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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Siebentes Kapitel.

Paula betrat das Zimmer der Amme, welche, nachdem ihr kurzes Ausschauen nach der Geisteskranken vergebens gewesen, sie nicht ohne leise Gewissensskrupel ihrem Schicksal überließ.

In Perpetuas Gemach hing eine trefflich geputzte kupferne Lampe von der Decke, und dieser kleine Raum und seine Bewohnerin entsprachen einander vollkommen; denn schlicht und sauber, blink und blank, einfach und doch nett waren beide. Um die Bettstatt der Amme schlossen sich schneeweiße, durchsichtige Gardinen gegen die Stechmücken, über dem Hauptende des Lagers hing ein Kruzifix von sauberer Arbeit, und die Sessel waren mit guten Stoffen von verschiedener Farbe, Abfällen aus der Weberei, überzogen. Hübsch geflochtene Strohmatten bedeckten den Boden, und auf den Fensterbrettern sowie in einer Ecke des Zimmers, wo eine Thonfigur des »guten Hirten« auf das Betpult hinabsah, standen Blumenstöcke, die das bescheidene Gemach mit Wohlgeruch erfüllten.

Kaum hatte sich die Thür geschlossen, als Perpetua ausrief: »Aber Kind, wie Du mich erschreckt hast! Zu so später Stunde!«

»Ich mußte kommen,« versicherte Paula, »es hielt mich nicht länger!«

»Thränen?« seufzte die Amme, und ihre klugen kleinen Augen begannen feucht zu schimmern. »Arme Seele, was hat es nur wieder gegeben?«

Dabei näherte sie sich der Jungfrau, um ihr die Locken zu streicheln; diese aber flog ihr an die Brust, schlang ihr leidenschaftlich beide Arme um den Nacken und brach in lautes, schmerzliches Weinen aus.

Die kleine Matrone ließ sie eine Zeit lang gewähren, dann löste sie sich von ihr los, trocknete die eigenen Thränen und die ihres großen Lieblings, welche ihr auf das ganz schlichte, ergrauende Haar gefallen waren, faßte Paulas Kinn mit fester Hand, wandte ihr Gesicht dem ihren zu und sagte teilnahmsvoll und bestimmt: »So! Nun laß es genug sein! Meinetwegen weine auch weiter; denn das erleichtert das Herz, doch es ist schon so spät. Gibt es wiederum das alte Lied: Heimweh, Verdruß und dergleichen, oder hat sich etwas Neues ereignet?«

»Leider,« entgegnete das Mädchen und fuhr, während sie ihr Tuch in den Händen zerpreßte, heftig ergriffen fort: »Ich bin an die äußerste Grenze gelangt und halt' es nicht mehr aus da drüben; es geht nicht länger, es geht nicht! Ich bin nicht von Stein, und wenn man sich des Abends vor der Nacht fürchtet und des Morgens vor dem Tage, der so widerwärtig werden muß, so ganz unerträglich . . .«

»So nimmt man Vernunft an, mein Herzchen, und sagt sich, daß es klug ist, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen, und was ich Dir schon so oft vorstellen mußte, das bekommst Du jetzt wieder zu hören: Wenn wir die sichere Zufluchtsstätte hier aufgeben und uns wirklich hinaus in die Fremde wagen, was können wir dort Günstigeres finden?«

»Vielleicht nur eine Hütte mit einem Quell unter zwei Palmen! Das soll mir genügen, wenn ich Dich nur behalte und los komme, los von den anderen!«

»Was ist das, was hat das zu sagen?« murmelte die Amme und schüttelte besorgt den Kopf. »Vorgestern warst Du ganz ruhig; da muß sich wohl wieder . . .«

»Ja, da muß, da hat sich auch etwas begeben,« fiel ihr das Mädchen außer sich ins Wort. »Des Oheims Sohn – Du warst ja dabei, wie er hier einzog, und ich dachte, auch ich habe geglaubt, er sei würdig solchen Empfanges . . . Ich, Betta, ich . . . Erbarme Dich meiner, ich . . . Du weißt nicht, welche Gewalt dieser Mann ausübt über die Herzen . . . Und ich . . . ich glaubte seinen Blicken, seinen Worten, seinem Gesang und – ja es muß, muß alles gesagt sein: auch seinem Kusse auf diese Hand! Ich, ich . . . Aber das alles war falsch, war erlogen, war ein häßliches Spiel mit einem schwachen, einfältigen Herzen, oder Schlimmeres, Empörenderes noch! Kurz – während er alles, was in ihm ist, aufbot, um mich zu umgarnen – selbst die Sklaven im Boote haben's bemerkt! – ist er in voller Fahrt gewesen, – ich weiß es von Frau Neforis, der es wohl that, mich damit zu kränken – um das Püppchen – Du kennst sie ja – um die kleine Katharina zu werben. Sie ist seine Braut, und dabei wagt der Unverschämte das Spiel mit mir fortzutreiben, hat er die Stirn . . .«

Von neuem schluchzte Paula laut auf, die Alte aber wußte sich diesmal zunächst nicht zu helfen und brummte nur vor sich hin: »Schlimm, schlimm . . . daß auch dies noch . . . Gütiger Himmel . . .« Aber bald faßte sie sich und sagte bestimmt: »Das ist freilich ein neues, unerwartetes Unglück, aber wir haben Schwereres, ganz, ganz anderes getragen! Also den Kopf in die Höhe, und was sich da drinnen noch regen will für den Verführer, das reißt man aus und zertritt es! Dein Stolz wird Dir schon helfen, und wenn Du erst weißt, was dieser Herr Orion ist, so dankst Du noch Gott, daß es zwischen euch nicht weiter gekommen!« – Und nun teilte sie ihr alles mit, was sie von der irrsinnigen Mandane und Orions Schuld gegen sie wußte und fügte, da Paula ihrer Entrüstung lebhaft Ausdruck gab, hinzu: »Ja, Kind, ein Herzensbrecher, ein gewissenloser Glücksmörder ist er, und es wäre vielleicht meine Pflicht gewesen, Dich vor ihm zu warnen, aber weil er sonst doch nicht schlecht ist – er hat der Zeichnerin Hathor Bruder – Du kennst sie ja wohl – mit eigener Lebensgefahr aus dem Wasser gerettet – und weil ich doch bei seiner Heimkehr glaubte, mit ihm wenigstens würdest Du freundlich verkehren, hab' ich es unterlassen . . . Und dann: ich alte Närrin hielt Dein stolzes Herz für gepanzert, aber es ist doch auch nur ein schwaches Mädchenherz wie ein anderes, und nun es im einundzwanzigsten Jahre einem Manne zum erstenmale seine Liebe erwidert . . .«

Da unterbrach sie Paula: »Ich liebe den Betrüger nicht mehr, nein, ich haß ihn, haß ihn unsäglich! Und auch die anderen alle, alle sind mir zuwider!«

»Ach, daß es so sein muß!« seufzte die Amme. »Hart ist Dein Los freilich. Er, der Orion, kommt ja nicht mehr in Frage; aber könnt' es denn mit den anderen nicht besser werden, frag' ich mich oft. Hättest Du's ihnen nicht so schwer gemacht, Kind, sie müßten Dich lieben, es ging' ja nicht anders, aber seit Du ins Haus kamst, fühltest Du Dich elend und wünschtest, daß man Dich gehen ließe, und sie, sie haben Dein Verlangen erfüllt, und nun findest Du es schwer zu ertragen, daß es kam, wie Du wolltest. Es ist so, Kind; Du mußt mir nicht widersprechen! Und wir wollen heut einmal gerecht sein: Wer findet denn Liebe, der keine gewährt und über die anderen mißmutig hinwegsieht? Ja, könnte sich jeder die Menschen selber machen, mit denen er umgeht! Sie nehmen, wie sie gerade sind, gebietet das Leben, doch zu Dir, Herz, nein, zu Dir ist dieser Satz nicht gedrungen!«

»Wie ich bin, so bin ich nun eben!«

»Gewiß, und Du bist von dem Guten das Beste, doch wer ahnt das da drüben? Jeder Mensch stellt etwas vor. Und Du? Was Wunder, wenn sie in Dir immer nur ›die Unglückliche‹ sehen? Gott sei's tausendmal geklagt, daß Du's bist! Aber wen freut es, immerfort ein umdüstertes Antlitz zu sehen?«

»Ich habe noch keinem da drüben auch nur mit einem Worte geklagt, was ich leide!« rief Paula und richtete sich stolz in die Höhe.

»Das ist es ja eben!« versetzte die Amme. »Sie nahmen Dich auf und meinten ein Anrecht an Deine Person und also auch an Deinen Kummer zu haben. Vielleicht verlangte es sie auch, Dich zu trösten; denn – darin liegt, glaube mir's, Kind, – darin liegt eine geheime Lust. Wer einem Mitleid bezeigt, der fühlt immer dabei, daß es ihm selbst besser geht als dem andern. Ich kenne das Leben! Hast Du Dir nie gesagt, daß Du den Deinen da drüben eine Freude raubst, ja sie vielleicht beleidigst, indem Du Dich ihnen verschließest? Der Schmerz ist Dein Bestes, und den zeigst Du ihnen von weitem, aber wo es Dir weh thut, das verbirgst Du gar sorgsam. Jeder gute Mensch möchte heilen, wo ihm eine Wunde begegnet, aber Dein ganzes Wesen ruft ihnen zu: ›Bleibt, wo ihr seid, und laßt mich in Ruhe!‹ Dem Oheim wenigstens warst Du doch gut!«

»Und ich bin es auch noch, und es hat mich hundertmal gedrängt, ihm alles anzuvertrauen, indessen –«

»Indessen?«

»Sieh ihn nur an, Betta, wie er marmorkalt, starr und teilnahmlos daliegt, halb tot, halb lebendig. Anfänglich schwebten mir oft vertrauensvolle Worte auf den Lippen . . .«

»Und jetzt?«

»Jetzt ruht all das Schlimme so weit dahinten; ich glaube, ich habe das Recht verscherzt, ihm zu klagen, was mich bedrückt.«

»Hm,« machte Perpetua, die hierauf nichts zu erwidern wußte. »Faß Dich nur recht zusammen, mein Mädchen. Der Orion hat wohl schon zu fühlen bekommen, wie weit es bei uns zu gehen erlaubt ist. Du kannst ja das Köpfchen hoch genug halten und kühl genug drein schauen! Dulde, was nicht zu ändern ist, und wenn meine innere Stimme nicht trügt, so wird der, den wir suchen . . .«

»Auch deswegen bin ich gekommen. Ist noch kein Bote zurück?«

»Doch! Der kleine Nabbatäer,« versetzte die Amme mit einigem Zögern, »und er hat auch . . . Aber um Gottes willen, Kind, mache Dir noch keine vergebliche Hoffnung! Bald nach Sonnenuntergang ist Hiram bei mir gewesen –«

»Betta!« kreischte die Jungfrau auf und umklammerte den Arm der Amme. »Was hat er erfahren, was bringt er?«

»Nichts, nichts! Wie Du gleich mit dem Kopf durch die Wand willst! So viel wie gar nichts ist es, was er erfuhr. Ich konnte den Hiram nur kurze Zeit sprechen. Morgen früh will er den Mann selbst zu mir führen. Das Einzige, was er mir sagte . . .«

»Bei Christi Wunden, was war es?«

»Er sagte, der Bote habe von einem älteren Klausner gehört, der einmal ein großer Kriegsheld gewesen.«

»Der Vater, der Vater!« schrie Paula auf. »Hiram sitzt mit den anderen am Feuer. Gleich, gleich holst Du ihn her; ich befehl' es, Perpetua, hörst Du! O liebste, einzige Betta, komm mit; wir suchen ihn auf!«

»Aber Geduld doch, Herz, etwas Geduld!« klagte die Amme. »Ach, ach, Du arme, liebe Seele, es wird wieder nichts sein, und wenn wir die falsche Fährte nochmals verfolgen, gibt es neue Enttäuschung!«

»Gleichviel, Du kommst mit mir.«

»Zu den Dienern am Feuer, in dieser Zeit? Das wär' mir das Rechte! Aber . . . indessen . . . Wart' hier, Mädchen. Ja, so, so wird es gehen! Den Joseph, Hirams Jungen, den weck' ich. Er schläft bei den Pferden da drüben, und der ruft dann seinen Vater. Ach, diese Ungeduld, dies stürmische, leidenschaftliche Herzchen! Thu' ich Dir nicht den Willen, so schließest Du mir heut nacht kein Auge und wankst morgen umher wie im Traum . . . Ruhe, nur Ruhe, ich geh' schon.«

Dabei hatte die Alte sich das Kopftuch umgeschlungen und eilte ins Freie, Paula aber warf sich vor dem Kruzifix über dem Bett nieder und betete mit aller Inbrunst, bis die Amme zurückkam. Bald darauf ließen sich Männertritte auf der Treppe vernehmen, und Hiram trat ein.

Es war ein kräftiger Fünfziger mit zwei blauen, treuen Augen in dem groben Dutzendgesicht. Wer seine breite Brust sah, durfte erwarten, daß er, wenn er zum Reden kam, eine kräftige Baßstimme erklingen lassen werde; doch Hiram stotterte von Kind an, und im steten Umgang mit Pferden hatte er sich den Gebrauch von seltsamen Naturlauten angewöhnt, die er mit hoher Fistelstimme hervorstieß. Er sprach auch nur ungern.

Als er der Tochter seines Wohlthäters und Herrn gegenüberstand, sank er vor ihr nieder, blickte sie mit den treuen Jagdhundaugen unterwürfig und doch zärtlich an, und küßte ihr erst das Gewand und dann auch die Hand, mit der sie ihn aufrichten wollte.

Paula unterbrach die mühsam hervorgestammelten Beteuerungen seiner Freude, sie wiederzusehen, gütig, aber entschieden, und als er endlich zu sprechen begann, floß seine Rede für ihre Ungeduld viel zu langsam.

Der Nabbatäer, welcher die Hoffnung erweckende Nachricht gebracht hatte, teilte er mit, sei nicht abgeneigt, der gefundenen Spur weiter nachzugehen; doch könne er nur bis morgen Mittag warten und habe hohe Forderungen gestellt.

»Alles soll er haben, alles, was er verlangt,« unterbrach ihn Paula. Hiram aber bat sie mehr mit Blicken und unverständlichen Rufen als mit deutlichen Worten, ja nicht zu Großes zu hoffen.

Der Nabbatäer Dusare, so ergänzte er die Mitteilung der Amme, habe von einem Klausner zu Raithu am Roten Meer erfahren, daß ein großer Kriegsheld von griechischer Abkunft seit zwei Jahren bei den frommen Brüdern am heiligen Sinaiberge in aller Stille ein bußfertiges Leben führe. Seinen weltlichen Namen hatte der Bote nicht zu erfragen gewußt, unter den Klausnern aber ward er Paulus genannt.

»Paulus?« unterbrach ihn das Mädchen mit fliegendem Atem. »Ein Name, der ihn an die Mutter erinnert und an mich, auch an mich! Und dann er, der Held von Damaskus, in der Welt hat er Thomas geheißen – und nun, da er wohl glaubt, auch ich sei ums Leben gekommen, weiht er sich gewiß dem Dienste Gottes und Christi und nennt sich wie Saulus, der andere Mann von Damaskus, nachdem er das Heil gefunden, Paulus, gerade wie dieser! O Betta, o Hiram, ihr werdet sehen, er ist es, er muß es sein, könnt ihr noch zweifeln?«

Der Syrer schüttelte bedenklich den Kopf und stieß ein langgezogenes »Hüüst« aus; Perpetua aber schlug die Hände zusammen und rief bekümmert: »Hab' ich's nicht gedacht? Das Feuer, das Hirten in der Nacht entzünden, um sich die Hände zu wärmen, hält sie für die aufgehende Sonne, Wagengerassel für den Donner des Höchsten! Wie viel Tausende heißen doch Paulus! Bei allen Heiligen, Kind, werde ruhig und versuche nicht, Dir aus lustigem Nebel ein Festkleid zu weben! Erwarte das Schlimmste, dann bist Du gegen Fehlschläge gewappnet, und Du bewahrst Dir das Anrecht, zu hoffen! Sage ihr, sag ihr doch, Hiram, was der Bote weiter berichtet; es ist ja nichts Festes, schwebt ja alles, alles wie Staub in der Luft!«

Da teilte der Freigelassene mit, daß der Nabbatäer ein zuverlässiger Mann sei, weit geschickter zu solchen Botengängen als er selbst; denn er verstehe außer seiner Sprache auch ägyptisch, griechisch und aramäisch, und doch sei es auch für ihn unmöglich gewesen, zu Tor, wo die Mönche vom Erscheinungskloster am Sinai eine Niederlassung besäßen, Näheres über den Klausner Paulus zu erfragen. Später habe er freilich auf der Seefahrt nach Kolzum von Mönchen erfahren, daß es noch einen zweiten Sinai gebe. Das Kloster dort – und nun setzte Perpetua die Erzählung fort, welche dem Stotterer den Schweiß auf die Stirn getrieben – das Kloster in der Oase am Fuße des zackigen, himmelhohen Berges sei zwar wegen der Ketzerei der Mönche geschlossen worden, in den Schluchten dieser gewaltigen Höhe hausten aber immer noch viele Klausner in einem kleinen Cönobium, in LaurenGassen. Nur locker zusammenhängende Reihen von einzelnen Einsiedlerwohnungen. und einzelnen Felsenhöhlen, und zu diesen könne jener Paulus vielleicht gehören. Diese Fährte sei gut; und sie und Hiram hätten von vornherein beschlossen, sie zu verfolgen, aber der frühere Kriegsmann sei doch wahrscheinlich ein Fremder, und es sei ihnen beiden grausam erschienen, sie einer so schmerzlichen Enttäuschung auszusetzen.

Aber hier unterbrach sie Paula und rief in froher Erregung: »Und warum soll mir nicht auch einmal etwas anderes beschieden sein als Enttäuschung? Wo nehmt ihr den Mut her, mir die Hoffnung zu entziehen, von der sich dies arme Herz doch nährt? Aber ich lasse sie mir nicht rauben! Euer Paulus am Sinai ist der Verschollene, ich ahn es, ich fühl es! Wären die letzten Perlen nicht schon verkauft, so müßte der Nabbatäer . . . Aber so, so . . . Wann kannst Du reisen, mein Hiram?«

»Vor vie – vierzehn Tagen in kei– keinem Fall,« entgegnete dieser. »I – ich stehe nun einmal in des Sta – att – stattha – halters Diensten und ü – übermorgen wird in Ni – i – kuhüüst der große Pfe – Pferdema – markt sein. Für den jungen Herre – ren gibt es da neue He– engste zu kaufen, und unsere Fo – ohlen Brr . . .«

»Ich flehe den Oheim morgen an, daß er Dich frei läßt,« rief Paula. »Ja, ich werfe mich ihm zu Füßen.«

»Er läßt ihn nicht!« unterbrach sie die Amme. »Der Hausmeister Sebek hat ihm vor der Audienzzeit in meinem Namen alles gesagt und Hiram frei zu bitten versucht.«

»Und der Bescheid?«

»Frau Neforis nannte die Botschaft ein neues Irrlicht, und der Herr stimmte ihr bei. Hernach verbot Dein Oheim dem Sebek, Dir etwas zu verraten, und ließ mir sagen, nach dem Pferdemarkt werde er Hiram doch vielleicht auf den Sinai schicken. So gedulde Dich denn, Herzchen! Was sind vierzehn Tage, längstens drei Wochen, und dann . . .«

»Aber bis dahin vergeh' ich!« rief Paula. »Der Nabbatäer, sagst Du, sei hier und zu gehen bereit?«

»Ja, Herrin!«

»So werben wir ihn,« sagte Paula bestimmt; die Amme aber, welche doch schon recht eingehend mit ihrem Landsmann gesprochen haben mußte, schüttelte traurig den Kopf und versetzte: »Er ist uns zu teuer!« Dann erklärte sie, daß der sprachenkundige Mann schon aufgefordert sei, eine Karawane nach Ktesiphon zu führen. Das gebe ihm Brot für ein ganzes Jahr, und er sei wohl willens, die Verhandlungen mit dem Kaufherrn Hanno abzubrechen und das peträische Arabien für sie zu durchsuchen, jedoch nur, wenn er zweitausend Drachmen erhalte.

»Zweitausend Drachmen?« wiederholte Paula und schaute beschämt und ängstlich zu Boden; doch bald blickte sie wieder selbstbewußt auf und rief empört: »Wie dürfen sie mir vorenthalten, was mein ist? Verweigert mir der Oheim, was ich fordern darf und muß, so geschehe denn, was sich nicht vermeiden läßt und mir um seinetwillen weh genug thun wird, so übergeb' ich meine Sache den Richtern!«

»Den Richtern?« lächelte die Amme. »Um zu klagen, bedarfst Du des Kyrios, und Dein Oheim ist ja der Deine. Und dann! Eh' sie das Urteil fällen, kann der Bote schon aus dem fernen Ktesiphon zurück sein!«

Und nun flehte die Amme sie noch einmal an, sich bis zum Ende des Pferdemarktes still zu bescheiden; sie aber blickte wie gebrochen zu Boden; doch da fuhr Perpetua zusammen, und auch Hiram trat zurück; denn plötzlich war sie in den lauten, jubelnden Ruf ausgebrochen: »Vater im Himmel, ich habe ja, was wir bedürfen!«

»Wie, Kind, was?« fragte die Amme mit der Hand auf dem Herzen; Paula aber erteilte ihr keine Auskunft, sondern wandte sich hastig an den Syrer: »Ist der erste Hof wieder frei? Sind die Leute auseinander gegangen?«

Die Antwort lautete bejahend. Die freien Diener waren mit Hiram zugleich aufgebrochen. Die Herren trennten sich wohl noch lange nicht, doch an ihnen kam man leichter vorbei.

»Gut denn,« befahl das Mädchen, »Du, Hiram, gehst mir voran und wartest auf mich beim Gesindepförtchen. Auf meinem Zimmer geb' ich Dir etwas, was des Nabbatäers Forderung zehnfältig deckt. Sieh mich nicht so ängstlich an, Betta. Er bekommt den großen Smaragd aus dem Halsband der Mutter.«

Da schlug die Amme die Hände zusammen und rief traurig und warnend: »Kind, Kind, dies herrliche Stück, dies Erbgut der Familie, diesen Stein, der vom heiligen Kaiser Theodosius herstammt, ihn, gerade ihn verkaufen, nein, verschleudern, nicht um den Vater zu retten, sondern – ja, Kind, so ist es – sondern nur, weil Dir die Geduld fehlt, zwei elende Wochen ruhig zu warten!«

»Das war hart, das war ungerecht, Betta!« unterbrach sie das Mädchen in verweisendem Ton. »Um einen Monat wird es sich handeln, und wie viel es auf den Boten ankommt, das wissen wir alle. Hast Du vergessen, wie Hiram die Geschicklichkeit gerade dieses Mannes hervorhob? Und dann! Muß ich, die Jüngere, Dich daran erinnern? Was ist das menschliche Dasein? Ein Augenblick entscheidet über Leben und Tod, und der Vater ist ein alter Mann, der schon vor der Belagerung mit so vielen Narben bedeckt war. Um Wiedersehen oder Nichtwiedersehen kann es sich handeln.«

»Ja, ja,« versetzte die Alte kleinlaut, »vielleicht hast Du recht, und wenn ich . . .« Aber Paula verschloß ihr mit einem Kusse den Mund und befahl dann dem Syrer, den Stein bei ihr in Empfang zu nehmen und ihn morgen in alter Frühe an den Juden Gamaliel, einen reichen und redlichen Mann, zu verkaufen, und zwar nicht unter zwölftausend Drachmen. Könne der Goldschmied so viel auf einmal nicht zahlen, so möge er sich einstweilen mit den zweitausend Drachmen für den Boten begnügen und den Rest später für sie erheben.

Der Syrer ging ihr voran, und als sie nach einem langen Abschied von der Amme deren freundliches Stübchen verließ, war Hiram bereits ihrem ersten Befehl gefolgt und erwartete sie vor dem Gesindepförtchen.

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