigen sammelten. Aber war das alles?

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