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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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13

Es wurde Nacht

Es war schon tiefe Nacht. Weder Mond noch Sterne schienen. Und da das Spinnen der vorgerückten Jahreszeit wegen in den meisten Häusern schon aufgegeben war, sah man nur wenig beleuchtete Fenster mehr. Das Horn des Nachtwächters hatte schon die zehnte Stunde angekündigt, Susel und Amy sich in ihre Kammer zurückgezogen; und auch Stoffel war schon unter die Decke gekrochen, das Licht in der Großmutter Stube gelöscht, Tür und Tor verschlossen – als der Hofhund anschlug und draußen, am sogenannten Nadelöhr, der gewohnten Einlaßpforte, sich noch ein Geräusch kundgab, als hebe jemand, Einlaß begehrend, die Klinke. Das Geräusch hielt nach, wurde lauter – die Klinke wurde rascher gehoben und rasselte jetzt, daß der Hund an der Kette raste.

»Kannst du denn nicht nachsehen, wer draußen ist?« sagte Juliane unwirsch zu ihrem Henrich, der mit ihr noch in der Wohnstube saß, aber ohne ein Wort zu sprechen, die Bibel vor sich, wie immer, wenn die Abende daheim Langeweile brachten.

Er erhob sich von der Bank hinterm Tisch, öffnete ein nach der Gasse gehendes Fenster und fragte in die Nacht hinein, wer da sei. Ob jemand herein wolle?

»Ja, Groß«, sagte eine Weiberstimme. »Ich.«

Dieser wich totenbleich mit unverhohlener Bestürzung zurück, unschlüssig, ob er das Fenster offen lassen oder schließen solle, überhaupt ohne zu wissen, was zu tun sei.

»Na, was geht denn vor?« sagte Juliane, sich aus dem Lehnstuhl beim Ofen aufrichtend, an das zweite Fenster ging, es heftig aufriß und hinausfragte: »Wer da?«

»Ich bin's, Frau Groß! Ich!«

»Wer?«

»Die Mutter der Nettl!«

»Ihr, Benkerten?« fragte Juliane mit angehaltenem Atem, leise und befremdet. »Was wollt Ihr denn?«

»Macht nur auf, laßt mich hinein und Ihr werdet hören!«

»Was ist denn das für eine Frechheit, in der Nacht noch in fremde Häuser dringen zu wollen?« sagte Juliane. »Könnt Ihr nicht morgen, übermorgen kommen – oder am liebsten gar nicht?«

»Ich muß heute noch hinein!«

»Freches Weibsbild!« ließ sich zornig Juliane vernehmen. »Macht, daß Ihr fortkommt, oder ich –«

»Macht mir auf, Frau Juliane«, sagte jetzt die draußen, »oder ich kreisch' laut in die Nacht hinein, was ich Euch im Vertrauen sagen wollte, daß es alle Welt hört. Macht auf der Stelle auf!«

Erbleichend, mit einem fürchterlichen Blick auf ihren Mann, sagte jetzt Juliane: »Laß sie herein!«

Heinrich Groß ging ohne Widerrede hinaus. Man hörte ihn die eigentliche Haustür öffnen, den Hund beschwichtigen, man hörte seine »Schlappen« an den Füßen, seltsam auf der Staffel und dann auf den steinerner Platten draußen schlurfen, bis er zur Pforte des Nadelöhrs gelangte. Mit unsicheren zitternden Händen griff er nach dem Schlüssel, der von innen im Schloß steckte. Es dauerte eine Weile, bis er öffnen konnte. Und nun trat er zurück und ließ das Weib ein.

Sie stieß in der Dunkelheit an ihn. »Wäret Ihr gekommen, käme nicht ich jetzt«, sagte sie. »Nun gehe es, wie es will, da sie es weiß. Es ist jetzt alles gleich.«

Groß drehte mechanisch wieder den Schlüssel und schob den Riegel vor. Kein Laut als ihr und sein Tritt ließ sich noch vernehmen. Nur einmal gab sich ein leises Geräusch kund, als ob drüben im Nebenbau ein Fenster heimlich zurückgezogen würde.

Die fremde Frau ging mit dem Hausherrn über die Schwelle in den Flur, in die Stube. Dann wurde die Tür ebenfalls von innen verriegelt, und es folgte drinnen ein furchtbarer Auftritt. Heulen, Flüstern, Aufschreien, Drohungen, Flüche und Beschwichtigungen reihten sich aneinander, daß die Tochter des Hauses, die in der Stube jenseits des Hausflurs schlief und von dem Geräusch geweckt worden war, ohne daß sie ahnte, was es sei, im Innersten erbebte und meinte, ihr Herz wolle ihr erstarren.

Großer Gott, was sollte das alles bedeuten? Was ging vor? Wer war da mitten in der Nacht ins Haus gedrungen? War es die alte Frau, die abends am Hollerstock gestanden und dem Hanjerg zugerufen hatte? Ja, die mußte es wohl sein, sie glaubte jetzt, deren Stimme wieder unterscheiden zu können in dem heftigen Gezänk! – Plötzlich wurde alles ruhiger. Dann folgte tiefste Stille, nur unterbrochen von einem Klang, als würden viele schwere, harte Taler auf den Tisch gezählt. Dann nur noch ein lautes befehlendes Wort von den Lippen der Mutter: »Ihr unterschreibt!« Dann wieder eine tiefe Ruhepause. Endlich ein leises Geräusch, als ob jemand Geld vom Tische nehme. – Jetzt wurde von innen ein Riegel zurückgeschoben, die Tür der Wohnstube drüben öffnete sich; man trat in den Flur heraus, und konnte folgendes hören: »So! jetzt regt und rührt Euch nicht mehr, zuckt nicht mehr! Laßt Euch auch nicht mehr blicken. Und hör' ich noch ein einzig Wort, daß Ihr derartige Reden führt, nur ein einzig Wort: so laß ich Euch als schlechtes Weib wegen Verleumdung, Ehrabschneiderei und Erpressung vor die Schranken des Gerichtes belangen, und da kriegt Ihr fünf, sechs Jahr auf den Buckel, wie nichts. Daß Ihr gesetzlich keinen Anspruch habt und daß der Code Napoleon, der bei uns gilt, nichts von Ersatzansprüchen in solchen Sachen weiß, selbst wenn es sich so verhielte, wird Euch nicht bekannt sein. Macht nun, daß Ihr Euch und Eure – – – ins Unglück, ins Zuchthaus, oder gar auf die Galeeren bringt, wenn Ihr noch ein einzig solches Wort verlauten laßt. Verstanden? He? Hier Eure Unterschrift! Hör ich nur noch das mindeste, laß ich Euch durch Gendarmen holen und Ihr müßt herausrücken und kommt wegen Erpressung vor Gericht. So! Und jetzt geht in aller Stille – zuckt nicht mehr! Adje! Macht, daß Ihr fortkommt!« –

Erst spät in der Nacht umfing Susanne wieder der Schlummer. Als sie anderen Morgens erwachte, war es ihr, als hätte sie einen schweren, schweren Traum gehabt, von dem sie jedoch nichts Bestimmtes mehr wußte.

Die Mutter sah noch härter als sonst aus. Der Vater saß mit einem seltsamen Ausdruck, wie blödsinnig, oder als sei er über Nacht um zwanzig Jahre älter geworden, auf der Bank am Ofen. Seine Haare sahen wie bestäubt aus, seine Augen müde, und in den Winkeln traten unzählige kleine Runzeln hervor. Nur Stoffel hatte einen verhältnismäßig heiteren, aber frechen Blick und trug eine höhnische Miene zur Schau. Nahe an die Mutter herantretend, die mit den Fäusten in den Hüften am Fenster stand, fragte er vertraulich: »Die Nacht hat wohl einen gefüllten Strumpf gekostet?«

»Nein!« sagte sie.

»Ihr habt's doch nicht etwa aus der Gesamtmasse genommen?«

»Du büßest dabei nichts ein, Schleicher!« sagte sie abweisend.

Auch die Großmutter schien, als Susel in Abhaltung der alten Aplone den Kaffee in den Nebenbau brachte, außerordentlich guter Laune, in die sich des Mädchens ahnungsloses, aber bedrücktes und banges Gemüt nicht zu finden wußte.

Im übrigen ging das Leben seinen ruhigen Gang. Hanjerg pflügte, Stoffel stand mit anderen im Weinberg beim Rebenschneiden. Nur der Vater saß daheim, teilnahmslos, als spüre er keine Lust mehr, unter die Leute zu gehen oder sich umzusehen, wie die Frühjahrsarbeit gedieh; ja nicht einmal die Kirche besuchte er. Sein Sitz im Kirchenstuhl des Presbyteriums war leer und blieb leer, und auch im Gemeinderat ließ er sich nicht mehr sehen. Er schien gleichgültig gegen alles, was sonst seine Teilnahme erregt hatte.

Noch mehr drängte sich Susel die auffällige Veränderung im Wesen ihres Vaters auf, als sie eines Abends, da Amy sich früh niedergelegt hatte, noch in der Wohnstube an einer Näherei saß, während Vater und Mutter in der anstoßenden Alkove miteinander sprachen. Sie schienen die Anwesenheit der Tochter in der Stube vergessen zu haben.

»Natürlich«, sagte die Mutter laut, »du hättest nichts dagegen; natürlich! Das sieht dir gleich!«

»Na, ja!« sagte er beschwichtigend. »Es kommt doch nicht immer auf Geld und Gut an.«

»Das sind Schneckentänze!«

»Aber, Juliane«, meinte der Vater gelassen, »du hast mich doch auch genommen, und ich bin kein reicher Mann gewesen.«

»Mußt mich auch noch an meine schwerste Sünde erinnern!« rief Juliane überlaut. »Es ist auch danach ausgefallen!«

»Um Gottes willen, Mutter, nicht so!« mahnte und bat die Tochter von der Stube her. »Man hört es ja drei Häuser weit. Was sollen denn die Leute denken?«

»Ah!« machte die leidenschaftliche Frau, als sei ihr das jetzt ganz gleich. Dennoch mäßigte sie sich insofern, als sie etwas gelassener beifügte: »Es donnert zuweilen in jedem Haus, wenn man's außen auch nicht blitzen sieht. Freilich, es kommt nun einmal auf den äußeren Schein hinaus. Man hängt seine Schande den Leuten nicht gern auf die Nase. Und nun still. Geh schlafen!«

Schande! Welche Schande? Was war die Ursache dieses bösen Wesens im Hause, was der Grund dieser schlimmen Wandlungen? Ja, durch das Haus, so beneidenswert, so friedlich und freundlich nach außen, ging ein finsterer Geist, ein Geist des Argwohns, des Vorwurfs und der Entfremdung.

Als Susel später noch in die Küche ging, um sich ein Glas Wasser zu holen, machte sie die Wahrnehmung, daß die Eltern noch nicht beruhigt waren. Aber, waren es denn auch die Eltern? Horch, welch' seltsam bedrückte Stimme sprach da.

»Kein böser Gedanke war über mich gekommen bis zu dem Augenblick.«

»So«, fiel eine andere Stimme ein, »nun habe ich noch die Schuld!«

Und nun klang wieder jene seltsame klagende Bitte, nicht so hart zu sein, an ihr Kind zu denken, es nicht unglücklich zu machen, sondern es in unwissender Unschuld dahinleben zu lassen.

»Ich weiß schon selber, was ich zu tun habe«, lautete die Entgegnung, worauf nach einer Pause wieder eine leise, beklommene demütige Klage erfolgte.

War denn das die Stimme dessen, der sonst so gelassen seinem Worte Geltung zu verschaffen wußte? Was war aus ihrem Vater geworden, daß er so flehend sich äußern, solchen Antworten sich aussetzen konnte, – er, der sich sonst so entschieden in Achtung zu setzen verstand. Aber nein, es konnte ja nicht sein, wenn es auch zu dem Wechsel in seinem Benehmen nicht übel stimmte; so gründliche Umwandlung in dem Verhältnis zur Mutter war ja unmöglich. Auch vernahm Susel jetzt nichts mehr. Zudem war ihr nicht unbekannt, welchen wunderlich veränderten, kaum mehr zu erkennenden Charakter Stimmen, durch die Wand vernommen, annehmen. Auch wußte sie, wie weit in der Nacht der Klang von Lauten, auch menschlichen, durch Wände, Balken fortgeleitet werde. Vielleicht war es ein Gespräch im Nachbarhaus gewesen, das sie vernommen. Und je mehr sie wünschte, daß es so sei, desto mehr war sie davon überzeugt.

Immerhin suchte sie auch an jenem und an manchem folgenden Abend mit beklommenem Herzen ihr Lager auf. Und am Tage sah sie ihre Umgebung oft mit Blicken an, die eine flehende Frage nach dem Grund dieses trüben Wesens enthielten. –

In jenen Tagen litt am meisten mit Susel der gute Doktor Flaccus. Wenn sie ihn flehend ansah, um durch ihn zu ergründen, was denn aus ihrem Vater geworden war, gewann sein Antlitz einen so trostlos schmerzlichen Ausdruck, daß sich ihr Herz krampfhaft zusammenzog. Und nun suchte sie nur noch Trost in des Vaters eigenem Antlitz, wenn er kraftlos einherschleichend sich endlich in die Sonne setzte und sein Kind heimlich mit wehmütigen Blicken betrachtete.

»Susel«, sagte er bei einer solchen Gelegenheit, »kannst du mich noch liebhaben?«

»O Vater, lieber Vater!« sagte sie und fiel schluchzend, sich ganz ihrem Schmerz hingebend, seine Hände fassend, vor ihm nieder. »Was ist Euch? Wie ist es gekommen? Wenn Euch etwas quält, Vater, vertraut mir's an. Ich bin ja Eure Tochter, lieber Vater.«

Lange hielt er ihr Haupt in den Händen, als überlege er still bei sich. Tränen rannen ihm über die fahlen Wangen auf ihr braunes Scheitelhaar. Dann sagte er leise: »Ich will dir etwas anvertrauen, mein Kind! Heirat' nicht nach Geld und Gut, nur wen du lieb hast. Besser trocken Brot in Liebe, denn Braten in Gleichgültigkeit. Sei standhaft, Kind, und bewahre dein Herz rein! Bedrängen sie dich zu sehr – nun, ich habe einen Vetter, ist Lehrer im Unterland, in der Frankenthaler Gegend, – ein braver Mann – der und seine gute Frau, sie haben keine Kinder und nehmen dich gern auf, weil du mein Kind bist.«

Er schien weitersprechen zu wollen, doch vor innerer Bewegung nicht zu können. Aber von jenem Tag an zeigte sich eine merkliche Besserung bei ihm, von der man freilich nicht wußte, ob sie nachhalte. Es war die Zeit der Kornernte gekommen, und es verlangte ihn wieder hinaus – in die Flur, die Leute schaffen zu sehen, selbst mitzuschaffen, wie sonst. Er verlangte selbst hinauszufahren, den ersten Wagen voll Korn zu holen, und zwar sollte man ihm den jungen Rappen zu einem der alten Gäule spannen, jenen, der als Füllen so oft aus Susels Hand gefressen hatte.

Darauf bestand er mit Hartnäckigkeit und war nicht mehr davon abzubringen.

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