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Die Nonnensusel

August Becker: Die Nonnensusel - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nonnensusel
authorAugust Becker
year1996
publisherPfälzische Verlagsanstalt
addressLandau in der Pfalz
isbn3-87629-105-4
titleDie Nonnensusel
pages3-17
created19991103
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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10

Im Hochsommer

Wenn die Saaten bestellt sind und lustig grünen, kommt Arbeitsruhe im Feld. Man sieht hoffnungsvoll auf den heranwachsenden Segen, und auch die Weinberge nehmen nunmehr die Aufmerksamkeit stärker in Anspruch. Nur die Versorgung des Melkviehs mit Grünfutter erfordert noch manchen Gang und manche Fahrt in die Flur, wo der Klee seine Blütenköpfe ansetzt.

Da kam ein schwüler Tag. Knecht Hanjerg war in die Mühle gefahren. Das Grünfutter reichte nicht aus; Nettl ging darum nachmittags wieder hinaus, um Klee zu holen. Es sah so aus, als ziehe sich ein Donnerwetter zusammen. Dennoch brach kein Gewitter los, sondern nur ein warmer, starker Platzregen.

Juliane hatte sich schon vorher mit der Absicht, auf dem Rückweg ihre Tochter Eve zu besuchen, bei der wieder Kindersegen eingekehrt war, mit einem großen irdenen Weinkrug, der den gebräuchlichen Labetrunk für die »Häcker« enthielt, in den Weinberg begeben, wo auch Stoffel, und zwar in einer Laube für sich allein, den »Karst« handhabte. Juliane war unbemerkt die Wingertsfurche hinangekommen. Da hörte sie die »Häcker«, einheimische Bürger, sich während der Arbeit lebhaft unterhalten; sie sprachen über Henrich Groß, und zwar in einer Weise, die der Frau keine geringe Genugtuung gewährte.

»Henrich Groß ist unser Mann«, äußerte der Wortführer in eben so emsiger Rede als Arbeit. »Das hat er wieder bewiesen bei den Versteigerungen neulich, wo der Baumeister, der glütige Haspel, so gegen unseren Bürgermeister aufgetreten ist. Ohne nur aufzugucken kreischt der: ›Wenn der Steinhaufen an der Ruhbank nicht heute noch wegkommt, werdet ihr sehen, ihr Bauern, was es gibt!‹ Der Bürgermeister war mäuschenstill. Henrich Groß aber guckte sich um. ›Ist das eine Manier‹, sagte er, ›einem Bürgermeister einen Auftrag zu geben? So pressiert's doch nicht‹, hat er g'sagt. – ›Ihr werdet sehen, ihr Bauern, wie ich hinter euch komme!‹ kreischte der Glütige. – ›Oho‹, sagte Henrich Groß, ›so können Sie mit Ihrem Bedienten reden‹, sagte er, ›nicht mit Bürgern, die mehr Steuern zahlen als Sie‹, hat er g'sagt. ›Die Zeiten sind vorbei, wo man sich dergleichen gefallen läßt‹, sagte er. – ›Wer ist der?‹ kreischte der Haspel. – ›Wer ich bin‹, sagte Henrich Groß,› wissen Sie so gut wie jeder hier‹, sagte er. ›Tun Sie, was Sie wollen, aber betragen Sie sich manierlich!‹ hat er g'sagt. – Und im Saale gab's ein Gemurmel: So ist's recht, Henrich Groß! – Da merkte der glütige Haspel, daß er so nicht durchkommt, packte seine Akten zusammen – und fort zum Tempel hinaus. Wer aber bei der nächsten Wahl Bürgermeister wird, das ist Henrich Groß.«

»Kein anderer!« stimmten die Häcker bei.

Juliane hustete, um ihre Anwesenheit erkennen zu geben. Diesmal gab sie den Krug mit dem Bedauern hin, daß sie ihn nicht mit besserem Weine gefüllt habe. Was sie vernommen, hatte sie in beste Laune versetzt. Als sie wieder die Furche hinunterging, wiegte sie sich in den Hüften wie eine Bürgermeisterin. Schon der alten Schwiegermutter wegen freute sie sich der eröffneten Aussicht. Indes hatte sie gerade noch Zeit, vor dem beginnenden Regen die Wohnung ihrer Tochter zu erreichen, während die Häcker draußen Schutz unter den Bäumen suchten.

Daheim befanden sich mittlerweile außer der tauben Aplone, die bei der Großmutter im Nebenbau saß, nur noch Susanne und ihr Vater, der für sich den wahrscheinlichen Ertrag der auf den anderen Tag anberaumten Schafschur und der bevorstehenden Rapsernte berechnete. Während er dann in der Bibel las, was er zuweilen tat, stand das Töchterchen des Hauses strickend an dem Fenster, das in den Hof hinaus ging, und schaute dem närrischen Treiben der Enten zu, die in wunderlichen Verzuckungen, seltsamen Lauten und Bewegungen einen förmlichen Konventikel abzuhalten schienen.

Und nun regnete es draußen. Aber wie! Es schüttete förmlich. Susanne sah strickend dem plötzlichen Wolkensegen zu. Die Hühner flüchteten unter das Dach in das Kelterhaus und schauten verstimmt den Wassergüssen zu, die bald einen förmlichen Bach im Hof bildeten, auf dem jeder Tropfen eine schwimmende Blase hervorrief. Dagegen hatten sich die Gänse mitten im Hof aufgepflanzt, streckten die Hälse so hoch sie konnten, und fühlten sich wohl in diesem anhaltenden Sturzbad, während die Enten plärrend in dem See herumtummelten, aus dem der Misthaufen wie festes Land ragte.

Als der Regen nachließ, gingen Vater und Tochter in den Garten, um zu sehen, ob das Wasser dort keinen Schaden getan habe.

Eben kam Nettl zwischen den Zwetschgenbäumen her, auf dem schwarzbraunen Haupthaar eine schwere Tracht Klee, dessen Blütenköpfe noch vom Regen troffen. Sie selbst war wie aus dem Wasser gezogen; die Kleider klebten ihr förmlich am Leib, wenn man überhaupt von Kleidern noch sprechen konnte, da sie in der Schwüle Leibchen und Oberrock abgeworfen hatte, so daß nur Unterrock und Hemd, das sich stramm über die Brüste spannte, ihren Körper deckten.

Susel, als sie die Magd in dieser Verfassung sah, rief, vor Erstaunen die Hände zusammenschlagend: »Aber, Nettl, wie siehst du aus? Du bis gerade in den dicksten Regen gekommen.«

»Mitten hinein«, war die muntere Antwort, während sie in die Scheuer ging und ihre Last auf die Futtertenne warf.

Das triefende, dunkle, üppige Haar sich aus dem blühenden Antlitz streichend, sah Nettl im Grunde gar nicht übel aus. Und nun lachte sie über sich selbst in ihrer koboldartigen Weise. Der Hausherr dagegen schaute ungewöhnlich ernst drein, legte jedoch in seltsamer Anwandlung beim Vorüberkommen der Magd flüchtig die Hand an die Schulter, um sich zu überzeugen, ob sie in der Tat so naß sei, als es den Anschein hatte.

»Wirklich«, bemerkte er kurz, »bis auf die Haut naß.«

Da Nettl Hunger und Durst verspüren mochte, sollte Susel ihr in der Wohnstube die nötige Erfrischung besorgen. Das Töchterchen beeilte sich denn auch, dem Gebot nachzukommen. Groß begann die Häckselschneidebank in Betrieb zu setzen, indes Nettl die Schnüre, mit denen ihre Kleelast zusammengehalten war, auflöste, ohne fürs erste ans Umkleiden zu denken. Denn das Wetter hatte sich nicht abgekühlt, sondern war so heiß und schwül wie vorher. Heinrich Groß fühlte sich zum Sprechen wenig aufgelegt; doch bemerkte er: der Klee dürfe so naß nicht verfüttert, sondern müsse zum Abtrocknen ausgebreitet und dann mit Stroh zu Häcksel geschnitten werden.

Indessen hatte Susel in der Wohnstube das Nötige hergerichtet, trat auf die Hausschwelle und rief mehrmals so laut sie konnte: »Nettl, Nettl!« Die Magd ging zuerst in ihre Kammer, um sich umzukleiden. Mittlerweile kam auch der Vater aus der Scheune zurück, nahm den Kellerschlüssel und holte ein Glas Wein vom besseren, den er der Magd hinstellte, damit sie sich erwärme und keiner Erkältung aussetze. Nettl aß, ergriff dann das Glas und sagte: »Gesundheit, Vetter!«

»Wohl bekomm's!« erwiderte er, während er eifrig die Wanduhr aufzuziehen begann.

Er war noch nicht damit fertig, als der Stoffel heimkam und mit einem Seitenblick den Tisch streifte. Susel beeilte sich, auch für den Bruder Sorge zu tragen. Den gewöhnlichen Trinkwein, den sie ihm vorstellte, trank er zwar aus, ging dann aber selbst in den Keller, um sich noch einen Schoppen von dem besseren, goldbraunen Trunk zu holen, was zu keiner Erörterung führte, obwohl der Vater sich für gewöhnlich nur an den leichten Trinkwein hielt. Als dann die Mutter heimkam, hatte sie soviel über die Eve, deren Kind und Hauswesen zu berichten, daß von anderem keine Rede mehr war, selbst nicht von der künftigen Bürgermeisterwahl, obwohl Frau Juliane in der Folge durch manchen kleinen, nicht weiter zu erwähnenden Zug den Stolz auf ihren Henrich bekundete.

Nach der Rapsernte ließ er eines Morgens anspannen, um mit Hanjerg auf den Stadtmarkt zu fahren, wo er Wolle und Hanf gut anzubringen hoffte. Als er zum Abschied seinen Kopf bedeckte, sprach er die Vermutung aus, daß er wohl über Mittag ausbleibe. »Man kann nicht wissen«, fügte er hinzu und nahm seinen Stock aus dem Uhrkasten, »wie sich's trifft.«

»Guck' aber nicht zu tief ins Glas, Henrich«, mahnte Juliane. »Und gelt, bleib' nicht zu lange sitzen!«

»Nein, nein!« sagte er und ging.

Gegen Mittag kam Gretel und fragte, ob Susel nicht mit in die Stadt wolle. Die Mutter hatte nichts dagegen, und so wanderten die beiden mit ihren Hängekörbchen am Arm über den Kirchberg in die nahe Stadt, an den Kuppeltürmen des Schlosses und an dem weiten Hof vorüber, wo eine große Weinküferei in lebhaftem Betrieb stand. Ja, da klapperten denn auch die Schlägel laut genug; in Schurzfell und kurzer Bluse ging dort Schorsch mit zwei Kameraden, in lustigem Takt darauf loshämmernd, um ein großes Faß, dem die eisernen Reifen angetrieben wurden. Susel glaubte den Schlag seines Hammers unterscheiden zu können, denn ihr junges Herz pochte mit. Allein er sah nicht auf – hatte keine Zeit dazu. So gingen denn die Freundinnen weiter, da und dort bei einem Kaufmann eintretend, dann am Markt vorüber, wo die Bauernweiber mit Milch, Eiern und Butter auf Käufer warteten. Viele waren schon heimgekehrt; doch standen noch genug Bauernwagen und Gemüsekarren umher.

Vor einem Wirtshaus auf der offenen Straße stand ein förmlicher Kreis von Männern, die mit heiterem Lärm das Schoppenglas umhergehen ließen; wohlhabende Landleute, Müller, Wirte und sonstige Honoratioren. Mitten unter ihnen einer der heitersten und schlagfertigsten: Heinrich Groß.

Das Mädchen traute seinen Augen nicht; so frohen Muts hatte sie ihren Vater noch nie gesehen. Das war eine neue, ihr unbekannte Seite an ihm. Er mußte ganz vortreffliche Geschäfte gemacht haben, daß er so tapfer mithielt beim Kreisen des Bechers, beim »Utz« und »Stuß« und anderem Jux. Sichtlich fühlte er sich wohl in dieser Gesellschaft.

Die Mädchen waren in einen kleinen Laden eingetreten, wo rotgestreiftes Zeug aus Leinen und Baumwolle, sogenannter »Schamaß« (Siamoise) auslag. Mit einer vielsagenden Schwenkung des schwarzhaarigen Kopfes nach dem heiteren Männerkreis, bemerkte die flinke Krämerin bei dem hereinschallenden Gelächter: »Da stehen wieder die Rechten beisammen!«

Die Rechten? Und der Vater dabei? Wie konnten sich alte Männer nur so aufführen! Sie lachten auch über alles, während der kleinste von ihnen das Wort führend in ihrer Mitte hielt, den Kopf mit Ohrringen in den Nacken geworfen, beweglich, durchtrieben, großartig – der richtige Sapristi. Ein anderer bückte sich beim Lachen regelmäßig, schlug sich aufs Knie und drehte sich dabei auf dem Absatz um, daß er das lachende Antlitz jedesmal mit geschlossenen Augen nach auswärts kehrte. Der neben ihm ließ sich zwar auch in die Knie fallen, kehrte sich aber nicht um, sondern lachte herzhaft in den Kreis hinein. Ein vierter mit einer Meerschaumpfeife im Mund, zuckte nur immer schlau mit den Mundwinkeln, als mache er sich lustig über alle. Ein fünfter, noch ein sehr junger Mann, sah sich bei jedem Wort, das er fallen ließ, lächelnd nach Beifall um, wobei sein Nebenmann höchst würdevoll zu lachen pflegte und den Kopf hielt, als liege ihm daran, ein Doppelkinn herzustellen, und dabei wetteiferten sie miteinander im Leeren des Schoppenglases, sahen aber gesund und frisch drein ohne die aufgedunsenen Gesichter der heimlichen »Petzer.«

Susels Vater behielt auch in der größten Heiterkeit noch seine gemessene Haltung bei. Links von ihm stand ein Mann, der, sobald ein anderer zu sprechen begann, auch sofort den Mund öffnete, um zu widersprechen und schließlich doch genau alles tat, was man wollte. Des Vaters Nachbar rechts dagegen war der wunderlichste von allen, ein langer, schlanker Mann mit etwas gebückter Haltung, zugespitzter schmaler Nase, lächelnden Zügen und weibisch lispelnder Stimme. So oft ein Schoppen geleert war, sagte er, sich gleichsam mit Händen und Füßen wehrend: »Nein, Brüder, jetzt darf ich nicht länger bleiben! Ich muß fort. Meine Frau wartet daheim. Leider! Aber es geht nicht anders, ich muß wirklich fort!«

Das trieb er schon seit einer halben Stunde. Niemand hielt ihn zurück, aber er trank bei jedem neuen Schoppen mit, lachte über jeden Witz aufs neue, und sagte immer wieder: »Nehmt mir's nicht übel, Brüder, aber ich muß wirklich fort!«

»Ei, so mach', daß du fortkommst!« hieß es jetzt.

Vergeblich. Als die jungen Mädchen aus dem Laden traten, stand er, der so dringend weiter mußte, noch immer im Kreis, während sein Wagen harrend längst daneben hielt. Die Mädchen konnten sich nicht genug über das Gebaren der »alten Männer« wundern, die da auf offener Straße den tollen Lärm vollführten, steckten die Köpfchen zusammen und lachten ebenfalls. Da wurden sie aber von einem aus der Gesellschaft, demjenigen, der so oft nach Beifall umschaute, schließlich bemerkt und trotz allen Sträubens hereingezogen. Es war der junge Kronenwirt, derselbe, der ihnen damals auf der Kreuzstraße begegnet und nun längst verheiratet war. Es half sie nichts, sie mußten mittrinken, wenigstens nippen; Susels Vater ermunterte sie mit ernster Miene dazu.

»Schade, daß man schon verheiratet ist!« seufzte der junge Kronenwirt, sah sich dabei lächelnd um und seinem Bäschen in die schamhaften Augen, während die Unterhaltung etwas stockte. Die Gegenwart der Mädchen legte den Männern doch einigen Zwang auf; man fühlte sich über die Tonart unsicher, die anzuschlagen war.

Indessen fuhr der Wagen, dessen Fuhrmann das Handpferd seines Zwiegespannes kaum zur Ruhe brachte, etwas näher heran, während man seinen Herrn, der »leider fort mußte«, mit einigem Zwang endlich auf den Sitz brachte.

»Wir kommen alle auf deine Hochzeit, Susel!« sagte der Kronenwirt, sich lächelnd im Kreise umsehend.

»Ja, ja!« stimmten seine Genossen bei. »Wir kommen, schon wegen des Brautschuhes!«

Und der Lange beteuerte noch vom Wagen herunter, daß er fort müsse, die lieben Mädchen möchten es ihm nicht nachtragen.

Der Fuhrmann klatschte über sein Gespann hin; widerspenstig sträubte sich das Handpferd, aber es ging doch. Und noch aus der Ferne beugte sich der Abfahrende aus dem Wagen zurück, mit den Händen winkend, und schreiend: »Ich kann leider nicht anders, ich muß heim, nehmt mir's nicht übel und tragt mir's niemand nach!«

Die Zurückgebliebenen lachten auf, und Susel und Gretel nutzten die Gelegenheit, um zu gehen.

»Grüß die Mutter«, rief ihnen Henrich Groß nach, »und es stehe alles gut!«

Daß der Vater sich in diesem Kreis gefiel, machte dem Töchterchen auf dem Weg durch die Stadt doch einige Gedanken. Indes wurde der Sinn rasch von anderem eingenommen. Vor dem phantastischen Bau des »Engels«, der mit seinen Erkertürmen, Kuppeln, Drachenhäuptern und Windfahnen, seinen geschnörkelten Giebeln und der grauschwarzen malerischen Fassade wie ein Märchenpalast zwischen den nüchternen Bürgerhäusern steht, bemerkte Gretel, daß der Freundin alles Blut zu Kopf stieg. Gleichzeitig erkannte sie Schorsch im vollen Küferstaat: Schurzfell, die »Hotte« auf dem Rücken, im Schwarm seiner Kameraden stolz daherkommen.

Ob er wohl vorüberging? Nein, er trennte sich von den andere, die ihren Weg fortsetzten, und kam gerade auf die Mädchen zu, beiden die Hand reichend. Nach der ersten Begrüßung und den gewöhnlichen Fragen, wie es gehe, wo man gewesen sei, und so weiter, begann er: »Nicht wahr, ich wollte doch immer fragen – die zwei hanbuchenen Kerle damals bei der Fuchsgrube und am Heerweg sind euere Schätze?«

Die Mädchen wiesen dies mit Entrüstung zurück; sie seien es noch lange nicht und würden es auch nie werden, ja, sie wollten von ihnen ein für allemal nichts wissen. Kurz, es folgten Versicherungen und Beteuerungen, die Schorsch sehr zu seinen Gunsten auslegen konnte, was er auch, wie die Folge lehrte, keineswegs unterließ. Zum gemütlichen Ausplaudern war jedoch hier auf der Gasse keine Zeit; er mußte eilen, seinen vorausgegangenen Kameraden nachzukommen, und nahm Abschied, nachdem er noch auf die bald beginnende Kirchweihzeit aufmerksam gemacht hatte. Während sich die Freundinnen nochmals bei der Biegung des Weges nach ihm umschauten, bestürmten ihn seine Kameraden mit Fragen nach den hübschen Landmädchen, denen sie mit Wohlgefallen nachgesehen hatten.

»Die reichsten weit und breit«, versicherte Schorsch. »Die haben Geld« sagte er, den Daumen an dem Zeigefinger reibend. »Na!«

Susel war zufrieden, ihn wieder einmal gesehen zu haben, und auf Monate hinaus dadurch beglückt. Auch das nunmehr unbestrittene Ansehen des Vaters in der Gemeinde und daheim trug zu ihrer inneren Befriedigung bei. Hatte doch Heinrich Groß in der Tat auf jenem Markt einen guten Handel gemacht und noch einige äußerst vorteilhafte Verträge auf Getreide und Lieferungen geschlossen. Es glückte ihm jetzt alles, und das sprach sich auch in seiner Haltung, seinem Auftreten aus, während Juliane sich redlich bemühte, seinen Willen als den ihrigen gelten zu lassen. Erschien doch auch die Wahl zum Bürgermeister, die im nächsten Jahr stattfand, so gut wie gesichert.

Doch gerade damals ließ sich manchmal in der Nacht, wenn alles schlief, jenes gespensterhafte Umherwandeln, jenes geisterhafte Schlürfen verspüren, das unheilkündend an das Ohr der Lauschenden drang, wenn sie, aus dem Schlummer erwachend, sich im Bett aufrichtete. Horch! War es nur ihr eigener beklommener Atem? Nein, sie hielt ihn ja an. Es war alles still. Nur im Gebälk pickte die Totenuhr.

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