Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Denis Diderot >

Die Nonne

Denis Diderot: Die Nonne - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorDenis Diderot
titleDie Nonne
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesBibliothek des 17. und 18. Jahrhunderts
printrunZweite Auflage
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid5a477946
Schließen

Navigation:

Ich erhielt die Antwort auf meine Denkschrift, sie war von einem Herrn Manouri, der sich weder günstig, noch ungünstig aussprach. Bevor man über die Angelegenheit ein Urteil abgeben konnte, verlangte man eine große Anzahl mündlicher Aufklärungen, die man schwer geben konnte, ohne zusammenzukommen; ich gab deshalb meinen Namen an und forderte Herrn Manouri auf, sich nach Longchamp zu begeben. Wir unterhielten uns sehr lange Zeit und verabredeten einen Briefwechsel, durch welchen er mir sicher seine Fragen zukommen lassen und ich ihm meine Antworten schicken sollte. Ich meinerseits verwandte alle Zeit, die er meiner Angelegenheit widmete, dazu, um die Gemüter vorzubereiten, für mein Schicksal zu interessieren und mir Gönner zu verschaffen. Ich nannte meinen Namen und enthüllte mein Betragen in dem ersten Kloster, das ich bewohnt, erzählte, was ich in dem Elternhause gelitten, die Qualen, die ich im Kloster erduldet hatte, meinen Protest in Sainte-Marie, meinen Aufenthalt in Longchamp, meine Einkleidung, die Ablegung meines Gelübdes, die Grausamkeit, mit der ich behandelt worden, und so weiter, und so weiter. Man beklagte mich und bot mir Hilfe an, und ich nahm mir vor, den guten Willen, den man mir bezeigte, zur Zeit, da ich seiner bedürfen würde, zu benutzen, ohne vor der Hand weitere Erklärungen abzugeben. Im Hause wurde nichts bekannt; ich hatte von Rom die Erlaubnis erhalten, gegen meine Gelübde Einspruch zu erheben, und der Prozeß stand unmittelbar bevor, als man sich noch in tiefster Sicherheit wiegte. Man kann sich die Überraschung unserer Oberin denken, als man ihr im Namen der Schwester Marie-Susanne Simonin einen Protest gegen ihre Gelübde übergab mit dem Ersuchen, das Ordenskleid ablegen, das Kloster verlassen und über sich verfügen zu dürfen, wie es ihr beliebte.

Kaum hatte die Oberin die gerichtliche Zustellung meines Gesuches erhalten, als sie in meine Zelle gestürzt kam und zu mir sagte:

»Wie, Schwester Sainte-Susanne, Sie wollen uns verlassen?«

»Ja, Madame!«

»Und Sie wollen gegen Ihre Gelübde protestieren?«

»Ja, Madame!«

»Haben Sie sie denn nicht freiwillig abgelegt?«

»Nein, Madame!«

»Und wer hat Sie dazu gezwungen?«

»Alles!«

»Ihr Herr Vater?«

»Ja, mein Vater!«

»Ihre Frau Mutter?«

»Ja!«

»Und warum haben Sie nicht am Fuße des Altars protestiert?«

»Ich gehörte mir so wenig selbst an, daß ich mich nicht einmal erinnere, der Ceremonie beigewohnt zu haben.«

»Wie können Sie nur so sprechen?!«

»Ich spreche die Wahrheit!«

»Wie? Sie haben nicht gehört, wie der Priester Sie fragte: Schwester Susanne Simonin, versprechen Sie Gott Gehorsam, Keuschheit und Armut?«

»Ich erinnere mich nicht daran!«

»Sie haben doch mit ›ja‹ geantwortet?«

»Ich habe keine Erinnerung daran!«

»Und Sie bilden sich ein, daß die Leute Ihnen glauben werden?«

»Ob sie mir nun glauben oder nicht, die Thatsache bleibt deshalb doch dieselbe.«

»Teures Kind, bedenken Sie doch, welche Mißbräuche daraus erfolgen würden, wenn man auf solche Vorwände hörte! Sie haben einen unbedachten Schritt gethan und sich von einem Gefühl der Rache hinreißen lassen; Sie haben sich die Strafen zu Herzen genommen, die ich Ihnen auferlegen mußte; Sie haben geglaubt, sie seien hinreichend, um Ihr Gelübde zu brechen, doch Sie haben sich getäuscht, das darf nicht geschehen, weder vor Gott, noch vor den Menschen. Bedenken Sie, daß der Meineid das größte aller Verbrechen ist, daß Sie es in Ihrem Herzen schon begonnen haben und nun im Begriffe stehen, es zu vollenden.«

»Ich werde nicht meineidig werden, denn ich habe nicht geschworen.«

»Wenn man einiges Unrecht gegen Sie begangen hat, ist das nicht wieder gut gemacht worden?«

»Nicht dieses Unrecht hat mich zu dem Entschluß geführt.«

»Was denn?«

»Der Mangel an Beruf, der Mangel an Freiheit!«

»Wenn Sie sich nicht berufen fühlten, warum sagten Sie das nicht, als es noch Zeit war?«

»Was hätte das für einen Zweck gehabt?«

»Warum zeigten Sie nicht dieselbe Festigkeit wie in Sainte-Marie?«

»Hängt die Festigkeit von uns ab? Beim ersten Male war ich gefesselt, beim zweiten war ich geistesabwesend.«

»Warum riefen Sie nicht einen Rechtsgelehrten zu Hilfe? Warum protestierten Sie nicht? Sie hatten doch vierundzwanzig Stunden Zeit, um zurückzutreten.«

»Wußte ich denn etwas von diesen Formalitäten? Und hätte ich etwas davon gewußt, war ich denn imstande, mich ihrer zu bedienen? Haben Sie nicht selbst die Gemütsstörung bemerkt, die sich meiner bemächtigt hatte? Wenn ich Sie nun zum Zeugen nehmen würde, könnten Sie beschwören, daß ich geistig gesund gewesen bin?«

»Ja, das werde ich beschwören.«

»Nun, Madame, so werde nicht ich, sondern Sie meineidig sein.«

»Mein Kind, Sie werden einen unnützen Skandal erregen, seien Sie vernünftig, ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse und dem des Hauses; solche Angelegenheiten werden nicht ohne peinliche Erörterungen ausgetragen.«

»Das wird nicht meine Schuld sein!«

»Die Menschen sind boshaft, man wird die ungünstigsten Vermutungen über Sie anstellen und wird glauben ...«

»Mag man glauben, was man will.«

»Aber sprechen Sie doch aufrichtig zu mir, wenn Sie mit irgend etwas unzufrieden sind, es giebt ja ein Mittel dagegen.«

»Ich war und bin und werde mein ganzes Leben mit meinem Schicksal unzufrieden sein.«

»Sollte der Geist der Verführung, der uns unaufhörlich umgiebt und uns zu verderben sucht, die zu große Freiheit, die man Ihnen seit kurzem bewilligt hat, benutzt haben, um Ihnen eine verhängnisvolle Neigung einzuflößen?«

»Nein, Madame! Sie wissen, ich schwöre nicht ohne Not; und so erkläre ich Ihnen denn vor Gott, mein Herz ist unschuldig und hat nie ein schlechtes Gefühl empfunden.«

»Dann begreife ich Sie nicht.«

»Und doch, Madame, ist nichts leichter zu begreifen. Jeder hat seinen Charakter, und ich habe eben den meinen; Sie lieben das Klosterleben, und ich hasse es. Ich würde hier zu Grunde gehen, denn ich bin und werde stets eine schlechte Nonne sein.«

»Und weshalb? Niemand erfüllt seine Pflichten besser als Sie.«

»Ja, aber nur widerwillig.«

»Um so größer ist Ihr Verdienst.«

»Darüber steht nur mir ein Urteil zu, und ich muß gestehen, daß mein Verdienst gleich Null ist. Ich bin es müde zu heucheln, und mit einem Wort, Madame, ich erkenne als wahre Nonnen nur diejenigen an, die von ihrer Neigung zu dem eingezogenen Leben hier zurückgehalten werden, und die selbst dann hierbleiben würden, wenn weder Mauer, noch Gitter sie einschlössen. Ich gehöre nicht zu dieser Zahl, mein Körper ist hier, doch nicht mein Herz, und müßte ich zwischen Tod und ewiger Einschließung wählen, so würde ich vor dem Sterben nicht zurückbeben.«

»Wie! Sie würden ohne Gewissensbisse diesen Schleier und diese Kleider ablegen?«

»Ja, Madame, denn ich habe sie ohne Überlegung und Freiheit angenommen.«

Meine Antwort versetzte sie in Bestürzung; sie erblaßte und wollte noch weiter sprechen, doch ihre Lippen zitterten, und sie wußte nicht mehr recht, was sie mir sagen sollte. Sie ging erregt in der Zelle auf und ab und rief:

»Oh, mein Gott, was werden unsere Schwestern dazu sagen? Schwester Sainte-Susanne, es ist also Ihr fester Entschluß, Sie wollen uns entehren, uns zum öffentlichen Gespräch machen und zu Grunde richten?«

»Ich will aus diesem Hause heraus!«

»Aber wenn Ihnen nur das Haus mißfällt?«

»Es ist das Haus, mein Beruf, meine Religion; ich will weder hier, noch anderswo eingeschlossen sein.«

»Mein Kind, Sie sind vom Dämon besessen; der böse Geist spricht aus Ihnen. Sehen Sie doch nur, in welchem Zustand Sie sich befinden!«

»Ich warf einen Blick auf meine Kleider, sah, daß sie in Unordnung geraten waren, und daß der Schleier auf meine Schultern gesunken war. Ich war empört über diese Reden der boshaften Oberin, die mit falscher Milde zu mir sprach, und versetzte deshalb unwillig:

»Nein, Madame, nein, ich will diese Kleidung nicht mehr, ich will sie nicht!«

Trotzdem versuchte ich meinen Schleier wieder in Ordnung zu bringen; doch meine Hände zitterten, und je mehr ich mich bemühte, ihn zu entwirren, desto mehr verwirrte ich ihn; da ich ärgerlich geworden war, so ergriff ich ihn heftig, riß ihn ab, warf ihn zur Erde und blieb mit wirren Haaren vor meiner Oberin stehen. Bald jedoch kam ich wieder zu mir, ich erkannte das Unpassende meines Zustandes und die Unklugheit meiner Reden, faßte mich, so gut es ging, hob meinen Schleier auf und legte ihn wieder an; dann wandte ich mich zu ihr und sagte:

»Madame, ich schäme mich meiner Heftigkeit und bitte Sie deshalb um Verzeihung, doch Sie können daraus ersehen, wie wenig der Stand einer Nonne für mich paßt, und wie richtig es ist, wenn ich mich ihm zu entziehen suche.«

Ohne mich anzuhören, erwiderte sie:

»Was wird die Welt, was werden unsere Schwestern dazu sagen?«

»Madame, wollen Sie einen Skandal vermeiden, dazu gäbe es ein Mittel. Ich verlange nicht, daß Sie mir die Thüren öffnen, doch lassen Sie sie heute, morgen, später schlecht bewachen, und entdecken Sie meine Flucht so spät wie möglich.«

»Unglückliche, was wagen Sie mir vorzuschlagen?«

»Einen Rat, den eine gute und kluge Oberin bei allen denen befolgen sollte, für die das Kloster ein Gefängnis ist, und für mich ist es ein tausendmal schlimmeres als diejenigen, in welche man die Missethäter sperrt; ich muß es also verlassen oder darin umkommen. Madame,« fuhr ich mit feierlichem Tone fort, »hören Sie mich an. Wenn die Gesetze, an die ich mich gewendet habe, meine Erwartungen täuschen sollten und ich, von der Verzweiflung getrieben … Sie haben einen Brunnen; es giebt Fenster im Hause … man hat überall Mauern vor sich … ein Kleid, das man zerreißen kann …«

»Halten Sie ein, Unglückselige; wie! Sie könnten …?«

»Ja, ich könnte in Ermangelung von Mitteln, den Leiden des Lebens plötzlich ein Ende zu machen, die Nahrung zurückweisen. Es steht einem frei, zu essen oder zu trinken oder es nicht zu thun …. Wenn ich nun nach dem, was ich Ihnen eben gesagt, den Mut hätte – und Sie wissen, es fehlt mir daran nicht – versetzen Sie sich vor den Richterstuhl Gottes und sagen Sie mir, wer Ihnen schuldiger erscheinen würde, die Nonne oder die Oberin? … Madame, ich verlange nichts von dem Hause und werde nie etwas von ihm verlangen; ersparen Sie mir eine Missethat, ersparen Sie sich lange Gewissensbisse, einigen wir uns ….«

»Wo denken Sie hin, Schwester Susanne, ich sollte die erste meiner Pflichten verletzen, sollte meine Hände zu einem Verbrechen hergeben und an einer Kirchenschändung teilnehmen?«

»Die wahre Kirchenschändung begehe ich tagtäglich, indem ich die geheiligten Gewänder, die ich trage, durch Verachtung entweihe. Nehmen Sie sie mir, ich bin ihrer unwürdig, lassen Sie mir aus dem Dorfe die Lumpen der ärmsten Bäuerin holen und die Pforte öffnen.«

»Und wohin wollen Sie gehen?«

»Das weiß ich nicht!«

»Sie besitzen doch nichts.«

»Das ist wahr, doch die Armut fürchte ich nicht am meisten.«

»Fürchten Sie die Unsittlichkeit, zu der sie verleitet!«

»Die Vergangenheit bürgt mir für die Zukunft; hätte ich auf das Verbrechen hören wollen, so wäre ich jetzt frei. Doch wenn es mir erlaubt ist, dieses Haus zu verlassen, so wird es entweder mit Ihrer Einwilligung oder auf Grund der Gesetze geschehen, die Wahl steht Ihnen frei!«

Diese Unterredung hatte ziemlich lange gedauert, und die Oberin war noch immer nicht mit ihren Bemerkungen am Ende angelangt: »Was wird die Welt, was werden unsere Schwestern dazu sagen?« als uns die Glocke, die uns zum Gottesdienste rief, trennte. Zum Abschied sagte sie zu mir: »Schwester Sainte-Susanne, Sie gehen zur Kirche, bitten Sie Gott, daß er Sie rühre und Ihnen die Neigung für Ihren Beruf wieder zurückgebe; es ist unmöglich, daß er Ihnen keine Vorwürfe machen sollte; vom Gesange entbinde ich Sie!«

Wir stiegen fast zusammen hinunter; der Gottesdienst ging zu Ende und zum Schlusse desselben, als alle Schwestern im Begriff standen, sich zu trennen, klopfte sie auf ihr Gebetbuch und hielt sie zurück, indem sie sagte:

»Meine Schwestern, ich fordere Sie auf, sich am Fuße des Altars niederzuwerfen und das Mitleid Gottes für eine Nonne anzuflehen, die er verlassen hat, die die Neigung und den Geist der Religion verloren hat und im Begriff steht, sich zu einer in Gottes Augen kirchenschänderischen und in den Augen der Menschen schmachvollen Handlung herbeizulassen.«

Die allgemeine Überraschung zu beschreiben, ist mir unmöglich; im Nu hatte eine Jede das Gesicht ihrer Gefährtin betrachtet und suchte die Schuldige an ihrer Verlegenheit zu entdecken. Alle warfen sich nieder und beteten stillschweigend. Nach Verlauf einer ziemlich beträchtlichen Zeit stimmte die Oberin mit heiserer Stimme das Veni Creator an, dann klopfte sie nach einer zweiten Pause auf ihr Gebetbuch, und man verließ die Kirche.

Meine Bittschrift begann in der Gesellschaft Aufsehen zu erregen, und ich erhielt zahlreiche Besuche; die einen machten mir Vorwürfe, die andern gaben mir gute Ratschläge, die einen billigten mein Vorhaben, die andern tadelten es. Nur wenige Personen blieben mir aufrichtig ergeben, darunter Herr Manouri, der meine Angelegenheit übernommen hatte und dem ich mein ganzes Herz ausschütten konnte. Als ich, von den Qualen, mit denen man mich bedrohte, erschreckt, zurückwich, kam mir wieder jener Kerker in den Sinn, in den man mich bereits einmal geworfen hatte. Ich kannte die Wut der Nonnen und teilte meine Ansicht Herrn Manouri mit, der zu mir sagte:

»Es ist unmöglich, Ihnen alle Leiden zu ersparen; Sie werden solche zu erdulden haben und müssen darauf gefaßt sein, deshalb waffnen Sie sich mit Geduld und lassen Sie sich von der Hoffnung aufrecht erhalten, daß diese Qualen ein Ende nehmen werden. Was den Kerker anbetrifft, so verspreche ich Ihnen, daß Sie nicht mehr dahin zurückkehren werden.«

In der That brachte er einige Tage später der Oberin eine Aufforderung, mich jedesmal und so oft vorzuführen, sobald man es von ihr verlangte.

Am nächsten Tage nach dem Gottesdienste wurde ich aufs neue den öffentlichen Gebeten der Klostergemeinschaft empfohlen; man betete stillschweigend und sprach die Hymne vom vorigen Tage. Dieselbe Zeremonie fand am dritten Tage statt mit dem Unterschiede, daß man mir befahl, mich in die Mitte des Chores zu stellen, und die Gebete für die Sterbenden, die Litaneien für die Heiligen mit dem Schlußsatz ora pro ea, herzusagen begann. Am vierten Tage fand ein Mummenschanz statt, der den seltsamen Charakter der Oberin ins rechte Licht stellte. Zum Schluß des Gottesdienstes ließ man mich in einen in der Mitte des Chores stehenden Sarg legen, man stellte Kerzen zu beiden Seiten und einen Weihkessel auf und sprach die Totenmesse, worauf jede Nonne, als sie die Kirche verließ, mich mit Weihwasser besprengte und die Worte dazu sagte: »Requiescat in pace«. Zwei Nonnen hoben sodann das Leichentuch auf, löschten die Kerzen aus und ließen mich, bis auf die Haut vom Wasser durchnäßt, mit dem sie mich boshafterweise bespritzt hatten, liegen. Meine Kleider trockneten an meinem Leibe, denn ich hatte keine zum wechseln. Dieser Qual folgte bald eine andere; die Klostergemeinde kam zusammen, man betrachtete mich wie eine Verworfene, mein Schritt wurde als Abfall angesehen, und man verbot allen Nonnen bei Androhung strenger Strafe, mit mir zu sprechen, mir zu helfen, mir zu nahe zu kommen, ja, auch nur sich der Gegenstände zu bedienen, deren ich mich bedient hatte. Die Gänge in unseren Klöstern sind eng, zwei Personen haben an manchen Stellen Mühe, aneinander vorbeizugehen. Schritt ich nun einen solchen Gang entlang, und kam mir eine Nonne entgegen, so drehte sie sich entweder um, oder drückte sich an die Wand und hielt ihren Schleier und die Kleider fest, aus Furcht, sie könnten die meinen berühren. Hatte man etwas von mir entgegenzunehmen, so stellte ich es auf die Erde, und man nahm es mit einem Tuch; hatte man mir etwas zu geben, so warf man es mir zu. Hatte man das Unglück gehabt, mich zu berühren, so glaubte man sich besudelt, beichtete der Oberin und ließ sich von ihr Absolution erteilen.

Ferner nahm man mir alle meine Ämter ab; in der Kirche ließ man einen Stuhl neben dem, den ich einnahm, zu jeder Seite frei. Ich saß allein im Refektorium an einem Tisch; man trug mir nichts auf, sondern ich war gezwungen, nach der Küche zu gehen und um eine Portion zu bitten. Beim ersten Male rief mir die Schwester Küchenmeisterin zu:

»Treten Sie nicht ein, entfernen Sie sich!«

Ich gehorchte ihr.

Was wollen Sie?«

»Etwas zu essen.«

»Zu essen? Sie sind nicht wert, zu leben.«

Manchmal kehrte ich um und verbrachte den Tag, ohne etwas zu mir zu nehmen, manchmal bestand ich jedoch darauf, und man setzte mir Speisen auf die Schwelle, die man sich geschämt hätte, Tieren zu geben; ich hob sie weinend auf und ging von dannen. Indessen ließen meine Kräfte infolge der geringen Nahrung nach, die schlechte Qualität derer, die ich zu mir nahm, und noch mehr die Qual, die ich infolge so vieler Zeichen von Unmenschlichkeit zu erdulden hatte, trat dazu, und ich fühlte, wenn ich weiter litt, ohne mich zu beklagen, so würde ich das Ende meines Prozesses nicht erleben. Ich beschloß daher, mit der Oberin zu reden, und obwohl ich halbtot vor Angst war, so klopfte ich doch leise an ihre Thür. Sie öffnete mir, wich bei meinem Anblick mehrere Schritte zurück und rief mir zu:

»Abtrünnige, entfernen Sie sich!«

Ich entfernte mich einige Schritte.

»Noch weiter!«

Ich entfernte mich noch weiter.

»Was wollen Sie?«

»Da weder Gott noch die Menschen mich zum Tode verurteilt haben, so wünsche ich, Madame, daß Sie befehlen, daß man mir das zum Leben Notwendige verabreiche.«

»Leben?« sagte sie zu mir, »sind Sie dessen würdig?«

»Das weiß nur Gott; doch ich sage Ihnen im voraus, wenn man mir weiter die Nahrung verweigert, so werde ich gezwungen sein, mich bei denen zu beklagen, die mich unter ihren Schutz genommen haben. Ich bin hier nur ein anvertrautes Gut, bis über mein Schicksal und meinen Stand entschieden sein wird.«

»Gehen Sie,« sagte sie zu mir, »besudeln Sie mich nicht mit Ihren Blicken; ich werde dafür sorgen.«

Ich ging, und sie schloß heftig die Thür. Anscheinend gab sie die nötigen Befehle, doch ich wurde deshalb nicht besser behandelt; man machte sich ein Verdienst daraus, ihr ungehorsam zu sein; man warf mir die gröbsten Speisen vor und verdarb sie noch mit Asche und allerlei Unrat.

Dieses Leben führte ich, solange mein Prozeß dauerte. Das Sprechzimmer war mir nicht vollständig verboten; man konnte mir die Erlaubnis nicht nehmen, mich mit meinen Richtern oder Advokaten zu besprechen; doch auch dieser mußte mehrmals erst Drohungen anwenden, bevor er mich zu Gesicht bekam. Dann begleitete mich eine Schwester, und dieselbe führte Klage, wenn ich leise sprach. Blieb ich lange, so wurde sie ungeduldig, unterbrach mich, strafte mich Lügen, widersprach mir, wiederholte der Oberin meine Reden, veränderte sie, entstellte sie und schob mir Worte unter, die ich gar nicht gesprochen hatte. Man ging soweit, daß man mich bestahl, man plünderte mich förmlich aus, nahm mir meine Stühle, meine Decken und Matratzen, man gab mir keine reine Wäsche mehr; meine Kleider zerrissen, ich war fast ohne Schuhe und Strümpfe. Mit Mühe erhielt ich Wasser, und mehrmals war ich genötigt, selbst an den Brunnen zu gehen. Mehrere Schwestern spieen mir ins Gesicht; ich war schrecklich unreinlich geworden, und da man die Klagen fürchtete, die ich bei unseren Beichtvätern hätte vorbringen können, wurde mir sogar die Beichte untersagt.

An einem großen Festtage, ich glaube, es war der Himmelfahrtstag, ruinierte man mir mein Schlüsselloch, so daß ich nicht zur Messe gehen konnte; und vielleicht hätte ich auch alle anderen Gottesdienste verfehlt, hätte ich nicht den Besuch des Herrn Manouri erhalten, dem man zuerst sagte, man wüßte nicht, was aus mir geworden wäre, man bekäme mich nicht mehr zu Gesicht, und ich erfüllte keine Religionsübungen mehr. Indessen gelang es mir doch mit vieler Mühe, das Schloß loszureißen, und ich begab mich zur Thüre des Chores, die ich verschlossen fand, wie es immer geschah, wenn ich nicht als eine der ersten erschien. Ich lag auf der Erde, den Kopf und den Rücken an eine der Mauern gelehnt, die Arme auf der Brust gekreuzt, und versperrte mit dem übrigen Körper den Zugang. Als der Gottesdienst zu Ende war und die Nonnen hinausgehen wollten, blieb die erste stehen, die anderen traten herzu; die Oberin ahnte, was vorging, und sagte:

»Tretet auf sie, sie ist ja doch nur ein Leichnam!«

Einige gehorchten und traten mich mit Füßen, andere waren weniger unmenschlich, doch keine wagte, mir die Hand zu reichen und mich aufzuheben. Während ich bewußtlos dalag, holte man aus meiner Zelle mein Betpult, das Bildnis unserer Stifterin, die anderen heiligen Bilder und das Kruzifix; man ließ mir nur das, was ich an meinem Rosenkranz trug, doch auch dieses blieb mir nicht lange. Ich lebte zwischen zwei nackten Mauern, in einem Zimmer ohne Thür, ohne Stühle; ich schlief im Stehen oder auf einer Strohmatte. Da meine Zelle nicht mehr schloß, so drang man lärmend während der Nacht ein, schrie, schüttelte mein Bett, zerrte an meinen Fenstern, zerschlug dieselben und spielte mir allen möglichen Schabernack. Der Lärm stieg bis in das darüber gelegene Stockwerk, dröhnte auch nach dem unteren, und diejenigen, die nicht im Komplott waren, sagten, es gingen in meinem Zimmer seltsame Dinge vor, sie hätten düstere Stimmen vernommen, Geschrei, Kettengerassel, ich stände mit Gespenstern und Geistern im Verkehr, und man müßte den Gang, in welchem meine Zelle liege, auf das sorgfältigste meiden.

Es giebt in den Klostergemeinden schwache Köpfe, die das glaubten, was man ihnen sagte, und nicht mehr wagten, an meiner Thür vorbeizugehen; solche machten das Zeichen des Kreuzes, wenn sie mir begegneten und flohen, indem sie zu schreien begannen:

»Satan, weiche von mir, mein Gott, komm mir zu Hilfe!«

Eines Tages ging eine der jüngsten über den Korridor; ich kam ihr entgegen, und es war nicht mehr möglich, mir auszuweichen; da packte sie die schrecklichste Furcht. Zuerst wandte sie das Gesicht zur Mauer und rief mit zitternder Stimme:

»Mein Gott! mein Gott! Jesus Maria!«

Indessen kam ich immer näher; als sie mich ganz in ihrer Nähe fühlte, bedeckte sie das Gesicht mit beiden Händen, stürzte heftig in meine Arme und schrie:

»Zu Hilfe, zu Hilfe, Erbarmen; ich bin verloren; Schwester Sainte-Susannne, thun Sie mir kein Leid an, Schwester Sainte-Susanne, haben Sie Mitleid mit mir ....« Während sie diese Worte sprach, fiel sie halbtot zur Erde nieder. Auf ihr Geschrei kommt man herbeigelaufen und bringt sie fort, und es ist kaum glaublich, wie dieser Vorfall entstellt wurde; man machte daraus das größte Verbrechen von der Welt, behauptete, der Dämon der Unkeuschheit hätte sich meiner bemächtigt und schob mir Absichten, Handlungen unter, die ich nicht zu nennen wage.

Eins aber muß ich erwähnen, und dieser Zug wird noch seltsamer erscheinen, als alles andere: Obgleich ich nichts that, was auf einen gestörten Geist hätte hinweisen können, geschweige denn auf einen vom Teufel besessenen Geist, so berieten sie doch, ob man nicht die Teufelsaustreibung an mir vornehmen sollte, und mit großer Stimmenmehrheit kam man zu der Ansicht, daß der Dämon in mir Hause und mich von der Ausübung religiöser Pflichten zurückhielte. Eine andere fügte hinzu, ich knirsche bei einzelnen Stellen der Predigten mit den Zähnen und zittere in der Kirche. Alle waren der Meinung, es ginge etwas in mir vor, das nicht natürlich wäre, und man müßte den Großvikar davon in Kenntnis setzen, was denn auch geschah.

Dieser Großvikar war ein Herr Hebert, ein bejahrter und erfahrener Mann, heftig, aber gerecht und aufgeklärt. Man schilderte ihm ganz genau die Aufregung, die im Hause herrschte, und die Anklagen waren so stark und mannigfach, daß Herr Hebert trotz seines gesunden Menschenverstandes nicht umhin konnte, ihnen zum Teil näherzutreten und anzunehmen, daß viel Wahres daran sei. Die Sache erschien ihm wichtig genug, um sich persönlich damit zu beschäftigen; er ließ seinen Besuch anmelden und kam in der That in Begleitung zweier junger Geistlichen, die ihn in seiner schweren Pflicht unterstützten.

Einige Tage vorher hörte ich, wie man in der Nacht leise in mein Zimmer trat. Ich sagte nichts, erwartete, daß man zu mir sprach, und man rief mir wirklich mit leiser und zitternder Stimme zu:

»Schwester Sainte-Susanne, schlafen Sie?«

»Nein, ich schlafe nicht; wer ist da?«

»Ich bin's!«

»Wer sind Sie?«

»Ihre Freundin, die vor Angst stirbt und sich selbst der Gefahr aussetzt, um Ihnen einen vielleicht ganz unnützen Rat zu erteilen. Hören Sie: morgen oder übermorgen wird der Großvikar erscheinen; Sie werden angeklagt werden. Bereiten Sie sich deshalb auf Ihre Verteidigung vor. Leben Sie wohl, haben Sie Mut und der Herr sei mit Ihnen.«

Nachdem sie diese Worte gesprochen, entfernte sie sich mit der Leichtigkeit eines Schattens.

Indessen wurde mein Prozeß eifrig betrieben; eine Menge Personen jedes Standes, jedes Geschlechts, jedes Gewerbes, die ich gar nicht kannte, interessierten sich für mein Schicksal und verwandten sich für mich.

Ich benutzte den Rat meiner Freundin, um den Beistand Gottes anzustehen, meine Seele zu beruhigen und mich aus meine Verteidigung vorzubereiten. Ich bat den Himmel nur um das Glück, gefragt und unparteiisch angehört zu werden. Wenn es in meinem Interesse war, vor meinen Richtern unschuldig und klug zu erscheinen, so war es für meine Oberin ebenso wichtig, daß man mich als boshaft, vom Dämon besessen, schuldig und wahnsinnig erblicken sollte. Wahrend ich daher meine Inbrunst und meine Gebete verdoppelte, verdoppelte man auch die Bosheiten; man gab mir als Nahrung nur das Notwendigste, um mich nicht vor Hunger sterben zu lassen; man überhäufte mich mit Schmähungen, man beraubte mich vollständig der Nachtruhe; alles, was die Gesundheit vernichten und den Geist zerstören kann, wurde ins Werk gesetzt. Eines Tages, als ich meine Zelle verließ, um zur Kirche zu gehen, bemerkte ich, als ich den Gang durchschritt, auf der Erde eine Zange; ich beugte mich, um sie aufzuheben und sie so hinzulegen, daß die, die sie verloren hatte, sie leicht wieder finden konnte. Das Tageslicht hinderte mich, zu sehen, daß sie fast rotglühend war; ich erfaßte sie, doch als ich sie wieder fallen ließ, riß sie mir auf der Innenseite meiner Hand die ganze Haut mit fort. Man stellte in der Nacht, an Orten, wo ich vorbeigehen mußte, Hindernisse auf, sowohl zu meinen Füßen, als auch in der Höhe meines Kopfes, so daß ich mich wohl hundertmal verletzt habe und mich wundere, wie ich dabei nicht umgekommen bin. Ich hatte kein Licht und war stets genötigt, unter Zittern und Beben mit ausgestreckten Händen durch die Gänge zu schreiten. Kurz und gut, es war hohe Zeit, daß der Archidiakon erschien, es war Zeit, daß mein Prozeß zu Ende ging!

An dem Tage, da der Großvikar erwartet wurde, trat die Oberin schon am frühen Morgen in meine Zelle. Sie war von drei Schwestern begleitet; die eine trug einen Weihkessel, die andere ein Kruzifix, die dritte Stricke. Die Oberin sagte mit starker und drohender Stimme zu mir:

»Stehen Sie auf, werfen Sie sich auf die Kniee, und empfehlen Sie Ihre Seele Gott!«

»Madame,« versetzte ich, »bevor ich Ihnen gehorche, möchte ich Sie fragen, was mit mir geschehen soll, was Sie über mich beschlossen haben, und was ich von Gott erflehen soll?«

Ein kalter Schweiß floß mir über den ganzen Körper; ich zitterte und fühlte, wie meine Kniee unter mir zusammenbrachen. Entsetzt betrachtete ich die unheilverkündenden Begleiterinnen; sie standen in derselben Linie, mit düsterem Gesicht, zusammengepreßten Lippen und geschlossenen Augen. Ich glaubte, aus dem Schweigen, das man beobachtete, entnehmen zu dürfen, man hätte mich nicht gehört; ich wiederholte die letzten Worte dieser Frage, denn sie ganz zu wiederholen, hatte ich nicht die Kraft. Daher sprach ich mit schwacher und erlöschender Stimme:

»Um welche Gnade soll ich Gott bitten?«

»Bitten Sie ihn um die Verzeihung Ihrer Sünden Ihres ganzen Lebens,« sagte man mir, »sprechen Sie zu ihm, als ständen Sie im Begriff, vor ihm zu erscheinen.«

Bei diesen Worten glaubte ich, sie hätten Rat gehalten und beschlossen, sich meiner zu entledigen. Ich hatte wohl gehört, daß das manchmal in gewissen Mönchsklöstern vorkäme, daß diese richteten, verurteilten und mit dem Tode bestraften; doch glaubte ich nicht, daß diese ungerechte Rechtsprechung jemals in einem Frauenkloster ausgeübt worden wäre. Bei diesem Gedanken des bevorstehenden Todes wollte ich aufschreien, doch mein Mund blieb offen stehen, und kein Ton kam heraus. Flehend streckte ich der Oberin die Arme entgegen, und mein zusammensinkender Körper neigte sich nach hinten über; ich fiel, doch mein Sturz war nicht hart. Ich verlor das Bewußtsein und das Gefühl und hörte nur unklare Stimmen um mich herumsurren; entweder sprachen sie wirklich, oder die Ohren klangen mir nur. Ich unterschied nichts als das Summen, welches immer noch andauerte. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb; doch ich wurde von einer plötzlichen Frische demselben entrissen, die mir ein leichtes Jucken verursachte. Ich war von Wasser durchnäßt, das von meinen Kleidern zur Erde tropfte und aus dem großen Weihkessel stammte, den man mir über den Leib gegossen hatte; ich lag auf der Seite in dem Wasser ausgestreckt, den Kopf gegen die Mauer gelehnt, mit halb geöffnetem Munde und halb geschlossenen, toten Augen; ich suchte sie zu öffnen und um mich zu blicken, doch es war mir, als werde ich von einer dichten Luft eingehüllt, durch die ich flatternde Gewänder sah, an die ich mich anzuklammern suchte, ohne dazu imstande zu sein. Ich machte eine Bewegung, um den Arm zu erheben, auf dem ich nicht lag, doch er war mir zu schwer. Meine übergroße Schwäche wurde nach und nach geringer, ich erhob mich und lehnte den Rücken gegen die Wand, die beiden Hände hatte ich im Wasser, den Kopf auf die Brust gelehnt, und stieß klägliche, unartikulierte Klagelaute aus. Die Weiber sahen mich mit einer Miene an, die mir den Mut nahm, sie anzustehen, und die Oberin sagte:

»Man stelle sie auf die Füße!«

Man packte mich unter den Armen, und sie fuhr fort:

»Da sie sich nicht Gott befehlen will, um so schlimmer für sie! Ihr wißt, was Ihr zu thun habt, macht ein Ende.«

Ich glaubte, die Stricke, die man hergebracht, waren dazu bestimmt, mich zu erdrosseln; ich betrachtete sie, und meine Augen füllten sich mit Thränen. Ich bat sie, mich das Kruzifix küssen zu lassen, doch man verweigerte es mir. Ich bat um die Erlaubnis, die Stricke zu küssen; man reichte sie mir hin. Ich beugte mich, ergriff den Rosenkranz der Oberin, küßte ihn und sagte:

»Mein Gott, habe Mitleid mit mir; mein Gott, habe Mitleid mit mir. Meine teuren Schwestern, laßt mich nicht allzulange leiden.«

Mit diesen Worten hielt ich meinen Hals hin. Ich kann jetzt nicht sagen, was mit mir geschah, oder was man mir anthat, denn ich fand mich wieder auf der Strohmatte, die mir als Bett diente, die Arme auf den Rücken gebunden, und einen großen eisernen Christus auf den Knieen.

Indessen kehrte die Oberin mit ihren Gefährtinnen zurück; sie fanden mich in besserer Geistesverfassung, als sie erwartet hatten und als ihnen zweckmäßig erschien. Sie hoben mich auf, man legte mir den Schleier über das Gesicht; zwei nahmen mich unter die Arme, eine dritte stieß mich von hinten, und die Oberin befahl mir, vorwärts zu gehen. Ich ging, ohne zu sehen, wohin ich ging, doch ich glaubte man führe mich zur Richtstätte, und darum murmelte ich:

»Mein Gott, habe Mitleid mit mir; mein Gott, hilf mir; mein Gott, verlaß mich nicht; mein Gott, verzeihe mir, wenn ich dich beleidigt habe.«

Ich kam nach der Kirche, wo der Großvikar die Messe celebriert hatte. Die Klostergemeinde war anwesend, und man führte mich vor die Stufen des Altars. Mit Mühe hielt ich mich aufrecht, und man stieß mich zur Erde, als hätte ich mich geweigert, niederzuknieen; dann hielt man mich fest, als hätte ich die Absicht gehabt, zu fliehen. Man sang das »Veni creator« und stellte das heilige Sakrament aus, dann erteilte man den Segen, bei dem man sich inbrünstig verneigt; diejenigen, die mich bei den Armen gepackt, beugten mich scheinbar mit Gewalt nieder, und die anderen drückten mit den Armen auf meine Schulter. Ich fühlte diese verschiedenen Bewegungen, doch es war mir unmöglich, den Zweck derselben einzusehen; endlich jedoch klärte sich alles auf.

Nach dem Segen legte der Großvikar das Meßgewand ab und behielt nur Chorhemd und Stola, dann schritt er nach den Stufen des Altars, wo ich auf den Knieen lag; er stand zwischen den beiden Geistlichen, den Rücken dem Altar zugewendet, auf dem das heilige Sakrament ausgestellt war, und mit dem Gesicht nach meiner Seite. Dann näherte er sich mir und sagte:

»Schwester Sainte-Susanne, erheben Sie sich!«

Die Schwestern, welche mich hielten, rissen mich heftig in die Höhe, andere umringten mich und faßten mich um die Taille, als hätten sie Furcht gehabt, ich könnte entfliehen. Dann fügte er hinzu: »Man binde sie los!« Man gehorchte ihm nicht, sondern that, als hielte man es für unpassend oder gar gefährlich, mich frei zu lassen, und so wiederholte er denn mit harter und fester Stimme: »Man binde sie los!« Diesmal gehorchte man.

Kaum hatte ich die Hände frei, als ich einen schmerzlichen und schneidenden Klageruf ausstieß, der ihn erbleichen ließ; und die heuchlerischen Nonnen, die sich mir genähert hatten, wichen wie entsetzt zur Seite. Er faßte sich, die Schwestern kamen, gleichsam zitternd, zurück; ich blieb unbeweglich, und er sprach zu mir:

»Was ist Ihnen denn?«

Ich antwortete ihm nur, indem ich ihm meine beiden Hände zeigte; der Strick, mit dem man sie gefesselt, war mir fast vollständig ins Fleisch gedrungen, und sie waren ganz violett vom Blut, das nicht mehr zirkulierte und aus den Gefäßen getreten war. Er erkannte, daß mein Klageruf von dem plötzlichen Schmerze herrührte, den mir das wieder seinen Lauf aufnehmende Blut verursachte. »Man nehme ihr den Schleier ab«, fuhr er fort. Ohne daß ich es bemerkt hätte, hatte man denselben auf verschiedenen Stellen festgenäht; erst nach vielem Hin- und Herzerren gab der Faden an einigen Stellen nach, und mein Kleid und der Schleier zerrissen. Ich habe ein interessantes Gesicht, dessen Schönheit der tiefe Schmerz beeinträchtigt hatte, ohne ihm jedoch etwas von seinem Charakter zu nehmen. Ich habe eine rührende Stimme; man fühlt, daß mein Ausdruck der der Wahrheit ist. Diese Eigenschaften machten einen starken Eindruck des Mitleids auf die Gefährten des Archidiakon; was ihn selbst anbetraf, so kannte er diese Gefühle nicht; er war gerecht, aber wenig empfindlich, und gehörte zu denen, die unglücklich genug geboren sind, die Tugend auszuüben, ohne ihre Wonne zu empfinden. Er nahm den Ärmel seiner Stola, legte ihn mir auf den Kopf und sagte:

»Schwester Susanne, glauben Sie an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist?«

»Ja, ich glaube daran,« versetzte ich.

»Glauben Sie an unsere Mutter, die heilige Kirche?«

»Ja, ich glaube daran!«

»Entsagen Sie Satan und seinen Werken?«

Anstatt zu antworten, machte ich eine plötzliche Bewegung nach vorn, stieß einen lauten Schrei aus, wobei das Ende seiner Stola von meinem Kopfe fiel. Er wurde verwirrt, seine Gefährten erblaßten; ein Teil der Schwestern entfloh, während die anderen, die in ihren Betstühlen saßen, dieselben mit größtem Lärm verließen. Er machte ein Zeichen, man möchte sich beruhigen, und sah mich indessen an, denn er erwartete etwas Außergewöhnliches. Ich beruhigte ihn, indem ich sagte: »Mein Herr, es ist nichts; eine der Nonnen hat mich heftig mit einem scharfen Gegenstand gestochen.« Dabei erhob ich die Augen und Hände gen Himmel und fügte unter Thränen hinzu: »Man hat mich in dem Augenblick verletzt, da Sie mich fragten, ob ich Satan und seinen Werken entsage, und ich sehe jetzt, warum man es gethan.«

Alle erklärten durch den Mund der Oberin, man hätte mich nicht angerührt. Der Archidiakon legte mir wieder den Ärmel seiner Stola auf den Kopf; die Nonnen wollten wieder näher treten, doch er gab ihnen ein Zeichen, sich zu entfernen; dann fragte er von neuem, ob ich Satan und seinen Werken entsage, und ich erwiederte mit fester Summe:

»Ja, ich entsage ihm.«

Er ließ sich ein Kruzifix bringen und hielt es mir zum Kusse hin; ich küßte es auf die Füße, auf die Hände und auf die Seitenwunden. Er befahl mir, es mit lauter Stimme anzubeten; ich warf mich zur Erde und sprach:

»Mein Gott, mein Erlöser, der Du am Kreuze für meine Sünden und für alle Sünden des Menschengeschlechts gestorben bist, laß einen Tropfen des Blutes, das Du vergossen hast, auf mich fließen, auf daß ich geläutert werde. Verzeihe mir, mein Gott, wie ich allen meinen Feinden verzeihe.«

»Sprechen Sie die Worte des Glaubens aus«, sagte er zu mir, und ich that es. »Sprechen Sie die Worte der Liebe«, und ich that es ebenfalls. »Sprechen Sie Worte des Mitleids«, und auch das that ich. Ich erinnere mich nicht, in welchen Ausdrücken sie abgefaßt waren, doch ich glaube, sie sind sehr ergreifend gewesen, denn ich entlockte einigen Nonnen Schluchzen und Thränen, die beiden jungen Geistlichen weinten, und der Archidiakon fragte mich erstaunt, woher ich die Gebete hätte, die ich eben ausgesprochen.«

»Aus dem tiefsten Grunde meines Herzens,« erwiderte ich ihm; das sind meine Gedanken und Gefühle; ich rufe Gott zum Zeugen an, der uns überall hört und auf diesem Altar gegenwärtig ist. Wenn ich einige Fehler begangen habe, so kennt Gott sie allein, und nur er hat ein Recht, Rechenschaft von mir zu fordern und mich zu bestrafen.«

Bei diesen Worten warf ich einen schrecklichen Blick auf die Oberin.

Der Rest dieser Ceremonie ging zu Ende, und die Nonnen zogen sich zurück bis auf die Oberin und die jungen Geistlichen. Der Archidiakon setzte sich, zog die Denkschrift, die man ihm gegen mich eingereicht, hervor, las sie mit lauter Stimme vor, und fragte mich dann:

»Warum beichten Sie nicht?«

»Weil man mich daran verhindert!«

»Warum gehen Sie nicht zum Abendmahl?«

»Weil man mich daran verhindert!«

»Weshalb wohnen Sie weder der Messe, noch den Gottesdiensten bei?«

»Weil man mich daran verhindert!«

Die Oberin wollte das Wort ergreifen, doch er sagte zu ihr in seinem schroffen Tone:

»Schweigen Sie, Madame .... Warum verlassen Sie nachts Ihre Zelle?«

»Weil man mich des Wassers, der Waschschüssel und anderer notwendigen Gegenstände beraubt hat.«

»Warum hört man nachts in Ihrer Zelle Geräusch?«

»Weil man sich vorgenommen hat, mir die Ruhe zu rauben.«

Die Oberin wollte wieder sprechen, doch er sagte ihr zum zweiten Male:

»Madame, ich habe Ihnen bereits einmal gesagt. Sie möchten schweigen; Sie werden antworten, wenn ich Sie frage ...«

»Wie kommt es, daß man Ihnen eine Nonne aus den Händen gerissen hat, die man in einem Korridor an der Erde liegend fand?«

»Das ist infolge des Entsetzens geschehen, das man ihr vor mir eingeflößt hat.«

»Ist sie Ihre Freundin?«

»Nein, mein Herr.«

»Haben Sie nie ihre Zelle betreten?«

»Niemals!«

»Weshalb hat man Sie gefesselt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Weshalb schließt Ihre Zelle nicht?«

»Weil ich das Schloß erbrochen habe.«

»Weshalb haben Sie das gethan?«

»Um mir die Thür zu öffnen und am Himmelfahrtstage dem Gottesdienste beiwohnen zu können.«

»Sie haben sich also an jenem Tage in der Kirche gezeigt?«

»Ja, mein Herr.«

»Warum haben Sie weder Rosenkranz, noch Kruzifix?«

»Weil man sie mir genommen hat.«

»Wo ist Ihr Gebetbuch?«

»Dies hat man mir ebenfalls genommen.«

»Wie beten Sie denn?«

»Ich spreche mein Gebet nach meinem Herzen und meinem Geiste, obwohl man mir zu beten verboten hat.«

»Wer hat Ihnen das verboten?«

»Madame!«

Die Oberin wollte wieder sprechen, doch er sagte zu ihr:

»Madame, ist es wahr oder unwahr, daß Sie ihr verboten haben, zu beten? Sagen Sie ja oder nein!«

»Ich glaubte, ich hätte recht, anzunehmen ...«

»Darum handelt es sich nicht; haben Sie ihr verboten, zu beten? Ja oder nein!«

»Ich habe es ihr verboten, aber ...«

Sie wollte noch weiter sprechen, doch der Archidiakon fuhr fort:

»Schwester Susanne, warum gehen Sie barfuß?«

»Weil man mir weder Schuhe noch Strümpfe liefert!«

»Warum sind Ihre Wäsche und Kleider in diesem Zustande der Unsauberkeit?«

»Weil man mir seit mehr als drei Monaten Wäsche verweigert und ich gezwungen bin, in meinen Kleidern zu schlafen ... weil ich weder Vorhänge, noch Matrazen, Decken, noch Tücher, noch Notwäsche besitze.«

»Warum haben Sie nichts dergleichen?«

»Weil man mir alles genommen hat.«

»Bekommen Sie hinreichende Nahrung?«

»Ich bitte darum, daß es geschehe.«

»Sie werden also nicht genügend ernährt?«

Ich schwieg, und er fuhr fort:

»Es ist unglaublich, daß man so streng mit Ihnen verfahren ist, ohne daß Sie irgend einen Fehltritt begangen haben.«

»Mein Fehltritt besteht darin, daß ich mich nicht zum religiösen Stande berufen fühle, und daß ich gegen die Gelübde protestiert habe, die ich nicht freiwillig abgelegt.«

»Es ist Sache der Gesetze, über diese Angelegenheit zu entscheiden, und wie sie sich aussprechen mögen. Sie müssen doch noch weiter die Pflichten des religiösen Lebens erfüllen.«

»Niemand, mein Herr, ist darin pünktlicher als ich.«

»Haben Sie sich über jemand zu beklagen?«

»Nein, mein Herr, ich habe es Ihnen bereits gesagt, ich bin nicht hierhergekommen, um anzuklagen, sondern um mich zu verteidigen.«

»Gehen Sie!«

»Mein Herr, wohin soll ich gehen?«

»In Ihre Zelle.«

Ich that einige Schritte, dann kehrte ich um und warf mich zu den Füßen der Oberin und des Archidiakon nieder.

»Nun, was giebt's?« fragte er.

»Sehen Sie selbst,« sagte ich zu ihm, indem ich auf meinen an mehreren Stellen verletzten Kopf, auf meine blutigen Füße, meine geschundenen Arme und meine schmutzige und zerrissene Kleidung deutete.

»Gehen Sie«, sagte der Archidiakon zu mir.

Einer der Geistlichen gab mir die Hand, um mich aufzuheben, und der Archidiakon fuhr fort:

»Ich habe Sie verhört; jetzt werde ich Ihre Oberin verhören und werde diesen Ort nicht eher verlassen, als bis die Ordnung wieder hergestellt ist.«

Ich zog mich zurück und fand das ganze Haus in Aufregung; alle Nonnen standen vor ihren Zellen; doch sobald ich erschien, verschwanden sie, und ich hörte ein langes Geräusch von sich schließenden Thüren, die heftig zugeworfen wurden. Ich kehrte in meine Zelle zurück, warf mich wieder auf die Kniee und bat Gott, mir die Mäßigung, mit der ich zu dem Archidiakon gesprochen, zu bewahren und ihm meine Unschuld und die Wahrheit kundzuthun. Ich betete, als der Archidiakon und die Oberin in meiner Zelle erschienen. Schnell erhob ich mich. Der Archidiakon blieb stehen, warf der Oberin entrüstete Blicke zu und sagte:

»Nun, Madame?«

»Das wußte ich nicht,« versetzte sie.

»Sie wußten es nicht? Sie lügen! Sind Sie nicht jeden Tag hier eingetreten, und kamen Sie nicht erst vorhin von hier? ... Schwester Susanne sprechen Sie! Ist Madame heute bei Ihnen gewesen?«

Ich gab keine Antwort, und er bestand nicht weiter auf seiner Frage; doch die jungen Geistlichen zeigten die größte Überraschung. Alle gingen hinaus, und ich hörte, wie der Archidiakon auf dem Gange sagte:

»Sie sind unwürdig, Ihr Amt auszuüben und verdienten abgesetzt zu werden. Ich werde beim Erzbischof Klage führen; diese Unordnung muß aufhören, bevor ich dieses Haus verlasse.«

Seit diesem Augenblicke hörte ich nichts weiter mehr, doch ich bekam Wäsche, andere Kleider, Betten, Tücher, Gefäße, ein Gebetbuch, einen Rosenkranz, ein Kruzifix, Fensterscheiben, mit einem Worte alles wieder, was mich in den gewöhnlichen Zustand der Nonnen zurückversetzte.

Was meine Angelegenheiten betraf, so stand es um dieselben nicht besonders günstig. Herr Manouri veröffentlichte eine erste Denkschrift, die wenig Aufsehen erregte, weil sie zu viel Geist, nicht genügend Pathos und fast gar keine Gründe enthielt. Doch man darf diesem geschickten Advokaten keinen Vorwurf machen, denn ich wollte um keinen Preis, daß er den Ruf meiner Eltern angriffe; ich wünschte, daß er den geistlichen Stand und namentlich das Haus, in dem ich mich befand, schone; ich wollte nicht, daß er meine Schwestern und meine Schwager in allzu verhaßten Farben schildere.

Herr Manouri veröffentlichte eine zweite Denkschrift, die eine größere Wirkung erzielte. Man nahm sich meiner lebhaft an. Noch einmal erbot ich mich, meinen Schwestern den vollständigen und ungeschmälerten Besitz der Hinterlassen' schaft meiner Eltern zu überlassen. Einen Augenblick nahm mein Prozeß die günstigste Wendung, und ich hoffte, frei zu werden, doch ich wurde nur um so grausamer enttäuscht; meine Angelegenheit wurde in öffentlicher Sitzung verhandelt und zu meinen Ungunsten entschieden. Die ganze Klostergemeinschaft war davon unterrichtet, nur ich wußte davon nichts. Das war eine Aufregung, ein Tumult, eine Freude; bei der Oberin ging es hin und her; kleine heimliche Unterredungen fanden statt, und die Nonnen liefen von einer Zelle in die andere. Ich zitterte am ganzen Leibe, konnte weder in meiner Zelle bleiben, noch sie verlassen; dazu hatte ich nicht eine Freundin, in deren Arme ich mich hätte werfen können. Ich wollte beten und war dazu nicht im stande; ich warf mich auf die Kniee, sammelte mich und begann ein Gebet; doch bald wurde mein Geist unwillkürlich unter meine Richter versetzt; ich sah sie vor mir, ich hörte die Advokaten, ich wandte mich an sie, unterbrach den meinigen und fand, daß meine Sache schlecht verteidigt wurde. Endlich machte der Lärm einem tiefen Schweigen Platz; die Nonnen sprachen nicht mehr zu einander, und es kam mir vor, als hätten sie im Chor hellere Stimmen als gewöhnlich. Als der Gottesdienst zu Ende war, zogen sie sich schweigend zurück, und ich redete mir ein, daß die Erwartung sie ebenso beunruhige, als mich; doch nachmittags begann der Lärm und die Bewegung plötzlich wieder auf allen Seiten; ich hörte, wie sich Thüren öffneten und schlossen, wie die Nonnen hin- und her eilten, auch vernahm ich das Murmeln leise sprechender Personen.

Ich legte das Ohr an mein Schlüsselloch, doch es war mir, als schwiege man und ginge auf den Fußspitzen, wenn man an meiner Thür vorüberkam. Ich ahnte, daß ich meinen Prozeß verloren hatte, und zweifelte keinen Augenblick daran. Ich begann, ohne zu sprechen, in meiner Zelle hin und her zu gehen; ich erstickte, konnte keine Klage herausbringen, und lehnte die Stirn bald gegen die eine Wand, bald gegen die andere; ich wollte mich auf meinem Bette ausruhen, doch ein starkes Herzklopfen hinderte mich daran. In diesem Zustand befand ich mich, als man mir sagte, es wünsche mich jemand zu sprechen. Ich ging hinunter, wagte aber nicht weiter zu gehen, denn diejenige, die mich benachrichtigte war so heiter, daß ich glaubte, die Nachricht, die man mir brachte, könnte nur sehr traurig sein; dennoch ging ich. Vor der Thür des Sprechzimmers angelangt, blieb ich stehen und verbarg mich in einem Winkel; ich vermochte nicht, mich aufrecht zu halten; dennoch trat ich nach einiger Zeit ein. Es war niemand da, und ich wartete; man hatte den, der mich rufen ließ, verhindert, vor mir zu erscheinen, man ahnte wohl, es wäre ein Bote meines Advokaten: man wollte wissen, was zwischen uns verhandelt würde, und war zusammengekommen, um zuzuhören. Als er sich zeigte, saß ich, den Kopf auf meinen Arm gestützt und mich an die Gitterstäbe lehnend.

»Ich komme im Auftrage des Herrn Manouri«, sagte er zu mir.

»Er will mir gewiß mitteilen, daß ich meinen Prozeß verloren habe«, versetzte ich.

»Madame, davon weiß ich nichts; er hat mir diesen Brief gegeben und sah sehr betrübt aus, als er mich damit beauftragte; ich bin in aller Eile hergesprengt, wie er es mir befohlen hat.«

»Geben Sie!«

Er reichte mir den Brief; ich nahm ihn, ohne ihn anzusehen oder mich vom Flecke zu rühren. Ich legte ihn auf meine Kniee und blieb unbeweglich.

»Soll ich eine Antwort bestellen?« fragte der Bote.

»Nein«, erwiderte ich ihm, »gehen Sie nur!«

Er ging, und ich behielt dieselbe Stellung bei, denn ich konnte mich nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen.

Es ist im Kloster ohne Erlaubnis der Oberin weder gestattet, Briefe zu schreiben, noch solche zu empfangen; man übergiebt ihr die, die man erhält, und auch die, die man schreibt. Ich mußte ihr also den meinigen bringen. Zu diesem Zweck machte ich mich aus den Weg, doch ich glaubte, ich würde nie ans Ziel gelangen. Endlich stand ich vor der Thür, ich klopfte, und man öffnete. Die Oberin hatte Besuch, es waren einige Nonnen bei ihr. Mit zitternder Hand gab ich ihr den Brief; sie las ihn und gab ihn mir zurück. Ich ging wieder in meine Zelle, warf mich auf mein Bett, meinen Brief neben mir, und blieb dort liegen, ohne ihn zu lesen, ohne mich zum Essen zu begeben, ohne bis zum Nachmittag-Gottesdienste auch nur die geringste Bewegung zu machen. Um 3 1/2 Uhr rief mich die Glocke, und ich ging hinunter. Es waren bereits einige Nonnen angelangt; die Oberin stand am Eingange des Chores, sie hielt mich an und befahl mir, mich draußen auf die Kniee zu werfen, während die übrige Klostergemeinde eintrat, und die Thür sich schloß. Nach dem Gottesdienst kamen sie alle heraus; ich ließ sie vorübergehen und erhob mich, um ihnen als letzte zu folgen. Von diesem Augenblick an begann ich, mich selbst zu allem zu verurteilen, was man von mir verlangte; man hatte mir den Besuch der Kirche untersagt, und so untersagte ich mir selbst das Refektorium und die Erholung. Ich erhielt einige Besuche, doch man gestattete mir nur, den des Herrn Manouri anzunehmen. Als ich in das Sprechzimmer trat, erkannte ich ihn sofort, sagte aber kein Wort zu ihm, und auch er wagte mich weder anzusehen, noch mit mir zu reden.

»Madame«, sagte er nach einer Pause, »ich habe Ihnen geschrieben; Sie haben meinen Brief gelesen?«

»Ich habe ihn erhalten, doch gelesen habe ich ihn nicht.«

»Sie wissen also nicht?«

»Doch, mein Herr, ich habe mein Schicksal erraten und mich in dasselbe gefügt.«

»Wie behandelt man Sie jetzt?«

»Noch denkt man nicht an mich; doch die Vergangenheit sagt mir, was die Zukunft mir bieten wird .... Ich habe nur einen Trost; ich werde bald sterben.«

»Madame«, sagte er weinend zu mir, »wären Sie meine eigene Schwester gewesen, ich hätte nicht mehr thun können.«

Ich schwieg.

»Madame«, fuhr er fort, »wenn ich Ihnen in irgend einer Weise nützlich sein kann, verfügen Sie über mich. Ich werde den ersten Präsidenten aufsuchen, ich werde von ihm geschätzt; auch werde ich mit den Großvikaren und dem Erzbischof sprechen.«

»Mein Herr, suchen Sie meinetwegen niemand auf; es ist alles vorbei.«

»Doch wenn man Sie in ein anderes Haus bringen könnte?«

»Das ist mit zu viel Hindernissen verknüpft.«

»Aber, Madame, Sie haben viele ehrenwerte Leute interessiert, die meisten sind reich; man wird Sie hier nicht zurückhalten, wenn Sie das Haus verlassen, ohne etwas mitzunehmen.«

»Das glaube ich wohl.«

»Eine Nonne, welche ihr Kloster verläßt oder stirbt, vermehrt den Reichtum der Zurückbleibenden.«

»Doch diese ehrenwerten und reichen Leute denken nicht mehr an mich; Sie werden sie kälter finden, wenn es sich darum handelt, mich auf ihre Kosten auszustatten.«

»Madame, betrauen Sie mich nur mit dieser Angelegenheit, ich werde darin mehr Glück haben.«

»Ich verlange nichts mehr, ich hoffe nichts mehr und widersetze mich auch in keiner Weise, denn mein Los ist zu entsetzlich. Oh wie furchtbar ist es doch, auf ewig Nonne zu sein und doch zu fühlen, daß man stets nur eine schlechte Nonne sein wird, sein ganzes Leben damit zuzubringen, mit seinem Kopf an Gitterstäbe anzurennen ...«

Bei dieser Stelle der Unterredung begann ich in lautes Geschrei auszubrechen, das ich ersticken wollte, doch war ich dazu nicht imstande. Überrascht über diese Aufregung sagte Herr Manouri zu mir:

»Madame, darf ich es wagen, eine Frage an Sie zu stellen?«

»Fragen sie, mein Herr!«

»Sollte ein so heftiger Schmerz nicht einen geheimen Grund haben?«

»Nein, mein Herr; ich hasse das einsame Leben, ich fühle, daß ich es hasse und stets hassen werde. Wohl hundertmal habe ich den Versuch gemacht, mich zu zwingen, ich vermag es nicht. Ich thue alles schlecht, ich spreche alles verkehrt, der Mangel an innerem Beruf tritt in allen meinen Handlungen zu Tage.«

»Madame, Sie müssen in ein anderes Haus; und ich werde dafür sorgen. Ich werde Sie wieder aufsuchen und hoffe, daß man Sie nicht vor mir verstecken wird; Sie werden stets von mir hören. Seien Sie überzeugt, daß es mir gelingen wird, Sie von hier fortzubringen, wenn Sie nur einwilligen.... Wenn man zu streng gegen Sie verfahren sollte, so lassen Sie es mich sofort wissen.«

Es war spät, als Herr Manouri Abschied nahm. Ich kehrte in meine Zelle zurück; bald läutete es zum Abendgottesdienst. Ich kam als eine der ersten, ließ die Nonnen vorübergehen und ließ es mir gesagt sein, daß ich vor der Thür bleiben müßte, und in der That schloß die Oberin die Thür hinter mir. Beim Abendessen gab sie mir ein Zeichen, mich an die Erde mitten im Refektorium niederzusetzen; ich gehorchte, und man gab mir nur Wasser und Brot; ich aß davon ein wenig und vergoß dazu bittere Thränen. Am nächsten Tage hielt man Rat; die ganze Klostergemeinschaft wurde herbeigerufen, und man verurteilte mich, einen Monat lang die Messe an der Chorthür anzuhören, mitten im Refektorium an der Erde zu essen, mein Gelübde und meine Einkleidung zu erneuern, drei Tage hintereinander Kirchenbuße zu thun, mich zu geißeln, von zwei Tagen einen zu fasten und mich alle Freitag abend nach dem Gottesdienst zu kasteien. Ich lag auf den Knieen, mit herabgelassenem Schleier, während man mir dieses Urteil verkündete.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.