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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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12

Gehen und Kommen

So wurde das Aufsehen vermieden, den der Stellenwechsel einer Magd vor der gewohnten Frist erregt haben würde. Es war ein trüber Advent für das Töchterchen des Hauses, das sich in all das unangenehme, gespannte Wesen um sie her nicht zu finden wußte und nicht entfernt ahnen konnte, worum es sich eigentlich handelte.

Und nun kam Weihnachten, die verhängnisvolle Zeit auch für das Hauswesen. Denn mit ihr beginnt das wirtschaftliche neue Jahr auf dem Lande, mit den Tagen der Wintersonnenwende. Am zweiten Festtag, auf St. Stephan, ist der Wandel- und Wandertag des Gesindes, wo es den seitherigen Dienst verläßt und das Haus der neuen Herrschaft bezieht. Mit der angenommenen mürrischen Verschlossenheit rüstete Nettl noch immer zum Abzug, als sich auf der Gasse schon ein ungewohntes Leben kundgab. Die Knechte gingen nochmals durch das Dorf mit knallenden Peitschen, und Nettls bunt angestrichene Kiste, in der ihre ganzen Habseligkeiten waren, war schon in den Hausflur hinuntergebracht, wo Susel zum letztenmal das rot, gelb und blau gemalte, feurig flammende Herz auf derselben betrachtete, wie sie es schon als kleines Kind gewohnt war. Der Knecht Hanjerg war bereits nach Niederhorbach gefahren, um die neue Magd dort abzuholen. Während andere schon singend kamen und singend abfuhren, die Peitschen der Fuhrleute mit flatternden Bändern durch die Gasse knallten, kam auch der Knecht von Klingen vor das Haus gefahren; und Nettl ließ sich's nicht nehmen, dessen Kappe, Peitsche und die Pferdekummete ebenso mit bunten Bändern auszuputzen, wie alle anderen geputzt waren.

»Geh' in den Keller«, sagte Heinrich Groß zu seinem Stiefsohn, »hole der wegziehenden Magd die Weinflasche für den Fuhrmann, damit sie den Wein nicht etwa im Wirtshaus kaufen muß.«

»Soll ich vom Guten nehmen?« fragte Stoffel.

»Meinetwegen!«

Einige Freundinnen der abziehenden Magd halfen die Kiste auf den Karren heben. Und nun nahm Nettl endlich Abschied; zuerst bei der Großmutter und der tauben Aplone. Dann kam sie nochmals herüber in die mit weißem Sand bestreute Stube, wo alle im Festanzug versammelt waren. Sie reichte dem Stoffel flüchtig die Hand mit einem lauten Adjes, während er einfach sagte, sie solle sich gut halten. Fest und bestimmt klang auch das Abschiedswort, da ihre Hand nun in jener der Bas Juliane lag ja, das »Adjes, Bas!« klang hart.

»Bleib gesund, Nettl!« sagte die Hausfrau kühl, »und sorg' dafür, daß deine neue Herrschaft zufrieden mit dir ist.«

»Daran wird's nicht fehlen!« erwiderte sie ungerührt, und wandte sich dahin, wo Susel wartete. Für diese war es keine leichte Aufgabe, sich von der Magd zu trennen, die ihr so lange eine Hausgenossin gewesen war. Entschlossen reichte Nettl dem Mädchen die Hand: »Adje, Susel, bleib so gut, wie du alsfort zu mir gewesen bist!« sagte sie mit einer Stimme, durch die zwar einige Bewegung zitterte, die jedoch noch immer fest klang, während Susel kaum ein Wort zu sagen wußte und mit Tränen rang.

Auch Nettl schien ergriffen, als sie sich mit raschem, doch etwas schwankendem Schritt dem Hausherrn zuwandte, der sich jetzt vom Fenster abgekehrt, durch das er, leise pfeifend, auf die Straße geschaut hatte.

»Adje auch, Vetter!« sagte Nettl mit niedergeschlagenen Augen und auffällig herabgestimmtem Klang der Stimme, ungewöhnlich leise, da er für einen Augenblick ihre Hand in der seinen hielt.

»Adje!« erwiderte er ruhig, wandte sich sofort wieder gegen das Fenster, pfiff aber nicht mehr, während Nettl mit schwimmenden Augen rasch der Tür zuschritt, sich im Flur nur so lange aufhielt, um die dunklen Wimpern zu trocknen, worauf sie sich mit Hilfe der Freundinnen, die ihr die Hand reichten, behend über das Rad schwang. Während Stoffel die Flügel des Hoftores aufriß, schenkte Nettl dem Fuhrmann in einem mitgebrachten Becher ein. Man trank, die Peitsche knallte, und im nächsten Augenblick war das Gefährt draußen auf der Gasse; die Torflügel fielen zu und Nettl stimmte mit ihren Freundinnen das Lied an, das damals gern gesungen wurde:

»Einstmals fuhr ich auf der See«
Fürcht' das Schiff möcht' untergeh'n«.

In die Stube war eine tiefe Stille eingekehrt. Die Mutter sah nach dem Vater, der noch immer schweigend durch das Fenster schaute. Aber Susels Herz seufzte erleichtert auf, froh, daß der Auftritt vorüber war, ohne daß etwas Besonderes, Unbestimmtes eintrat, das sie gefürchtet hatte. Dann suchte sie die Küchenecke auf und weinte eine Weile vor sich hin.

Der Eindruck des Abschieds der seitherigen Magd wurde bald durch den Willkomm der neuen verwischt, da sich das wohlbekannte Peitschenklatschen Hanjergs schon aus einiger Entfernung vernehmlich machte, so daß Stoffel sich wieder beeilte, die mächtigen Torflügel zu öffnen. Singend kam auch die Nachfolgerin Nettl's mit ihren Freundinnen an, hatte eine ähnlich gemalte Kiste, die auch sofort in die Mägdekammer gebracht wurde, und stellte sich nun dem »Vetter« und der »Base« vor, worauf sie sofort in die Küche ging, den Herd umschritt und einige Scheite ans Feuer legte, dann einen Kübel voll Wasser holte, wie das so Sitte ist. Es war ein kräftiges, gut gewachsenes Mädchen, etwas größer als Nettl, mit einem offenen, gutmütigen, ehrlichen Gesicht, bescheidenem Blick und einer sittsamen Haltung. Sie diente, weil sie als Waisenkind einer Unterkunft bedurfte, besaß, wie sich ergab, ein hübsches Erbe von ihren verstorbenen Eltern, und hatte einen Schatz, der jetzt in München bei den Kürassieren diente, weil er nicht alles daransetzen wollte, um sich einen Einsteher zu stellen. Das alles gab einige Gewähr für ihr gutes Verhalten und auch ihre Dienstzeugnisse waren die besten.

Amy war denn auch ein einfaches, aller Gefallsucht abholdes Mädchen, gefällig ohne Augendienst, bestrebt, ihre Pflicht zu tun und die Zufriedenheit ihrer Herrschaft ohne Wohldienerei zu erwerben, und derselben von Herzen zugetan. Leicht fügte sie sich dann auch in die Ordnung des Hauses, das ihr eine Heimstätte bot.

Daß aber Amy bei aller Harmlosigkeit dennoch einen festen entschlossenen Charakter hatte, das drängte sich eines Tages dem Töchterchen des Hauses überzeugend auf, als da Hanjerg in den Wald gefahren und der Vater mit dem Häckchen auf der Schulter ins Feld hinausgegangen war, nach den Bruchwiesen im Gemark von Klingen. Susel wollte in den Stall, um mit Amy zu plaudern, fand sie jedoch nicht dort und trat in die Tenne unter dem Heuspeicher, als sie heftiges Sprechen vernahm. Sie unterschied deutlich Amys Stimme, die da sagte: »Wenn du mich nicht ein für allemal in Ruhe läßt, renn' ich dir, so wahr mir Gott helfe, den Heuhaken in den Leib!«

Susel erschrak nicht wenig. Was war die Veranlassung zu dieser leidenschaftlichen Drohung, die so gar nicht mit dem sonstigen Wesen Amychens übereinstimmte? Betroffen zog sie sich etwas zurück, als jetzt jemand die zum Heustall führende Leiter herunterkam und die Scheuer rasch verließ. Sie hatte ihren Bruder Stoffel erkannt. Wie kam der dazu, Amy in solchen Zorn zu versetzen? Ganz betreten verließ Susel die Scheuer. Amy aber, als sie wieder mit ihr zusammentraf, sah wohl ernster als gewöhnlich aus, verlor jedoch kein Wort über den Auftritt.

Es traten indes Ereignisse ein, die das in der Scheuer Vernommene in den Hintergrund drängten.

Eines Abends – es ging schon stark ins Frühjahr hinein, und Gewölk bedeckte den Himmel – wollte Susel noch bei Beginn der Dunkelheit in den Garten hinter der Scheuer, um etwas Schnittlauch zu holen. Sie bemerkte, daß Hanjerg im Garten war und nach dem Hollerbusch hinging, um, wie es schien, die dortige Tür im Zaun zu schließen. Jetzt hörte sie jemand mit halbunterdrückter Stimme rufen – sie mußte dieselbe schon einmal vernommen haben, konnte sich jedoch nicht entsinnen, wo und von wem. Dem Klange nach mußte es eine schon ältere Frau sein, die da flüsternd, doch völlig verständlich rief: »Hanjerg! Bst! Bst! Hanjerg!«

»Was gibt's denn?«

»Hanjerg, bist du's?« fragte die Stimme vom Holunderbusch her. Zu sehen war niemand.

»Ja, und was wollt Ihr?«

»Sag«, er soll kommen, heute noch.«

»Kommen? Wohin?«

»An den großen Sperbenbaum, heut' in der Nacht gegen neun Uhr.«

»Was fällt Euch ein, Benkerten? Ich richt's nicht aus. Ich werde mich hüten! Und er wird nicht kommen!«

»Er hat's feierlich versprochen, wenn er gerufen wird, bei Tag oder Nacht, bei Regen oder Schnee und jeglichem Unwetter«, erklärte die fremde Stimme. »Und sei es am Tisch oder Altar, bei der Arbeit oder in der Ruhe, sei es wo und wie es sei, er wolle kommen, wenn er gerufen wird. Sag's ihm Hanjerg, sei so gut.«

»Ich sage ihm nichts, und er wird nicht kommen!«

»Dann komm' ich!« erklärte die Stimme drohend.

»Ihr? Laßt Euch raten und tut's lieber nicht!« sagte Hanjerg in den Holunderbusch hinein, hinter dem draußen am Zaun jemand zu stehen schien. »Nehmt Euch in acht! Es könnt' übel für Euch ausschlagen.«

»Meinethalben! Kommt er nicht, so komm' ich. Drauf kannst du dich verlassen!« sagte das Weib.

»Bleibt mir mit Euren Geschichten vom Hals, Benkerten! Und macht jetzt, daß Ihr fortkommt!«

Susel hörte noch ein böses Murren, Schelten und Fluchen, das sich mehr und mehr in der Dunkelheit entfernte. Dann schien Hanjerg die Zauntüre zu verriegeln und kam dann den Gartenpfad herunter, nicht wenig befremdet, das Töchterchen des Hauses zu treffen.

»Hanjerg«, fragte Susel, »wer war denn das? Was hat sie denn gewollt? Wer soll kommen?«

»Nichts ist's, alles nichts!« antwortete der treue Knecht. »Eine Bettelfrau – nichts weiter. Ich werde heute die Türen nach dem Garten zu alle festmachen müssen. Eine Landstreicherin ist's, die da hinterm Dorf umherschleicht.«

Susel erkannte, daß sonst nichts weiteres aus ihm herauszubringen war. Was könnte sie auch wollen? Da es indes völlige Nacht geworden war, kehrte sie gedankenvoll in die Küche zurück, wo Amy am hellen Feuer stand und ihr nun einzelnes aus dem Brief mitteilte, den sie von ihrem Mathes aus München erhalten hatte. Doch so groß des Mädchens Teilnahme war – die Gedanken an das Weib hinteren Holunderbusch legten sich wie trübes Gewölk um ihr Gemüt.

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