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Gutenberg > Denis Diderot >

Die Nonne

Denis Diderot: Die Nonne - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorDenis Diderot
titleDie Nonne
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesBibliothek des 17. und 18. Jahrhunderts
printrunZweite Auflage
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid5a477946
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Schon am nächsten Tage kam die Oberin in meine Zelle, mit einer Nonne, welche auf den Armen ein Büßerhemd und jenes grobe Kleid trug, das man mir angelegt hatte, als man mich in den Kerker warf. Ich entkleidete mich, oder vielmehr man riß mir meinen Schleier und mein Gewand ab und legte mir dieses Kleid an. Mein Kopf war unbedeckt, meine Füße nackt, und mein langes Haar fiel auf meine Schultern herab. Meine ganze Kleidung bestand aus diesem Büßergewand und einem sehr harten Hemde, das mir bis auf die Knöchel reichte. Diese Kleidung behielt ich den ganzen Tag und erschien so bei allen Religionsübungen.

Abends, als ich mich in meine Zelle zurückgezogen hatte, hörte ich, daß man sich derselben näherte und Litaneien sang; das ganze Haus hatte sich in zwei Reihen ausgestellt. Man trat ein, ich ging auf die Nonnen zu, und man legte mir einen Strick um den Hals; dann gab man mir eine angezündete Fackel in die eine Hand und eine Geißel in die andere.

Eine Nonne nahm den Strick bei einem Ende, zerrte mich zwischen die beiden Reihen, und die Prozession nahm ihren Weg nach einem kleinen, der heiligen Maria geweihten Oratorium. Als ich in dieser kleinen Kapelle, die von zwei Kerzen erleuchtet wurde, angelangt war, befahl man mir, Gott um Verzeihung zu bitten; die Nonne, welche mich führte, sagte mir alles leise vor, was ich wiederholen mußte, und ich sprach es ihr Wort für Wort nach. Dann nahm man mir den Strick ab, entkleidete mich bis zum Gürtel, ergriff meine Haare, die um meine Schultern flatterten, warf sie über eine Seite des Halses, gab mir die Geißel, die ich in der linken Hand trug, in die rechte und begann das Miserere. Ich begriff, was man von mir erwartete, und peitschte mich. Als das Miserere zu Ende war, hielt die Oberin eine kurze Ermahnung an mich, löschte die Lichter aus, die Nonnen zogen sich zurück, und ich kleidete mich wieder an.

Als ich in meine Zelle zurückgekehrt war, fühlte ich heftige Schmerzen an den Füßen; ich sah nach, sie waren vollständig mit Blut bedeckt, und zwar durch Einschnitte von Glasscherben, die man mir boshafterweise auf den Weg gestreut hatte.

In derselben Weise that ich an den beiden folgenden Tagen Kirchenbuße; nur am letzten fügte man zu dem Miserere noch einen Psalm hinzu. Am vierten Tage gab man mir das Nonnengewand zurück, und am fünften erneuerte ich mein Gelübde. Ich erfüllte einen Monat hindurch den Rest der Buße und trat darauf wieder so ziemlich in die gemeinsame Ordnung des Klosters ein. Doch wie groß war meine Überraschung, als ich die Augen auf die junge Freundin richtete, die sich so lebhaft für mein Schicksal interessiert hatte; sie war von einer schrecklichen Magerkeit; auf ihrem Gesichte lagerte die Blässe des Todes; die Lippen waren weiß und die Augen fast erloschen.

»Schwester Ursula«, sagte ich zu ihr, ganz leise, »was ist Ihnen?«

»Was mir ist?« antwortete sie mir, »ich liebe Sie, und Sie fragen mich? Es war die höchste Zeit, daß Ihre Marter zu Ende ging, ich wäre sonst gestorben.«

Es war undenkbar, daß meine Gesundheit so langen und harten Prüfungen hätte widerstehen sollen; ich wurde krank. In dieser Notlage zeigte Schwester Ursula die ganze Freundschaft, die sie für mich hegte; ich verdanke ihr das Leben. Sie hatte um die Erlaubnis gebeten, bei mir wachen zu dürfen, doch die Oberin hatte es ihr abgeschlagen unter dem Vorwande, sie wäre zu schwächlich, um sich einer solchen Anstrengung zu unterziehen, was sie mit aufrichtigem Kummer erfüllte. Doch alle ihre Bemühungen verhinderten nicht die Fortschritte des Leidens; es stand sehr schlimm mit mir, und ich erhielt die Sterbesakramente. Einige Augenblicke vorher verlangte ich die gesamte Klostergemeinde zu sehen, was mir auch gewährt wurde. Die Nonnen umstanden mein Bett, die Oberin unter ihnen; meine junge Freundin saß am Kopfende meines Bettes und hielt eine meiner Hände, die sie mit ihren Thränen benetzte. Man merkte, daß ich etwas zu sagen hatte, hob mich in die Höhe und erhielt mich mit Hilfe zweier Kopfkissen in sitzender Stellung. Nun wandte ich mich an die Oberin und bat sie, mir ihren Segen und die Vergebung für alle Sünden, die ich begangen, zuteil werden zu lassen, auch bat ich alle meine Gefährtinnen wegen des Ärgernisses, das ich ihnen gegeben, um Verzeihung. Ich ließ eine größere Anzahl von Kleinigkeiten, die zur Ausschmückung meiner Zelle dienten, oder zum besonderen Gebrauch bestimmt waren, an mein Bett bringen und bat die Oberin um die Erlaubnis, darüber verfügen zu dürfen. Sie willigte ein, und ich schenkte sie denen, die ihr als Trabanten gedient hatten, als man mich in den Kerker geworfen hatte. Ich ließ die Nonne, die mich am Tage meiner Kirchenbuße am Stricke geführt hatte, näher treten und sagte, während ich sie umarmte und ihr meinen Rosenkranz und mein Christusbild reichte:

»Teure Schwester, gedenken Sie meiner in Ihren Gebeten, und seien Sie überzeugt, daß auch ich Sie nicht vergessen werde, wenn ich vor Gott stehe.«

Nachdem ich die letzte Ölung erhalten, verfiel ich in eine Art Starrkrampf, und man gab mich die ganze Nacht über verloren. Von Zeit zu Zeit betastete man meinen Puls, ich fühlte, wie Hände über mein Gesicht strichen und hörte verschiedene Stimmen, die wie in weiter Ferne sprachen: »Es steigt immer höher... ihre Nase ist schon kalt... sie wird den morgigen Tag nicht überleben... Sie werden den Rosenkranz und das Christusbild behalten... während eine andere, ärgerliche Stimme sagte: »Entfernt Euch, entfernt Euch, laßt sie in Frieden sterben; habt Ihr sie noch nicht genug gequält?...«

Es war ein sehr schöner Augenblick für mich, als ich aus dieser Krisis erwachte, die Augen aufschlug und mich in den Armen meiner Freundin wiederfand. Sie hatte mich keine Sekunde verlassen, sondern die Nacht damit zugebracht, mir beizustehen, die Totengebete zu wiederholen, mich das Christusbild küssen zu lassen und es an meine Lippen zu drücken. Sie glaubte, als sie mich die Augen aufschlagen und einen tiefen Seufzer ausstoßen sah, es wäre der letzte; und nun fing sie an, ein lautes Geschrei zu erheben, nannte mich ihre Freundin und sagte:

Mein Gott, habe Mitleid mit ihr und mir; mein Gott empfange ihre Seele. Teure Freundin, wenn Sie vor Gott stehen werden, erinnern Sie sich der Schwester Ursula!«

Ich betrachtete sie mit traurigem Lächeln, vergoß eine Thräne und drückte ihr die Hand.

In diesem Augenblick erschien der Arzt des Hauses, Herr Bouvard; er war ein geschickter Mann, wie man mir gesagt hatte, doch despotisch, stolz und hart. Heftig schob er meine Freundin zur Seite und befühlte meinen Puls und die Haut. Er war von der Oberin und ihren Favoritinnen begleitet und stellte über das Vorangegangene einige Fragen an sie, dann erklärte er: »Sie wird davonkommen.« Bei diesen Worten sah er die Oberin an, der dieses Wort nicht gefiel, und wiederholte:

»Ja, Madame, sie wird davonkommen; die Haut ist gesund, das Fieber ist gesunken, und das Leben beginnt aus ihren Augen hervorzubrechen.« Bei jedem dieser Worte zeigte sich eine innige Freude auf dem Gesicht meiner Freundin, während sich auf dem der Oberin und ihrer Gefährtinnen ein gewisser Kummer abzeichnete, den der Zwang nur schlecht verbarg.

»Mein Herr«, sagte ich zu ihm, »ich will nicht weiter leben.«

»Um so schlimmer«, versetzte er, verordnete etwas und verließ das Zimmer.

Die Voraussage des Herrn Bouvard bewahrheitete sich, das Fieber schwand, und reichlicher Schweiß vertrieb es vollends, so daß man an meiner Genesung nicht mehr zweifelte; und in der That genas ich, doch es dauerte lange, bis ich vollends hergestellt war. Die Schwester Ursula hatte mich während dieser Zeit fast nicht verlassen, und als ich wieder anfing, zu Kräften zu kommen, verloren sich die ihrigen; sie bekam nachmittags Ohnmachtsanfälle, die manchmal eine Viertelstunde dauerten; in diesem Zustände war sie gleichsam tot, ihre Sehkraft erlosch, ein kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn und floß in dicken Tropfen an ihren Wangen hernieder, während die Arme schlaff an ihren Seiten herabfielen. Man schaffte ihr nur ein wenig Erleichterung, wenn man ihr die Kleider lockerte. Wenn sie aus dieser Ohnmacht erwachte, war ihr erster Gedanke, mich an ihrer Seite zu sehen, und stets fand sie mich dort; manchmal umschlang sie mich mit ihren Armen, ohne ihre Augen zu öffnen. Diese Bewegung war so unzweideutig, daß mehrere Nonnen, die diese tastende Hand berührt hatten, in der Erkenntnis, daß diese Bewegung nicht für sie bestimmt war, zu mir sagten:

»Schwester Susanne, sie sucht Sie, kommen Sie doch näher.«

Ich warf mich zu ihren Füßen nieder, legte ihre Hand auf meine Stirn, und sie blieb dort bis zum Ende der Ohnmacht liegen; wenn sie vorüber war, sagte sie zu mir:

»Nun Schwester Susanne, jetzt werde ich scheiden, und Sie werden bleiben. Ich werde unsere gute Oberin zuerst wiedersehen, werde mit ihr von Ihnen sprechen, und sie wird mich ohne Thränen anhören. Ach, teure Freundin, wie ich Sie beklage; ich scheide, ich fühle es, ich scheide; wie ungern würde ich sterben, wenn ich Sie glücklich wüßte.«

Ihr Zustand flößte mir Besorgnis ein, und ich sprach mit der Oberin darüber. Ich wünschte, man solle sie in den Krankensaal bringen, sie von den Religionsübungen dispensieren, sowie von den anderen schwierigen Übungen des Hauses, auch solle man einen Arzt rufen lassen; doch man erwiderte mir stets, die Krankheit hätte nichts zu bedeuten, die Ohnmachtsanfälle würden von selbst vergehen, und die Schwester verlange nichts besseres, als ihre religiösen Pflichten zu erfüllen und das gemeinsame Leben fortzusetzen. Eines Tages ließ sie sich nach der Frühmesse, der sie beigewohnt, nicht mehr sehen. Ich dachte mir, daß es sehr schlimm mit ihr stände, und als der Morgengottesdienst beendet war, eilte ich zu ihr und fand sie vollständig angekleidet auf ihrem Bett liegen.

»Sind Sie da, teure Freundin?« sagte sie zu mir, »ich ahnte, Sie würden bald kommen, und ich habe auf Sie gewartet; hören Sie mich an. Meine Ohnmacht ist so stark und so lange gewesen, daß ich glaubte, dabei bleiben zu müssen, und Sie nicht mehr wiederzusehen glaubte. Hier ist der Schlüssel meines Betpultes, öffnen Sie den Schrank, nehmen Sie ein kleines Brett fort, das die Schublade unten in zwei Teile trennt, und Sie werden hinter diesem Brett ein Päckchen Papiere finden. Ich habe mich nie entschließen können, mich von denselben zu trennen, so groß auch die Gefahr war, der ich mich aussetzte, wenn ich sie behielt, und mit welchem Schmerze ich sie auch stets wieder las; leider sind sie von meinen Thränen fast verwischt; wenn ich nicht mehr sein werde, werden Sie sie verbrennen.«

Sie war so schwach und fühlte sich so beklommen, daß sie kaum zwei Worte hintereinander sprechen konnte; fast bei jeder Silbe hielt sie inne, und dann sprach sie so leise, daß ich kaum hören konnte, obwohl mein Ohr fast auf ihrem Munde lag. Ich nahm den Schlüssel, deutete mit dem Finger auf den Schrank, und sie gab mir mit dem Kopfe ihre Zustimmung zu erkennen; da fing ich denn an zu weinen und so laut ich konnte zu jammern. Ich küßte ihr die Augen, die Stirn, das Gesicht und die Hände; ich bat sie um Verzeihung, doch sie hörte mich nicht, sondern legte eine ihrer Hände auf mein Gesicht und streichelte mich. Ich glaube, sie sah mich nicht mehr, vielleicht glaubte sie auch, ich wäre hinausgegangen, denn sie rief:

»Schwester Susanne!«

»Da bin ich«, erwiderte ich.

»Wieviel Uhr ist es?«

»Es ist halb zwölf Uhr.«

»Halb zwölf? Gehen Sie zum Essen, und kommen Sie dann sogleich wieder.«

Als es zum Essen läutete, mußte ich sie verlassen. Als ich an der Thür stand, rief sie mich zurück; ich kehrte um, und sie machte eine Anstrengung, um mir ihre Wangen hinzuhalten, dann ergriff sie meine Hand und drückte dieselbe krampfhaft. Ich hatte die Empfindung, als wolle und könne sie mich nicht verlassen.

»Es muß sein«, sagte sie, mich freilassend, »Gott will es. Gehen Sie, Schwester Susanne, leben Sie wohl, geben Sie mir mein Kruzifix.«

Ich gab es ihr in die Hände und verließ das Zimmer. Man war im Begriff, sich von der Tafel zu erheben, und ich wandte mich an die Oberin; ich sprach zu ihr in Anwesenheit aller Nonnen von der Gefahr, in welcher Schwester Ursula schwebte und bestand darauf, sie solle sich selbst davon überführen.

»Nun gut«, sagte sie, »wir müssen nach ihr sehen.« Sie begab sich in Begleitung einiger anderer Nonnen in die Zelle meiner Freundin, und ich folgte ihnen. Doch als sie eintraten, war die arme Schwester nicht mehr am Leben; sie lag vollständig angekleidet, den Kopf über das Kopfkissen geneigt, mit halbgeöffnetem Munde und geschlossenen Augen, das Kruzifix in den Händen haltend auf ihrem Bette. Die Oberin sah sie ziemlich kühl an und sagte:

»Sie ist tot. Wer hätte geglaubt, daß ihr Ende so nahe bevorstände? Sie war ein vortreffliches Mädchen. Man läute die Totenmesse für sie und begrabe sie!«

So stand ich denn allein in diesem Hause und allein in der Welt, denn ich kannte kein Wesen, das sich für mich interessierte. Von dem Advokaten Manouri hatte ich nichts mehr gehört; ich vermutete, daß er entweder von den Schwierigkeiten abgeschreckt worden war, oder daß er von Vergnügungen oder seinen Beschäftigungen abgelenkt, die Dienste längst vergessen hatte, die er mir bereits erwiesen hatte. Übrigens zürnte ich ihm deswegen nicht und hatte mich bereits in das Unvermeidliche gefügt, als unsere geistlichen Vorgesetzten einen Besuch im Kloster machten. Ich sah den ehrenwerten, aber schroffen Herrn Hebert und seine beiden mitleidigen Gefährten wieder; er erinnerte sich anscheinend des beklagenswerten Zustandes, in welchem ich einst vor ihm erschienen war; ihre Augen wurden feucht, und ich bemerkte auf ihrem Gesicht Rührung und Freude. Herr Herbert setzte sich und gab mir ein Zeichen, ich solle ihm gegenüber Platz nehmen; seine beiden Gefährten standen hinter seinem Stuhl, und ihre Blicke richteten sich auf mich, während Herr Hebert zu mir sagte:

»Nun, Susanne, wie verfährt man jetzt mit Ihnen?«

»Mein Herr, man vergißt mich«, erwiderte ich ihm.

»Um so besser!«

»Das ist auch alles, was ich wünsche; doch ich hätte Ihnen eine wichtige Bitte vorzutragen, nämlich die Mutter Oberin hierher zu rufen.«

»Weshalb?«

»Nun, wenn man Ihnen irgend eine Klage über sie vortragen würde, so würde sie mich sofort beschuldigen, ich wäre die Urheberin derselben.«

»Ich verstehe; doch sagen Sie mir immerhin, was Sie von ihr wissen.«

»Mein Herr, ich bitte Sie, sie rufen zu lassen, damit sie selbst Ihre Fragen und meine Antworten hört.«

»Sprechen Sie immerhin.«

»Mein Herr, Sie werden mich zu Grunde richten.«

»Fürchten Sie nichts, von heute ab stehen Sie nicht mehr unter ihrer Gewalt; vor Ende der Woche werden Sie nach Saint Eutrope, in die Nähe von Arpajon, überführt werden; Sie haben einen guten Freund.«

»Einen guten Freund, mein Herr? Ich wüßte keinen.«

»Es ist Ihr Advokat.«

»Herr Manouri?«

»Ja.«

»Ich glaubte nicht, daß er sich meiner noch erinnere.«

»Er hat Ihre Schwester aufgesucht, hat den Erzbischof, den ersten Präsidenten und alle durch ihre Wohlthätigkeit bekannten Personen gesprochen; auch hat er Ihnen in dem Hause, das ich Ihnen genannt, eine Ausstattung verschafft, und Sie brauchen hier nur noch kurze Zeit zu verweilen. Wenn Sie daher irgend eine Unzuträglichkeit wissen, so können Sie mich davon unterrichten, ohne daß Sie etwas zu befürchten brauchen; ja, ich befehle es Ihnen sogar, bei dem heiligen Gehorsam,«

»Ich weiß nichts.«

»Wie, man hat seit dem Verluste Ihres Prozesses keinerlei schlimme Maßregeln gegen Sie angewendet?«

»Man hat mit Recht geglaubt, daß ich einen Fehler begangen habe und hat mich deshalb veranlaßt, Gott um Verzeihung zu bitten.«

»Ja, aber eben die näheren Umstände dieses Vorfalles möchte ich wissen.«

Während er diese Worte sprach, schüttelte er das Haupt und zog die Stirn zusammen; ich erkannte, daß es nur an mir lag, der Oberin einen Teil der Geißelhiebe zurückzugeben, die sie mir hatte zu teil werden lassen; doch das war nicht meine Absicht. Der Archidiakon sah wohl ein, daß er nichts von mir erfahren würde, und verließ mich, indem er mir noch anbefahl, hinsichtlich meiner Überführung nach Saint Eutrope Stillschweigen zu bewahren.

Als Herr Herbert über den Klostergang wandelte, wandten sich seine Gefährten um und grüßten mich mit liebevoller und sanfter Miene. Ich glaubte ihn damit beschäftigt, eine andere Nonne auszufragen oder zu tadeln, als er wieder in meine Zelle trat und zu mir sagte:

»Woher kennen Sie Herrn Manouri?«

»Durch meinen Prozeß.«

»Wer hat Sie zu ihm geführt?«

»Die Frau Präsidentin.«

»Sie haben also im Laufe Ihrer Angelegenheit häufig mit ihm konferiert?«

»Nein, mein Herr, ich habe ihn sehr selten gesehen.«

»Wie haben Sie ihn also unterrichtet?«

»Durch einige Denkschriften.«

»Haben Sie Kopieen davon?«

»Nein, mein Herr.«

»Wer übergab ihm diese Denkschriften?«

»Die Frau Präsidentin.«

»Und woher kannten Sie dieselbe?«

»Ich kannte sie durch die Schwester Ursula, meine Freundin, und ihre Verwandte.«

»Sie haben Herrn Manouri seit dem Verlust Ihres Prozesses nicht mehr gesehen?«

»Ein einziges Mal.«

»Das ist sehr wenig; und er hat Ihnen nicht geschrieben?«

»Nein, mein Herr.«

»Er hat Ihnen doch jedenfalls mitgeteilt, was er für Sie gethan? Ich verbiete Ihnen, mit ihm im Sprechzimmer zu reden, und wenn er Ihnen schreibt, so werden Sie mir seinen Brief uneröffnet zuschicken, hören Sie wohl, uneröffnet!«

»Ja, mein Herr, ich werde gehorchen!«

Herr Manouri kam noch an demselben Abend nach Longchamp; doch ich hielt dem Archidiakon Wort und weigerte mich, ihn zu empfangen. Am nächsten Tage schickte er mir durch seinen Boten einen Brief, und ich schickte denselben uneröffnet an Herrn Hebert. Es war Dienstag, so weit ich mich erinnere. Ich erwartete noch immer mit Ungeduld die Wirkung des Versprechens des Diakons und der Bemühungen des Herrn Manouri; doch der Mittwoch, der Donnerstag und der Freitag verging, ohne daß ich etwas erfuhr. Erst am Sonnabend gegen 9 Uhr machte sich ein starker Lärm im Hause bemerkbar. Man eilte hin und her und sprach leise miteinander, die Thüren der Schlafsäle wurden geöffnet und geschlossen, alles Zeichen einer Klosterrevolution. Ich war allein in meiner Zelle, und das Herz schlug mir zum Zerspringen. Ich horchte an der Thür und blickte aus dem Fenster, in höchster Erregung ging ich hin und her und sagte, zitternd vor Freude, zu mir selber:

»Man ist gekommen, um mich abzuholen; in kurzer Zeit werde ich nicht mehr hier sein ....« und ich täuschte mich nicht.

Zwei unbekannte Gestalten traten vor mich hin, eine Nonne und eine Pförtnerin von Arpajon, die mich in kurzen Worten von dem Zweck ihres Besuchs unterrichteten. Ich ergriff heftig die mir gehörigen Kleinigkeiten und warf sie bunt durcheinander in die Schürze der Pförtnerin, die daraus Pakete machte. Die Oberin zu sehen begehrte ich nicht, die Schwester Ursula war nicht mehr am Leben, und so ging ich denn hinunter; man öffnete mir die Pforte, nachdem man das, was ich mitnahm, sorgfältig untersucht hatte. Ich steige in eine Kutsche und fahre davon.

Der Archidiakon und seine beiden jungen Geistlichen, die Frau Präsidentin von ... und Herr Manouri hatten sich bei der Oberin versammelt, wo man sie von meiner Abfahrt in Kenntnis setzte. Unterwegs erzählte mir die Nonne von dem neuen Hause, und die Pförtnerin fügte bei jedem Satze als Refrain hinzu: »Das ist die reine Wahrheit.«

Das Kloster von Arpajon ist ein viereckiges Gebäude, dessen eine Seite auf die Landstraße hinausgeht, während es mit der andern Seite nach dem Felde und den Gärten zu gerichtet ist. An jedem Fenster des ersten Stockes standen ein, zwei oder gar drei Nonnen, und augenscheinlich kannte man schon den Wagen, in dem wir saßen, denn im Nu verschwanden alle diese verschleierten Gesichter, und kurz darauf stand ich vor der Pforte meines neuen Gefängnisses. Die Oberin kam mir mit offenen Armen entgegen, umarmte mich, ergriff mich bei der Hand und führte mich in den Saal der Klostergemeinde, wo einige Nonnen ihr vorangeeilt waren, während andere erst eintraten. Diese Oberin ist eine kleine, rundliche Frau, dabei aber rasch und lebhaft in ihren Bewegungen; ihr Kopf sitzt nie ruhig auf ihren Schultern, und stets klappert etwas in ihrer Kleidung, ihr Gesicht ist eher schön als häßlich; ihre Augen, von denen eins, das rechte, höher und größer als das andere ist, sind voller Feuer, aber zerstreut; wenn sie geht, so wirft sie die Arme nach vorn und nach hinten. Wenn sie sitzt, so bewegt sie sich auf dem Stuhle hin und her, als ob sie irgend etwas belästige, auch schlägt sie häufig die Beine übereinander. Bald ist sie vertraulich bis zum Duzen, bald wieder herrisch bis zur Verachtung. Die Augenblicke, in denen sie ihre Würde bewahrt, sind kurz; sie sind abwechselnd mitleidig und hart, ihr verzerrtes Gesicht verrät die Zerfahrenheit ihres Geistes und die Ungleichheit ihres Charakters. Auch im Hause folgten Ordnung und Unordnung aufeinander; es gab Tage, wo alles drunter und drüber ging; die Kostgängerinnen saßen mit den Novizen zusammen. Die Novizen mit den Nonnen; in den Zimmern ging es unruhig hin und her, und man trank dort zusammen Thee, Kaffee, Schokolade und Liköre, auch wurde der Gottesdienst in der unpassendsten Eile abgethan; doch mitten in diesem Wirrwarr verändert sich das Gesicht der Oberin plötzlich, die Glocke ertönt, man zieht sich zurück, schließt sich ein, und das tiefste Schweigen folgt auf den Lärm und Tumult, und man möchte glauben, es sei plötzlich alles gestorben. Wenn es dann eine Nonne nur mit der geringsten Kleinigkeit versieht, so läßt sie sie in ihre Zelle kommen, behandelt sie mit Härte, befiehlt ihr, sich auszukleiden und sich zwanzig Geißelhiebe zu geben; doch hat sie sich einige Schläge versetzt, so wird die Oberin plötzlich wieder mitleidig, entreißt ihr das Geißelinstrument, fängt an zu weinen, sagt, sie wäre sehr unglücklich, daß sie strafen müsse, küßt ihr die Stirn, die Augen, den Mund, die Schultern, streichelt sie, lobt sie und sagt: »Nein, was für eine weiche und sanfte Haut sie hat, welch schöne Körperfülle, der schöne Hals, der prächtige Nacken u. s. w. u. s. w.«, dann küßt sie sie wieder, hebt sie auf, kleidet sie selbst an, sagt ihr die liebenswürdigsten Dinge, dispensiert sie von den Religionsübungen und schickt sie in ihre Zelle zurück. Zweimal im Jahre lief sie von Zelle zu Zelle und ließ alle Likörflaschen, die sie dort vorfand, aus dem Fenster werfen, doch vier Tage darauf schickte sie sie den meisten ihrer Nonnen zurück. Das war die Frau, der ich das feierliche Gelübde des Gehorsams abgelegt hatte.

Ich trat mit ihr ein; sie führte mich, indem sie ihren Arm um die Mitte meines Körpers schlang. Man tischte mir einen Imbiß von Marzipan, Früchten und Konfitüren auf. Der ernste Diakon begann mein Lob zu singen, doch sie unterbrach ihn und sagte:

»Ich weiß, ich weiß; man hat unrecht gehabt.« Der Archidiakon wollte fortfahren, doch die Oberin unterbrach ihn wieder:

»Wie haben sie sie nur so schlecht behandeln können, sie ist ja die Bescheidenheit selbst, und soll auch äußerst talentvoll sein.« Der ernste Archidiakon wollte seine letzten Worte wieder aufnehmen, doch die Oberin unterbrach ihn wieder, indem sie mir leise ins Ohr flüsterte: »Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn, und wenn diese Pedanten fort sind, werde ich unsere Schwestern kommen lassen und Sie werden uns ein kleines Liedchen singen, nicht wahr?« Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Der ernste Herr Hebert war ein wenig verdutzt; seine beiden jungen Gefährten lächelten über seine Verlegenheit und die meine. Indessen faßte sich Herr Hebert, befahl der Oberin in heftigem Tone, sich zu setzen und gebot ihr Schweigen. Sie setzte sich, fühlte sich aber unbehaglich, rückte auf ihrem Stuhle hin und her, kratzte sich den Kopf, ordnete an ihrer Kleidung und gähnte, während der Archidiakon sich sehr verständig über das Haus ausließ, das ich verlassen hatte, die Unannehmlichkeiten, die ich zu erdulden gehabt, über das Haus, in das ich eintrat, und über die Verpflichtungen, die ich den Personen gegenüber hatte, die mir Dienste geleistet. Bei diesen Worten sah ich Herrn Manouri an, der die Augen zu Boden schlug. Jetzt wurde die Unterhaltung allgemein, das der Oberin peinliche Schweigen hörte auf, ich näherte mich Herrn Manouri und dankte ihm für die Dienste, die er mir erwiesen habe; dabei stotterte ich und zitterte und wußte nicht, welche Dankbarkeit ich ihm aussprechen sollte. Doch meine Verwirrung, meine Verlegenheit, meine Rührung, kurz, mein ganzes Benehmen sprach beredter zu ihm, als ich es hätte thun können. Ich weiß nicht, was er mir sagte, doch ich hörte, daß er sich überreich belohnt fühle, wenn er die Härte meines Schicksals ein wenig gelindert; er würde sich dessen, was er gethan, mit viel größerem Vergnügen als ich selbst erinnern; es thäte ihm sehr leid, daß ihm seine Beschäftigungen, die ihn an den Pariser Gerichtshof fesselten, nicht erlaubten, das Kloster Arpajon öfter zu besuchen, doch er hoffe, der Archidiakon und die Frau Oberin würden ihm die Erlaubnis geben, sich nach meiner Gesundheit und Lage zu erkundigen. Der Archidiakon hörte darauf nicht, doch die Oberin erwiderte:

»Mein Herr, fragen Sie nur, soviel sie wollen; sie wird thun, was ihr beliebt; wir werden trachten, hier den Kummer wieder gut zu machen, den man ihr bereitet hat.«

Dann flüsterte sie mir ganz leise zu:

»Du hast also viel leiden müssen, mein Kind? Wie haben nur diese Geschöpfe in Lonchamp den Mut gehabt, dich zu mißhandeln? Ich habe deine Oberin gekannt, wir waren zusammen in Port-Royal, und sie war bei allen unbeliebt. Doch wir werden ja Zeit genug haben, uns zu unterhalten, dann wirst du mir alles erzählen.«

Als sie diese Worte sprach, ergriff sie eine meiner Hände und versetzte mir mit der ihrigen kleine Schläge. Die jungen Geistlichen sprachen ebenfalls verbindliche Worte zu mir, und da es spät war, so verabschiedete sich Herr Manouri, während der Archidiakon und seine Gefährten sich zu dem Standesherrn von Arpajon begaben, der sie eingeladen hatte. Ich blieb mit der Oberin allein, doch nicht für lange Zeit, denn alle Nonnen, Novizen und Pensionärinnen kamen herbeigelaufen, und im Nu war ich von etwa hundert Personen umringt. Ich wußte nicht, auf wen ich hören, noch wem ich antworten solle; es waren Gesichter aller Art, und ich hörte Reden von allen möglichen Färbungen; dennoch erkannte ich, daß man weder mit meiner Person, noch mit meinen Antworten unzufrieden war.

Als diese unangenehme Konferenz einige Zeit lang gedauert hatte und die erste Neugier befriedigt war, jagte die Oberin die andern fort und brachte mich selbst in meine Zelle. Sie zeigte mir den Betschemel, machte mich auf alles aufmerksam und sagte:

»Dort wird meine kleine Freundin zu Gott beten:

man soll ihr ein Kissen auf den Schemel legen, damit ihre kleinen Kniee nicht verletzt werden. Es ist auch kein Weihwasser in diesem Weihkessel; diese Schwester Dorothea vergißt stets etwas. Versuchen Sie diesen Sessel, versuchen Sie, ob er Ihnen bequem ist.«

Während sie diese Worte sprach, drückte sie mich in den Sessel nieder, legte mir den Kopf gegen die Lehne und küßte mir die Stirn. Dann ging sie zum Fenster, um sich zu überzeugen, ob die Rahmen sich auch leicht hoben und senkten, zog an meinem Bett die Vorhänge auf und zu, um zu sehen, ob sie auch gut schlössen, untersuchte die Decken und meinte, sie wären gut; dann nahm sie das Kopfkissen, ließ es sich aufbauschen und sagte: »Das teure Köpfchen wird sich darauf recht wohl befinden; diese Betten sind nicht sein, aber sie sind so, wie sie die Klostergemeinde gerade hat; auch die Matratzen sind gut.«

Nach diesen Worten trat sie wieder zu mir und umarmte mich, um mich dann zu verlassen. Während dieser Zeit richtete ich mich in meiner Zelle ein; dann wohnte ich dem Abendgottesdienst, dem Nachtmahl und der darauf folgenden Erholung bei. Am ersten Abend erhielt ich den Besuch der Oberin; sie kam gerade, als ich mich entkleidete und nahm mir selbst meinen Schleier und mein Brusttuch ab, auch machte sie mir das Haar für die Nacht und kleidete mich aus. Sie hielt mir allerlei süße Reden und überhäufte mich mit Liebkosungen, die mich etwas in Verlegenheit setzten, ohne daß ich recht wußte, warum. Trotzdem sprach ich mit meinem Beichtvater darüber, der diese Vertraulichkeiten in sehr strengem Tone tadelte und mir streng verbot, mich noch öfter dazu herzugeben. Sie küßte mir den Hals, die Schulter, die Arme, lobte meine Körperfülle, meine Taille und legte mich ins Bett; dann hob sie meine Decken in die Höhe, küßte mir die Augen, zog die Vorhänge zurück und ging davon. Am nächsten Morgen gegen neun Uhr hörte ich leise an die Tür klopfen; ich lag noch im Bett, antwortete, und man trat ein; es war ein Nonne, welche mir in ziemlich schlechter Laune sagte, es wäre spät, und die Mutter Oberin verlange nach mir. Ich erhob mich, kleidete mich an und ging hinunter.

»Guten Tag, mein Kind«, sagte sie zu mir. »Haben Sie die Nacht gut verbracht? Hier ist Kaffee, er wartet schon seit einer Stunde auf Sie, ich glaube, er wird gut sein; beeilen Sie sich, trinken Sie, nachher wollen wir plaudern.«

Während sie diese Worte sprach, breitete sie ein Taschentuch über den Tisch und entfaltete ein zweites auf meinen Knieen, goß Kaffee ein und schüttete Zucker in denselben. Während ich frühstückte, erzählte sie mir von meinen Gefährtinnen, die sie mir je nach ihrer Vorliebe oder Abneigung schilderte, erwies mir tausend Freundlichkeiten, richtete tausend Fragen an mich über das Haus, das ich verlassen, erkundigte sich nach meinen Eltern, nach den Unannehmlichkeiten, die ich gehabt, lobte und tadelte nach ihrer Laune und hörte meine Antworten nie bis zu Ende an. Ich widersprach ihr nicht, und sie war mit meinem Geiste, meinem Urteil und meinem Benehmen zufrieden. Unterdessen kam eine Nonne, eine zweite und eine dritte, eine vierte, eine fünfte; man sprach von den Vögeln der Oberin. Die eine erzählte von den kleinen Lächerlichkeiten der abwesenden Schwestern, und man kam in die heiterste Stimmung. Es stand in einem Winkel der Zelle ein Spinett; aus Zerstreuung legte ich die Hände darauf und schlug einige Akkorde an, wodurch ich nach und nach die Aufmerksamkeit auf mich lenkte. Die Oberin kam zu mir, versetzte mir einen leisen Schlag auf die Schulter und sagte:

»Nun, Sainte-Susanne, vertreibe uns ein wenig die Zeit, spiele zuerst, und dann magst du singen.«

Ich that, was sie wünschte, spielte einige Stücke und präludierte aus eigener Phantasie; dann sang ich einige Verse aus den Psalmen von Mondonville.

»Das ist sehr hübsch«, sagte die Oberin zu mir, »doch fromme Lieder haben wir in der Kirche, soviel wir wollen; wir sind allein; das hier sind meine Freundinnen und werden auch die deinen sein; also singe uns etwas Heiteres.«

Einige der Nonnen sagten: »aber sie kennt vielleicht nichts weiter, vielleicht ist sie von ihrer Reise noch ermüdet; auch ist es für einmal wohl genug.«

»Nein, nein«, versetzte die Oberin, »sie begleitet sich wunderbar und hat die schönste Stimme von der Welt; ich lasse sie nicht eher los, als bis sie uns etwas anderes vorgetragen hat.«

Ich sang deshalb ein ziemlich zartes Liedchen, und alle klatschten in die Hände, lobten mich, umarmten mich, liebkosten mich und verlangten ein zweites Lied zu hören. Trotzdem ließen es sich gerade diejenigen, die nicht das geringste davon verstanden, einfallen, über meinen Gesang ebenso lächerliche als mißfällige Bemerkungen zu machen, die aber auf die Oberin nicht die geringste Wirkung hatten.

»Schweigt«, sagte sie zu ihnen, »sie singt und spielt wie ein Engel, und ich wünsche, daß sie alle Tage hieherkommt; ich habe früher ein bißchen Musik gekonnt und möchte, daß sie mich wieder ein wenig damit bekannt mache.«

»Oh, Madame«, sagte ich zu ihr, »wenn man es früher gekonnt, so hat man nicht alles vergessen.«

»Gut, tritt mir deinen Platz ab!«

Sie präludierte und spielte tolle Sachen, die ebenso seltsam und unzusammenhängend waren, wie ihre Gedanken; doch sah ich trotz der mangelhaften Ausführung, daß sie eine viel leichtere Hand hatte als ich. Die Nonnen verschwanden eine nach der andern; ich blieb mit der Oberin fast ganz allein, und wir unterhielten uns von Musik. Sie saß und ich stand vor ihr, und sie ergriff meine Hände und sagte zu mir, indem sie sie drückte:

»Aber außerdem, daß sie gut spielt, hat sie auch die hübschesten Finger von der Welt; sehen Sie doch nur, Schwester Therese!«

Schwester Therese schlug die Augen zu Boden und stotterte etwas vor sich hin, während die Oberin meine Taille umschlang und erklärte, ich hätte die hübscheste Taille von der Welt. Sie zog mich zu sich heran, ließ mich auf ihren Knieen sitzen, hob mir den Kopf mit den Händen in die Höhe und forderte mich auf, sie anzusehen; dann lobte sie meine Augen, meinen Mund, meine Wangen, meinen Teint; doch ich antwortete ihr nichts, schlug die Augen zu Boden und überließ mich wie stumpfsinnig ihren Liebkosungen.

Schwester Therese war zerstreut und unruhig; sie ging von einer Seite nach der andern, rührte alles ohne jeglichen Grund an, wußte nicht, was sie anfangen sollte, blickte aus dem Fenster und glaubte gehört zu haben, es hätte an die Thür geklopft, bis die Oberin schließlich zu ihr sagte:

»Schwester Therese, du kannst gehen, wenn du dich langweilst.«

»Madame, ich langweile mich nicht.«

»Ich habe aber dieses Kind noch nach tausenderlei Dingen zu fragen.«

»Das glaube ich!«

»Ich will ihre ganze Geschichte wissen; wie soll ich denn sonst das Unheil wieder gut machen, das man an ihr verschuldet, wenn ich es nicht kenne? Ich wünsche, daß sie mir alles erzähle, ohne etwas auszulassen. Ich bin überzeugt, das Herz wird mir bluten, und ich werde darüber weinen, doch gleichviel, Schwester Susanne, wann werde ich alles erfahren?«

»Wann Sie befehlen, Madame.«

»Ich würde dich gleich darum bitten, wenn wir Zeit hätten. Wieviel Uhr ist es?«

»Madame, es ist 5 Uhr«, erwiderte Schwester Therese, »es wird gleich zur Vesper läuten.«

»Man mag immerhin damit beginnen.«

»Aber Madame, Sie hatten mir doch vor der Vesper einige Augenblicke der Tröstung versprochen. Ich habe Gedanken, die mich beunruhigen, ich möchte Mama gern mein Herz ausschütten; wenn ich so zum Gottesdienste komme, werde ich nicht beten können, sondern zerstreut sein.«

»Nein, Nein,« sagte die Oberin, »du bist toll mit deinen Ideen, ich wette, ich weiß, um was es sich handelt; wir werden morgen davon sprechen.«

»Ach, teure Mutter«, sagte Schwester Therese, in Thränen ausbrechend und sich der Oberin zu Füßen werfend, »heute muß es sein!«

»Madame«, sagte ich nun zu der Oberin, mich von ihren Knieen erhebend, auf denen ich sitzen geblieben war, »quälen Sie sie nicht, ich werde mich zurückziehen; ich werde ja noch immer Zeit haben, das Interesse zu befriedigen, das Sie für mich hegen; und wenn Sie Schwester Therese angehört haben, so wird sie nicht mehr leiden.«

Mit diesen Worten machte ich eine Bewegung nach der Thür, um hinauszugehen, doch die Oberin hielt mich mit einer Hand zurück; Schwester Therese, die auf den Knieen lag, hatte sich der andern bemächtigt, küßte sie und weinte, und die Oberin sagte zu ihr:

»Wahrhaftig, Schwester Therese, du bist recht unbequem; ich habe es dir bereits gesagt; das ist mir unangenehm und mißfällt mir, und du weißt, ich lasse mich nicht gern stören.«

»Ja, ja, ich weiß es, doch ich bin nicht Herr meiner Gefühle und möchte doch so gern, ...«

Indessen hatte ich mich zurückgezogen und die junge Schwester mit der Oberin allein gelassen.

Ich konnte nicht umhin, sie in der Kirche näher zu betrachten, von der Niedergeschlagenheit und Traurigkeit war nichts mehr zu sehen; unsere Augen begegneten sich mehrmals, und sie schien meinen Blicken ausweichen zu wollen. Was die Oberin anbetraf, so war sie in ihrem Betstuhle eingeschlafen. Der Gottesdienst wurde im Nu beendet, und der Chor schien nicht der Ort zu sein, in dem man sich am liebsten aufhielt, denn man verließ ihn mit der Schnelligkeit und dem Lärm von Vögeln, die aus ihrem Käfig entfliehen. Die Schwestern liefen lachend und schwätzend in ihre Zellen, die Oberin schloß sich in die ihrige ein, und die Schwester Therese sah mir nach, als hatte sie gar zu gern erfahren, was ich anfangen würde. Plötzlich kam ich auf den Gedanken, das junge Mädchen wäre vielleicht eifersüchtig aus mich und fürchte, ich könne ihm die Gunst der Oberin rauben. Ich beachtete sie mehrere Tage hintereinander, und als ich meinen Verdacht genügend begründet glaubte, suchte ich sie auf und sagte zu ihr:

»Teure Freundin, was fehlt Ihnen?«

Sie antwortete mir nicht. Mein Besuch überraschte sie und setzte sie in Verlegenheit; deshalb wußte sie auch nicht, was sie sagen, noch was sie thun sollte.

»Sie lassen mir nicht genügend Gerechtigkeit widerfahren,« fuhr ich fort; »sprechen Sie offen zu mir. Sie fürchten, ich mißbrauche die Vorliebe, die unsere Oberin für mich hegt; doch beruhigen Sie sich . ...«

»Nein, nein«, fiel sie mir ins Wort, »sie liebt Sie und hat für Sie heute genau dasselbe gethan, was sie im Anfang für mich gethan hatte.«

»Nun, so seien Sie überzeugt, daß ich mich des Vertrauens, das sie mir schenkt, nur bedienen werde, um Ihnen ihre Liebe wiederzugewinnen.«

»Und das wird von Ihnen abhängen?«

»Warum sollte es nicht von mir abhängen?«

Anstatt mir zu antworten, fiel sie mir um den Hals und sagte zu mir seufzend: »Es ist nicht Ihre Schuld, ich sage es mir jeden Augenblick; doch versprechen Sie mir ....«

»Was soll ich Ihnen versprechen?«

»Daß ....«

»Nun, vollenden Sie nur; ich werde alles thun, was in meinen Kräften steht.«

Sie zögerte, bedeckte sich ihre Augen mit den Händen und sagte zu mir mit so leiser Stimme, daß ich sie kaum hörte:

»Kommen Sie wenigstens so wenig wie möglich mit ihr zusammen.«

Diese Bitte erschien mir so seltsam, daß ich nicht umhin konnte, ihr zu antworten:

»Was kümmert es Sie, ob ich mit unserer Oberin oft oder selten zusammenkomme? Ich bin durchaus nicht böse, wenn Sie fortwährend mit ihr zusammen sind. Dasselbe muß doch bei Ihnen der Fall sein; genügt es Ihnen nicht, wenn ich Ihnen verspreche, daß ich Ihnen nie bei ihr schaden werde?«

Sie erwiderte mir nur mit den Worten, indem sie sich von mir losrieß und auf ihr Bett warf:

»Ich bin verloren, verloren.«

»Und weshalb?«

»Aber Sie müssen mich ja für das boshafteste Geschöpf von der Welt halten ....«

Auf diesem Punkte war unsere Unterhaltung angelangt, als die Oberin eintrat. Sie war erst in meiner Zelle gewesen, hatte mich dort nicht gefunden und war nun umsonst durch das ganze Haus gelaufen. Der Gedanke, ich könnte bei der Schwester Therese sein, war ihr nicht gekommen. Als sie es von denen, die sie nach mir ausgeschickt hatte, erfahren, kam sie schnell herbei, und auf ihrem Gesicht und in ihren Blicken lag eine gewisse Verlegenheit. Die Schwester Therese saß schweigend auf ihrem Bett; ich stand vor ihr und sagte zu ihr:

»Meine teure Mutter, ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich ohne Erlaubnis hierher gekommen bin.«

»Es ist wahr«, erwiderte sie mir, »es wäre besser gewesen. Sie hätten erst danach gefragt.«

»Aber die teure Schwester hat mein Mitleid erregt; ich sah, daß sie traurig war.«

»Worüber?«

»Soll ich es Ihnen sagen? Die Beweise von Güte, die Sie mir bewiesen haben, haben ihre Zärtlichkeit beunruhigt; sie hat gefürchtet, ich könne in Ihrem Herzen den Vorzug vor ihr erhalten; doch ich habe sie beruhigt.«

Die Oberin nahm, nachdem sie mich angehört hatte, eine strenge und imponierende Miene an und sagte zu ihr: »Schwester Therese, ich habe Sie geliebt und liebe Sie noch, ich habe mich nicht über Sie zu beklagen, und Sie sollen sich auch nicht über mich zu beklagen haben, doch ich kann die ausschließlichen Ansprüche nicht leiden. Machen Sie sich davon frei, wenn Sie nicht das Schicksal der Schwester Agathe erleiden wollen.«

Dann wandte sie sich wieder zu mir und sagte:

»Das ist jene große Brünette, die im Chor mir gegenüber sitzt. Ich liebte sie, als Schwester Therese hier eintrat, und ich auch sie lieb zu haben anfing. Sie beging dieselben Thorheiten, wurde von derselben Unruhe gequält; ich warnte sie, doch sie besserte sich nicht, und ich war genötigt, strenge Maßregeln zu ergreifen.«

Dann wandte sie sich wieder zur Schwester Therese und fügte hinzu:

»Mein Kind ich will nicht belästigt werden; ich habe es Ihnen bereits gesagt; Sie kennen mich, treiben Sie mich nicht aus meinem eigenen Charakter heraus.«

Darauf sagte sie zu mir, während sie sich mit einer Hand auf meine Schultern stützte:

»Kommen Sie, Schwester Susanne, begleiten Sie mich!«

Wir gingen hinaus; Schwester Therese wollte uns folgen, doch die Oberin wandte nachlässig den Kopf über die Schulter und sagte in despotischem Tone:

»Kehren Sie in Ihre Zelle zurück, und verlassen Sie dieselbe nur, wenn ich es Ihnen gestatte.«

Sie gehorchte, schloß heftig ihre Thür und ließ sich einige Reden entschlüpfen, die die Oberin erbeben ließen. Als ich ihren Zorn sah, sagte ich zu ihr:

»Teure Mutter, wenn Sie einige Güte für mich hegen, so verzeihen Sie der Schwester Therese; sie hat ganz und gar den Kopf verloren und weiß nicht, was sie spricht, noch was sie thut.«

»Ich soll ihr verzeihen? Oh, das will ich gern. Doch was werden Sie mir dafür geben?«

»Teure Mutter, wäre ich so glücklich, etwas zu besitzen, das Ihnen gefällt und Sie beruhigen könnte?«

Sie schlug die Augen zu Boden, errötete, und seufzte, mit einem Wort, sie benahm sich wie ein Verliebter. Dann sagte sie zu mir, während sie matt auf mich zurücksank, als wenn sie ohnmächtig würde:

»Reichen Sie mir Ihre Stirn, auf daß ich sie küsse!«

Ich neigte das Haupt, und sie küßte mich auf die Stirn. Sobald nach dieser Zeit irgend eine Nonne einen Fehler begangen hatte, verwendete ich mich für sie, und ich war sicher, ihre Gnade durch irgend eine unschuldige Gunst zu erlangen; fast immer war es ein Kuß, entweder auf die Stirn, oder auf den Hals, oder auf die Augen, oder auf die Wangen, oder auf den Mund, oder auf die Hände, oder auf den Busen, oder auf die Arme, doch meistens auf den Mund; sie fand, ich hätte weiße Zähne und frische, rote Lippen.

Indessen kamen wir ihrer Zelle näher, und ich schickte mich an, sie zu verlassen; doch sie ergriff mich bei der Hand und sagte zu mir:

»Es ist zu spät, um Ihre Geschichte von Longchamp und Sainte-Marie zu beginnen; doch treten Sie ein, Sie können mir eine kleine Lektion auf dem Klavier geben.«

Ich folgte ihr; im Nu hatte sie das Klavier geöffnet, ein Notenbuch hingestellt und mir einen Stuhl zurechtgeschoben. Ich setzte mich, und sie glaubte, ich würde frieren; deshalb nahm sie ein Kissen von einem Stuhle, legte es mir hin, bückte sich, nahm meine beiden Füße, die sie darauf setzte, und ich spielte dann einige Stücke; indessen hatte sie einen Zipfel meines Halstuches in die Höhe gehoben, ihre Hand lag auf meiner nackten Schulter, während ihre Fingerspitzen auf meinem Busen ruhten. Sie seufzte und schien beklommen, ihr Atem wurde schwerer; die Hand, die sie auf meiner Schulter hielt, drückte dieselbe anfangs stark, doch dann gar nicht mehr, als wäre sie kraft- und leblos gewesen, während ihr Kopf auf den meinen herniederfiel.

So amüsierten wir uns in ebenso einfacher, wie sanfter Weise, als plötzlich die Thür heftig aufgerissen wurde; ich fuhr ängstlich zusammen, und die Oberin ebenfalls; es war diese Närrin von Schwester Therese; ihre Kleidung war in Unordnung, ihre Augen blickten wirr, doch ihre Lippen vermochten nicht zu sprechen; indessen kam sie wieder zu sich und warf sich vor den Füßen der Oberin nieder; ich vereinigte meine Bitte mit der ihrigen und wirkte ihr noch einmal Verzeihung aus, doch die Oberin erklärte ihr in festem Tone, es wäre das letzte Mal.

Als wir in unsere Zellen zurückgekehrt waren, sagte ich zu ihr: »Teure Schwester, nehmen Sie sich in acht, Sie werden unsere Mutter erzürnen; ich werde Sie nicht verlassen, doch Sie werden meinen Einfluß bei ihr vernichten, und ich würde untröstlich sein, nichts mehr für Sie oder eine andere ausrichten zu können. Doch was denken Sie sich eigentlich?«

Keine Antwort.

»Was fürchten Sie denn von mir?«

Keine Antwort.

»Kann uns unsere Mutter nicht beide gleich lieben?«

»Nein, nein«, erwiderte sie heftig, »das ist nicht möglich; ich werde ihr bald zuwider sein und darüber vor Kummer sterben.«

»Gewiß«, sagte ich zu ihr, »es ist ein großes Unglück, das Wohlwollen seiner Oberin verloren zu haben, doch ich kenne noch ein viel größeres, es verdient zu haben, und Sie haben sich doch nichts vorzuwerfen.«

»Oh, das wolle Gott!«

»Wenn Sie sich selbst irgend eines Fehlers anklagen, so müssen Sie ihn wieder gut machen, und das sicherste Mittel dazu ist, das Leiden geduldig zu ertragen.«

»Das kann ich nicht, das kann ich nicht, und dann, steht ihr denn das Recht zu, mich zu bestrafen?«

»Ihr? Schwester Therese, ihr? Spricht man so von seiner Oberin? Das ist nicht recht. Sie vergessen sich. Ich bin überzeugt, der Fehler ist schwerer als die, die Sie sich selbst vorwerfen.«

»Oh, das wolle Gott«, sagte sie wieder, »das wolle Gott.«

Mit diesen Worten trennten wir uns; sie ging in ihre Zelle, um dort zu jammern, ich in die meinige, um dort über die Tollheit der Weiberköpfe nachzudenken.

Ich sah die Zärtlichkeit, die die Oberin für mich gefaßt hatte, von Tag zu Tag stärker werden; ich war unaufhörlich in ihrer Zelle, oder sie war in der meinigen; bei der geringsten Unpäßlichkeit ließ sie mich in den Krankensaal bringen, dispensierte mich vom Gottesdienst, schickte mich frühzeitig schlafen und untersagte mir das Morgengebet. Man machte ihr kein Geschenk, ohne daß sie es mit mir geteilt hätte: Chokolade, Zucker, Kaffee, Liköre, Wäsche, Taschentücher, alles mögliche; ich konnte mich fast kaum einen Augenblick entfernen, ohne mich bei meiner Rückkehr um einige Gegenstände reicher zu finden.

Ich eilte zu ihr, um ihr zu danken, und sie empfand darüber eine Freude, die sich nicht ausdrücken läßt; sie umarmte mich, streichelte mich, nahm mich auf die Kniee, unterhielt mich von den geheimsten Dingen des Hauses und versprach sich, wenn ich sie liebte, ein tausendmal glücklicheres Leben, als das, welches sie in der Welt geführt hatte, darauf hielt sie inne, betrachtete mich mit zärtlichen Blicken und sagte:

»Schwester Susanne, lieben Sie mich?«

»Wie sollte ich Sie denn nicht lieben; dazu müßte ich wohl recht undankbar sein!«

»Das ist wahr!«

»Sie sind so gütig zu mir ...«

»Sagen Sie lieber, ich besitze Zuneigung zu Ihnen.«

Während sie diese Worte aussprach, schlug sie die Augen zu Boden, die Hand, mit der sie mich umschlungen hielt, drückte mich stärker, die, die sie auf meine Kniee gelegt, preßte heftiger; sie zog mich zu sich heran, ihr Gesicht legte sich auf das meinige, sie seufzte, lehnte sich auf ihren Stuhl zurück und zitterte; man konnte glauben, sie hatte mir etwas anzuvertrauen und wagte es nicht, dazu vergoß sie Thränenströme und sagte dann zu mir:

»Ach, Schwester Susanne, Sie lieben mich nicht.«

»Ich liebe Sie nicht, teure Mutter?«

»Nein!« »So sagen Sie doch, was ich thun muß, um es Ihnen zu beweisen.«

»Das müßten Sie erraten.«

»Ich suche doch, ich finde nichts.«

Indessen hatte sie ihr Halstuch hochgehoben und eine meiner Hände auf ihre Brust gelegt; sie schwieg, und ich schwieg ebenfalls. Dabei schien sie das größte Vergnügen zu empfinden. Dann forderte sie mich auf, ihr die Stirn, die Wangen und den Mund zu küssen, und ich gehorchte ihr. Ich glaubte nicht, daß etwas Böses dabei war. Indessen schien ihr Vergnügen zuzunehmen, und da ich nichts besseres verlangte, als ihr Glück in so unschuldiger Weise zu fördern, so küßte ich ihr wieder die Stirn, die Augen, die Wangen und den Mund. Die Hand, die sie über mein Kniee gelegt, huschte überall auf meine Kleider, von den Füßen bis zum Gürtel und drückte mich bald an einer Stelle, bald an der andern; stammelnd ermahnte sie mich und zwar mit zitternder, leiser Stimme, meine Liebkosungen zu verdoppeln, und ich verdoppelte sie. Endlich kam ein Augenblick, da sie – ich weiß nicht, ob es Vergnügen oder Schmerz war – totenblaß wurde; ihre Augen schlossen sich; ihr ganzer Körper streckte sich heftig aus, ihre Lippen preßten sich zuerst zusammen und waren wie von einem leichten Schaume benetzt; dann öffnete sie ihre Lippen, und sie schien zu sterben, während ihr Mund einen tiefen Seufzer ausstieß. Ich erhob mich plötzlich; ich glaubte, sie wäre unwohl und wollte rufen. Da schlug sie schwach die Augen auf und sagte mit erlöschender Stimme:

»Du Unschuld; es hat nichts zu bedeuten; bleib hier.«

Ich sah sie mit entsetzten Augen an und wußte nicht, ob ich bleiben oder gehen solle. Wieder öffnete sie die Augen, doch sie konnte gar nicht sprechen; darum gab sie mir ein Zeichen, näher zu treten und mich wieder auf ihre Kniee zu setzen. Ich weiß nicht, was in mir vorging, ich fürchtete mich und zitterte, das Herz klopfte mir hörbar, ich konnte kaum atmen und fühlte mich verwirrt und aufgeregt; meine Kräfte schienen mich zu verlassen, und ich glaubte ohnmächtig zu werden. Ich trat zu ihr, sie machte mir wieder ein Zeichen, mich auf ihre Kniee zu setzen, und ich setzte mich. Indessen schien die gute Oberin wieder zu sich zu kommen, sie lag noch immer in ihren Stuhl zurückgesunken, ihre Augen waren noch immer geschlossen, doch ihr Gesicht hatte sich mit den schönsten Farben belebt; sie ergriff eine meiner Hände, die sie küßte, und ich sagte zu ihr:

»Oh, teure Mutter, Sie haben mir große Furcht eingejagt.«

Sie lächelte sanft, ohne ihre Augen aufzuschlagen.

»Aber Sie haben doch keine Schmerzen gelitten?«

»Nein.«

»Ich glaubte es.«

»Oh, diese Unschuld, wie sie mir gefällt!«

Als sie diese Worte sprach, erhob sie sich wieder, setzte sich auf ihren Stuhl, faßte mich um die Taille und küßte mich kräftig auf die Wangen; dann sagte sie zu mir:

»Wie alt sind Sie?«

»Ich bin noch nicht 20 Jahre,«

»Das verstehe ich nicht.«

»Teure Mutter, es ist wahr.«

»Ich will Ihr ganzes Leben kennen lernen; wollen Sie es mir erzählen?«

»Ja, teure Mutter.«

»Ihr ganzes Leben?«

»Gewiß.«

»Doch man könnte kommen; setzen wir uns ans Klavier, Sie werden mir Unterricht erteilen.«

Wir gingen nach dem Klavier, doch ich weiß nicht, wie es kam, meine Hände zitterten, das Notenpapier zeigte mir nur einen wirren Haufen von Noten, und ich konnte nicht spielen.

Ich sagte es ihr, sie begann zu lachen und nahm meinen Platz ein; doch jetzt war es noch schlimmer, denn sie konnte kaum ihre Arme rühren.

»Mein Kind«, sagte sie zu mir, »du siehst, daß du nicht im stande bist, mir etwas zu zeigen, noch ich etwas zu lernen. Ich bin ein wenig müde und muß mich ausruhen; lebe also wohl, morgen will ich alles erfahren, was in dieser kleinen Seele vorgegangen ist; lebe also wohl!«

Meine Zelle lag fast der der Schwester Therese gegenüber; die ihre stand offen, sie erwartete mich, sprach mich an und sagte:

»Ach, Schwester Susanne, Sie kommen von unserer Mutter.«

»Ja«, versetzte ich.

»Sie sind lange dort geblieben?«

»So lange sie's gewollt hat,«

»Das hatten Sie mir aber nicht versprochen.«

»Ich habe Ihnen gar nichts versprochen.«

»Würden Sie es wagen, mir zu berichten, was Sie dort gethan haben?«

»Liebe Schwester«, antwortete ich ihr, »vielleicht würden Sie mir nicht glauben; doch vielleicht werden Sie unserer teuren Mutter glauben, und ich werde sie bitten, Sie davon zu unterrichten.«

»Oh, teure Schwester Susanne«, versetzte sie lebhaft, »thun Sie das ja nicht; Sie werden mich doch nicht unglücklich machen wollen; sie würde mir nie verzeihen, Sie kennen sie nicht; sie ist im stande, von der größten Liebenswürdigkeit zur Grausamkeit überzugehen, und ich weiß nicht, was dann aus mir werden sollte; versprechen Sie mir, ihr nichts davon zu sagen,«

»Sie wollen es?«

»Ich bitte Sie kniefällig darum; versprechen Sie mir, ihr nichts zu sagen.«

Ich hob sie auf und gab ihr mein Wort, sie rechnete darauf, und wir schlossen uns beide in unsere Zelle ein.

Als ich wieder in die meinige zurückgekehrt war, versank ich in Nachdenken, wollte beten und konnte es nicht, ich suchte mich zu beschäftigen, begann eine Arbeit, die ich mit einer anderen vertauschte, die ich wieder liegen ließ, um eine dritte vorzunehmen; meine Hände hielten von selbst inne, und ich war wie blöde, nie hatte ich etwas Ähnliches empfunden. Meine Augen schlossen sich von selbst, ich schlummerte ein wenig, obwohl ich sonst nie am Tage schlafe; als ich wieder erwacht war, fragte ich mich, was wohl zwischen mir und der Oberin vorgegangen war; ich prüfte mich und glaubte bei längerem Nachdenken dunkel zu erkennen ... doch das waren so verworrene, tolle und lächerliche Gedanken, daß ich sie weit von mir wies. Das Resultat meines Nachdenkens war, daß sie vielleicht einer Krankheit unterworfen wäre, dann kam mir ein anderer Gedanke, diese Krankheit wäre vielleicht ansteckend, Schwester Therese wäre davon befallen worden, und bei mir wäre es auch der Fall.

Am nächsten Tage nach dem Morgengottesdienst sagte unsere Oberin zu mir:

»Schwester Susanne, heute habe ich alles zu erfahren, was Ihnen zugestoßen ist; kommen Sie.«

Ich ging mit ihr, sie ließ mich in ihrem Sessel neben ihrem Bette Platz nehmen, während sie sich selbst auf einen niedrigen Stuhl setzte. Ich saß so nahe bei ihr, daß meine beiden Kniee in die ihrigen eingeklemmt waren, während sie sich mit den Ellenbogen auf ihr Bett stützte. Nach einer kleinen Pause sagte ich zu ihr:

»Obgleich ich sehr jung bin, so habe ich doch viel gelitten; seit fast zwanzig Jahren bin ich in der Welt, und seit zwanzig Jahren muß ich dulden. Womit, teure Mutter, soll ich also beginnen?«

»Erzählen Sie von Anfang an.«

»Aber, teure Mutter, das wird sehr lang und traurig sein, und ich möchte Sie nicht so lange betrüben.«

»Fürchte nichts; ich weine gern; es ist ein köstlicher Zustand für eine zärtliche Seele, Thränen zu vergießen; auch du mußt wohl gern weinen; du wirst meine Thränen trocknen, ich werde die deinen trocknen, und vielleicht werden wir bei der Erzählung deiner Leiden glücklich sein; wer weiß, wie weit uns die Rührung führen kann ...«

Während sie die letzten Worte sprach, blickte sie mich mit bereits feuchten Augen von unten bis oben an, dann ergriff sie meine beiden Hände und näherte sich mir noch mehr, so daß ich sie berührte und sie mich.

»Erzähle mein Kind, ich warte und verspüre die lebhafteste Neigung, mich von der Rührung überwältigen zu lassen; ich glaube, ich war noch nie in meinem ganzen Leben so mitleidsvoll und liebreich gestimmt.«

Ich begann also meine Erzählung, doch kann ich die Wirkung, die sie auf sie hervorbrachte, nicht beschreiben; die Seufzer, die sie ausstieß, die Thränen, die sie vergoß, die Zeichen der Entrüstung, die sie über meine grausamen Eltern, die gräßlichen Schwestern von Sainte-Marie und die von Longchamp zu erkennen gab. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie mich, erhob sich und ging hin und her, um sich dann wieder auf ihren Platz zu setzen. Dann wieder reckte sie ihre Arme gen Himmel, um darauf ihren Kopf zwischen meinen Knieen zu verbergen. Als ich zu Ende war, schwieg ich, und sie blieb einige Zeit mit dem Körper über ihr Bett gebeugt, das Gesicht in ihre Decke pressend und die Arme über ihren Kopf streckend, während ich zu ihr sagte:

»Teure Mutter, ich habe es Ihnen vorher gesagt, doch Sie haben es so gewollt.«

Sie antwortete mir nur mit den Worten: »Die boshaften Geschöpfe! die gräßlichen Weiber! nur in den Klöstern kann sich die Unmenschlichkeit bis zu diesem Punkte verirren. Zum Glück bin ich sanft; ich liebe alle meine Nonnen, sie haben alle mehr oder weniger meinen Charakter angenommen und lieben sich untereinander. Diese grausamen Geschöpfe! diese Arme mit Stricken einzuschnüren ....« Dabei drückte sie meine Arme und küßte sie . ... »diesen Augen Thränen zu entlocken! ...« Dabei küßte sie sie... »Klagen und Stöhnen diesem Munde zu entreißen!« Dabei küßte sie ihn .... »dieses reizende und heitere Gesicht unaufhörlich mit Wolken der Traurigkeit zu bedecken!« Dabei küßte sie es .... »Die Rosen dieser Wangen zum Welken zu bringen.« Dabei streichelte sie sie und küßte sie .... »Diese Haare auszuraufen und diese Stirn mit Sorgen zu beladen ....« Dabei küßte sie meinen Kopf, meine Stirn und meine Haare .... »Um diesen Hals einen Strick zu schlingen und diese Schultern mit Spitzen zu zerreißen ....« Dabei schob sie mein Hals- und Kopftuch zur Seite und öffnete mein Kleid: meine Haare fielen zerstreut auf meine entblößten Schultern, meine Brust war halb nackt, und ihre Küsse fielen auf meinen Hals, meine entblößten Schultern und meine halb nackte Brust.

Ich weiß nicht, was in mir vorging, doch ich wurde von Entsetzen, Zittern und Beben ergriffen und fügte zu ihr:

»Teure Mutter, sehen Sie in welche Unordnung Sie mich versetzt haben; wenn man käme ....«

»Bleib, bleib,« rief sie mir mit beklommener Stimme zu, »es wird niemand kommen.«

Indessen machte ich eine Anstrengung, um mich von ihr loszureißen und versetzte:

»Teure Mutter, nehmen Sie sich in acht, gestatten Sie mir, daß ich mich entferne.«

Ich wollte fort, doch ich war nicht dazu im stande, ich hatte nicht die geringste Kraft, und die Kniee brachen unter mir zusammen. Sie saß, ich stand, sie zog mich an sich; deshalb setzte ich mich auf den Rand ihres Bettes und sagte:

»Teure Mutter, ich weiß nicht, was mir ist; aber ich fühle mich unwohl.«

»Ich ebenfalls, doch ruhe dich einen Augenblick; es wird vorübergehen und nichts zu bedeuten haben.«

Wir waren beide niedergeschlagen, ich hatte den Kopf auf ihr Kissen geneigt, sie den ihrigen auf eins meiner Kniee, während sie mit der Stirn auf einer meiner Hände lag; wir blieben einige Augenblicke in dieser Stellung, bis die Oberin zu mir sagte:

»Susanne, aus dem, was Sie mir gesagt, habe ich ersehen, daß Ihnen Ihre erste Oberin sehr teuer war.«

»Ja!« erwiderte ich.

»Sie liebte Sie nicht mehr als ich, doch sie wurde von Ihnen mehr geliebt.... Sie antworten mir nicht?«

»Ich war unglücklich, und sie linderte meine Leiden.«

»Aber woher kommt eigentlich Ihr Widerwille gegen das religiöse Leben, Susanne?«

»Von diesem Leben selbst; ich hasse die Pflichten, die Zurückgezogenheit, den Zwang; ich glaube, ich bin zu etwas anderem berufen.«

»Aber woraus ersehen Sie das?«

»Aus der Langeweile, die mich quält; ich langweile mich.«

»Auch hier?«

»Ja, auch hier, teure Mutter; trotz aller Güte, die Sie mir entgegenbringen.«

»Aber empfinden Sie nicht selbst Wünsche und Gelüste?«

»Nein.«

»Das glaube ich. Sie scheinen mir einen ziemlich ruhigen Charakter zu besitzen.«

»Ja.«

»Sie sind sogar kalt.«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie kennen die Welt nicht:«

»Ich kenne sie nur sehr wenig.«

»Welchen Reiz kann sie dann für Sie haben?«

»Das kann ich Ihnen nicht genau erklären, doch es ist so.«

»Sehnen Sie sich nach der Freiheit zurück?«

»Das auch, und vielleicht noch vieles andere.«

»Und was ist das? Meine Freundin, sprechen Sie offen zu mir, möchten Sie verheiratet sein?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie wissen es nicht? Aber sagen Sie mir, welchen Eindruck macht die Anwesenheit eines Mannes auf Sie?«

»Gar keinen; wenn er Geist hat und gut spricht, so höre ich ihm mit Vergnügen zu; hat er ein schönes Gesicht, so fällt er mir auf.«

»Und Ihr Herz bleibt ruhig?«

»Bis jetzt, ja!«

»Wie? wenn die Männer ihre leidenschaftlichen Blicke auf Sie richteten, so haben Sie nichts empfunden?«

»Manchmal Verlegenheit, und dann mußte ich ihretwegen die Augen zu Boden schlagen.«

»Und Ihre Sinne sagten Ihnen nichts?«

»Ich weiß nicht so recht, was die Sprache der Sinne ist.«

»Wie, Sie .... das ist eine sehr süße Sprache, sollten Sie sie wirklich nicht kennen?«

»Nein, teure Mutter, wozu sollte sie mir auch dienen?«

»Nun, um Ihre Langweile wieder zu verscheuchen.«

»Vielleicht auch, um sie zu vermehren. Und dann, was bedeutet diese Sprache der Sinne ohne Gegenstand?«

»Wenn man spricht, so spricht man immer zu jemandem; das ist jedenfalls besser, als sich allein zu unterhalten, obgleich auch das nicht ohne Genuß ist.«

»Davon verstehe ich nichts.«

»Wenn du nur wolltest, liebes Kind, ich wollte dich bald aufklären.«

»Nein, liebe Mutter, nein, ich weiß nichts und will auch lieber nichts wissen, als Kenntnisse zu erwerben, die mich vielleicht noch beklagenswerter machen, als ich es ohnehin bin. Ich habe keine Wünsche und will auch keine suchen, die ich nicht befriedigen könnte.«

»Warum könntest du das nicht?«

»Wie sollte ich es denn können?«

»Wie ich!«

»Wie Sie? aber es ist ja niemand in diesem Hause.«

»Nun, ich bin doch da, teure Freundin, und Sie sind da.«

»Nun, was bin ich Ihnen, und was sind Sie mir?«

»Wie unschuldig sie ist!«

»Ja, das ist wahr, teure Mutter; ich bin es im höchsten Grade und würde lieber sterben, als aufhören, es zu sein.«

Ich weiß nicht, was die letzten Worte für sie Verletzendes haben konnten, doch ihr Gesicht veränderte sich plötzlich; sie wurde ernst und verlegen; ihre Hand, die sie auf das eine meiner Kniee gelegt, hörte auf, dasselbe zu drücken und zog sich dann zurück; sie schlug die Augen zu Boden, und ich sagte zu ihr:

»Meine teure Mutter, was ist mir denn geschehen? Ist mir etwa ein Wort entschlüpft, das Sie beleidigt hat? Verzeihen Sie mir; die Dinge, von denen wir uns unterhalten, sind so seltsam; verzeihen Sie mir.«

Während ich die letzten Worte sprach, warf ich meine beiden Arme um ihren Hals und legte meinen Kopf auf ihre Schulter, während sie dasselbe that und mich zärtlich an sich drückte. So blieben wir einige Augenblicke, dann gewann sie wieder ihre Zärtlichkeit und Fröhlichkeit und sagte zu mir:

»Susanne schlafen Sie gut?«

»Sehr gut«, erwiderte ich, »besonders seit einiger Zeit.«

»Sie schlafen sogleich ein?«

»Meistens ja.«

»Aber wenn Sie nicht sogleich einschlafen, woran denken Sie dann?«

»An mein vergangenes Leben, an das, das ich jetzt führe, oder ich bete zu Gott, oder weine, was weiß ich!«

»Und morgens, wenn Sie frühzeitig erwachen?«

»Dann stehe ich auf.«

»Sogleich?«

»Sogleich.«

»Sie träumen also nicht gern?«

»Nein.«

»Sie haben nie daran gedacht, sich erst längere Zeit aus Ihrem Kissen auszuruhen?«

»Nein.«

Ich weiß nicht, wovon wir noch sprachen, als man ihr mitteilte, es wünsche sie jemand zu sprechen. Dieser Besuch schien ihr unangenehm zu sein, und sie hätte wohl lieber mit mir weitergeplaudert, obwohl das, was wir sprachen, nicht der Rede wert war; indessen trennten mir uns.

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