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Die Nixe

Max Nordau: Die Nixe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorMax Nordau
booktitleMahâ Rôg und andere Novellen
titleDie Nixe
publisherVerlagsbuchhandlung Alfred Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfd7ca0c1
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I.

Die mondklare, sternhelle Juninacht begann auch dem rastlosen Paris ihre Zauberstille anzuschmeicheln. Die Theater waren seit einer Stunde geschlossen und der Strom ihrer Besucher in die Häuser versickert. Die hohen Mauern der verödeten Straßen hallten seltsam wider, wenn zwischen ihnen eine seltene Nachtdroschke entlangrumpelte.

Rudolf Körte hatte den Abend in einem Boulevardtheater verbracht, nach der Vorstellung noch auf der Terrasse eines Bierhauses eine Weile gesessen, um das allmähliche Abklingen und Ersterben des Weltstadtgetöses in seinen erregten Nerven genießend mitzuerleben, und dann den Heimweg durch das Hallenviertel genommen, das auch in der Nacht rege ist.

Nun stand er wieder in wunderlicher Einsamkeit an der Steinbrüstung des Pont neuf und nahm das unvergleichliche Bild in Whistlerscher Manier, Silber und Dunkelblau, in sich auf. Der in breiten Querlinien glitzernde Strom, der sich in der Ferne durch eine Rechtswendung dem verfolgenden Blick entzog, war vom roten Licht der Brückenlampen und dem Widerschein der Gasflammenzeilen beider Ufer feurig punktiert. Notre Dame zeichnete in den von einer geheimnisvollen Helligkeit überhauchten Himmel ihren ausdrucksvollen Umriß ein. In unabsehbarer Folge schatteten Türme, Kuppeln und Dachfirste auf den sternflimmernden silbern lasierten Grund hin. Es war eine andere Schönheit, als sie das Paris des Tages zeigt, eine Schönheit der Ruhe und des Friedens, die sich in feierlichen Architekturlinien ausdrückt und von der Rudolf Körte den entzückten Blick nicht loslösen konnte.

Die Wonne des Lebens ging ihm ein wie vielleicht nie zuvor. Die Welt war so schön und er vierundzwanzig Jahre alt! Seine Erinnerungen waren Familienzärtlichkeit und gedeihliche Geistesarbeit, seine Gegenwart war unerschöpfliche Genußfähigkeit der Sinne und Seele, seine Zukunft ein schimmerndes Bild, von freudiger Hoffnung gemalt. Er war Neuphilologe und nach Beendigung seiner Studien in Bonn auf zwei Semester nach Paris gekommen, um sich in seinem Fach zu vervollkommnen, ehe er sich zum Herbstbeginn an seiner Heimathochschule als Dozent habilitierte. Seinen Vater, einen über die akademischen Kreise hinaus bekannten Professor, hatte er vor drei Jahren verloren. Er war der Augapfel und Stolz seiner verwitweten Mutter und der zwei jüngeren Schwestern, zwischen denen er aufgewachsen war und die er, von kurzen Ferienfahrten abgesehen, im vergangenen Herbst zum erstenmal verlassen hatte. Daß seiner eine ruhmvolle Laufbahn harrte, bezweifelte niemand, der ihn kannte. Er pflegte seine Wissenschaft nicht nur als Forscher, sondern auch als Dichter. Der Sonderzweig, dem er schon seine Doktordissertation gewidmet und mit dem er seitdem sich zu beschäftigen nicht aufgehört hatte, war der bretonische Sagenkreis in altfranzösischer Behandlung, und er brachte seinen Helden, dem König Artus und seiner Tafelrunde, Tristan und Isolde, den meerentstiegenen Schwanenjungfrauen, die Landbewohner heirateten, nicht bloß sprachwissenschaftliche Anteilnahme entgegen, sondern lebte auch im Gemüte mit ihnen. Nach Anlage und Neigung romantisch gestimmt, von Mondscheinnächten in rheinischen Trümmerburgen zur Schwärmerei geweckt, wurde er in diesem Hange durch die Beschäftigung mit den kindlichen und reizenden frühmittelalterlichen Stoffen bestärkt. Zum Ertrag seiner Pariser Arbeit durfte er sich Glück wünschen.

Ein Handschriftfund in der Nationalbibliothek war der Lohn seiner Forscheremsigkeit, die Nachdichtung eines altbretonischen Nixenromans in Versen die Frucht seines künstlerischen Schaffens. Er kehrte binnen wenigen Wochen mit zwei Werken heim, von denen er sich auf beiden Gebieten, wo er sich zu betätigen gedachte, Erfolg und Anerkennung versprach.

Die Herrlichkeit des Augenblicks hatte gleichsam perspektivische Verlängerungen, wie rückwärts, so vorwärts. Rudolf Körte war in dieser Minute das seltene Beispiel eines Menschenwesens, das sich bis an den Herzensgrund glücklich fühlt. Das eine Wehmutströpfchen, das sich in den Becher seiner Freudigkeit mischte, war die halbbewußte Vorstellung der Einzigkeit jedes Lebensmoments. Warum konnte er diese wunderbare Stunde mit ihrem überreichen Inhalt an Gesichten und Empfindungen, an Zuversicht und Ahnung nicht festhalten? Warum mußte sie mit leisem Fluge enteilen wie ein im Traum erblickter Vogel Phönix, den später die Sehnsucht immer wieder vergebens herbeizaubern möchte? Er war von klein auf zu sehr an selbstbetrachtendes Sinnen gewöhnt, um nicht über die Helligkeit, die jetzt seine Seele erfüllte, den Gedanken gleich einem Wolkenschatten hinhuschen zu fühlen, daß er Welt und Leben, sich selbst, seine Entwürfe und Erwartungen nie wieder so sehen, so empfinden würde wie in dieser mondbeglänzten Vorfrühe.

Er riß sich endlich von seinem schwelgenden Schauen los und lenkte die Schritte seiner Wohnung zu, die in einem alten Studentenhotel, an der Ecke des Quai des Grands Augustins und der Rue Séguier, gelegen war. Von Notre Dame her dröhnte der Glockenschlag halb zwei. Der Quai war menschenleer, so weit man ihn absehen konnte. Gerade als Korte in die Rue Séguier einbiegen wollte, fuhr aus der dunkeln Straße in wildem Lauf eine weibliche Gestalt heraus, prallte an ihn, daß sie, klein und schmächtig, wie sie schien, den hochgewachsenen, breitschultrigen jungen Mann zurücktaumeln machte und fast über den Haufen rannte, ließ sich indes durch den Zusammenstoß nicht aufhalten, sondern sprang wie ein gehetztes Wild in tollen Sätzen weiter, schräg über den Straßendamm bis zur Lücke in der Quaibrüstung, wo eine Zufahrt zum Stromufer hinabging, und verschwand im Nu hinter der Steinmauer.

Von der Plötzlichkeit des Vorganges überrumpelt, hatte Korte stillgestanden und dem vorbeijagenden Wesen verblüfft nachgeschaut. Floh sie vor einem Verfolger? Warum ließ sie dann keinen einzigen unwillkürlichen Hilferuf hören? In der Rue Séguier blieb es still – es war der Fliehenden niemand auf den Fersen. Kortes Zögern dauerte nur Augenblicke. Mit drei Schritten war er an der Brustlehne und kam gerade recht, um zu sehen, wie die Erscheinung, vom Anlauf fortgerissen, mit einem Bogenschwung in den Strom sprang, bei der Berührung des kühlen Wassers einen schwachen Schrei ausstieß und klatschend in der aufsprühenden Flut unterging.

Er eilte den Abhang hinunter und ohne sich zu bedenken, ohne von der leichten Sommerkleidung etwas abzuwerfen, war der geübte Rheinschwimmer mit einem Satz in der Seine. Der Wasserstand war eben nicht hoch, die Strömung in dem die Citéinsel links umfassenden schmälern Flußarm nicht heftig. Er brauchte nicht lange zu warten und nicht nachzutauchen. Die Lebensmüde trieb nach wenigen angstvollen Sekunden auf und erschien einige Armlängen von ihm auf der Oberfläche. Mit zwei- oder dreimaligem Ausstreichen war er bei ihr und hatte sie gefaßt. Sie war noch nicht besinnungslos und versuchte um sich zu schlagen, wobei sie gurgelnd und heiser hervorstieß: »Laß mich! Laß mich!« Ohne sich an ihr Zappeln zu kehren, strebte er schleunig nach dem Ufer zurück und zog sie mit sich aus dem Wasser.

Als er gelandet hatte, suchte er die Gerettete auf die Füße zu stellen. Sie knickte zusammen. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Atemzüge schwer und selten. Sie schien ohnmächtig zu sein. Er fand die Lage ungemütlich. Was zunächst beginnen? Sie hinlegen? Es widerstrebte ihm, sie auf das nackte Katzenkopfpflaster der Lände auszustrecken. Einen Flußwächter oder Schutzmann rufen? Weit und breit war keiner zu sehen. Ein forschender Blick überzeugte ihn, daß er ein zartes, zierliches, beinahe kleines Geschöpf vor sich hatte. Hier half kein Fackeln. Kurz entschlossen nahm er sie in seine Arme und stieg mit ihr hinauf. Sie ließ es widerstandslos geschehen und lehnte das blasse hübsche Gesicht wie ein schlafendes Kind an seine Brust, während ihr gelöstes schwarzes Haar lang und straff hinabhing und, wie ihre und seine Kleider, reichlich troff.

Er war bald oben, hatte seine Haustür erreicht und blieb stehen. Das klatschnasse, unvollkommen bekleidete Bündel in seinen Armen stieß einen Seufzer aus und schlug ein paar dunkle, wirr blickende Augen auf.

»Ich wohne hier,« sagte Korte; »können Sie stehen?«

Die Unbekannte erwiderte nichts, nestelte sich aber inniger an seine Brust.

»Soll ich Sie irgendwohin bringen? Sie wohnen ja zweifellos in der Nähe.«

»Nein nein,« kam es hastig und leise heraus.

»Ja – hier auf der Straße können wir doch nicht bleiben. Wir müssen doch zunächst aus den nassen Kleidern heraus.«

»Zu Ihnen! Zu Ihnen!« hauchte sie.

Ein Schüttelfrost durchflog ihren weichen jungen Leib und ihre Zähne begannen hörbar zu klappern. Auch ihn fröstelte es unbehaglich. Er urteilte, daß er keine Wahl habe. Auf sein Schellen wurde die Klinkenschnur gezogen, er trat mit seiner Last ein, stieß die Tür mit dem Fuß hinter sich zu, rief, an der Pförtnerstube vorbeigehend, laut seinen Namen und war bald an seiner Stube, die nur eine Treppe hoch lag.

Er setzte seinen Gast sachte ab, um die Arme und Hände frei zu bekommen. Jetzt ließ sie es geschehen und hielt sich mäuschenstill, bis er aufgeschlossen und drinnen Licht gemacht hatte.

Nun trat sie hinter ihm schwankenden Schrittes ein und ließ sich in die Ecke des roten Wollplüschsofas fallen, dessen Sitz und Rückenlehne sie gründlich näßte. Sie wandte ihr Gesicht seitwärts gegen die Lehne und begann krampfhaft zu schluchzen.

Es widerstrebte Korte, sie in diesem Zustande einem Verhör zu unterziehen, aber es mußte doch rasch etwas geschehen.

»Fassen Sie sich, bitte, fassen Sie sich,« sagte er sanft, ganz nahe an sie herantretend. »Sie müssen, zunächst aus dem nassen Zeug herauskommen. Ich auch. Ich werde die Pförtnerin wecken, damit sie Ihnen trockene Sachen leiht und sonst behilflich ist.«

»Nein nein,« stieß sie leise, doch energisch, hervor, »nicht die Pförtnerin.«

»Es ist mir ja auch nicht angenehm – wegen des Geredes – aber ich habe doch keine Damenwäsche –«

»Leihen Sie mir ein Nachthemd von Ihnen.«

»Ein Nachthemd! Von mir!«

»Damit kann ich zu Bette gehn. Inzwischen trocknen meine Sachen.«

Die Studentenwohnung bestand aus einem mäßig großen Salon mit zwei Fenstern nach der Rue Séguier und einem Alkoven mit kleinem Ankleidekabinett. Es gab da nur ein Bett und ein dreisitziges Sopha, das etwa als Lagerstatt dienen konnte. Wenn sie zu Bette zu gehen gedachte – hm.

Er überlegte nur ganz kurz. Dann zog er schweigend die Schublade der Kommode auf, holte eins seiner Nachthemden heraus und reichte es ihr.

Sie setzte sich gerade, fuhr sich rasch mit beiden Händen über die Augen und hörte zu weinen auf.

Sie begann an ihren Schnürschuhen zu basteln, ihre Finger zitterten jedoch und sie kam nicht vorwärts. Korte beobachtete ihr Tun und als er sah, daß sie den Knoten des Schuhbandes nicht offen bekam, kniete er vor sie hin, löste ihn, zog ihr, nicht ohne einige Gewalt, die verquollenen Schuhe und die Strümpfe, die erst vom Gummihalter hoch oben losgeknöpft werden mußten, von den kleinen, hochgewölbten, eisig naßkalten Füßen und behielt diese eine kleine Weile in seinen Händen, um sie zu wärmen. Er wollte sich überreden, daß er dies nur in Samariterabsicht tat, empfand es indes doch als ungehörig und ließ die weißen Füßchen, nicht ohne Bedauern, fahren. Da beugte die Gerettete sich zu ihm nieder, faßte seine Hand und drückte einen langen Kuß darauf. Er zog sie verwirrt zurück, stand auf und sagte mit einer Stimme, die er zu gleichmütigem Klange zu zwingen suchte: »Also, wenn Sie durchaus bis morgen hier bleiben wollen – es ist wohl in der Tat das Vernünftigste – so will ich Sie einen Augenblick allein lassen, damit Sie sich rasch auskleiden und ins Bett kommen.«

Während er aus dem Nachtkästchen, der Kommode und einem Wandschrank Pantoffel, allerlei Unterzeug und Kleidungsstücke zusammensuchte, fuhr er fort: »Es tut mir, sehr leid, daß ich Ihnen gar nichts Stärkendes anbieten kann – Sie haben es gewiß sehr nötig.«

»Nein. Nur Ruhe. Nur Wärme,« flüsterte sie mit einem Schauder.

»Doch, doch. Aber in dieser kahlen Junggesellenstube gibt es nichts. An die Pförtnerin soll ich mich nicht wenden. So will ich zu einem Freund nebenan gehen. Vielleicht finden wir bei ihm etwas.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er hinaus, schlich zu einer nahen Tür auf demselben Gang und pochte leise. Drinnen rührte sich nichts. Er wiederholte das Klopfen kräftiger, obschon er es gern vermieden hätte, die übrigen Hausgenossen zu stören.

»Wer ist da?« ließ sich endlich eine Baßstimme auf Englisch vernehmen und wiederholte gleich darauf die Frage auf Französisch mit heftig angelsächsischer Aussprache.

»Ich bin's, Korte,« gab der junge Mann deutsch zurück, »verzeihe, daß ich dich wecke. Bitte, öffne mir.«

»Oh!« tönte es aus der verschlossenen Stube heraus; man hörte das Anreißen von zwei oder drei Streichhölzern, die nicht gleich brannten, einiges Gepolter, hastig schlurrende Schritte, das Zurückschieben eines Riegels, die Tür ging auf und Korte stand vor einem stämmigen mittelgroßen, nicht mehr jungen Mann, der einen erstaunten Blick auf ihn warf und ausrief: »Junge! Wie siehst du aus! Kommst du aus dem Wasser?«

»Das tu ich wirklich, Jack,« gab der Angesprochene eintretend zurück. »Entschuldige diesen Einbruch in deine Nachtruhe. Ich muß mich aber zunächst mal unbedingt meiner nassen Kleider entledigen.«

Während er sich rasch vollständig auskleidete, den Leib mit einem Handtuch vom Waschstand seines Freundes ein wenig abrieb und in die mitgebrachten trockenen Sachen fuhr, sagte er: »Ich habe eben ein außerordentliches Abenteuer erlebt. Ich habe mir zur Geisterstunde in der Seine ein Nixlein gefangen und nach meiner Bude entführt. Da ist es nun.«

Der Mann, den Korte mit Jack angesprochen hatte, saß in seinem Nachtanzug auf seinem Bettrand und sah ihm zu. Als sein Freund vom Nixenfang sprach, schien er überrascht, seine noch etwas verschlafenen Augen öffneten sich plötzlich groß und sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an. Er wußte, daß Korte seit Monaten an einer Dichtung von der Liebe eines Fischers und einer Nixe gearbeitet hatte und von dem Stoffe ganz erfüllt war, und sein erster Gedanke war: »Um des Himmels willen! Sollte er infolge allzu leidenschaftlicher Hingabe an seinen Gegenstand übergeschnappt sein?«

Dazu stimmte allerdings nicht, daß Korte ganz ruhig und verständig schien.

»Rudolf,« fragte Jack mit seiner tiefen Stimme, »erzählst du mir einen Gesang deiner Märchendichtung oder etwas Wirkliches?«

Rudolf mußte über den ernsten, eindringlichen Ton der Frage lächeln. »Beides, Jack. Ein Hauptstück meines Romans ist wunderbar lebendig geworden. So etwas wie ein Pygmalionerlebnis. Auf meinem Heimweg sah ich plötzlich ein schönes Weib, mit bloßem Haar und in einem Spitzenschlafrock, vor meinen Augen in die Seine springen.«

»Um ein nächtliches Flußbad zu nehmen?«

»Schwerlich. Ich ihr nach, ich fische sie heraus und da sie Wasser geschluckt hatte und nicht gleich stehen und gehen konnte, trug ich sie heim.«

»Heim zu ihr?«

»Nein. Zu mir. Ich sagte es dir ja schon.«

Jack schüttelte den Kopf. »Das war nicht recht.«

»Sie wollte es so. Ich weiß ja auch gar nicht, wo sie wohnt und wer sie ist.«

»Hast du sie gefragt?«

»Welch ein trockener Pedant! Daran denkt man wohl zuerst, wenn man ein verzweifeltes Geschöpfchen aus der Seine zieht! Na, kurz, da sitzt sie nun bei mir, oder ist inzwischen hoffentlich schon zu Bette gegangen, und klappert mit den Zähnen und ihre Schwanenflügel sind wohl ausgezogen und liegen auf meinen Möbeln zum Trocknen umher. Das Dringendste scheint mir jetzt ein stärkender Trunk für sie, womöglich etwas warmes. Ich bin sicher, daß du wieder einmal meine Vorsehung sein wirst.«

Jack schien unzufrieden. »Ich habe etwas Whisky und kann auf der Spirituslampe Tee machen.«

»Vortrefflich. Gib rasch den Whisky. Auf den Tee können wir dann warten.«

Jack erhob sich, holte ohne Eile aus einem Hängeschränkchen eine Flasche Old Morven und stellte sie nebst zwei Gläschen auf den Tisch. Rudolf goß rasch ein Gläschen voll und steuerte damit zur Tür.

»Nimmst du nicht auch einen Tropfen?« fragte Jack und füllte das zweite Gläschen.

»Später,« antwortete Rudolf von der Tür her und verschwand.

Jack sah ihm nach, schüttelte leise den Kopf und führte sich das stehengebliebene Gläschen Whisky langsam zu Gemüte. Dann hüllte er sich in einen Pyjama, der über die Lehne des Armstuhls am Fußende des Bettes gelegt war, und schritt bedächtig zum Bereiten des Tees.

Tassen und Zuckerdose standen auf dem Tische, auf der brennenden Spirituslampe begann das Wasser zu wallen und zu singen, als Rudolf wieder eintrat. Er war rot und atmete etwas stärker als gewöhnlich.

»So,« sagte er, »es hat ihr gut getan.«

»Ist sie wirklich zu Bette gegangen?« fragte Jack und goß das siedende Wasser in den Teetopf.

»Ja.«

»Weißt du nun, wer sie ist?«

»Nein,« sagte Rudolf kurz und beinahe ärgerlich, so daß Jack sich im Brauen unterbrach und zu ihm aufschaute. »Nach ihrer Sprache zu urteilen,« fügte er einlenkend hinzu, »ist sie etwas Besseres als eine gewöhnliche Arbeiterin oder dergleichen.«

Der Tee war fertig und Jack richtete ihn an. »Also eine Studentin von Bullier oder eine Frau, die nach einem Zank ihrem Mann weggelaufen ist. In beiden Fällen eine schlechte Gesellschaft. Ich liebe die Schwanenjungfrauen nicht, die man sich um Mitternacht herum in der Seine fängt.«

Rudolf hielt es für überflüssig, etwas zu erwidern. Er nahm schweigend die dampfende Tasse mit drei Stückchen Zucker und dem Löffelchen auf der Untertasse und ging.

»Vorsicht!« brummte ihm Jack nach, »schau, daß du sie auf gute Art los wirst!«

Rudolf ging sachte, um aus der randvollen Tasse nichts zu verschütten, während er sie auf seine Stube trug.

In seinem Bette, von ihm sorgsam in die Decken eingesäumt, lag der Gast. Ihr schwarzes Haar war über das Kissen und die Schlummerrolle ausgebreitet und machte sie naß. Aus dem viel zu breiten Kragen des Nachthemdes sah der feine weiße Hals und ein tiefer Ausschnitt der Büste hervor, während die Hände in den langen Ärmeln verschwanden. Die Lippen waren wieder rot, auch die Wangen begannen sich zu färben und die dunkeln Augen blickten nicht mehr glanzlos. Sie lächelte ihm entgegen, als er an das Bett trat, und enthüllte dabei die Schneiden weißer, kleiner, gleichmäßiger Zähne.

»Trinken Sie noch etwas Tee,« sagte er, »dann lasse ich Sie ruhen.«

Sie wandte ihm das hübsche Gesicht zu und flüsterte: »Danke. Wie gut Sie sind!«

»Sie müssen sich aber aufsetzen, bitte.«

Sie blieb jedoch liegen und erwiderte leise: »Wenn ich mich bewege, dreht sich alles mit mir im Kreise und mir wird unwohl.«

»Gerade dafür ist der Tee vorzüglich. Erlauben Sie –«

Er hatte die Tasse auf den Nachttisch gesetzt und schob den linken Arm unter den Rücken der Liegenden. Sie setzte sich auf, lehnte den Kopf an seine Brust, schloß die Augen und ließ sich wie ein schlaftrunkenes Kind oder eine Schwerkranke den duftenden Trank von ihm einflößen. Sie versuchte gar nicht, die langen Ärmel zurückzustreifen, die Hände freizumachen und ihm die Tasse abzunehmen. Das Nachthemd entblößte ihre Schultern mehr, als es sie verhüllte.

Als sie ausgetrunken hatte, zog er den Arm, der leise zitterte, zurück und sie ließ sich langsam auf das Kopfkissen sinken, während ihre Blicke ihm innig dankten.

Er wandte den Kopf ab und blickte in seinem Zimmer umher. Was er sah, war nicht geeignet, sein Blut zu beruhigen. Auf dem Tische, auf den wenigen Stühlen, auf dem kleinen Sofa, auf der Kommode lagen und standen ein paar zierliche Schühchen, lange schwarze Seidenstrümpfe mit gestickten Zwickeln, ein Rosaatlasmieder mit schwarzen Spitzen, ein cremefarbener, hübsch geputzter Schlafrock, andere, vertrautere Kleidungsstücke, alle verführerischen Heimlichkeiten eines jungen Weibes, das alles bis auf den letzten Faden von sich geworfen hat, und jedes Stück und jede Spitze und jede Falbel beging prickelnde und stachelnde kleine Verrätereien und raunte ihm den Kopf voll gewürzter, duftender Lockungen. Er war weder ein Duckmäuser noch ein Fischblüter; weit entfernt davon; aber an der Liederlichkeit des Lateinischen Viertels hatte er, an seine heimische Zucht und den beständigen Umgang mit der Mutter und den beiden Schwestern gewöhnt, keine Freude und darum war seine unverbrauchte, unabgestumpfte Jugend für das Aufregende der weiblichen Gegenwart noch in allen Nervenfasern und Äderchen empfänglich.

»Sie müssen auch erschöpft sein – durch meinen Unsinn – verzeihen Sie –« sagte der Gast und zog die langen Ärmel zurück.

»Sehen Sie ein, daß es ein Unsinn war?« fragte Rudolf und drohte ihr mit dem Zeigefinger.

Sie bemächtigte sich seiner Hand, hielt sie fest und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Wenn Sie wüßten! Aber nicht jetzt. Gehen Sie zur Ruhe.«

Sie zog ihn nicht eigentlich, aber es war etwas in der Berührung ihrer warmen, weichen Hände, was ihn zwang, sich zu ihr niederzubeugen. Sein Gesicht näherte sich dem ihrigen und ehe er sich bewußt wurde, ob er es gewollt, hatten seine Lippen einen brennenden Kuß wie einen Blitzschlag empfangen und kurz und heiß erwidert. Doch erhob er sich rasch wieder, machte die an seinem Nacken verschlungenen Hände sanft los und sagte stockend: »Gute Nacht. Oder guten Morgen. Schlafen Sie. Und vergessen Sie den Spuk dieser Nacht.«

Sie rückte ein wenig vom Bettrand weg, seufzte wieder tief und schloß die Augen. Überwältigt von den Erschütterungen dieser letzten halben Stunde, tötlich ermattet von dem Gewitter, das sich in ihr ausgetobt hatte, schlief sie ganz plötzlich unter seinem Blicke ein. Er ging auf den Fußspitzen hinaus und machte die Tür behutsam hinter sich zu. Er war mit sich zufrieden, daß er dem leidenschaftlichen Drange seiner Sinne widerstanden hatte. Sein Gefühl sagte ihm beinahe vernehmlich, daß es nicht schön, nicht männlich gewesen wäre, sich an einem Wesen, dessen Wille zurzeit augenscheinlich vernichtet, das ohnmächtig in seine Gewalt gegeben war, für eine menschenfreundliche Bewegung bezahlt zu machen. Sittlich wäre dies von einer Versündigung an einer Leiche nicht viel verschieden gewesen – brr! Aber die Genugtuung über seine anständige Handlungsweise konnte nicht verhindern, daß er mit berückender Lebendigkeit die reizende Schläferin in seinem Bette vor sich sah und ihre Hände, ihren Rücken, ihre Lippen fühlte.

Er fand Jack, als er wieder bei ihm eintrat, am Tische sitzend und Tee trinkend. »So,« sagte er, »jetzt schläft sie. Morgen früh werden wir dann sehen, wie das Abenteuer sich weiter entwickelt.«

»Brav, Junge,« erwiderte Jack. »Hast dir eine Lebensrettungsmedaille verdient. Du kannst dich sehen lassen.«

»Ach was,« meinte Rudolf achselzuckend, und dachte bei sich, daß der Sprung ins Wasser nicht das Schwerste und Löblichste an diesem Erlebnisse war.

Jack hatte seinen Tee ausgetrunken. Er goß Rudolf eine Tasse voll, schenkte ihm ein Gläschen Whisky ein, erhob sich, breitete über einen ziemlich großen Divan, mit dem sein Zimmer ausgestattet war, eine Reisedecke, schichtete die beiden Kissen, die zu dem Möbel gehörten, an einem Ende, legte einen schottischen Plaid auf das andere und sagte: »Damit mußt du vorliebnehmen. Aber es handelt sich ja nur um ein paar Stunden. In deinem Alter braucht man keinen Satrapenpfuhl, um sich auszuruhen.«

»Ich möchte dir lieber nicht zur Last fallen,« erwiderte Rudolf. »Die Nacht ist schön und lau. Es ist jetzt zwei Uhr morgens. Es wird wohl das vernünftigste sein, ich bummle bis zum Morgen.«

»Unsinn!« rief Jack streng. »Lege dich sofort hin. Ich tue dasselbe. Und nun gute Nacht.« Er streifte seinen Pyjama ab, kehrte in sein Bett zurück, wartete, bis Rudolf sich der Oberkleider entledigt hatte, blies die beiden Kerzen aus und schlief einige Augenblicke später den Schlaf des Gerechten.

Rudolf dagegen blieb noch lange wach. Der Gedanke an die liebliche Schläferin nebenan verließ ihn nicht. Er mußte die stärksten Willensanstrengungen machen, um nicht von seinem Lager aufzuschnellen und in seine Stube zu eilen. Er sann sich den Roman aus, der mit dem Sprung ins Wasser enden sollte. Er erfand und verwarf eine ganze Reihe Lesarten und die spätere war immer romantischer, immer edler als die vorhergehende. Alle niedrigeren Möglichkeiten, die sich der Einbildung zuerst darboten, wurden verworfen und er langte zuletzt dabei an, daß die Unbekannte ein tief und stark fühlendes Mädchen war, das seine Eltern – nein, das Stiefeltern zur Ehe mit einem ungeliebten Mann zwingen wollten und das diesem Schicksal den Tod vorgezogen hatte. Bei dieser Vorstellung verweilte er und mit ihr schlief er ein, als sich durch die unvollkommen verschlossenen Vorhänge das erste Licht der Morgendämmerung hereinstahl.

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