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Die Nilbraut

Georg Ebers: Die Nilbraut - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Nilbraut Bd. I
authorGeorg Ebers
year1887
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDie Nilbraut
pagesIII-VIII
created20030108
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1887
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Viertes Kapitel.

Am folgenden Abend ritt der Kaufherr Haschim mit einem kleinen Teil seiner Karawane in die Statthalterei ein. Fremde würden sie eher für den Wohnsitz eines reichen Grundherrn als für die Residenz eines hohen Beamten gehalten haben; denn in die großen hinteren Höfe, welche von den Wirtschaftsgebäuden auf drei Seiten umschlossen wurden, trieb man jetzt nach Untergang der Sonne große Rinder- und Schafherden ein, ein halbes Hundert Rosse von edler Zucht kam zusammengekoppelt aus der Schwemme, und auf einer von Hürden umschlossenen sandigen Fläche trugen braune und schwarze Sklaven einer großen Kamelherde das Abendfutter zu.

Das Wohnhaus des Besitzers war in seiner ungewöhnlichen, palastartigen Größe und altertümlichen Pracht recht wohl geeignet, einem Statthalter des Kaisers zur Residenz zu dienen, und der Mukaukas Georg, dem dies alles gehörte, hatte in der That das genannte Amt lange bekleidet. Nach der Eroberung des Landes war es ihm auch von den Arabern gelassen worden, und gegenwärtig leitete er die Angelegenheiten seiner ägyptischen Stammesgenossen nicht mehr in der Kaiser zu Konstantinopel Namen, sondern im Auftrag des Chalifen in Medina und seines Feldherrn Amr. Die muslimischen Eroberer hatten in ihm einen gutwilligen und klugen Vermittler gefunden, und seine Glaubens- und Blutsgenossen leisteten ihm Gehorsam als dem vornehmsten und reichsten Herrn ihrer Nation, als dem Sohn eines Geschlechtes, dessen Ahnen schon unter den Pharaonen in hohem Ansehen gestanden.

Griechisch oder besser alexandrinisch war nur das Wohnhaus des Mukaukas; die Höfe und Nebenbauten, die sich daran schlossen, hatten dagegen ganz das Ansehen, als gehörten sie dem mächtigen Häuptling eines großen morgenländischen Stammes, einem Erpaha oder Gaufürsten, wie die Vorfahren des Mukaukas in heidnischer Zeit genannt und als welche sie am Hofe und unter dem Volke geehrt worden waren.

Der Fremdenführer hatte dem Kaufherrn nicht zu viel von dem Grundbesitz dieses Mannes erzählt. Im oberen und unteren Aegypten waren seine großen Ländereien gelegen und wurden von einigen tausend Sklaven und vielen Aufsehern bewirtschaftet. Hier in Memphis befand sich die Centralstätte der Verwaltung seines Privateigentums, und an sein eigenes Rentamt schlossen sich die Schreibstuben, deren er als Staatsbeamter bedurfte.

Wohl erhaltene Dämme und die breite den Hafen berührende Nilstraße trennten sein weitläufiges memphitisches Anwesen vom Flusse, und eine Gasse folgte der Mauer, welche dasselbe nach Norden hin abschloß. Dieser war das bei Tage weit geöffnete große Thor zugewandt, welches denen Einlaß gewährte, die als Diener oder in Geschäften das Grundstück des Mukaukas zu besuchen wünschten; die mit korinthischen Marmorsäulen geschmückte, jederzeit verschlossene schöne Hauptpforte an der Nilstraße, durch welche auch die Wasserfahrer gestern den Garten betreten hatten, war nur der Familie und hochgestellten Besuchern des Statthalters geöffnet. Bei dem Gesindethor in der Gasse erhob sich ein Wächterhaus, welches eine kleine Schar von ägyptischen Soldaten beherbergte, der die persönliche Sicherheit des Mukaukas anvertraut war.

Sobald sich nach der Hitze des vergangenen Tages vom Strome her ein erfrischender Hauch erhob, ward es auf dem Hofe hinter dem Seitenthore lebendig. Aus allen Pforten der Gesindewohnungen traten Männer, Frauen und Mädchen, um die frische Nachtluft zu atmen. Einzelne Dienerinnen und Sklaven schöpften Wasser aus ungeheuren Thongefässen und trugen es in hübsch geformten Krügen von dannen, während die freien Beamten des Hauses sich gruppenweise plaudernd, spielend und singend von den Mühen der Arbeitszeit erholten. Aus dem Sklavenquartier, welches einen zweiten Hof umschloß, scholl bunt durcheinander der Gesang geistlicher Lieder, der zum Tanz ladende schrille und dumpfe Klang der Doppelflöte und Handtrommel, Gezänk und Gelächter, das Kreischen eines zum Reigen gezogenen Mädchens und der Schrei eines Unfreien, den die Geißel des Vogtes getroffen.

Das Gesindethor, welches noch zu Ehren des jüngst heimgekehrten Orion mit reichen Blumen und Laubgewinden geschmückt war, stand auch jetzt weit offen, um den Rechnungsführern und Schreibern Ausgang, oder den Städtern Einlaß zu gewähren, die ihre Freunde in der Statthalterei des Abends gern besuchten; denn es fanden sich dort stets einige höher gestellte Beamte des Mukaukas beisammen, welche von den neuesten Begebenheiten in Staat und Kirche mehr wußten als andere Leute.

Unter dem hölzernen Vorbau des Oberverwalterhauses saß denn auch bald eine große Zahl von Männern beisammen, die sich mit allem Eifer dem Gespräch hingaben, das ihnen auch ohne das Bier, welches ihnen ihr Wirt immer noch auf Rechnung der Bewillkommnungsfeier des heimgekehrten Sohnes ihres Herrn anbieten ließ, genußreich erschienen wäre; denn was gab es Schöneres für den Aegypter, als Rede und Gegenrede tauschen und dabei den sonst unnahbaren Höhergestellten, den Andersgläubigen oder Landesfeinden mit Witz und Spott zu Leibe gehen.

Es mußte auch heute manches treffende Wort, mancher glückliche Scherz zu hören sein; denn helles Gelächter und laute Beifallsrufe hatten vor dem Oberverwaltershause kein Ende, und der Befehlshaber der Wache beim Gesindethor warf neidische und ungeduldige Blicke auf die heitere Gesellschaft, in der er gern mit dabei gewesen wäre, aber er durfte seinen Posten noch nicht verlassen; denn da standen die gesattelten Pferde der Boten, die auf Abfertigung warteten, da gab es Supplikanten und Händlern Einlaß oder Ausgang zu gewähren, und in der weiten Vorhalle des Statthalterpalastes waren noch viele Leute versammelt, welche mit dem Mukaukas zu reden begehrten – war es doch in ganz Memphis bekannt, daß der kranke Statthalter in den heißesten Monaten nur gegen Abend Audienzen erteilte.

Zu den arabischen Behörden fehlte es unter den Aegyptern noch an Zutrauen, und an des Mukaukas Stellvertreter gewiesen zu werden, suchte jedermann zu vermeiden; denn so klug und gerecht wie der Alte, war keiner seiner Beamten. Woher der leidende Mann Kraft und Zeit nahm, auch diesen auf die Finger zu sehen, ließ sich schwer erklären, doch es stand fest, daß jedes Urteil von ihm geprüft wurde.

Die Audienzzeit war vorüber, und die Besorgnis, welche das Ausbleiben der Ueberschwemmung und der Komet erregten, hatten die Warteräume heute mit mehr Bittstellern gefüllt als gewöhnlich. Gruppenweise waren die Vertreter der Städte und die Dorfschulzen, einzeln die Kläger in eigener Sache vorgelassen worden, und die meisten hatten sich befriedigt oder doch mit gutem Rate entfernt. Ein einziger Landmann, dessen gerechte Sache schon lange der Erledigung wartete, war zurückgeblieben und hoffte, nachdem er dem Anmelder einige Drachmen von seiner Armut geopfert, die Frucht seines geduldigen Harrens noch heute zu ernten, als ihm der Hausmeister morgen wieder zu kommen gebot und die hohen in die Gemächer des Mukaukas führenden Thüren, dank den Goldstücken, die er von seinem Vetter, dem Fremdenführer, empfangen, dem Kaufmann Haschim dienstfertig aufthat; aber der Araber hatte den Landmann bemerkt und drang darauf, ihm den Vortritt zu lassen. So geschah es denn auch, und nach wenigen Minuten kehrte der Bauer befriedigt zurück und küßte Haschim dankbar die Hand. Darauf ließ der Anmelder den alten Herrn mit seinen Leuten, welche ihm einen schweren Ballen nachgetragen hatten, in einem prächtigen Vorzimmer warten, und seine Geduld wurde schwer auf die Probe gestellt, bevor der Ruf an ihn erging, dem Statthalter seine Ware zu zeigen.

Dieser hatte, nachdem er mit einem stummen Winke eingewilligt, den gut empfohlenen Kaufmann später zu empfangen, seine Erholungszeit angetreten und zog, unbekümmert um den Wartenden, die Kegel des Brettspiels. Er lag auf einem mit dem glatten Fell einer Löwin überspannten Diwan, während seine junge Partnerin ihm auf einem niedrigen Sessel gegenüber saß. Die dem Nil zugewandten Thüren des Raumes, wo er auch die Bittsteller liegend empfangen, waren nun halb geöffnet, um der kühleren, aber immer noch lauen Abendluft Einlaß zu gewähren. Das grüne Velarium, welches am Tage die Sonnenstrahlen gehindert hatte, durch die in der Mitte offene Zimmerdecke zu dringen, war zurückgespannt, und Mond und Sterne blickten in das Gemach, welches seiner Bestimmung, an heißen Sommertagen eine erträgliche Zufluchtsstätte zu bieten, sehr wohl entsprach; denn seine Wände waren mit kühlen, bunten glasirten Kacheln bekleidet, seinen Fußboden bildete eine figurenreiche farbige Mosaik mit vergoldetem Glasgrund, und aus dem runden Mittelstück dieses kunstvollen Estrichs erhob sich der eigentliche Erfrischungsspender, eine zwei Mannslängen breite Schale von braunem, weiß gesprenkeltem Porphyr, aus der ein Springquell aufwärts strebte und seine ganze Umgebung mit zarten Wasserteilchen bestob. – Wenige Sessel, Stühle und kleine Tische, alle von kühlem Metall, bildeten die ganze übrige Ausstattung dieses hohen, durch zahlreiche Lampen hell erleuchteten Gemaches. Leiser Zugwind drang durch die offene Decke und die unverschlossenen Thüren, bewegte leicht die Flammen der Lampen und spielte mit den braunen Locken Paulas, die sich mit voller Hingabe dem Brettspiel zu widmen schien.

Orion, der hinter ihr stand, hatte sich schon mehrfach vergeblich bemüht, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; jetzt erbot er sich dienstbeflissen, ihr ein Tuch zu holen, um sie vor Erkältung zu schützen; sie aber lehnte es kurz und entschieden ab, obwohl die Luft vom Strome her feucht hereinwehte und sie den Peplos schon mehrmals fester um die Brust zusammengezogen hatte.

Der junge Mann biß bei dieser neuen Zurückweisung die Zähne zusammen. Er wußte nicht, daß die Mutter ihr mitgeteilt hatte, was er ihr gestern bewilligt, und fand keine Erklärung für Paulas verändertes Benehmen. Von früh an war sie ihm mit eisiger Kälte begegnet, hatte sie seine Fragen kaum mit einem dürftigen »Ja« oder »Nein« beantwortet, und ihm, dem verwöhnten Liebling der Frauen, ward dies Verhalten mehr und mehr unerträglich. Die Mutter beurteilte sie doch wohl richtig! Sie ließ sich in unerhörter Weise von Stimmungen beherrschen und gab jetzt auch ihm den Hochmut, von dem er bisher nichts wahrgenommen, in verletzender Weise zu fühlen. Ja dies frostige Ausweichen grenzte an Unart, und er war nicht willens, es sich lange gefallen zu lassen. Tief verdrossen folgte er jeder Bewegung ihrer Hand, jeder Neigung ihres Körpers sowie dem wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes, und je mehr er sich in die Bildung dieses stolzen Geschöpfes vertiefte, desto schöner, desto vollendeter fand er es, desto höher stieg seine Sehnsucht, sie wieder lächeln, sie wieder wie gestern weiblich liebenswürdig zu sehen. Jetzt glich sie nur einem herrlichen Marmorbilde, aber er wußte ja, daß dies auch eine Seele besaß, und welche herrliche Aufgabe, dies von thörichten Launen beherrschte Geschöpf gleichsam von sich selbst zu befreien und ihm – mußte es sein, mit Härte – zu weisen, was dem Weibe, der Jungfrau wohl steht.

Unter diesem Gemisch von Empfindungen wandte sich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr ausschließlich der Jungfrau zu, und seine Mutter, welche mit Frau Susanna in ziemlicher Entfernung von den Spielenden auf einer Ruhebank saß, bemerkte dies mit wachsendem Aerger und suchte ihn durch Fragen und kleine Aufträge von ihr abzulenken und seinem auffallenden Treiben eine andere Richtung zu geben.

Wer hätte noch gestern Morgen gedacht, daß ihr der Liebling so bald solchen Verdruß solche Sorgen bereiten werde!

Ganz so, wie der Vater und sie es gewünscht, als ein selbstbewußter, mit dem Leben der großen Welt vertrauter Mann war er heimgekehrt. Zwar hatte er in der Hauptstadt alles genossen, was einem vornehmen Jüngling genießenswert erscheint, aber darum war er doch – und das bereitete dem Vater die größte Freude – darum war er doch frisch und empfänglich auch für das Kleinste geblieben. Von der Uebersättigung und Abstumpfung der Daseinsfreude, der so viele seiner Alters- und Standesgenossen in der Residenz anheimfielen, zeigte sich an ihm keine Spur. Er konnte immer noch mit der kleinen Maria so munter spielen, sich über eine seltene Blume oder ein neues, schönes Pferd so herzlich freuen wie vor dem Aufbruch, und dabei hatte er so tiefe Einblicke in die politischen Verhältnisse der Zeit, den Zustand des Kaiserreiches und Hofes, die Staatsverwaltung und kirchlichen Neuerungen gewonnen, daß es dem Vater Genuß bereitete, ihn sprechen zu hören, und dieser seiner Gattin versichern konnte, er lerne mancherlei von dem Jungen, und Orion sei auf dem Wege, ein tüchtiger Staatsmann zu werden, der jetzt schon das Zeug besitze, ihn voll zu ersetzen.

Als die Mutter ihrem Gatten die große Summe genannt hatte, welche Orion in Konstantinopel schuldig geblieben war, griff der alte Herr mit einem gewissen Stolz in den Beutel; ja er fand es erfreulich, daß der einzige ihm verbliebene Erbe es verstehe, die großen Reichtümer, welche ihm selbst mehr zur Last als zur Freude gereichten, ebenso gut wie er selbst in seiner Jugend zu gebrauchen und sich mit einem Glanze zu umgeben, der auf ihn und seinen Namen zurückfiel. »Bei ihm weiß man,« sagte der Kranke, »wofür man sein Geld rollen läßt. Seine Rosse kosten viel, aber er versteht mit ihnen zu siegen; sein Auftreten verschlingt hübsche Summen, doch dafür verschafft es ihm Geltung, wo er sich zeigt. Da bringt er mir einen Brief des Senators Justinus, und der würdige Mann bekennt, daß er eine große Rolle unter der stolzen ›goldenen Jugend‹ der Hauptstadt gespielt hat. So etwas gibt's nicht umsonst, und ich hab' es am Ende noch billig bezahlt. Was brauchen wir nach hundert Talenten mehr oder weniger fragen, und es liegt was Großes darin, daß er den Mut gefunden, es auch nicht zu thun!«

Und der dies sprach, war kein fröhlicher Greis, sondern ein gebrochener Mann, der sich nur freute, den Sohn das Viele, was zu genießen ihm selbst längst versagt war, froh auskosten zu sehen.

Und der feurige, hochbegabte, kaum dem Knabenalter entwachsene Jüngling, den er mit einiger Besorgnis in die Kaiserstadt geschickt hatte, mußte dort in der Hauptsache ein viel gesetzteres Leben geführt haben, als es von ihm zu erwarten gewesen; dafür bürgte der rötliche Schimmer auf den leicht gebräunten Wangen, die schwellende Kraft seiner Muskeln und die Fülle seines schlichten, aber künstlich gekräuselten Haares, das ihm in kurz geschnittenen Fransen nach der Mode des Tages auf die hohe Stirn fiel, und ihm eine gewisse Aehnlichkeit mit den Bildern des Antinous, des schönsten Jünglings zur Zeit des Kaisers Hadrianus, verlieh.

Der Heimgekehrte, das fand auch die Mutter, sah wie die Gesundheit selbst aus, und kein kaiserlicher Verwandter konnte reicher, sorgfältiger und modischer gekleidet sein als ihr Liebling. Aber auch im einfachsten Rocke wär' er ein schöner, herrlicher Jüngling, der Stolz einer Mutter gewesen.

Als er die Heimat mit der Residenz vertauschte, hatte er noch etwas an sich gehabt, das nach der Provinz schmeckte, jetzt aber war jede Befangenheit von ihm gewichen, und überall, auch bei Hofe, konnte er sicher sein, unter den Ersten mit Beifall bemerkt zu werden.

Und was hatte er alles in der Hauptstadt erlebt! Ereignisse für ein Jahrhundert waren in den dreißig Monaten seines Aufenthalts reißend schnell einander gefolgt. Je höher die Erregung, desto größer das Vergnügen, hieß die Losung der Zeit, und wenn er am Bosporus auch gerast und geschwelgt hatte wie einer, so waren die Freuden des Gastmahles, der Liebe, des Wettfahrens mit eigenen, Sieg errennenden Gespannen, deren er dort reichlich genossen, doch Kinderspiel gewesen, im Vergleich zu der Nerven erschütternden Spannung, welche die furchtbaren Schreckensereignisse, in deren Mitte er als Zuschauer gestanden, in ihm entfacht hatten. Armseliges Vergnügen des Wagenrennens in Alexandria. Ob des Timon, ob des Ptolemäus oder die eigenen Rosse siegten, was kam darauf an! Auch im Zirkus zu Byzanz war es schön, den Kranz zu erbeuten, aber es gab dort andere Erschütterungen der Seele, als wie sie sich an Pferd und Wagen schlossen! Da handelte es sich um Kronen, da konnte es Blut und Leben von Tausenden gelten! – Was brachte man heim aus den Kirchen im Nilthal? Aber hatte man die Schwelle des Sophiendoms in Byzanz überschritten, dann kam man oft bis ins Mark erschüttert, kam man mit blutenden Wunden oder gar als Leiche nach Hause.

Dreimal hatte er den Thron wechseln sehen. Ein Kaiser und eine Kaiserin waren vor seinen Augen des Purpur beraubt und verstümmelt worden.

Dort, damals hatte es echte und rechte, Mark und Bein erschütternde Vergnügungen gegeben. Das andere! Ja, im Kleinen war auch das ergötzlich gewesen! Man hatte ihn nicht empfangen wie andere Aegypter: halbgebildete Philosophen, die sich Weise nannten, sich mystisch und mit schwülstiger Feierlichkeit geberdeten, Astrologen, Rhetoren, armselige, aber witzige und giftige Spötter, mit der Wissenschaft ihrer Väter prunkende Aerzte, fanatische Theologen, stets bereit, sich bei erbitterten Glaubensstreitigkeiten anderer Waffen als der Gründe und Dogmen zu bedienen, schmutzige, geistig und körperlich verwahrloste Einsiedler und Klausner, Kornhändler und Wucherer, mit denen es gefährlich war, ohne Zeugen ein Geschäft abzuschließen. Mit diesen allen hatte Orion nichts zu schaffen gehabt. Als des reichen und vornehmen Statthalters, des berühmten Mukaukas Georg schöner, lebensfroher und geistesfrischer Sohn, ja als eine Art von Gesandter war er empfangen worden, und was die goldene Jugend der Kaiserstadt sich gönnte, das vermochte auch er! Seine Börse war ebenso reich gespickt wie die ihre, seine Gesundheit und Lebenskraft zwanzigmal zäher, und dreimal hatten seine Rosse, da er sie selbst führte und nicht von bezahlten Agitatoren lenken ließ, die ihren geschlagen. Der »reiche Aegypter«, der »neue Antinous«, der »schöne Orion«, wie man ihn nannte, durfte bei keinem Feste, keinem Vergnügen fehlen. Die ersten Häuser der Stadt zählten ihn gern zu ihren Gästen, und im Palast und der Villa des Senators Justinus, eines Jugendfreundes seines Vaters, verkehrte er wie der Sohn des Hauses. Bei ihm und seiner wohlgesinnten Gattin Martina lernte er auch die schöne Heliodora, die Witwe eines Neffen des Senators, kennen, und die ganze Stadt hatte von dem zärtlichen Verhältnis gesprochen, welches Orion mit der anmutigen jungen Frau verbunden, deren strenge Tugend bisher nicht weniger bewundert worden war als ihr blondes Haar und die großen Juwelen, womit sie ihre sonst einfachen, aber kostbaren Gewänder zu schmücken liebte. Gar manche schöne Byzantinerin hatte um die Gunst des jungen Aegypters geworben, bis Heliodora sie alle aus dem Felde geschlagen. Aber es war ihr doch nicht gelungen, Orion tief und dauernd zu fesseln, und wenn er gestern Abend der Mutter versichert, daß sie sein Herz nicht besitze, so hatte er die Wahrheit gesprochen.

Gewiß war sein Wandel in der Residenz kein nachahmungswerter gewesen, aber er hatte sich doch niemals selbst verloren und die Achtung nicht nur der Zechgenossen, sondern auch der ernsten und würdigen Männer genossen, denen er im Hause des Justinus begegnet war, und die seinen Geist und seine Wißbegier rühmten. Er, der als Knabe ein fleißiger Schüler gewesen, ließ auch hier keine Gelegenheit unbenützt, um zu lernen. Nicht am wenigsten hatte er für seine musikalische Ausbildung in der Kaiserstadt Sorge getragen und dort eine seltene Meisterschaft im Gesang und Lautenspiel erworben.

Gern wäre er länger in der Hauptstadt geblieben, doch zuletzt war ihm dort der Boden heiß unter den Füßen geworden, und zwar um des eigenen Vaters willen; denn die Ueberzeugung, daß dieser viel dazu beigetragen, Aegypten von dem byzantinischen Reiche loszureißen und es der verhaßten, aber unwiderstehlichen neuen Macht der Araber in die Hand zu spielen, hatte, seitdem sich der nunmehr abgesetzte, inzwischen bereits verstorbene melchitische Patriarch von Alexandria, Cyrus, selbst nach Konstantinopel begeben, in den höchsten Kreisen Glauben gefunden. Seine Festnehmung war schon beschlossene Sache gewesen, als ihm der Senator Justinus und andere Freunde Warnungen hatten zukommen lassen, denen er rechtzeitig gefolgt war.

Wohl hatte ihn die Handlungsweise des Vaters ernstlich gefährdet, aber er grollte ihm darum nicht; denn er mußte sie tief innerlich billigen; war er doch tausendmal Zeuge der Verachtung gewesen, womit die Griechen der Aegypter, des Hasses und Abscheus, womit die Orthodoxen der monophysitischen Konfession seines Volkes gedachten.

Mit mühsam verhaltenem Ingrimm hatte er den Spott und die Schmähungen anhören müssen, womit die vornehmen Herren und Herrlein, Laien und Kleriker, sein Land und seine Stammgenossen unbedenklich auch in seiner Gegenwart begossen; hielten jene ihn doch für einen der Ihren, einen Griechen, dem alles »Barbarische« ebenso widerwärtig und verächtlich vorkommen mußte wie ihnen selbst.

Aber in den Adern des »neuen Antinous«, der griechische Lieder so schön und mit so reiner Aussprache vorzutragen wußte, floß doch das Blut seines Volkes, und jede gegen die Seinen gerichtete Schmähung prägte sich fest in sein Herz, jede Verunglimpfung seines Glaubens rief ihm den Tag ins Gedächtnis zurück, an dem die Melchiten seine beiden Brüder ermordet.

Diese Blutthaten und unzählige Vergewaltigungen, mit denen die Griechen die andersgläubigen Aegypter gereizt, beleidigt, in den Tod getrieben hatten, waren nun gerächt worden, gerächt durch seinen Vater. Das erhob ihm das Herz, das machte ihn stolz, und er gestattete dem Alten, ihm tief ins Herz zu schauen, und was dieser dort fand, beglückte und überraschte ihn zugleich; denn er hatte gefürchtet, Orion werde sich in Konstantinopel dem mächtigen Einfluß des gewinnenden griechischen Wesens nicht ganz zu entziehen vermögen, ja die Besorgnis war ihm oft nahe getreten, der eigene Sohn werde mißbilligen, daß er, wenn auch gezwungen, die ihm anvertraute Provinz den arabischen Eroberern übergeben und mit ihnen Frieden geschlossen hatte.

Jetzt fühlte der Mukaukas sich eins mit Orion und warf ihm vom Brettspiele aus bisweilen einen zärtlichen Blick zu.

Frau Neforis bemühte sich, die Mutter der künftigen Braut ihres Sohnes aufs beste zu unterhalten und von dem seltsamen Benehmen desselben abzuziehen, und dies schien ihr auch zu gelingen; denn Frau Susanna ging auf alles ein, was sie sagte, aber daß sie doch gute Umschau hielt, ging aus der plötzlichen Frage hervor: »Ob die hohe Nichte Deines Gatten uns wohl eines Wortes für wert hält?«

»O nein,« versetzte Neforis bitter. »Ich hoffe nur, daß sie bald andere Leute findet, denen sie sich lieber gnädig erweist. Verlaß Dich darauf: ich ebene ihr schon die Wege!« Dann brachte sie die Rede auf Katharina, und die Witwe erzählte, ihr Schwager Chrysippus sei mit seinen beiden Töchterchen in Memphis. Morgen wollten sie wieder abreisen, und so habe ihr Kind sich ihnen widmen müssen. »Und da sitzt nun das arme Mädchen,« klagte sie, »und muß den beiden Plappertaschen still halten, während sie sich hieher sehnt.«

Orion hatte die letzten Worte verstanden, erkundigte sich nach der Kleinen und sagte dann heiter: »Sie hat mir gestern früh ein Halsband für das weiße Konstantinopolitaner Andenken versprochen. Pfui, Maria, Du sollst das arme Tierchen nicht quälen!«

»Ja, gib den Hund frei!« fügte die Witwe hinzu, indem sie sich an die kleine Enkelin des Mukaukas wandte, die das Tierchen zwingen wollte, widerwillig ihre Puppe zu küssen. »Aber weißt Du, Orion, der kleine Kläffer ist eigentlich viel zu zierlich für einen so großen Herrn, wie Du bist! Schenk' ihn einem hübschen weiblichen Wesen, dann erfüllt er seine Bestimmung! Katharina stickt übrigens schon an dem Halsband. Ich sollt's eigentlich nicht verraten; aber es kommen goldene Sterne auf blauen Grund.«

»Weil Orion ein Stern ist,« rief die kleine Maria, »stickt sie lauter Orions.«

»Es gibt glücklicherweise nur ein Gestirn meines Namens,« bemerkte dieser. »Sage das, bitte, Deiner Tochter, Frau Susa.«

Da klatschte die Kleine in die Hände und lachte: »Er will keinen Stern neben sich haben!«

Und die Witwe fiel ihr ins Wort: »Kleiner Naseweis! Ich kenne Leute, die es nicht einmal leiden können, wenn man an ihnen eine Aehnlichkeit mit anderen wahrnimmt. Aber Du mußt Dir dies dennoch gefallen lassen, Orion! Ja, Du hattest vorhin ganz recht, Neforis: Stirn und Mund sind seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!«

Diese Bemerkung war zutreffend, und doch konnte man sich kaum verschiedenere Menschen denken als den jugendfrischen Jüngling und den schlaffen, alternden Herrn dort auf dem Diwan, den schon jede der kleinen Bewegungen, die das Spiel mit sich brachte, Anstrengung kostete. Wohl mochte der Mukaukas einmal seinem Sohne geglichen haben, aber seitdem war lange Zeit hingegangen. Spärliche ergraute Haarstreifen bedeckten jetzt nur halb den nackten Schädel, und von seinen Augen, welche vor dreißig Jahren so hell wie die des Orion geleuchtet haben mochten, war gewöhnlich gar nichts und manchmal wenig zu sehen; denn die schweren Lider fielen, als hätten sie den Halt verloren, fortwährend über sie hin und gaben dem wohlgeformten, leichenfahlen Antlitz etwas Eulenhaftes. Dennoch war es nicht grämlich, vielmehr mischten sich darin schmerzliche und freundlich wohlwollende Züge zu einem einzigen wehmütigen Ausdruck. Der Mund und die schlaff niederhängenden Wangen waren regungslos und wie erstorben. Des Kummers, der Beängstigung und der Sorge lähmende Hände schienen über sie hingefahren zu sein und ihre Spur auf ihnen zurückgelassen zu haben. Er sah aus wie ein todmüder Mann, der nur noch lebte, weil ihm das Schicksal die Gunst des Sterbens versagte. Ja, er war von den Seinen oft für eine Leiche gehalten worden, wenn er gar zu häufig in das Döschen von Blutjaspis gegriffen und die weißen Opiumkügelchen zu reichlich genossen hatte, von denen er auch während des Brettspiels in langen Zwischenräumen je eins auf die farblosen Lippen legte.

Langsam und wie ein Schläfer zog er mit halbgeschlossenen Augen Stein auf Stein, und doch vermochte sich seine Partnerin des überlegenen Gegners nicht zu erwehren und war nun schon zum drittenmal von ihm geschlagen worden, obgleich sie der Mukaukas selbst eine gute Spielerin nannte. Man sah es auch ihrer hohen, reinen Stirn und den tiefblauen, geradeaus blickenden Augen an, daß sie klar und unbeirrt zu denken und ebenso zu empfinden verstand. Aber eigenwillig und zum Widerspruch geneigt schien sie zu sein – wenigstens heute; denn wenn Orion sie auf diesen oder jenen Zug hinwies, folgte sie selten seinem Rat, sondern schob den kleinen Kegel mit fest zusammengeschlossenen Lippen nach ihrem eigenen, nur selten klügeren Ermessen. Man sah ihr an, daß es ihr widerstand, sich von diesem, gerade diesem Berater leiten zu lassen.

Alle Anwesenden mußten die abweisende Haltung des Mädchens, aber auch Orions Eifer, sie freundlicher zu stimmen, bemerken, und schon darum war Frau Neforis froh, als der Anmelder, nachdem der Mukaukas die dritte Partie gewonnen und die auf dem Brett verbliebenen Kegel mit dem Rücken der Hand durcheinanderwarf, seinen Herrn an den Araber erinnerte, der draußen mit wachsender Ungeduld harrte. Der Mukaukas winkte statt jeder Antwort, zog dann den langen Kaftan vom feinsten Wollstoff fester um den Leib und wies auf die Thüren und die Decke des Zimmers. Seine Angehörigen hatten ja längst die feuchte Nachtluft, welche das Zimmer vom Strom her rasch durchzog, übel empfunden, aber weil sie wußten, daß dem Vater nichts peinlicher war als die Hitze des Sommers, war die Zugluft von ihnen allen willig ertragen worden. – Jetzt rief Orion den Sklaven, und bevor die Fremden eintraten, waren Thüren und Deckenöffnung geschlossen.

Des Statthalters Partnerin erhob sich, der Mukaukas blieb dagegen regungslos liegen und hielt die Augen fortdauernd mit den Lidern bedeckt, aber er mußte dennoch durch eine unsichtbare Spalte wahrnehmen, was ihn umgab; denn er wandte sich erst an Paula und dann auch an die anderen Frauen und sagte: »Ist es nicht seltsam: sonst suchen Alte und Kinder die Sonne, und die einen spielen, die anderen ruhen gern in der Hitze. Aber ich . . . Es ist etwas über mich gekommen, vor Jahren – ihr wißt's ja, und dabei ist mir das Blut erstarrt. Nun will es sich nicht mehr erwärmen, und ich empfinde den Gegensatz zwischen der Kälte hier drinnen und der Hitze da draußen sehr stark, beinahe schmerzlich. Je betagter man wird, desto lieber überläßt man der Jugend, was einem sonst selber wohl gethan hat; das einzige, was wir Alten uns nicht gern nehmen lassen, ist körperliches Behagen, und Dank euch, daß ihr geduldig tragt, was euch stört, ja es mir sogar verschafft. Ein schrecklicher Sommer! Du, Paula, von eurem Libanon her weißt Du, was Eis ist. Ich wünschte mir schon manchmal ein Bett von Schnee. Eins zu werden mit der frischen Kälte, das wäre mein Höchstes. Mir thut der kühlende Hauch wohl, den ihr fürchtet. Die Jugendwärme sträubt sich gegen alles, was kühl ist.«

Dies war der erste längere Satz, den der Mukaukas seit dem Beginn des Spiels gesprochen. Orion ließ ihn achtungsvoll ausreden, dann aber versetzte er lächelnd: »Es gibt indessen auch junge Menschenkinder, die sich darin gefallen, kühl und frostig zu sein, aus welchem Grunde, Gott weiß es!«

Dabei sah er derjenigen, auf welche diese Worte gemünzt waren, voll in die Augen; sie aber wandte sich still und stolz von ihm ab, und über ihre schönen Züge flog ein unwilliger Schatten.

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