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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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15

Der Schnurres

»... Ach sende deine Weisheit vom Himmel, daß sie bei mir sei; daß sie mich lehre, vorsichtig zu handeln und ein Werk glücklich zu führen, das so viel Einsicht und Klugheit erfordert. Gib mir den Geist der Geduld, daß ich durch Sorgen und Arbeit nicht mürrisch gemacht werden möge. Erquicke mich in allen den Kümmernissen, welcher dieser mein Witwenstand bei sich führet mit den Tröstungen deines Wortes. Erwecke mir einen frommen, getreuen Freund, der uneigennützig und redlich mir rate, was das beste zu tun sei... Herein!«

Es hatte an der Tür gepocht, und so unterbrach sich die Lesende, eine ältliche, schon etwas schwammige Frau, die in der Sonntagsnachmittagsstille mit der hornenen Brille auf der Nase, das Gebetbuch vor sich, am Tisch der frisch mit weißem Sand bestreuten Wohnstube saß. Dieser Tisch, der die ganze Ecke nach der Gasse und den Hof hin ausfüllte, ruhte auf mächtigen gedrechselten Fußsäulen, die aus lauter großen hölzernen Kugeln zusammengesetzt schienen. Es war einer der alten, an den vier Ecken abgerundeten und schön gefugten Renaissancetische aus Eichenholz, wie man sie in den Bauernhäuser jener Gegend noch überall findet, und stimmte mit dem braunen Wandgetäfel und dem massiv aus Nußbaumholz gearbeiteten großen Flügelschrank, auf dem Äpfel, Quitten und einige Bücher aufgestellt waren, recht wohl überein. In einer Vase auf dem Tisch duftete ein mit anderen Blumen gemischter Resedenstrauß, während draußen schon der Wind über die Haferstoppeln strich.

Es hatte also an der Tür der Stube angeklopft; wenigstens war der in ihr Gebetbuch Vertieften so gewesen, als habe jemand gepocht. Sie hatte dann auch ihre Sonntagsnachmittagsandacht mit einem »Herein!« unterbrochen und als der weiße Sand unter den Sohlen des Eintretenden knirschte, hinzugefügt: »Schönen guten Tag, Herr Doktor! Sie kommen wie gerufen und wie von Gott gesandt. Schönen guten Tag, und nehmen Sie Platz und lassen Sie mich nur noch Amen sagen.« Und dann las sie ohne aufzuschauen weiter, in näselnder, mit langsam nachdrücklicher Betonung der einzelnen Silben, besonders jener Endsilben, die sonst beim Sprechen am linken Oberrhein ganz wegfallen, wobei sie ihr Gebetbuch weit ab von der Hornbrille über der Tischplatte hielt, wo auch die große, in Schweinsleder gebundene Hausbibel aufgeschlagen lag.

»Was das beste zu tun sei!«... wiederholte die Andächtige. »Stehe mir bei, daß ich Neid, Haß, Zorn, Weltliebe in mir mehr unterdrücken und durch deine Gnade ein ganz neuer und heiliger Mensch werden möge. Befestige die gute Gemütsverfassung in meiner Seele. Erneuere die Kräfte meines Körpers durch einen ruhigen Schlaf. Erfülle mich mit nützlichen Gedanken, mit Liebe zum Guten und Verlangen nach der Gerechtigkeit und Tugend... Da stehen ja Stühle, setzen Sie sich doch einstweilen, Herr Doktor, bis ich fertig bin!... Ach du kennst meine Schwachheit, allsehender Gott, du weißt, wie ich so leicht zum Bösen geneigt werden könne! Stehe mir in allen Versuchungen nachdrücklich bei, daß ich endlich zu mehr Beständigkeit in der angefangenen Besserung meines Herzens gelange... Nehmen Sie doch Platz, Herr Doktor. Sie sind ja kein Fremder, ich bin ja gleich zu Ende!... Ach, erhalte diesen Vorsatz in meiner Seele. Stärke mich mit neuer Kraft zu jedem löblichen Geschäfte. Segne meine Bemühungen mit erwünschtem Gedeihen, daß ich als Gefäß deiner Barmherzigkeit zur Verherrlichung deines Namens sein und bleiben und einst in erneuertem Glanz mit verklärten Lippen ewig dein Lob verkünden möge. Amen!«

Und nun klappte sie langsam das Buch zu, hing die messingnen Schnallen ein, mit denen es versehen war, und legte es beiseite auf die offene Bibel.

»Ein schönes Gebet«, äußerte sie, während sie bedächtig und mit einiger Mühe die Zwickbrille von der stattlichen Nase hob. »Ein gar schönes Gebet, und so passend für eine Witfrau, deren Ehemann schon seit vier Jahren in der kühlen Erde ruht. Ja, Herr Doktor«, fügte sie mit einem schweren Seufzer hinzu, als ob sie seinem Verständnis für ihre Gefühle etwas nachhelfen wolle – »ein gar rührendes Gebet.«

»Bitte recht sehr, Frau Groß«, kam jetzt als Antwort, »wenn Sie mich etwa für den Herrn Doktor Flax halten sollten, so wäre das ein Mißverständnis. Ich schmeichle mir, ein anderer zu sein«, fügte lächelnd der feine und mit besonderer Sorgfalt gekleidete Besuch hinzu. Es war ein »junger Mann«, von vier- bis fünfundvierzig Jahren mit einem zierlich gestutzten kleinen Beamtenschnurrbärtchen, pfälzisch »Schnurres«, unter der Nase. »Soviel ich weiß, habe ich die Ehre, Ihnen und Ihrem Fräulein Tochter nicht gänzlich unbekannt zu sein.«

»Ah so!« verbesserte sich jetzt die Frau, zu dem Fremden aufschauend, der mit dem Hut in der Hand und in höflicher Haltung – seine Figur bildete einen stumpfen Winkel – vor ihr stand. »So der Herr – – –« Schnurres hätte sie beinahe gesagt, da ihr der Mann mit dem Schnurrbart unter diesem Namen am bekanntesten war; doch verbesserte sie sich noch rechtzeitig. So der Herr Kontrolleur Kannhahn. Und was schenkt mir denn die Ehre?«

»Ich komme, Frau Groß, um eine Unterredung unter vier Augen zu erbitten.«

Das klang geheimnisvoll und war mit bedeutsamem Nachdruck gesprochen.

»Was will der Schnurres von mir?« murmelte für sich Juliane, die in den vier Jahren ihres Witwenstandes ziemlich gealtert war. Etwas bedachtsam setzte sie dann laut hinzu: »So nehmen Sie doch einen Stuhl, Herr Kontrolleur.«

Bevor der Fremde jedoch der Einladung folgte, die von einer entsprechenden Handbewegung begleitet war, sah er die stattliche Frau eigentümlich an und warf dann einen Blick im Zimmer umher.

»Sind wir auch allein?«

»Sie sehen ja, Herr Kontrolleur«, bedeutete sie etwas befremdet.

»Regt sich nichts hier im Verschlag?« fuhr er fort.

»Gar nichts. Sie können ganz ruhig sein«, beschwichtigt Juliane etwas kühl. »Es ist niemand da außer mir, höchstens noch die Katze.«

»So bin ich denn so frei«, sprach er, zog einen Stuhl heran, setzte sich, schlug seine Beine übereinander, hielt den Hut ans Knie und besann sich offenbar, wie er beginnen sollte.

»Der Mann will Geld von mir«, brummte Juliane für sich und fühlte sich im Innern noch herabgestimmter.

Denn sie kannte ihn ja kaum, hatte ihn nur einige Male in den letzten Jahren gesehen, wenn er an Sonntagnachmittagen durch das Dorf kam, allein oder in Gesellschaft des Herrn Provisors Schilling und eines dritten, eines gewissen – Schreiber hieß er, und Schreiber war er. Diese drei machten als feine Herren aus der nahen Stadt zuweilen Spaziergänge durch Dorf und Flur, baten die jungen Mädchen, die Sträuße von spanischem Flieder, Gelbveigeln, Rosen oder Federnelken in den Händen trugen, »nur um eine Blume«, benahmen sich überhaupt sehr fein, klopften die steifleinenen Beinkleider zierlich mit dem schwanken Rohrstöckchen, sprachen gar gebildet und waren auch des vornehmen Eindrucks ihres Auftretens sicher. So kannte man sie bereits im Dorf als die schönen »Hammecker« – einzeln als »Süßholzraspler«, die »hohle Feder« und den »Schnurres«.

Alle drei waren poetisch gestimmt und durch das Wochenblatt allen Gebildeten auf drei Viertelstunden im Umkreis als Dichter bekannt. Ja, was das Wasgaustädtchen damals an Poesie auftreiben konnte, verkörperte sich in diesem anmutigen Kleeblatt.

Wie angedeutet, kam Herr Kontrolleur Kannhahn, genannt »Schnurres«, zuweilen auch allein von der Stadt her und wandelte dann einsam und wehmutsvoll durch die Flur, sich nur dann und wann umschauend, ob nicht »Chloe und Doris« von Oberhofen des Weges kamen. Denn was einst die Waschweiber am Rathausbrunnen in Münster meinten – »Ein paar Staatsmädchen das!« – empfanden auch die drei Hammecker. Und Herr Kontrolleur Kannhahn, der noch eine ausgesprochene Neigung für die Idyllen Geßners hegte, wußte es einzurichten, daß er, durch das Dorf schlendernd, einst mit Juliane Groß, die mit ihrer Tochter am offenen Fenster saß, dadurch in eine Unterhaltung geriet, daß er sich zuerst um den Weg nach Mannheim und dann um jenen nach Niederhorbach erkundigte, den er übrigens schon ein dutzendmal von dem Dorf aus gegangen war. Frau Groß hatte ihm, nachdem er sich förmlich vorgestellt, auch bereitwillig Auskunft gegeben, wenn es ihr auch nicht leicht fiel, sich mit ihm zu verständigen, da er, wie viele Beamte der Pfalz, ein »Altbayer« war, wie man die »Jenseitigen« nannte, selbst wenn sie, wie der Herr Kontrolleur, aus Oberfranken stammten.

Auf jener Auskunft durchs Fenster beruhte die ganze Bekanntschaft der Juliane mit dem »Schnurres«, der nun dahergekommen war und sie unter wichtigtuendem Gebaren um eine Unterredung unter vier Augen ersuchte.

Na, was wird da wieder zum Vorschein kommen! dachte sie, immerhin gespannt, wie er seinen Besuch und den Zweck desselben begründen würde. Allein, als er noch immer nachdenklich in seinen Hut sah, um dann an ihr vorüber seinen Blick starr in die Ecke zu heften, wo der Uhrkasten stand, als warte er, bis der Minutenzeiger eine bestimmte Ziffer erreichte, verlor sie die Geduld.

»Es ist jetzt gerade drei Uhr«, fing sie an. »Sollt' es noch zu früh sein für das, was Sie mir zu sagen haben, Herr Kontrolleur, na, so nehmen Sie es mir nicht übel, wenn...«

»Durchaus nicht, Frau Groß, bitte recht sehr, durchaus nicht!« erwiderte der Kontrolleur, ließ dann aber nochmals eine Pause eintreten, indem er im Zimmer umherschaute, als wolle er sich überzeugen, ob man auch wirklich allein sei, bis er mit einem Blick durchs Fenster endlich anfing: »Es ist heute etwas windig, doch sonst schönes Wetter.«

Kommt der Schnurres aus der Stadt, um mir das zu sagen? dachte Frau Groß, bestätigte aber seinen Ausspruch mit einem nachdrücklichen: »Ja, das Wetter ist gut und scheint auch so bleiben zu wollen ! Und was haben Sie für ein Anliegen?«

Als Antwort knüpfte er an diese Frage sofort eine etwas weitläufige und vielleicht nicht unvorbereitete Erörterung in flüssiger Sprache über seine Neigungen für alles Ländliche, für Natur und Kreatur, für die blumigen Gefilde, für die unschuldigen Kinder des Dorfes und Feldes, kurz für das Idyllische. Daß Schiller und Goethe in ihrer Art nicht größer seien als Geßner, beteuerte er wiederholt, obwohl Juliane keinen Widerspruch einlegte und ihm aufs Wort glaubte, da sie mit keinem dieser Herrn näher bekannt war.

Hierauf verweilte er noch so ausführlich bei der Schönheit des Schäferlebens im Gegensatz zur widerlichen städtischen Unnatur, sprach mit solcher Vorliebe von Schäfern, Schäferinnen und schäferlichem Treiben in der Flur, daß Juliane, wie sie später versicherte, allen Ernstes auf die Vermutung kam, der Schnurres wolle, trüber Erfahrung wegen, sich seines Amtes völlig begeben und sich zu ihr als Schafknecht verdingen.

Endlich aber fand er sich durch die idyllischen Irrpfade dennoch hinaus auf den geraden Weg eines stattlichen Freiers um Susels Hand.

Das schien der Mutter etwas unerwartet zu kommen. Sie saß still, die linke Seite des Kinns auf die Hand gestützt und sah den Bewerber eine Weile schweigend an, so daß er sich abwechselnd Befürchtungen eines hereinbrechenden Donnerwetters und Hoffnungen auf heitersten Sonnenschein hingab. Endlich brach durch das Gewölk ihrer Miene ein heiteres Lächeln, um dann vor sich hin zu lachen. Sie vermochte den unwiderstehlichen Reiz nicht länger zu unterdrücken und ließ ihm denn auch seinen Lauf, wobei sich ihre Augen verkleinerten, ihre Brust krampfhaft hob, ihr Oberkörper hin und her bog.

Ja, Juliane lachte, obwohl der Herr Kontrolleur nicht im mindesten an dieser Lustigkeit teilnahm.

»Meine Eröffnung«, wandte er etwas verblüfft ein, »stimmt sie ja ausnehmend heiter, Frau Groß.«

»Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Schnurres, Herr Kontrolleur will ich sagen, daß ich – hi, hi, hi! – so einfältig bin, aber, hi, hi, hi! Ich muß lachen! Sehen Sie, ich habe Sie in einem falschen Verdacht gehabt, Herr Kontrolleur – hi, hi, hi! Haben Sie sonst nichts auf dem Herzen?«

Er antwortete durch eine Gebärde, daß die Hand »Suschens« für ihn alles sei.

»Na, wenn's das ist, so wollen wir's bedenken. Erst Überlegung! Haben Sie denn schon mit meiner Susel geredet?«

»Zuerst die Frau Mutter, ist stets in solchen Fällen mein Grundsatz«, erwiderte der Freier würdevoll. »Mit Fräulein Tochter hat's weiter keinen Anstand.«

»Wirklich?«

»Nichts klarer.«

Der ist seiner Sache sicher, dachte Juliane. Laut fügte sie hinzu: »So! Das wäre doch merkwürdig. Aber es will doch überlegt sein. Ist nicht meine Susel ein bißchen zu jung für Sie, Herr Kontrolleur?«

»O nein! Mir nicht!«

»Aber mein Kind ist ein Bauernmädel, auf dem Land erzogen, und Sie sind ein Dichter.«

»Und dennoch ein praktischer Mann.«

»So! Aber wissen Sie, meine Susel hat nicht die Manieren einer Stadtdame, ist nicht so gebildet.«

»Macht nichts, Frau Groß, ich bilde sie schon.«

»Und wenn sie doch keine rechte Neigung hätte?«

»Das verschlägt nichts, Frau Groß, das gibt sich mit der Zeit.«

»Meinen Sie?«

»Ich bin überzeugt.«

Er ist seiner Sache sehr gewiß, dachte Juliane, wobei sie der Lachreiz wieder ankam. »Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kontrolleur, ich habe andere Pläne mit meiner Tochter, sie ist gewissermaßen schon versprochen.«

»Ach, das geniert mich alles nicht«, versicherte der Kontrolleur unerschüttert.

»Aber sehen Sie, ich brauche einen Tochtermann ins Haus, ins Feld. Sie werden doch nicht ihre Kontrolleurschaft an den Nagel hängen, hinter Pflug und Egge hergehen wollen. Sie können doch nicht mit dem Karst den Wingert hacken, mit dem Spaten das Krautland umgraben, Mist führen, auf- und abladen. Das gibt Schwielen an die Hand, Herr Kontrolleur.«

»Nein. Was das betrifft so kann man die nötigen Leute halten, die dergleichen tun. Allein, ich beabsichtige gar nicht, meinen Stand aufzugeben; ich behalte mein Amt bei, mache es mir nur ein wenig bequemer, verlang' auch keine Äcker, keine Wiesen, Schafe oder Kühe, – nur einige Wingerte wegen des Tischweins, und neben der Aussteuer den Vermögensanteil meiner Braut in barem Geld.«

»Sonst nichts?«

»Weiter nichts!«

Juliane war offenbar sehr heiter gestimmt durch den schönen Antrag. »Verstehen Sie, Herr Kontrolleur, es ist ja ein schönes Brot, das Ihrige; Sie scheinen auch ein erfahrener und gesetzter Mann zu sein, und wären vielleicht so uneben nicht. Aber es kann doch wohl nicht sein. Meine Susel hat's verschworen, einen von Bergzabern zu heiraten.«

»So? Nun, da geb' ich meine Versetzung ein.«

»Und kommen dann, wer weiß wohin, vielleicht ins Altbayerische, wo Sie her sind. Nein da geb' ich meine Tochter nicht hin. Wissen Sie, mein Tochtermann muß aus unserer Gegend sein, nicht von drüben herüber. Und meine Susel nimmt keinen Anplochierten, überhaupt keinen Stadtherrn, auch keinen Pfarrer; sie will in ihrem Stand bleiben.«

»Hat sie das bestimmt erklärt?« fragte Kontrolleur Kannhahn mit dem Ausdruck großer Entschlossenheit.

»Sie hat danach gehandelt«, versicherte Juliane. »Es sind schon so manche dagewesen, und sie hat jedesmal den Kopf geschüttelt: Nein!«

»Der Rechte war eben noch nicht da!«

»Mag sein. Es hat ja auch noch Zeit. Sie ist noch jung.«

Da hörte man eine klare Stimme draußen. Die Mutter bemerkte dem Freier, er könne nun seine Sache bei ihrer Tochter selbst führen.

Die Tochter des Hauses trat ein, grüßte mit einer gewissen Würde.

Susel war zur stattlichen Jungfrau herangeblüht. Der Ausdruck sinnigen Ernstes stand ihren hübschen Zügen sehr wohl. Ihre Blicke kehrten nun gleichsam fragend von der Mutter zu dem Besuch, und von diesem zu der Mutter zurück.

»Susel«, sagte die Mutter, »kannst ja dem Herrn Kontrolleur selber sagen, was du darüber denkst.«

»Worüber, Mutter?«

»Der Herr Kontrolleur hat um dich angehalten. Na, kannst du nicht reden?«

»Um mich angehalten?« erwiderte Susel mit erlöschender Stimme.«Ach, der Herr Kontrolleur kann es nicht im Ernst meinen.«

»Doch«, versetzte der Freier, der sich erhoben hatte. »In allem Ernst denke ich daran, Fräulein Suschen.«

»Dann tut es mir leid«, sagte diese. »Ich hätte mir's im Traum nicht einfallen lassen und denk' wahrhaftig nicht daran.«

»Wie?« fragte der Abgewiesene mit schwacher Stimme. »Sie wollen nicht? Sie schlagen meine Hand aus? – Das ist merkwürdig!« Und sein Erstaunen und Befremden drückte sich auf Mienen und Haltung aus. »Merkwürdig!« wiederholte er vor sich hin, weil er im Augenblick nicht wußte, was anderes zu sagen und zu beginnen, als zum Glück die etwas peinliche Lage dadurch ihre Lösung fand, daß sich ein anderer Besuch durch Anklopfen anmeldete und Doktor Flax, der langjährige Arzt und Freund des Hauses, eintrat.

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