Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Denis Diderot >

Die Nonne

Denis Diderot: Die Nonne - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorDenis Diderot
titleDie Nonne
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
seriesBibliothek des 17. und 18. Jahrhunderts
printrunZweite Auflage
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid5a477946
Schließen

Navigation:

Man beschuldigte mich, meine Vorgängerin behext zu haben, die neue Oberin glaubte es, und mein Kummer begann von neuem. Der neue Beichtvater wird ebenfalls von seinen Vorgesetzten verfolgt und rät mir, aus dem Hause zu entfliehen.

Meine Flucht wird beschlossen, ich begebe mich zwischen 11 Uhr und Mitternacht in den Garten. Man wirft mir Stricke zu, ich binde dieselben um meinen Leib, und falle. Die Beine sind mir zerschunden, und an den Lenden verspüre ich eine heftige Quetschung. Ein zweiter und ein dritter Versuch bringt mich aus den oberen Rand der Mauer, und ich springe herunter.

Wie groß ist meine Überraschung! Anstatt eines Postwagens, in dem ich aufgenommen zu werden hoffte, fand ich nur eine schlechte Lohnkutsche ... Jetzt fahre ich mit einem jungen Benediktiner nach Paris. Bald bemerkte ich an dem unanständigen Tone, den er anschlug, und den Freiheiten, die er sich erlaubte, daß man keine der Bedingungen hielt, die verabredet waren; da sehnte ich mich denn nach meiner Zelle zurück und fühlte das ganze Entsetzen meiner Lage.

Ich komme nach Paris, der Wagen hält in einer kleinen Straße vor einer engen Thür, die in eine dunkle, schmutzige Gasse hinausführte. Die Hausfrau kommt mir entgegen und bringt mich im höchsten Stockwerk in einem kleinen Zimmer unter, wo ich gerade die notwendigsten Möbel vorfinde. Ich empfange die Besuche der Frau, die das erste Stockwerk bewohnte und zu mir sagte:

»Sie sind jung. Sie müssen sich langweilen, mein Fräulein; kommen Sie zu mir herunter. Sie werden dort gute Gesellschaft, Männer, sowie Frauen finden, die nicht alle ebenso liebenswürdig, doch fast alle so jung wie Sie sind. Man plaudert, man spielt, man singt und tanzt, wir verbinden alle Arten von Vergnügen miteinander. Wenn Sie allen unseren Kavalieren den Kopf verdrehen, so schwöre ich Ihnen, werden unsere Damen nicht eifersüchtig werden; kommen Sie also, mein Fräulein!« Die Frau, die so zu mir sprach, war schon etwas ältlich; sie hatte einen zärtlichen Blick, eine sanfte Stimme und eine einschmeichelnde Redeweise.

Ich verbringe etwa vierzehn Tage in diesem Hause, wo ich allen Zudringlichkeiten meines tückischen Verführers und allen lärmenden Scenen eines verdächtigen Ortes ausgesetzt bin, und wartete jeden Augenblick auf die Gelegenheit, aus demselben zu entfliehen.

Endlich fand ich diese Gelegenheit eines Tages. Die Nacht war bereits vorgerückt, und ich lief, ohne zu wissen, wohin ich mich wandte. Ich werde von Männern aufgehalten, und die Furcht ergreift mich; ohnmächtig vor Ermüdung falle ich auf der Schwelle eines Kerzenhändlers nieder, man kommt mir zu Hilfe, und als ich wieder zum Leben erwache, sehe ich mich auf einem ärmlichen Lager ausgestreckt, wo mich mehrere Personen umstehen. Man fragt mich, wer ich wäre, doch ich weiß nicht, was ich geantwortet habe. Man gab mir die Magd des Hauses mit, damit sie mich führen sollte, ich nehme ihren Arm, und wir machen uns auf den Weg. Wir hatten bereits eine größere Strecke zurückgelegt, als das Mädchen zu mir sagte:

»Mein Fräulein, Sie wissen doch, wohin wir gehen?«

»Nein, mein Kind; ins Hospital, glaube ich.«

»Ins Hospital? haben Sie denn kein Obdach?«

»Leider, nein!«

»Was haben Sie denn gethan, daß man Sie zu dieser Stunde fortgejagt hat? Doch wir sind jetzt vor der Thür von St. Katharinen angelangt; sehen wir zu, ob man uns nicht öffnet, auf jeden Fall fürchten Sie nichts; Sie werden nicht auf der Straße bleiben, sondern bei mir schlafen.«

Ich kehrte wieder zu dem Kerzenhändler zurück und brachte dort die Nacht zu. Am nächsten Abend kehrte ich nach St. Katharinen zurück, wo ich drei Tage blieb; nach Verlauf derselben teilte man mir mit, daß ich mich entweder in das allgemeine Hospital begeben oder die erste beste Stellung annehmen müsse, die sich bieten würde.

Ich trete in den Dienst einer Wäscherin, bei der ich noch jetzt bin. Ich nehme Wäsche an und plätte dieselbe: mein Tagewerk ist schwer; ich erhalte schlechte Nahrung, schlafe schlecht, wohne schlecht, werde dafür aber wenigstens menschlich behandelt. Der Mann ist Lohnkutscher, seine Frau ist heftig, aber sonst gut. Ich wäre mit meinem Schicksal zufrieden, wenn ich hoffen dürfte, mich desselben in Ruhe zu erfreuen.

Ich habe erfahren, daß die Polizei sich meines Verführers bemächtigt und ihn den Händen seiner Vorgesetzten wieder übergeben hat. Ein Gefängnis wird wohl für den Rest seines Lebens seine Wohnung werden, und das ist auch das Schicksal, welches mich erwartet, wenn ich wieder ergriffen werde; doch er wird wohl länger leben, als ich.

Der Schmerz meines Falles macht sich bemerkbar, meine Beine sind angeschwollen, und ich kann keinen Schritt thun, ich arbeite im Sitzen, denn es würde mir schwer werden, mich aufrecht zu halten. Meine Verwandten, die wohl nicht zweifeln, daß ich in Paris bin, stellen sicher alle möglichen Nachforschungen an. Ich hatte beschlossen, Herrn Manouri in meine Dachkammer rufen zu lassen, seinen Rat einzuholen und zu befolgen, doch er war nicht mehr am Leben. Ich lebe in beständiger Aufregung; beim geringsten Geräusch, das ich im Hause, auf der Straße, auf der Treppe vernehme, ergreift mich die Furcht, ich zittere wie Espenlaub, meine Knie versagen mir den Dienst, und die Arbeit fällt mir aus den Händen. Ich bringe fast die ganzen Nächte zu, ohne ein Auge zu schließen; wenn ich schlafe, so wird mein Schlummer fortwährend unterbrochen; ich rufe, ich schreie und begreife nicht, wie meine Umgebung noch nicht erraten hat, wer ich bin.

Meine Flucht scheint öffentlich bekannt zu sein, denn eine meiner Genossinnen sprach gestern davon. Zum Glück hing sie feuchte Wäsche auf Stricken auf, und wandte der Lampe den Rücken, so daß meine Verwirrung nicht bemerkt werden konnte. Dennoch sagte meine Herrin, welche gesehen hatte, daß ich weinte:

»Marie, was haben Sie?«

»Nichts,« erwiderte ich ihr.

»Wie!« fuhr sie fort, »sollten Sie dumm genug sein, eine schlechte Nonne zu bemitleiden, die sich in einen häßlichen Mönch verliebt hat, mit dem sie aus ihrem Kloster entflohen ist? Sie hatte doch nichts weiter zu thun, als zu essen, zu trinken, zu Gott zu beten und zu schlafen! Es ging ihr dort, wo sie sich befand, recht gut, warum blieb sie nicht da?

Darauf habe ich geantwortet, man kenne nur seine eigenen Leiden; doch ich hätte besser gethan, zu schweigen, denn sie würde in diesem Falle nicht gesagt haben:

»Ach, gehen Sie, das ist eine Spitzbübin, die Gott bestrafen wird!«

Bei diesen Worten habe ich mich über meinen Tisch geneigt und bin dort liegen geblieben, bis meine Herrin zu mir sagte:

»Aber, Marie, woran denken Sie denn? während Sie da schlafen, bleibt ja die Arbeit liegen.«

Ich habe mir niemals den im Kloster herrschenden Geist zu eigen machen können, und das merkt man auch an meinem Gange; dennoch habe ich mich an gewisse Gebräuche gewöhnt, die ich mechanisch wiederhole; zum Beispiel, wenn eine Glocke läutet, so mache ich entweder das Zeichen des Kreuzes oder kniee nieder. Klopft man an die Thür, so sage ich »Ave«, fragt man mich, so gebe ich stets eine Antwort, die mit »liebe Mutter oder liebe Schwester« endigt. Kommt ein Fremder, so kreuze ich die Arme über meine Brust, statt mich zu verneigen und einen Knix zu machen. Meine Gefährtinnen fangen an, zu lachen und zu glauben, ich wolle die Nonnen kopieren, doch ihr Irrtum kann unmöglich lange dauern, meine Unbesonnenheit wird mich verraten, und ich werde verloren sein.

Nachschrift.

Ich falle vor Ermüdung zusammen, der Schrecken umgiebt mich, und der Schlaf flieht mich. Ich habe diese Aufzeichnungen, die ich in aller Hast schrieb, noch einmal in ruhiger Stimmung durchlesen und bemerkt, daß ich mich, ohne die geringste Absicht dazu zu haben, auf jeder Zeile so unglücklich gezeigt habe, wie ich es wirklich war, dabei aber viel liebenswürdiger, als ich bin. Sollte das daher kommen, daß wir die Männer für die Schilderungen unserer Schmerzen weniger empfänglich glauben, als für das Bild unserer Reize? Und daß wir uns in der Hoffnung wiegen, sie noch leichter zu verführen, als zu rühren? Ich kenne sie zu wenig, und habe mich selbst nicht genügend studiert, um das zu wissen. Ich bin ein Weib, vielleicht ein wenig kokett, was weiß ich, doch ich bin es von Natur aus, ohne jede gesuchte Künstelei.

 << Kapitel 9 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.