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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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14

Letztes Geläute

Obwohl im Grunde das junge Roß noch nicht angespannt werden sollte, muß man dem Mann, der sich plötzlich aufzuraffen schien, doch notgedrungen den Willen tun, da es das Ansehen zurückgewann, und den Bann seiner traurigen Krankheit löste. Er schwang sich auf den leeren Wagen, nahm die Peitsche in die Hand, klatschte, daß es in allen Räumen des Hauses hallte, faßte die Zügel fest und fuhr stehend zum Hoftor hinaus, das der Hanjerg sperrweit geöffnet hatte. Nun beeilte sich der Knecht, es schnell wieder zu schließen und dem Fuhrwerk nachzugehen, wie Susel es gewünscht hatte.

Es war ihr, als sei nun alles gut, und später sollte es noch besser werden. Sie nahm sich vor, dem Vater im Garten einen Strauß zu pflücken. Sie war wieder allein zu Hause, die Mutter draußen auf dem Felde, um die Aufsicht zu führen, während Amy bei der Arbeit half. Nur die alte Aplone saß drüben auf der Staffel des Nebenbaues und putzte Salat für den Abendtisch. Susel eilte in den Keller und holte einen halben Schoppen vom guten Wein, den sie der Aplone bringen wollte, deren alten Knochen solcher Trank sicher gut tat. Weil die Eingangstür neben dem Tor offenstand, eilte sie hinzu, um sie zu schließen, als in demselben Augenblick draußen jemand vorüberging und so rasch auf sie zukam, daß sie im ersten Schreck fast das volle Glas fallen ließ.

»Ah«, sagte Schorsch, »da komme ich gerade recht. Willst du mir's zubringen, Susel?«

»Recht gern!« Sie nippte und reichte es ihm hin, indem sie mit einem verschämten Wonnegefühl wahrnahm, daß er wirklich trank. Das Glas zurückgebend, sagte er: »Ich bin eigentlich gekommen, um Abschied von dir nehmen zu können. Morgen geh' ich in die Fremde. Aber hier am Eingang ist wohl nicht der Ort, wo ich dir sagen kann, was ich möchte. Komm in einer Viertelstunde hinter das Haus, in den Garten, an den Hollerbusch, der dir besser bekannt sein wird als mir. Willst du?«

Susel zögerte; ihr Herz klopfte.

»Wir sehen uns drei, vier Jahre nicht wieder.«

»O Gott, so lange!«

»Dein Vater ist doch wieder besser«, fuhr Schorsch fort. »Du bist allein, niemand um den Weg. Kommst du, Susel?«

»Ich will sehen!« sagte sie.

Sie trennten sich rasch, und Susel brachte der Aplone den Wein, den die Alte mit Dank annahm. Das junge Mädchen sah mit Herzklopfen dem Augenblick entgegen, wo sie ihrem Versprechen nachzukommen gedachte. Durfte sie denn wirklich eine solche Bestellung annehmen? Aber sie hatte sich ja ohnehin vorgenommen, in den Garten zu gehen, um ihrem Vater einen Strauß seiner Lieblingsrosen zu binden. So traf es sich glücklich, und so konnte sie Schorsch, den sie auf so lange Zeit hinaus nicht mehr sehen sollte, auch ein Sträußchen zum Andenken mitgeben.

Auf so lange ging er fort? Auf so lange? Trennungsschmerz überkam sie. Und dann eilte sie durch Hof und Scheuer in den Garten. Sofort gewahrte sie, daß er noch nicht da war. Nun begann sie die Rosen für den Vater und einen kleinen Strauß, dem sie Vergißmeinnicht beifügte, für den Geliebten zu pflücken. Und jetzt hörte sie leise ihren Namen rufen; sie eilte zum Holunderbusch und reichte über den Zaun hinweg mit dem Sträußchen die Hand.

»Susel!« rief es in demselben Augenblick von der Scheuer her. »Susel!« Es war die Stimme der Mutter, die, wie sie manchmal zu tun pflegte, vom Feld aus durch das Haus ihrer Tochter Eve ins Dorf zurück und heimgelangt war.

»Zum Abschied einen Kuß, Susel?«

»Nein, nein, laß mich!«

Nur ein flüchtiger Händedruck wurde getauscht, und das Mädchen lief zurück.

»Um tausend Gottes willen, wo steckst du denn, wo treibst du dich herum?«

»Im Garten, Mutter!«

»Was tust du denn im Garten und läßt das Haus offenstehen?«

»Ich habe dem Vater einen Rosenstrauß gerupft.«

»Wozu denn? Wärst du in der Stube geblieben! Er kann jeden Augenblick mit einer Fuhre Korn heimkommen, und wer soll ihm. das Hoftor aufmachen?« fragte die Mutter vorwurfsvoll, indes man durch Scheuer und Hof zurückeilte.

»Die Aplone ist ja da!«

»Hört denn die taube Person seine Peitsche knallen?«

Daran hatte das Mädchen allerdings nicht gedacht und mußte sich das Auszanken gefallen lassen. So nahm sie sich denn vor, von nun an auf jeden Peitschenknall in der Ferne zu achten.

Da klapperte es schon durch die Gasse, aber nicht mit Wagengerassel untermischt, sondern als ob einige Reiter ins Dorf hereinsprengten, ja, als ob sie jetzt dicht vor dem Hoftor hielten.

»Um Gottes willen, was ist denn da passiert!« schrie Juliane auf, während Susel rasch zum Tore eilte, um den Riegelbaum aufzuheben, worauf die mächtigen Torflügel, in den Angeln sich drehend, von selbst aufgingen. In demselben Augenblick sprengten auch schon der alte Braune und der junge Rappe, mit denen der Vater ins Korn gefahren war, zusammengekoppelt mit funkensprühenden Hufen in den Hof und standen erst vor dem gewohnten Stall schweißtriefend still.

Das verkündete Mutter und Tochter nichts Gutes. Es dauerte auch kaum einige Minuten, da erschollen Schritte und Stimmen vom Garten durch die Scheuer her, das Scheuertor wurde von innen aufgestoßen und einige Taglöhner brachten mit Hanjerg im Geleit des Doktor Flaccus einen blutenden Mann ins Haus: Heinrich Groß.

Der Vorgang ließ sich im Augenblick nicht genau feststellen; doch alle kamen überein, daß die Pferde mit dem Wagen auf der Straße hielten, wo sie nach der Dorfseite hin eine schroffe Böschung hat. Während man nun von dem Acker, der auf der anderen Straßenseite vom Weinberg umschlossen liegt, dem Herr die Garben emporreichte, da er darauf bestand, sie mit eigener Hand zu schichten, mußte der Rappe durch Unvorhergesehenes scheu geworden sein und auch den Braunen mit in die Bestürzung hineingerissen haben. Da, als eben Stoffel wieder mit einer Garbe herantrat, machten die Rosse Seitensprünge und zogen, obwohl großenteils abgesträngt, den Wagen mit fort und dem steilen Straßenrand so gefährlich nahe, daß der Hanjerg mit seinem Messer rasch noch zwei straff gespannte Stränge durchschnitt – leider zu spät. Der Wagen schlug um, den Daraufsitzenden im Bogen weit hin auf den Ackergrund schleudernd, indes die Pferde wie besessen die Straße entlang gegen Pleisweiler hin sprengten und von dort, umkehrend, heimjagten.

Es geschah alles, was geschehen konnte, um den Verunglückten zu retten. Er klagte nicht über Schmerz, sondern lag jetzt still und verhältnismäßig gelassen. Nun sah er lang seine Tochter an mit einem so sprechenden Ausdruck, daß sie sich weinend zu ihm beugte und ihm seine Lieblingsrosen in die gefalteten Hände legte, während die anderen etwas zurückwichen; denn er schien ihr etwas sagen zu wollen. Erst lächelte er dankbar, dann sagte er leise, mit Anstrengung und mit dringendem Flehen: »Mein Kind, höre mich an, neige dein Ohr zu mir. Hagar – hatte – einen – Sohn. Ha – Ha – gar – ha – ha – ha«

Er kam nicht weiter, seine Stimme ging in ein unverständliches Lallen über. Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen; sein Auge hing flehend an der Tochter, aber er brachte nicht hervor, was ihm noch auf dem Herzen liegen mochte. Die Anstrengung hatte ihn dabei so erschöpft, daß er seine Augen schloß.

»Er schläft!« sagte Doktor Flaccus. »Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Doch wir müßten so rasch wie möglich die Arznei dieses Rezeptes hier haben!«

»Tapfer! Den Grauschimmel gesattelt! Schnell!« rief Juliane ihrem Sohn Stoffel zu.

Aber der Doktor meinte, das dauere alles zu lange; junge Beine eines willigen Menschen seien eher wieder zur Stelle.

»So geben Sie mir's!« sagte Susel, schnell eine neue Schürze umbindend.

»Gott segne dich, mein Schatz!« sagte der Doktor, überreichte ihr den Zettel, und Susel flog über die Gasse, über die Wiesen, den Kirchberg hinan, und hinunter in die Stadt in die nächstgelegene Apotheke.

Die Arznei bedurfte nicht langen Wartens. In kurzem befand sich Susel mit der Hast eines flüchtigen Rehes wieder auf dem Heimweg. Angst und Kindesliebe beflügelten ihre Schritte. Aber da, wo der abschneidende Weg von der Straße hinweg über den Kirchberg zurückführt, begegnete ihr Schorsch, der von dem verunglückten Stelldichein zur Stadt zurückkehren wollte. Sofort war er an ihrer Seite, war im Besitz ihrer Hand, obwohl sie immer fortdrängte.

»Gut«, sagte er, »ich begleite dich eine Weile; wir gehen rasch.« Er hatte von dem Unglück gehört und begriff ihre Eile.

»Ach Gott, laß mich, ich muß laufen!«

»Ich lauf' mit dir!« sagte er, rüstig neben ihr herschreitend. »Wer weiß, wann ich wieder mit dir gehen kann. Deine Mutter wird schon dafür sorgen, daß du verheiratet bist, wenn ich wiederkomme.«

»Nein, ich werde nicht verheiratet sein!« sagte sie.

»Willst du wirklich warten, Susel?«

»Verlag dich drauf!«

»Wenn ich's gewiß wüßte!«

»Es ist gewiß. Und nun lebe wohl, Schorsch; du kannst nicht weiter mit, und ich muß heim!«

»Nur noch ein bißchen bleiben«, bat er, ihre Hand fassend. »Wir sehen uns lange nicht mehr. Drei, vier, oder sogar fünf Jahre bleib' ich aus.«

»Die Zeit vergeht!« sagte sie.

Er schlang seinen Arm um sie, erklärend, er lasse sie nicht, sie habe ihm denn einen Abschiedskuß gegeben.

»O Gott!« klagte sie, hin und her blickend. Niemand war um den Weg. So ließ sie sich denn küssen, riß sich los und eilte dann weiter. »Lebe wohl, Schorsch, lebe wohl! Auf Wiedersehen!«

»Lebewohl!« sagte er, nachblickend, wie die junge schlanke Gestalt, flüchtig davoneilend, vollends die Höhe erstieg und hinter ihr verschwand. Dann wandte er sich zur Stadt zurück.

Schon lag das Dorf Pleisweiler im Schatten der Berge, und die Pappeln im Wiesengrund von Oberhofen warfen schon lange dunkle Streifen auf den grünen Plan, während die Schwalben spielend sich noch im Sonnenschein wiegten, als Susel, über die Feldhöhe kommend, wieder das stille Dorf in Sicht bekam und sie nun durch den Hohlweg hinuntereilte. Horch! da schlug die Glocke an. Es läutete von der Kirche her – am späten Nachmittag, zur ungewöhnlichen Stunde.

Susel hielt unwillkürlich an. Warum läutete es denn? Es war die Glocke der protestantischen Kirche, und diese läutete nur sonntags zur Kirche und dann zum Wochenschluß Samstag abends. Es war aber heute Donnerstag.

Mit einem Male empfand sie eine quälende Angst. Die Leute im Feld riefen einander zu, fragend, für wen es »Zeichen« läute – wer denn gestorben sei. Über das Mädchen kam ein banger Schrecken, daß ihr fast die Beine versagten. Dennoch lief sie, wie von Hunden gehetzt, über den Wiesenpfad ins Dorf, als die Glocke noch immer läutete. Zum Zeichen, daß eben ein armes Menschenleben seine Seele ausgehaucht habe.

Susel kam mit der Arznei an, zu spät. Drinnen ruhte ihr teurer Vater, blaß und bleich, mit den Rosen in der erstarrten Hand, die sie ihm heute gepflückt hatte.

Lange lag Susel dort, die kalten Hände küssend, die so oft liebevoll auf ihrem Scheitel geruht waren. Endlich wurde sie von Gretes Mutter, der guten stillen Bas Margaret, aufgerichtet und, so weit es verfangen wollte, getröstet. Zu helfen sei nicht mehr gewesen, und mit dem Namen seines Kindes auf den Lippen sei der Vater selig verstorben.

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