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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Neunundvierzigstes Kapitel.

Der Bischof kam zu spät. Er fand nur noch die Leiche der Witwe Susanna, und am Hauptende des Sterbebettes die kleine Katharina totenbleich, stumm, thränenlos, wie vernichtet.

Freundlich versuchte er sie aufzurichten und ihr tröstlich zuzusprechen, sie aber stieß ihn zurück, riß sich von ihm los und eilte, bevor er es verhindern konnte, aus dem Zimmer.

Armes Kind!

Er hatte vor manchem Sterbebette zärtliche Töchter die Mutter beklagen sehen, aber solcher Trauer war er noch nicht begegnet. Hier, dachte er, sind zwei Menschenseelen einander alles gewesen, und daher dieser vernichtende Kummer.

Katharina war auf ihr Zimmer geflohen, hatte sich dort auf den Diwan geworfen und sich so fest in sich selbst zusammengekauert, daß kein Eintretender das unkenntliche, lebende Etwas dort auf dem Polster für ein menschliches Wesen, eine erwachsene, leidenschaftlich fühlende Jungfrau gehalten haben würde.

Es war sehr heiß, und doch durchschüttelte ein kalter Schauer nach dem andern ihre zarte Gestalt.

Ob die Seuche auch sie überfiel?

Nein, es wäre zu gnädig von der Schickung gewesen, sich ihres Leides so zu erbarmen.

Die Mutter tot, von der eigenen Tochter ins Grab gezogen. An ihren Lippen war die Krankheit zum Ausbruch gekommen, und wie oft hatte der Arzt sein Erstaunen geäußert, daß die Seuche in dies gesunde, ganz verschonte Viertel und in ein so peinlich sauber gehaltenes Haus Eingang gefunden. Sie wußte, wem der Würgengel dahin gefolgt war, wer dort ein verbrecherisches Spiel mit ihm getrieben. Das Wort »Muttermörderin« kam ihr in den Sinn, und sie gedachte des Gesetzes ihrer Vorfahren, das gegen die Mörder der eigenen Eltern keine Strafe kannte, weil die Alten solche Unthat für unmöglich hielten.

Dabei trat ein höhnisches Lächeln auf ihre Lippen.

Gesetz! Vorschrift! Gab es denn eine, die sie nicht übertreten? Sie hatte ihren Gott mißachtet, Zauberei getrieben, falsches Zeugnis geredet, getötet, und das einzige Gebot, welches eine Verheißung hat, und das, wenn der Arzt Philippus gut unterrichtet war, ganz, ganz ebenso wie auf den Tafeln des Moses in den Satzungen ihrer Ahnen verzeichnet stand, wie hatte sie es gehalten? Die eigene Mutter war durch sie zu Grunde gegangen!

Bei dieser schrecklichen Selbstschau hörte das Frösteln nicht auf, und wie es ihr unerträglich zu werden begann, wandelte sie auf und nieder und suchte nach Entschuldigungen für ihr verbrecherisches Treiben.

Nicht der Mutter, sondern Heliodora hatte sie den Tod zu bringen gewünscht – warum war das tückische Schicksal . . .

Da ward sie unterbrochen; denn die junge Frau, zu der die Trauerkunde gedrungen, suchte sie auf, um sie zu trösten und ihr ihre Hilfe zu Gebot zu stellen.

Liebreich sprach sie dem Mädchen zu, doch ihre sanfte, wohlklingende Stimme erinnerte Katharina an die Stunde nach dem Tode des Bischofs, und wie Heliodora den Arm ausstreckte, um sie an sich zu ziehen, wich sie zurück und bat sie mit trockener, rauher Stimme, sie nicht zu berühren; denn an ihren Kleidern hafte die Seuche. Sie brauche keinen Trost; sie begehre nur allein zu sein, ganz allein und nichts weiter.

Die letzten Worte hatten hart und unfreundlich geklungen, und als sich die Thür hinter der jungen Frau schloß, blickte Katharina ihr feindselig nach.

Warum war das Verhängnis an dieser vorbeigegangen und hatte diejenige zum Opfer gefordert, deren Verlust sie nie verschmerzen konnte?

Dabei mußte sie lebhaft der Mutter gedenken, und nun eilte sie wieder an das Sterbelager und warf sich davor nieder; aber auch dort ertrug sie es nicht lange, und nun ging sie in den Garten und suchte jedes Plätzchen auf, wo sie mit der Mutter gewesen. Aber es knackte dort so seltsam in den Büschen, und die Bäume und Sträucher warfen so wunderliche Schatten, daß sie das Morgenlicht wie eine Erlösung begrüßte.

Als sie in das Haus zurück wollte, kam ihr ihr Milchbruder Anubis entgegengehinkt.

Armer Schelm!

Auch ihn hatte sie zum Krüppel gemacht, auch seine Mutter war durch sie der Seuche erlegen!

Der Knabe redete sie an und gab ihr seine Teilnahme zu erkennen, und sie ließ es sich gefallen, doch sie sagte so sonderbare Dinge und erteilte ihm so verkehrte Antworten, daß er fürchtete, der Schmerz habe ihr den Geist zerrüttet. Ganz unvermittelt fragte sie ihn auch, wie viel sie nun wohl besitze, und da er es aus dem Rentamt ungefähr wußte und es ihr mitteilen konnte, schlug sie die Hände zusammen; denn wie konnten einem einzelnen Menschen, der kein König war, so große Reichtümer gehören? Endlich erkundigte sie sich, ob er wisse, wie man ein Testament aufsetze, und auch das durfte er bejahen.

Da ließ sie sich's von ihm beschreiben, und er fügte hinzu, daß die Unterschrift durch Zeugen giltig gemacht werden müsse; aber sie sei doch noch zu jung, um an die Aufstellung eines letzten Willens zu denken.

»Warum?« fragte sie. »Ist Paula etwa viel älter als ich?«

»Und übermorgen,« fügte der Knabe hinzu, »stürzt man sie doch in den Nil. Die Leute nennen sie alle ›die Nilbraut‹.«

Da flog wiederum das häßliche, schadenfrohe Lächeln um ihren Mund, doch sie unterdrückte es schnell und schritt geradenwegs auf das Haus zu.

Vor der Eingangsthür fragte er sie schüchtern, ob er die Herrin noch einmal sehen dürfe, sie aber mußte es ihm wegen der Ansteckung verbieten, doch er entgegnete stolz: »Was Du nicht fürchtest, fürchte ich auch nicht,« und folgte ihr an das Sterbebett, wo die Leiche nun gebadet und schön ausstaffirt dalag, und als er Katharina der Verstorbenen die Hand küssen sah, drückte er, sobald sie fortschaute, seine Lippen auf die gleiche Stelle, welche die ihren berührt hatten. Dann setzte er sich neben dem Lager nieder und blieb dort, bis sie ihn fortschickte.

Vor Mittag erschien der Bischof wieder und segnete die Entschlafene ein. Er fand sie rings von herrlichen Blumen umgeben. Katharina war wieder im Garten gewesen, hatte die schönsten und seltensten geschnitten und dabei dem Gärtner zwar gestattet, sie ihr in einem Korbe nachzutragen, doch ihm untersagt, ihr beim Pflücken zu helfen.

Das Gefühl, wenigstens etwas für die Mutter zu thun, war ihr tröstlich gewesen, doch bei Tage kam ihr ihre Umgebung noch unerträglicher vor als bei Nacht. Alles erschien ihr so groß, so roh, so aufdringlich, so bedrohlich und erinnerte sie an ein Unrecht oder eine That, deren sie sich schämte. Jeder volle Blick, meinte sie, müsse sie durchschauen, und bisweilen war es ihr, als wankten die Säulen des großen Festsaals, in dem die Leiche jetzt stand, und als schicke die Decke sich an, zusammenzubrechen und auf sie einzustürzen.

Wie abwesend, oft völlig verkehrt beantwortete sie die Fragen des Bischofs, und dieser meinte, sie stehe ganz im Bann ihres großen Schmerzes, und um ihren Gedanken eine neue Richtung zu geben, erzählte er ihr von Paula, und weil er glaubte, daß Katharina sie liebe, vertraute er ihr an, daß er sie gestern mit Orion zusammengeführt und ihre Verlobung mit ihm eingesegnet habe.

Da verzerrten sich ihre Züge in einer Weise, die den Bischof erschreckte, und während des grausamen Kampfes, der in ihrer Seele tobte, hob und senkte sich ihr Busen schnell und krampfhaft, konnte sie nichts hervorbringen als die Frage: »Aber man opfert sie dennoch?«

Da meinte der Bischof, sie zu begreifen.

Gewiß stand sie unter dem Eindruck des Entsetzens über das jähe, grausame Ende, welches diesem jungen Brautstande drohte, und so versetzte er klagend: »Ich werde die Ruchlosen nicht zurückhalten können, und doch soll auch das letzte Mittel nicht unversucht bleiben. Das Schreiben des Bischofs, welches diese wahnsinnige Schandthat mißbilligt, wird heute verteilt, und auf der Kurie will ich es selbst vorlesen, deuten, es auszunützen und ihm einen schärferen Klang zu geben versuchen. Wünschest Du es zu lesen?«

Da sie dies lebhaft bejahte, winkte der Prälat dem Akoluthen, der ihm mit dem heiligen Gerät gefolgt war, und dieser zog aus einem Päckchen ein Blatt, das er ihr reichte.

Sobald sie allein war, überlas sie den Brief des Patriarchen erst flüchtig, ohne seinen Inhalt aufzufassen, dann mit größerer Sammlung und endlich aufmerksam, mit wachsender Teilnahme, aufgeregt zu eigenen Gedanken und zuletzt mit blitzenden Augen, fliegendem Atem und als habe diese Schrift Bezug auf sie selbst und entscheide das Geschick ihres Lebens.

Als die Leichenträger erschienen, saß sie noch da und schaute wie gebannt auf den Papyrus, nun aber sprang sie auf, schüttelte sich und nahm Abschied von der starren, kühlen Hülle der Mutter, an deren warmem Herzen sie so oft geruht und der sie das Liebste im Leben gewesen, doch auch dabei blieb ihr die Wohlthat der Thränen versagt.

Von den tiefen Gewissensbissen, die sie gepeinigt, empfand sie jetzt nichts mehr; denn es war ihr, als sei der Verkehr zwischen ihr und der Verstorbenen mit dem Tode nicht zum Abschluß gelangt, als stehe ihr nach kurzer Trennung ein Wiedersehen bevor, vielleicht bald, vielleicht schon morgen, und mit ihm eine Aussprache, eine Herzenserschließung, eine Darlegung alles Geschehenen, so offen, so rückhaltlos, wie es nimmer möglich war zwischen sterblichen Menschen, selbst nicht zwischen Tochter und Mutter; und wenn die taube, blinde, gefühllose Entschlafene mit helleren als menschlichen Augen und Ohren und Fühlfäden des Geistes dort oben noch einmal alles und jedes sah, hörte, prüfte, erwog, was ihr begegnet und angethan worden, was sie gefühlt und außer sich gebracht hatte, dann, sagte sie sich, dann werde sie sie vielleicht härter tadeln und strafen als jemals auf Erden, sie aber auch kräftiger ans Herz ziehen und inniger zu trösten suchen.

Wie einer Lebenden raunte sie ihr leise ins Ohr: »Warte nur, warte; ich komme bald und sage Dir alles!«

Dann küßte sie sie so unbesorgt und herzlich, daß die Nonnen sie entsetzt von der Leiche zurückrissen und den Totenbestattern befahlen, den Sarg zu schließen.

Diese gehorchten, und wie der hölzerne Deckel sich über die Entschlafene breitete, sich klappend in den Kasten unter ihm einfalzte und Katharina den Anblick der Entschlafenen entzog, da brach der Damm, der bis dahin ihre Thränen zurückgehalten, und sie begann bitterlich zu weinen, und nun erst bemächtigte sich ihrer voll und ganz die Empfindung, daß sie die Mutter verloren, daß sie eine verlassene Waise sei und allein dastehe, ganz allein in der weiten Welt.

Sie sah und hörte nicht, was weiter mit dem geliebten Leichnam geschah; denn wie sie die Hände wieder von dem in Thränen schwimmenden Antlitz entfernte, barg das Haus der reichen Witwe Susanna seine Gebieterin nicht mehr, hatte man ihre Hülle in das nächste Pesthaus getragen. – Das Gesetz verbot, die Leiche länger im Hause zu behalten, und ordnete an, sie erst bei Nacht zu bestatten. Das eigene Kind durfte der Mutter nicht auf den Friedhof folgen.

Gesenkten Hauptes begab sich Katharina auf ihr Zimmer zurück und schaute von dort in den Garten. Das alles gehörte ihr nun, darüber und über wie viel anderes hatte sie zu schalten und zu walten, frei und ungehemmt wie bisher über ihren Vogel, ihr Hündchen und den Schmuck dort auf dem Putztisch. Hunderte konnte sie beglücken mit einem Worte, einer Bewegung der Hand, nur sich selbst nicht. So voll erwachsen, so selbständig, so frauenhaft, ja so mächtig und doch zugleich so namenlos elend und ohnmächtig wie in dieser Stunde hatte sie sich noch nie gefühlt.

Was sollte ihr all der Tand?

Er reichte nicht aus, auch nur einen Seufzer der Sehnsucht zu stillen.

Mit einem Versprechen hatte sie Abschied von der Mutter genommen, das heiße Verlangen, das ihre Seele erfüllte, hörte nicht auf, sich zu regen, und nun war ihr durch den Brief des Patriarchen ein Wink zugekommen, wie sie dahin gelangen könne, jenes zu halten und dies zu stillen.

Ungesäumt nahm sie das Schreiben wieder zur Hand und las es noch einmal.

Es hob damit an, das Vorhaben der irregeleiteten Memphiten streng zu verdammen. Dann legte es dar, daß der blutige, welterlösende Tod Jesu Christi, daß sein göttliches Blut dem Himmel das Verlangen nach menschlichen Opfern abgekauft habe. Auf dem weiten Gebiete, welches das Kreuz segnend beschatte, gelte darum das Menschenopfer für ein unnützes, fluchwürdiges Gräuel. Darauf legte es dar, wie die Heiden ihre Götter nach dem Vorbild schwacher, sündiger Sinnenmenschen gebildet und dem gemäß die Opfer für sie gestaltet. »Doch unser Gott,« fuhr es fort, »über dem Menschlichen steht er so hoch erhaben, wie der Geist über dem Fleische, und was er an Opfern verlangt, begehrt er nicht vom Fleische, sondern vom Geiste. Muß er sich nicht trauernd und zornig abwenden von den verblendeten Christen in Memphis, die in allen Stücken empfinden und zu handeln gedenken wie thörichte, grausame Heiden? Nur eine Andersgläubige, eine Fremde wollen sie opfern, und wähnen, dies mildere das Gräuel vor den Augen des Herrn; aber es gereicht ihm dennoch zum Abscheu; denn kein Menschenblut darf die geweihten, reinen Altäre unseres milden Glaubens besudeln, der Leben bringen will, nicht den Tod.

»Sollte – so frage Deine verblendeten, irregeleiteten Schafe, mein Bruder – sollte der Vater der Liebe Freude empfinden über den Anblick eines Kindes, wenn auch eines verirrten, das man zu seiner, des Höchsten Ehre, während es sich sträubt und seinen Bewältigern flucht, in den Wogen erstickt?

»Ja, fände sich eine reine, von dem beseligenden Rausch der Gottesliebe ergriffene Jungfrau, die freiwillig, nach dem Vorbilde dessen, der durch seinen Tod die Menschheit erlöste, sich in die Wogen stürzte und begeistert mit brechender Stimme gen Himmel riefe: ›Nimm mich und meine Unschuld als Opfer an, Herr, und erlöse mein Volk aus seiner Not!‹, ja, das wäre ein Opfer, und vielleicht sagte der Herr: ›Ich nehme es an; doch schon der Wille genügt mir. Keins meiner Kinder werfe das Leben von sich, das ich ihm als heiligste und theuerste Gabe verliehen.‹«

Fromme Ermahnungen an die Gemeinde bildeten den Schluß dieses Schreibens.

Eine Jungfrau, welche sich den Wogen freiwillig preisgibt, um ihr Volk aus der Not zu erretten, die, sagte der Mann Gottes, aus dessen Munde der Höchste selbst sprach, die sei ein Opfer, das dem Himmel gefalle.

Und dieser Ausspruch, dieser Wink war wie ein Rocken, von dem aus Katharina im Geist den Gedankenfaden länger und länger zog, um ihn auf den Webestuhl zu spannen und einen verwendbaren Stoff daraus zu gestalten.

Sie wollte die Jungfrau sein, auf die der Patriarch hingewiesen, die rechte, wahre Nilbraut, die das junge Leben begeistert hinwarf, um ihr Volk von der Not zu erretten.

Darin lag eine Sühne, die der Himmel annehmen konnte, das befreite sie von der Last des Daseins, die sie bedrückte, das führte sie zur Mutter zurück, damit zeigte sie dem Geliebten, dem Bischof, der Welt die ganze Größe ihres Opfermutes, der in nichts zurückstand hinter dem »der Andern«, der hochgepriesenen Tochter des Thomas. Vor ihren Augen, im Angesicht allen Volkes wollte sie die große That vollbringen. Doch Orion mußte erfahren, mit welchem Bilde im Herzen und wem zu liebe sie den Sprung aus dem blühenden Dasein in das feuchte Wogengrab that.

O, wie wundervoll, wie herrlich! Legte sie ihm dadurch nicht die unabweisbare Nötigung auf, sich ihrer zu erinnern, so oft er auch immer an Paula dachte? Ja, so zwang sie ihn, ihr eigenes Bild unzertrennlich von dem »der Andern« in seiner Seele wohnen zu lassen, und mußte durch ihre That ohnegleichen ihre Gestalt nicht so hoch aufwachsen, daß sie in der Vorstellung aller Menschen und auch in der seinen der der Damascenerin an Größe gleichkam?

Von nun an sehnte sie die große Stunde herbei. Ihr eitles Herzchen lachte im Vorgenusse der Freude, von jedermann gesehen, gepriesen, bewundert zu werden. Morgen sollte sie, die Kleine, alle Welt überragen, und je empfindlicher die Glut dieses brennenden Tages sie drückte, desto wohliger wollte es ihr, der das Baden eine Lust war, erscheinen, in dem kühlen Elemente Ruhe vor der Marter des Lebens zu finden.

Diese That ins Werk zu setzen, erschien ihr nicht schwer; sie war jetzt die Herrin, und Sklaven und Beamte mußten ausführen, was sie befahl.

Bei alledem dachte sie auch daran, ihren großen Besitz vor dem Heimfall an Verwandte, denen sie wenig hold war, zu schützen, und so setzte sie mit sicherer Hand ein Testament auf, worin sie ihrem Oheim Chrysippus einen Teil ihres Vermögens zusprach, einen kleineren ihrem Milchbruder Anubis und der Witwe des Rufinus, an der sie ein schweres Unrecht gut zu machen habe. – Die größere Hälfte des auf viele Millionen geschätzten Besitzes vermachte sie ihrem geliebten Freunde Orion, dem sie alles vergebe und dem sie gezeigt zu haben hoffe, daß in dem kleinen »Bachstelzchen« doch Raum gewesen sei für etwas Großes. Auch ihr Haus bat sie ihn anzunehmen, weil ihm nicht ohne ihre Schuld das seiner Väter verloren gegangen.

Die Bedingung, welche sie an diese Hinterlassenschaft knüpfte, bewies, mit wie regem, wachem Geist sie durchs Leben gegangen.

Sie wußte, daß der Groll des Patriarchen dem jungen Manne verhängnisvoll werden konnte, und um hier zu vermitteln und sich zu gleicher Zeit die Fürsprache der Kirche zu sichern, nach der sie verlangte, schrieb sie Orion vor, den größten Teil des von ihr Ererbten dem Patriarchen für die Kirche und wohlthätige Zwecke zu überweisen; doch nicht auf einmal, sondern in zehn Jahren, und in Raten, deren Höhe Orion nach freiem Ermessen festzusetzen habe. Falls auch der Sohn des Mukaukas in den nächsten drei Jahren dem Tode verfiele, sollten seine Rechte als Erbe auf ihren Oheim Chrysippus übergehen. An die Kirche, der ihr ganzes Herz gehöre, richte sie die Bitte, alljährlich in allen Gotteshäusern des Landes für sie und die Mutter an ihren Namenstagen beten zu lassen. Wenn der Patriarch sie würdig befand solcher Ehre, sollte die Andachtsstätte, welche sie bei dem Schauplatz ihres Hinganges zu errichten vorschrieb, die Susannen- und Katharinenkapelle genannt werden.

Sämtliche Sklaven gab sie frei, die Beamten des Hauses bedachte sie reichlich.

Während sie diesen letzten Willen unter ernstem, stundenlangem Nachdenken aufstellte, lächelte sie oft zufrieden vor sich hin. Dann schrieb sie ihn selbst sorgfältig ins Reine und ließ endlich den Arzt und alle freien Beamten des Hauses ihre Unterschrift als Zeugen beglaubigen.

Wenn man auch dem Bachstelzchen solche Vorsicht nicht zugetraut hätte, wunderte sich doch niemand, die junge, in dem verpesteten Hause eingeschlossene Erbin über ihren Besitz verfügen zu sehen, und der Arzt führte sogar, bevor es Nacht ward, das Stadthaupt Alexander, einen alten Freund ihres Vaters, der nach dem Tode des Mukaukas ihr Vormund geworden, auf ihren Wunsch an das Gartenthor, und dieser unterredete sich durch dasselbe mit Katharina, willigte ein, ihr als Kyrios zu dienen, und bestätigte als solcher das Testament und die Unterschriften, obgleich sie ihm das Dokument zu lesen versagte.

Endlich begab sie sich selbst in das Sklavenhaus, aus dem man wieder einige Erkrankte in die Nekropole getragen, und befahl den Schiffsleuten, auf morgen früh das große Festboot in stand zu setzen, da sie vom Flusse aus dem Opfer zuzuschauen gedenke. Den Gärtnern schrieb sie vor, wie sie das Fahrzeug zu schmücken und welche Blumen sie für ihren eigenen Bedarf zu schneiden hätten.

Weit weniger erregt als gestern begab sie sich darauf zur Ruhe, und bevor sie noch das Nachtgebet beendet, übermannte die schwer Ermüdete der Schlummer.

Als sie nach Sonnenaufgang erwachte, fand sie das große, prachtvolle Fahrzeug, welches ihr Vater mit vielem Aufwand in Alexandria hatte herstellen lassen, vollständig bemannt und zum Aufbruch bereit. Ungehindert bestieg sie es mit Anubis und einigen dienenden Frauen; denn sämtliche Wächter, welche das Haus noch gestern abgesperrt hatten, waren zu dem großen Opfer- und Vermählungsfeste herangezogen worden, bei dem es leicht unruhig hergehen konnte.

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