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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Fünfzigstes Kapitel.

Schon in der Nacht hatten sich auf dem Uferbau unweit der Herberge des Nesptah zahlreiche Zuschauer versammelt. Mit jeder Minute vermehrte sich ihre Menge, und trotz der großen Hitze dieses Morgens duldete es doch keinen Memphiten zu Hause.

Mann, Weib und Kind strömten dem Festplatz entgegen, und auch aus den benachbarten Städten, Flecken und Dörfern kamen Tausende herbei, um dem unerhörten Opfer beizuwohnen, das der Not des Landes ein Ende machen sollte. Wer hatte je von solcher Vermählungsfeier gehört? Ihr beiwohnen zu dürfen, welcher Vorzug, welches Glück!

Der Senat war nicht müßig gewesen und hatte das Seine gethan, sie mit allem Glanz zu umgeben und möglichst vielen den Mitgenuß des Gepränges zu ermöglichen, das mit offener Hand und bereitwilliger Hingabe an die Sache ins Werk gesetzt worden war.

Rings um den Hafen des Nesptah hatte man in weitem Halbrund hölzerne Gerüste erbaut, auf denen Tausende Sitz- und Stehplätze fanden.

Für die Buleuten und ihre Familien sowie für die Spitzen der arabischen Behörden waren in der Mitte der Tribünen besondere mit Teppichen behängte Logen eingerichtet worden, und in ihnen standen für den Wekil Obada, den Kadhi, das Stadthaupt, den alten Horus Apollon und auch für die Geistlichkeit, obgleich man wohl wußte, daß sie dem Feste fern bleiben werde, hohe Lehnstühle bereit.

Das gemeine Volk, dem es an Mitteln gebrach, sich Zugang zu diesen Estraden zu erkaufen, hatte sich am Ufer mit Weib und Kind gelagert, und mancherlei Händler waren gekommen und boten überall, wo die Menge am dichtesten war, aus zweiräderigen Karren oder kleinen Teppichen, die sie vor sich ausgebreitet, Erfrischungen und Nahrungsmittel feil.

Auch bei den Tribünen kam das Geschrei der Wasserträger nicht zum Schweigen, die filtrirtes Naß aus dem Nil und Fruchtsaft ausboten.

In den dürren Kronen der Palmen des Nesptah hockte, wie sonst wohl Turteltaube, Wiedehopf und Sperling, die Straßenjugend der Stadt und vertrieb sich die Zeit, indem sie die zusammengeschrumpften kranken Datteln von den mächtigen Traubenbüscheln pflückte und sie den Neugierigen zu ihren Füßen auf die Köpfe warf, bis die Wachen den Pfeil an die Sehne legten und es verboten.

Den Hauptanziehungspunkt für aller Augen bildete die weit in den flachen Strom hineingebaute brückenartige hölzerne Estrade, von der aus die Nilbraut dem harrenden Verlobten in die feuchten Arme geschleudert werden sollte. An ihr hatten die Festordner ihre Kunst glänzend bewährt; denn sie war mit Teppichen und Tüchern, Palmenwedeln und Fahnen, mit schweren Guirlanden von Tamarisken und Weidenlaub, aus denen eine Fülle von Lotosblumen, Malven, Lilien und Rosen, hell und glänzend hervorschimmerten, mit Kränzen, den Emblemen des Gaues, und anderem vergoldetem Zierat aufs reichste geschmückt. Nur ihr äußerstes Ende war völlig unberührt geblieben, und man hatte dies sogar ganz ohne Geländer gelassen, um den der »Vermählung« zugewandten Blicken auch nicht das Kleinste zu entziehen.

In der dritten Stunde vor Mittag fehlten nur diejenigen, denen die Plätze gesichert waren, doch bald führte die Neugier auch sie herbei.

Die Sicherheitsbeamten hatten alle Hände voll zu thun, um zu verhüten, daß die vorderste Zuschauerreihe nicht von den Hinterleuten in den Strom gedrängt werde; dennoch war dies nicht überall zu verhüten; dank dem flachen Ufer kam indessen niemand dabei zu Schaden. Um so lauter war das Geschrei der Gefährdeten. Es übertönte die Musik der aus den Hauptgerüsten aufgestellten Banden, und die Beifallsrufe, welche sich vernehmen ließen, sobald der alte Horus Apollon, der auf seinem weißen Esel, frisch und heiter wie ein Jüngling, bald hier, bald dort war, oder einer der höheren Beamten der Stadt sich zeigte.

An einigen Stellen erhob sich sogar lautes Jammergeschrei, stoben zusammengedrängte Gruppen heulend auseinander. Hier hatte der Sonnenstich einen Bürger getroffen, dort die Seuche einen Neugierigen ergriffen. Die Fliehenden rissen dann andere mit fort; Mütter suchten ihre Kleinen kreischend vor dem Erdrücktwerden und der Ansteckung zu retten; der Wagen eines Händlers ward umgestürzt, die Eier und Kuchen eines andern wurden zertreten; ein ganzer Menschenknäuel stürzte in einen tiefen, halb ausgetrockneten Kanal; die Sicherheitswächter schwangen die Stöcke und suchten, schreiend und Geschrei erweckend, Ordnung zu schaffen, aber das alles berührte die große Zuschauermasse nur flüchtig, und plötzlich kam sie überall zur Ruhe, der Wirrwarr löste sich, das Geschrei verstummte. Mochte nun hinsinken, von Krankheit ergriffen, zerdrückt werden, sterben, was wollte! Tubarufe und Gesang hatten sich von der Stadt her hören lassen: die Prozession, der Brautzug, nahte! Lieber zu Grunde gehen als sich nur eine Scene dieses Schauspiels der Schauspiele entgehen lassen!

Narren, diese Araber!

Von ihren höchsten Beamten waren außer dem schwarzen Wekil nur drei, die niemand kannte, erschienen. Selbst den Kadhi suchte man vergebens; er hatte gewiß den muslimischen Weibern das Zuschauen verboten; denn keine verschleierte Haremsschöne war heute zu sehen.

Von den Aegypterinnen hätte auch nicht die letzte gefehlt, wenn die Seuche nicht viele ins Haus geschlossen. Dergleichen erlebte man nicht wieder; was hier vor sich gehen sollte, davon konnte man noch späten Enkeln erzählen!

Und der Gesang und die Musik kamen näher und näher, und wahrlich, das klang nicht, als gebe man einem Menschenkind das Geleite in ein gräßliches Grab!

Fanfare folgte der Fanfare und durchschmetterte, zum festlichen Jubel auffordernd, die Lust; heitere Hochzeitsgesänge hallten, näher und näher kommend, den Horchenden entgegen; die hohen Chöre der Knaben und Mädchen übertönten den tieferen, kräftigen Gesang der Jünglinge, Männer und Greise; Flöten pfiffen hoch auf und forderten zu festlichem Frohsinn; Trommelgebrumm murmelte wie Meeresgebraus in gemessenem Marschtakt heran, und dazwischen schallte Cymbelton und das Schellengeläut vom kreisrunden Rande der Tambourine, die Jungfrauenhände in festlichem Rausche über dem Lockenschmuck schwangen, schüttelten und schlugen; Lautenschläger lockten aus den Saiten liebliche Klänge, und wie dieser gewaltige Strom von mannigfaltigen Tönen ganz nahe herangewogt war, ließ sich schon von fern neuer Gesang und neue Musik vernehmen.

Unabsehbar erschien dem Ohre der Aufzug, und was das Gehör wahrgenommen, das bestätigte bald auch das Auge.

Alles lauschte, horchte, schaute, spähte der Nilbraut und ihrem Gefolge entgegen. Jeder Blick schien gezwungen, dem gleichen Weg zu folgen, und nun erschienen, allen voran, die Fanfarenbläser auf feurigen Rossen und reihten sich an beiden Seiten der zu dem Schauplatz der Hochzeit führenden Straße am Ufer auf. Vor sie hin stellte sich links der Chor der Frauen, rechts der der Männer, die hinter jenen hergezogen waren, beide in leichten meergrünen Gewändern, und mit Lotosblumen überreich geschmückt. Den Frauen wallte das gelöste Haar, in das sich weiße Blütenglocken mischten, über die Schultern; die Männer trugen Papyrus und Schilf in den Händen, Flußgöttern, die den Wogen entstiegen, sollten sie gleichen.

Dann erschienen Jünglinge und bärtige Gestalten in weißen Gewändern mit Pantherfellen über den Schultern, wie sie die heidnischen Priester getragen. Zwei Greise mit weißen, wallenden Bärten führten den Zug, der eine mit einer silbernen, der andere mit einer goldenen Schale in der Rechten, bereit, sie als erstes Opfer nach der Sitte der Väter, wie es Horus Apollon erklärt und angeordnet, in die Wellen zu schleudern. Sie schritten auf dem Holzbau vorwärts bis an sein Ende und stellten sich zur Seite der Plattform auf, von der aus die Nilbraut dem Strom vermählt werden sollte. Ihnen folgte eine große Schaar von Flötenbläsern und Trommlern und ihnen wiederum fünfzig Mädchen, die Tambourine schwangen, und ebensoviele Männer, alle gekleidet und ausgestattet wie das Gefolge des Dionysos, des in der Römerzeit gefeierten Osiris Bacchus, und unter ihnen auf grauen und wunderlich gelb gefärbten Eseln auch der trunkene Silen, bockfüßige Satyrn und Pane mit der vielröhrigen Hirtenflöte am Munde.

Und nun wurden Giraffen, Elefanten, Strauße, Antilopen, Gazellen, ja, einige gezähmte Löwen und Panther an dem schaulustigen Volke vorübergeführt; denn das Gleiche war geschehen bei dem berühmten Festzug zu Ehren des zweiten Ptolemäers, den Kallixenus von Rhodus beschrieben.

Dann erschienen aus einem großen, von zwölf Rappen gezogenen Wagen die symbolischen Gestalten der gefesselten, zu Boden geworfenen Not und Seuche, mit allerlei schreienden, geschwärzten, an Pfähle gebundenen Kindern mit spitzigen Flügeln am Rücken und Hörnern an der Stirn, die das Höllengesindel schauerlich und putzig zugleich darzustellen suchten.

Auf einem andern Wagen gab es die Göttin des Ueberflusses zu sehen. Sie war rings von Garben, Früchten und Traubengewinden umgeben und wurde von Knaben und Mädchen mit Obst und Aehren, mit Granatäpfeln und Dattelbüscheln, Weinkrügen und Pokalen in den Händen umringt.

Darauf zeigte sich in einer von acht schneeweißen Schimmeln gezogenen Muschel, als ruhe sie im Bade, die Göttin der Gesundheit mit einer goldenen Schale in der einen und einem Schlangenstab in der andern Hand, und darauf der künftige Gemahl der Nilbraut, der Stromgott, nach der berühmten Statue, welche die Römer aus Alexandria entführt: die herrliche, kraftvolle, bärtige Gestalt eines Mannes, dessen Oberleib auf einer gewaltigen Urne ruhte. Sechzehn nackte Kindergenien, die sechzehn Ellen, welche der Strom ersteigen muß, wenn sein Wachstum dem Lande Segen bringen soll, umspielten seinen herkulischen Körper, und ein voller Hochzeitskranz von Lotosblumen ruhte auf seinen wallenden Locken.

Krokodile, Aehrenbüschel, Datteln, Trauben und Muscheln zierten dies mit Jubel begrüßte Fuhrwerk, das Greise in heidnischer Priestertracht umgaben.

Ihm folgten wiederum Musikbanden und Chöre, und ihnen eine Schar von Jünglingen und Jungfrauen, denen singende Lautenschläger voranzogen. Auch sie waren als männliche und weibliche Genien des Stromes gekleidet und stellten die Gespielen der Braut und die Genossen des Bräutigams dar: das Hochzeitsgeleit der Verlobten.

Je weiter der Zug sich entfaltete, je näher das lang ersehnte Opfer kam, desto gespannter lauschte und spähte die Menge.

Nachdem die Jünglinge und Mädchen vorübergezogen waren, ward es fast still auf den Tribünen und unter dem Volk. Niemand spürte den glühenden Brand der Sonne, keiner achtete der Dürre seiner trockenen Zunge, aller Augen folgten derselben Richtung, nur der schwarze Wekil, dessen Riesengestalt hoch aufgerichtet auf seinem Platze stand, wandte sich bisweilen mit lauerndem, gespanntem Blick der Stadt zu. Er erwartete Rauch von der Gegend des Gefängnisviertels aufsteigen zu sehen, und plötzlich öffneten sich seine Lippen, und höhnisch lachend zeigte er die blitzenden, schneeweißen Zähne. Das, worauf er harrte, war erschienen, und das graue Wölkchen, das er erspäht, ward schon schwärzer, und nun zeigte sich in seiner Mitte rote Glut, die ihren Ursprung nicht der Sonne verdankte. Doch unter den Tausenden war er der einzige, welcher rückwärts schaute und es bemerkte.

Nun betrat das Hochzeitsgefolge den Holzbau im Strome, jetzt ein neuer Chor von Jünglingen mit Pantherfellen auf den Schultern, und nun – endlich, endlich – schwankte ein Wagen heran, den acht kohlschwarze, mit grünen Straußenfedern und Wasserpflanzen geschmückte Stiere zogen.

Ein hoher Baldachin, an dessen Stützen sich vier Männer in der Tracht heidnischer Opferpriester lehnten, beschattete den Wagen, und unter dem mit Lotos und Schilfgewinden reich geschmückten Schutzdache ruhte, rings umgeben von grünem Papyrus, Riedgras, hohem Rohr und blühenden Wasserpflanzen, die Königin des Festes –die Nilbraut.

In einem weißen Gewande und tief verschleiert saß sie regungslos da. Das lange, volle braune Haar wallte ihr gelöst über die Schultern, und vor ihr lag ein Kranz und eine Anzahl von seltenen rosenroten Lotosblumen am Boden.

Neben ihr hatte bis dahin der Bischof gesessen, der erste christliche Geistliche, welcher in dem von Klerikern und Mönchen wimmelnden Memphis auf diesem Schauplatz heidnischen Unfugs erschien.

Jetzt stand er aufrecht und schaute mit finster gefalteter Stirn und drohendem Blick in die Menge. Was hatten die Bußpredigten in allen Kirchen, was seine und des gesamten Klerus Mahnungen und Drohungen gefrommt? Jedem Widerstande zum Trotz war er mit der Verurteilten auf den Wagen gestiegen, nachdem er ihre Seele nochmals getröstet. Es konnte ihm das Leben kosten, doch er hielt sein Versprechen.

Orions letzten Gruß, eine Rose, die ihm Frau Martina gebracht, und eine andere, die ihr Pulcheria heut in aller Frühe gereicht, hielt Paula in der Hand.

Gestern in einer lichten Stunde hatte ihr der sterbende Vater aus vollem Herzen seinen Segen erteilt, ohne zu ahnen, was ihr bevorstand; heute war er noch nicht zu sich gekommen und hatte den Abschiedskuß, den sie ihm gab, weder gefühlt noch erwidert. Besinnungslos war er aus dem Gefängnis ins Freie und von dort in das Haus des Rufinus getragen worden. Frau Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn bei sich aufzunehmen, um ihn bis ans Ende zu pflegen.

Orions letzter schriftlicher Gruß war Paula kurz vor der Abfahrt übergeben worden und hatte die Nachricht enthalten, seine Arbeit sei nun zum Abschluß gediehen. Es war ihm mitgeteilt worden, nicht heute, sondern morgen werde das Unerhörte geschehen, und es gereichte ihr zum Trost, daß ihm die Marter erspart blieb, ihr im Geist auf ihrem furchtbaren Gange zu folgen.

Die Weiber, welche gekommen waren, um ihr den Brautstaat anzulegen, hatte sie gewähren lassen, und unter ihnen war die Kerkermeistersfrau Emau gewesen, deren thränenreiches Mitleid ihr wohlthat. Aber schon im Gefängnishof war es ihr unerträglich erschienen, sich der gaffenden Menge in dem bräutlichen Blumenschmucke zu zeigen, und sie hatte ihn aus dem Wagen von sich gerissen und zu Boden geschleudert.

Lang, unendlich lang war ihr der Weg bis an den Strom geworden, aber sie hatte keinen Blick auf die Neugierigen an der Straße geheftet, hatte nicht abgelassen, ihr Herz im Gebet zu erheben, und wenn ihr stolzes Blut aufgewallt und die Verzweiflung übermächtig in ihr geworden war, hatte sie die Hand des Bischofs ergriffen, und der war nicht müde geworden, ihr zuzusprechen und sie zu beschwören, Liebe und Glaube zu bewahren und auch die Hoffnung nicht sinken zu lassen.

Und so waren sie bis an den Bau angelangt, an dessen Ende das Leben in einer andern Welt für sie begann.

Lauter, jubelnder, erwartungsvoller hatte das Geschrei der Menge noch nicht geklungen; Musik und Gesang mischten sich in das Gebrüll der Tausende, und wie betäubt ließ sie sich vom Wagen heben, folgte sie den Jünglingen und Jungfrauen, die ihr Hochzeitsgeleit darstellen sollten und in wechselnden Chören vor ihr her den schönsten Hymenäus der Lesbierin Sappho sangen.

Jetzt versuchte der Bischof, die Menge anzureden, doch er wurde schnell zum Schweigen gebracht.

Da vereinte er sich wieder mit ihr, und an seiner Hand betrat sie die Brücke.

Was an Kraft, an Stolz und Heldenmut in ihr war, nahm sie zusammen, um aufrecht, ohne zu wanken, den letzten Gang zu gehen, und schon hatte sie in hoheitsvoller Haltung, so majestätisch, als schreite sie dahin, um Gehorsam von dieser Menge zu fordern, die Mitte des Holzbaues erreicht, als hinter ihr auf den hohlen Planken Hufschlag erdröhnte.

Der alte Horus Apollon hatte sie auf seinem weißen Esel überholt und verlegte ihr den Weg.

Außer Atem, in Schweiß gebadet, höhnisch und triumphirend gebot er ihr, das Antlitz zu entschleiern, und dem Bischof, sie los und an seine Stelle den Darsteller des Vaters Nil treten zu lassen, einen riesigen Hufschmied, der ihm in seiner Vermummung verlegen, aber doch willens, seine Rolle gut zu Ende zu führen, nachfolgte.

Doch der Priester und Paula versagten ihm den Gehorsam.

Da riß ihr der Alte den Schleier vom Antlitz, winkte dem »Nilgott«, und dieser trat in sein Recht und führte sie, nachdem er sich ehrerbietig vor Plotinus verneigt, der ihn gewähren lassen mußte, bis an das äußerste Ende der Brücke. Hier warfen die beiden Greise, die dem Gefolge des Osiris Bacchus vorangegangen waren, die goldenen Schalen als Opfer in den Fluß, und dann begann ein als heidnischer Priester gekleideter Sachwalter in wohlgesetzter Rede die Bedeutung dieser Trauung und dieses Opfers darzulegen. Dabei ergriff er Paulas Hand, um sie in die des Hufschmiedes zu legen, und dieser schickte sich an, sie in die Arme des Flusses zu stoßen, für dessen Vertreter er galt.

Doch ein Hindernis stellte sich seinem Vorhaben entgegen. Ein großes Festboot war dicht an den Holzbau herangefahren, und jetzt rief und schrie es von den Tribünen und aus der Menge, welche bis dahin in atemloser Spannung das tiefste Schweigen bewahrt:

»Das Festboot der Susanna!«

»Seht auf den Nil, auf den Fluß!«

»Das Bachstelzchen, die Tochter des reichen Philammon!«

»Ein lieblicher Anblick!«

»Eine zweite, eine andere Nilbraut!«

Und nun wandten sich die Blicke der Tausende wie aus einem Auge von Paula auf Katharina.

Das schöne Festboot der Susanna war schon seit einer Stunde vor der Estrade hin und her gefahren, und die Wächter hatten ihm häufig befohlen, sich entfernter von dem Schauplatz der Vermählung zu halten, aber ohne Erfolg und unvermögend von ihren kleinen Nachen aus Gewalt anzuwenden gegen das große, von fünfzig Matrosen geruderte Schiff.

Jetzt war es der Brücke ganz nahe gekommen, und es hätte mit seinem reich vergoldeten Holzwerk, seinem hohen, von silbernen Säulen getragenen Kajütenhause, seinen purpurnen gestickten Segeln eine glänzende und fröhliche Augenweide geboten, wenn die große schwarze Fahne an seinem Maste ihm nicht dennoch ein ernstes, trauriges Ansehen gegeben.

In der Kajüte hatte Katharina sich von den dienenden Frauen in weiße Gewänder hüllen und mit lauter weißen Blüten, Myrten, Rosen und Lotos, schmücken lassen und dabei ihre besorgten Fragen unbeantwortet gelassen.

Die Zofe, welche ihr Blumen an die Brust steckte, fühlte das Herz der Herrin unter ihren Fingern schlagen, und die Lotosglocke, welche ihr von der Schulter auf den vollen Busen herabfiel, hob und senkte sich, als liege sie schon auf dem wogenden Strom. Auch ihre Lippen waren in steter Bewegung, ihre Wangen blaß wie der Tod.

»Was will sie nur?« fragten sich ihre Begleiter.

Gestern war die Mutter gestorben, und nun wohnte sie dieser Schaustellung bei und ließ dem Steuermann gar befehlen, auf den Holzbau zuzufahren und in seiner Nähe zu halten, wo sie von aller Welt gesehen werden mußte. Doch sie wünschte wohl gerade, sich in ihrem Schmuck dem Volke zu zeigen und sich bewundern zu lassen; denn nun stieg sie auf das Dach der Kajüte. Und lieblich sah sie aus, schön wie ein unschuldiger Engel, da sie die Stiege hinanklomm, kindlich beschämt, befangen und doch mit weit geöffneten Augen, als erwarte sie da oben etwas Großes, wonach sie sich lange und von ganzem Herzen gesehnt.

Anubis mußte sie auf den letzten Stufen stützen; denn ihr wankten die Kniee; doch oben angelangt, schickte sie ihn zurück mit dem Auftrag, auch die anderen unten zu halten; denn sie wolle allein sein.

An Gehorsam gewöhnt, folgte der Knabe, und nun erstieg sie die Bank neben der Brüstung des Bordes, wandte sich Paula, der sie näher und näher kam, zu, streckte ihr und dem Bischof die Rechte entgegen, in der sie zwei Lilienstengel mit herrlichen Blüten hielt, und in dem Augenblick, da der Hufschmied den Raum zwischen der Brücke und dem Fahrzeug mit den Blicken maß und es für unmöglich erkannte, die Nilbraut in die Tiefe zu stoßen, bevor sich das Festboot weiter entfernt, rief Katharina:

»Ehrwürdiger Vater Johannes und ihr dort! Ich, ich, und nicht die Tochter des Thomas! Nicht sie, ich, ich, Katharina, bin die rechte Nilbraut. Freiwillig, hör es, Johannes! Freiwillig geb' ich das Leben hin für mein armes Volk und seine Not, und der Patriarch hat gesagt, mein Opfer, es werde dem Himmel genehm sein. Lebet wohl! Betet für mich! Erbarme Dich meiner, mein Heiland! Mutter, liebe Mutter, ich komme!« Dann rief sie dem Steuermann zu: »Weiter fort von der Brücke!« und sobald wenige Ruderschläge das Festboot tiefer in den Strom hinein getrieben, stieg sie behend auf die Brüstung des Bordes, warf sie die Lilienstengel vor sich her, ließ sie sich lächelnd, mit lieblich zur Seite geneigtem Haupte und indem sie die Gewänder schamhaft an sich drückte, ins Wasser sinken.

Die Wellen schlugen über ihr zusammen, noch einmal tauchte die gute Schwimmerin wieder auf, und ihre Züge hatten das Ansehen einer Badenden, die sich wohlig der Frische des Wassers freut, das sie umwogt und umschmeichelt. Vielleicht berührte noch der wahnsinnige Beifallssturm, erreichten noch die Schreckensrufe, das Mitleids- und Dankesgeschrei aus dem Mund der Tausende und Tausende am Ufer ihr Ohr, dann aber tauchte sie mit dem Haupt voran in die Tiefe.

Der »Stromgott«, ein gutherziger Mensch, der im alltäglichen Leben keinen Nächsten vor seinen Augen ertrinken sehen konnte, ließ Paula los, vergaß seine Rolle und sprang Katharina nach, und das Gleiche thaten ihr Milchbruder Anubis und einige Matrosen; doch sie fanden sie nicht, und der Knabe, dem sein gebrochenes Bein beim Schwimmen hinderlich war, folgte derjenigen, der seine ganze junge Seele gehört hatte, nach in den Tod.

Ihre Rede hatten nur diejenigen vernommen, an die sie gerichtet gewesen, doch bevor sie noch in den Wogen verschwunden, wandte sich der Bischof Johannes dem Volke zu, hielt Paula, die sich wie befreit fühlte, nachdem sie ihr entsetzlicher Bräutigam verlassen, fest mit der einen Hand, schwang mit der andern das Kruzifix, das ihm am Gürtel gehangen, und schrie in die Menge:

»Der Wunsch unseres heiligsten Vaters Benjamin, durch den Gott selbst zu euch redet, er ist in Erfüllung gegangen. Aus eigenem, schönem Antrieb hat sich eine reine, edle jakobitische Jungfrau nach dem Vorbild des Herrn für ihre leidenden Nächsten vor euren Augen geopfert. Diese hier,« und damit zog er Paula zu sich heran, »diese ist frei: der Nil hat sein Opfer empfangen!«

Doch bevor er noch ausgesprochen und das Volk Zeit gefunden, sein Urteil hören zu lassen, war der alte Horus Apollon auf ihn zugestürzt und hatte seine Rede unterbrochen. Schon während der Trauung war er vom Esel geglitten, und um sich sein Opfer nicht entgehen zu lassen, warf er sich nun zwischen den Bischof und Paula, erfaßte ihr Gewand und rief dem Chor der Jünglinge zu:

»Ans Werk! Rasch einer an die Stelle des Flußgottes . . . Und dann in den Strom mit der Nilbraut!«

Doch der Bischof drang abermals schützend zwischen ihn und die Jungfrau. Da übermannte den Alten der Zorn und er stürzte auf den Priester zu, um ihm das Bild des Gekreuzigten zu entreißen; Johannes aber rief mit tief grollender, markerschütternder Stimme: »Anathema!« Und bei diesem furchtbaren Worte und diesem tempelschänderischen Anblick regte sich in den Aegyptern das christliche Blut und die in manchem Kampf bewährte, in dieser Schreckenszeit nur künstlich zurückgedrängte Glaubenstreue, und der Chorführer riß den Alten zurück und stellte sich auf Seiten des Priesters. Andere folgten ihm, während eine Anzahl jugendlicher Sänger Partei für den Greis nahm, der sich fest an Paula klammerte, um lieber selbst zu verderben, als die Verhaßte seiner Rache entkommen zu sehen.

Da ließ sich von der verlassenen Stadt her Glockenton und ein beängstigendes, schwer erklärliches Lärmen vernehmen, und durch die Menge brach sich mit dem nackten Schwert in der Hand ein Jüngling Bahn, in dem die meisten trotz seiner zerrissenen Kleider, seines wirren Haares und geschwärzten Antlitzes Orion erkannten.

Alles wich vor ihm, der wie ein Rasender vorwärts stürmte, zurück, und als er dicht vor dem Holzbau mit einem raschen Blick erfaßt hatte, wie weit dort die Handlung gediehen, stürzte er sich mit gewaltigen Sätzen durch die Verkleideten auf der Estrade, schleuderte hier und dort eine sich balgende Menschengruppe beiseite, und bevor man an der Spitze der Brücke sein Nahen bemerkt hatte, riß er den Alten von Paula zurück und rief ihren Namen, und wie sie halb ohnmächtig vor Entsetzen, Ueberraschung und namenloser Wonne an seine Brust sank, zog er sie mit der Linken fest an sich, und das blitzende Schwert in seiner Rechten und seine flammenden Augen lehrten jeden, daß es ebenso rätlich sei, eine Löwin anzugreifen, die ihr Junges verteidigt, wie diesen Verzweifelten, der bereit war, mit seinem Liebsten den Tod zu erleiden.

Sein Stoß hatte Horus Apollon weithin zur Seite geschleudert, und wie der Alte sich aufraffte, um sich noch einmal auf sein Opfer zu werfen, geriet er mitten in das Handgemenge und stürzte mit einer ringenden Gruppe, die ein wilder Menschenhaufe, der Orion gefolgt war, über den Rand der Brücke hinausdrängte, in den Strom. Von diesen Gefährdeten wußten sich die meisten durch Schwimmen zu retten; doch der Alte versank, und nur seine hoch erhobene Faust sah man noch eine Zeit lang drohend auf der Oberfläche des Wassers.

Inzwischen hatte auch der Wekil wahrgenommen, was sich auf dem Holzbau zugetragen, und wütend war er von seinem Sitze aufgesprungen, um Ordnung zu schaffen und Orion, den er erkannt zu haben meinte, mit eigener Hand festzunehmen oder, mußte es sein, niederzuhauen.

Doch Tausende verlegten ihm den Weg; denn mit dem Schrei: »Feuer! Das Gefängnis, die Stadt brennt!« war die furchtbare Bande der befreiten Sträflinge, an deren Spitze Orion erschienen, auf den Festplatz gedrungen, und nun eilte alles, was Beine hatte, von dannen und auf Memphis und sein gefährdetes Haus zu, um seine Habe, seine zurückgebliebenen Besitztümer und Lieben zu retten.

Wie ein Taubenschwarm, den der Schrei des Habichts auseinander jagt, wie ein Haufen dürrer Herbstblätter, den ein Windstoß trifft, stoben die Zuschauer auseinander. In wildem Getümmel und unentwirrbarem Durcheinander wandten sie sich der Stadt zu, sprangen auf die zum Festzuge gehörenden Wagen, schnitten von dem der Gesundheitsgöttin die Schimmel ab, um auf ihrem Rücken nach Hause zu jagen, warfen nieder, was ihnen in den Weg trat, und rissen den Wekil mit sich fort, welcher, den Säbel in der Faust, der Brücke entgegenstrebte.

Rauch und Feuer stiegen indessen immer dichter und höher von der Stadt aus gen Himmel und trieben mit magischer Kraft die Fliehenden an, alle Kraft aufzubieten, um zu rechter Zeit ihr Heim zu erreichen. Doch bevor der Schwarze noch den Holzbau erreichte, geriet die eilende Menge dennoch ins Stocken: Hufschlag näherte sich. Zwar verbarg dichter Staub Roß und Reiter, doch es mußten Bewaffnete sein, die da herbeigejagt kamen; denn durch die graue Wolke, die sie umgab, zuckten blendende Blitze hin und her, der Abprall lichter Sonnenstrahlen von blanken, funkelnden Helmen, Panzern und Säbeln.

Jetzt wurden sie auch für den Schwarzen erkennbar.

Allen voran sprengte der Kadhi, und gerade als der Wekil ihn erreichte, schwang er sich vor dem Holzbau aus dem Sattel, und mit dem lauten Rufe: »Befreit, gerettet!«, in dem sich die ganze Freude seines Herzens widerspiegelte, streckte er der Jungfrau, welche sich, an Orion geschmiegt, dem Ufer näherte, die Hände entgegen.

Bei alledem hatte Othman den Wekil nicht bemerkt, den nur noch wenige Schritte von ihm trennten. Das »Befreit, gerettet!« aus dem Munde des obersten Richters lehrte den Schwarzen, die Begnadigung seines jungen Todfeindes müsse angelangt sein, und diese enthielt die Verurteilung seiner eigenen Handlungsweise.

Er hatte nichts mehr zu hoffen, Omar mußte noch herrschen, der Anschlag gegen das Leben des Chalifen gescheitert sein. Absetzung, Strafe, Tod erwarteten ihn, wenn Amr zurückkehrte; doch er wollte nicht unterliegen, ohne den verhaßten Urheber seines Falles mit sich ins Grab zu ziehen, und so drängte er den überraschten Kadhi zurück und holte zu einem furchtbaren Streiche aus, um Orion vor dem eigenen Sturze zu fällen. Doch der Führer der Leibwache, welcher Othman zu Rosse gefolgt war, hatte sein Vorhaben bemerkt, und blitzschnell hieb er vom Sattel aus auf den Schwarzen ein, und sein krummer Säbel schnitt ihm tief in den Hals. Mit einem gräßlichen Fluche ließ Obada den Arm sinken und brach vor den Füßen des neu vereinten Paares röchelnd zusammen.

Später versicherten die Leute, sein Blut sei nicht rot gewesen wie das anderer Menschen, sondern schwarz wie sein Leib und seine Seele.

Sie hatten Grund, ihm zu fluchen; denn seine Ruchlosigkeit richtete an diesem Tage mehr als die Hälfte von Memphis zu Grunde und machte seine Bürger zu Bettlern.

Zwei käufliche Verbrecher, die er gedungen, hatten während der Festfeier Feuer in das Gefängnis gelegt, um Orion darin zu ersticken, doch der Brand war bemerkt und die ganze Schar der Gefangenen beizeiten befreit worden. So hatte der Jüngling an der Spitze seiner Mitgefangenen auf den Festplatz gelangen können; doch das Feuer war in dem menschenleeren Ort nicht zu bändigen gewesen, hatte sich in den ausgedörrten Straßen von Haus zu Haus fortgepflanzt, und am folgenden Tage war von der berühmten Pyramidenstadt nichts mehr übrig als die am Strome gelegene Nilstraße und einige elende Gassen. Die alte Pharaonenresidenz hatte sich in einen Flecken verwandelt, und ihre obdachlosen Einwohner siedelten auf das jenseitige Nilufer über und bevölkerten als Muslimen das frisch aufblühende Fostat oder suchten auf christlichem Boden eine neue Heimat.

In den verschonten Häusern gehörte auch das des Rufinus, und dahin begleitete der Kadhi Orion und Paula, dies wies er ihnen bis zur Rückkehr des Feldherrn als Gefängnis an, hier verlebten sie glückselige Tage, vereint mit den Freunden; hier war es dem sterbenden Thomas vergönnt, seine Kinder zum letztenmal ans Herz zu ziehen und zu segnen.

Kurz bevor der Kadhi auf dem Festplatz erschien, waren zwei Brieftauben angelangt, beide mit dem Befehl des Feldherrn Amr, das Opfer der Tochter des Thomas in jedem Falle zu untersagen und ihr Leben bis zu seiner Heimkehr zu schonen. Auch Orions Schicksal zu bestimmen, behalte er sich vor.

Zu Berenike, an der ägyptischen Küste des Roten Meeres, hatten ihn Maria und Rustem erreicht. Dieser verfallende Hafenort war mit Medina durch eine Taubenpost verbunden, und auf seine Anfrage bei dem Chalifen in Bezug auf das dem Nil von seiten der verzweifelnden Aegypter darzubringende Opfer hatte Omar eine Antwort erteilt, welche sogleich an den Kadhi weiterbefördert worden war.

Der Brand der Stadt verhängte neues furchtbares Unheil über die hart geschlagenen Memphiten, und der Nil wollte trotz Katharinas Opfertod noch immer nicht steigen. Da berief der Kadhi drei Tage nach dem unterbrochenen Vermählungsfeste die gesamten Bewohner der Städte diesseits und jenseits des Stromes noch einmal unter die Palmen des Nesptah, und hier verkündete er den Muslimen und Christen durch den arabischen Ausrufer und ägyptischen Dolmetsch, was der Chalif ihm den Memphiten mitzuteilen geboten: Der einige, allgütige Gott verschmähe das Opfer eines Menschen. In dieser festen Zuversicht werde er zu Allah, dem Allbarmherzigen, beten, und er, Omar, sende hiebei einen Brief, den man in seinem Namen in den Fluß werfen möge.

Und dies Schreiben, es trug die Aufschrift.

»An den Nil Aegyptens!«

und sein Inhalt war dieser:

»Wenn Du, Strom, aus Dir selbst fließest, so wachse nicht; wenn aber Gott, der Einzige und Barmherzige, es ist, der Dich fließen läßt, so flehen wir den barmherzigen Gott an, daß er Dich steigen lasse!«

»Was nicht von Gott ist,« sagte der Feldherr Amr in dem Briefe, welcher den des Omar begleitete, »was frommt es dem Menschen? Aber alles Geschaffene ist nur durch ihn, und so auch euer edler Strom. Der Höchste wird Omars Flehen und das unsere erhören, und so verordne ich, daß ihr alle, Muslimen, Christen und Juden, euch in der Moschee jenseits des Stromes, die ich zu Ehren des Allgütigen erbaute, versammelt und daß ihr dort eure Seelen zu einem großen gemeinsamen Gebet erhebt, damit Gott euch höre und sich eurer Leiden erbarme!«

Und der Kadhi forderte alles Volk auf, über den Nil zu ziehen, und es folgte seinem Gebot. Der Bischof Johannes rief seine Geistlichkeit auf, und an ihrer Spitze zog er den Christen voran; die Priester und Aeltesten der Juden führten die Ihren den Jakobiten nach, und die Muslimen versammelten sich neben ihnen in dem herrlichen, säulenreichen Gotteshause des Amr, und alle drei Glaubensgenossenschaften erhoben dort Herz und Blick und Stimme zu dem einen, allbarmherzigen Vater im Himmel.

Und gerade die Moschee des Amr hat das gleiche erhebende Schauspiel noch mehr als einmal gesehen, und noch bei Lebzeiten und vor Augen des Erzählers dieser Geschichte wurden Muslimen, Christen und Juden zu einem frommen Gebete, das der Herr gewiß gern vernommen, hieher zusammengerufen.

Und bald nachdem der Brief des Chalifen Omar in den Nil geworfen und das Gebet der drei Glaubensgenossenschaften in der Moschee des Amr verrichtet worden war, kam eine Taube, welche das rasche Steigen des Stromes am Katarakt verkündete, nach Memphis, und nach einer Reihe von bangen und doch hoffnungsvollen Tagen schwoll der Nil hoch und immer höher an, trat über sein Bett hinaus und gab dem Landmann das Recht, einer schönen Ernte entgegen zu sehen, und nachdem ein Gewitterregen den erstickenden Staub gelöscht hatte, verschwand auch die Seuche.

Zugleich mit dem ersten wahrnehmbaren Steigen des Flusses kehrte Amr, der Feldherr, heim, und in seinem Gefolge befanden sich die kleine Maria und Rustem sowie der Arzt Philipp und der Kaufherr Haschim, die sich dem Reisezuge des Statthalters von Dschidda aus angeschlossen.

Schon unterwegs hatten sie erfahren, was sich zu Memphis zugetragen, und als die Wanderer mit den Pyramiden vor Augen sich ihrem letzten Nachtquartier näherten, rief der Feldherr der kleinen Maria zu:

»Was meinst Du, Liebling? Eine große Vermählungsfeier sind wir den Memphiten nun doch wohl schuldig geworden!«

»Nein, Herr, ihrer zwei,« entgegnete das Kind.

»Wie das?« lachte Amr. »Da Du noch zu jung bist und also fürs erste nicht mitzählst, kenn' ich kein Mädchen in Memphis, dem ich die Hochzeit ausrichten möchte.«

»Aber einen Mann, dem Du alles Gute gönnst und der so einsam lebt wie ein Klausner,« entgegnete Maria, »den möcht' ich vermählen, und zwar zugleich mit Orion und Paula: ich meine unsern guten Philipp da hinten.«

»Den Arzt? Und der wäre noch einsam?« fragte der Feldherr erstaunt; denn kein Muslim im Alter und in der Stellung des Heilkünstlers konnte ein lediges Leben führen, ohne sich der Verachtung seiner Glaubensgenossen auszusetzen. »O, er ist Witwer!«

»Nein,« versetzte Maria. »Er hat nur noch kein Weib gefunden, das für ihn paßt; doch ich kenn' eins, das Gott selbst für ihn geschaffen.«

»Kleine Chatbe!« rief der Feldherr. »Mach Deine Sache gut, und an mir soll's nicht liegen, wenn die zweite Hochzeit nicht glänzend ausfällt.«

»Und noch eine dritte wollen wir feiern!« fiel ihm das Kind lachend ins Wort und schlug dabei in die Hände. »Mein braver Beschützer Rustem . . .«

»Der Riese! Dir, Kleine, ist nichts unmöglich; auch für ihn hast Du also die Braut gefunden?«

»Nein, der ist ohne meine Hilfe zu seiner Mandane gekommen.«

»Gleichviel,« rief der Feldherr heiter, »ich statte sie aus! Doch nun laß es genug sein, sonst drängen all die neuen, nicht muslimischen Geschlechter, die wir da gründen, uns Araber noch aus dem Lande.«

So verkehrte der große Mann mit dem Kinde, seitdem es zu Berenike in sein Zelt getreten war und dort der geliebten Menschen Sache, für die es Gefahr und Beschwerden auf sich genommen, so beredt, so klar und mit so innig empfundenen Worten geführt hatte, daß Amr sogleich entschlossen gewesen war, ihm alles zu gewähren, was in seiner Macht stand.

Dazu hatte Maria mit der Botschaft, welche sie brachte, auch ihm einen Dienst geleistet; denn sie ermöglichte ihm, Dinge zu verhüten, welche der Sache des Halbmondes zum Schaden gereicht hätten, und die Kinder zweier Väter, die er verehrte, den Sohn des Mukaukas Georg und die Tochter des Thomas, aus großer Gefahr zu erretten.

Bei seiner Heimkehr fand er, daß das, was der Wekil verbrochen, seine schlimmsten Befürchtungen weit übertraf. Die Achtung vor dem arabischen Wesen und der Gerechtigkeit der Muslimen, die er mit allem Eifer befestigt, hatte der Schwarze zu untergraben begonnen, und wie durch ein Wunder war Orion seinen Nachstellungen entgangen; denn dreimal hatte er Mörder in den Kerker entsandt, und nur der Wachsamkeit des Gatten der hübschen Emau war es zu danken gewesen, daß er sich aus dem Brande des Gefängnisses zu retten vermocht. Es war Obada alles daran gelegen gewesen, den verhaßten Jüngling, dessen Aussagen und Anklagen ihm verderblich werden konnten, aus dem Wege zu räumen. Der Verruchte hatte einen glimpflicheren Tod gefunden, als seine Richter ihm zuerkannt haben würden. Die Reichtümer, die man bei ihm aufgehäuft fand, wurden nach Medina gesandt, aber auch Orion mußte es sich gefallen lassen, daß die großen Kapitalien, welche der Schwarze aus seinem Schatze dorthin geschickt, den Arabern verblieben. Diese Strafe glaubte der Feldherr ihm für seine Teilnahme an der verhängnisvollen Rettung der Nonnen auferlegen zu müssen, und der Jüngling unterwarf sich gern dieser Buße, welche ihm und der Geliebten die Freiheit zurückgab und es dem Feldherrn ermöglichte, einen größeren Teil der Einkünfte seiner Heimat zu ihrem Wohl zu verwenden.

Doch der Chalif Omar nahm diese Summen, welche weit mehr als die Hälfte der Reichtümer des Mukaukas Georg umfaßten, nicht mehr in Empfang. Meuchelmörder hatten den treusten Freund des Propheten, den weisen und kräftigen Herrscher umgebracht, und nun erfuhr die Welt, daß der Wekil einer der Urheber der Verschwörung gewesen war und, von der Zuversicht auf ihr Gelingen ermutigt, das Unerhörte gewagt hatte.

Wie ein Vater begrüßte Amr den Sohn des Mukaukas, und nachdem er dessen Arbeit geprüft, fand er, daß sie die ähnlichen Vorschläge, welche er hatte ausarbeiten lassen, weit übertraf, und so betraute er denn Orion mit der Durchführung der neuen, bis ins einzelne von ihm festgestellten Landeseinteilung.

»Erfülle Deine Pflicht und setze auch in Zukunft Deine volle Kraft ein, wie Du begonnen!« rief Amr dem Jünglinge zu, und dieser erwiderte:

»Ich habe in dieser schweren und doch schönen Zeit über mancherlei Klarheit gewonnen.«

»Und darf man wissen, worüber?« fragte der Feldherr. »Ich höre Dich gern.«

»Ich habe erkannt, Herr,« versetzte Orion, »daß es kein Glück oder Unglück gibt im Sinne der Menge. Nur wie wir uns dazu stellen, so erscheint uns das Leben. Harte Schicksale, die uns von außen her ins Dasein greifen, sind oft nichts wie die kurze Nacht, aus der ein hellerer Tag erwächst, oder wie die Schnitte des Chirurgen, die uns gesunder machen als je. Was man gemeinhin Unglück nennt, ist unzähligemale eine Brücke zu höherem Wohlsein; das gemeine Glück der Menge leitet wie ein schnell rinnender Fluß fort von dieser schönen Wohlseinsempfindung. Wie ein Schiff, das sein Steuer verloren, im Unwetter eher glücklich davonkommt auf hoher See als in der Nähe der rettenden Küste, so findet der Mensch, der sich selbst verloren, sich und sein wahres Heil leicht im wildesten Wogengebrause des Lebens wieder, schwer und selten, wenn das Dasein ihm ruhig dahinrinnt. Alle anderen Güter verlieren an Wert, wenn uns das Bewußtsein nicht hebt, dem Amte des Lebens treu und ernst vorzustehen und die Aufgaben, die es uns stellt, freudig zu lösen. Der Verlorene war gerettet, sobald er mit seinem Gott vor Augen und im Herzen sein gesamtes Thun und Denken in den Dienst höherer Pflichten stellte. Das Rechte unermüdlich suchen und das eigene Wohl im Wohlsein anderer finden, das haben mich die eigenen Erfahrungen und die Freunde meiner Paula gelehrt. Hart ist das Gefühl der verlorenen Freiheit, doch laß mir die Liebe und gewähre mir Gelegenheit und Spielraum, die beste Kraft im Dienste des Ganzen frisch zu bewähren, und ich will mich auch im Kerker zwar nicht vollkommen wohl; denn ohne Freiheit kein Wohlsein, doch immerhin glückseliger fühlen, denn als der müßige, unnütze Verschwender von Zeit und Kraft, der ich früher war unter den bunten Vergnügungen der Hauptstadt.«

»So genieße das Wohlgefühl treu erfüllter Pflicht samt der Liebe und Freiheit,« versetzte der Feldherr, »und Dein Vater im Paradiese, glaub es mir, Freund, er wird Dir alles Schönste und Beste so freudig gönnen wie ich. Du stehst auf dem Wege, der jeden Fluch in Segen verwandelt.«

Die drei Hochzeiten, welche der Feldherr Maria auszurichten versprochen, wurden mit allem Glanze gefeiert.

Orions und Paulas Vermählung gestaltete sich für die memphitischen Festfreunde zu einem unvergeßlichen Tage. Der Bischof Johannes segnete das Paar ein, und es bezog zunächst des jungen Gatten Besitz, das schöne Haus der kleinen Katharina, der rechten Nilbraut, und wäre es ihr vergönnt gewesen, in Paulas und Orions Herzen zu lesen und zu vernehmen, wie sie ihrer gedachten, sie hätte gefunden, daß sie für sie nicht mehr das kindische Bachstelzchen war und daß sie ihr das Opfer ihres jungen Lebens zu danken wußten.

Der erste teure Gast, welcher das neue Heim mit ihnen bezog, war die kleine Maria, welche ihr liebster Hausgenosse blieb bis zu ihrer glücklichen Vermählung. Die Erzieherin Eudoxia, die Orion mit bei sich aufgenommen, folgte ihr in ihr eigenes, schönes Heim, und Maria schloß dort der Griechin, die sich bei der Erziehung ihrer Kinder nicht wie ein Mietling, sondern wie eine rechte Mutter erwiesen, die Augen.

Auch der Patriarch Benjamin, den manche Erwägung und nicht zuletzt das Testament Katharinas bestimmte, mit dem Sohne des Mukaukas in gutem Einvernehmen zu bleiben, erschien als Gast des jungen Paares. Weder er noch die Kirche hatten seinen Friedensschluß mit Orion zu bereuen, und als Paula dem geliebten Gatten einen Knaben schenkte, bot sich der Kirchenfürst selbst an, Patenstelle bei ihm zu vertreten, und nannte ihn nach seinem Großvater: Georg.

Die Würde des Mukaukas ererbte Orions Sohn, nachdem er zum Manne herangewachsen, von seinem Vater, auf den sie bald nach seiner Vermählung unter einem neuen arabischen Titel übertragen worden war.

Als höchster christlicher Beamter in seinem Vaterlande mußte Orion bald den Wohnsitz wechseln und aus dem dem Untergang erlesenen Memphis nach Alexandria übersiedeln. Von dort aus erstreckte sich seine Thätigkeit über das ganze Nilthal, und er widmete sich ihr mit solchem Eifer, solcher Treue, Gerechtigkeit und Klugheit, daß noch von späten Geschlechtern seines Namens mit Verehrung und Liebe gedacht ward.

Paula war das Glück und der Stolz seines Daseins und blieb mit ihm bis in ein spätes Alter innig verbunden.

Zu den Amtspflichten seines Lebens zählte er auch die Sorge, dem Weibe, das ihn aus einem Verlorenen und Verfluchten zu dem gemacht hatte, was er nun war, das Dasein Tag für Tag glückselig zu gestalten. – Aus dem neu aufgebauten Palast seiner Väter in der Hafenstadt setzte er die Inschrift, welche den Ring des edlen Thomas schmückte: »Vor die Tugend hat Gott den Schweiß gesetzt.«

Auch der Arzt und seine Pulcheria fanden in Alexandria eine neue Heimat. Philippus hatte nicht lange um sie geworben; denn wie dem Heimgekehrten sein liebes Mädchen, dessen er auf der langen Reise fortwährend gedacht, im Hause ihrer Mutter zum erstenmale wieder begegnete und ihm beide Hände vertrauensvoll und herzlich entgegenstreckte, zog er es an sich und ließ seine Pul nicht aus den Armen, bis Frau Johanna ihm und ihr den mütterlichen Segen erteilte. Die Witwe wohnte im Hause des Arztes bei Kindern und Enkeln und besuchte oft das Grab ihres Gatten. Endlich ward sie neben ihm und seiner mitleidigen Mutter auf dem Friedhof der Hafenstadt bestattet.

Rustem, den Orion zum wohlhabenden Manne machte, wurde ein großer Roß- und Kamelzüchter in seiner Heimat, und Mandane schaltete sanft und doch umsichtig auf seinen Gütern, die er, obgleich er bis an sein Ende ein Masdakit blieb, mit niemand teilte.

Das erste Mädchen, das sein Weib ihm schenkte, hieß Maria, der erste Bube wurde Haschim genannt; auf Rustems Vorschlag, den zweiten Orion zu nennen, ging sie nicht ein; sie rief ihn lieber Rufinus und seine Nachfolger Rustem und Philippus.

Das Senatorenpaar aus Konstantinopel verließ Aegypten zufriedenen Herzens.

Frau Martina hatte doch noch die Genugtuung gehabt, die Hochzeit ihrer lieben Heliodora am Nil feiern zu helfen, wenn auch der Bräutigam nicht ihr »großer Sesostris«, sondern ihr Neffe Narses gewesen war, der unter der jungen Frau hingebender Pflege zwar nicht die volle Gesundheit, aber doch ein erträgliches Befinden zurück erlangt hatte.

Als Paulas Hochzeitsgeschenk erhielt die junge Gattin den verhängnisvollen großen Smaragd, der unterdessen nach Memphis zurückgekommen war. – Das Senatorenpaar und der Mukaukas Orion mit seiner Gemahlin blieben bis ans Ende in inniger Freundschaft verbunden; der Rentmeister Nilus verwaltete noch lange sein Amt mit Fleiß und Umsicht, und so oft der Kaufherr Haschim nach Alexandria kam, gab es einen Streit zwischen den Freunden Orion und Philipp; denn keiner wollte ihn dem andern lassen. Der Arzt gönnte jetzt dem früheren Mitbewerber seine stolze Gattin. Er hörte zwar nicht auf, sie zu bewundern, doch er dachte dabei: »Meine behagliche Pul hat nicht ihresgleichen; für Paula wären unsere Räume zu klein, aber mein Goldhaar macht sich gerade in ihnen am besten.«

Bis ans Ende blieb er seinem Beruf opferfreudig ergeben, und wenn er Orion in strenger Pflichterfüllung sich abmühen sah, sagte er häufig: »Er weiß jetzt, was das Leben fordert, und handelt darnach, und darum altert er nicht, und sein Lachen klingt noch immer so herzgewinnend fröhlich. Wer sich wie die Nilbraut aus dem sicheren Tode und wie der junge Mukaukas aus dem schwersten aller Flüche herausgerettet, deren Freund sich nennen zu dürfen, das ist eine Ehre.«

Die Nilbraut ward bis auf den heutigen Tag nicht vergessen; denn bevor der Strom in der Nacht des Tropfens steigt, stellen die Bewohner der Stadt, die auf der andern Seite des Stromes im Anschluß an das von Amr gegründete Fostat an die Stelle des alten Memphis getreten, stellen die Kairener am Ufer des Stromes eine Figur von Thon auf, welche einem weiblichen Wesen gleichsieht, und sie nennen sie »Aruse«, das ist »die Braut«.

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