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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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19

Leviten

Am anderen Morgen, als Susel am Herdfeuer stand, um den Kaffee zu kochen, strich die Mutter mehrmals ziemlich geräuschvoll an ihr vorbei und in der Küche umher, ohne ein Wort an sie zu richten. Susel gab sich keiner Täuschung hin; die Mutter war bereits über die Vorgänge in Kenntnis gesetzt worden. Und es konnte die Lage nur verschlimmern, daß die Großmutter eine Weile leise mit der Mutter in der Stube verhandelt hatte und eben wieder zur Tür in den Flur hinausging.

Stoffel kam für einen Augenblick in die Küche, um ein Messer zu holen, wobei er der Schwester einen so höhnischen Blick zuwarf, daß sie fragte, was es denn eigentlich gebe.

»Du wirst schon sehen.«

»Du hast geplaudert, Kalfakter!«

Ohne es zu leugnen, ging er weiter. »Du kriegst dein Fett, wart' nur, es ist gehörig eingeheizt. Sie wird dir was aufgeigen!«

So wenig verheißungsvoll das klang, bereitete sich Susel doch darauf vor, die Strafpredigt ruhig und gelassen über sich ergehen zu lassen, wenn es sein mußte, sich zu verteidigen und falsche Anschuldigungen als solche zu kennzeichnen. Sie hatte den fertigen Kaffee in die Kanne gegossen, nahm den Milchtopf hinzu und ging damit ziemlich gefaßt in die Stube. Hier saß die Mutter jetzt breit am Tisch und kehrte ihr das volle Gesicht zu. Doch schenkte sie sich erst schweigend ein, tunkte ein Stückchen Zimtkuchen in die dampfende Tasse, aß, schlürfte von dem heißen Trank und begann dann: »Was muß ich von dir hören! Du bist mir eine Saubere!«

»Was denn, Mutter?«

»Schämst du dich denn nicht?«

»Worüber, Mutter?«

»So sich aufzuführen vor aller Augen! So den Leuten die Mäuler aufreißen: Sitzt so und so lange daheim in der Ecke, als könne sie nicht auf drei zählen, wie eine der Weltfreude abgestorbene Klosterfrau, und – hops! – auf einmal über alle Stränge. Wenn mir jemand gesagt hätte, daß ich das noch erleben müßt' – einen Lügner hätt' ich ihn gescholten.«

»Aber sagt mir doch nur, Mutter«, äußerte Susel, »was ich getan haben soll, das Euch nicht recht ist, und warum Ihr so zankt?«

»Tut sie noch, als ob sie von nichts wüßte! Hast du dich nicht in Gleishorbach drüben an den Münsterer Lüftling gehängt und deinen künftigen Mann daneben sitzen lassen?«

»Meinen künftigen Mann?«

»Deinen Hochzeiter, dem du versprochen bist!«

Susel hatte sich verfärbt. »Wem bin ich versprochen, Mutter?«

»Wem? Du fragst noch! Hab' ich dir's nicht schon hundertmal gesagt, daß Vetter Balzers Hannes dein Mann wird, kein anderer?«

»Das habt Ihr nie so bestimmt hingestellt, Mutter.«

»Gut, so hörst du's jetzt, damit du's nur ein für allemal weißt.«

»Auf ein so bestimmtes Wort, – nehmt mir's nicht übel, Mutter, bleibt mir nur eine ebenso bestimmte Antwort.«

»Und die wäre?«

»Ich nehm' ihn nichts«

»Du nimmst ihn nicht? Wie? Ich verstehe dich nicht, Susel. Wen nimmst du nicht?«

»Nein, Mutter«, sagte Susel mit ruhiger Gelassenheit, »den Hannes nehme ich nicht. Es mögen ja Abmachungen zwischen Euch und seinem Vater vorgekommen sein, – ich weiß nichts davon, ich bin noch ein Kind gewesen, es kann mich nicht binden, wenn mir der Hannes jetzt nicht recht ist. Das wäre ja der reine Kinderhandel, und mein seliger Vater –«

»Ach was«, fuhr Frau Juliane dazwischen.

Doch die Tochter ließ sich nicht unterbrechen. »Mein seliger Vater hat's nicht anders angesehen. Man kann mir sonst nicht nachreden, daß ich Euch nicht folge. Alles tu ich gern und Euch zu Gefallen, Mutter, wie es meine Schuldigkeit ist. Aber das Heiraten ist doch eine Angelegenheit, die einen selber am meisten angeht und in der man doch mitreden darf. Ich bin alt genug, Mutter, um selbst wählen zu können. Lieb und schön wär's, wenn Ihr meine Wahl gutheißen wolltet, und gern will ich Euren Rat hören und annehmen. Aber mir einen Mann aufzwingen lassen, der mir nicht gefällt, den ich nicht mag, der mir ein Greuel ist, – nie und nimmermehr!«

»Ein Greuel?« fuhr die Mutter auf, sich mit der flachen Hand auf das rechte Knie patschend. »Der Hannes ein Greuel? Bist du denn ganz aus dem Häuschen? Mein' ich immer, das Heiraten überhaupt sei ihr ein Greuel. Aber nein, der Hannes. Du wirst dich noch anders besinnen!«

»Rechnet nicht darauf, Mutter.«

»Man wird dir's zeigen!« drohte Juliane. »Und warum ist dir denn der Hannes ein Greuel? He? Hör' einer die Närrin! Der reichste Bursch' im Ort, nach dem in der ganzen Gegend jede die Finger leckt, ein Greuel! Du scheinst gar nicht zu wissen, was ein Greuel ist! Und seit wann ist er dir denn ein Greuel, der Hannes? He? Meinst, ich weiß nicht? He? Seit der Lüftling da von Münster wieder daheim ist. Oder nicht? He? Und gleich hängt sie sich an ihn, läuft ihm nach, die da! Meinst wohl, deine Mutter müsse gleich ihren Segen dazu geben und Ja und Amen sagen, he?«

»Ich hab' mir nichts vorzuwerfen, Mutter«, entgegnete Susel tief gekränkt, dennoch in gelassenem Ton, der die Achtung nicht beiseite setzte. »Ich hab' nicht gewußt, daß er da ist. Ich bin nur, weil Ihr es so gewollt habt, hinüber. Er hat mit mir getanzt, hat mit mir geplaudert – das ist alles.«

»Aber den ganzen Abend, und wie!«

»Was wir gesprochen haben, hätte jedermann hören dürfen«, erwiderte Susel, setzte aber, von der Wahrhaftigkeit ihres Gewissens gedrängt, nicht ohne Erröten sofort hinzu: »ableugnen will ich nicht, daß ich gern mit ihm getanzt und mich gefreut habe, ihn wiederzusehen!«

»Na, da haben wir's ja!« rief Juliane und stellte ihre wieder gefüllte Tasse so unsanft auf den Tisch, daß ein Teil des Inhalts über den Rand lief. »Und er ist wohl der, dem die heimlichen Seufzer gegolten haben die liebe lange Zeit daher! Ihm zu Lieb' hat man wie eine Nonne gelebt und sind die vielen Körbe ausgeteilt worden. Mir wird alles klar! Alles!«

»Ich denke doch«, hielt die Tochter entgegen, »die Trauer um meinen Vater erklärt noch mehr. Doch will ich der Wahrheit die Ehre geben, daß mir Schorsch der liebste wäre, daß ich an ihn gedacht habe die langen Jahre her. Mutter, ich habe mich als Eure Tochter so gehalten, daß Ihr keine Ursache zur Klage habt. Laßt mich nur hier meiner Neigung folgen!«

»Der Mensch hat ja nichts!« rief die Mutter heftig.

»Er mag nicht reich sein«, sagte die Tochter sanft, »ich weiß es nicht; aber er kann ein schönes und angesehenes Handwerk. Nicht Reichtum macht glücklich, Zufriedenheit macht reich. Er würde mich glücklich machen, Mutter, denn – ich habe ihn lieb.«

»Laß' mich aus mit deinen Narreteien«, entgegnete Juliane hart. »Es wird mir schlecht; wo nichts ist, da hat die Lieb' auch ihr Recht verloren. Lumpenzeug! Übrigens, woher nimmst du dir denn das Recht heraus, auf deine Weise glücklich werden zu wollen? Seit wann ist denn das Mode unter unserm jungen Volk? Du nimmst, wen man dir gibt!«

»Und es soll mir gehen, Mutter, wie unserer Eve und noch so mancher anderen?« seufzte Susel.

»Dir wird wohl ein Würstel gebraten, wenn andere Leute Rindfleisch essen! Du bist wohl nicht gescheit! Aber ich will dir's schon austreiben! Du wirst dich schon fügen lernen!«

»Auch da, Mutter, wo ich mein Unglück vor Augen sehe?«

»Ihr Unglück!« fuhr Frau Juliane auf und sah mit rollenden Augen in allen Ecken der Stube umher: »Es ist ein Unglück, die reichste Frau im Ort zu sein, weit und breit beneidet zu werden! Wahrhaftig, du dauerst einem, so einfältig red'st du daher!«

»Einfältig oder nicht, Mutter«, sagte Susel, den Kopf hebend, »ich nehm' ihn nicht.«

»Was?« Juliane hielt im Umrühren ihres Kaffees inne. »Dann mach' dich darauf gefaßt, daß dir deine Mutter den rechten Weg weist. Ich will's dich lehren! Ja, gib nur acht, ich zeig' dir, wo der Barthel den Most holt. Und ein für allemal: solang ich lebe, darauf darfst du dich verlassen, mit meinem Wissen und Willen kriegt dich der Heidelbeerenschnitzer nicht! Und sollt' ich sterben, sollt' ich nicht mehr sein –«

»Mutter, sagt das Wort nicht!« flehte Susel. »Verredet nichts!«

»Und sollt' ich sterben – und es könnte geschehen, daß ich unter diesen Umständen bald genug dahin gehe, wo – na, mein letzter Wille wird dir's wehren. Also, schlag' dir's nur aus dem Kopf. Denn – dies soll mir Gift sein, wenn's ich je leide! Richte dich danach. Und nun ab und zur Ruh!«

Susel ging hinaus, in die Küche, in ihr Stübchen, und, da es ihr bald zu eng wurde in den Garten. In der kleinen Laube saß sie eine Weile mit ihrem Leid. Wie kurz ihr Glück! Welches Sturmgewölk war an dem Himmel ihrer Liebe aufgezogen, der sich erst gestern abend nach langem Warten sternenhell über ihr geklärt hatte! Ihr hoffnungsvolles, eben noch der Lebensfreude sich weit öffnendes Herz – wie rasch mußte es sich wieder schließen.

»O Vater! O Vater! warum bist du gestorben!« schluchzte sie. Inzwischen hatte sich die Großmutter wieder in die Wohnstube zu Juliane begeben, um noch eine Tasse Kaffee zu trinken und über den Erfolg der »Leviten«, die dem Mädchen gelesen worden waren, sichere Nachrichten einzuziehen.

Im Grunde war es der alten Frau ziemlich gleichgültig, wen Susel heiratete. »Was geht mich die an?« Ja, sie mißgönnte ihr eigentlich den reichen Hannes und war für diese Verbindung nur, weil sie ihren eigenen Plan förderte, nämlich ihren Enkel Stoffel bald als Herrn im Hause begrüßen zu können, wo jetzt dessen Mutter schaltete und waltete. Die weiteren Folgen dieser Änderung hoffte sie noch zu erleben. Seit sie nun innegeworden, daß sich das ganze Wesen des Mädchens gegen den Aufgedrungenen sträubte, lag ihr doch alles daran, die Heirat mit durchsetzen zu helfen. Dieselben Beweggründe bestimmten auch ihre Stellung zu Susels »Liebschaft«. Sie gönnte ihrer Schwiegertochter all den Ärger und Verdruß darüber. Und als sie nun gar vernahm, wie das Herz des Mädchens an dem Menschen hing und wie sie all ihr Lebensglück auf ihn setzte, da war der alten Frau Entschluß gefaßt: es niemals dahin kommen zu lassen.

»Du tätest dich wohl noch drein fügen, Juliane!« sagte sie beiläufig. »Er hat zwar nichts, aber ist ein sauberes gewürfeltes Mannsbild, weiß zu reden, und der Doktor wird auch nichts gegen ihn einzuwenden haben, der Doktor! Ja, mit dem wär' man verraten und verkauft, dem Achselträger; redet da so, dort so, hält's mit den Stokraten und Liberalen und verhandelt alle, wenn ihm dafür Essen und Trinken geboten wird, der Schmarotzer, der elendige!«

»Aber um tausend Gottes willen, von wem redet ihr denn da, Großmutter?« unterbrach Juliane das Geplauder.

»Er hat ja dem von drüben herüber, dem ›Schnurres‹ verraten, daß wir wieder Republik kriegen«, fuhr die Alte fort, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. »Es ist überhaupt dem Weltfrieden nicht mehr zu trauen. Der Siebenpfeiffer gibt keine Ruhe, bis sich die Fürsten wieder all an den Köpfen haben. Die Bergzaberner werden rebellisch und wollen keinen Batzenwein mehr trinken; und im Handumdrehen haben wir wieder Revolution; dann werden die Freiheitsbäume gestellt, du kannst dich darauf verlassen, Juliane. Der Immelbalzer sagt's schon lang. Und da heißt's: es sei kein Geld im Land. Zur Kirwe gehen, und fürs Wirtshaus haben sie Geld. Und am End' ist's dir doch noch recht, wenn die Susel den Münsterer nimmt. Hat er einen so harten Kopf wie deine Susel, setzen sie's durch, du wirst sehen, Juliane, und den Hannes kriegt eine andere. Sie setzen's durch, wenn er's nicht macht, wie der Bürgermeister von Münster selbiges Mal, weißt Juliane, wo du gemeint hast, er käm' deinetwegen und er hat eine andere im Aug' gehabt. Ja, ja, so sind die Zeiten. Und der Makel mit deinem Henrich, weißt, – ich glaub' du wirst noch nachgeben müssen, Juliane.«

»Eher laß' ich mich von meinen eigenen vier Gäulen zerreißen!«

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